8 ÖFFENTLICHE ERINNERUNG

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Im Jahre 2000 veröffentlichte Douglas Coupland Souvenir of Canada, in dem er nach Beschreibungen für die kanadische Identität sucht. Der Autor aus Vancouver am Pazifik ist der Meinung, dass sich Kanada in zunehmendem Maß von den Vereinigten Staaten unterscheidet, und so bezeichnet sein Leitspruch « What makes us, us » keine Frage, sondern eine Affirmation. In Québec erschien einige Jahre zuvor ein Buch, das die Erinnerung in seinem Titel in den Dienst einer Sache stellt: Au service du Québec: souvenirs von Gaston Cholette. Beiden Autoren ist gemein, dass sie mehr als ein distanziert beschreibendes Interesse an ihrem Thema haben und sich mit ihrer Arbeit persönlich in die Geschicke der Nation einbringen wollen.793 Coupland und Cholette sind sich dabei bezüglich der Grenzen ihrer Nation uneins. In der Einführung der vorliegenden Arbeit wurde auf das Souvenir als Werkzeug persönlicher und kollektiver Erinnerung verwiesen und in den einzelnen Kapiteln konnte gezeigt werden, wie in konkreten Instanzen Aufrufe zur Erinnerung beantwortet wurden.

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Die große Zeit der Souvenire, unsere Zeit, begann vor mehr als einhundert Jahren. Zahlreiche Veröffentlichungen in Québec und in Kanada geben Zeugnis vom starken Bild des Souvenirs noch vor Beginn des 20. Jahrhunderts: William Lewis Bâbys Souvenirs of the Past, « giving a correct account of the customs and habits of the pioneers of Canada », Werbemappen der Interkolonialen Eisenbahn mit dem Titel A Souvenir for Tourists, Sportsmen and Invalids, die in Folge der Ereignisse von 1837-40 wieder zunehmend religiös konnotierte Nationalfeier des Heiligen Johannes in Québec oder der Titel der Achten Zentralkonferenz Amerikanischer Rabbis in Montréal.794 Die Titel späterer Veröffentlichungen erinnern an Montréal als « Canada’s commercial metropolis » und an die Inszenierungen der 300-jährigen Geschichte Québecs (und damit Kanadas) im Juli 1908.795 « Souvenir » steht hier für einen Umgang mit der Vergangenheit, der die ‘Präsentierung’ der jeweiligen Geschichte zum Ziel hat. Möglicherweise verbirgt sich hinter dem Begriff aber auch eine verdrängte Verlustanzeige, die den Bruch mit dem Vergangenen nicht wahrhaben will. Margaret Atwood, Vorfrau der anglokanadischen Literatur, formulierte vor einigen Jahren die Zeilen:

Die Frage, der die vorliegende Arbeit nachgeht, ist eine Frage unserer Zeit. Identität und Geschichte freilich haben immer mit Erinnerung und kollektivem Gedächtnis zu tun gehabt, auch wenn der größere Teil der Menschen weder Darsteller noch Leser der geschriebenen Geschichte war. Die explizite Thematisierung der Formen eines kollektiven Gedächtnisses aber ist so jung wie die Wissenschaften, die das Fragen nach dem Zusammenspiel von kultureller Produktion und Erinnerung zu einem wesentlichen Bestandteil ihrer Arbeit gemacht haben und machen.

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Es handelt sich hier um einen akademischen Blick, der seine innovativen Schatten auf die Geschichtswissenschaft, wo die Beschreibung von Erinnerungsorten Großprojekt wird, in die Kunsthallen Europas und auf den politischen Alltag geworfen hat. Das Thema der Erinnerung und des kollektiven Gedächtnisses als Forschungsgegenstand hat die akademische Diskussion verlassen und bestimmt auch Debatten in der Öffentlichkeit. Im letzten Teil des vorliegenden Kapitels wird eine Medieninitiative beschrieben, die mit sieben Autoren auch sieben verschiedene Arten des Umgangs mit « richtigen und falschen » Erinnerungen versinnbildlicht.

In keinem der vier vorliegenden Schulbücher zum Geschichtsunterricht in Québec wird Erinnerung explizit thematisiert. Eine mögliche Begründung liegt im jugendlichen Alter der Leser, die den obligatorischen Geschichtskurs im dritten Jahr der Sekundarstufe, also mit 14-15 Jahren, absolvieren. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Abwesenheit in den Schulbüchern auf einen Trägheitseffekt der Verbreitung von Wissen in der Gesellschaft hindeutet. Die Schulbücher entstanden in ihren jeweiligen Erstausgaben in den 80-er Jahren und in den vorliegenden Ausgaben bis zur Mitte der 90-er Jahre. Es kann die Vorhersage gewagt werden, dass sich zukünftige, überarbeitete Auflagen und neue Geschichtsschulbücher dem Thema der kollektiven Erinnerung und der Problematik von Mythen in der Gesellschaft explizit widmen. Auf die unzähligen Instanzen von expliziten und impliziten Verweisen auf kollektive Identität in den Schulbuchtexten soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden.

Das vorliegende Kapitel zur öffentlichen Erinnerungsverwaltung zeigt, dass die Identitätsreferenzen öffentlicher Erinnerungsverwaltung weniger als ein Ergebnis wie auch immer gearteter essentieller Zwänge zu sehen sind, denn als die Veräußerung von symbolischen Kämpfen mit erstaunlichen Spielräumen. Dass es sich in den Konflikten und Partnerschaften zwischen dem englischsprachigen und französischsprachigen Kanada weniger um substanzielle Unterschiede handelt, als um Unterschiede, die gemacht werden, lässt sich an vier Beispielen illustrieren: Das religiöse Leben einer Gemeinschaft mit der Kirche als Ort des kollektiven Gedächtnisses, das politische Leben und der Ort seiner parlamentarischen Umsetzung, die Monarchie als « lieu de mémoire » und die Presse als der Austragungsort nationaler Gespräche. Jeder dieser Orte verstärkt die genannte Vermutung, dass ihm Rahmen einer Hybridkultur die Distinktionsgesten von besonderer Bedeutung sind. Illustrieren können das Kirchen, die ihre theologische Nähe hinter einem Dekor der Verschiedenheit verbergen oder das Gebäude der Assemblée nationale in Québec, das jenseits des blauen Dekors und der Ermahnung an die eigene Erinnerung die britische Inspiration ahnen lässt. Im dritten und vierten Teil des Kapitels wird der Blick auf die symbolische Verhandlung zum kanadischen Staatsoberhaupt und auf einen mehrstimmigen Versuch gelenkt, die Mythen der Nation greifbar zu machen.

Erinnerung in Stein

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Die gebaute Welt ist Teil der Kultur und trägt als solche Bedeutung. Jan Assmann fasst diesen Umstand in seiner sinnlichen Erfahrbarkeit prägnant zusammen: saxa loquuntur. Die « sprechenden Steine » sind als « memory bank » zum Thema der semiotischen Forschung geworden.797

Montréal und Québec sind zwei nordamerikanische Städte, die in ihrer dominanten Form unterschiedlichen Traditionen des Städtebaus folgten. Die Altstadt von Montréal, le Vieux für die gebürtigen Montréalais, ist ein Touristenmagnet und Kulisse für US-amerikanische Filmproduktionen, die hier einen Hauch des anderen Nordamerika oder die billigeren Produktionskosten suchen (zuletzt in The Score mit R. de Niro und M. Brando). Montréal ist aber im Großen und Ganzen, auch im sogenannten Quartier Latin, dem Angesicht nach eine englische bzw. amerikanische Stadt, auch wenn die Stadt von Franzosen gegründet, von Suplizianern verwaltet, von Canadiens (mit-) gebaut wurde und von Québecs Intellektuellen als Hauptstadt gedacht wird.798 Entscheiden sich US-amerikanische Regisseure, einen Film in Québec zu drehen, wie A. Hitchcock mit « I Confess », dann geht es nicht mehr um den Hauch einer anderen Welt, sondern um eine andere Welt: Québec ist die älteste amerikanische Stadt nördlich von Florida, von einigen Besuchern wird sie mit französischen Städten wie Quimper im Westen der Bretagne verglichen.

Im vorliegenden Abschnitt sollen allerdings nicht Erinnerungsbanken in Form städtischer Strukturen betrachtet werden, sondern etwas kleinere Stätten in Stein gebauter Erinnerung – Kirchen, Denkmäler und ein Parlamentsgebäude.

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Die Stadt Québec beherbergt mehr als ein Dutzend katholischer Kirchen, bis auf die St. Patrick’s Church in französischer (Messe-)Sprache, eine anglikanische Kathedrale, dazu die Quebec Baptist Church, die St.Andrew’s Presbyterian Church, die Chalmers-Wesley United Church und die Église unie Saint-Pierre. Die Namen der einzelnen Kirchen sprechen für sich; einige unterstreichen ihre Verbindung zur Alten Welt und ihren Heiligen) wie auch die Chapelle des Ursulines oder die Église Saint-Jean-Baptiste, andere erzählen aus der Geschichte der Neuen Welt, die Églises Notre-Dame-des-Victoires oder Notre-Dame-de-Jacques-Cartier.

Das Ausmaß, in dem religiöse Differenzen das lange Jahrhundert der Kriege zwischen Frankreich und England von 1689 bis 1815 bestimmte, lässt sich schwer bestimmen. Die Bedeutung der religiösen Motivation sollte dabei weder übertrieben noch unterschätzt werden. Fakt ist, dass die sichtbare Grenze zwischen Protestanten und Katholiken (um einen Ausdruck François Étiennes zu modifizieren) in den nordamerikanischen Auseinandersetzungen und, mehr noch, im gespannten Frieden nach dem Krieg eine prominente Rolle gespielt hat. Die britische Politik der Kontrolle des öffentlichen Lebens anhand des obligatorischen Test Oath argumentierte zumindest explizit theologisch, wenn auch andere, eher pragmatische Elemente eine Rolle gespielt haben mögen. Bis vor wenigen Jahren waren die Schulkommissionen Québecs nach religiösen Kriterien ( commissions catholiques et protestantes ) organisiert, abgelöst wurden sie von einer Bezeichnung, die den Realitäten und dem laizistischen Programm der Regierung besser entsprach: englisch- und französischsprachige Schulkommissionen.

Französischsprachige Kinder wurden, zumindest bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, fast ausnahmslos im « katholischen » Schulsystem eingeschult, englischsprachige Kinder (aus anglikanischen, jüdischen und Familien anderer Konfessionen) in der Regel im « protestantischen » Schulsystem.

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Ohne religionswissenschaftliche an die Stelle kulturwissenschaftlicher Beobachtungen stellen zu wollen, soll ein kurzer Exkurs den symbolischen Charakter der Teilung des Schulsystems und wesentlicher Züge der gesellschaftlichen Organisation in Québec offenlegen. Dieser Blick erlaubt es, den kulturellen Sinn theologischer Namenspolitik zu erkennen.

Die 1534 gegründete anglikanische Kirche formiert sich als reformatorische Kirche im Kontext des Entstehens der englischen Nation im 16. Jahrhundert. Einer politisch motivierten Trennung - die Abschaffung der päpstlichen Suprematie und der Einsetzung von Heinrich VIII. als Supreme Head of the Church of England - folgte eine religiöse Erneuerung. Matthew Parker, Erzbischof von Canterbury, erhielt die Weihe des römischen Bischofs und damit die Verbindung zu den frühen Aposteln, worauf größter Wert gelegt wurde und wird. Die Legitimation der anglikanischen Kirche beruht im Gegensatz zu den protestantischen Kirchen also nicht auf dem Evangelium, sondern auf der apostolischen Sukzession, wie in den katholischen, altkatholischen und orthodoxen Kirchen. Nach einer vorübergehenden katholischen Restauration unter Queen Mary findet die anglikanische Kirche unter Elizabeth ihre via media, die 1662 mit der offiziellen Form des Gebetbuches einer katholischen und reformatorischen Kirche Ausdruck findet. Die Schwächung der kalvinistischen und lutherischen Dogmen im England des 17. Jahrhunderts geht einher mit der weite Verbreitung findenden Lehre des Arminius, eines Theologen, der Anfang des Jahrhunderts mit dem Argument der Erasmischen Willensfreiheit ( De libero arbitrio, 1524) Kritik an der kalvinistischen und lutherischen799 Prädestinationslehre geäußert hatte. Den verschiedenen arminianischen Strömungen ist neben der Ablehnung irdischer Machtvertretung durch die Priesterstände eine gewisse Annäherung an die katholische Metaphysik gemein.800

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wird das Kirchenleben durch immer stärkere Strömungen einer Rekatholisierung bestimmt, die im sogenannten Anglokatholizismus aktiv sind, innerhalb der anglikanischen Kirche. Staatskirche ist sie nur in Großbritannien; in den ehemals britischen Gebieten und in anderen Ländern mit anglikanischen Kirchen tragen die Kirchen eigene Namen und haben eigene Verfassungen. Die Bezeichnungen der einzelnen Kirchen beschreiben exemplarisch den relativen (und symbolischen) Charakter des Unterfangens: heißt sie in Japan Holy Catholic Church, spricht man in den Vereinigten Staaten von Protestant Episcopal Church. Dabei weisen die anglikanischen Kirchen bezüglich der wesentlichen Fragen von Ritual, Spiritualität und Doktrin kaum Unterschiede zur katholischen Kirche auf. Die drei Glaubensbekenntnisse der römisch-katholischen Kirche (Apostolicum, Nicænum, Athanasianum) sind Teil des anglikanischen Book of Common Prayer und die Überreste der lutherisch und kalvinistisch inspirierten Texte des Reformationsjahrhunderts werden bestenfalls als Zeitdokumente angesehen. Latein gehaltene Messen finden inzwischen bischöfliche Duldung.

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Anglikanisch-katholische Theologenkommissionen treffen sich seit den 1960-er Jahren zur Erforschung der gemeinsamen Glaubensgrundlagen und haben auch hinsichtlich der Apostolizität Übereinstimmung festgestellt, da diese nicht als Bewahrung des (evangelischen) Wortes, sondern als Wesensgleichheit verstanden wird. Nimmt man das episkopale Element der anglikanischen Identität als wichtigen Unterschied heraus, wird deutlich, dass eine der großen Strömungen der katholischen Kirche im 16. und 17. Jahrhundert von eben diesem Element bestimmt war. Der Gallikanismus versuchte, die bischöfliche Autorität gegenüber der päpstlichen Allmacht stark zu machen. In der Nouvelle-France gelingt es den ultramontanen Stimmen schon früh, sich besser als in Frankreich gegen die verbreiteten gallikanischen Gedanken durchzusetzen. Nach der Rückkehr der Jesuiten aus der Illegalität (1814) und vor allem bis zum Syllabus von Papst Pius IX. (1864) gewinnt der antiliberale Ultramontanismus an Stärke, wendet sich gegen die Gewissensfreiheit und die Trennung von Altar und Thron und unterstreicht die Thomistische Forderung nach dem Primat der Kirche über den Staat.

