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2  Methoden

In der linguistischen Forschung werden Talkshows meistens als Gespräche und Interaktionsprozesse untersucht, die Kriterien für eine Klassifikation als "Gespräche im Fernsehen" (Burger 1991) oder als medienspezifische Dialogsorte (Franke 1989; Hess-Lüttich 1989) erbringen sollen. Während besonders die textlinguistische Dialogforschung stark an der Erstellung von Typologien interessiert scheint und Talkshows in Abgrenzung oder Überschneidung zu anderen Mediendialogsorten anhand inhaltlicher und formaler Aspekte einordnet (z.B. Linke 1985), untersuchen interaktionsorientierte Studien Gesprächsstrategien der Teilnehmer meistens auf der Ebene der Beziehungsfunktion von Sprache (Präsentationsfunktionen und Imagestrategien, z.B. Mühlen 1985; Holly 1979) oder als Schauplätze konkurrierender und konfrontativer Themeneinbringungs- oder Themenentfaltungsstrategien (Brinker 1988; Holly 1993; Holly/Schwitalla 1995). Die Untersuchungen beziehen sich dabei entweder auf Prominenten-Talkshows oder auf politische Gesprächsrunden.

Im angelsächsischen Raum finden sich im Bereich der Konversationsanalyse ebenfalls Untersuchungen zu "Talkshows", die wichtige Aspekte für meine Zwecke beinhalten, jedoch in mancher Hinsicht für die Analyse gesellschaftlicher Aspekte solcher Shows zu kurz greifen. Eine Bezugnahme auf die Details der Gesprächsorganisation und die Verfahren auf der Mikroebene des verbalen Austausches ist notwendig, wenn die sozialen Bezüge, das Verhältnis und die situativ konstituierten Rollen und Identitäten als Aspekte der Subjektposition analysiert werden sollen. Um die im vorigen Kapitel vorgestellten theoretischen Überlegungen auf konkrete Daten beziehen zu können, sind methodische Ansätze notwendig, die einen strukturierten Zugriff auf diese Daten erlauben. Gesprächsanalysen konzentrieren sich auf Organisationsstrukturen von diskursiven Ereignissen im Detail und im konkreten Vollzug. Da ich besonders an den subjektkonstitutiven Aspekten der Organisation von Diskurstypen, an den sozialen Semantiken der Formen und Strukturen und an diskursiven Konstitutionsprozessen interessiert bin, sind solche Methoden gewinnbringend. Dennoch möchte ich einschränkend anhand von Untersuchungsbeispielen aus diesem Forschungsgebiet einige kritische Einwände formulieren.

2.1 Zur ethnomethodologischen Konversationsanalyse von Talkshows: Kritische Anmerkungen

Als soziologische Richtung ist die ethnomethodologische Konversationsanalyse (hinfort: CA) einerseits ausschließlich an den "sozialen Aspekten" und Bezügen zwischen den Gesprächspartnern interessiert (d.h., nicht an linguistischen Aspekten der Syntax, der Semantik oder Pragmatik); andererseits wollen die puristischen Vertreter der Richtung (insbesondere Schegloff 1987:229ff. und [Seite 30↓]Hutchby 1997) keinesfalls über die Beschreibung formaler Organisationsprozesse in konkreten Interaktionssituationen hinausgehen. Gleichzeitig jedoch halten sich konversationsanalytische Studien zugute, im "interaktionellen Substrat" die "Bedeutung" der je untersuchten Gespräche, "the business of talkshows" (Thornborrow 1997:244), oder "the nature of the discourse" (Hutchby 1997:162) zu erfassen. Meine Kritik setzt an diesen Behauptungen an.

In der streng formal-strukturalistisch geprägten CA müssen die Beschreibungen ethnomethodologisch als Techniken und Verfahren der Interaktionsteilnehmer selbst ausgewiesen werden. Dies ermöglicht zwar brillante Analysen der Gesprächsaktivitäten im Mikrobereich und legt formale Strukturen der Kommunikation frei, die ob ihres unterhalb der Bewußtseinsgrenze angesiedelten Wirkungsbereichs häufig unbemerkt bleiben. Beim Versuch, institutionelle Diskurse und Mediengespräche wie Talkshows funktional zu beschreiben, geraten sie aber auf unebenes Terrain.

CA formuliert die formalen Prinzipien und Mechanismen, die die Sprecher in Interaktionen befolgen, um einen strukturierten Gesprächsverlauf zu erzielen. D.h., man geht davon aus, daß Sinnherstellung a) in der Interaktion erfolgt und b) ein gemeinschaftlich produzierter Vorgang ist, gemeinsame Arbeit erfordert. Der Vorgang der Bedeutungskonstitution ist dabei an Sequenzialität gebunden, an die Ordnung des Ablaufs von Gesprächen. Im Wechsel der Sprecher bzw. Redeschritte wird sich gleichzeitig immer wechselseitig aufeinander bezogen und daher werden implizit die sprachlichen Handlungen der Gesprächspartner interpretiert. So werden Äußerungen nicht als isolierte, sondern als reflexive und indexikalisch wirkende Phänomene betrachtet (sie beziehen sich zurück auf eine Vorgängeräußerung und sie stellen zugleich eine Interpretation derselben dar). Die Bedeutung von Äußerungen wird aus einer Einbettung in den Äußerungskontext ermittelt, als eine Funktion dieses Kontexts betrachtet. Nun ist jedoch die entscheidende Frage, wie eng oder weit dieser Kontext definiert wird. Wenn Bedeutung eine Funktion des Kontexts ist, dann ist sie nicht nur von diesem "Kontext", sondern von der Definition dessen, was als Kontext gelten soll, abhängig.

Die Konversationsanalyse reklamiert für sich Objektivität (obwohl ihre VertreterInnen dies nirgends explizit formulieren), insofern man vorgibt, auf Definitionen von Kontext verzichten zu können, weil die "Kontexte" Gegebenheiten seien. Die bedeutungsrelevanten Kontexte konstituieren sich aus den lokalen Strukturen auf der Mikroebene der Interaktion, durch die Abfolge von Vorgänger- und Nachfolgeäußerungen mit ihren Nahtstellen, an denen die Sprecherwechsel oder Rückmeldesignale erfolgen. Die explizierten Interpretationen sind nicht die Interpretationen der AnalytikerInnen, sondern die der Interaktionspartner (die Nachfolgeäußerungen reflektieren eine Interpretation der Vorgängeräußerung), jedenfalls ist dies der Standpunkt der dogmatischen Vertreter wie z.B. Schegloff innerhalb der CA.

Mein Einwand ist nun folgender: Zum einen basieren auch konversationsanalytische Ansätze in mehrerer Hinsicht auf Interpretationen [Seite 31↓]ihrer AnalytikerInnen. Die scheinbare Abstinenz, Interpretationskategorien von "außen" einzuführen, d.h. keinerlei (soziale) Bedeutungskontexte heranzuziehen, die über die lokale Äußerungssequenz hinausgehen, ist eine Setzung dieser Methoderichtung, kein objektives Faktum. Diese Setzung postuliert die ausschließliche Relevanz der lokalen Kontexte, doch da sie negativ als ein Vorgang der Zurückhaltung definiert wird, ist sie noch nicht einmal mehr begründungspflichtig. Es ist m.E. nicht ausreichend, auf die eine oder andere "spekulative" Studie zu verweisen, in der ohne hinlängliche Absicherung solche dem Gespräch "äußerlichen Kontexte" (z.B. Geschlechterverhältnis, ethnische oder soziale Zugehörigkeit) als Hypothesen eingebracht wurden, die dann zu angeblich "falschen" Ergebnissen führten.17 Jedes Sprechen ist eingebunden in diachrone und synchrone Vernetzungen, sowohl funktional als auch inhaltlich. Jeder Redezug ist auf mehreren Ebenen analysierbar, sequenziell als Vorgänger-/Nachfolgeäußerung, sprechaktanalytisch als Frage-Antwortpaar, interpersonell als Ausweichmanöver in einer Haupt-/Nebensequenzanalyse, als "genialer Schachzug" in einer rhetorisch geprägten Debatte, als Teil einer Überzeugungsstrategie, als sprachliches Korrelat zu spezifischen Kontexten, als Indikator sozialer Verhältnisse und so weiter. Es ist eine Frage der Interpretation und der guten oder schlechten Begründung (was wiederum ein Resultat einer interpretativen Leistung ist), wie weit die Kontexte gehen. Sie sind nicht objektiv gegeben oder nicht gegeben. Es ist nicht einzusehen, warum ein "Heraushalten der sozialen Funktionen" nicht auch begründungsbedürftig ist. Auch dies ist eine bestimmte Interpretation von Wirklichkeit.

Weitere implizite Interpretationen finden statt, wenn in der CA-Forschung von den "Orientierungen" der Gesprächspartner die Rede ist. "Orientierung" ist ein Begriff, der die Verwendung des Wortes "(funktionale) Bedeutung" erübrigen soll. Orientierungen brauchen ein Komplement, etwas, woran sich jemand ausrichtet. Hutchby (1997) postuliert in seiner Untersuchung einer britischen Polit-Talkshow, bestimmte Details der Redeorganisation (hier: Reformulierungshandlungen, die sich mit Applaushandlungen in spezifischer Weise überschneiden) reflektierten den "Hauptzweck" der Talkshow-Rede der Politiker, der sei, die Zuhörer für sich einzunehmen, auf eine Linie zu bringen (alignment-building, vgl. Hutchby 1997); Thornborrow (1997), ebenfalls eine (wiewohl unorthodoxe) Vertreterin der CA zeigt anhand von formalen Differenzen in den Anfängen von persönlichen Erzählungen in Talkshows, daß sich die Gesprächspartner auf diese Weise mikro-kontextspezifisch ihre Berechtigung, sich zu Wort zu melden, sichern.18 Dadurch offenbarten sie eine [Seite 32↓]Art "Grundfunktion" der Talkshow-Rede, die sie mit having your say umschreibt. Die konversationsanalytisch geprägten Untersuchungen behaupten, Redeshows wie die hier untersuchten hätten die Funktion, unterschiedliche Kategorien von Sprechern (Experten und Laien) "zu Wort kommen zu lassen" und in kontroversen Diskussionen das Publikum "auf eine bestimmte Seite zu ziehen" und "für sich/seine Argumente zu gewinnen". Ebenso zahlreiche gesprächsanalytische Untersuchungen kommen zu dem Schluß, diese und ähnliche Shows definierten sich als "talk for an overhearing audience" (Hutchby 1995; Clayman 1988; Montgomery 1986; Heritage 1985), und begnügen sich damit, die verschiedenen sprachlichen Formate und interaktiven Verfahren, die diese Grundausrichtung auf ein Publikum in der Gesprächsstruktur widerspiegeln, herauszuarbeiten.

Die Studien bestechen durch akkurate Beschreibungen von interaktionellen Mikroprozessen und auch die gesprächsstrukturellen Funktionsbeschreibungen der Vorgänge sind völlig plausibel. Problematisch ist, daß beide Umschreibungen der Ausrichtung, alignment building und having your say, als das business of talkshows per se, als Zweck und Funktion der Rede und des Diskurse (the purpose of the talk), schlicht: als "nature of the discourse" (Hutchby 1997:177) deklariert werden. Die Ausrichtung der TeilnehmerInnen selbst, also die intendierte Funktion, die das Reden für die Beteiligten an bestimmten Stellen haben mag, wird dabei als nur zu explizierende Grundlage angenommen, die vom Analytiker nur noch ans Licht gebracht werden muß. Auch dies impliziert einen Neutralitätsanspruch, denn alignment-building und having your say sind angeblich "Ethno-Kategorien", Kategorien, die die Teilnehmer selbst – leider ebenfalls implizit - aufstellen. Doch die Kategorien stammen letztlich von den Forschern, da sie an keiner Stelle von TeilnehmerInnen ausformuliert, sondern während der Analyse aus bestimmten Interaktionsschritten hergeleitet werden. An diesem Punkt operiert CA zirkulär - sie benennt das, was sie gefunden hat und findet dann bei den TeilnehmerInnen immer wieder das, was die Analyse benannt hat. Da die Ausrichtungen der Teilnehmer selbst auch nur implizit vorhanden sind (CA besteht darauf, daß es sich durchaus um nicht oder nur halb-bewußte Strukturen handelt), müssen die Leitthesen ebenso wie sonst auch in der Theoriebildung durch die Analytiker selbst vorgenommen, um später in den "Orientierungen" wiedergefunden zu werden. Die Tatsache, daß sich diese Hypothesenbildung auf die scheinbar evidente, "unmittelbar" faßbare Ebene der Interaktion im Vollzug bezieht, und Spekulationen über ideologische oder andere Zielrichtungen umgeht, ändert nichts an dem prinzipiell [Seite 33↓]interpretierenden Vorgang, interaktionell wie auch immer implizit "vorhandene" Ausrichtungen analytisch benennen zu müssen. Eine Verallgemeinerung dahingehend, die stellenweise durchaus plausiblen Interaktionsfunktionen wie alignment-building oder having your say als Essenzen des Talkshow-Diskurses aufzufassen, ist ebenfalls eine Setzung der ForscherInnen. Having your say als eine zentrale Aufgabe in Talkshows zu definieren, funktioniert nur unter der Perspektive, diese Shows bereits vorher als öffentliches Forum der Meinungsäußerung zu betrachten - und das ist eine Setzung, die vor der Analyse erfolgt und eben nicht neutral an den "Teilnehmerverfahren abgelesen" werden kann, wie das die ethnomethodologische CA erfordert.

