Vorwort

Diese Arbeit versteht sich als diskursanalytische Untersuchung. Diskursanalysen unternehmen immer den Versuch, ihren Untersuchungsgegenstand (als Text oder als soziale Interaktion) innerhalb eines umfassenderen gesellschaftlichen, sozio-kulturellen oder sozio-politischen Rahmens zu verorten. Textanalyse wird als sozio-kulturelle Analyse aufgefaßt. Als sozio-kulturelle Praktiken betrachtet, gelten Texte und gesellschaftliche Interaktionen als (Teil eines) Diskurs(-es).

Auch die hier untersuchten Talkshow-Gespräche werden als Praxis auf soziokultureller Ebene verstanden. Die leitende These ist, daß solche Shows Bühnen darstellen, auf denen der namenlose, unbedeutende Alltags- oder Durchschnittsmensch öffentlich in Erscheinung treten kann, seinen gesellschaftlichen (Fernseh-)Auftritt bekommt. So erst für alle und umfassend sichtbar, erhält er erst durch die Konventionen und repetetiven Muster der Shows Kontur und Form als soziale Erscheinung und als bestimmte Kategorie "Mensch" (als Autorität, als Repräsentant einer Insitution, als Normalbürger, als Kind, Mann, Frau, als Delinquent, Opfer usw.), wird so gesellschaftlich wahrnehmbar und wahrgenommen. Insofern wird das Medium Fernsehen als Schauplatz von Identitätskonstitution und Identitätszuweisung dessen, was unter gesellschaftlich unter "Alltagsmensch" verstanden werden soll oder kann, betrachtet.

Eine textnahe Untersuchung von Gesprächen als sozio-kulturelle Praxis erfordert einen multifunktionalen sprachtheoretischen Ansatz, der lokale Vorkommnisse und Text- bzw. Interaktionsphänomene zum einen in ihrer unmittelbaren Funktion (als in gewisser Hinsicht gesprächsstrukturierendes Phänomen), als auch in weiterreichenderer Funktion erfassen kann. Eine solche Perspektive wurde von M.A.K. Halliday, Norman Fairclough und Vertretern der social semiotics entwickelt, deren Arbeiten die Grundlage für das hier unternommene Wagnis darstellen. Sprachgebrauch repräsentiert Welt und Erfahrung, aber er konstituiert im selben Moment soziale Beziehungen zwischen den Akteuren der Interaktion oder zwischen Autor und Leser, schafft soziale Identitäten und charakteristische gesellschaftliche Akteure. Auf diesen zweiten Aspekt versucht die Arbeit besonders einzugehen, um die Formen, aber auch deren impliziten "Aussagen" über und Bilder vom namenlosen Durchschnittsmenschen wie er von den Talkshows konstruiert wird, herauszuarbeiten.

Erst multifokale Analysen auf allen Ebenen der Interaktion ergeben am Ende bestimmte Konfigurationen und Tendenzen. Analysen wurden auf grammatischer, lexikalischer, argumentativ-rhetorischer bzw. narrativer sowie mikro-interaktioneller Ebene durchgeführt. Die Talkshow wird als Genre aufgefaßt, als gesellschaftlich determiniertes, typisches Ensemble und Repertoire von Konventionen, die die Umstände und Aufgaben der Interaktionen implizit reflektieren. Das kontrastive Vorgehen des Analysierens zweier unterschiedlicher Showreihen ergab einerseits die Analyseschwerpunkte und verdeutlicht zum anderen, daß gesellschaftliche Praktiken immer als je realisierte Wahlmöglichkeit innerhalb eines komplexen Systems von Optionen betrachtet werden sollten. Denn beide Showreihen realisieren dasselbe (die Konstitution des gesellschaftlich wahrnehmbaren Alltagsmenschen) jeweils anders - was dann auch andere Erscheinungsformen zeitigt. Diese Formierung des Subjekts ergibt sich allerdings erst im Zusammenspiel der diskursiven Verfahren. Sie werden erst als spezifische Konfiguration bestimmter sprachlicher, visueller und interaktioneller Praxen und Repräsentationsverfahren deutlich. Daher unternimmt die Arbeit eine Vielzahl von Analysen auf unterschiedlichen Ebenen, die jedoch eine Selektion aus Platzgründen impliziert und keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat.


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Forschungsinteresse

Als institutionalisierte Gesprächsformen waren Talkshows in letzter Zeit häufig Gegenstand unterschiedlicher Forschungsbereiche in der Gesprächslinguistik und linguistischen Diskursanalyse. Vor allem Ähnlichkeiten oder Unterschiede zu anderen Diskurstypen (z.B. politische Diskussionen und Interviews) im Hinblick auf Gesprächsorganisation und kommunikative Strategien (z.B. Linke 1985; Mühlen 1985; Charaudeau 1993; Thornborrow 1997) stehen dabei im Zentrum des Interesses. Die Analyse von Verfahren der Präsentation oder der Beziehungsstiftung zu den ZuschauerInnen oder HörerInnen sind ebenfalls ein wiederkehrendes Motiv der Untersuchungen (z.B. Montgomery 1986; Hutchby 1997; Wulff 1993).

Besonders im angelsächsischen und skandinavischen Forschungsbereich wird dabei auch versucht, gesellschaftliche Funktionen solcher Shows zu beleuchten. Unter einer kritischen Perspektive wird die den gesellschaftlichen Status Quo legitimierende Funktion bemängelt, die dazu beiträgt, komplexe Zusammenhänge zu trivialisieren, Stereotypen und Gemeinplätzen zu perpetuieren (z.B. Fairclough 1995 und Vertreter der Social Semiotics: Kress, Fowler, Hodge). Andere Studien untersuchen, inwieweit der sog. Alltagsmensch in solchen Shows tatsächlich Möglichkeiten hat, sich öffentlich zu bestimmten Themen zu Wort zu melden, und analysieren vermeintliche oder gegebene Demokratisierungstendenzen im Medium Fernsehen (Scannell 1991; Livingstone/Lunt 1994; Fairclough 1995; Thornborrow 1997).