Um die Situation in Kanada zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, dass sich hier die Wortführer radikaler Interpretationen der religiösen und politischen Wirklichkeit Europas gegenüberstanden: antikatholische Orange Orders und ultramontane Verfechter der Idee vom wahren katholischen Glauben, den nicht mehr Frankreich, fille aînée de l’Église (die Erstgeborene der Kirche) vertrete, sondern le Canada français, wirkliche Tochter Roms. Die Nähe zwischen der liberalen (anglikanischen) katholischen Kirche und der römisch-katholischen Kirche, zumal in ihrer gallikanischen Form, führte dazu, dass die Trennlinie zwischen beiden dick nachgezeichnet werden musste um zu funktionieren. Im England und im Frankreich des 19. Jahrhunderts hatte man ausreichend zeitlichen und geographischen Abstand gewonnen, die jeweilige Politik zu entschärfen – das Frankreich der Widerrufung des Edikts von Nantes und Cromwells England aufgebrachter puritanischer Bilderstürmerei lagen weit zurück. Im transatlantischen Kanada jedoch bot die direkte, sichtbare und hörbare Nähe des jeweils Anderen schwerlich diesen Spielraum der Entspannung. Deshalb kann man in Kanada von der überdeutlich sichtbaren Grenze zwischen den einen und den anderen sprechen, weil das Gegensatzpaar ‘katholisch-protestantisch’ an die kulturellen und sprachlichen Doppelterritorien andocken konnte.

Aus diesem Grund kann die anglikanische Kirche in Kanada nicht den Namen ihrer Partnerkirche in Japan tragen, als Holy Catholic Church of Canada ginge dem Distinktionsgebaren ein wichtiges Element verloren.801 Von den Schulkommissionen wurde, wie in der Einführung geschildert, diese Dopplung der Trennung (religiös und sprachlich) seit dem 19. Jahrhundert administrativ übernommen.

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Dabei kam der protestantische Rundumschluss (fast) aller Englischsprachigen in Québec keineswegs ohne Widerspruch zustande. Elson I. Rexford beschreibt (aus Sicht des Protestant Board ) 1924 die Komplikationen für das Bildungswesen der Provinz, da sich seit der Jahrhundertwende der Anteil der jüdischen Bevölkerung mit dem Ergebnis vergrößert hat, dass « the greatest disturbance is felt in our educational system, which was originally organized exclusively for the Roman Catholic and Protestant elements of the community ».802 Jahrzehnte vorher, am 18. April 1888 hatten sich die Katholischen und Protestantischen Komitees des Council of Public Instruction auf eine Regelung geeinigt, nach der das Wort « Protestant » alle Personen beschreibe, die nicht römisch-katholischen Glaubens sind.803 Als hätte man einer falschen Etymologie des Wortes abgelesen, dass es sich bei protestor – « öffentlich bezeugen » – um einen Protest (im modernen Sinne des Wortes) an der katholischen Kirche handelt, ist in Québec ab 1888 jeder, der nicht katholisch eingeschult werden will, Protestant.

Rexford beschreibt die Schwierigkeiten, dieser Regelung gerecht zu werden, als Jahre später die « hebräische Bevölkerung » der Provinz Schulsteuern zahlt und Kinder in die protestantischen (englischsprachigen) Schulen sendet. In einem Brief an den Gesetzgeber vom 27. März 1909 beschreibt Secretary-Superintendent H.J. Silver im Auftrag des Protestant Board of School Commissioners of the City of Montreal ein Ergebnis der Regelung von 1888. Man habe Angst um den christlichen Charakter der Institutionen, schreibt er, denn: « The admission of Jewish citizens to the electorate, and as a consequence, of Jewish representatives to the membership of the Boards, would immediatly involve the destruction of the Christian character of the administration. » Protestantische Kinder in fremde Hände zu geben, stelle selbstverständlich eine unerwünschte Neuerung dar: « The employment of Jewish teachers would logically follow, and as a result the religious instruction of Protestant children would, in certain cases, be placed in non-Chistian hands. It seems scarcely necessary to characterize such an innovation as undesirable. »804

Nicht ganz ohne Verwunderung muss man feststellen, dass es andere Stimmen waren, die letztlich die gemeinsamen Interessen (auch explizit als Verteidigung gegen die katholische Mehrheit in der Provinz formuliert) stärker machten als die Bedenken gegen den « unchristlichen Charakter » der jüdischen Neu-Kanadier.

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Worauf hier verwiesen wird, ist der erstaunliche Spielraum, den religiöse (und theologische) Argumente im Rahmen von Distinktionskämpfen anderer Art einnehmen können. Die sprachlichen und kulturellen Auseinandersetzungen zwischen (Franco-)Québécois und Quebeckers fanden in dem alten und verlässlichen Gegensatzpaar von katholisch und protestantisch für lange Zeit die Art von Verstärkung, die einen Konflikt klar und deutlich, historisch verbürgt erscheinen lässt.

Die Entscheidung von 1888 sollte als das gesehen werden, was sie ist: ein kulturpolitischer Entschluss zur Identitätspolitik. Mit der Einigung der beiden Komitees entsteht ein « Kollektivsubjekt », dass durch das Protestantische Komitee vertreten wird und dessen gemeinsame Identität auf einer « kontrastiven Solidarisierung »805 beruht. Die politischen Wirkungen dieses definitorischen Eingriffs und die Implikationen für die Redaktion des kulturellen Gedächtnisses sollten nicht unterschätzt werden.

Die anglikanische Cathedral of the Holy Trinity in der rue des Jardins macht neben dem schönen Altar mit einer übergroßen Inschrift des Apostolischen Glaubensbekenntnisses ( ... I believe in [...] The holy Catholick Church ... ) auf den Unterschied zur protestantischen Theologie aufmerksam. Sieht man sich allerdings in der Kathedrale um, wird einem schnell klar, dass man in England ist, oder besser, dass man sich so fühlen soll. Die Wände (alle Wände) sind mit Erinnerungsplaketten an die Helden der militärischen Unternehmungen der britischen Armee geschmückt, vom 18. Jahrhundert ( « Sacred to the memory of General John Hale, born at Kings Walden, Herts, in 1723... » ) bis zum Ersten Weltkrieg ( « In loving memory of Lieut. Col 2 nd Hampshire Regt.; Born June 27 th 1866, killed in action at Gallipoli, Dardannelles, April 26 th 1915 » ). Die Führung durch die Kathedrale erklärt, dass fast alle der Fenster mit Glasmalerei aus England stammen; das Eichenholz der Bänke, auf denen man sitzt, sei aus dem königlichen Windsor Forest nach Québec geholt worden. Man vergisst fast, in Québec zu sein, so englisch erscheint dem Besucher der Dekor.

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Ein kurzer Spaziergang trennt die Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit vom Katheder eines weiteren Bischofs, der Basilique-Cathédrale Notre Dame de Québec auf der place de l’Hôtel de ville. Hier wird auf den ersten Blick weniger Traditionspflege als die einfache Abwesenheit von Originalität betrieben. Die Kreuzwegdarstellungen an den Wänden könnten irgendeiner Kirche entstammen und der reich geschmückte Altar erinnert an Gotteshäuser in wohlhabenden katholischen Gegenden. Nur die große Frage, ob man bereit sei, vom lebenden Jesus zu zeugen ( « Es-tu prêt à témoigner de Jésus vivant? » ) lässt einen im Angesicht des Altars daran denken, in einer französischsprachigen Stadt in Nordamerika zu sein. Sieht man sich genauer um, fällt in der Kathedrale eine Begräbniskapelle auf, die dem 1980 seliggesprochenen François de Laval gewidmet ist. Den Boden der 1993 eingeweihten Kapelle bildet ein Relief, das die Form der Diözese von Lavals Episkopat nachzeichnet: von Gaspé am Atlantik bis nach Louisiana. Der 1663 geborene Jesuit war vorher zum Apostolischen Vikar der Nouvelle-France ernannt worden und erreichte Québec 1659 um die katholische Kirche und ihre Missionsarbeit in der Neuen Welt zu organisieren. Er gründet das Petit Séminaire de Québec (1668), einige Jahre später die École Arts et Métiers und steht ab 1674 der diocèse de Québec vor. Nach seinem Tod 1708 wird er im Boden der Kathedrale beerdigt; später erlebt der Leichnam mehrere Translationen, 1878 in die Krypta der Kapelle des Séminaire du Québec, 1949 in eine besondere Begräbniskapelle und schließlich 1993 in die genannte Kapelle der Kathedrale. Eine Freske an der Begräbnisstätte zeigt eine Familie französischer Herkunft und eine Familie amerindianischer Ureinwohner, die Kinder beider Familien berühren einander, und symbolisieren, so ein Informationsblatt der Kathedrale, die Annäherung der beiden Kulturen. Der Titel des Informationsblattes nennt Laval den Fondateur d’une Église aux dimensions de l’Amérique. (Gründer einer Kirche in den Dimensionen Amerikas). Die Kathedrale beherbergt ein Centre d’animation François-de-Laval, das in Zusammenarbeit des Séminaire und der Corporation du tourisme religieux de Québec entstand.

Die beiden Gotteshäuser, deren geistliche Botschaften so gut wie identisch sind, vertreten weltliche Traditionen, die nicht viel gemein haben. Die Kirchen als kulturelle Institutionen verwalten verschiedene Erinnerungen und beziehen sich auf verschiedene Geschichten. Die Uneinigkeiten zwischen den « protestantischen » und « katholischen » Schulkomitees dürften mehr mit getrennten Sprachen und Traditionen zu tun (gehabt) haben, als mit einem Streit trinitarischer und monotheistischer Außerweltlichkeit. Diese Beobachtungen ließen sich auch in Québecs Église unie 806 mit ihren Hugenottenkreuzen, in der irisch-katholischen Kirche des Heiligen Patrick oder in der kleinen Église Notre-Dame-des-Victoires auf der place royale mit dem übergroßen devs providebat kebeka liberata bestätigen.

Nicht nur Kirchen sind in Stein gebaute Erinnerungsbehälter. Denkmäler haben zumeist kein begehbares Inneres mit vier Wänden und einem schützenden Dach und sind damit im Unterschied zum Haus der Kirche rein symbolisch. Québec empfängt den Besucher mit einer überwältigenden Anzahl von Denkmälern, die neben der dargestellten Person oft großflächige Zitate abbilden.

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Diese Zitate sind Schriftdokumente einer ganz besonderen Art, weil ihre Form der Speicherung erstens öffentlich und zweitens ausgesprochen zeitbeständig ist. Ein längerer Spaziergang durch Québec führt den Besucher unter anderem an Jacques Cartier, Samuel Champlain, James Wolfe, Louis-Joseph Montcalm, François-.X. Garneau, Louis XIV. und Queen Victoria vorbei. Die Statuen der beiden zuletzt genannten Monarchen hatten es nicht leicht: dem französischen König wird 1686 auf der place royale ein Denkmal gesetzt, das die Verladearbeiten der Händler stört und schließlich verschwindet, um 1929 in neuer Form wieder aufzutauchen. Nachdem die Statue zunächst von den Behörden konfisziert wird, trägt der kleine Platz ab 1931 wieder vollständig seinen königlichen Namen. Die 1897 von der Stadt Québec errichtete Statue zu Ehren von Königin Victoria überlebt einen Anschlag von 1967, dessen Explosion die halbe Stadt geweckt haben soll, nur arg geschunden. La reine sans tête (Die Königin ohne Kopf) kann heute in Québecs Musée de la Civilisation betrachtet werden. Auf zwei der Denkmäler sei kurz verwiesen, weil sie zeigen, wie langlebig gemeißelte Zitate sein können, und wie ihr Sinn und Ausdruck der Gegenwart etwas entgegenzusetzen vermögen.

Im Parc Montmorency in Québec erinnert ein Denkmal an George-Étienne Cartier (1814-1873), gewählter Vertreter des Parti conservateur, Mitglied der Fils de la Liberté, verbannter Patriote, Gründungsmitglied und später Präsident der Société Saint-Jean-Baptiste de Montréal, Kopremierminister (mit J. Macdonald 1857-62) und einer der « Väter der Konföderation » von 1867. Auf dem Denkmalsockel liest man in gewaltigen Lettern, um zu überleben müsse man sich an die Erde klammern und den Kindern die Sprache der Vorfahren und - Cartier war Jurist - den Besitz am Boden vererben. ( « Pour assurer notre existence il faut nous cramponner à la terre, et léguer à nos enfants la langue de nos ancêtres et la propriété du sol » ) Auf der Rückseite des Denkmals findet sich ein weiteres Zitat, das der Idee vom Überlebenskampf der Gemeinschaft einen biologischen Inhalt gibt, ganz und gar im Sinne von G.-É. Cartiers Jahrhundert: Die Frankokanadier seien ein Ast des Baumes der Konföderation und es hänge von ihnen ab, mit Verständnis am Gemeinwohl tätig zu sein. ( « Nous, Franco-Canadiens, nous sommes l’une des branches de l’arbre de la Confédération; à nous de le comprendre et de travailler au bien commun. » )

Ein paar Schritte außerhalb der Stadtmauern, mit dem Rücken zum Parlamentshügel und mit gehobener Hand in Richtung Altstadt, steht Honoré Mercier seit 1912 in Denkmalform. Mercier (1840-1894) war Jurist, Vertreter des Parti libéral, Premierminister Québecs und Gründer des Parti national. Seine Zeit als Politiker hat die Entwicklung des Nationalismus in Québec wesentlich bestimmt. Ein langes Zitat, Auszug aus einer Rede Merciers über den Patriotismus, erklärt die Bedeutung einer wirklichen Volksbildung, die zur Aufgabe habe, dem Volk der Arbeiter die Tore zum Tempel der Bildung zu öffnen. (« [O]uvrons leur toute grande la porte du temple, la porte de l’école. Que sa bienfaisante lumière se répande sur le monde universel, et assurons-nous que ses rayons pénètrent jusqu’quau foyer des plus humbles chaumières ... »)

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Der kurze Weg von der Statue Merciers zum Hôtel du Parlement, das mit der Assemblée nationale du Québec eines der ältesten Parlamente der Welt aufnimmt, führt zu einer langen Reihe von Statuen, die mehrere Jahrhunderte der Geschichte Kanadas repräsentieren. Neben den Darstellungen illustrer ‘Großer Männer’807 findet sich hier auch eine Gruppe von Autochthonen, die mit visionärem Blick und amerindianischem Kriegsgerät die Stadt beobachten. Das von 1877 bis 1886 erbaute Parlamentsgebäude fand seine Inspiration im Modell des Second Empire, dem Louvre. Der Architekt Eugène-Étienne Taché (1836-1912) hat mit der Devise, die er dem Eingangsbereich des Gebäudes 1883 gab, der Erinnerungskultur Québecs den zentralen Leitspruch verliehen. Glaubt man Jean Cournoyer, dann entschied sich Taché für « Je me souviens », weil die alternative Devise « Née sous les lis, je grandis sous les roses » auf dem vorgesehenen Giebel keinen Platz fand.808 Unter den Lilien geboren, wuchs ich auf unter den Rosen freilich unterscheidet sich nicht nur in der Länge vom heute allgegenwärtigen Ich erinnere mich. Das Modell ist schlichtweg ein anderes; ist die Geschichte im ersten Fall als Weg aus einem französischen in einen englischen Garten symbolisiert, so entspricht der Aufruf zum souvenir, zu einer persönlich-kollektiven Erinnerung à la française auch einer anderen Vorstellung von der Geschichte. Tachés Devise wurde am 9. Dezember 1939 offiziell und präsentiert sich öffentlich als Motto auf den Nummernschildern der in Québec zugelassenen Fahrzeuge. Offiziell wird knapp zehn Jahre später auch der fleurdelisé, die Lilienflagge Québecs. Am 21. Januar 1948 ersetzt sie den Union Jack auf dem Parlamentsgebäude.