Lokale Funktionen, die im jeweiligen Rahmen durchaus sehr plausibel sind, als allgemeine Funktion des Diskurses zu setzen, ist der zentrale Schwachpunkt der Konversationsanalyse. Eine Verkürzung der funktionalen Perspektive auf die Strukturen des Gesprächs und der von den Teilnehmern selbst verwendeten (wie auch immer unbewußten) Techniken der kontextuell verankerten, situativen Sinnkonstitution versprechen zwar sicheren Boden, denn anscheinend sagt man nur etwas über konversationelle Fakten aus. Die "Faktizität" legitimiert sich dabei mittels der bereits angesprochenen Orientierungen der Gesprächsteilnehmer selbst, die ihrerseits nur abgeleitet, nicht direkt nachzuweisen sind. Diese Orientierungen sind andererseits nur auf interaktive Zielsetzungen ausgerichtet, d.h. sie spiegeln wider, wie Menschen versuchen, ihr Miteinanderreden zu koordinieren, was ohne Zweifel die notwendige Voraussetzung für jeden Diskurs19 ist. Ob es eine hinreichende Erklärung der diskursiven Vorgänge darstellt, ist zweifelhaft. Das diskursive Tun von Sprechern umfaßt immer mehr als nur die Rede aufeinander abzustimmen - sie reproduzieren bewußt oder unbewußt Ansichten, Umgangsweisen, stellen sich und andere in bestimmter Weise dar, erfahren sich als Redner, machen Politik oder Propaganda, usw. Da aber aus der Perspektive der CA immer nur lokale und sequenzielle Relevanzen ersichtlich sind, ist auch die Frage nach dem "warum" nur innerhalb dieses mikrosequenziellen Rahmens zu beantworten. "Lokale" Erklärungen wie "um an dieser Stelle Applaus zu bekommen", um "die Zuhörer auf seine Seite zu ziehen", um "sich einzubringen" usw. kann die Gesprächsanalyse im Detail geben. Sie kann aber die Spezifik des Genres oder den Diskurstyp und seine Funktionen nicht ausschließlich durch die Analyse der Interaktionsstrukturen erfassen.

Die Verhaftung des analytischen Begriffsapparats in der Semantik der Interaktion führt auch dazu, daß Konversationsanalysen kaum geeignet sind, Vorschläge zur Differenzierung von Gesprächsarten zu machen, denn Ziele und Zwecke dieser Gesprächstypen werden allgemein-interaktionell kategorisiert, über lokale kommunikative Tätigkeiten wie "zu Wort kommen; sich einbringen; alignment-building" usw.

Da die Funktion des Diskurses nur durch lokal-interaktionsrelevante Umschreibungen ("Orientierungen") definiert ist, um die Illusion der [Seite 34↓]analytischen "Orientierung" an dem "was der Fall ist" nicht zu gefährden, sind diese Beschreibungen kaum geeignet, Unterschiede in den diskursiven Arrangements zu erfassen. Denn die Applausorientierung teilt der Talkshowdiskurs mit anderen Sendetypen, die vor anwesendem Studiopublikum laufen, und auch mit Ereignissen wie Parteitagen und jeder Art von Reden vor Zuhörern. Auch andere Programme sind konzipiert für ein Publikum (und spiegeln das auf ihre Weise wider), auch "alignment building and taking sides" ist vielen Gesprächstypen und -phasen eigen und kann nicht der als Kern bestimmter Diskurstypen gelten.

Das Spezifischste, was CA über einen Gesprächstyp folglich sagen kann, ist - im Anschluß an Hutchbys Analyse – putativ formuliert: Zu der offenkundigen Bedingung, daß das Gespräch vor einem anwesenden Publikum stattfindet, werden Versuche, dieses Publikum auf seine Seite zu ziehen, häufig unter Verwendung von recompletions als rhetorisches Mittel vor oder gleich nach einsetzendem Applaus vonstatten gehen. In anderen Gesprächstypen, die nicht vor anwesenden Publikum stattfinden, funktioniert alignment-building anders. Und sodann müßte die nächste Beschreibung folgen, wie unter anderen interaktionellen Bedingungen alignments produziert werden, usw. mikroskopisch genau, aber ohne Möglichkeiten, über die interaktionale, lokale Gesprächskategorien hinausgehende Funktionen zu erfassen: Alignment-building ja - aber wozu? An welchen Stellen? Und finden sich nicht noch andere alignment-building Strategien auf ganz anderen Ebenen, je nachdem welche Perspektive man einnimmt? Talkshows sind zwar "talk produced for an overhearing audience" (Heritage 1985), aber sie sind ganz sicher immer auch mehr als das. Eine Klassifikation des Genres als "Diskurs mit ZuschauerInnen" oder "vor Publikum" erklärt seine Funktion nicht. Das Talkshow-Sprechen orientiert sich in vielen Momenten auch an der Möglichkeit, Applaus für einen Beitrag zu erzeugen (Atkinson 1984; Heritage/Greatbatch 1986), aber dies charakterisiert keineswegs die Funktion des Diskurstyps Talkshow. Sie sind natürlich phasenweise alignment saturated talk (Hutchby 1997:162), d.h. eine Form der Rede, die darauf abzielt, Zuhörer und Gesprächsteilnehmer zu überzeugen und für bestimmte Argumente und Positionen einzunehmen. Doch welcher öffentliche Diskurs wäre nicht auf Persuasion ausgerichtet, welche Redner wollten das Publikum nicht für sich gewinnen oder "auf seine Seite bringen"? Sicher ist es so, daß es in Talkshows auch darum geht, viele Stimmen und den sprichwörtlichen Normalbürger öffentlich zu Wort kommen zu lassen, aber ist having your say tatsächlich eine grundlegende Funktion, das "Anliegen" von (the business of) Talkshows (und ihren Produzenten)?

Das Unvermögen, die Spezifik eines Diskurstyps zu beschreiben, zeigt sich auch an einem ungenügenden Differenzierungsapparat für Gesprächssorten: debate, discussion, interview, talk show, radio show - one size fits all und für CA scheinen diese Begriffe einerlei. Alle diese Interaktionsrahmen gelten als institutionalisiert, publikumsorientiert, applausgerichtet und überall kommen unterschiedliche Redner zu Wort, die hin [Seite 35↓]und wieder persuasive Funktion haben, und darin sind sich alle gleich, Differenzen unerheblich, so mag es scheinen.

Die Zuspitzungen zielen ab auf eine Verdeutlichung meines Arguments: Es ist nicht alles eins, und die Tatsache, daß es in jeder Sprachgemeinschaft dafür unterschiedliche Begriffe gibt, zeigt an, daß sich die Mitglieder dieser Gemeinschaft an diesen Differenzen "orientieren", die als members' categories dann strenggenommen von der Konversationsanalyse erklärt werden müßten. Das ist der Punkt, an dem die methodische Strenge, die Verhaftung und Befangenheit in der Teilnehmerperspektive zum goldenen Käfig wird.

Die diskursunspezifische "Natur" der Resultate solcher gesprächsstruktureller Analysen ist selbst ein Resultat der bereits angesprochenen Zirkularität der Argumentation. Das Unspezifische resultiert dabei aus einer methodischen Verzichtserklärung, sich mit weiterreichenden Untersuchungsebenen als der der "unmittelbar" lokalen Schritte und Sequenzierungsverfahren einzulassen (z.B. das kommunikative und thematische Strukturpotential, konzeptionell erfaßt durch den Begriff des Genres und des Diskurstyps, siehe unten). Im Bestreben, keine Leithypothesen zu formulieren und nur rekurrente Interaktionsformate zu lokalisieren und zu beschreiben, bleiben auch die beschreibenden Kategorien der Semantik der Interaktion verhaftet: das Wortfeld des (Miteinander-)Sprechens wird nicht überschritten, die Ziele und Zwecke von Gesprächen und Diskursen werden durch Begrifflichkeiten wie "Publikumsorientierung", "Koalitionsbildung", "als Laie ins Gespräch einsteigen können" o.ä. erfaßt. Das führt in dem Augenblick zu Problemen, in dem nicht mehr die (funktional diffuser strukturierte) informelle, alltägliche Interaktion im Mittelpunkt der Forschung steht, sondern institutionalisierte Formen des Redens, wie z.B. Talkshows. Denn Institutionen haben komplexe Funktionen auf unterschiedlichen Ebenen. Talkshows haben schon aufgrund ihres Auftretens innerhalb bestimmter diskursiver Ordnungen - als ein Programm unter vielen an einem Tag, neben anderen Programmen auf anderen Sendern, als Mediendiskurs neben anderen Formen der Information und Unterhaltung usw. - Funktionen, die nicht nur durch interaktive oder sprechzentrierte Kategorien erfaßt werden können. Das können ökonomische, ideologische, soziale, kulturelle Funktionen sein. Daher erfassen konversationelle Analysen nur Teilfunktionen, bzw. notwendige Grundfunktionen, keinesfalls jedoch definieren sie durch die Beschreibung der "patterns in the production of talk ... the basis of the program and what is transmitted to the viewer" (Hutchby 1997:175, Hervorheb. B.S.).

Die Fruchtbarkeit konversationsanalytischer Detailforschung in Verbindung mit interpretativen Verfahren soll nun allerdings, wiederum am Beispiel eines Beitrags von Hutchby, ausdrücklich betont werden. Die SoziologInnen Livingstone und Lunt (1994) kommen bei der Auswertung von Fernseh-Talkrunden zu dem Ergebnis, daß öffentliche Personen aufgrund ihrer Meinung, Privatleute aber aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse in Sendungen dieser Art eingeladen werden: den Status des Experten erwirbt, wer [Seite 36↓]zur Sache befragt wird, Laien sind, wer nur "eine persönliche" Meinung abgibt. In einem Konferenzvortrag entwickelt Hutchby (1996) die These, daß der Unterschied in Talkshows zwischen den Teilnehmerkategorien "expert" und "lay person", also als "Privatmenschen" eingeladene Gäste, geprächsstrukturell konstituiert wird. Der Statusunterschied zwischen Laie und Experte, also Aspekte ihrer vermeintlich außer-diskursiv geltenden, sozialen Identität ist nicht vorher etabliert und wird "mitgebracht", sondern erst durch bestimmte sprachliche und interaktionelle Verfahren in der Show konstruiert.

Anhand der Anfangssequenz einer Oprah Winfrey Show über Rassismus innerhalb der us-amerikanischen Polizei führt Hutchby aus, daß bestimmte Fragetechniken der Moderatorin Winfrey bei den Polizisten "Abwehr- und Rechtfertigungshandlungen" zeitigen, und daß das Vorhanden- oder Abwesendsein dieser spezifischen kommunikativen Handlung darüber bestimmt, ob man in der Show als "Experte" oder als "Laie" gilt und spricht. Die kommunikativen Möglichkeiten oder Einschränkungen der Redehandlungen bestimmen also die diskursive Identität stärker als ein zuvor festgelegter Status: "Defending oneself is no expert activity", so das Resümée des Konversationsanalytikers. Die anwesenden Polizisten, nach Livingstone/Lunts Definition "Experten", da "in ihrer offiziellen Rolle" befragt, offenbaren sich durch die spezifische Art ihrer Rede als der Kategorie "Laien" zugehörig, werden in ihrer Rede durch die kommunikativen Schritte der Moderatorin durchaus "fremdgesteuert" und auf wenige Handlungsspielräume eingeschränkt. Das alles ist aufschlußreich und entspricht sogar diskursanalytischen Überlegungen, denn es wird zeigt, wie der konkrete Diskurs (hier als Regelung der kommunikativen Optionen) Teilnehmeridentitäten und -relationen entgegen äußerer bzw. scheinbar gegebener "Realitäten" prägt. Doch ohne die Klassifikation der SoziologInnen hätte Hutchby seine (sehr überzeugende!) Argumentation nicht entwickeln können. Rein konversationsanalytisch betrachtet wäre er nicht in der Lage, aus den lokalen Strukturen "Experten" und "Laien"-Kategorien herauszupräparieren. Im äußersten Falle könnten Sprechhandlungen identifiziert und daraus "Sprecheridentitäten" abgeleitet werden: defend-themselves speakers, ask-question-speakers usw., aber strenggenommen gibt es keine Möglichkeit, sie gesellschaftlich zu kontextualisieren und dadurch zu funktional relevanten Argumentationen zu gelangen.