Sofern die Bezüge zwischen den Beteiligten in der Talkshow-Interaktion Forschungsgegenstand sind (Holly 1979; Mühlen 1985; Penz 1996), geht es um Beziehungen aus der Perspektive des Individuums, um Strategien der Gesichtswahrung, Protektion oder Diffamierung, um Takt und Höflichkeiten, die als universelle Prinzipien der Interaktion betrachtet werden (Brown/Levinson 1978). Untersuchungen von Talkshows als gesellschaftliche und kulturelle Praktiken, die über das Individuelle hinausgehende Funktionen erfüllen, beziehen sich z.B. auf Rituale der Symbolisierung eines bestimmten US-amerikanischen Selbstverständnisses, das sich in Formen und Normen des Miteinandersprechens reflektiert (Carbaugh 1989). Andere gesellschaftlich sinnstiftende, kommunikative Rituale in Talkshows sind kaum systematisch untersucht worden (vgl. aber Priest 1995). Arbeiten zu "Machtverhältnissen", die durch Sprache u.a. in Talkshows ausgehandelt werden, beziehen sich selten auf Funktionen solcher Mediendiskurse im gesellschaftlichen Kontext, sondern auf Fragen der Kontrolle im Kontext des institutionellen Diskurses und Illustrationen sprachlicher Strategien, die diese interne Kontrolle über den Gesprächsverlauf sichern (z.B. Penz 1996:1). Die durch Begriffe wie "Machtverhältnisse" konnotierte gesellschaftliche oder politische Relevanz solcher Untersuchungen wird durch den ausschließlichen Bezug auf gesprächsinterne Dynamiken oder Strukturen verfehlt.


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Die vorliegende Arbeit interessiert sich für Talkshows unter einer etwas anderen Perspektive. Verstanden als gesellschaftliche, diskursive Praxis, als gesellschaftlich und kollektiv sinnstiftende Handlungsrahmen, stelle ich die Frage, welche und wessen Positionen dort "verhandelt" werden, nicht aus der Sicht der Individuen (d.h. nicht im Hinblick auf Selbstdarstellungstrategien und Höflichkeit usw.), sondern mit der Perspektive auf die Beteiligten als sozio-symbolisch interagierende Subjekte. Was impliziert dies?

Es bedeutet zum einen, daß ich den Zweck der Untersuchung von Talkshows nicht in der adäquaten Beschreibung medienspezifischer Interaktionsstrukturen verorte (wenngleich im Verlauf der Analysen eine solche Beschreibung stattfindet), sondern in der Beschreibung weiterreichender gesellschaftlicher Funktionen, die diesen Diskurstyp auszeichnen. Diese Funktionen sollen aus eng an den textuellen Strukturen und interaktionellen Prozesse der Talkshow-"Texte" (d.h. der zum Transkript verschrifteten Aufzeichnungen der Shows) geführten, z.T. strukturellen, z.T. interaktionsanalytischen Beschreibungen entwickelt werden. Gleichzeitig wird die Herangehensweise an die Talkshow-Texte durch diskurs-theoretische Überlegungen und Arbeitshypothesen geleitet, die gleich noch näher beschrieben werden.

Zum anderen bedeutet die Ausrichtung des Forschungsinteresses an trans- oder überindividuellen Beziehungsdimensionen zwischen den Akteuren in einer Talkshow, daß die Beteiligten als gesellschaftlich bedeutsame und kollektiv determinierte Positionen verstanden werden, nicht als individuell Handelnde. Eine solche gesellschaftlich determinierte Position wird als diskursive Subjektposition im nächsten Kapitel beschrieben. Im Augenblick mag es genügen, sich vorzustellen, daß es nicht um die Frage geht, ob Frau Meier oder Herr Müller angemessen zu Wort gekommen sind, ob sie die Möglichkeit hatten, sich gut zu präsentieren usw., sondern um die Frage: was lassen die Gesprächsorganisation, die diskursiven, interaktionellen Strategien und linguistischen Merkmale des Talkshow-Diskurses an Rückschlüssen zu über gesellschaftliche Funktionen solcher Shows? Welche strukturellen Positionen halten sie für die täglich wechselnden Sprecher bereit? Welche Bezüge zwischen den am Diskurs Beteiligten erweisen sich als stabil? Was sagen sie über die Teilnehmer aus? Inwiefern und auf welchen Ebenen sagen diese Shows möglicherweise immer wieder dasselbe? Und wer spricht in diesem Fall eigentlich?

Die Talkshow als subjektzentrierter Diskurs

Zuerst muß eine Feindifferenzierung des Begriffs "Talkshow" erfolgen, denn unter diesem Sammelbegriff firmieren unterschiedliche Show-Konzepte. Die meisten Untersuchungen thematisieren diese Differenzen nicht, sondern sprechen von Talkshows, als gäbe es nur eine einzige Form. W.Munson (1993) skizziert und klassifiziert Subtypen wie Prominenten-Talkshow, politische [Seite 3↓]Talkshow, confrontainment show, talk-service show usw. Es soll hier nicht auf die Adäquatheit oder Vollständigkeit der von ihm entwickelten Typologie gehen. Wichtiger erscheint mir, daß unterschiedliche Talkshowtypen unterschiedliche soziale Funktionen haben, je nachdem, wer ihre sozialen Akteure sind, in welchem Bereich sie operieren (politisch-persuasiv, sachorientiert, voyeuristisch auf Intimitäten gerichtet etc.), wann sie gesendet werden und wie sie ihren "Talk" organisieren (mit einer, mit mehreren, mit stark oder wenig intervenierenden ModeratorInnen).