Gleichzeitig ist die gesamte Gestaltung des Gebäudeinneren eine reichhaltige Landschaft von Identitätsverweisen und Erinnerungsmaterial. Auf der großen Innentreppe läuft man einer farbigen Fensterwand entgegen, die S. Champlain 1608 bei seiner Abfahrt aus Honfleur in der Normandie zeigt. Auf der gegenüberliegenden Seite sieht man die Ankunft in der Neuen Welt. Große Räume symbolisieren farblich die historischen Zeiten des régime français (blau), des régime anglais (rot) und der confédération (grün, in britischer Tradition Farbe des Parlaments809). Die historische Zeit wird im französischen Renaissance-Dekor des Hauses auch mit diversen Darstellungen von Rosen, Lilien und Ahornblättern illustriert.

Im Sitzungssaal des Parlaments, nach britischem Vorbild mit den sich in zwei Schwertlängen gegenüber sitzenden Vertretern der Regierungspartei und der Opposition, fallen diverse Löwen- und Liliendarstellungen und ein nicht zu übersehendes Kruzifix über dem großen blaufarbenen Thron des présidentSpeaker ) auf.810 Die Decke schmückt ein übergroßes Gemälde mit dem Titel Je me souviens und der große Blickfang ist ein weiteres Gemälde von Charles Huot, dessen Titel kanadische Geschichtsbücher überschreiben könnte: Le débat des langues (die Sprachdebatte).

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Der Saal ist überwiegend blau gehalten, doch erst seit einigen Jahrzehnten. Das frühere Grün verschwand Ende der 70-er Jahre, als man begann, die Debatten im Fernsehen zu übertragen. Der Grund, erfährt man von der Führung, sei ganz einfach: blau wirkt im Fernsehen besser. Im rot gehaltenen Saal des ehemaligen Conseil législatif tagen heute parlamentarische Kommissionen. Der eingangs erwähnte Film I Confess, von 1953, für den A. Hitchcock Szenen in diesem Saal drehte, macht aus dem Rot ein dunkles Grau, der Schwarzweißfilm kennt den Unterschied zwischen Blau und Rot kaum und so störte die Farbe nicht im Bild einer düsteren katholischen Stadt. Der Raum, abgesehen von der Farbe im Dekor identisch mit der Salle de l’Assemblée, wird ebenfalls vom Thema der Erinnerung bestimmt. Ein Gemälde von 1930 zeigt den Conseil Souverain de la Nouvelle-France von 1663 in QuébecsChâteau St-Louis mit den Porträts von Ludwig XIV., der die Kolonie zur Chefsache erklärt hatte, und seiner Gemahlin, Maria-Theresa von Österreich.

Das Parlamentsgebäude trägt in sich die wichtigen Bausteine eines kollektiven Gedächtnisses: vor der Tür die Helden, Statuen der Entdecker, Reisenden, Missionare und Politiker. Die Fassade trägt ein unmissverständliches Zakhor!, den Imperativ der Erinnerung. Das Innere beschreibt die Bindung an das europäische Mutterland und gleichzeitig die Trennung des Gedenkens. Die Farben malen eine Politik der Identitätsreferenzen nach und der Streitgegenstand der beiden Sprachen findet einen historisch gesicherten Platz, wie auch das historisch verankerte Zurückrufen einer vergangenen « souveränen » Politik.

Abschließend sei auf ein nicht in Stein geschlagenes Element der verwalteten Erinnerung verwiesen. Es handelt sich um eine interessante botanische Verortung der geschichtlichen Zeit. Verlässt man die Stadt in Richtung der Plaines d’Abraham stößt man auf Informationstafeln, die eine Regierungsbehörde mit verwegenem Namen aufstellen ließ. Der Commission des champs de bataille nationauxThe National Battlefield Commission ) unterstehen nicht nur die Schlachten der Vergangenheit, sondern auch der Boden, auf dem sie stattfanden. Die Tafel informiert, dass die gegenwärtige Natur nicht mehr die gleiche ist, wie zur Zeit ihrer Entdeckung. Cartier, Champlain und Hébert haben eine andere Pflanzenwelt erlebt (« La flore actuelle de Québec diffère de ce qu’ont vu Jacques Cartier, Samuel de Champlain ou Louis Hébert... »). Die Referenzen auf die Gründerväter der Nouvelle-France sind zahlreich und inhaltlich kaum begrenzt. Die Pflanzen, um die es hier geht, kamen nach den französischen Kolonisten, Immigranten also auch Löwenzahn und Konsorten. Die Kommission der nationalen Schlachtfelder erinnert mit der Informationstafel, Flora und Geschichte verbindend, an eine Vergangenheit, die bereits eine Vorgeschichte ist.

Königliche Erinnerung

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Es gibt auf dem gesamten amerikanischen Doppelkontinent nur eine Monarchie. Die britische Krone stellt der parlamentarischen Monarchie Kanadas das Staatsoberhaupt, ohne wirkliche Befugnisgewalt, aber dafür mit einer erstaunlich hohen Popularität. Die kanadische Legislative besteht formell aus dem britischen Monarchen (vertreten durch den Generalgouverneur und die Gouverneure in den Provinzen) und den beiden Häusern des Parlaments, House of Commons und Senate. Die Vertreter von Unterhaus und Oberhaus kommen nach alter britischer Tradition für die Rede vom Thron und für die Königliche Zustimmung zu Gesetzesvorlagen ( Royal Assent ) in der Senate Chamber (oder Red Chamber ) zusammen. Die heutige Regierungsform ist eine ‘kanadianisierte’ Version der britischen Vorlage, bestimmt von der ursprünglichen Machtteilung zwischen König, Aristokraten ( Lords ) und gewählten Volksvertretern. Die Mitglieder des Senats werden wie die Gouverneure inzwischen nicht mehr von der Krone bestimmt. Königin Elizabeth II. ist hier im Norden Amerikas gewissermaßen in aller Hände, trägt doch das kanadische Hartgeld ihr Konterfei, auf Münzen, die in der Form und Bezeichnung an US-amerikanisches Geld erinnern.

Die Queen bereitet im Frühjahr 2002 eine fast 14-tägige Golden Jubilee tour durch ihr kanadisches Dominion vor, und der Reiseplan überrascht den Unkundigen mit einem Detail: Tausende Kilometer zwischen Iqaluit, der Hauptstadt des neuen Territoriums Nunavut im Norden, Vancouver am Pazifik, Toronto, Ottawa, Fredericton und Moncton am Atlantik sollen bereist werden, aber Québec darf sich auf einen Besuch der Monarchin nicht freuen. Mit Ausnahme von einem Empfang in Hull, für den die Queen den Ottawa Fluss in der gleichnamigen Stadt kurz überqueren wird, wird sie von Québec nichts sehen. Die Queen mag Québec nicht, sagt man.

Anders als in Australien und Neuseeland, wo ihre Besuche in der jüngeren Vergangenheit zu Ausbrüchen von pro-republikanischem Protest führten (und wo mit einem ausstehenden Ende der Monarchie zumindest gerechnet wird), kann sie in Kanada im Oktober mit einer begeisterten Nation rechnen: 80 % der Bevölkerung und zunehmend junge Kanadier sind der Meinung, dass die gegenwärtige Regierungsform beibehalten werden solle und für 60 % stellt die Monarchie einen wesentlichen Faktor der kanadischen Identität dar.811

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Nicht, dass es in den letzten Jahren nicht Versuche gegeben hätte, das politische System zu reformieren und die monarchischen und aristokratischen Relikte zu entsorgen.812 Jean Chrétiens Büro sprach vor einigen Jahren von der Idee, das Land zur Jahrtausendwende zu einer Republik zu machen, wurde allerdings so hart kritisiert, dass von der Idee nicht mehr gehört wurde. Adrienne Clarkson, Governor-General Kanadas, ist mit ihrer Behörde bekannt für republikanische Reformvorschläge wie auch John Manley, Vize Premierminister, der im Vorfeld des Besuchs gegen offizielle Akte der Königin, wie die Verlesung der Rede vom Thron, argumentierte.

Im April 2002 lieferten sich zwei Journalisten des Globe and Mail eine verbale Schlacht um den Sinn und Unsinn der Monarchie in Kanada.813 Jeffrey Simpson beginnt den Schlagabtausch, indem er von der kanadischen Eigenheit spricht, sich an den Anachronismus der Monarchie zu klammern, um zu zeigen, dass man kein US-Amerikaner sei: « ...the definitional neuroses of defining ourselves as ‘not American’ while clinging to the anachronism of the British monarchy. ». Die 135 Jahre alte Nation benehme sich, als wäre sie nicht erwachsen geworden: « Here we are, 135 years as a nation and the world’s second-oldest federation, and we are still sucking our thumbs in an infantile fascination with the British Royals. » Auf seine Frage, wie man es rechtfertigen könne, dass das Amt des kanadischen Staatsoberhaupts von Ausländern bekleidet wird, antwortet Michael Valpy, Kanada habe eine 500-jährige Geschichte als Monarchie und diese sei inzwischen sehr kanadisch (« The institution is Canadian ― we’ve made it very Canadian »).814 In seiner Replik macht Simpson schließlich die Idee stark, das Staatsoberhaupt von den Ehrenmitgliedern des Order of Canada wählen zu lassen, « ...the most distinguished group we have, and quite a representative one too, or at least one sensitive to the needs of representativeness in a diverse country. »

Der mit Bezug auf die kanadischen « Definitionsneurosen » zitierte Simpson äußerte sich auch im Zusammenhang mit den Verstimmungen zwischen Premierminister Chrétien und Präsident Bush bezüglich des Krieges im Irak zur kanadischen Position und sieht für Kanada ein Dilemma zwischen kindischer Besserwisserei und folgsamer Unterwürfigkeit.815

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Die Diskussion zwischen Simpson und Valpy ist symptomatisch für jene Auseinandersetzungen, in denen es um das kanadische Verhältnis zu den Vereinigten Staaten geht. Auf dem kanadischen Buchmarkt häufen sich Veröffentlichungen, die sich diesem Problem in der einen oder anderen Form widmen. Mel Hurtig warnt seine Landsleute in seinem 2002 erschienenen Buch The Vanishing Country, Kanada könne als Kolonie der USA enden.816 Der Politikwissenschaftler Stephen Clarkson beschäftigt sich in Uncle Sam and Us mit dem gleichen Thema, kommt allerdings zu dem Schluss, der Nachbar im Süden könne überhaupt kein Interesse haben, Millionen von Nordamerikanern aufzunehmen, die nicht viel von privatem Waffenbesitz, dafür aber umso mehr von einem funktionierenden Gesundheits- und Sozialsystem halten.817 Diese Eigenschaften dienen auch der Beantwortung einer Frage, die an anderer Stelle bereits mit Verweis auf die Revolution erwähnt wurde.

Jonathon Gatehouse zitiert in einem Artikel eine gängige Definition des « Kanadiers »: « An unarmed American with health insurance. » Kanadier unterscheiden sich von US-Amerikanern, so der Autor, in ihrer Zustimmung zu einem staatlichen Gesundheitssystem und zur Waffenkontrolle.818 Diese Definition lässt sich mit Blick auf die Aussagen der vorliegenden Arbeit vervollständigen: « Ein unbewaffneter Amerikaner mit Krankenversicherung, aus einem Land, in dem Französisch gesprochen wird und dessen Staatsoberhaupt eine Königin ist. » Dem entspricht auch die Tatsache, dass die kritischen Stimmen zur kanadischen Monarchie in der Minderheit sind, vor allem in Anglokanada. Aber auch in Québec ist die Mehrheit der Bevölkerung der Meinung, die königliche Institution verdient es, bewahrt zu bleiben, obwohl es sich hier im Gegensatz zum übrigen Kanada um eine geringe Mehrheit handelt. Die Kritik an der Monarchie als antiquierter Hinterlassenschaft beinhaltet in Québec in der Regel ein republikanisches und souveränistisches Projekt:

Toute l'Amérique est républicaine, excepté le Canada, dernière monarchie du continent. [...] Le Québec a une tradition républicaine, quoique cachée. [...] Or, il subsiste un curieux silence sur notre régime politique, aussi inaltérable que le permafrost. [...] une République du Québec! Voilà une utopie, irréalisable tant que le Québec restera rattaché au Dominion. 819

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Premierminister Landry ließ verlauten, dass es in Québec keine Festlichkeiten zum 50. Jahrestag der Thronbesteigung geben wird, weil seine Regierung die Monarchie als Institution der kanadischen Regierung ansieht.

Wie lässt sich das Gesagte erklären? Historisch zeichnet sich Kanada durch die Ersetzung einer in Amerika etablierten absoluten Monarchie durch eine konstitutionelle Monarchie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus. Aus den Untertanen des französischen Königs wurden Untertanen und später Bürger der englischen Krone. Bei allem was sich über die Spannungen zwischen englischsprachigen und französischsprachigen Kanadiern sagen lässt, bleibt doch zu sagen, dass die Monarchie, der englische König (bzw. die Königin), bis in die jüngere Vergangenheit ein Feld erstaunlicher Übereinstimmung darstellte. Nach 1760 bzw. nach 1763 befleißigen sich die Sprecher von französischsprachigem Adel, Klerus und Bürgertum, den neuen Monarchen überschwänglich ihrer Unterwürfigkeit zu versichern.820 Die britischen Kolonien im Norden nehmen mit der US-amerikanischen Revolution zahlreiche pro-monarchistische und anti-republikanische Loyalisten aus dem Süden auf, die dem späteren Kanada ein politisches Gesicht geben, das S.M. Lipset von einer kontinentalen Trennung sprechen lässt. Er beschreibt in Nordamerika zum einen ein Land, das von siegreichen Revolutionären gebaut wurde und heute von liberalen, populistischen und individualistischen Amerikanern bestimmt wird. Kanada auf der anderen Seite sei ein Land von konter-revolutionären Verlierern, die elitär und kollektivistisch denken, und für Frieden und gute Regierung einstehen.821

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An keinem Punkt der Geschichte wurde in Kanada die Monarchie mehrheitlich in Frage gestellt, auch nicht in Frankokanada während der zumindest teilweise pro-republikanischen Aufstände von 1837-38. Die französische Revolution hatte vorerst zu einer anteilnehmenden Reaktion geführt. Die öffentliche Meinung feierte in den Tageszeitungen Québecs das Ende von Despotismus und Privilegien des Klerus und die Rechte, Freiheiten und den Geist der Aufklärung. Mit den Ereignissen von 1793 entstanden auch in Frankokanada Bewegungen antifranzösischer (bzw. anti-revolutionärer) und nationaler Couleur. Der (ultramontane) Klerus spricht später von der Machtübernahme durch die britische Krone als einer conquête providentielle, war man doch durch die rechtzeitige Eroberung der Gefahr einer horrenden Kulturkatastrophe entgangen. So wie « métropole » nicht mehr Paris, sondern London meint, bezeichnet « le roi » nunmehr, meistens ohne Zusatz, den englischen Monarchen. Die königliche Glorie wird von englischsprachigen und französischsprachigen Kanadiern nicht identisch, aber doch ähnlich erlebt und geteilt. Diese Situation sollte sich erst im 20. Jahrhundert ändern, vor allem im Zuge der Révolution tranquille, in den 60-er Jahren. 1968 wird der undemokratische und elitäre Conseil législatif – die Entsprechung des kanadischen Senate oder des britischen House of Lords – von der Regierung in Québec abgeschafft. Nach französischem Vorbild wird die Assemblée législative in Assemblée nationale umbenannt und im gleichen Jahr werden die frankokanadischen Generalstände ( États généraux du Canada français ) ins Leben gerufen. Die Regierungspartei der Union nationale vertritt neue Eliten mit neuen Idealen und in dieser Zeit ist eine Annäherung an das Frankreich De Gaulles (und der jakobinischen Revolution) mit einer immer deutlicher formulierten Distanzierung von der britischen Monarchie zu verzeichnen. Diese Umgestaltung der externen Identitätsreferenzen hält bis heute an. So finden zahlreiche Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit statt, in denen Québec, in der Politik wie in der Presse, oft eine anti-monarchistische und mehr oder weniger pro-republikanische Position einnimmt. Die Zustimmung zur Frage, ob die eigene Identität von der britischen Monarchie abhänge, fällt in Québec folgerichtig etwas anders aus. Die Trennung der Erinnerungslandschaften und Identitätsverweise mit Bezug auf das königliche Staatsoberhaupt ist also jüngeren Datums und kann sowohl zeitlich auch als politisch relativ klar verortet werden. Im Folgenden kann an einigen Beispielen illustriert werden, dass die Gegenwart Auseinandersetzungen zum Thema der Monarchie kennt, die die Politik Québecs gegen die Mehrheit Anglokanadas auf die Barrikaden gehen lässt. Festzuhalten bleibt auch, dass die symbolische Anwesenheit der Monarchie den Anspruch auf dynastische Privilegien in Kanada keineswegs aufgegeben hat. Das « kanadische Identitätsdirektorat » ( Canadian Identity Directorate ), Bestandteil des Department of Canadian Heritage in Ottawa, macht in einer Erklärung zum Gebrauch königlicher Bilder klar, dass neben einem Mitglied der königlichen Familie das einfache Volk ohne schriftliche Erlaubnis nichts zu suchen habe: « Should the image of The Queen or a member of the Royal Family be shown with that of another person who is not a Member of the Royal Family, the permission of the Lord Chamberlain’s Office must be sought in writing. »822

Im April dieses Jahres hatte Québecs politische Vertretung in Ottawa, der Bloc québécois, für einen Skandal gesorgt, der im Parlament konservative und reformerisch-progressive Positionen gegeneinanderstellte, die Veräußerungen anderer Agendas sind und am besten als Teil von Distinktionskämpfen innerhalb Kanadas gesehen werden können. Damit soll nicht der politische Gehalt der Position Québecs übergangen werden; anhand der Monarchie und ihrer Bedeutung innerhalb des politischen Ensembles Kanada kann der symbolische und bisweilen relative Charakter von Rückschritt und Fortschritt illustriert werden.

