9 FAZIT

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Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering.
There’s a crack in everything.
That’s how the light gets in.

Leonard Cohen
Anthem,The Future 863

Der Arbeit wurden zwei poetische Formulierungen vorangestellt, die sich in verschiedener Weise mit der Erinnerung in der Kultur beschäftigen. Sie stammten nicht aus Québec oder Kanada, sondern aus dem Frankreich des Second Empire von Napoléon III. und dem Viktorianischen England und stehen für die vielgestaltigen Bindungen an die europäischen Metropolen. Sie stehen auch für die gegenseitigen Bezüge und Überlagerungen von verschiedenen Geschichten, von denen die Vergangenheit wie die Gegenwart Québecs bestimmt wurde und wird, gelten die beiden Gedichte doch wechselseitig für alle Beteiligten. Prudhommes Zwiegespräch mit dem kollektiven Gedächtnis versinnbildlicht die Arbeit in der Kultur an der Vergangenheit und am Sinn der Gegenwart, widergespiegelt in Begriffen und Praktiken wie souvenir, mémoire/memory, traditions und patrimoine/heritage.

Christina Rosettis paradox anmutende Zeilen, eine Aufforderung zum Vergessen unter dem Titel Remember, können in prägnanter Form die Spannung zwischen (politischer) Rhetorik und identitärer Verwandtschaft der kanadischen ‘Konjunktion’ wiedergeben. Québecs retrospektiv zum Staatsmotto gemachtes « Je me souviens » widerspricht explizit den zahlreichen Aufforderungen zur Assimilierung, die in Programmform von Ende des 18. Jahrhunderts bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts reichten, ob nun in Lord Durhams Reformplan oder in den pro-republikanischen Bekundungen zur Annektierung durch die USA. Es ist auch ein Verweis auf das ‘Erbe’ der Nouvelle-France und der historischen Beziehungen zu Frankreich. Gleichzeitig entspricht das Motto implizit den Imperativen der kanadischen Identitätspolitik, die sich immer im Verhältnis zu den USA profiliert und definiert hat, ab 1867 unter diesem Namen, in anderer Form spätestens seit 1776.

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Die beiden genannten Gedichte verweisen auf einen weiteren Punkt, der sich im Ergebnis des Quellenstudiums für die Arbeit als besonders wichtig erwiesen hat: die zentrale Bedeutung der Umgestaltung und Neuordnung der kanadischen Gesellschaft(en) im 19. Jahrhundert. Dorthin scheinen alle Wege des Studiums der Geschichte und ihres Gebrauchs in der Gegenwart zu führen. Es ist das Jahrhundert der mehrbändigen Geschichtswerke, der historischen Romane und der großen kommentierten Wiederauflagen der frühesten Berichte von der « Entdeckung » und dem Entstehen Kanadas. Es ist auch das Jahrhundert der institutionellen Formatierung und des ‘Risorgimento’ der großen national gedachten frankokanadischen Helden vergangener Jahrhunderte, wie Jacques Cartier, de La Salle, Jules de Lantagnac, Adam Dollard des Ormeaux und der Marquis Montcalm. Die Bindungen der englischsprachigen Quebecker/Québécois ähnelten denen der anglokanadischen Mehrheit. Man war britisch, Teil des Commonwealth und vor allem keine Republik, und dementsprechend bilden sich die konkreten institutionellen Formen heraus, von denen die Gegenwart geprägt wird. Aber auch hier regte sich das betont nationale historiographische Erzählen wie die große landesweit für den Schulunterricht zugelassene Geschichte von Clement belegt. Einige frankokanadische Helden, wie Adam Dollard des Ormeaux, fanden auch in den Pantheon Anglokanadas.