Die hier untersuchten Talkshows lassen sich durchaus zunächst als issue oder talk-service shows im Sinne Munsons (1993:29) rubrizieren und haben das Personal, das für solche thematisch ausgerichteten issue-Shows konstitutiv ist: die obligatorischen Moderatorinnen, unbekannte "Alltagsmenschen" als Gäste, ein Studiopublikum und "Experten/Spezialisten" zum jeweiligen Tagesproblem. Sie werden täglich (außer sonntags) im Nachmittagsprogramm zwischen 14 und 17 Uhr ausgestrahlt, richten sich nicht ausdrücklich an Frauen, behandeln aber fast immer Problemfelder, die "weiblich" konnotiert sind und stereotypisch mit der "weiblichen Sphäre" des Emotionalen, Persönlichen, Häuslichen und Familiären assoziiert werden. Durch die Uhrzeit der Ausstrahlung bedingt, ist der größte Teil der ZuschauerInnen weiblich und wenn nicht, dann zumindest mit "nicht-männlichen" Merkmalen und Eigenschaften wie "arbeitslos", Müßiggänger, privatisierender Hausmann usw. behaftet. Obwohl auch hin und wieder politische Themen auf dem Programm stehen, behandeln die meisten talk-service shows persönliche, intime Aspekte des Privatmenschen.1 In dieser Hinsicht ist das Subjekt und Subjektivität hier immer Gegenstand der Rede.

Gleichzeitig geht es aber in der Untersuchung auch um das Subjekt als Äußerungsinstanz, um die Frage, unter welchen Bedingungen in solchen Kontexten "every(wo)men" zu Wort kommen und als private, durchschnittliche Alltagsmenschen öffentlich (und kollektiv) in Erscheinung treten bzw. konstituiert werden durch solche Shows. In Talkshows "spricht" das Medium Fernsehen von "Privatmensch" zu "Privatmensch" (also zu den im Privaten verorteten RezipientInnen, die es häufig auch filmisch während der Verrichtung familiärer und privater Tätigkeiten begleitet). Das Subjekt der Talkshow (Sprecher und subject matter des Gesprächs zugleich) ist der Durchschnittsmensch, der dem Fernsehen sonst nichts anzubieten hat, als sich in seinen Nöten und Defekten zu exponieren. Dabei sind die medialen "Identitäten" der jeweils geladenen Gäste häufig nur eine Funktion des Titels, die auch das Tagesproblem der jeweiligen Shows konstituieren: husbands who [Seite 4↓] sleep with wife's cousins; women who marry daughter's boyfriend; a family in crisis; walking death-warrants. Solche Talkshows wurden an anderer Stelle als "Diskurse über das Selbst", als Selbstvergewisserungs-, Selbstverständigungsdiskurse oder Selbstentblößung charakterisiert (Carbaugh 1989; Abt/Seesholtz 1994; Haag 1994; Priest 1995 u.a.). Sie stellen die "subjektive", d.h. subjektzentrierte Form des Mediums Fernsehen dar. Menschen reden über sich, sie werden aufgefordert, sich selbst zu definieren, zu benennen und zu bekennen, ihre privaten Probleme offenzulegen, über ihre "innersten Regungen und Geheimnisse" (Foucault 1981) zu sprechen, durch die Shows zu ihrem "wahren Selbst" zu finden. Sie operieren im Modus des Subjektiven (Morse 1986): Wir als Zuschauer können sie beim Sprechen beobachten, wir sehen die Quelle der Worte (der "Geständnisse und Bekenntnisse"), alle SprecherInnen sind sichtbar, präsent, und auch wir Zuschauer werden unablässig in den Diskurs eingebunden, direkt angeschaut, direkt angesprochen und so als Pseudo-Interaktionspartner konstituiert. Die Kategorien der Person, des Persönlichen und des Subjektiven sind daher zentral für den (hier untersuchten) Talkshow-Typ in seiner Service-, zu deutsch: Beratungsvariante.

Diese Variante zeichnet sich dadurch aus, daß die (Sach-)Probleme an die Personen gebunden, also personalisiert werden (allerdings ist das eine umfassende Tendenz im Persönlichkeits- und Imagezentrierten Medium TV). Ratgebertalkshows sind eine Form des öffentlichen Redens "über sich selbst", über "Subjekte" mit "ihren" Problemen und auf der Suche nach sich "selbst".

Die Talkshow als diskursiver Schauplatz des Aushandelns von Definitionen sozialer Wirklichkeit (zu der auch soziale Subjekte gehören)