Anlass des Skandals war die Weigerung der Vertreter des Bloc québécois, einer Beileidserklärung der kanadischen Regierung zum Tod der Königinnenmutter zuzustimmen. Sie kritisierten den Wortlaut der Erklärung bezüglich der verwendeten Sprache, die einer modernen Demokratie und der Trennung von Staats- und Kirchengeschäften widerspräche. Die Regierungserklärung erstaunt in der Tat mit ihrem archaischen Stil, hier einer der selbstredenden Sätze: « We your Majesty’s dutiful and loyal subjects, the Commons of Canada, in Parliament assembled, approach your Majesty with the expression of our deep and heartfelt sorrow at the demise of Her Majesty Queen Elizabeth, the Queen Mother. » 823 (In der französischen Übersetzung waren die unterzeichnenden Untertanen « des sujets loyaux et soumis » - loyal und unterwürfig -, das englische dutiful war im Sinne königlicher Schreiben vergangener Zeiten wiedergegeben worden, was dem staatsbürgerlichen Unbehagen der Verweigerer noch krasser entgegenstand als es beispielsweise mit « gehorsam » oder « pflichtbewusst » der Fall gewesen wäre.)

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Neben der erklärten Untertänigkeit erregte eine religiöse Note am Ende der Erklärung den Unwillen der bloquistes 824: « We pray that the God of consolation may comfort your Majesty and the members of the Royal Family in your bereavement. » Die Erklärung wurde mit 144 Stimmen gegen die 19 Stimmen des Bloc québécois angenommen; ein alternativer Vorschlag für die Erklärung, der dem Wortlaut des britischen Parlaments entsprach und vom Bloc unterstützt wurde, hatte keine Unterstützung gefunden.825 Die Reaktionen in der Presse überschlugen sich, Leserbriefe warfen den Politikern Pietätlosigkeit vor oder begrüßten ihre konsequente und anti-monarchistische Haltung.

Die eingangs erwähnte Reiseplanung zum Goldenen Jubiläum der Königin, die um Québec einen Bogen macht, kann also nachvollzogen werden. Der Gottesdienst in Montréals Anglican Christ Church Cathedral im April zeigte allerdings, dass es hier auch andere Stimmen gibt. Peter Hansen, Vikar der Anglican Archdiocese of Montreal versicherte den Versammelten, unter denen Anne Clarkson, Generalgouverneur und Lise Thibault, Gouverneur von Québec, weilten: « There’s been a long love affair between the Queen Mother and Canada. » 826

Abschließend sei bemerkt, dass es eine Reihe anderer Bereiche des öffentlichen Lebens gibt, in denen Stimmen aus Québec Institutionen der britischen Tradition in Frage stellen. In einer Erklärung sprachen sich im Dezember 2001 drei Vertreter des öffentlichen Lebens in Québec für eine Reform des politischen Systems und gegen den « monarchistischen Plunder » aus, den die Gegenwart vom englischen Parlamentarismus des 17. Jahrhunderts geerbt habe (« ...la vieille quincaillerie monarchiste héritée du parlementarisme anglais du XVIIe siècle... »827). Ihre Kritik, unter anderem mit Bezug auf die Befugnisse des Premierministers, wandte sich sowohl an Kanada (Ottawa) als auch in die politischen Institutionen Québecs.

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Die Vitalität britischer Traditionspflege, die auch mit US-amerikanischem Einfluss erklärt werden kann, zeigt sich auch in der Präsenz der alten « imperialen » Maße. Dreißig Jahre nach Einführung des internationalen metrischen Systems (1973) unter Premierminister Pierre Trudeau, Akt der Differenzierung par excellence, finden hier und da immer noch die tradierten Zeichen englischer Maße Verwendung (eine Imperiale Gallone ist nicht gleich eine US gallon und pint ist nicht gleich pint ). Der Reisende aus den Vereinigten Staaten mag durch die Entfernungsangaben nördlich der Grenze verwirrt und befremdet sein, hier gibt es offiziell Kilometer, keine Meilen, aber zumindest im englischsprachigen Kanada wird auch heute von Zoll, Fuß und Elle, Unze und Viertelgallone ( inch, foot, yard, ounce, quarter ) geredet. In einem Brief vom 18. Juni 2002 wird um Erlösung von den langlebigen Traditionen der englischen Maße gebeten, der Autor fordert die Behörden Kanadas und Québecs auf, der Rückkehr der alten Maße Einhalt zu gebieten.828

Die Feiern zum Golden Jubilee im Oktober dieses Jahres werden mit dem unzweideutigen Reiseplan der Königin und mit der Trennung in eine feiernde und eine nicht (öffentlich) feiernde Gemeinschaft ein Zeugnis institutionalisierter Differenzen abgeben. Andere Abwesenheiten während der Feiern können vermutet werden, finden aber keinen derart deutlichen Ausdruck. Man könnte sich vorstellen, dass Neukanadier (Immigranten) oder Altkanadier (Indianer) mit den Traditionen der britischen Monarchie weniger anfangen können als real Canucks 829. Nur im Falle Québecs allerdings wird durch die verweigerte Zeremonie der Bruch in der Erinnerungslandschaft wirksam, handlungsleitend, sinnstiftend und identitätsformend. Nirgends sonst wird das kulturelle Gedächtnis der Gemeinschaft im Sinne einer fundierenden Geschichte kollektiver Zugehörigkeit so produktiv wie im Moment zeremonieller Selbstvergewisserung. Le roi est mort, vive la différence!

Museum

In seiner Grammatik des Nationalismus beschreibt Benedict Anderson drei Institutionen der Macht, Innovationen des 19. Jahrhunderts: census, map und museum.830 Freilich haben Volkszählung, Kartographie und Museum eine lange Vorgeschichte, doch es geht nunmehr um eine neue Art der flexiblen Erfassung von Bevölkerung, Territorium und Vergangenheit: alle Personen werden gezählt, kategorisiert und Anomalien als « Andere » verborgen, die Grenzen durchgezogen und damit das Territorium als Logo abbildbar und die Vergangenheit wird als nationale Geschichte kontinuierlicher Zeit erzählt. Anderson argumentiert einerseits gegen die Idee, hier stets bewusste Vorgänge zu vermuten, und macht andererseits den politischen Charakter, zum Beispiel des musealisierenden Denkens deutlich: « ...museums, and the museumizing imagination, are both profoundly political. »831

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Im Folgenden sollen zunächst anhand von Erkundungen in die Welt des Museums verschiedene von der Gegenwart verwaltete Bilderwelten der Vergangenheit betrachtet werden. Ohne dass diese Erkundungen beliebig wären, sind sie doch austauschbar. Kriterium war vor allem der zeitliche Aspekt, die Synchronität erlaubt einen Blick auf gegenwärtige Formen der Zurschaustellung öffentlicher Erinnerung. Die Ausstellungen waren gleichzeitig, im Sommer 2001, zu besichtigen. Die zur Schau gestellten Stücke entsprechen einem weit gefassten Begriff der Archäologie; es geht weniger um aus Knochenfunden und Tonscherben rekonstruierte Vergangenheit, als um zusammengestellte kostümierte Wachshelden und dekonstruierte Erinnerungsfiguren. Im Anschluss wird mit der gedruckten Tagespresse das herausragende Medium des lesenden Zusammenfindens der Nation an einem Beispiel illustrieren können, wie eine gewollt unbenommene Selbstbefragung zur « Mythologie » der kanadischen Nation aussehen kann.

Im Musée de l’Amérique française, in den Gebäuden des ehemaligen Séminaire von Québec, wird zwischen Oktober 2000 und September 2002 eine großangelegte Ausstellung präsentiert, die es mit Mme Tussot in London aufnehmen könnte. Thema der Ausstellung sind mehr oder weniger illustre Helden der Nouvelle-France, Darsteller sind Wachsfiguren, die zumeist in Gruppen ein bestimmtes historisches Ereignis illustrieren. Die Figuren wurden seit den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts angefertigt und einige bereits im 1935 eröffneten Musée catholique canadien gezeigt. Das Museum änderte später seinen Namen, aus « katholisch » wurde nun « historisch » Bekannt wurde Le musée historique canadien allerdings unter dem gebräuchlicheren Namen Le musée de cire de Montréal, Montreals Wachsfigurenmuseum. Als das Museum 1989 geschlossen wurde, wurden ungefähr 200 Figuren durch das Musée de la civilisation übernommen.

Die dargestellten Szenen der Héros de cire (Helden in Wachs), so der Titel der Ausstellung, sind selbstredend. Beginnend mit Jacques Cartiers Landung in Gaspé ( Le débarquement de Jacques Cartier à Gaspé ) und Frontenac in Cataracoui, zeigt die Ausstellung eine Szene zur Gründung Montréals, den Herzog von Lévis ( Le duc de Lévis ), Jeanne Mance, Marguerite Bourgeoys und Marguerite d’Youville (die drei bekanntesten Ordensschwestern der Nouvelle-France) und schließlich Kateri Tekakwitha, bekehrte Amerindianerin, die 1980 seliggesprochen wurde.832

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Die Ausstellung ist ein aufschlussreicher Zeitzeuge zur Entwicklung der Abbildung historischer Figuren. Menschenattrappen in historischen Kostümen in ihrem ‘natürlichen Habitat’ abzubilden, stellt eine eigene Form des musealen Ausdrucks dar, der sich möglicherweise an den Vorbildern der Naturkundemuseen des 19. Jahrhunderts inspirierte.

Mit Ausnahme von Details im Dekor der Kleidung gibt es kaum Unterschiede zwischen den einzelnen Exponaten, ob sie 1935 oder Jahrzehnte später angefertigt wurden. Gleichzeitig ist es gerade die Ausstellung der Ausstellung, die Aufmerksamkeit verdient. Haben die Szenen im Jahr 2002 zwar noch immer ihren primären Effekt einer beschaulichen Repräsentation, so wird diese doch bereits gebrochen, nicht nur durch die Wahrnehmung des Zuschauers, sondern auch per Anleitung. In einem vom Musée de la civilisation in Québec für diese Ausstellung angefertigten Informationsmaterial833 werden zum Thema Les héros de la Nouvelle-France die einzelnen Szenen vorgestellt ( propos ) und die Behandlung des Themas besprochen ( traitement ). Mit dem Material werden Führungen vorbereitet, es wird also über das Museumspersonal an die Besucher (die Öffentlichkeit) vermittelt. Der Text informiert über die Erstellung der Szenen, Besonderheiten der Kleidung (wie die Pariser Herkunft) und historische Hintergründe. Auf den Informationsseiten des Museums wird dieser Bruch in der Überschrift annonciert: Héros de cire - un univers fantastique où l’illusion et le jeu, le vrai et le faux se confondent. 834 (Helden aus Wachs - ein fantastisches Universum, in dem Illusion und Spiel, wahr und unwahr ineinanderfließen.)

Die Drehbuchautoren (es handelt sich um eine Inszenierung des kulturellen Gedächtnisses) der Ausstellung unterstreichen das von der Museographie der 1940-er Jahre Ungesagte: Machtspiele, Auseinandersetzungen zwischen Akteuren, Männer der Handlung und Frauen des ‘Inneren’. Sie setzen sich explizit mit der Abwesenheit von chronologischen und thematischen Perspektiven der ursprünglichen Museumsmacher auseinander und beschreiben die intendierte bildende und patriotische Funktion der Szenen.835

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Von besonderem Interesse sind die Brüche mit den ursprünglichen Intentionen, die Stellen, an denen das Museum von heute das Museum von damals korrigiert oder kritisiert. Im traitement zur Szene, die Cartiers Ankunft in der Neuen Welt beschreibt, lesen wir die Indianer-Figuren betreffend, dass man diesen die Rothautstereotypen vorwerfen kann, die den Bildern entsprächen, die sich Franzosen und Québécois in den 1930-er Jahren und später gemacht haben. (« On peut leur reprocher leur aspect stéréotypé de Peaux-Rouges, fidèles en cela aux images des Amérindiens que se faisaient les Français et les Québécois dans les années 1930 et même plus tard. »836)

Die Beschreibung der Vorgänge und das Vokabular greifen immer wieder in die Darstellung ein: Frontenac macht ein gutes Geschäft, indem er wertlose Geschenke gegen Felle tauscht und die beiden Parteien heißen civilisation européenne und civilisation autochtone.837 Die Hautfarbe der Indianer sei wie in den anderen Szenen mit einem braunen Ton viel zu dunkel geraten.

Die visionäre Gründung Montréals durch Paul de Chomedey, sieur de Maisonneuve im Jahre 1641 befindet sich in der Ausstellung neben der Szene, die Lévis, als Verteidiger der Nouvelle-France gegen die angreifenden Truppen zeigt. Waren es im 17. Jahrhundert Irokesen, so sind es gut 100 Jahre später die Engländer, von denen die Kolonie bedroht wird. Das Informationsmaterial weist auf die von der Phantasie der Museumsleitung inspirierten Farben der Uniformen und den bezweckten theatralischen Effekt hin. Im Sinne der Gegenwart sind auch die didaktischen Richtlinien zu den Szenen, die Jeanne Mance und Marguerite Bourgeoys beim Verbinden eines skalpierten Mannes zeigen und Marguerite d’Youville, die in christlicher Nächstenliebe einen englischen Offizier vor Indianern mit bösen Absichten zu retten versucht. Das Informationsmaterial geht auf die unentbehrliche Rolle von Frauen in der Kolonie ein, die traditionell eine andere gewesen sei, als die von (handelnden, aktiven) Männern. Die letzte Szene, Kateri Tekakwitha, knieend, die Hände zum Gebet gefaltet, mit erhobenem Blick in freier Natur, wird als Symbolisierung der geglückten Vereinigung zweier Kulturen gelesen. (« Kateri Tekakwitha symbolise la réussite de la réunion de deux grandes cultures, la culture amérindienne s’harmonisant à la culture européenne. »838) Dieses Gleichgewicht zwischen zwei Welten, erfährt man, sei allerdings schwer aufrechtzuerhalten.