Die in der Einführung formulierten Thesen konnten bestätigt werden oder erscheinen angesichts des empirischen Materials zumindest als plausibel. Es konnte gezeigt werden, dass sich in zahlreichen Instanzen der Auseinandersetzung nicht etwa anglokanadische und frankokanadische (oder « englische » und « französische ») Kontrahenten gegenüberstanden, sondern dass die Konfliktparteien oft nicht diesseits und jenseits der Sprachbarriere lagen. Vielmehr zeigte sich, dass die ‘Kulturkämpfe’ mit spezifischen sozialen und politischen Interessen verbunden waren.

Die Beauftragten der britischen Kolonialadministration im 18. Jahrhundert standen gegen die englischsprachigen Händler und für die französischsprachigen Canadiens, die aus ihrer Sicht ein sicheres Unterpfand für eine geregelte Ordnung der Dinge darstellten. Männer wie Murray, Carleton und Haldimand entsprachen mit ihren familiären und kulturellen Bindungen noch nicht der Logik nationalisierter Solidaritäten. Ein weiteres Beispiel ist das Bündnis zwischen dem katholischen Klerus in Lower/Eastern Canada und den englischsprachigen Eliten gegen die rebellierenden Canadiens und ihre Verbündeten in Upper Canada und in den USA. Im Text wurde darauf hingewiesen, dass mit der Niederschlagung der Aufstände die Position der katholischen Kirche, Garant der Beibehaltung der sozialen Ordnung, nachhaltig gefestigt wurde. Die symbolischen Vertreter der frankokanadischen Nationalkultur und wichtige Protagonisten des frankokanadischen Nationalismus verdanken ihr mediales Potential nicht zuletzt einem gedachten Außen. Gezeigt werden konnte auch, dass die radikalen Vorschläge zur Assimilation der Frankokanadier im 19. Jahrhundert einen gegenteiligen Effekt produzierten, indem sie die literarische und historiographische Produktion in französischer Sprache in ‘Zugzwang‘ brachten. Der liberale Durham, Bewunderer der US-amerikanischen Effizienz in der Politik, hatte nicht nur gegen die Differenz einer anderen Kultur und Sprache, sondern auch gegen die Grundfesten der kanadischen Identität Stellung bezogen. Sein Projekt war zum Scheitern verurteilt, weil die geplante Homogenisierung im Gegensatz zur Auffassung des Autors und einiger frankophober Agitatoren in niemandes Interesse war.

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Gleichzeitig zeigt sich, dass diverse heterogene Strukturen in konkreten Situationen durch wirksame Grenzziehungen gewissermaßen ausgeblendet werden können. Die entstehenden Trennungslinien hatten und haben in Kanada und in Québec sprachliche, religiöse, politische und ethnische Formen, die in Momenten der Krise zu Matrizen bekannter Solidaritäten werden. Freilich fällt es schwer, auszumachen, in welchem Maße diese Formen mit Erlebnissen und Erinnerungen oder ihren jeweiligen mediatisierten Rekonstruktionen zu tun haben.

Mit der schulischen Institution und seiner ministeriellen Anbindung wurde ein Feld der Erinnerung thematisiert, in dem sich die Formen der Speicherung und Inszenierung von gemeinsamem Wissen mit einer vorgesehenen Partizipation verbindet. Es handelt sich um einen Ort der Verwaltung des kulturellen Gedächtnisses. In der vorliegenden Arbeit wurde besonders auf den gerichteten Aspekt dieser schulischen Erinnerung ( reminder/rappel ) geblickt, weniger auf sein Ergebnis, die reflexive Form des Sich-Erinnerns der Schüler nach dem Abschluss der Sekundarstufe. Ausreichend groß angelegte empirische Untersuchungen, die im Rahmen dieser Arbeit nicht praktikabel erschienen, könnten hier Klärung schaffen. Die Ausführungen zu den kollektiven und persönlichen Formen von souvenir und mémoire könnten in dieser Weise durch weiterführende Studien ergänzt werden.