Talkshows sind innerhalb der Institution Fernsehen ein Schwellenphänomen, ein paradoxes zumal, denn dort begegnen sich die Institution und ihre RezipientInnen scheinbar "privat" aber auf öffentlichem Terrain.2 Sie bringen die Institution und ihre RezipientInnen auf einem gemeinsamen Forum zusammen. Was geschieht dort? Die den Untersuchungen zugrundeliegenden Annahme war, TV-Talkshows als Teil eines gesellschaftlichen Diskurses, als eine mit spezifischen Merkmalen ausgestattete Art der Sprachverwendung zu betrachten, die gerade als kollektive, gesellschaftliche Praxis determinierende Faktoren und spezifische Wirkungen hat. Ihre Manifestationen als Programm, Videoband oder (in reduzierter Form) als verschriftetes Transkript wurden als "Text" definiert, der innerhalb der soziokulturellen Ordnung bestimmte Aufgaben hat, und dessen Funktionen sich nicht allein als lokale Funktionen (die sich auf die unmittelbare [Seite 5↓]Situation als gelenktes Gespräch im Studio vor Publikum beziehen) erklären lassen. Der gesellschaftliche Effekt (die soziokulturelle Funktion?) der hier untersuchten daytime talk shows ist ein öffentliches In-Erscheinung-Treten und ein komplementär dazu wirkendes Wahrnehmen des "alltäglichen" Menschen, des Durchschnittsmensch im Medium Fernsehen. Dieser alltägliche Durchschnittsmensch kann durchaus als "the nigger of tv" gesehen werden, denn außer seiner (bisweilen nackten) Haut – oder seinem Innenleben - hat er dem Fernsehen nichts zu verkaufen - er ist ja gerade nicht prominent, attraktiv, glamourös oder aus anderen Gründen begehrenswert für ein Publikum. Doch zu der Bedingung, seine seelischen Defekte öffentlich vorzuführen, ist auch ihm jederzeit ein Platz im Glanz der Scheinwerfer gewiß. Daß sich so viele zu einer öffentlichen Innenschau entschließen können, hängt vermutlich mit einem medialen Narzißmus zusammen, der die Spiegelung im Blick des Anderen zum Beweis seiner Existenz braucht. In einer von den visuellen Medien, insbesondere dem Fernsehen durchdrungene Lebenswelt, ist das Bedürfnis des namenlosen, unscheinbaren Alltagsmenschen, ebenfalls als ein in dieser TV-Welt existierendes Subjekt wahrgenommen zu werden, möglicherweise verständlich. Dieses "Subjekt der Talkshow" wird jedoch erst durch Konventionen des Sprachgebrauchs und der Interaktion, durch gezielte Bildführung und Auswahl der Einstellungen, durch sozial signifizierte Formen von Make-up und Dresscodes, aber auch durch Zuschreibungen und Kategorisierungen sowie durch Möglichkeiten (oder Unmöglichkeiten) der zumeist konversationell-narrativ realisierten Selbstdarstellung etc. konstituiert und als "Typus" entwickelt. Es ist ein Effekt des Talkshow-spezifischen Diskurses. Gleichzeitig ist es Objekt dieses Diskurses, insofern sich alle Teilnehmer über dieses Subjekt (über sein Innenleben, seine Probleme, geeignete Korrekturverfahren etc.) unterhalten. Die soziale (nicht die individuelle!) Identität als Durchschnittsmensch in seiner öffentlichen, gesellschaftlichen Erscheinungsform wird in solchen TV-Diskursen erst produziert.

Eine weitere der Arbeit zugrundeliegende Hypothese ist, daß es in diesem Forum immer auch um Bilder der Gesellschaft von sich selbst geht, um Modelle der Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen, um Repräsentationen von Institutionen und ihrer clientèle. Die Gesellschaft, so könnte man formulieren, schaut sich in solchen Shows selbst beim Handeln und Reden zu.3 Dabei werden Modelle von Beziehungen zwischen den gesellschaftlichen Akteuren aufgenommen, die von Ungleichverhältnissen geprägt sind, aber nicht sofort in den Blick fallen. Der Grund für die erschwerte Wahrnehmbarkeit ideologischer Implikationen ist deren Verortung in scheinbar gewöhnlichen, kommunikativen Praktiken, statt in expliziten Repräsentationen und (sprachlichen oder visuellen) Bildern. Asymmetrie wird nämlich oft auf der Ebene zwischenpersönlicher Bezüge konstituiert, vorgeführt und reproduziert, die im Unterschied zur [Seite 6↓]inhaltsbezogenen Repräsentationsebene von symbolisch strukturierten Systemen (wie der Sprache) schwerer analytisch faßbar ist.

Mikropraktiken innerhalb eines Interaktionsarrangements und andere Bedingungen der Möglichkeit des Sprechens in spezifischen Kontexten - öffentlichen zumal - sind immer symbolisch (und das heißt auch: kollektiv) strukturiert und daher keine Privatangelegenheit. Hegemonialtheoretische Interpretationen (cf. Gramsci 1967) erlauben es, diese täglich reproduzierten Mikropraktiken als Reproduktionen von gesellschaftlichen Verhältnissen zu betrachten. Die hegemonialen Funktionen von Massenmedien als Konsensgeneratoren für bestimmte Definitionen von sozialer Wirklichkeit und sozialen Verhältnissen sind schon an anderer Stelle hervorgehoben worden (Herman/Chomsky 1988; Fraser 1994). Sie funktionieren, indem immer wieder dieselben (sekundären) Modelle ("Skripte") von Welt und die sozialen Bezüge der darin vorkommenden Handlungsträger und Subjekte konstituiert, reproduziert und dadurch stabilisiert werden (Fiske/Hartley 1978; Fiske 1987). Die Botschaften des Mediums sind sich zuweilen zum Verwechseln ähnlich, weil sie - auch um der Quote willen - dominante Perspektiven auf die soziale Welt artikulieren. Solche hegemonialen Versionen von sozialer Wirklichkeit sind nie neutral, sondern entsprechen Interessen, die sowohl partikulare politische Perspektiven als auch kulturelle Werte, Normen und Haltungen implizieren. Auf der insitutionellen Ebene dürften hohe Zuschauerzahlen und Profite die Hauptrolle spielen.4 Auf einer gesellschaftlich-kulturellen Ebene geht es jedoch immer um ideologische Funktionen wie Legitimierung von bestimmten Perspektiven und Modellen, die durch Wiederholung, Ausblenden von Alternativen, emphatische Bestärkungen, diskursive Konstitution von sozialen Kollektiven und Vergemeinschaftung durch Identifikationsangebote erreicht werden kann. All diese Vorgänge beruhen auf semiotischen Prozessen, die Distanz oder Nähe zu bestimmten Bildern und Beziehungsmodellen, zu spezifischen Identitäten und Selbstbildern strukturieren: "they are embedded in ways of using language which are naturalized and commonsensical" (Fairclough 1995:44ff.). Daher erscheinen die (ideologisch aufgeladenen) Vorgänge der Beziehungskonstitution, Selbst- und Fremddefinition und Gesprächsorganisation zwischen den Interagierenden auch zunächst alltäglich und selbstverständlich.