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Die abschließende Zusammenfassung liest sich wie ein strenger Kommentar eines Lehrers zur Geschichte der Nouvelle-France, die großen Ziele seien zu oft durch Machtansprüche und Gewinnsucht zerstört worden, die gerechte Aufteilung des Landes und wahre Spiritualität hätten wenig Platz erhalten. Den Sinn der Ausstellung, so die abschließenden Worte, müsse der Besucher selbst finden, wie die Geschichte habe auch die Besprechung keinen Abschluss.

Es stellt sich die Frage, was die Ausstellungen im Musée catholique canadien 1935 und im Musée de l’Amérique française 65 Jahre später trennt und was sie verbindet. Die Erinnerungsleistung scheint zweifacher Natur zu sein: Die Besucher der Ausstellung in der Gegenwart erleben zum einen den ursprünglich intendierten Sinn der Erinnerung an die Helden der Nouvelle-France. Die Szenen erlauben im Jahre 2000 wie zum Zeitpunkt ihrer Erstellung einen ungebrochenen Eindruck davon, « wie es war ». Wachsfiguren in Menschengröße in einem « natürlichen » Dekor und in der Kleidung der Zeit (authentisch oder nicht) scheinen unserer Wahrnehmung entgegenzukommen; der Betrachter kann sich vorstellen, « das es so war ». Andererseits unternimmt die Leitung des Museums Anstrengungen, einen kritischen Blick der Gegenwart auf die Exponate und den Geist der Zeit zu werfen. In Form didaktischer Korrekturen wird auf stereotype Bilder und die weniger heroischen Realitäten der eigenen Geschichte verwiesen. Dieser Eingriff geschieht im Tonfall einer Ergänzung, die der Ausstellung eine zweite zeitgeschichtliche Ebene verleiht, ohne den ursprünglichen Sinn in Frage zu stellen. Die beiden Ebenen scheinen sich dabei weniger zu behindern, als man annehmen könnte; die primäre Heldendarstellung und der sekundäre Bruch koexistieren in einer friedlichen Erinnerungslandschaft.

In Montréals McCord Museum, im englischsprachigen Teil der Stadt, wird gleichzeitig, im Sommer 2001, eine großangelegte Ausstellung zu den Arbeiten von Cornelius David Krieghoff gezeigt. 1815 in Amsterdam geboren und seit 1830 in den Vereinigten Staaten, lernt Krieghoff im ehemaligen New Amsterdam eine junge Kanadierin kennen und zieht 1840 nach Montréal. Zwischen 1853 und 1868 lebt Krieghoff in der Stadt Québec. Die Welt verdankt ihm gute 2000 Darstellungen des einfachen Lebens in Frankokanada, bzw. in der Province of Lower Canada. Als er 1872 in Chicago stirbt, kennt man seinen Namen in London, Paris, New York und Montréal. Gemälde, Postkarten und unzählige Nachdrucke von Lithographien und Aquarellen fanden rasch Verbreitung und haben bleibende Spuren hinterlassen.

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Das Thema seiner « Scenes in Canada » variiert kaum: eine Mappe mit Lithographien, die 1848 unter dem Titel « Life in Lower Canada » erscheint, enthält neben Darstellungen von feiernden, schlittenfahrenden und kartenspielenden Canadiens Indianerbilder wie « Indians and squaws of Lower Canada ». Auch spätere Arbeiten bleiben diesen Inhalten treu, wie in einem Gemälde von 1857 mit dem schönen Titel « Country ball, the morning after a merry-making in Lower Canada ». Die künstlerischen Qualitäten Krieghoffs können hier nicht diskutiert werden. Angemerkt sei lediglich, dass die Gemälde und Zeichnungen in Form und Inhalt nicht durch Abwechslungsreichtum auffallen. Seine Darstellungen sind dabei durchaus von ethnologischem Interesse, weil sie eine Welt beschreiben, die vor seinen Augen zu verschwinden begann und von der es keine photographischen Zeugnisse gibt.

Krieghoffs Kunden sind zunächst die englische Bourgeoisie und das Militär von Toronto und Montréal. Wir sind in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die Idee des Tourismus ist geboren und man schmückt sein Heim mit Bildern der Fremde. Später, 1867, im Jahr der Gründung der kanadischen Konföderation, wird Krieghoff seine neue Heimat im kanadischen Salon der Weltausstellung in Paris repräsentieren. Schon 1864 war Krieghoff nach Europa gekommen, wo seine Visionen einer reizenden frankokanadischen Bauernwelt und amerindianischer Stammeskultur reißenden Absatz fanden. Krieghoffs Bilder haben allerdings nicht nur das Kanada-Bild in Europa wesentlich geprägt, sondern auch das Bild, das sich Canadians von ihrem Land machen, oder genauer, eines Teils davon. Dem Thema entsprechend handelt es sich hier zuvörderst um das Bild einer zurückgebliebenen Kultur, die nicht ernst genommen werden kann. Krieghoffs Bilder des « Lebens in Unterkanada » haben keinen klaren politischen Inhalt und keinen politischen Kontext. Der an den Verkauf seiner Gemälde denkende Krieghoff zeichnet das Bild jener Kultur ohne Geschichte und Literatur, die sein Zeitgenosse John George Lambton gesehen hatte. Die heißen Diskussionen um die politische Zukunft des Landes in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, die parlamentarischen Krisen, die Aufstände von 1837-38 und ihr Ausgang haben keine Protagonisten für die Bilder gestellt, auf denen angetrunkene Bauern mit Schlappmützen durch den kanadischen Schnee stapfen.

Der Erfolg seiner Darstellungen spricht für sich, einige seiner Zeichnungen sind in wahren Massenauflagen verlegt worden, wie die wenig fromme Szene, in der jemand die Bitte um eine gute Gabe mit einem deftigen Spruch beantwortet. (« Pour l’amour du bon Dieu? – Va au diable! »). Ein ähnlicher Erfolg war den Habitant Poems des 1864 aus Dublin nach Kanada gekommenen William Drummond (1854-1907) beschert. Seine Canadiens, die Helden in mehreren, vielgelesenen Gedichtbänden, radebrechen in romantisch gebrochenem Englisch und könnten den Soundtrack zu Krieghoffs Bildern liefern.839

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Von Interesse ist weniger die Tatsache, dass Cornelius Krieghoff – oder William Drummond, dessen Poesie nebenbei bemerkt nicht gewisser Qualitäten entbehrt – in dieser Weise ihre Umwelt reflektierten, als vielmehr die Funktion und Wirkung, die ihre Darstellungen gehabt zu haben scheinen. Das Auslöschen eines ernstzunehmenden Anderen, der hinter einer komischen Figur verschwindet und nicht ernsthaft einen Anspruch auf Mitsprache stellen könnte, die Infantilisierung der französischsprachigen Québécois – sollte sich das eigentliche Unterfangen derart formulieren lassen?

Die Ausstellung in Montréals McCord Museum hat keine großen Wellen geschlagen, Krieghoffs Darstellungen sind in Québec wenig bekannt und werden vielleicht ihrerseits nicht sonderlich ernstgenommen. Der Besucher erfährt auf kleinen Informationstafeln Wissenswertes über Krieghoff und an einer Stelle wird erwähnt, dass seine Scenes of Canada von einigen für sympathisch und von anderen für herablassend gehalten werden (sie sind sympathisch und herablassend, das ist das Geheimnis ihres Erfolges); die unbefangene Ausstellung zeigt allerdings, dass das Museum dieser Frage nicht lange nachgegangen sein kann.

Krieghoffs Bilder liegen jenseits der nicht immer sichtbaren Linie zwischen dem kulturellen Gedächtnis der französischsprachigen Québécois und dem der englischsprachigen Quebeckers. Warum drängt sich die Idee der Sprache auf? Ein kurzer Blick in Québecs Schulbücher zeigt, dass in keinem der französischsprachigen Schulbücher Krieghoff erwähnt wird oder eines seiner Bilder erscheint.840 Diverse Pasts, das Geschichtsbuch, mit dem englischsprachigen Kindern in Québec die Geschichte des Landes nahegebracht wird, beginnt im Vorwort mit zwei halbseitigen Abbildungen von Krieghoff - « Breaking Lent », von 1848 (eine Familie bricht in ihrem dunklen Raum das Fastengebot und wird von einem düster blickenden Priester dabei ertappt) und « The Toll Gate » von 1861 (wilde Schlittenfahrt durch Schneelandschaft). Die Autoren des Schulbuchs beschreiben hier unter anderem Krieghoffs Beobachtungsgabe: « The scene [...] shows Krieghoff’s ability to capture everyday life, or what we call popular culture. What can you learn from this picture [...] ? » 841Was wir von den Bildern lernen können, wurde in Form einer Frage weiter oben formuliert.

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Auf eine weitere Ausstellung sei an dieser Stelle verwiesen, weil sie die explizite Thematisierung der Erinnerung – la mémoire – programmatisch in ihrem Titel trägt. Québecs Musée de la civilisation zeigt im Sommer 2001 fünf Ausstellungen. Die Themen sind divers und entsprechen den Erinnerungsgeschäften der Gegenwart in Québec: Die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Frankreich und Québec, die kanadisch-indianische Gegenwart (« Nous, les amérindiens »), die französische Sprache in der Welt (« Le français dans tous ses états »), die postmoderne Kulturenmischung (« Métissages » von Robert Lepage) und schließlich « Mémoires », auf die hier eingegangen werden soll.842

Die explizite Thematisierung der Erinnerung in einer großangelegten Ausstellung ist für sich genommen ein interessanter Tatbestand. Er beschreibt eine neue Form der (gesellschaftlichen) Selbstreflexion, die seit einigen Jahren in ähnlicher Form in einer Reihe von Ländern beobachtet werden kann. Québecs offizielles Motto und inoffizielles Leitmotiv wird im Rahmen dieser ‘postmodernen’ Selbstbefragung in ganz besonderer Weise gefordert. Mit der Vergangenheit als emeritiertem Meister aller Dinge steht die Verwaltung der Erinnerung in Québec vor der Aufgabe, den Bruch mit den Bildern der eigenen Identität nicht zu hart werden zu lassen. Diese Bilder beschreiben den Sinn einer Gemeinschaft, die es in hypothetischer Ermangelung des mnemosynen Meisters (eine Meisterin! « Notre maîtresse, le passé »843) auch nicht geben könnte. Die Ausstellung Mémoires zeigt, dass und wie Québec mit sich und einer veränderten Welt umgehen kann. Gleichzeitig werden aber auch die Grenzen eines erinnerungstechnischen Selbst-Tribunals deutlich.

« La mémoire se nourrit de souvenirs, d’impressions, de sensations...les peuples, comme les individus, ont besoin de leur mémoire pour se développer. Un peuple sans mémoire est un peuple sans avenir. »844 Mit diesen Worten, die den Besucher der Ausstellung begrüßen, wird jene Mahnung formuliert, mit der sich die Hüter des kulturellen Gedächtnisses an die Gemeinschaft wenden. Die Warnung vor einer kollektiven Amnesie stellt auch einen Aufruf an die gemeinsame Erinnerung dar. Deutlicher als in der Alltäglichkeit von Nummernschildern mit dem Motto Je me souviens, wird hier auf ein kollektives Erinnern im Rahmen einer öffentlichen Angelegenheit, einer (zeremoniellen?) Veranstaltung verwiesen. Diese Veranstaltung ist die Ausstellung, Ort der Bereitstellung von Wissen, der erst durch den Besucher seiner Bestimmung gerecht wird. Das identitätssichernde Wissen der Gruppe muss inszeniert werden und wird erst durch die Teilnahme zu dem, was es sein kann: Sinnstiftung und Handlungsmotivation. Diese Charakterisierung trifft für alle hier beschriebenen und zu beschreibenden Inszenierungen zu: die Wachshelden der Nouvelle-Francedes Musée catholique (« historique ») canadien, McCords un-politische Canadiens von Cornelius Krieghoff, die Erinnerungslandschaften des Musée de la civilisation und die im Anschluss beschriebene Pressewoche zur « kanadischen Mythologie ». Dabei handelt es sich nicht um administrativ sortierte Öffentlichkeiten: die Inszenierungen sind zwar kostenpflichtig aber nicht exklusiv, jeder hat Zutritt zu jedem Museum. Die Realitäten sprechen allerdings eine eigene Sprache, in Abhängigkeit vom Bild des jeweils Anderen. Denn der Andere der Wachshelden ist vorerst der Engländer, der Andere Krieghoffs ist der französischsprachige Habitant (in beiden Fällen gibt es noch einen anderen Anderen, den Indianer). Diesem Sinn der Inszenierungen folgen auch der Sinn der Partizipation und die mitgenommenen Bilder. Der Besucher der Ausstellung Mémoires wird im Eingangsbereich auf das Programm der Ausstellung verwiesen, hier nun wird ein heterogenes Selbstbild beschrieben, das nicht zuletzt durch den Blick des Anderen konstituiert wird:

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Cette exposition sur l’identité culturelle trace, par l’intermédiare des mémoires, un portrait des Québécois. Les traits qui nous unissent et les souvenirs que nous partageons caractérisent cette identité; c’est-à-dire ce par quoi nous sommes d’ici, ce par quoi les autres nous définissent. Les Québécois n’affichent pas pour autant la même façon de penser ni la même manière d’agir. Chacun participe différemment au façonnement d’une identité plurielle.845

Der Besucher durchschreitet einen reich illustrierten Bogen von thematischen Abschnitten, die sechs Formen des Gedächtnisses beschreiben: « la mémoire nostalgique, la mémoire des adaptations, les mémoires refoulée, obligée et libre; enfin, une mémoire bilan. » (nostalgische Erinnerung, Erinnerung der Anpassung, verdrängte Erinnerung, vorgeschriebene Erinnerung, freie Erinnerung, Erinnerung, die Bilanz zieht). Auf die zahlreichen Details, die eine solche Einteilung symbolisiert, soll hier nicht eingegangen werden, in der Tat bietet die Ausstellung den Stoff für eine eigene Arbeit. An dieser Stelle soll lediglich auf die Tatsache hingewiesen werden, dass es eine solche Ausstellung gibt, die sich explizit mit den Formen, den Imperativen, den Dysfunktionen und den Schlussfolgerungen des kollektiven Gedächtnisses beschäftigt. Am Ende der farblich (rot, blau, weiß) abgesetzten Räume der Ausstellung findet der Besucher - der Teilnehmer - einen abschließenden Hinweis auf die Mission des Gesehenen. Mit Bezugnahme auf Québecs Motto Je me souviens und seine Anwesenheit im Alltag der Menschen resümiert das Museum wie folgt: « L’exposition Mémoires tente de répondre aux attentes de cette devise. Elle se veut un point de repère pour aider une collectivité à se souvenir. » 846

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Dem Museum gelingt es freilich nicht nur, Grenzlinien nachzuziehen, sondern diese an anderen Stellen mit entsprechend pompösem Aufwand auch verschwinden zu lassen. In einem beschaulichen Spektakel lässt das Musée Stewart im Fort île Sainte-Hélène britische Soldaten der Olde 78th Fraser Highlanders in ihren scharlachroten Uniformen und mit Dudelsackklängen neben Soldaten der Compagnie franche de la Marine in ihren königsblau-weißen Uniformen in friedlichem Einklang marschieren. Die Truppen der französischen Marine waren zwischen 1683 und 1760 zum Schutz der Nouvelle-France eingesetzt und geben der heutigen Szene in den Befestigungsanlagen auf der Insel im Sankt-Lorenz-Strom einen anachronistischen Ton, wurde diese doch von den britischen Behörden gebaut, um sich nach der Übernahme der französischen Kolonien gegen US-amerikanische Angriffe zu schützen. Einen vergleichbaren Schluss ziehen die Autoren einer Studie, die sich mit der identitätsstiftenden Funktion staatlich verwalteter historischer Orte um Québec beschäftigt. Auch hier werden Bilder militärischer Auseinandersetzungen vermittelt, in denen die Rivalitäten zwischen Franzosen und Engländern systematisch ausgeblendet werden und weniger die Brüche als die Kontinuitäten in der Besetzung der jeweiligen Orte betont wird.847 Eine vergleichbare folkloristische Nähe zwischen den ehemaligen Kontrahenten bietet sich dem Besucher der Feierlichkeiten zum Canada Day in Quebec City: Darsteller im Kostüm der Compagnie franche de la Marine stehen neben anderen in historischen Röcken der britischen Armee und verteilen rote Ahornfähnchen und Handzettel mit Einladungen zum großen Kuchenessen im kleinen Museum an der Stadtmauer. Einmal im Jahr wird so in den Kostümen der Vergangenheit das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl demonstriert.