Der über die Schulbücher ausgetragene Kampf verschiedener Erinnerungen und die damit verbundenen Ansprüche auf eine legitime Lesart der Geschichte belegt die Annahme, dass es große Spielräume gibt, die von der Heterogenität der Gesellschaft zeugen. In einer Reihe von Beispielen war eine mit der Sprache korrelierende Sicht der Dinge nicht oder kaum nachweisbar. In anderen Fällen, auf die im Einzelnen detailliert verwiesen wurde, konnte eine deutliche Trennlinie anhand dieses Kriteriums ausgemacht werden. Die heftigen öffentlichen Diskussionen zu divergierenden Aspekten der Geschichtsbilder ergeben einen Kommentar, der für sich genommen als Text ausgesprochen interessant ist. Er entspricht der formulierten These, dass das öffentliche Reden und die Verschiedenheit der Stimmen zu begrüßen sind. Sie sind der Gegenentwurf zu einer selbstgerechten, gelangweilten, utopielosen Gesellschaft, die ihren inneren Streit in Form von Gewalt nach außen trägt. Dieser Entwurf ist nicht das Resultat eines Programms, sondern entstand und entsteht im Ergebnis von Kämpfen und Zwängen, Initiativen und Spielräumen kultureller Produktion.

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Es kann davon ausgegangen werden, dass Kanada als Föderation die Sezession Québecs nicht als Ganzes überleben würde. Die Alternative zur gegenwärtigen politischen Gestalt wäre somit nicht Québec auf der einen und ein verbleibendes « English Canada » auf der anderen Seite, sondern ein weiteres Aufbrechen der bisherigen Kohäsion. Für einige Provinzen wäre der Anschluss an die Vereinigten Staaten sehr wahrscheinlich (Alberta, Sasketchewan, Manitoba), für weitere möglich, aber nicht wahrscheinlich (British Columbia, Yukon) und für andere eher unwahrscheinlich (Ontario, Nova Scotia, New Brunswick, Prince Edward Island). Die Atlantic Provinces würden möglicherweise föderative Strukturen beibehalten.864 « English Canada » stellt auch eine symbolisch vermittelte, politisch und kulturell agierende Ordnung dar, deren Bezeichnung und innerer Zusammenhalt vom Verhältnis zu Québec (und zu den Vereinigten Staaten) abhängt. Der Bezug zu Québec ist eines der wesentlichen Elemente, seit den 60-er Jahren möglicherweise der zentrale Punkt, der national-identitären Distinktion auf dem nordamerikanischen Kontinent.

Diese Bemerkungen treffen in Übertragung auch für Québec zu. Die Nouvelle-France hat sich seit ihren Anfängen auch immer gegen ein Außen definiert, zunächst die unbekannte Wildnis und ihre Bewohner, später Protestanten, Engländer und Neuankömmlinge. Für das Québec der kanadischen Föderation wurde der englischsprachige Teil des Dominion , später « English Canada » zu einem Gegenpart, der die eigene interne Kohärenz denken und praktizieren half. Spricht man heute in Québec vom ROC, dem Rest of Canada, dann ist die Rede indirekt von jenem Québec, das auch Kanada ist.

Es besteht kein Zweifel daran, dass ein unabhängiges (« souveränes ») Québec in völlig neuer Art mit seinen großen internen Differenzen konfrontiert würde, dass soziale Kämpfe einen neuen Sinn bekämen und dass Risse sichtbar würden, die heute im öffentlichen Gespräch oft im Dunklen bleiben. Diesen Punkt zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kanada nicht trotz, sondern auch wegen der internen und externen Spannungen in seiner gegenwärtigen Form existiert. Das ist der starke Grund, in Kanada zusammen zu sein.