Was nur auf lokale Strukturen und Dynamiken von Gesprächen ausgerichteten Analysen auch nicht zeigen können: daß Rassismus möglicherweise allgemein in solchen Shows als "Privatproblem" verhandelt wird (vgl. Peck 1994) und daß der rassistisch agierende "Offizielle", d.h. der Polizist, im Gespräch aus diesem Grunde im Modus des "Privaten" und "wie ein Laie" reden muß. Indem die Interaktionsformen, der Modus und der Ton "privatisiert" werden und vor allem die persönliche Ansicht Vorrang hat, können auch gesellschaftlich relevante Probleme rasch zur "Privatangelegenheit" werden und so durch Arten und Weisen der Gesprächsführung ihre soziale Relevanz [Seite 37↓]einbüßen. Habermas (1962:262) spricht von einer Privatisierung der Öffentlichkeit:

Öffentlichkeit wird zur Sphäre der Veröffentlichung privater Lebensgeschichten, sei es, daß die zufälligen Schicksale des sogenannten kleinen Mannes ... Publizität erlangen, sei es, daß die öffentlich relevanten Entwicklungen und Entscheidungen ins private Kostüm gekleidet und durch Personalisierung bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden. (Hervorhebung B.S.)

Es sind zwar in der Tat die lokalen Gesprächsschritte und interaktiven Bedingungen, die über weitere kommunikative Möglichkeiten entscheiden, das eine erfordern, andere Schritte ausschließen und so Subjektpositionen (GesprächsforscherInnen würde sagen: kommunikative oder lokale Sprecheridentitäten) umreißen. Aber die Verteilung der Subjektpositionen und der Zugang zu ihnen wird auf breiter diskursiver Ebene geregelt als nur in den lokalen Mikroschritten, was konversationsanalytische Untersuchungen nicht in den Blick bekommen. Sie sind in ihrer orthodoxen Variante einer strukturell-formalistische Methode verpflichtet, die es ihnen erschwert, das "Wesentliche" eines bestimmten Diskurstyps zu erfassen.20 Der verengte Blick auf lokale Vorgänge verhindert die Wahrnehmung von ungleichen Verteilungen und Häufungen bestimmter Phänomene an bestimmten Stellen im Diskurs und bezogen auf die gesamte Interaktion. Dadurch werden diskursive Strategien oft nicht erkannt, die sich aus Bündelungen von unterschiedlichen sprachlichen und interaktiven Merkmalen ergeben. Es sind aber oft gerade Diskursstrategien, Konfigurationen von unterschiedlichen Merkmalen und Merkmalsbündeln, die erst in ihrer Gesamtheit auf die Funktionen eines Diskurstyps verweisen, die ihn charakterisieren (Lauerbach 1999), nicht Einzelphänomene wie Hutchbys "recompletions" oder Thornborrows "story-openers".

Zudem bleiben Konversationsanalysen blind für die latenten Bedeutungsstrukturen, die unsichtbaren Systematiken in sprachlichen und interaktiven Organisationen und Prozessen, denn sie können nur "sehen", was die Beteiligten selbst sehen und verstehen - das macht kritische Haltungen aus dieser Perspektive schwer. In Abwandlung von Frasers (1994) Definition von Mediendiskursen als "Kampfstätten um die Interpretation von gesellschaftlicher Wirklichkeit" können wir im Zusammenhang von CA-Studien von einer Verengung der Perspektive auf eine bloße "Arena der Aushandlung und Interpretation von Interaktionsschritten" sprechen.

Die Strenge und Begrenztheit der CA hatte zweifellos eine historische Funktion. Sie entstand in den sechziger Jahren als Gegendiskurs zu spekulativen ideologiekritischen Verschwörungstheorien und Inhaltsanalysen von institutionalisierten Diskursen. CA wollte sich auf die Grundbedingungen der Interaktion konzentrieren und trug erheblich dazu bei, die Mikroebene allen [Seite 38↓]verbalen Geschehens als ernstzunehmenden Untersuchungsgegenstand zu etablieren. Mag 1988 noch gegolten haben:

It has become increasingly unrealistic to analyse the structure and content of [media]messages independently of the interactional medium within which they are generated. For, although the medium may not be the message, the interactional structures through which broadcast talk is conveyed must necessarily contribute to content and appearance (Heritage et al. 1988:79),

so sind die historisch notwendigen Gegenbewegungen gegen "reine" Inhaltsanalysen und "starre" Ideologiekritik mittlerweile an ihre selbstgesetzten Grenzen gelangt. Natürlich geht nichts mehr ohne Berücksichtigung der interaktionellen Strukturen, sofern sie im Untersuchungsgegenstand vorkommen. Aber es gibt mehr zu entdecken, und vielleicht ebenso Grundlegendes (sofern dieser Begriff nicht eigentlich immer schon zirkulär funktioniert: grundlegend ist, was meine Perspektive als Grundlage voraussetzt), wenn die Analyse nicht aus methodischen Desiderata auf die Analyse der Interaktionsstrukturen selbst fixiert bleiben muß, auch wenn sie selbstverständlich ein wichtiges Untersuchungsfeld darstellen.

Die formalistische Ausrichtung kann das Mehr von Diskursen nicht ans Licht bringen, was über das lokale Tun der Gesprächsteilnehmer selbst hinausgeht und von dem Foucault (dt.1973:74) spricht: "Dieses Mehr macht [die Diskurse] irreduzibel auf das Sprechen.., dieses Mehr muß man beschreiben." Dieses Mehr ist die historische und aktuelle Differenz und die Spezifik des jeweils untersuchten Diskurstyps, die sich, z.B. im Falle der Talkshows, aus dem Zusammenspiel von Strukturen auf mehr als nur der unmittelbaren Ebene des expliziten Redens unter den Anwesenden im Studio, ergibt. Auch diese Ebenen lassen sich diskursiv erfassen, wenngleich mit erweitertem Instrumentarium und unter Rückgriff auf Analysemodelle, die Äußerungen als "textuelle Organisationen [begreifen, die] mit einem bestimmten sozialen Ort verknüpft" sind (Maingueneau 1996:115), der breiter definiert sein muß denn als unmittelbare Äußerungssequenzen.

Im Bereich der Mediendiskurse dienen Identitätszuschreibungen und Beziehungsangebote unter anderem ökonomisch der möglichst hohen Zuschauerquote und soziokulturell der kollektiven Wiedererkennung und Festigung eines bestimmten (tendenziösen) Selbstverständnisses der Betrachter und Beteiligten. Diese diskursiven Subjektivierungen sind nicht unabhängig von den Interaktionsstrukturen zu analysieren, aber ihre Untersuchung erfordert einen viel breiteren Rahmen als die Bezugnahme auf die face-to-face Interaktion. Dieser Rahmen wird m.E. von der gesellschaftskritischen Diskursanalyse (Fairclough 1992; 1995; Van Dijk 1993; in Deutschland Jäger 1993; Jäger/Link 1993) breiter abgesteckt und ermöglicht somit mehr Terrain für die Analyse von Mediendiskursen.

2.2 Linguistik und Diskursanalyse


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Im Bestreben, eine möglichst textnahe Diskursanalyse zu entwickeln, die einerseits kritischen Prämissen verpflichtet ist, andererseits anhand des konkreten Untersuchungsmaterials und daher durch linguistische und textwissenschaftliche Methoden zu Ergebnissen kommen will, schlägt der Sprachwissenschaftler N. Fairclough (1992; 1995) ein verschiedene kritische Ansätze umfassenden Rahmen zur Analyse von Texten und Interaktionen vor. Im Anschluß an Foucault betrachtet Fairclough diskursive Praktiken zum einen grundsätzlich als "Sprachpraktiken", zum anderen als eine Dimension sozialer Praxis, die gesellschaftliche (d.h. nicht nur lokale, sequenzielle) Bedeutungen hervorbringt, festigt odertransformiert. Als diskursive Praktiken gelten nicht nur alle sprachlich strukturierten Praktiken, sondern gemeinhin alle reglementierten symbolisch operierenden Systeme, die durch Einschränkungen (constraints) und Differenz auf allen gesellschaftlichen Ebenen (Kultur, Ökonomie, Politik) Sinn und Bedeutung hervorbringen. In jeder Hinsicht können diese ideologisch-hegemoniale Funktionen aufweisen, sofern sie systematisch eine system-opportune Sichtweise fördern und andere ausschließen, verdrängen, diskreditieren oder überhaupt aufscheinen lassen. Die Saussuresche parole-Ebene wird durch die Betrachtung als Diskurs so von einer bilateralen Aktivität zweier oder mehrerer Individuen zu einer sozio-historisch geprägten und durch Regelhaftigkeiten charakterisierten Praxis an bestimmten Orten, in einem bestimmten Umfeld, unter bestimmten Bedingungen. In dieser Definition sind Diskurse also Arten und Weisen des Redens, die nicht individuellen Intentionen und Zufälligkeiten, sondern gesellschaftlichen und kollektiven Konventionen, Regulierungen und Normen unterliegen, die den Sprechern nicht bewußt sein müssen. Häufig sind sie so komplex strukturiert, daß sie im Moment des Sprechens undurchschaubar und unverfügbar sind.21 Die Resultate diskursiver Praktiken sind Texte (und Interaktionsformen, die in einem von Fairclough vertretenen weiten Textbegriff allerdings impliziert sind) und andere mit deren Produktion und Interpretation einhergehende manifeste und latente Sinnkonstrukte wie (Handlungs-)Subjekte, Autoren, Autonomie, Wissen, Wahrheit. Sie werden als ein Effekt bestimmter diskursiver Praktiken betrachtet, die nicht nur die Sprechhandlung, sondern auch Positionierungen in einem spezifisch strukturierten Raum, Verordnungen und Voraussetzungen für die Teilnahme an einem diskursiven Ereignis, Ausrichtungen an Nachbardiskursen und Gegendiskursen usw. betreffen.

Diskurse und ihre textuellen Manifestationen sind in mehrerlei Hinsicht konstitutiv: sie erzeugen Identitäten und Subjektpositionen, sie erzeugen Bezüge und Beziehungen zwischen den an der Interaktion zwischen Text und Rezipient (d.h. an der Interpretation der Texte) Beteiligten und sie sind beteiligt an der Herstellung von Wissens- und Glaubenssystemen, die das Handeln der Sprecher beeinflussen.


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What usually is left out in the crucial perspective of construction is the role of discourse in constituting or constructing selves. When one emphasizes construction, the identity function of language begins to assume great importance, because the ways in which societies categorize and build identities for their members is a fundamental aspect of how they work, how power relations are imposed and exercised, how societies are reproduced and changed. (Fairclough 1992:168)

Zu den auf der Repräsentationsebene entworfenen Weltbildern gehören Subjekte, die ebenfalls von und im Text produziert oder in ihnen unterstellten "Eigenheiten" wenigstens angesprochen werden (Fairclough nennt das "identity function of language", Althusser nennt diesen Vorgang "interpellation" und sieht darin den Kern ideologischer Prozesse), die sich in diesen Diskursuniversen, aus denen ihr Alltag besteht, bewegen, und die notwendig sind, um Gemeinschaften und Kollektive - und sei es das der konsumierenden, individualisierten Monaden - zu schaffen und zu verwalten ("to organize people into communities" - Fairclough 1992:149).

Zur breiteren Erfassung diskursiver Aspekte schlägt Fairclough eine Mischung aus unterschiedlichen sprach- und textwissenschaftlichen Untersuchungmethoden vor. Einerseits bieten systemisch-linguistische Ansätze nach Halliday (1978;1985; in kritischer Perspektive z.B. weiterentwickelt von Kress, Hodge, Fowler, siehe Literaturanhang) wie die Analyse der Lexikalisierung und der Formulierung, lexiko-grammatischer Strukturen wie Transitivität und thematische Stellung, Kohäsions- und Kohärenzstrukturen wie Konjunktionsschemata oder Argumentationsmuster zwischen Sätzen zahlreiche Möglichkeiten, Bedeutungsaspekte der Texte und Interaktionen zu erfassen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Annahme, daß alle Äußerungen und Sätze immer mehrere Funktionen zugleich erfüllen. Zum einen artikulieren sie Sichtweisen auf die Welt, Referenzen auf Wissenskomplexe und Glaubenssysteme (ideationale bzw. referentielle Funktion), des weiteren implizieren sie Subjektpositionen, soziale und situative Rollen und Identitäten und konstituieren Beziehungen zwischen den Beteiligten (interpersonelle oder Beziehungsfunktion). Zuletzt weisen sie Elemente und Strukturierungen auf, die helfen, die Äußerung (den Satz) in einem Ensemble (einem Text, einer Interaktion) zu verorten und die Bezüge zu vorherigen und nachfolgenden Teilen herzustellen (textuelle Funktion).