Da moderne Machtverhältnisse in der Regel nicht über Repression und Zwang, sondern über Konsens und Einwilligung reproduziert und stablisiert werden, werden alternative Sichtweisen und Gegendefinitionen von Wirklichkeit nicht mehr unterdrückt, sondern können in Institutionen gegen die dominanten Diskurse durchaus "zur Sprache" gebracht werden. Machtverhältnisse sind in dieser Hinsicht immer dynamische [Seite 7↓]Konstrukte, die sich in der Auseinandersetzung von Diskursen "bewähren" müssen, keine starren Strukturen. Widerspenstigkeiten und Widerstände können sich entwickeln, aber meistens setzen sich dominante Perspektiven über lange Zeit und große "discursive struggles" (Hartley/Montgomery 1985) durch. Talkshows sind als solche diskursiven Austragungsorte für konkurrierende Definitionen von sozialer Wirklichkeit (Fraser 1994) zu betrachten. Die Frage ist nun, um welche Aspekte von sozialer Welt und Verhältnissen es in diesen Kontexten geht. Eine These der Arbeit ist, daß Ratgeber-Talkshows als diskursive Praxis der sozialen Kontrolle ihren Teil beitragen, indem sie Wissensformen, Einstellungen und Werte in bezug auf das individuelle Subjekt massenhaft publik machen und täglich reartikulieren. Es geht um die Definitionsmacht, um ein Aushandeln dessen, was dieses Wissen vom Subjekt umfaßt, wen es betrifft, wer (und wie) es verbreitet wird. Das Spezialgebiet der Ratgebertalkshows ist der "Alltagsmensch", der Normalbürger, von dem in solchen Shows nicht nur Kamera-Bilder reflektiert, sondern Persönlichkeitsbilder, Bilder vom Subjekt-Sein produziert werden, die ihnen erlauben öffentlich sichtbar zu werden. Diese Konturen entstehen diskursiv, über kommunikative Praktiken, Implikationen von interaktionellen Vorgängen, auch über verbale Definitionen. In der öffentlichen Gestalt des "Alltagsmenschen" kommen die, die sonst nur konsumieren vor dem Bildschirm in direkten Kontakt mit der Institution (d.h.: ins Studio, werden an der Produktion beteiligt).

Die Gemeinnützigkeit der Shows wird auffällig häufig von den Moderatoren betont, als "Dienstleistungsservice" sollen sie den anwesenden Personen im Studio (und in extensio auch den zuschauenden Alltagsmenschen) helfen, sich besser zu verstehen und zu verändern. Die Talkshow-Mogulin Oprah Winfrey, deren Shows eine Grundlage der Untersuchung darstellen, sieht ihren Auftrag ausdrücklich darin, "to bring people closer to knowing themselves" (zit. in Munson 1993:83). Die Beteiligten sollen besser handlungsfähig werden, dazu müssen sie jedoch zuvor als Subjekte konstituiert werden. Talkshows verkaufen ihren Gästen und ZuschauerInnen immer auch Modell-Subjektivitäten (Weedon 1990), implizite oder explizite Positionen, die sie als in bestimmter Weise Handelnde definieren. Diese Definitionen geschehen im diskursiven Ablauf; der jeweils konkrete Diskurs positioniert seine Subjekte nach seinen Regeln, Strukturen und Dynamiken. Die so ebenfalls maßgeblich durch die Formen (nicht nur Inhalte) des Diskurses gezeichneten ("bestimmten") Subjekte sind – so wird der Verlauf der Untersuchung zeigen – talkshowspezifisch unterschiedlich.

Ratgeber-Talkshows gehören zu den Mediengenres, die sich aus einem wie auch immer realisierten selbstverordneten erzieherischen Auftrag des Fernsehens ableiten. Es geht dabei um einen Aspekt des sog. "Informationsauftrags", also um die Konstitution von "public knowledge" (cf. Corner 1991). Dieser harmlos klingende "Informationsauftrag" hat mehrere ideologische Implikationen: Einmal wird eine bestimmte Art von Wissen in [Seite 8↓]bestimmter Weise verbreitet. Zum andern generiert ein Wissensaustausch oder ein "Erziehungsauftrag" bestimmte Klassen von Teilnehmern - Wissende und Unwissende, (Be-)Lehrer und Belehrte. Neben den Modellen der Wissenszirkulation im Studio zwischen den Teilnehmerkategorien Gast und sog. Experten, werden auch Modelle des Umgangs mit dem Zuschauer konstituiert, werden "implizite Zuschauer" definiert, Nähe oder Distanzverhältnisse etabliert. Außerdem sind unterschiedlichen Arten von Wissen im Spiel: das "Wissen" um das Problem, das "Wissen" um die inneren Regungen und Einstellungen der Gäste und das "Experten-Wissen", das die Probleme zu lösen verspricht. Unter diesem Aspekt zählen auch Talkshows zu den wissenserzeugenden Praktiken (wenngleich in der trivialen Variante), und die Frage stellt sich sofort, wie das von dort aus verbreitete Wissen strukturiert ist: unter welcher Perspektive der "Sachverhalt" verhandelt wird und welche Perspektive sich dadurch auf die "betroffene" Person ergibt. Welche Form des Subjekt-Seins wird jeweils öffentlich konstruiert? Hier ist interessant, daß der "Rat" und das Wissen, das durch diese Shows verbreitet wird, einer therapeutischen Weltanschauung entspricht. Der Fernseh-"Durchschnittsmensch" wird von vornherein als problematisch, als mit einem Problem, das er nicht allein lösen kann konstituiert werden. Zudem wird das Problem als persönliches, weil aus der individuellen Geschichte heraus entstandenes gerahmt. Außerdem erlaubt die Rahmung des in der Show vermittelten Wissens als psychologischer Diskurs auch, daß in die "tiefen Regionen" der Menschen vorgedrungen wird, d.h. diese in den Shows ausgepackt und herausgearbeitet werden, ohne sich dafür in irgend einer Weise legitimieren zu müssen (work through ist eine von den Moderatoren häufig verwendete Vokabel, um die übergreifenden Vorgänge in diesen Shows zu bezeichnen).