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Die formulierte Annahme, dass symbolische Grenzziehungen im kanadischen Ensemble bzw. in Québec von beachtlichen Spielräumen und strukturellen Limitationen gekennzeichnet sind, hat sich in den untersuchten Fällen bestätigt. Die beschriebenen Zeichen kultureller und politischer Zugehörigkeiten unterlagen ohne Ausnahme den sich verändernden Bedingungen und nahmen dabei verschiedene, teilweise scheinbar konträre Bedeutungen an. Die Bezeichnung Kanadas und seiner Bewohner, der Biber als Wappentier und die Hymne O Canada illustrieren diesen Befund. Die Spielräume im Kontext identitärer Politik und persönlicher Befindlichkeiten werden auch mit Bezug auf die besondere Situation von Minderheiten und Mehrheiten in Québec und Kanada deutlich, weil diese flexibel Sinn ergeben können. Auch der Gebrauch der Farben verdeutlicht das komplexe Gefüge von Bindungen und Distanzen und die respektiven Verweise. Um den Distinktionshaushalt innerhalb Kanadas und gleichzeitig auf dem nordamerikanischen Kontinent intakt zu halten, entstand eine Konstellation, die neben der US-amerikanischen Trikolore das rot-weiß gefärbte Ahornblatt und das blau-weiß gefärbte Lilienbanner sieht. Das blaue schottische Kreuz des Heiligen Andreas verschwand aus dem Union Jack und das Rot der französischen Trikolore fand keinen Zutritt zur offiziellen Symbolik Québecs. Beiden Fahnen ist der farbliche Unterschied zur Sternen-und-Streifenflagge der amerikanischen Republik gemein. Der Gebrauch der Bezeichnungen « rot » und « blau » als Positionierung in der Politik Québecs ( les bleus et les rouges ) war von kurzer Dauer, nicht zuletzt weil die Farben kulturelle (und nationale) Implikationen tragen, die mit den politischen Vektoren kollidieren.

Es konnte gezeigt werden, dass die religiöse Trennlinie zwischen Frankokanada und Anglokanada im Ergebnis konkreter politischer Handlungen entstand und immer auch herbeigeredet (und schließlich herbeipraktiziert) wurde. Indem das Bewusstsein der religiösen Zugehörigkeit politisch relevant wurde, verschärften sich andere, angeschlossene Unterschiede. Es handelt sich auch um einen Vorgang « religionisierter » Unterschiede, um einen Begriff Moshe Zimmermanns aufzugreifen. Die Schaffung des institutionellen Rahmens, durch den sprachliche und religiöse Unterschiede in Québec fixiert (oder besser: ‘abgekühlt’, in ihrem Wandel verlangsamt) wurden, hat einerseits die Entfaltungsmöglichkeiten identitärer Politik beachtlich eingeengt. Gleichzeitig belegt dieser Prozess aber die enormen symbolischen Spielräume institutionalisierter Grenzziehungen, etwa durch den Einschluss der jüdischen Population in das englischsprachige und protestantische Schulsystem. Kulturelle Produktion lässt sich im Anschluss an das Gesagte mit dem Bild der Bricolage beschreiben, mit den Möglichkeiten verschiedener Ergebnisse und der gleichzeitigen Unumgänglichkeit von Regeln. Es ist nicht damit zu rechnen, dass sich diese Regeln und alle ‘Bastelelemente’ jemals vollständig beschreiben lassen.

Die Ausführungen zu den kanadischen Feiertagen zeigen, dass der Kalender neben Unabhängigkeitsbekundungen auch Einträge von Abhängigkeitstagen enthalten kann. Hier werden verschiedene Bindungen in der Zeit und im Raum verwaltet. Der anglokanadische Victoria Day steht für die gefeierte Gemeinschaft der Anglophonie und die Erinnerung an das Britische Imperium und seine große Königin. Der beschriebene ‘War of Dependance’, bisweilen gegen den politischen Willen der ehemaligen Kolonialmacht gekämpft, war freilich immer auch Ausdruck einer Unabhängigkeit, die Vormundschaft konnte hier als Garant eigener Geschichte in Nordamerika gelten. Dollard des Ormeaux verwies als direkter Konkurrent, am gleichen Kalendertag, auf die heldenhafte Vergangenheit der Nouvelle-France und die retroaktive Legitimierung einer « destinée manifeste ». Der Held Dollard des Ormeaux und der Gebrauch seiner Biographie verrät einen emanzipatorischen Vorwurf an Frankreich, weil hier die auf sich gestellte Kolonie im Vordergrund steht. Dieser auf Unabhängigkeit (bzw. Souveränität) abzielende Reflex wird mit der Journée des Patriotes ‘aktualisiert’ und verstärkt. Die Aufstände des kanadischen « Vormärz » ließen sich zwar als mit Gewalt unterbrochene demokratische, nationale Bewegung Frankokanadas oder Québecs (vor-)lesen und könnten damit ein innerkanadisches Emanzipationsprojekt symbolisieren. Es kommt aber zu einer Verlagerung der Argumentation, weil sie sich nicht eignen, einen gegenwärtigen Unabhängigkeitsanspruch nach außen (Frankreich, USA) zu formulieren. Die Kommemoration der Journée des Patriotes stellt ein bemerkenswertes Unternehmen dar: sie setzt auf einen historischen Moment, der in mehrerer Hinsicht pankanadisch war und gleichzeitig entspannt sie den Blick nach Frankreich und in die USA.