Die Vorteile dieses Ansatzes bestehen darin, linguistische Analysemethoden mit Foucaults Einsichten über die (weit über traditionell sprachwissenschaftliche Erkenntnisinteressen hinausreichenden) gesellschaftlichen Dimensionen des Sprechens (der Sprache in ihrem geordneten Vollzug) zu verknüpfen. Dabei stehen vor allem die Betonung des konstitutiven Aspekts von Sprache im Vordergrund; ebenfalls die Annahme, daß diskursive Praktiken interdiskursive Netzwerke und Serien bilden, also keine isolierten Erscheinungen sind. Besonders die Foucaultsche Einsicht, daß Machtverhältnisse nicht stabil sind, sondern diskursiv, performativ und kontinuierlich auf Mikroebene (also bottom-up) reproduziert, rekonstituiert und [Seite 41↓]verhandelt werden müssen, soll dazu führen, Sprache ins Zentrum gesellschaftlicher Analysen zu rücken.

2.3 Von der Theorie zur Analyse: Wie werden Subjektpositionen beschreibbar?

Die Operationalisierung der im vorigen Kapitel dargestellten diskursiv konzipierten Subjekttheorien für linguistische Studien ist nicht ganz einfach und bislang auch nicht systematisch vorgenommen worden. Auch die vorliegende Untersuchung nimmt nicht für sich in Anspruch, dies leisten zu können, sondern stellt einen ersten Versuch dar.

Im ersten Kapitel der Arbeit wurden Ansätze vorgestellt, die zeigen, daß Subjektpositionen unmittelbar mit sprachlichen Strukturen (z.B. dem Pronominalsystem und der Deixis) und mit diskursiven Prozessen zusammenhängen. Diese Zusammenhänge sind allerdings sehr unterschiedlich konzipiert. Benveniste sieht in den sprachlichen Strukturen die conditio sine qua non des Subjekts, weil nur sprachliche Strukturen es ermöglichen, als solches in Erscheinung zu treten, während Lacan in der Sprache (der symbolischen Ordnung) nur die negative Folie des Subjekts sieht: all das, was das Subjekt NICHT ist, was es letztlich verfehlt (wobei es nichts gibt, was das Subjekt positiv repräsentieren könnte). Foucault wiederum versucht zu zeigen, daß das Subjekt keine außersprachliche Gegebenheit - darstellbar oder nicht – sein kann, sondern eine Folge (ein Effekt) bestimmter Arten und Weisen des Sprechens und der dieses Sprechen strukturierenden Diskursformationen. Althusser geht wie Lacan davon aus, daß Sprache das Subjekt(-ive) verfehlen muß, weil die Sprache eine fremde Ordnung ist ("eine fremde Zunge"), mit der es sich als Selbst beschreiben kann, mit dem es klassifiziert und in Form gebracht wird. Auch die semiotische Generalperspektive ist, mit den Worten von Peirce, "that man himself is a sign" (1931:189).

Die vorliegende Arbeit will nicht den Versuch unternehmen zu diskutieren, inwiefern der Mensch ein Zeichen ist und welche philosophischen Probleme diese Definition aufwirft. Doch sie geht davon aus, daß Strukturen und Dynamiken der Sprachverwendung und Zeichenprozesse in jedem Fall maßgeblich daran beteiligt sind, Sprecherpositionen und diskursive Identitäten zu konstruieren und zu konstituieren.

In Verbindung mit dem diskursanalytischen Desiderat, sich zukünftig mehr mit den (kritisierbaren) Subjektpositionen, den Bezügen zwischen den am Diskursteilnehmern und den interaktionellen Konstruktionsleistungen im Hinblick auf die Sprecheridentitäten zu befassen, ergibt sich das Untersuchungsfeld der Arbeit:

Representations are a long-standing concern in debates about bias, manipulation, and ideology in the media, but identities and relations have received less attention. The wider social impact is not just to do with how they selectively represent the world...; it is [Seite 42↓]also to do with what sorts of social identities, what version of 'self' they project, and what cultural values... these entail. (Fairclough 1995:17)

Most [critical] accounts ... stress representational issues. Yet perhaps relatively stable constructions of social and personal identity and relations which have become naturalized as facets of familiar media genres and formats ... are now more ideologically significant in the implicit messages they convey about people and relationships than the variable representational contents that these programmes may accommodate. (1995:125)

Wie sind die Äußerungsmodalitäten für die unterschiedlichen Teilnehmerkategorien in Talkshows beschaffen? Welche Beteiligungsmöglichkeiten werden etabliert? Wie werden welche Konstellationen und Verhältnisse zwischen den TeilnehmerInnen konstituiert? Welche in Foucaults Sinn transsubjektiven Äußerungsmodalitäten, welche Weisen der Produktion von Aussagen müssen die einzelnen Sprecher befolgen, um als legitime Talkshow-Sprecher(kategorie) zu gelten? Welche sprachlichen und interaktiven, welche diskursiven Ebenen und Kategorien spielen dabei eine Rolle?

Die Nachmittagstalkshow in ihrer Ratgebervariante scheint mir für ein solches Vorhaben deshalb interessant, weil sie ihre unbekannten Alltagsmenschen jeden Tag aufs Neue vorstellen und als Sprecher autorisieren muß, weil die Subjektpositionen während des Sprechens konstituiert werden: In 45 Minuten werden sie Talkshow-Subjekte oder "Persönlichkeiten", denen - anders als bei Prominentenshows, die aufgrund ihrer Medienpräsenz und Rolle in der Öffentlichkeit bereits einen Ruf haben - kein Image vorauseilt. Die Konturen ergeben sich erst in der Show. Es ist ein Forum für völlig unbekannte Leute, die aufgrund ihrer "subjektiven" Verfaßtheit (als Depressive, als Macho, Lesbe, Mißhandelte usw.) eingeladen wurden. Doch dieses "Subjektive"/Individuelle muß in der Show erst durch sprachlichen Austausch, durch Talk hergestellt werden. Talkshows sind wie jede durch symbolische Tauschvorgänge strukturierte Situation ein Feld, auf dem gesellschaftliche Definitionen von Welt und Selbst ausgehandelt werden. Doch als TV-Genre mit der Ausrichtung auf die Zuschauer(-quote) kann es auch als diskursive "Arena" der Interpretation von gesellschaftlicher Wirklichkeit betrachtet werden; als Forum des Zusammentreffens von Institution und denen, die ihr "Außen" bilden, den Alltagsmenschen, die die Institution TV als Publikum braucht. Insofern ist die Nachmittagstalkshow spezialisiert auf die Sichtbarmachung des Alltagsmenschen in der Öffentlichkeit.

Die Frage ist nun, wie dieser Fragekomplex linguistisch operationalisiert und anhand des Diskurstyps "Talkshow" getestet werden kann. Dazu bedarf es einer Sprachtheorie, die in der Lage ist, systematische Bezüge zwischen sprachlichen Merkmalen, dem Text und den (kulturellen bzw. sozialen) Situationskontexten, in denen der Text realisiert wird, herzustellen, und die darüber hinaus ein Modell zur Erfassung dieser systematischen Bezüge zwischen Sprachgebrauch und Kontext bereitstellt (z.B. in einer Genretheorie).


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2.3.1  Funktionale Sprachtheorie: Sprachgebrauch als Semiotik

M.A.K. Hallidays (1978; 1985) funktionale Perspektive auf Sprache betont die semiotische Grundstruktur der sozialen Wirklichkeit, die auf kontinuierlichem Bedeutungsaustausch gründet. Realität besteht aus dieser Sicht aus Bedeutungssystemen, die in unterschiedlichen Kontexten paradigmatische Optionen des "Bedeuten-Könnens" (meaning potentials) bereitstellen. Bestimmte Situationen sind immer mit bestimmten Bedeutungsmöglichkeiten verbunden und Sprecher erweisen sich dann als kompetent, wenn sie das der Situation angemessene Bedeutungspotential kennen und dementsprechend richtige sprachliche Muster realisieren können. D.h., situative Elemente und Merkmale aktivieren nach dieser Theorie die Realisierung bestimmter sprachlicher Muster und Strukturen in systematischer Weise. Daraus folgt umgekehrt, daß sprachliche Merkmale immer Spuren und Hinweise auf die soziale Situation darstellen, in denen sie geäußert wurden. Begriffe wie Register und Genre/Textgattung sollen helfen, die situativen und die linguistischen Systematiken zu beschreiben.

2.3.1.1 Situativer Kontext als sprachliche Determinante

Die nachfolgenden Überlegungen zu den Begriffen 'Register' und 'Genre' basieren auf der Annahme, daß spezifische Redeweisen und Arten des Sprachgebrauchs nur in sehr genau definierbaren, bestimmten Kontexten "Sinn ergeben", weil sie nur unter bestimmten Umständen ihren "Sinn erfüllen", also zweckdienlich und angemessen sind. Sprachgebrauch wird so als zweckgebundene soziale Aktivität bzw. als Sozialverhalten definiert, das nur innerhalb von spezifischen situativen Kontexten sinnvoll ist:

Die Untersuchung von Sprache als Sozialverhalten ist letzten Endes eine Darstellung semantischer Wahlmöglichkeiten, die von der Sozialstruktur herstammen... "Sozio-Semantik" [ist] ein echtes Berührungsfeld zweier Gedankenwelten...: der sozialen und der linguistischen. Und dies geht in beide Richtungen: die Wahlmöglichkeiten an Bedeutung sind linguistisch bedeutsam, weil Selektionen in der Grammatik und im Wortschatz als ihre Verwirklichung erklärt werden können. Sie sind soziologisch bedeutsam, weil sie Einsicht verschaffen in Verhaltensmuster, die wiederum erklärbar sind als Verwirklichungen der pragmatischen und symbolischen Akte, die Ausdruck der Sozialstruktur sind. (Halliday dt. 1975:67)

Wenn man also nach dem "Sinn" einer sprachlichen Handlung fragt, fragt man nach der situativen und kulturell definierten Funktion der Äußerungen, nach ihrer Bedeutung als pragmatischer und symbolischer Akt, als Ausdruck der Sozialstruktur und der sozialen Identitäten ihrer Akteure - anders formuliert: Äußerungen sind situiert. Die sprachlichen Merkmale funktionieren als Zeichen, die die Umstände und Bedingungen ihrer Produktion reflektieren, und zwar in interpersoneller, gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht.


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2.3.1.2  Register

Unter dem Begriff Register werden systematisch sprachliche Merkmale und Charakteristiken bestimmter Situationstypen erfaßt.

[T]he register is what a person is speaking, determined by what he is doing at the time ..[it] is recognizable as a particular selection of words and structures. But it is defined in terms of meaning.(Halliday 1978:110-1, Hervorhebung B.S.)

Die spezifische Struktur von Situationstypen ergibt sich aus einer Korrelation von sozialem Handlungsfeld (field), in dem die Situation verortet ist, plus der sozialen Rollen und damit einhergehende Nähe- und Distanzverhältnisse der Akteure (tenor) sowie einem bestimmten Modus (mode), der den Sprachgebrauch im jeweiligen Kontext maßgeblich strukturiert (dialogisch/monologisch; schriftlich/mündlich usw.) Sprachlich werden diese Aspekte auf unterschiedlichen Ebenen als ideationale, interpersonelle und textuelle Bedeutungsstrukturen realisiert. Das thematische Feld der Texte oder Interaktionen korreliert auf lexikogrammatischer Ebene mit den Bedeutungsstrukturen und -prozessen auf der inhaltlich-ideationalen Ebene der Sprache; Bezüge zwischen den Interaktionsteilnehmern und ihre Identitäten, die auf der Ebene der interpersonalen Bedeutungen konstituiert werden, korrelieren mit dem Tenor der Interaktion. Mode als dritter Register-Parameter beschreibt die Art und Weise der Sprachverwendung, die Modalitäten des Miteinanderredens (dialogisch, face-to-face oder vermittelt, informell, spontanes oder vorbereitetes Sprechen) und die damit einhergehenden textkonstitutiven Verfahren durch welche aus Anhäufungen von Worten und Sätzen zusammenhängende Sinnstrukturen wie Texte, Dialoge und Diskurse werden.

There is a tendency... for the field of social action to be encoded linguistically in the form of ideational meanings, the role relationships in the form of interpersonal meanings, and the symbolic mode in the form of textual meanings. (Halliday 1978:123)

Für die diskursive Subjektkonstitution dürfte vor allem die Ebene der interpersonellen Bezüge und Bedeutungen relevant sein und die sprachlichen Bereiche der Modalität, der Interaktionsorganisation, Takt- und Höflichkeitsmarker, aber auch sprachliche und nicht-sprachliche (mit dem Körper symbolisierte) Verweise auf eine kollektiv identifizierbare "Grundhaltung", einen bestimmten Ethos, eine körperlich/gestisch ausgedrückte Verortung innerhalb eines bestimmten gesellschaftlichen Segments (Maingueneau 1996). Dabei geht es nicht nur darum, wie andere Menschen dargestellt werden oder wie über sie gesprochen wird, sondern in erheblichem Maß auch darum, wie mit ihnen gesprochen wird:

not how they are referred to and represented ... but with others as direct participants in media output, for instance as interviewee ... identity [is] the sort of social and personal identity that are set up in media output for reporters, for audiences, and for various categories of "others". (Fairclough 1995:125f.)