Dass es sich bei diesen Inszenierungen auch um politische Vorgänge handelt, zeigt das enorme Anwachsen der Zahl von Museen und « lieux historiques pourvus de centres d'interprétation » in Québec im Zeitraum von 1965 bis 1985. Die Einbindung dieser « lieux de production et de diffusion de mémoire » 848 in die strategischen Vorhaben der Regierungen in Ottawa und Québec mit Bezug auf das kulturelle Gedächtnis ist als Ausdruck der Neuformulierung der Identität Québecs im Anschluss an die Révolution tranquille und Kanadas Identitätspolitik seit den 1960-er Jahren zu lesen, auf die in Kapitel « Zeichen, Farben und Lieder » eingegangen wurde. Museen und « historische Orte » sind von zentraler Bedeutung für die memoriale und identitäre Rekonfigurations- und Rekonstruktionsarbeit. Sie sind ein Bereich staatlicher Intervention, weil hier, wie in den Schulen, Referenzen auf das nationale Gedächtnis und die kollektive Identität verwaltet werden.

Museen und ihre outlets sind Orte der Begegnung, an denen sich Menschen treffen und dabei sehen können. Das Museum wurde hier als Inszenierung des kulturellen Gedächtnisses betrachtet – die Objekte des Museums sind Exponate und Besucher zugleich.

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Eine andere Art der Öffentlichkeit trifft sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert in weniger augenscheinlicher Form. Der Kreis der Lesenden der Tagespresse wurde geboren mit der Bereitstellung der nötigen Voraussetzungen: standardisierte (nationale) Sprachen, alphabetisierte Bevölkerungen (zunächst einzelne Schichten), Schnelldruckpressen und großterritoriale Kommunikations- und Transportsysteme. Diese Öffentlichkeiten waren in Kanada nationale und auch transnationale Gemeinschaften. In Montréal und Toronto wurde im 19. Jahrhundert, wenn auch mit Verzögerung, die Presse aus London, Paris und New York gelesen und kommentiert. Der transnationale Aspekt war dabei zumeist asymmetrischer Art, in London oder Paris kümmerte man sich wenig um die Presse in Montréal oder Québec.

Canadian Mythology

Unter dem Titel Canadian Mythology veröffentlichten die großen kanadischen Tageszeitungen The Globe and Mail und La Presse im März 2001 gleichzeitig in der jeweiligen Sprache eine 6-teilige Serie von Artikeln, die mit ihren Themen und Autoren verschiedene Gesichter der kanadischen Gegenwart und verschiedene Perspektiven auf die Vergangenheit repräsentieren. Neben den beiden genannten Zeitungen war das kanadische Dominion Institute und John Ralston Saul an der Initiative beteiligt, die von Montag bis Freitag längere Artikel und am Samstag den Abdruck einer Rede von Alain Dubuc landesweit unter die Leute brachte. Diese nahmen das Angebot zur Diskussion in bemerkenswerter Weise auf und reagierten mit zahlreichen Leserbriefen, die für sich genommen eine eigene Darstellung verdienten. Die simultane Veröffentlichung gab dem Unterfangen eine nationale (kanadische) Dimension, die die beiden Lesegemeinschaften zumindest potentiell zu einer machte. Will man die Bezeichnung der nationalen Gemeinschaft für Québec akzeptieren, dann bedeutet die Initiative von Globe and Mail und La Presse eine transnational-kanadische Begegnung. Die Auswahl der Autoren und der Themen arbeitet allerdings gegen eine binationale Konzeptualisierung und favorisiert stattdessen das Schema einer anderen Heterogenität.

Am Montag der Märzwoche schreibt Jocelyn Létourneau, Historiker aus Québec, zu den Fallen, die Fragen nach der Identität mit sich bringen. Am Dienstag schreibt John Richards über die Mythen der westlichen Provinzen Kanadas – Manitoba, Alberta, Saskatchewan, British Columbia – und ihr Verhältnis zu Ottawa und Québec. Am Mittwoch spricht Margaret Conrad über Atlantic Canada – New Brunswick, Nova Scotia, Prince-Edward-Island (und Newfoundland), am Donnerstag Drew Hayden Taylor über den ‘Mythos indianischer Mythen’ und am Freitag erscheint ein Artikel von John Ralston Saul zur « Nordizität » Kanadas. Alain Dubucs umfangreiche LaFontaine-Baldwin Lecture, eine Hinterfragung der Idee nationaler Identität, beendet die Woche der Kanadischen Mythologie.

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Die Autoren der Artikel präsentieren fünf kulturelle Angelegenheiten: vier Regionen und ihre Menschen und, im Falle von Drew Hayden Taylor, Menschen und ihre Plätze in der Gesellschaft.

Kanadas große Regionen sind seit den späten 60-er Jahren Thema des akademischen Interesses geworden. Mit den Arbeiten von Ramsay Cook und J.M.S. Careless wurden Fragen zu « begrenzten Identitäten » ( limited identities ) gestellt849, die nicht ohne Folgen auf regionale, ethnische und soziale Perspektiven in der Forschung und schließlich im Identitätsdiskurs blieben.850 Die zahlreichen Publikationen der letzten Jahrzehnte begleiten und illustrieren ein Bild von Kanada, das unter anderem von mehreren großen Regionen (und Identitäten) ausgeht: Ein östlich-maritimes (oder atlantisches), zwei östlich-zentrale Regionen (Québec und Ontario), ein westliches und ein nördliches Kanada.851

In diesem Kontext sind die Wortmeldungen im Rahmen der Pressewoche zur Canadian Mythology zu sehen. Der Heterogenität der Themen entsprechend, haben die Autoren auch verschiedene Vorstellungen von dem, was einen Mythos ausmacht, was er bedeutet und welche Schlussfolgerungen zu ziehen sind.

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Die Woche beginnt mit J. Létourneaus Artikel We’re trapped by mistaken identity.852 Der Autor eines Buches zum Verhältnis von Geschichte, Gedächtnis und Identität im heutigen Québec geht auf die bildliche und verbale Konstruktion von Fremdbildern ein, die, wie E. Said mit Orientalism gezeigt habe, den Vorstellungen und Ängsten des Bildners und weniger dem Abgebildeten entsprechen. Er bezweifelt, dass die heutigen Kommunikations- und Wissensformen diesen Umstand notwendigerweise ändern müssen, weil uns der Fluss von wahren und falschen Bildern umgebe und wir es nicht immer merken. Die Herkunft des Mythos – ein Bild umhüllt und verdeckt die gemeinte Sache – sei auch das eigentliche Problem. Mit Verweis auf D. Francis merkt Létourneau an, dass Fremdbilder auch die kanadische Realität bestimmen:

But we don’t have to look far to find inaccurate images that we have created of others and they of us.

Daniel Francis, an historian who has studied our own national mythology, offered an insightful look at how an image of Canada, once predominant and supported in English Canada in particular, grew out of a collection of stories, icons and myths, such as the great Canadian wilderness, the heroic nation builders, the worship of the North, Anglo-Saxon superiority and the infantilization of Francophone Quebeckers.853

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Die Bilder, mit denen die nationale Psyche geformt wurde, seien Teil der kulturellen Landschaft der Gegenwart. Eine Krise wie die von Oka im Jahre 1990854 habe in Form einer öffentlichen Bilderschlacht die Saga des Landes und ihre bleibenden Mythen illustriert: « the English versus the French, reason versus passion, sovereigntists versus federalists, Quebec versus Canada, Indians versus whites, good versus evil. » Létourneau entwirft schließlich einen (utopischen?) Weg, sich von den nationalen Mythen zu trennen, die Vergangenheit neu zu entdecken und damit der Zukunft neue Möglichkeiten zu eröffnen « so that the next generation does not have to live with this destructive legacy of a past that dictates the future. »

Am Dienstag folgt John Richards Artikel Blinkered by rectitude.855 Der Autor, Professor an der business faculty der Simon Fraser University, lässt den Text mit dem Wort politics beginnen; er beschreibt den Zustand menschlicher Gemeinschaft, die gemeinsam Dinge tut und traditionelle Geschichten benutzt, eine Weltsicht mit Geschichte zu erklären. (Richards bezieht sich auf die Mythosdefinition in Webster’s Dictionary.) Ob sie nun wahr seien oder nicht, unsere Mythen sagen etwas über uns aus. Die « Scheuklappen der Rechtschaffenheit » im Titel beziehen sich auf die beiden großen Mythen des kanadischen Westens – einer Vergangenheit im pioneer spirit und einer Gegenwart des good government: « The first myth of Western Canadians is that we embody the traditions of the pioneers, of hardworking immigrants from many lands who plowed the sod, who created an ocean of wheat from the banks of the Red River to the Peace River, who built solid, self-sufficient communities. » Das nicht immer von Vertrauen gezeichnete Verhältnis zu den Vertretern der Regierung in Ottawa sei ein Ergebnis dieses Mythos. Gleichzeitig sei das fehlende Verständnis für Québec und seine Ansprüche mit dieser Wahrnehmung zu erklären. Nach Manitobas Sprachgesetzen im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts856 habe multikulturelle Integration im Westen Kanadas, wie in den Vereinigten Staaten, die Assimilation zur englischen Sprache bedeutet. « One consequence of our myth about multicultural integration is that few Westerners appreciate francophone Quebeckers’ myth – that Confederation is a means to enable ‘their’ government to preserve and promote French language and culture. » Der Widerstand gegen die Regierung in Ottawa und der Druck für stärkere Dezentralisierung schließlich hänge mit der Idee zusammen, die Tugenden der pioneers schlagen sich in den heutigen Formen der westlichen Provinzregierungen nieder. Richards nennt die « Mythen des Westens » beim Namen, beschreibt Probleme und unterstreicht das Zutreffende und Sinnvolle an ihnen.

Am Mittwoch steht ein Text aus dem maritimen Osten auf dem Programm. Margaret Conrad ist Geschichtsprofessorin an der Acadia University und Koautorin (mit James K. Hiller) von Atlantic Canada: A Region in the Making. Conrad beginnt ihren Artikel mit einem Satz, der die Argumentation und den gewählten Mythosbegriff beschreibt: « No region of Canada has suffered more from the complex intersection of history, heritage, and myth than the Atlantic provinces. »857 Die Historikerin wirft den Machern der nationalen Fernsehdokumentation Canada: A People’s History vor, Atlantic Canada pro forma, gewissermaßen als Alibi abgehandelt zu haben, « the token treatment of the region in the CBC’s much-lauded Canada: A People’s History series », und kritisiert später die Darstellung von Joseph Howe und der Bewegung gegen die Konföderation von 1867, die im nationalen Narrativ ausgelöscht scheint. Mehrere falsche Vorstellungen zur Region, so Conrad, nehmen die Form von Mythen an: Atlantic Canada werde in akademischen Kreisen als erzkonservativ beschrieben, Kanada nehme an, die Region bekäme mehr aus dem Bundestopf, als ihr zusteht und schließlich sei die Zusammenlegung mit Newfoundland (seit 1948 Teil Kanadas) unter dem Begriff « Atlantic Canada » mehr als fragwürdig. Conrad schließt mit einem ernsten Ausblick, der die Auswirkungen von Mythen bezeichnet:

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So what is to be done? In my classroom, I often ask my students to look at national policy since Confederation and decide where the region went wrong. Most of them conclude that the biggest mistake was joining Canada in the first place. With impeccable logic untainted by the complex realities of human affairs, my students suggest that, while Confederation may have worked in the age of rail and the welfare state, it serves us less well in the era of globalization.

Eine Sicht, die Fragen zur Mythologie anders stellt, präsentiert der Schriftsteller und Filmemacher Drew Hayden Taylor.858 Die Donnerstagsausgabe kündigt ihn als Ojibway859 an und er beschreibt sich in seinem Artikel als a « fellow of proud Ojibway heritage ». Sein Beitrag zur Initiative Canadian Mythology symbolisiert eine ethnische (nationale) Dimension, die, so der Autor, im Plural gelesen werden sollte. Thema seines Artikels: « The myth of pan-Indianism ». Innerhalb der Grenzen dessen, was heute als Kanada bezeichnet wird, gebe es 50 verschiedene Sprachen und Kulturen, die sich nicht mit einem Begriff umschreiben lassen. Taylor beginnt seinen Artikel mit einer Anekdote. Während einer Vortragsreise durch Deutschland habe ihn eine junge Frau gefragt, ob sich indianische Frauen, wie andere nordamerikanische Frauen die Beine rasieren. Diese Frage sei symptomatisch für eine allgegenwärtige Auffassung. « The young lady had begun her question with ‘Do Indian women ...?’ Sometimes the questioner substitutes First Nations/Native/Aboriginal/Indigenous for Indian; however it’s worded, it reveals a persistent belief that we are all one people. » Allerdings kommt Taylor nicht umhin, in seiner eigenen Argumentation von Native peoples, Native way und non-Native communities zu sprechen, ein Umstand, auf den er selbst verweist. Taylor wehrt sich gegen den Mythos vom Alkoholismus der Natives, der unter anderem mit falsch gelesenen Statistiken zu tun habe. Wo es um die Legenden der Vorfahren geht, werde « Our teachings » dem Begriff des Mythos vorgezogen, dieser bedeute schließlich nichts als « ... a lie that was handed down by our grandfathers ».

John Ralston Saul schreibt einen Artikel aus Pond Inlet, an der Spitze von Baffin Island, einem der nördlichsten Punkte Kanadas.860 Tausende Kilometer von den dicht besiedelten Gegenden im Süden Kanadas entfernt, beschreibt Saul das Bild einer anderen Nation, einer Nation des Nordens und schreibt damit am Tagebuch eines Mythos. Seine Kritik richtet sich einerseits an die Vorstellung, ein demokratisches Land strukturell nur unter dem Gesichtspunkt der Bevölkerungsdichte zu denken. Kanada verliere so seinen Sinn. Man müsse lernen, die Ideen von Raum und Bevölkerung in einem Gleichgewicht zu denken.