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An einer anderen Stelle, mit der Nationalfeier – la Saint-Jean Baptiste –, betont der Kalender die Kontinuität einer imaginären Geschichte Frankreichs, ohne den Bruch von 1789/1793. Zwar trägt die Feier den Namen dessen, der mit der Taufe im Jordan das Wirken Jesu einleitet, doch ist ihr Gehalt seit dem 19. Jahrhundert auch und vor allem (national-)politischer und zunehmend weltlicher Natur. Die Vorgänge um die öffentliche Erinnerung und die Verschiebungen, Entsorgungen und Neueinträge im Kalender belegen den in der Einführung postulierten Handlungscharakter von Kultur und einer Form ihrer Praxis, dem ‘aktiven Souvenir’. Die zahlreichen diesbezüglichen Meinungsbekundungen illustrieren darüber hinaus das Zusammenspiel von persönlicher und kollektiver Teilhabe am kulturellen Geschehen.

Die Ausführungen zu den Kämpfen um den Sinn der Conquête von 1760 belegen den Charakter einer nachträglichen Aktivierung und Konfiguration ihrer Bedeutung im Anschluss an die Ereignisse von 1837/1840. Gleichzeitig beleuchten sie die Gegenwart eines pankanadischen Arrangements, in dem die Bezeichnungen Conquête und Conquest fixiert sind und einen Gründungsmoment beschreiben.

Am Beginn der Arbeit wurde die Vermutung geäußert, dass es einen Zusammenhang zwischen der auffälligen Besonderheit einer mehrheitlich katholischen und französischsprachigen Bevölkerung und der großen Monarchie in Amerika gibt. Die Lektüre des historischen und des aktuellen empirischen Materials bestätigt diese These. Die im Text zitierte und vervollständigte Definition des Kanadiers als « unbewaffnetem Amerikaner mit Krankenversicherung » aus einer offiziell zweisprachigen parlamentarischen Monarchie ist in diesem Kontext zu sehen. Zwar scheinen die politischen Tatsachen der Gegenwart dieser Idee zu widersprechen, ist doch die Quote der Zustimmung zur Monarchie und das Interesse an den Ritualen der königlichen Macht nirgends geringer als in Québec. Doch handelt es sich hier um einen politischen Reflex, der als Kritik an den englischsprachigen Institutionen und als Bekundung der Ansprüche auf kulturelle Souveränität zu verstehen ist. Anders als in Belgien wird von der britischen Krone keine Zweisprachigkeit erwartet und so kommt es zu einer verständlichen Asymmetrie in der Wahrnehmung der Repräsentierung. Es ist gut möglich, dass Québec der eigentliche Motor einer Verfassungsreform wird, die sich von der britischen Krone verabschiedet. Diese Veränderungen sind aufgrund der komplizierten föderativen Bedingungen für konstitutionelle Reformen in absehbarer Zukunft nicht zu erwarten. Dieser Punkt findet in dem Einwurf Ausdruck, Kanada werde die englische Königin noch zum Staatsoberhaupt haben, wenn die Monarchie in Großbritannien abgeschafft wurde.