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Es geht um den Bereich der Sprache, in dem die Beteiligten nicht nur über etwas sprechen, sondern mit ihrem Sprechen interpersonelle Bezüge, (Macht-) Verhältnisse und sowohl situative als auch soziale Identitäten für sich selbst und die anderen Beteiligten schaffen: "Interpersonal meanings are about roles and attitudes...[e]stablishing social identities such as 'friend', 'stranger', male or female, 'bossy' or 'effusive' etc. is not done by holding up a sign with a label on it. Instead, it is done through talk" (Eggins 1994:149).

Analog zu Hallidays Modell wird zunächst zwischen field, tenor und mode der Situation in Talkshows unterschieden, die sich wie folgt skizzieren lassen:

2.3.2 Genredefinitionen


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Die textuellen (interaktiven) Organisationsformen, in denen die sprachlichen Merkmale solcher typischen sozialen Situationen und Kontexte zusammengefaßt sind, nennt man Genre oder (Text- bzw. Diskurs-)Gattungen. Genrebeschreibungen umfassen auch die sequenziellen und syntagmatischen Abfolgeordnungen, die in Registerbeschreibungen nicht impliziert sind, d.h., die sequenziell strukturierten Abläufe, die Aktivitäten und zweckgebundene Handlungen konstituieren und aus dem Geschehen ein kollektives, gesellschaftlich erkennbares typisches Vorkommnis machen.

Nachmittags-Talkshows sind identifizierbare, vertraute soziale Situationstypen, das zeigt sich u.a. daran, daß sie parodiert werden können (im deutschen Fernsehen z.B. TV-Kaiser oder Dall-As; im angelsächsischen Bereich Dame Edna usw.). Aber auch an ironischen Aussagen wie: "Ich habe mich nicht redlich abgemüht, eine gute Ehefrau und Mutter, sexy Geliebte und seine beste Freundin zu sein, um später damit in irgendeiner Talkshow zu landen", die aus einem us-amerikanischen Spielfilm stammt, läßt sich ein Wissen um die Typik dieses Genres ablesen. Offenbar folgt der Situationstyp "Nachmittags-Talkshow" bestimmten Regeln - zumindest als Regelmäßigkeiten - und Mustern, die leicht wiederzuerkennen sind. Häufig erkennen wir ein Genre sofort, aber die Regelmäßigkeiten, die unser Urteil bestimmen, sind uns selten bewußt.

Wherever language is being used to achieve a culturally recognized and culturally established purpose, there we will find genre... Genre theory is about bringing this unconscious cultural knowledge to consciousness by describing how we use language to do things (Eggins 1994:46/7).

Im Genre-Begriff ist der Handlungscharakter der sprachlichen Aktivität impliziert, als Verkettungen von Handlungen, Handlungssequenzen und Handlungsphasen, die aufeinanderfolgend erst ihren "Sinn" im Hinblick auf ihre soziale Funktion, die mit dem Sprechereignis erfüllt wird, verständlich machen.

Als sprachlich-textuelle Organisation verknüpfen sich Genres so mit einem gesellschaftlichen Ort und mit gesellschaftlichen Handlungen und Funktionen. Sie repräsentieren die Schnittstelle, an der sich Text und sozialer Kontext (als Umstand und zielgerichtetes Handeln) kreuzen, sie sind "a way of using language associated with a particular category of purposeful social activity" (Fairclough 1995:90). Formale sprachliche (und anders strukturierte symbolische) Anordnungen lassen sich in der Regel erst "lesen" und verstehen, wenn sie als ein Genre identifiziert werden können (vor allem in der Bildenden Kunst der Moderne und Postmoderne läßt sich das gut nachvollziehen, denn es entsteht immer Konfusion und Unmut/Unlust, die sich als Kritik äußert, wenn neue "Schulen" - also Genres - entstehen und völlig neuartige Anordnungen von Formen und Materialien, die nicht sofort gelesen werden können, etablieren).

Genres sind "fuzzy categories", zumindest in bezug auf ihre Größeneinheit. Sie kommen in sehr unterschiedlichen Größenordnungen vor, [Seite 47↓]d.h., die geordneten Handlungssequenzen, von denen man das Genre ableiten kann, können unterschiedlich lang und komplex sein. Daher ist sowohl eine Talkshow als auch der Vorgang des "Tratscherzählens" oder der anekdotischen Erzählung als Genre definierbar. Verschiedene Genreformate können zusammen ein Genre auf größerer Ebene ergeben, ein Meta-Genre kann aus einer bestimmten Abfolge und Anordnung kleinerer Genres bestehen. Als Genre oder kommunikative Gattung werden kommunikative Formen wie "Interview", "Erzählung", "Berichterstattung", aber auch "Beichte" und "Tratsch", "Expositionen" oder "informelle Unterhaltung" klassifiziert. "Expositionen" können Teil einer "Erzählung" sein, informelle Unterhaltungen (als Chat) können Erzählungen beinhalten usw. Unterschiedliche Genres können sich dabei sequenziell abwechseln oder auch ineinander zu hybriden, heterogenen Texten verschachteln.

Genres sind jedoch nicht nur analytische Konzepte, die helfen, bestimmte Ereignisse qua Klassifikation intelligibel und als typische Sprachmuster verständlich zu machen. Genres haben stark normative Aspekte, die die Text-/Diskursproduktion und -rezeption leiten. Als praktisches Wissen stellen sie Erwartungsmuster hinsichtlich des "Normalfalls" dar, die die Interaktionen zwischen den Sprechern bzw. zwischen Text und Leser in gewohnter Weise vorhersehbar und daher reibungslos machen. Sie stellen Erwartungshorizonte für die Rezipienten und Schreib- bzw. Sprechmodelle für die Produzenten dar als

typical, constraining forms of texts which link kinds of producer, consumer, topic, medium, manner and occasion. These control the behaviour of producers of such texts, and the expectations of potential consumers ... there are clear rules which regulate the interactions among participants ... in a particular kind of social occasion [that] is established, recognized and named by a social group, and practices are delineated which govern the actions of participants on such occasions. (Hodge/Kress 1988:7)

[They] imply ... a set of reception and production regimes, carrying a pre-existing set of understandings about roles, meanings and styles that are shared by all participants, including viewers ... It is a syntagm of options prescribing behaviours in a specific class of situations. (ibid p. 51)

In den Regelmäßigkeiten, die die sprachliche Interaktion strukturieren, sind die sozialen Bezüge, die Rollen und Sprecher- bzw. Rezipientenidentitäten kodifiziert, die die je diskursspezifischen Subjektpositionen (als Handlungsrollen und -möglichkeiten, die gesellschaftlich determiniert und funktionalisiert sind) charakterisieren.

Zur Dynamik von Genres

Genreregularitäten werden im aktuellen Vollzug immer auch überschritten. Jede Zeichenaktualisierung in Texten oder Äußerungen verändert den vorangegangen Zustand in einer sozialen Situation: there can be no semiotic act that leaves the world exactly as it was before (Halliday 1994:200). Inwieweit Differenzen in der Wiederholung von Genreregeln im Laufe der Zeit das Genre selbst transformieren, können langfristig angelegte diachrone Studien von [Seite 48↓]Genres zeigen (Scannell 1991 über britische Radioshows). Auch wenn sich die beiden hier untersuchten Talkshow-Reihen aufgrund formaler Merkmale und Übereinstimmungen grundsätzlich demselben Genre der Talk-Service-Show am Nachmittag zuordnen lassen, so ist die Funktion und Zielrichtung teilweise so unterschiedlich ausgeprägt, daß sich in einer Genreanalyse die Frage stellt, ob es sich nicht um zwei verschiedene Genres handelt. Diese Diskussion wird hier jedoch nicht geführt, da sich die Analyse auf die Ebene der Subjektkonsitution beschränkt, die nur einen Teilaspekt von Genre darstellt. Generische Analysen zur Ermittlung von Subjektpositionen andererseits stellen nur eine Ebene unter anderen dar.

Genre, Text, Diskurs, Diskurstyp

In der Tradition der social semiotics ist der Diskurs als "mode of talking about areas of social life which is produced collectively, usually within institutions" (Kress 1985:27) definiert. Als solcher verweist der Begriff auf die gesellschaftliche Dimension von Sprachgebrauch, auf die Produzenten und Rezipienten und die Bedingungen der Entstehung von Texten und Interaktionen. Die Begriffe Text und Genre verweisen auf die (formalen) linguistischen Strukturen und Merkmale, die den jeweiligen Diskurs realisieren, ihm aktuelle, materielle Existenz geben. In den sprachlichen Merkmalen kommen so einerseits Diskurse zum Ausdruck, andererseits repräsentieren bestimmte formale Eigenschaften des Sprachgebrauchs bestimmte Textgenres.

Allerdings ist der Begriff "Diskurs" in weitaus geringerem Maß als streng syntagmatische Formation zu verstehen als das Genre. Diskurse charakterisieren sich durch eine kognitiv-semantische Schichtung von Aussagen, die die Wahrnehmung (das Wissen) eines gesellschaftlichen Bereichs strukturieren und soziale Bedeutungen konstituieren, die über die Wort und Satzsemantik hinausgehen, aber auch diffuser sind als jene. Genres haben sehr wohl genau definierte Abfolgen. Diskurs(e) plus Genrestrukturen ergeben nach Fairclough spezifische Diskurstypen (1995:76f.).

Genre wird nach Halliday als strukturierte und zugleich strukturierende Praxis der Textproduktion und Rezeption aufgefaßt. Dies entspricht der Auffassung von diskursiver Praxis nach Foucault. Der Unterschied zu Foucault ist allerdings entscheidend: für Foucault ist die Strukturierungsleistung des Diskurses nicht linguistisch-grammatisch verankert, sondern eine kognitiv-semantische Operation, ein Denken-Können und Wissen-Können, das sich über Sprechbedingungen und gesellschaftliche Praktiken und nicht über einen linguistisch etablierten Zusammenhang definiert. Hallidays funktionalistische Sprachbetrachtung allerdings verspricht, mit ihrem Bindeglied der semantic meaning potentials, die die sozialen Semantiken der grammatischen Strukturen beschreiben, Zusammenhänge zwischen sprachlichen Syntagmen und einem eher heterogenen, semantisch verstandenen Dispositiv bzw. einer diskursiven Formation herzustellen.


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2.3.3 Das Subjekt des Genres

Die textuell und sprachlich strukturierten Bedingungen und Beschränkungen des Diskurses (die produktiv sind, insofern sie Sinn und Handlungssubjekte konstituieren) lassen sich über Genreanalysen genauer fassen. Dies geschieht hier mit besonderem Schwerpunkt auf der Analyse der Tenor-spezifischen, interpersonellen Strukturen und Dynamiken. Beide Herangehensweisen an den Diskurstyp "Talkshow", Diskurs- und Genreanalyse, ergänzen sich. Eine These auf der Ebene der Diskursformation ist, daß der Talkshowdiskurs, in weiten Teilen mit dem Subjekt verknüpft ist (daher das Insistieren auf "Meinung" und die autobiographische Ausrichtung, das "Erzählen einer eigenen Geschichte"), es sind subjektive Thematiken, die verhandelt werden (vgl. Carbaugh 1989, der sie "Discourses of the Self" nennt), unbekannte Menschen erscheinen in Talkshows im Licht der Öffentlichkeit, der Alltagsmensch wird als Subjekt durch bestimmte sprachliche Routinen in jeder Show aufs Neue als bestimmter Typus mit bestimmten sozialen Identitäten gesellschaftlich konstituiert, wahrgenommen, "salonfähig" gemacht. Diese Subjekt-Zentriertheit des Talkshow-Diskurses macht die Frage, wie solche Talkshows welche Art von Subjektpositionen hervorbringen, umso dringlicher.

In den formalen Strukturen von Genres werden gesellschaftliche Identitäten und Beziehungen nicht nur reflektiert, sie bringen sie auch hervor und produzieren ihre Subjekte - gerade im Sinne der Ermöglichung von gesellschaftlicher Wahrnehmbarkeit. Jedes Genre erzeugt seine Subjekte (als spezifische Arten oder Typen von Produzenten, Beteiligten und in bestimmter Hinsicht angesprochenen Rezipienten), indem es sie seinen Spielregeln und Ausrichtungen unterwirft, dafür aber im Gegenzug Subjektpositionen und Kategorien schafft, von denen aus gesprochen werden kann und gesellschaftliche Sichtbarkeit hergestellt wird.