Talkshows als Artikulationspunkt diskursiver Machttechnologien und kulturkritische Relevanz des interpersonellen Aspekts der Sprache

"Informative", nicht-fiktionale TV-Genres wie Talkshows präsentieren sich dem Zuschauer nicht als Darstellung von Wirklichkeit, sondern als Geschehen in der Wirklichkeit. Insofern können (möglicherweise intendierte) Einflußnahme und der Informationsaustausch scheinbar direkt und unmittelbar erfolgen, denn sie vollziehen sich als Interaktion und müssen nicht aus sprachlichen oder bildlichen Darstellungen "herausgelesen" werden (wie z.B. Botschaften von Spielfilmen). Daher ist die Analyse der interpersonellen Aspekte von Sprachverwendung von zentraler Bedeutung. Sprache als Handlung zwischen verschiedenen Kategorien von Beteiligten, als Mittel, Gleichheit und soziale Ungleichheiten auszudrücken, Sprechen als Zeichen, das Hinweise auf die soziale Stellung der Sprecher gibt, sind Dimensionen der Sprachverwendung, die in dieser Arbeit im Mittelpunkt stehen.


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Insofern soll die Arbeit dazu beitragen, die Möglichkeiten kulturkritischer Text- und Diskursanalysen auf den interpersonellen, beziehungsstiftenden und (inter-) aktionsrelevanten Bereich von Sprache auszudehnen.

Most accounts of ideology in the media stress representational issues. Yet perhaps relatively stable constructions of social and personal identity and relations which have become naturalized as facets of familiar media genres and formats (the news, magazine programmes, soaps) are now ideologically more significant in the implicit messages they convey about people and relationships than the variable representational contents that these programmes may accommodate (Fairclough 1995:127)

Talkshows reproduzieren keine Abbilder von sozialer Wirklichkeit, sie präsentieren vor allem Beziehungen zwischen Menschen, die meist ganz unhinterfragt als "selbstverständlich und normal in diesem Zusammenhang" angenommen werden. Diese Beziehungen sind in der Regel nicht explizit ausbuchstabiert, sondern implizit in Umgangsformen, Abläufen, Bedingungen und Möglichkeiten des Sprechens usw. eingelassen. Sie sind in Praktiken verkörpert und sedimentiert, die den teilnehmenden Sprechern selten bewußt sind. Praktiken, Handlungen, Verfahren, Sitzarrangement, Techniken usw. beinhalten immer sedimentierte, in selbstverständlich hingenommene Abläufe geronnene Wahrnehmungen, Auffassungen und Zielrichtungen bestimmter gesellschaftlicher Ordnungen und Normen, die darüber hinaus häufig dazu beitragen, überkommene Ungleichverhältnisse zu stabilisieren und zu legitimieren. D.h., auch gewöhnlich erscheinende Praktiken sind nur allzu häufig mit Bedeutungen befrachtet, die zu lesen - und das ist die ideologische Crux - im Normalfall nicht notwendig ist, weil sie selbstverständlich und implizit operiert. Die ideologische Bedeutung der Praktiken wird nur durch kritische Analysen ans Licht gebracht. Damit rücken Sprachanalysen ins Zentrum der (kulturkritischen) Untersuchung von sozialer Wirklichkeit.

Solche Praktiken sind ein Ausdruck spezifischer Machtverhältnisse und ideologisch saturiert: Machtverhältnisse sind nur beschreibbar als interpersonelle Verhältnisse, d.h. als Ungleichverhältnisse zwischen Menschen. Diese Verhältnisse müssen in alltäglichen, okkasionellen Mikropraktiken beständig reproduziert werden, um Machtbeziehungen zu erhalten, zu verfestigen, aber auch um sich, durch ihre massive Alltäglichkeit, als "selbstverständlich" und "natürlich" durchzusetzen. Daher zu fragen, welcher Art Beziehungen und Bezüge sind, die von Massenmedien wie dem Fernsehen produziert und verfestigt oder normalisiert/normiert werden. Inwiefern solche Konstruktionen ideologisch, also im Dienste der Interessen der herrschenden Gruppen (Thompson 1984) stehen, wird kontrovers beurteilt. Im folgenden erscheint es mir sinnvoll, den Begriff "Ideologie" heuristisch zu benutzen und als eine Form von sozialer Kontrolle hinsichtlich einer bestimmten Definition von sozialer Wirklichkeit zu verstehen. Soziale Kontrolle als das Bestreben, Menschen auf einen einheitlichen "Kurs" zu bringen, die sie freiwillig-einwilligend einnehmen (über Konsens, nicht über Repression), hat unter dem Machtaspekt häufiger mit der Verwaltung von Bevölkerung und der Disziplinierung von Massen zur [Seite 10↓]besseren Handhabbarkeit und Einschätzbarkeit als mit explizit politischer Propaganda zu tun. Insofern sind TV-Genres nicht unbedingt politisch-ideologisch ausgerichtet. Doch zur Vereinheitlichung von Massen leisten sie ihren Beitrag. Nicht so sehr unter dem Aspekt, allen dieselbe Sichtweise auf die Welt zu verpassen, wie in den frühen Jahren der Ideologiekritik häufig unterstellt wurde. TV-Genres, und Talkshows im Speziellen, tragen vielmehr zur Konsensbildung auf der Ebene der Vorstellung vom als normal erachteten Individuum innerhalb des gesellschaftlichen Geflechts bei, indem sie Modelle liefern für den Umgang mit Autoritäten (mit den "Experten"!), für die Bereitschaft, sich zu "verändern", die Verantwortung für Probleme "auf sich" zu nehmen usw. Der (populär)-psychologische bzw. therapierende Diskurs scheint dabei ein geeignetes Mittel, diese Botschaft jeden Tag auf seine Weise zu vermitteln. Außerdem sind Talkshows nur ein Mittel, diese Botschaften öffentlich und massenhaft zu verbreiten. Sie werden als dominante Botschaften in unzähligen Diskursen und Formaten variiert und ergeben so "Selbstverständlichkeiten" und "Selbstverständnisse", die als Konstruktionen, als eine Möglichkeit unter vielen kaum mehr zu erkennen sind.