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Andererseits habe sich Kanada mit den Gründungsvätern LaFontaine und Baldwin gerade für die Entwicklung eines eigenen Weges entschieden, der sich von den euro-amerikanischen Entwicklungen einer Geschichte, einer Sprache und eines nationalen Mythos unterscheide. (Seine Argumentation entspricht seinem 1997 erschienenen Buch Reflections of a Siamese Twin: Canada at the End of the Twentieth Century ) Kanadas Identität beruhe auf seiner Komplexität (« our original idea of a multicentred nation ») und einer Geschichte, die Kompromiss über Konflikt gestellt habe.

What does this have to do with LaFontaine and Baldwin? Well, remember that in the 19th century, when every other nation-state was gathering power at the centre and doing it by force, by legislation, by aggressive mythology, in order to reduce their national existence to a monolithic concept and reality, LaFontaine and Baldwin were leading us in the opposite direction. Their approach involved more than one language, a multiplication of power sources and an embracing of multiheaded mythologies.

Kanada – « The place of Nordicity » – habe einen eigenen Weg gefunden, symbolisiert durch das Konzept einer nördlichen Nation: « Look at Canada as a whole. Its central, defining characteristic in global terms is to be the most important northern democracy. It is, or can be, the great northern nation. »

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Die am Samstag veröffentlichte LaFontaine-Baldwin Lecture, eine junge aber mit großer Aufmerksamkeit rezipierte Institution des öffentlichen Lebens Kanadas, bildet den Abschluss und inhaltlich gesehen das Zentrum der Unternehmung. Alain Dubuc, Wirtschaftswissenschaftler, Redakteur von La Presse und Chefredakteur von Le Soleil (Québec), kann als einer der bekannteren Journalisten Québecs bezeichnet werden. Seit einiger Zeit beteiligt er sich an den öffentlichen Diskussionen und vertritt eine Haltung, die in Québec als fédéraliste bezeichnet wird. In seinen Äußerungen zu Québec und Kanada lässt er keinen Zweifel an seiner Ablehnung des pro-souveränistischen (bzw. sezessionistischen) Lagers in der Politik, was ihm eine Reihe von Anfeindungen in der Presse einbrachte. Er hat die Société Saint-Jean-Baptiste für ihr Gedenken an De Lorimier und die Politik der Regierung Québecs kritisiert. Im Jahre 2000 erhielt Dubuc den Annual National Newspaper Award für seine Leitartikel. Es ist kein Zufall, dass Dubucs Rede eine Woche der verschiedenen Identitäten und Wirklichkeiten Kanadas « vervollständigt ». Mit der Stimme eines bekannten französischsprachigen Kanadiers, der bei aller Kritik die Lösung für Konflikte nicht in der Trennung der Beziehung sieht, wird die opération dialogue, Credo des Dominion Institute, symbolisch umgesetzt. Nichts könnte den Zusammenhalt der kanadischen Nation besser versinnbildlichen.

Dubuc spricht zunächst von einem Sinn der eigenen Identität, der für Québec wie für Kanada wichtig sei. Problematisch sei die Situation, wenn ein Nationalgefühl den Kontakt mit der Wirklichkeit verliere, statisch werde und eher Ausschluss fördere, als einen Blick auf die Welt. Er überschreibt seine Rede mit den Worten, die Paul Valéry wählte, um « Geschichte » zu beschreiben.861 Für Valéry ist sie der Stoff, der alte Wunden aufhält, falsche Erinnerungen bereitstellt, zu Verlierer- oder Siegerphantasien führt und Nationen eitel, unerträglich, arrogant und bitter macht.862

Ein Blick auf den Nationalismus Québecs und den kanadischen Nationalismus ergebe, dass beide von überkommenen Ideen, Mythen und Dogmen leben: « In many respects, Canada suffers from the same ailments as Quebec. Like Quebec nationalism, Canadian nationalism is congealing under the weight of the myths and dogmas that are becoming obstacles to the nation’s evolution. » Diese « Heiligen Kühe » seien Hindernisse für die weitere Entwicklung des Landes und damit ein ernstzunehmendes Problem. Dubuc beschreibt die ethnische Basis des britisch-dominierten kanadischen Nationalismus und die Rolle von Sprache und Kultur in Québec. Auffällig sei die Verwandtschaft der beiden Nationalismen, trotz der Unterschiede. Was die Nationalismen verbindet, bestimme auch ihr Verhältnis zum jeweils Anderen:

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But the two come together in the sense that both are built on a culture of dominated peoples, Quebeckers being losers and Canadians being underdogs.

French speakers feel dominated in relation to English-speaking Canada, and to a lesser degree to the English-speaking America that surrounds them. English-speaking Canada lives in constant fear of American domination, and in moments of crisis is quick to mobilize in the face of threats from French-speaking Quebec.

Sowohl in Québec als auch Anglokanada habe man es mit einem Verliererkomplex zu tun, der die unentspannte Kommunikation erschwere. Dazu komme, dass sich Anglokanada des eigenen Nationalismus nicht bewusst werde, ein Umstand, der in Québec aufgrund der zahlreichen Instanzen unmöglich sei, die von innen und außen ständig und unmissverständlich auf nationalistische Tendenzen verweisen und somit ein geschärftes Bewusstsein geschaffen haben. Der nationale Diskurs belege indirekt die Dualität des Landes: außerhalb Québecs sind Kanadier gewissermaßen per definitionem federalists, also für den Erhalt der kanadischen Konföderation, und damit gegen die politische Souveränität Québecs, alle anderen Unterschiede werden hier unwichtig.

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When nationalism shows up on the national scene, most often in the framework of the Canada-Quebec debate, English-speaking Canadians as a whole share a single point of view. Everyone is federalist by definition; everyone reacts badly to the prospect of Quebec’s separation and everyone is moved by the same love of country.

Dubuc nennt die großen politischen Mythen Kanadas und Québecs beim Namen. Die kanadische Identität beruhe auf drei wesentlichen Elementen: der Betonung von Rechten und Freiheiten, dem Respekt von Pluralität und Differenz und den Werten von Großzügigkeit und des Teilens, die das kanadische Sozialversicherungsnetz begründen. Dabei handelt es sich um Dinge, die nicht in der fernen Vergangenheit entstanden: « The Charter [of Rights and Freedoms] is less than 20 years old; the idea of multiculturalism is 30 years old; the welfare state began to emerge 40 years ago. » Québecs « Heilige Kühe » seien nicht älter: « We find the same thing in Quebec, where the sacred cows are also remarkably young. The Révolution tranquille – the Quiet Revolution – is 40 years old; Bill 101, the French Language Charter, is 25; and the Quebec model is no more than about 30. » Kanadas Selbstbild einer Nation, deren Kardinaltugend der Respekt für Pluralismus und Differenzen ist, habe mit dem offiziellen Multikulturalismus zu tun, der nicht zuletzt eine Antwort auf die 2-Nationen-These und die Unabhängigkeitsbewegung in Québec darstellte. Kanada könne in der Tat mit der Vielfalt verschiedener Kulturen gut umgehen, nicht aber mit Differenzen jenseits multikultureller Folkore:

Canada deals well with a mosaic society, especially because the great diversity of the sources of immigration has a way of minimizing any threat. But Canada reacts quite badly when that diversity oversteps the boundaries of folklore and threatens the dominant culture.

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We’ve seen in the case of Quebec how difficult it is for English-speaking Canada to accept the principle that part of the population can be different, and that it should be formally recognized – something that constitutes the very essence of respect for diversity. We’ve seen it with the first nations, with whom we’re still painfully seeking a way of co-existing in difference.

Dubuc beschreibt schließlich weitere Formen ideologischer Orthodoxie, die aus dem Weg geräumt werden müssen, wofür Debatten der beste Weg seien. Kanadier haben das ikonoklastische Vorgehen eines Pierre Elliot Trudeau vergessen und sich zu sehr in die starre Ordnung fester Ideen begeben. Abschließend unterstreicht Dubuc die begrüßenswerte Wirkung starker regionaler Identitäten und die Notwendigkeit eines kontinentalen Bewusstseins, die Kanadier selbst werden neue Wege finden, und benötigen für den Ausdruck ihrer kanadischen (und nicht-US-amerikanischen) Identität nicht die Bevormundung durch ein sklerotisches Zentrum.

Soviel zu den sechs Beiträgen, die im Rahmen einer Medieninitiative in den beiden offiziellen Sprachen Kanadas eine Woche über « Canadian Mythology » sprachen. Die Artikel fanden in der Presse teilweise heftige Reaktionen, vor allem Alain Dubucs Rede, die eine nationale Debatte auslöste. Welche Schlüsse lassen sich aus dem hier Berichteten ziehen? Es wurde klar, dass die einzelnen Autoren mit verschiedenen, teilweise inkompatiblen Konzepten von Mythos arbeiten.

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Bezogen sich Margaret Conrad und Drew Hayden Taylor auf Bilder von außen, die das jeweils Eigene verzerren (bzw. entstehen lassen) und die Kommunikation erschweren – Taylor spricht von « Lügen der Großväter », kritisiert John Richards die Mythen seiner Gemeinschaft und rechtfertigt sie gleichzeitig, weil sie die politischen Gemeinsamkeiten ausdrücken. Jocelyn Létourneau sieht die Krisen der Gegenwart als Folge falscher Bilder der Vergangenheit und John Ralston Saul beschreibt Kanada als den anderen Ort im Norden Amerikas, der sich für mehrere große Narrative entschieden habe und macht den einen Mythos der Nordizität Kanadas stark. Alain Dubuc schließlich setzt sich mit Mythen auseinander, die so jung sind, dass sie als solche nicht erkannt werden, die Révolution tranquille der Québécois zum Beispiel und der multikulturelle Respekt Kanadas für Differenzen.

Angesichts der Wortmeldungen zur « kanadischen Mythologie » kann von einem Abschluss nicht die Rede sein. Die zahlreichen Reaktionen auf die Artikel entsprechen der von Alain Dubuc geäußerten Auffassung, mit dem öffentlichen Gespräch der ideologischen Orthodoxie etwas entgegenzusetzen. Diese Stimmenvielfalt sollte nicht als Problem gesehen werden. Sicherlich zeigt sie die Grenzen der gegenwärtigen Hinterfragung der eigenen Identität und ihrer Stellung in der Welt auf. Doch sind gerade diese definitorische Unsicherheit und die abweichenden Wegbeschreibungen ein Indiz dafür, dass mit dem angekündigten Ende der Geschichte nicht gerechnet werden muss.


Fußnoten und Endnoten

793  Douglas Coupland: Souvenir of Canada; Douglas & McIntyre, Vancouver 2002 bzw. Gaston Cholette: Au service du Québec: souvenirs; Septentrion, Sillery 1994.

794  William Lewis Bâby: Souvenirs of the past: with illustrations. An instructive and amusing work, giving a correct account of the customs and habits of the pioneers of Canada and the surrounding country, embracing many anecdotes of its prominent inhabitants, and withal an absolute correct and historical account of many of the most important political events connected with the early days of Canada and the territory of Michigan; [s.n.], Windsor, Ont. 1896.
Canada. Intercolonial Railway: A Souvenir of the Intercolonial Railway: the popular and scenic route of Canada; Govt. Print. Bureau, Ottawa 1896. (Deckblatttitel: A souvenir for tourists, sportsmen and invalids)
Paul de Malijay: Saint Jean-Baptiste, l’évangile et le Canada: Souvenir de la fête nationale du 24 juin 1874; Des Presses à vapeur de La Minerve, Montréal 1874. (Majilay, zouave pontifical canadien, zeichnet im Dialog mit einem anonymen Gesprächspartner die Hagiographie von Joh. d. Täufer, aus der sich die Gründe für die Schutzheiligenschaft ergeben. Der dominanten Lesart der klerikalen Ideologie entsprechend verabschiedet der Text Frankreich als ‘Raben-’Mutter Kanadas und feiert ein versprochenes Land göttlicher Verfügung.)
8th Central Conference of American Rabbis 1897: Souvenir programme: of the eighth annual convention of the Central conference of American Rabbis, Montreal, Canada, from July 6th to July 11th, 1897; [S.l., s.n, 1897?]

795  Ernest John Chambers: The Book of Montreal. A souvenir of Canada’s commercial metropolis, etc.; Book of Montreal Co., Montreal 1903.
Canada. National Battlefields Commission: Historical souvenir and book of the pageants of the 300th anniversary of the founding of Quebec, the ancient capital of Canada : July twentieth to thirty first, nineteen hundred and eight; Cambridge Corporation, Montreal 1908.

796  Margaret Eleanor Atwood: « A Visit »; in: Morning in the Burned House; McClelland and Stewart, Toronto 1995.

797  Vgl. Donald Preziosi (Autor von Architecture, language, and meaning: the origins of the built world and its semiotic organization; Mouton Pub., The Hague 1979): « Clearly, the built world ‘speaks’ [...] and it has long been noted that the built world presents particular transformations and embeddings of a culture’s knowledge of itself and of the world [...] One of the functions of the built world [...] is a memory bank [...] the built world, like a written text, stores information. Similarly, it is internally cross-referencing... »; bzw. « If culture is seen as a dynamic, interactive, relational system or assemblage, then clearly ‘meaning’ occurs throughout the system, and every isolable or isolated component in such a system is meaningful in some way. » Donald Preziosi in: Robin P. Fawcett et al. (Hg.): The Semiotics of culture and language; Bd.2 Language and other semiotic systems of culture; F. Pinter, London, Dover, N.H 1984, S. 50 f., S.63.

798  Gaston Miron: « Notre capitale c’est Montréal, ce n'est plus Paris. »; L’Événement du jeudi, Paris, no. 262, 09. bis 15.11.1989. (Miron, dem Lothar Maier und Pierre Filion ihre Anthologie der Literatur Québecs widmen, bezieht sich auf die Literaturproduktion und den Lesemarkt Québecs.)

799  Bezüglich der für Luther zentralen Frage des freien Willens (Artikel 13 der Heidelberger Dissertation Luthers von 1518).

800  Der Arminianismus stellt an sich keine Rekatholisierung dar. Von den englischen arminianischen Sekten (Quakers, Congregationalists, General Baptists etc.) wird das Auserwähltsein und damit die Ungleichheit der Menschen und ihrer Schicksale nicht in Frage gestellt, doch handelt es sich weniger um einen göttlichen Eingriff als um die « freie » Manifestation eines inneren Geistes. Siehe hierzu E. Todd: L'invention de l'Europe; S. 135 ff. Zum Arminianismus siehe auch Pierre Chaunu: Église, culture et société; Sedes, Paris 1981, S. 302 f.

801  Es gibt neben dem genannten zweifelsohne andere Gründe; neben der anglikanischen Kirche gibt es eine Reihe protestantischer Kirchen, denen die beschriebene Nähe zur katholischen Kirche fehlt. Die anglikansche Kirche stellt in Kanada aber die größte und einflussreichste « protestantische » Kirche dar.

802  Elson I. Rexford: Our Educational Problem, The Jewish Population and the Protestant Schools; Renouf Publishing Company, Montréal 1924, S.7.

803  « The words, ‘religious majority’ and ‘religious minority’ mean the Roman Catholic or Protestant majority or minority, as the case may be, of persons whose names are entered upon the assessment roll as rate-payers, and the word ‘Protestant’ in this Act and in any Act affecting education in the collection and distribution of school funds, shall be held to mean all persons not professing to the Roman Catholic faith. »; ebda., S.14.

804  Ebda., S. 26 f.

805  Vgl. Jan Assmann (1999), S. 134. Assmann beschreibt die « kontrastive » oder « antagonistische Solidarisierung » eines Kollektivsubjekts, « dessen Handlungsfähigkeit auf seiner Identität beruht ». Mit dem Begriff « Kollektivsubjekt » bezieht sich Assmann auf die Terminologie von K. Marx.