An dieser Stelle bahnt sich ebenfalls eine Verbindung zu Foucaults Diskursanalyse an. In der frühen Phase bis zur "Archäologie des Wissens" begreift Foucault den Diskurs vor allem als geregelte und kontrollierte Sprachpraxis, wobei die Zwangsmechanismen den Sprechenden produktiv machen, ihn als Subjekt überhaupt erst erscheinen lassen. Für das Gesprächsgenre 'Interview' wurde das so beschrieben:

[The interview] is essentially a genre of public speaking, in which an individual, under cross-examination, produces certain forms of speech which are appropriate for public circulation. In the process of speaking in this way, an individual takes on a public identity, [which is] a form of 'subjectification', in so far as he or she then becomes recognizable as a certain kind ofsubject. (Tolson 1991:195, Hervorhebung B.S.)

Taking an active part in the construction of social identities ... and far from representing a prior domain of social experience, the interview is actually involved in its construction. It is a discursive technology, which produces, through the recognition it gives to certain forms of speech, new forms of social individuality. (Tolson 1990:125)


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Erst durch bestimmte Redegattungen werden gesellschaftliche Existenz, Wahrnehmung und Sichtbarkeit möglich, und die Formen der Sichtbarkeit wiederum hängen eng mit den Bedingungen des Sprechens zusammen, denn diese formen und beschränken diese gesellschaftliche Wahrnehmung zugleich. "Subjektivierung" wäre somit die Ermöglichung des gesellschaftlichen In-Erscheinung-Tretens durch die Routinesprechweisen in der Talkshow. Sie ist ein Forum der Sichtbarmachung des "Privatmenschen" im öffentlichen Raum, der dort in seiner "Privatheit" vorgeführt ("privat redendes", in seiner Individualität wahrgenommenes Subjekt, im Unterschied zur Konturierung als kollektiver Typus) und gesellschaftlich wahrnehmbar und in seiner Alltäglichkeit anerkannt wird (Keppler 1994). A.Tolson stellt eine umfassende Tendenz der Personalisierung der Diskurssubjekte in den Massenmedien fest: "[Constructing] subjects as personalities is the form of subjectification which is overwhelmingly characteristic of mass-mediated forms of publication" (Tolson 1991:195).

Diskurstyp und Genre werden analytisch so gedacht, daß die Formationsregeln nicht aus der Individualität oder dem Bewußtsein der Beteiligten hervorgehen und letzteren auch nicht einsichtig sein müssen. Die Subjektformation wird als diskursive Einrichtung verstanden (also den Formationsregeln des Diskurses inhärent) und diese ist geknüpft an Weisen der Produktion von Aussagen, denen sich Sprecher fügen müssen, um als "legitime" oder autorisierte Subjekte im Rahmen einer diskursiven Formation sprechen zu können: "... [die Regeln] auferlegen sich... gemäß einer Art uniformer Anonymität allen Individuen, die in diesem diskursiven Feld sprechen" (Foucault 1973:92-3). Für die hier vorliegende Untersuchung ist die noch viel grundlegendere Frage, ob und wer überhaupt "Subjekt der Talkshow" ist zu untersuchen.

Diese Regeln sind auch Regeln des Miteinandersprechens und die inhärenten Strukturen des Gesprächsablaufs, die Darstellungsweisen mit den Mitteln der Sprache, die Verteilung, wer wen beschreibt usw. Auch diese Regelmäßigkeiten entspringen nicht der individuellen Intention der Beteiligten und besonders der Moderatoren, sondern sie beugen sich ihnen in der Regel "ganz automatisch" - was ein Effekt der Genreerwartungen und -regeln ist. Die diskursiv hervorgebrachten Subjektpositionen in einer Talkshow sind demnach (großenteils) strukturell geprägt und - entgegen möglicherweise anders lautender Definitionen der Programmgestalter - im Grunde völlig unoriginell und eher serielle Wiederholungen von Routineverfahren und Strukturen. Einige dieser Strukturen sollen im weiteren Verlauf nun präzisiert werden.

In den Genreregeln sind durch frühere Diskurspraktiken sedimentierte ("institutionalisierte") Subjektpositionen als Erwartungen kodiert, aber die aktuelle Sprechsituation kann darüber hinaus auch spontan "unerwartete" Ausfälle ergeben. In solchen Fällen ist es aufschlußreich, wie darauf reagiert wird.22 Allerdings ist anzumerken, daß innerhalb einer "Personality-"Kultur, die [Seite 51↓]das Fernsehen entscheidend prägt, ein "Aus-dem-Rahmen-Fallen" bereits selbst eine Konvention darstellt: die meisten "Lebendigkeits-" und "Spontaneitäts-"Effekte in den Medien ergeben sich aus dieser quasi-institutionalisierten Überschreitung eines konventionalisierten Genre-Rahmens.

Daneben scheint es auch diskursunabhängigere Subjektpositionen zu geben, die manchmal als "soziale Rolle" und "persönliche Identität" bezeichnet werden. Die Talkshow-Gäste haben bereits "Identitäten" und "eine Geschichte", die sie selbst im Moment ihrer Partizipation an der Show vermutlich als relativ stabil betrachten. Teilaspekte dieser Geschichten bilden in der Regel die Grundlage, warum sie in der Show auftreten. Doch auch auf dieser Ebene kann es spontan zu alternativen Definitionen und (auch ungewollten) Re-Klassifizierungen kommen, die dann ebenfalls einen Aspekt der im Talkshowdiskurs konstituierten Subjektposition darstellen.

Doch auch stabile Positionen sind letztlich diskursive Effekte: Sofern Subjektpositionen permanenterer Natur sind, müssen sie auch außerhalb des aktuellen Talkshowdiskurses und wiederum diskursiv in vielen sprachlichen Einzelhandlungen und Diskursen immer wieder reproduziert werden, um ihre Gültigkeit zu behalten. Die diskursive Subjektkonstitution muß daher als mehrschichtiger, dynamischer Vorgang verstanden werden. Diskursive Subjektpositionen werden zwar in situ konstituiert und über die je aktuell verwendeten sprachlichen Strukturen realisiert. Aber die Konstitution erfolgt nach Regelmäßigkeiten, sie ist prästrukturiert durch Genreerwartungen als diskursive oder kommunikative Rollenerwartungen, und erfolgt in weiten Teilen aufgrund eines Vorwissens darüber, wer die sozialen Akteure sind, die in einem bestimmten Genre zu Wort kommen, sowie Vorannahmen über die spezifischen Relationen zwischen den Diskursteilnehmern.

Auch Vor-Wissen ist Wissen, das durch vorhergehende Diskurse etabliert wurde, und jedes Wissen ist einem dauerhaften, wenngleich nicht unbedingt immer merklichen dialektischen Transformationsprozeß durch Brüche und Differenzen in den Wiederholungen unterworfen. Der Begriff des Subjekts ist sowohl durch dauerhaftere als auch durch situativ konstituierte Subjektpositionen definiert.


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2.4  Talkshow als Diskurstyp

Talkshows können einmal als Diskursformation, einmal als Genre untersucht werden. Als Diskursformation interessiert, welche "area of social life" zu welchen Bedingungen sichtbar wird. Welche Wissensrahmen formen die Herangehensweise an die "Inhalte" einer Talkshow? Rassistische, sexistische, religiöse, bürokratische, therapeutische, autoritative, technische Diskurse usw. spielen eine wichtige Rolle.

2.4.1 Typische Wissensrahmen von Talkservice Shows in den USA

Medien allgemein und Talkshows im besonderen konstruieren ihre eigene Definition dessen, was (zumindest für die Dauer der Sendung) als "Problem" gelten soll, signifizieren ihre Problembereiche. Die Signifikationsprozesse operieren innerhalb von spezifischen Bedeutungsrahmen, die den Diskurstyp Talkshow strukturieren. Das bedeutet, eine Talkshow, die ihre Probleme und Lösungen nicht innerhalb der unten skizzierten liberalen (ein Ich, das im Besitz seiner Gedanken, Eigenschaften und Gefühle ist, dafür selbst verantwortlich ist, daher Rechte und Pflichten dafür tragen muß), therapeutischen (leidet unter pathologischen Verirrungen, wird durch Geständnisrituale, verordnete Selbsterkenntnis und "richtiges" Kommunizieren geheilt) und protestantisch-religiösen Diskurse von Schuld, Sühne, Abbitte und Verzeihen abhandelt, wird sehr wahrscheinlich in den USA nicht als Talkshow gelten.

Talkservice-Shows erfüllen, das impliziert die Bezeichnung, Ratgeberfunktionen, und als Ratgeber in Sachen "individuelle" oder "persönliche" Probleme innerhalb eines öffentlichen Mediums tendieren sie zu "Normalisierungen". Schon deshalb, weil im Fernsehen in der Regel nur dann ein Programm von vielen Zuschauern gesehen wird, wenn es "allgemeine Verständlichkeit" erreichen will. Diese Allgemeinverständlichkeit ist nicht nur ein kognitives, sondern hat auch gesellschaftlich relevante Implikationen. Verständlichkeit bezieht sich keineswegs nur auf individuell-kognitiv leicht prozessierbaren Worten und Satzkonstellationen, oder auf der Nachahmung von vertrauten, alltäglichen Gesprächssituationen (dialogische Grundkonstellation und informeller Gesprächsstil), sondern auch auf gesellschaftlich verankerten Stereotypen, ideologisch aufgeladenen konzeptuellen Verkürzungen und Metaphern und Bedeutungssystemen, die die Kategorien des Benennens, Klassifizierens und Aussagens vorstrukturieren. Die Institution TV lebt von einem werbefreundlichen Umfeld und muß zahlungskräftige Werbekunden anziehen. Daher müssen möglichst viele Menschen verstehen und akzeptieren können, wie und wovon im Fernsehen gesprochen wird.

Als Normalisierungstendenz läßt sich folglich jede Form der Reduzierung auf oder Ausschließlichkeit definieren, die bestimmte (einfache) [Seite 53↓]Wissensrahmen bevorzugen, deren Legitimität oder Funktion nicht weiter hinterfragt wird, weil sie als "common sense"-Wissen bereits auf umfassende Akzeptanz stossen, als Rahmung so selbstverständlich erscheinen, daß sie nicht mehr als Konstruktionen wahrgenommen werden (zu diesem Phänomen der "Naturalisierung" vgl. Barthes 1957; Hall 1982:75ff.).

Ein solcher Wissens- oder Bedeutungsrahmen (nach Foucault: ein Wahrheitsregime) ist z.B. der therapeutische Diskurs (Weedon 1990; Fraser 1994; Peck 1994). In Verbindung mit den Codes der liberalen Selbstbestimmtheit und der Freiheit des Individuums (innerhalb eines freien Marktes), sowie dem religiös-protestantischen Diskurs der kollektiv begründeten Moral und Ethik werden in Talkshows Probleme jeder Art als "individualisierte" signifiziert und gerahmt. J.Peck (1994) hat für eine Reihe von Oprah-Winfrey-Shows zum Thema "Rassismus" aufgezeigt, wie diese unterschiedlichen Wissensrahmen und ihre Logiken ineinandergreifen, um systematisch die Engpässe und Widersprüche des anderen "auszulöschen": In der Logik des liberalen Diskurses kann keinem das Recht abgesprochen werden, eine eigene Meinung zu haben - auch wenn sie, wie im Falle von rassistischen Ansichten, offiziell als unerwünscht gilt. Eine eigene Meinung zu haben ist einerseits legitim, eine rassistische eigene Meinung zu haben jedoch nicht. Um diesen Widerspruch zu lösen, setzt der therapeutische Diskurs an und rahmt die falsche Meinung als "individuelle Krankheit der Seele", die geheilt und therapiert werden kann, wenn man lernt, richtig zu kommunizieren und willig ist, sich selbst zu verändern. Da jedoch auch der therapeutische Diskurs ausschließlich auf das Individuum ausgerichtet ist und keine ethischen, universellen Ansprüche formulieren kann, springt an diesem Punkt der protestantische Diskurs ein und hilft, einen kollektiven Imperativ für "richtiges" vs. "falsches" Verhalten zu formulieren, der meistens auf "Liebe", "Verständnis" und "Vergebung" basiert. Der religiös-protestantische Diskurs dient so als Ausgleich für die fehlende kollektive Normierung innerhalb der einzig auf das Individuum und seine Rechte bzw. inneren Zustände und subjektiven Erfahrungen ausgerichteten liberalen und therapeutischen Diskurse. Er transportiert universell-ethische Werte, ohne auf politische und wirtschaftliche (Un-)Gleichheit oder solidarische (meistens politische) Kollektivvorstellungen rekurrieren zu müssen, um Gebote der gemeinsamen Veranwortung zu legitimieren. Die Gemeinsamkeit besteht hier allerdings nur in der Gleichheit vor einem autoritären Gott und vor dem eigenen Gewissen, nicht vor den Produktionsmitteln oder dem gleichen Zugang zu Gütern innerhalb einer Gesellschaft. So kann auf gemeinsame Werte verwiesen werden, ohne politische oder ökonomische Bereiche - die potentiell immer spaltend und dissens-fördernd wirken - zu streifen. Das fördert die Quoten und die (damit verbundenen) Harmonisierungstendenzen der Medien, die zu den Bedingungen der "freien Marktwirtschaft" ihr finanzielles Überleben nur in einem werbekundenfreundlichen Klima und durch hohe Zuschauerzahlen sichern können. Das wird nur erreicht, wenn möglichst viele sich auf das Dargebotene [Seite 54↓]einigen können durch umfassenden Konsens und um den Preis, Divergenzen und Spaltung nicht zu thematisieren.