Vor diesem Hintergrund möchte ich vorschlagen, Talkshows in einer kritischen Perspektive nicht als ideologisches Phänomen, sondern als Teil von gesellschaftlichen Machttechnologien (Foucault 1977) zu betrachten, die dazu beitragen, Menschenmassen kontrollierbar und innerhalb eines bestimmten gesellschaftlich-politischen Arrangements auch "adäquat" handlungsfähig zu machen.5 Gemäß der herrschenden ökonomischen Ordnung wird dies durch Identitätsangebote und diskursive Positionierungen als Konsumenten, als isolierte Individuen und als funktionstüchtige und funktionsbereite ("mobile, veränderbare") Einzelne realisiert. Um sich selbst zu erhalten, müssen soziale Systeme ihre Umwelt (d.h. ihre Mitglieder) für ihre Erfordernisse "zurichten", sie in bestimmter Hinsicht disziplinieren. Die Disziplinierung erfolgt dabei am effektivsten und unsichtbarsten über (der ökonomisch-politischen Ordnung) opportune Subjektivitäten und Selbstbilder (Althusser 1970; Jäger 1993:129ff.). Diese Disziplinierung des Subjekts ist aufs Engste mit sprachlichen Verfahren, mit Kommunikation im weitesten Sinn als Bedeutungsaustausch und Beziehungskonstrukt zwischen Menschen, Individuen, gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen verknüpft. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Modi der Interaktion (bzw. die Regeln des Diskursgenres), die mit Foucault als diskursive Technologien bezeichnet werden können (1987) und besonders im Verdacht stehen, herrschenden Machtverhältnissen zuzuarbeiten und in umfassender Weise strategisch eingesetzt zu werden. Dazu gehören spezifische Arten der Sprachverwendung und Interaktionsarrangements wie "Befragungen/Interviews", "Beratungsgespräche/ persönliche Unterhaltung", Unterrichtsinteraktionen und Werbekommunikation (Fairclough 1992:215). Im Unterschied zu anderen diskurskritischen Analysen von sprachlichen [Seite 11↓]Repräsentationen wird hier der Blick auf Formen und Formate gerichtet, die ideologische Implikationen für ihre Benutzer haben. Im Talkshow-Diskurs sind Aspekte aller vier aufgeführten diskursiven Technologien versammelt.

Sie sind Technologien der Macht insofern sie ihren Beitrag leisten, Menschen innerhalb des gesellschaftlichen Systems funktionsfähig und leistungsfähig ("kompetent") zu machen.6 Sie funktionieren als Rad in einer Machttechnologie auch deshalb, weil sie – wie etwa. die Befragungstechnik in den Apparaten der Strafjustiz, in der Medizin, in soziologischen Interviews usw. - untrennbar mit der Wissensgewinnung über "den Menschen" und seine innersten Regungen und Motive verbunden sind, die ihn "massenhaft individuell" kalkulierbar und daher kontrollierbar, regierbar und steuerbar macht. Die Entwicklung der modernen Machtformen, die nicht mehr auf direktem Zwang und Repression, sondern auf Einwilligung, Verständnis und Konsens mit den Verhältnissen basieren, hängt mit der Herausbildung solcher sprachlich-disursiver Techniken zusammen (Foucault 1977); Transformationen gesellschaftlicher Organisationsformen sind immer auch Transformationen von Sprechweisen und Kommunikationsformen zwischen den gesellschaftlichen Akteuren (Fairclough 1992).

Talkshows der hier untersuchten Art, die sich mit dem individuellen Alltagsmenschen und seinen Nöten befassen, reflektieren dabei unweigerlich ein Bild von ihren je spezifischen, diskursiven "Disziplinierungstechnologien". Sie spiegeln im Umgang mit dem "Alltagsmenschen" akzeptierte (oder zu akzeptierende) Formen der Kommunikation. Sie verstehen sich explizit als Forum, wo Menschen lernen können, besser zu kommunizieren und sie "üben" diese "besseren" Formen der Kommunikation bisweilen live vor Publikum mit ihren Klienten ein (vgl. Rolonda/Anger). Innerhalb des Mediums TV sind sie Teil einer umfassenden (neoliberalen) Machttechnologie und u.a. dafür zuständig, Modelle von akzeptabler "normaler" Subjektivität und erwünschtem Umgang mit sich "Selbst" zu produzieren. Durch die tägliche Wiederholung der "Subjekt-Botschaften" konstituiert sich so "Selbstverständlichkeit" und Legitimität solcher Muster. Die massenhafte Verbreitung sorgt für einen Konsens über Kommunikationsformen und die damit einhergehenden Subjektpositionen der Beteiligten inklusive bestimmter Ungleichverhältnisse (z.B. ist die Institution immer auf der Seite der Belehrenden und Wissenden während die Gäste-Positionen und damit der dort verortete "Durchschnittsmensch" immer die Unwissenden und Zu-Disziplinierenden darstellen). Und so tragen Talkshows auch dazu bei, daß diese Formen in anderen, möglicherweise handlungsrelevanteren Lebenszusammenhängen als selbstverständlich hingenommen werden.7 Sie sind sekundäre Modelle von Wirklichkeit, die in die Wirklichkeit hineinwirken, weil sie Repräsentationen von sprachlich strukturierten Kommunikationspraktiken und [Seite 12↓]dazu gehörende Produzenten und Rezipienten in bestimmten Sprecherpositionen für den "Alltagsmenschen" in seinem Verhältnis zu Institutionen und Autoritäten konstituieren, Allianzen und Solidaritäten im Diskurs entwickeln und durch die massenhafte Zirkulation und Reproduktion normalisieren ohne sie zu problematisieren.