806  Die United Church entstand 1925 durch den Zusammenschluss der methodistischen, kongregationalistischen und eines Teils der presbyterianischen Kirchen Kanadas. Sie sieht sich in den Traditionen von Luther, Zwingli und Calvin.

807  Denkmäler für Robert Baldwin, Guy Carleton of Dorchester, Louis-Charles Boucher de Niverville, Jean Talon, James Bruce Elgin, Ignace-Michel-Louis-Antoine d'Irumberry de Salaberry, Pierre Le Moyne d'Iberville, Pierre Gauthier de Varennes et de La Vérandrye, Louis Jolliet, Jacques Marquette.

808  Jean Cournoyer, La mémoire du Québec, S. 1716. (Wahrscheinlicher ist, dass Taché seinen Bauplänen entsprechend an der Fassade des Parlaments zuvörderst die Devise Je me souviens anbringen wollte.)

809  Die grüne Farbe hat eine lange politische Tradition in England und geht wahrscheinlich auf die Zeiten von Henry I. Anfang des XII. Jahrhunderts zurück. Ein dem Königshaus angeschlossener, rechtsprechender Rat tagte an einem Tisch, der mit einem grünen Tuch ( « green cloth » ) bespannt war.

810  Speaker des Parlaments ist derzeit Louise Hamel, demnach sollte die Rede von der présidente sein, wie man in Québec zutreffenderweise sagt. (Im Gegensatz zu Frankreich, wo sich die politische Elite erfolgreich gegen ein Madame la Ministre sträubt.)

811  Laut einer Erhebung von Ipsos-Reid. Michael Valpy: « Affection for Queen remains strong in Canada »; The Globe and Mail, 03.09.2002.

812  Unter P.-E. Trudeau war der Versuch unternommen worden, den Generalgouverneursposten mit dem Titel « First Canadian » zu versehen, was aus nachvollziehbaren Gründen scheitern musste, nicht zuletzt wegen der Anspielung auf die US-amerikanische « First Person » und der sich ergebenden Degradierung der Königin, die tatsächlich « Queen of Canada » ist. Die Diskussionen zu den grundlegenden institutionellen Anachronismen Kanadas haben bis heute kein Ende gefunden.

813  Jeffrey Simpson und Michael Valpy: « Has the magic gone out of our monarchy? The Globe's Jeffrey Simpson and Michael Valpy fought the battle royal »; The Globe and Mail, 13.04.2002.

814  Valpy scheint sich auf die « Entdeckung » Neufundlands (oder von Cape Breton?) durch G. Caboto im Jahre 1497 zu beziehen.

815  Jeffrey Simpson: « Choose your side: puerile or servile? »; The Globe and Mail, 04.04.2003. In einem weiteren Artikel geht Simpson auf die Darstellung Frankreichs ein, die Kanada teile, weil sie auf einer 'anglophonen Solidarität' beruhe: « In the U.S., Britain and parts of English-speaking Canada, France is depicted as a country of cowards and obstructionists... » Jeffrey Simpson: « The world according to Dominique de Villepin »; The Globe and Mail, 02. April, 2003.

816  Mel Hurtig: The vanishing country: is it too late to save Canada?; M&S, Toronto 2002.

817  Stephen Clarkson: Uncle Sam and us. Globalization, neoconservatism, and the Canadian State; University of Toronto Press, Toronto. London, 2002. Zum Verhältnis Québec-USA siehe u.a. Yvan Lamonde: Ni avec eux ni sans eux. Le Québec et les États-Unis; Nuit blanche éd., Québec 1996.

818  Jonathon Gatehouse: « America Lite: Is That Our Future? For all our talk about differences, Canada is becoming more and more like the U.S. »; Maclean's, November 25, 2002.

819  « Ganz Amerika ist republikanisch, außer Kanada, die letzte Monarchie des Kontinents. [...] Québec hat eine republikanische Tradition, auch wenn diese verborgen bleibt. [...] Es existiert jedoch ein seltsames Schweigen über unser politisches System, unveränderlich wie Dauerfrostboden. [...] eine Republik Québec! Eine Utopie, die nicht realisiert werden kann, solange Québec Teil des Dominion ist. » Marc Chevrier: « Un legs monarchique dépassé. Notre république en Amérique »; Le Devoir, 10.07.1999.

820  Vgl. Yves Lamonde: Histoire sociale des idées au Québec; S. 19-22. Lamonde erklärt den ausbleibenden Schock und das für die britische Majestät ausgerufene Te Deum des Bischofs von Québec folgendermaßen: « Les réactions à la conquête militaire du pays par les Anglais révèlent une mentalité d'Ancien Régime. La population civile et religieuse a toujours vécu sous la monarchie absolue et elle connaît alors un changement de monarque, 'si nécessaire à ses peuples'. Les notables mêmes voient dans cet événement les 'décrets de l'Être Suprême' tandis que l'Église voit l'action de la Providence ou du 'Dieu des armées' dans les changements de 'couronness'... », ebda., S. 21.

821  Vgl. S. M. Lipset, a.a.O. Was Lipset als konter-revolutionär bezeichnet, kann freilich auch als eine Haltung gesehen werden, die stetigen, weniger abrupten Wandel favorisiert.

822  Ceremonial and Canadian Symbols Promotion; nachzulesen auf der Internetseite http://www.pch.gc.ca/ceremonial-symb/english/roy_com.html

823  Zit. in: Kim Lunman: « Royal condolences upset Bloc MPs »; The Globe and Mail, 09.04.2002.

824  Bloquiste, Vertreter des Bloc québécois.

825  Hélène Buzzetti: « Condoléances à la reine: Le Bloc refuse d'être soumis, même dans le deuil »; Le Devoir, 09.04.2002.

826  Bruce Cheadle: « Gov. Gen. Clarkson delivers eulogy for Queen Mother at commemorative service »; Canadian Press, 09. April 2002.

827  Jonathan Valois, Robert Filion, Nikolas Ducharme: « Opter pour une république du Québec »; Le Devoir, 17. Dezember 2001.

828  Claude Morisset: « Les mesures à l'anglaise »; Le Devoir, 18. Juni 2002.

829  Umgangssprachlich für Kanadier, vor allem in den USA.

830  Benedict Anderson: Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism; Verso, London/New York 1991 (1983). S. 163-185. Anderson beschreibt hier empirisch die Wirkung europäischer Institutionen in Asien.

831  Ebda., S. 178.

832  Auf die historischen Vorlagen sei kurz verwiesen: Jacques Cartier (1491-1557) erreicht 1534 das heutige Gaspé; Louis de Buade, comte de Frontenac (1622-1698), Militär, Gouverneur der Nouvelle-France; François Gaston, duc de Lévis (1719-1787), Militär, « Sieger der Schlacht von Sainte-Foy » (1760); Jeanne Mance (1606-1673), Mitglied der Société Notre-Dame und Mitgründerin des Krankenhauses von Montréal; Marguerite Bourgeoys (genannt Mère du Saint-Sacrement, 1620-1700), Gründerin der Congrégation de Notre-Dame und der ersten Internatsschule der Nouvelle-France, 1982 heiliggesprochen; Marie-Marguerite d'Youville (1701-1771), leitet das Krankenhaus von Montréal (und die Vereinigung der Sœurs grises ), 1990 heiliggesprochen; Kateri Tekakwitha (oder Tekaouitha, 1656-1680), Tochter eines Mohawk und einer Algonkin, flieht die Rache ihrer Gemeinschaft und lebt ein « frommes und beispielhaftes Leben » (J. Cournoyer, 2001, S. 1726).

833  Service des expositions thématiques, Musée de la civilisation: Héros de cire (Titre provisoire). Exposition temporaire présentée au Musée de l'Amérique française. Scénario et design préliminaire. Mars 2000. Das Musée de l'Amérique française ist Teil des Musée de la civilisation.

834  http://www.mcq.org/presse/cire.html

835  « La scénarisation de l'exposition Héros de cire met en relief les jeux de pouvoir, les rapports de force entre les personnages, l'action de l'univers masculin versus l'intériorité de l'univers féminin, contrairement à l'approche muséographique des années 1940 où, sans aucune perspective chronologique ou thématique, les tableaux servaient autant de manuels d'histoire richement illustrés que de déclencheur imaginaire ou encore faisaient vibrer la fibre patriotique chez les visiteurs canadiens-français. »; ebda.

836  Héros de cire. Scénario et design préliminaire, S. 38.

837  Ebda., S. 40.

838  ebda. S. 48

839  Zu W. Drummond und « the tendancy to erase the French fact » vgl. Wendy Waring: «Multi-post-colonial Culture: The Great White North Downunder»; Postcolonial Fictions, Journal of the South Pacific Association for Commonwealth Literature and Language Studies, Numer 36 (1993). Im Internet unter: http://wwwmcc.murdoch.edu.au/ReadingRoom/litserv/SPAN/36/Waring.html

840  In einem der Schulbücher findet sich eine Darstellung einer Gruppe von Amerindianern, die im Stil an C. Krieghoff erinnert. Der Autor wird nicht genannt. Québec: héritages et projets, S. 65.

841  Diverse Pasts, S. vii f.

842  Mémoires ist eine Dauerausstellung des Musée de la civilisation in Québec. Verantwortlicher Leiter ist Philippe Dubé.

843  Lionel Groulx' « Notre maître le passé » (Unser Meister die Vergangenheit) – Titel und Programm eines Essais (1924), einer Rede (1937) und einer Konferenz (1944) – hat den historiographischen Diskurs seiner Zeit wesentlich geprägt.

844  « Das Gedächtnis lebt von Erinnerungen, Eindrücken, Gefühlen...Völker brauchen, wie Individuen, ihr Gedächtnis, um sich zu entwickeln. Ein Volk ohne Gedächtnis ist ein Volk ohne Zukunft. »

845  « Diese Ausstellung zur kulturellen Identität zeichnet ein Portrait der Québécois, das über die Formen der Erinnerung vermittelt wird. Die Dinge, die uns vereinen und die Erinnerungen, die wir teilen, machen diese Identität aus; das heißt, das, wodurch wir von hier sind, womit uns andere beschreiben. Aber weder zeigen alle Québécois die gleiche Art zu denken noch die gleiche Art zu handeln. Jeder nimmt in verschiedener Weise an der Entwicklung einer vielfältigen [pluralen] Identität teil. »

846  « Die Ausstellung Mémoires versucht, auf die Erwartungen dieses Mottos zu reagieren. Sie will ein Orientierungspunkt sein, der einer Gemeinschaft hilft, sich zu erinnern. »

847  Zur Darstellung des Paares « ‘Nous’ et l'Autre » in Ausstellungen und «Historischen Orten», am Beispiel des Parc de l'Artillerie und der Befestigungsanlagen von Québec: « Dans les lieux militaires, on invite naturellement les visiteurs à adhérer, ne serait-ce que pour quelques minutes, à une vision martiale du monde. On ne questionne pas le rôle de l'armée, et on relègue systématiquement à l'arrière-plan les rivalités entre Français et Anglais. On présente même l'occupation de ces lieux [...] comme une continuité sans conflit...» Patrice Groulx, Alan Roy: « Les lieux historiques de la région de Québec comme lieux d’expression identitaire, 1965-1985 »; Revue d’histoire de l’Amérique française, vol. 48, no 4, printemps 1995, S. 527-541, S. 538.

848  Ebda., S. 528.

849  Siehe hierzu u.a. R.C. Brown, Ramsay Cook: Canada 1896-1921: A Nation Transformed; Toronto, 1974 und J.M.S. Careless: «'Limited Identities' in Canada»; Canadian Historical Review, L, March, 1969.

850  Zu regionalen Perspektiven siehe u.a.: Susan Head: Regionalism and cultural production: a case study in Northern Ontario;Canadian Issues, XII, Association for Canadian Studies, Montreal 1989.
Richard Simeon: «Regionalism and Canadian Political Institutions»; Queen's Quarterly, 82, Winter 1975.
R. Douglas Francis: Images of the West: Changing Perceptions of the Prairies, 1690-1960; Western Producer Prairie Books, Saskatoon 1989.
K. S Coates, W. R. Morrison: «Northern Visions: Recent Writing in Northern History»; Manitoba History (1985) S. 2-8.
Bruce W. Hodgins, Shelagh D. Grant: «The Canadian North: Trends in Recent Historiography»; Acadiensis: Journal of the History of the Atlantic Region, 16.1, 1986, S. 173-188. Für einen sozialgeschichtlichen Blick siehe u.a.: Veronica Strong-Boag, Anita Fellman (Hg.): Rethinking Canada: The Promise of Women's History; 1st ed. New Canadian Readings. Copp Clark Pitman, Toronto 1986.

851  Auf die Kritik an regionalistischer Geschichte durch Historiker wir D. Creighton und J.L. Granatstein, die für ein homogen-nationales, betont nicht-US-amerikanisches Kanada argumentiert haben, wurde bereits verwiesen.

852  Jocelyn Létourneau: «We're trapped by mistaken identity»; The Globe and Mail, 05.03.2001.

853  Mit dem letzten Punkt berührt Létourneau die Gedanken, die weiter oben zu C. Krieghoff geäußert wurden.

854  Gemeint sind die Konflikte zwischen den Warriors der Mohawks von Kahnesatake und anderen amerindianischen Gruppen, den Behörden Québecs, Ontarios und New Yorks, die 1990 zu mehreren Todesfällen führen.

855  John Richards: «Blinkered by rectitude; Western Canada's view of itself as self-sufficient makes it less sympathetic to others, argues analyst John Richards», The Globe and Mail, 06.03.2001.

856  Die anti-französische Gesetzgebung von 1890 ruinierte die Aussichten auf größere frankokanadische Gemeinschaften im Westen Kanadas.

857  Margaret Conrad: «To have and have not; When Ottawa sends money to Atlantic Canada, it's called a handout; elsewhere, it's investment, says historian Margaret Conrad», The Globe and Mail, 07.03.2001.

858  Drew Hayden Taylor: «Seeing red over myths; What do the people of Canada's First Nations want? Not to be thought of as one pan-Indian nation, says Ojibway playwright Drew Hayden Taylor», The Globe and Mail, 08.03.2001.

859  Teil der Chippewa-Ojibwa, eine Nation der Sprachfamilie der Algonquin, ursprünglich im oberen Gebiet der Großen Seen beheimatet.

860  John Ralston Saul: «My Canada includes the North; Seen from Nunavut, how do our founding parents LaFontaine and Baldwin look? Rather farsighted, it seems, suggests John Ralston Saul», The Globe and Mail, 09.03.2001.

861  Alain Dubuc: «History is the most dangerous product that the chemistry of the intellect ever evolved. It makes us dream, it intoxicates people, torments their rest»; The LaFontaine-Baldwin Lecture by Alain Dubuc, The Globe and Mail, 10.03.2001.

862  Dubuc nennt keine Quelle, scheint sich aber auf Valérys Regards sur le monde actuel zu beziehen: « L'Histoire est le produit le plus dangereux que la chimie de l'intellect ait élaboré. Ses propriétés sont bien connues. Il fait rêver, il enivre les peuples, leur engendre de faux souvenirs, exagère leurs réflexes, entretient leurs vieilles plaies, les tourmente dans leur repos, les conduit au délire des grandeurs ou à celui de la persécution, et rend les nations amères, superbes, insupportables et vaines. L'Histoire justifie ce que l'on veut. Elle n'enseigne rigoureusement rien, car elle contient tout et donne des exemples de tout. » Paul Valéry, 1966, S. 40.



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31.10.2006