Normalisierung

Normalisierend kann ein Wahrheitsregime nur wirken, wenn es bereits einen Norm-Status erreicht hat und zu den gesellschaftlichen "Selbstverständlichkeiten" gehört, das heißt, wenn es in der öffentlichen (allgemeinen) Rede eher erforderlich wäre, zu begründen, warum dieser Rahmen nicht allgemein verbindlich oder für alle gültig sein sollte, als seine Gültigkeit noch einmal herzuleiten. Der Name impliziert, daß sich auf Normen bezogen, an Normen und Standards gemessen wird, was zur Verhandlung steht. Normalisierende Diskurse haben darüber hinaus die Eigenschaft, auf das Individuum ausgerichtet zu sein, das in seiner Erratik diszipliniert werden muß, um die gesellschaftlichen Prozesse möglichst vorhersehbar und planbar, also kontrollierbar zu gestalten. Gerade die in Ratgeber-Talkshows auch an anderer Stelle (Shattuc 1997) hervorgehobene therapeutische Rahmung ist dafür ein geeignetes Mittel. Normalisierung ist also einerseits ein inhaltlicher Vorgang: bestimmte inhaltliche Definitionen und Deutungen von Phänomenen in einem bestimmten Diskursrahmen (z.B. der Psychotherapie) sind eher die Norm als andere und werden meist ohne Zögern als gegebene und "selbstverständliche" Interpretationen angenommen.

Normalisierung ist aber auch mit bestimmten (diskursiven) Praktiken verbunden. Foucault spricht auch von gesellschaftlichen Disziplinierungstechnologien (z.B. Befragungstechniken für die Humanwissenschaften Medizin und Soziologie, Geständnistechniken für die Strafjustiz und die Psychiatrie), die zu einer Normalisierung der Individuen führen, da sie auf die individuellen Körper und den individuellen Geist abzielen. Disziplinierungstechnologien operieren über diskursive - also hauptsächlich sprachliche – Verfahren und Routinen.

2.4.2 Diskursive Technologien der Subjektkonstitution

Der Begriff der Technologie verweist einmal auf die Produktionsseite und die diskursiven Bedingungen der Verfertigung und Erzeugung von Wissen, Erkenntnis und "Wahrheit" im Gegensatz zum "Auffinden" und "Herausfinden" einer jeder diskursiven Verhandlung vorgängigen "Wahrheit". Folglich verweist er auch auf die zwar möglicherweise vorhandene, aber im einzelnen durch die komplexe Organisation und Verschachtelung gesellschaftlicher Diskurse weder mögliche noch notwendige Absicht oder individuelle bzw. gruppenspezifische Intention oder Strategie der Disziplinierung. Disziplinierung wiederum verweist auf die Idee, die Habermas als "Mobilisierung von Wohlverhalten" durch die Medien bezeichnet hat: "die Öffentlichkeit als vermachtete Arena ... in der mit [Seite 55↓] Themen und Beiträgen um ... verhaltenswirksame Kommunikationsflüsse gerungen wird" (1962/1993:28), ohne indes Angaben zur konkreten Form solchen Ringens zu machen.

Technologien sind gesellschaftlich operierende Strukturierungsmittel, die sich weiter entwickeln, ohne ein vorher abgestecktes Ziel, ohne einen eindeutigen Ursprung, keinem festgelegten Plan(-enden Geist oder Genie) entsprungen. Vor allem impliziert der Begriff, daß es keine Instrumente oder Mittel zu Zwecken sind, denn diese erfordern wiederum den Rekurs auf ein planendes, intentionales Individuum, das nach Zweckrationalität sein Werkzeug aussucht. Technologie soll darauf verweisen, daß bestimmte Technologien der Etablierung von "Wahrheit" und "Wirklichkeit" vorhanden sind, die dem einzelnen nicht als produzierende, sondern als reflektierende Instanz erscheinen. Technologie soll die Produktionsseite einer jeden Praxis bei der Herstellung von Wahrheit/Wirklichkeit in den Blick rücken, darauf verweisen, daß bestimmte Formen gesellschaftliche Tatsachen erst schaffen und sich auf bestimmte Knotenpunkte hin zuspitzen können (und damit eine Art Telos suggerieren, weil sich möglicherweise viele Richtungen an bestimmten Punkten kreuzen). Nur ist diese Zuspitzung möglicherweise nicht historisch unvermeidlich oder progessiv-fortschrittlich auf einen Idealzustand hin ausgrichtet, aber natürlich dennoch voller Wirkmacht und konstitutiver Kraft - nur eben vielleicht kontingenter als vermutet. Durch Begriffe wie "Technologie" (statt z.B. Strategie) oder "Effekt" (statt Intention und Absicht) will Foucault auf diese kontingenten Aspekte, auf eine Eigendyamik von Systemen und in diesem Sinne auch von diskursiven Formationen verweisen, die nicht gelenkt, gesteuert und kontrolliert werden können, aber dennoch Struktur und Systematizität entwickeln. Für die Zwecke dieser Arbeit ist es allerdings nicht zwingend, diesen epistemologisch sensiblen Grundfragen weiter nachzugehen. Für die Medien könnte - als Arbeitshypothese allemal - auch im traditionellen ideologie- und kulturkritischen Sinn formuliert werden, sie verfolgten eine "Strategie" der Normalisierung und der Disziplinierung der Ränder und Abweichungen, da sie als Massenmedium auf massenhafte Wirkung und Anerkennung angewiesen sind, die sie nur durch Reduktion von Komplexität auf allgemein anerkannte Normen bzw. durch Konsensstrategien (Herman/Chomsky 1988) erreichen. Für die dafür notwendigen sprachlichen Verfahren möchte ich jedoch den Begriff der "Disziplinierungstechnologie" beibehalten, gerade weil er ohne Intentionalität auskommen will und mir erspart, den einzelnen Moderatorinnen oder ihrem Produktionsteam individuelle Absichten zu unterstellen, die letztlich kaum überprüfbar sind.

Disziplinierung und Normalisierung als Formen sozialer Kontrolle operieren auf der Grundlage verschiedener diskursiver Technologien, die unterschiedliche Aspekte aufweisen. Entscheidend ist, daß die Techniken und Praktiken nicht auf Kollektive und Gruppen, sondern auf den einzelnen ausgerichtet sind, das Individuum wird isoliert und jeder für sich durch normalisierende Prozeduren "diszipliniert". Dabei haben sich im Lauf der Zeit zwei auch als Textgattungen zu erfassende Diskurstechnologien entwickelt, die [Seite 56↓]mittlerweile ausufernde Einsatzbereiche aufweisen: die Untersuchungs- und Befragungstechnologie mit der prototypischen Textgattung des Interviews einerseits, und andererseits das die Beratungsdiskurse (counselling, vgl. Fairclough 1992:52ff.), die als Formation aus dem Bestreben, das "Selbst"/Subjekt zu ergründen, entstanden sind. Beide Diskurstechnologien, die aus abgeleiteten Untersuchungstechniken der Inquisition einerseits, und aus Verfahren der Selbsttechnologien (der Erkundung des Subjekts, die das Subjekt zum Sprechen bringen, um ihm seine "Wahrheit" zu entlocken) aus der die Beratungsdiskurstypen entstanden sind. Beide Technologien operieren als soziale Kontrollmechanismen und sind Teil von Regulierungsprozessen, die, insofern sie Erkenntnisse und Wissen produzieren, kumulativ und über große Zeiträume hinweg dazu dienen, Massen zu verwalten, deren Alltag zu standardisieren und Anpassungen der Individuen an (systemopportune) Massentendenzen zu erwirken.

Foucault geht von anonymen, nicht-zielgerichteten Kräfteverhältnissen aus, die kontingente Entwicklungen befördern und nicht von identifizierbaren Gruppen oder Individuen geplant und für "richtig" befunden werden müssen, um ihre Kräfte zu entfalten. Kraftverhältnisse in der (post-)modernen Gesellschaft sind tatsächlich zu vielschichtig und unabsehbar, um erkannt und durchschaut zu werden, und vieles entwickelt sich systematisch weiter, wird gespeist aus heterogenen Bündeln von Absichten, Zufällen und unterschiedlichen Interessen, läuft aber doch auf bestimmte Punkte zu.23 So unwahrscheinlich es ist, daß alles völlig unreguliert und anonym sich vollzieht, so unsinnig ist es, sich einen übermächtigen Produktionsmittelstand zu imaginieren, der alles kontrolliert, ohne Möglichkeit der Widerstände und Gegenmächte. Wahrscheinlicher ist, daß sich viele Rede- und andere -praktiken sehr unkontrolliert und ohne umfassenden Einfluß von Interessen entwickeln und vervielfachen, aber dann für sehr unterschiedliche Interessen und Zwecke verwendet werden, bis sich, in manchen Fällen, ein dominantes Interesse oder Anwendungsgebiet herausschält und "institutionalisiert", mit dem es dann eben intrinsisch verbunden scheint.

A.Tolson hat die unsystematische, nicht auf einen Punkt zu bringende Entstehung der diskursiven Praxis des "Interviews" als eine Form der dialogisierenden Beobachtungs- und Darstellungspraxis untersucht:

In the end, the search for the 'origins' of the sociological interview is probably fruitless. It is not possible to priviledge any of these various sources (legal interrogation; journalistic 'human interest'; social investigation; 'cell confession') over the others. What we have in Foucaultian terms are various 'surfaces of emergence' for the interview. (1990:117)

Diskursive Untersuchungstechniken entwickeln sich zum Genre des Interviews, der (wissenschaftlich motivierten) systematischen Befragung, die den einzelnen [Seite 57↓]als exemplarischen Fall einer Regel, Norm oder eines gesellschaftlichen Stereotyps konturiert. Die Interviewtechnik wird deshalb als Objektivierungsstrategie definiert, weil die befragten bzw. replizierenden Subjekte zu einer bereits vorher definierten Thematik, als Exempel eines Falls u.ä. und nur in Reaktion auf eine inhaltlich vorstrukturierend operierende Frage hin das Wort erteilt bekommen. Die diskursive Technik der "investigativen Befragung" konstituiert das Individuum als Objekt (natürlich spricht es auch auf Befragen, doch seine Rede ist durch Fremdvorgaben gerahmt, stärker als bei Subjektivierungsstrategien wie den Geständnistechniken). Durch seine Positionierung als "Fall", die durch bestimmte Dokumentationsverfahren erreicht wird (Aufzeichnungen aller Art, Umsetzung der Information über das Individuum in graphische oder numerische Gebilde), wird das Individuum (exemplarisch) ausgestellt und der einzelne wird auf die Norm reduziert bzw. an ihr gemessen.