Aufbau der Arbeit

Im folgenden Kapitel sollen theoretische Zusammenhänge zwischen Diskurs und Subjekt erläutert und auf diskursive Subjektkonzeptionen von Foucault, Benveniste und Althusser eingegangen werden. Im zweiten Kapitel werden unterschiedliche Methoden zur Analyse von Diskursen erörtert und auf ihren Beitrag zur Untersuchung von diskursiven Subjektpositionen geprüft. Gleichzeitig werden so sprachwissenschaftliche Ansätze und Analyseinstrumentarien vorgestellt, die den Untersuchungen zugrundeliegen. Dabei gehe ich vor allem auf Hallidays (1978; 1985) multifunktionales Modell von Sprache ein, das es gestattet, Sprache als Mittel der Konstitution von Bildern der sozialen Wirklichkeit, aber gleichzeitig als Praxis der Konstitution von Beziehungen zwischen den Sprachbenutzern und der Etablierung von interaktions- und diskursabhängigen Identitäten und Sprecherrollen zu betrachten. Das dritte Kapitel stellt die Daten vor - vier US-amerikanische daytime talk shows (aus den beiden Show-Reihen Oprah Winfrey und Rolonda), die sich als Ratgebervarianten verstehen und Alltagsmenschen "behandeln". Die Kapitel vier bis sechs präsentieren die Analysen der Shows und ihre Ergebnisse. Sie sind nach den Verlaufsphasen der Shows geordnet und untersuchen, nach einer Erörterung der gesprächsorganisatorischen Implikationen für diskursive Positionen in Talkshows (Kapitel 4), der Reihe nach Merkmale und Charakteristiken der Subjektpositionierung der Gäste als Strategien der Einführung und Fremddefinition (Kapitel 5.1 bis 5.4) und Modalitäten während der Gesprächsrunden (Kapitel 5.5). Als nächste Phase werden Interaktionsformen und diskursive Verfahren im Verhältnis von Gästen, Studiopublikum und Experten (6.1) diskutiert und der Expertendiskurs (6.2) analysiert. Verfahren der Einbindung und Positionierung von Zuschauern bilden den Abschluß dieses sechsten Kapitels (6.3). Kapitel sieben faßt die Ergebnisse unter der Perspektive der diskursiven Subjektivierungsstrategien zusammen und skizziert die Unterschiede der Shows in bezug auf die Verfahren der Subjektkonstitution. Die Analysen zielen nicht auf die Bewertung oder Beurteilung der einzelnen Shows und ihrer Moderatorinnen. Die Entscheidung, zwei unterschiedliche Show-Reihen zu untersuchen, gründet auf der Überlegung, daß kontrastiv angelegte Studien den Blick für Details und Wahlmöglichkeiten schärfen und so zu einem systematischeren Verständnis der Strategien und Diskurstechniken führen.


Fußnoten und Endnoten

1 Schaut man in die Fernseh-Programmhefte (z.B. in den US-amerikanischen "TV-Star" aus der Region Austin/Texas im Juli 1995 oder im Januar 1996) stellt sich schnell heraus, daß die politischen Themenbereiche quantitativ eine eher untergeordnete Rolle in US-amerikanischen Talkshows spielen. Bei ca. 20 Stunden daytime talk pro Tag an ca. 25 Tagen im Monat (der Sonntag ist den Talkern offenbar noch heilig) ergeben sich ca. 500 Stunden Talk und ebenso viele Themen. Darunter waren im Juli sieben, im Januar zwölf ausgewiesenermaßen "politische": Steuererhöhung, Drogengefahr/Drogenkrieg, Kritik an Unterstützung pornographischer Kunst wie der Mapplethorpes durch die Bundesbehörden usw. Die restlichen 493 resp. 488 Themen stammten aus dem "privaten" Bereich der sexuellen Präferenzen, der psychischen Probleme, der innerfamiliären Beziehungskonflikte, der äußeren Erscheinung usw.

2 L. Haag (1994) weist darauf hin, daß sich die Selbstenthüllungen auch auf öffentliche Bekenntnisse der Moderatorinnen beziehen; meine Daten sprechen ebenfalls dafür (vgl. autobiographische Erzählungen der Moderatorinnen, Kap. 5).

3 U. Rapp hat die gesellschaftliche Selbstbetrachtungsfunktion als grundlegend für die Institution des Theaters begriffen (1973). Hier wird diese These auf die Institution Fernsehen übertragen.

4 Neben den eindeutig ökonomischen Motiven von Fernsehanstalten, die in kapitalistischen Konsumgesellschaften die übergeordneten Interessen darstellen, gibt es weitere "Interessen" oder "Aufträge", die das Medium Fernsehen erfüllt. Vielleicht sind solche anderen Interessen jedoch nur Ableitungen aus den ökonomischen, insofern eine hohe Zuschauerquote mit unterschiedlichen Mitteln erreicht werden kann: mit Unterhaltung oder Information, mit Spannung, Spektakel und Bildung, Quiz, Fiktion, in Kriegszeiten auch Nachrichten usw.

5 Zur Handlungsfähigkeit qua Subjektivität, zu ihrer kollektiven und ideologischen Prägung und zu den Identifikationsvorgängen im einzelnen vgl. Weedon 1987.

6 Man denke nur an all die professionellen Kommunikationstrainings, die mittlerweile den Mitarbeitern aller größeren Betriebe verordnet werden, damit sie effizienter zusammenarbeiten, um "Synergieeffekte" zu erzielen.

7 "Goodness knows we are setting role-models", ruft die Moderatorin Rolonda in einer hier analysierten Show aus (Anger 560).



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04.05.2005