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Neben den Reibereien zwischen den « englischen und französischen Fakten », in denen die Monarchie eine trennende Rolle spielt, ist aber die unbestreitbare Tatsache ihrer historischen Rolle als Bindeglied zu sehen. Nicht nur äußerten sich die Vertreter der frankokanadischen Interessen nach 1760 in ihren Botschaften an den neuen König in deutlichen Worten, die mehr waren als gezwungene Loyalitätsbekundungen. Auch die Protagonisten der frankokanadischen Nation im 19. Jahrhundert (Papineau, Garneau, Groulx) sahen sich nicht in einem Kampf gegen die englische Monarchie. Wie weiter oben erwähnt, sahen die aristokratischen Vertreter der britischen Kolonialmacht in den Canadiens eher Verbündete als Gegner. Die Aufrechterhaltung der feudalen Strukturen der Seigneuries bis 1854 sicherte dem König die Zustimmung seiner neuen Untertanen. Die Ereignisse der Französischen Revolution verstärkten die Bindung der Frankokanadier an den Monarchen in London, eine Bindung, die bis weit ins 20. Jahrhundert intakt bleiben sollte.

Kanada ist also nicht etwa nur eine Monarchie, weil es institutionell und politisch eine Monarchie geblieben ist, sondern weil sie als solche immer wieder entstanden ist, im Ergebnis diverser Vorgänge kultureller Produktion. Jeder Besuch eines Mitglieds der königlichen Familie wird in Kanada zu einem Baustein demonstrierter Singularität, nach innen und nach außen. Die Kritik am kanadischen Strukturkonservatismus ist manchmal heftig, zumeist aber halbherzig865 und vor allem ist sie, wie alle diesbezüglichen Umfragen zeigen, nicht mehrheitsfähig, nicht einmal in Québec. Der Verweis auf die vordemokratischen Ursprünge der gegenwärtigen Institutionen übersieht die Tatsache, dass es sich um einen demokratisch legitimierten Vorgang handelt, mit dem das Land stets aufs Neue ‘remonarchisiert’ wird. Es handelt sich allerdings nicht nur um einen politischen, sondern um einen kulturellen und identitären Vorgang, wie im Einzelnen dargestellt werden konnte. Diese Beobachtung lässt sich im Sinne Du Bois’ auf alle anderen Entitäten und ihre Formung ausdehnen. Die Existenz des französischsprachigen Québecs und seiner Differenz ist nicht gegen das englischsprachige Kanada zu erklären, sondern mit diesem. Der jeweils andere ist hier der Doppelgänger, zu dem einem etwas Wichtiges einfällt, das keinen Namen hat: « ...this can't be me, must be my double [...] I can’t forget but I don’t remember what


Fußnoten und Endnoten

863  Leonard Cohen, Anthem, The Future (1992); Stranger Music, Inc. (BMI).

864  Diese Ansicht entspricht in zentralen Aspekten der von R. F. Bensel vorgenommenen Analyse der Situation in den Vereinigten Staaten in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Bensel beschreibt die ausgesprochen heterogenen Strukturen der späteren Union States und die starken Bestrebungen zur Bildung unabhängiger politischer Gebilde im ‘Norden’ und Westen (New York, Midwest, California). Mit dem Ausgang des Bürgerkrieges wurde die Option der Sezession im politischen Sinne getilgt und die Einheit des politischen Systems gesichert.
Richard Franklin Bensel: Yankee Leviathan. The Origins of Central State Authority in America, 1859 - 1877; Cambridge Univ. Press, Cambridge 1990, S.19, 43, 62 passim.

865  John Ralston Saul, einer der prominenten Kritiker der Monarchie, verzichtet nicht auf den Titel «His Excellency», der ihm als Gatte der Generalgouverneurin des Landes zusteht.



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31.10.2006