Subjektivierende Geständnistechniken zielen stärker auf die Konturierung und Veräußerung des Persönlichen, des scheinbar Einzigartigen ab. Ihre Textgattungskorrelate sind alle Arten von "Beratungsgespräche und -leistungen" (speziell die psychotherapeutischen, aber auch Persönlichkeitstraining, Beratungen, die über eine Auswahl und Einordnung in bestimmte Kategorien entscheiden sollen, Verbraucherberatung u.a.), die sich strukturell vor allem durch freies Reden über sich selbst zum Zwecke der Suche nach einer inneren (zu bergenden) Wahrheit resp. Natur sowie durch kooperative, empathische Zuhörerhaltung charakterisieren. Die Geständnistechnologie operiert auf der Grundlage von subjektivierenden Effekten, weil dabei auf das Persönliche, auf das einzelne Subjekt ausgerichtete Strategien am Werk sind, die individualisierende Funktion haben. Beide Diskurstechnologien gelten bei Foucault allerdings als Disziplinierungsverfahren, um massenhaft zu individualisieren.Im einen Fall mag es deutlich als Verdinglichung erscheinen, im anderen, "subjektivierenden" Fall sind die Regulierungstendenzen schwerer zu erkennen, aber nichtsdestoweniger Normen und gesellschaftlichen Konventionen verhaftet, die in letzter Konsequenz zur "Normalisierung" und Kontrolle von Abseitigem, Unnormalem, "Kranken" beitragen. Die größere Ambivalenz der Strategie der Subjektivierung ermöglicht einerseits die Veräußerung innerer Zustände und Befindlichkeiten der Leute, und macht sie so der gesellschaftlichen Kontrolle zugänglich. Andererseits jedoch ist Subjektivierung gleichzeitig eine Bestätigung des Werts und der Wichtigkeit jedes einzelnen als Subjekt. Weit entfernt davon also, repressiv wirkende Formen von Macht zu sein, sind die Disziplinierungstechnologien produktiv und erzeugen die subjektiven (Erfahrungs-)Werte des Individuums allererst. In genau diesem produktiven Sinn von Macht scheinen auch Talkshow-Produzenten durchaus von der wirklichkeitsstiftenden Wirkung ihrer Produkte überzeugt zu sein:

Watching and listening to a talk show can form and change your attitudes, your beliefs and your life. Consider the people who make decisions to which party to vote, to lose weight, take a stand on abortion, buy a book, be in favor of or oppose nuclear arms control, or go to a movie, all based on information they gleaned from interviews in talk show programs. Talk shows can and do instruct, enlighten, entertain, even change the [Seite 58↓]course of history. (Richard Mincer, Talkshow-Produzent in den USA zit. nach Munson 1993:37)

Beide Textkorrelate der großen Disziplinierungstechnologien, nämlich Interview und Beratungsgespräch, führen zurück auf die Ratgeber-Talkshows. Die Frage stellt sich (in Kapitel 5), inwieweit sich die von Foucault skizzierten Technologien auf Talkshow-Diskurse übertragen lassen, und ob dieser theoretische Rahmen dazu beitragen kann, Unterschiede in zunächst sehr ähnlich erscheinenden Shows zu erfassen. Die die meine Untersuchungen leitende These ist, daß beide Show-Reihen unterschiedlichen Gebrauch von diskursiven Machttechnologien machen, die jeweils Differenzen in der Art, wie sie Subjekte konstituieren, zur Folge haben.

2.5 Interaktionsanalysen und Beteiligungsstrukturen

Ergänzend zu einem textgattungsorientierten Ansatz werden Analysen der Beteiligungsstrukturen die Frage nach den je spezifischen Subjektpositionen in Talkshows klären helfen. Beteiligungsstrukturen werden im Anschluß an E. Goffmans "Frame Analysis" (1974) durch das Konzept des "footing" erfaßt und repräsentieren die Apekte der Rede, die die Positionen der Sprecher und Zuhörer zum Gesagten kommunikationsstrukturell definieren. Sprecher positionieren durch ihr jeweiliges footing Adressaten entweder als direkte, ratifizierte Rezipienten, andere nur als Mithörer, oder wieder andere als zufällig Nebenstehende. Des weiteren positionieren sie sich selbst durch und hinsichtlich ihrer Äußerungen als bloßes Sprachrohr, das die Aussagen und Worte anderer spricht, als Verfasser der Rede oder für den Inhalt Verantwortlicher, dessen Werte und Maßstäbe zum Ausdruck kommen.

Der zentrale Begriff der Frames bzw. Interaktionsrahmen ist dem des Genres insofern ähnlich, als er sich zwar auf andere Bereiche bezieht (auf Erfahrungsstrukturen, nicht auf textuelle Strukturen), aber wie letzterer den Versuch reflektiert, praktisches Wissen zu kodifizieren und die soziale Verortung des Gegenstandsbereichs zu erfassen. Rahmen sind zum einen Interpretationsmuster, die Erfahrungen in sozialen Kontexten zu Einheiten organisieren und Interaktionen in bestimmte Ordnungen und Kategorien überführen, um den Beteiligten Orientierungshilfen bei der Etablierung des situativen Kontextes - also bei einer wichtigen Dimension des Verstehensprozesses – zu geben. Diese Orientierungen umfassen mehrere Ebenen: zum einen Welt- und Hintergrundwissen, das durch solche Rahmen aktiviert wird, und beim Verstehen dessen, "was hier gerade vor sich geht" essentiell ist. Zum anderen ist für die Rahmentheorie die Dimension der Intersubjektivität zentral, d.h., in ihnen liegen Muster über die verschiedenen Rollen und Beteiligungsstrukturen der Sprechenden bereit (wer spricht für wen [Seite 59↓]mit wem als was), die über linguistische und paralinguistische Merkmale signalisiert werden.24 Diesen Aspekt von frames bezeichnet der Begriff footing.

2.5.1 Footing - das geteilte Subjekt der Interaktion

Mit dem Konzept des footing versucht Goffman detailreich die Möglichkeiten der Sprecher auszuloten, sich in unterschiedlichen Beteiligtenrollen zu positionieren. Diese Rollen definieren sowohl Sprecher als auch Hörer. Footing ist am Werk, wenn alignments und Solidarisierung stattfinden, sie reflektieren stance (Einstellung zu anderen Beteiligten, aber auch zum Gesagten) und projections of the self während des Sprechens, z.B. durch eine spezifische Verwendung von Personalpronomen, durch Prosodie (z.B. plötzliches Verfallen in eine Art Babysprache oder "Witzprosodie"), durch Code-Switching (z.B. spontanes Dialektsprechen) oder Parallelisierung syntaktischer Muster und Komplexität (z.B. der oft zu beobachtende Wechsel von Hypotaxe zu Parataxe, wenn man mit Kleinkindern spricht). Die Wechsel der formalen (para-) linguistischen Mittel gelten dabei als Kontextualisierungshinweise und werden im Begriff des keying 25 zusammengefaßt.

Goffman vergleicht das Auftreten der Interagierenden selbst in alltäglichen Kommunikationssituationen mit Theaterinszenierungen und spricht von Rollen, Figuren (das "Ich" als soziale Rolle), Charakteren und Inszenierungen des Selbst. Für die Analyse von Talkshows ist diese Parallele adäquat. Auch in Goffmans Theorie ist das Subjekt der Interaktion keine festgefügte, vorgängige Einheit, sondern ein variabler, prozeßhafter und an den diskursiven Vollzug gebundener Vorgang. Am Ende von "Frame Analysis" kommt er zu dem Schluß: Self ... is not an entity half concealed behind events, but a changeable formula for managing oneself during them (Goffman 1974:573). D. Schiffrin, eine Vertreterin der interpretativen Soziolinguistik, die sich auf Goffman beruft, formuliert ausdrücklich:

[P]articipant statuses could not exist if the self were not already socially constructed as a multi-faceted entity. That is, individuals do not have holistic, undifferentiated selves (although they may of course believe themselves to); rather they have sets of selves which are created and managed during the different interactions in which they are involved. The differentiation of speakers as animator, author, figure, and principal is possible, then, only because speakers are already divided selves. Second, participant statuses could not exist if social interaction did not provide structured opportunities for the emergence and management of selves. Such opportunities are closely linked to the organization of the interactions and encounters in which talk occurs, and to the organization of the gatherings and social establishments in which social occasions are housed. (1990:258 FN)


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Dieses Selbst-Management ist ein hochkomplexer, kollektiv strukturierter Vorgang und hat nichts mit idiosynkratischen Zügen und Intentionen zu tun. Das Subjekt der Interaktion "hat" sich nicht "selbst", verfügt nicht autonom über die Projektionen seines Selbst und die Einschätzungen, die sein Sprechverhalten auslösen. Auch Goffmans Subjekt redet mit "fremder Zunge" ist heterogen und polyphon zugleich, immer abhängig von Anleihen bei anderen Redeinstanzen und Situationskontexten.

Footing-Analysen geben Auskunft über den je spezifischen Beteiligungsstatus in bestimmten Momenten der Interaktion, und stellt eine interaktive Kategorie dar, die die Art und den Grad des Beteiligtseins am Diskurs indiziert, sich aber gleichzeitig auf die Verortung des Sprechers (hinsichtlich unterschiedlicher Ebenen: zum Gesagten und zum Adressaten) bezieht. Der diskursive Ort des Sprechers wiederum legt auch die Position der Adressaten der "Selbst-Inszenierungen" und diskursive Projektionen des Subjekts fest. Für die Frage nach dem Status des "Alltagsmenschen" im öffentlichen Diskurs bietet diese Kategorie wichtige Details. Doch footing ist ein dialektisches Phänomen. Zum einen bestätigt ein bestimmtes footing einen typischen Rahmen, zum anderen konstituieren footing(-Wechsel) diesen Rahmen erst im Vollzug der Rede. Auch das diskursive Subjekt ist in ähnlicher Weise paradox strukturiert. Es gilt als Grundlage jedes Sprechens, konstituiert sich jedoch erst situativ in der konkreten diskursiven Performanz.


Fußnoten und Endnoten

17 Ist es Zufall, daß von den alten und noch nicht so alten Herren der Konversationsanalyse dafür als Lieblingsbeispiel immer wieder West/Zimmermans (1983) Untersuchung zu Unterbrechungen in Gesprächen als Index für ungleiche Geschlechterverhältnisse aufgeführt wird? Die Studie ist keineswegs so spekulativ, wie Vertreter der CA glauben machen wollen, wenngleich systematische Zusammenhänge von Unterbrechungen der Frauen im Mikrobereich und der Dominanz der Männer im Makrobereich tatsächlich nicht zufriedenstellend abgesichert sind.

18 Thornborrow untersucht "Stories in Talk Show Discourse" und zeigt anhand des aktuellen Realisierungsformats, daß es zwei unterschiedliche Typen von "Erzählungen" in diesem Diskurstyp gibt: "personal stories", die vor allem von ungeübten SprecherInnen in der Öffentlichkeit als "Ticket" oder Legitimation für einen Einstieg in die je laufende Diskussion benutzt werden, und "positional stories", die von den Beteiligten zur Standpunktmarkierung innerhalb der Debatte verwendet werden. Das Vorkommen beider Story-Typen in diesem Diskurs gilt dann als Beweis, daß sich in den verschiedenen Oberflächenphänomenen des Gesprächs tatsächlich die Grundstrukturen und der Zweck des Diskurses spiegeln: zum einen die Möglichkeit, daß alle, auch Unbekannte, sich äußern können und sollen ("Ticket"-Funktion von personal stories), als auch die Notwendigkeit, in kontrovers angelegten Für-und Widerredesituationen solcher Debattenshows eine Meinung zu vertreten (Verortungsfunktion von positional stories). Die Schlußfolgerung besteht darin, durch die Existenz dieser unterschiedlichen Story-Formate nachgewiesen zu haben, daß es sich um einen Diskurstyp handelt, der auch Menschen, die als Privatperson sprechen, öffentliches Rederecht gewährt.

19 Auch textuelle Verfahren und Leserverhalten sind geordnet und koordiniert, vgl. wirkungsästhetische Literaturtheorien, z.B. Iser 1976.

20 Selbstverständlich ist auch die Konversationsanalyse abhängig von "Inhalten", denn sonst könnte sie ihre Strukturen und Resultate nicht benennen. Aber ihre Semantik darf die Grenzen des Wortschatzfelds "Sprechen/Gespräch" nicht überschreiten. Das führt letztendlich zu zirkulären Aussagen und geschlossenen Argumentationssystemen.

21 Siehe Bourdieu (dt.1997) für die besonders schöne Metapher zur lebensweltlichen und diskursiven Komplexität als Spaghetti auf einem Teller, mannigfach in sich selbst verknäuelt.

22 Man könnte dieses "spontane" nicht-genrespezifische Positionieren "individuelle" nennen. Aus der Perspektive der Diskursanalyse ist dies jedoch nicht nötig. Kein Gedanke, kein Verhalten ist originär individuell, alles sinnvolle Geschehen findet innerhalb von diskursiven Ordnungen statt, außerhalb derer keiner Handlung Sinn zugeordnet werden könnte. Individualität ist in dieser Hinsicht dann die möglicherweise einzigartige Mischung und Überschneidung verschiedener Diskursstränge in einem Menschen.

23 Vgl. das Internet, dessen Entstehen und Entwicklung keine (eine) Gruppe wirklich gelenkt und kontrolliert hat, das, im Gegenteil, entwickelt wurde, um nicht kontrollierbar zu sein, und das sich tatsächlich als Technologie "anonym" entwickelt, weil es keine einheitliche Strategie und Absicht dahinter gibt, sondern unendlich viele, deren Endpunkte und Ziele völlig unabsehbar waren und häufig bis jetzt noch sind.

24 Tannen/Wallat (1987) machen auf diesen Aspekt aufmerksam. Sie nennen die lebensweltliche Komponente von Rahmen kognitive "Schemata", während die interaktiv strukturierte Beteiligungsdimension als "framing" behandelt wird.

25 Siehe Weeg (1995) für eine kritische Würdigung der Goffman'schen Terminologie und Hinweise auf eine teilweise inkonsistente Verwendung.



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04.05.2005