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3  Daten

3.1 Analysegrundlagen: Die Talkshows

Als Materialgrundlage dienen vier US-amerikanische Talkshows, die aufgrund ihrer zunächst so erscheinenden Ähnlichkeit ausgewählt wurden. Oprah Winfrey/Depression und Rolonda/Anger bzw. A Family in Crisis wurden ausgestrahlt am 12. und 13. Oktober 1994, meine Aufnahmen stammen vom Sender 12 WWBT Richmond, Va., der beide Sendungen damals nachmittags aufeinanderfolgend zeigte: zuerst Rolonda (15-16 Uhr), danach Oprah Winfrey (16-17 Uhr). Außerdem wird eine ältere Sendung von Oprah Winfrey herangezogen (Unknown Pregnancies von 1992), weil sie vom Ratgeber-Aspekt her besser mit den restlichen Daten vergleichbar ist als andere aufgezeichnete Sendungen derselben Moderatorin.

Beide Sendungen sind Nachmittagstalkshows mit unterschiedlichen Themen, die allerdings nicht programmatisch und ausdrücklich konfrontativ oder spektakulär konzipiert sind, sondern ernsthaft mit einem Anliegen auftreten, die ZuschauerInnen zu informieren und über Sachverhalte aufzuklären. Sie verstehen sich selbst nicht als "Confro-Tainment", sondern als "Talk-Service"-Shows. Die Shows werden durch Beispiele und exemplarische Analysen weiterer Shows von Rolonda und Oprah Winfrey aus demselben Jahr 1994 flankiert, welche zwar transkribiert vorliegen, jedoch nicht ebenso systematisch verglichen und bearbeitet wurden, wie die im Zentrum der Analyse stehenden Shows "Depression" (Winfrey) und "Anger" (Rolonda). Bereits erste Eindrücke lassen vermuten, daß die Talkshow-Reihen nach unterschiedlichen Regeln verlaufen und die Beteiligten unterschiedlich positioniert und zueinander ins Verhältnis gesetzt werden. Wenngleich es "die" Talkshow nicht gibt, weil die Show-Konzeptionen zu variabel, das Genre zu wandlungsfähig ist, lassen sich doch bestimmte generische Diskurskonstellationen skizzieren. Es sind serielle Massenprodukte, die für Sendeanstalten deshalb so attraktiv sind, weil sie sich billig produzieren lassen. Außerdem haben sie eine große Bindungskraft für die ZuschauerInnen, da sie es ihnen leicht machen, sich an sie zu gewöhnen durch die verläßliche Ausstrahlung (fast) jeden Tag zur selben Zeit am selben (Sende-)Ort. Dadurch werden die ModeratorInnen - die als einzige in den Shows tatsächlich täglich wiederkehren - zu vertrauten, bekannten Gesichtern (und, wie ich unten darlegen werde, zu Persönlichkeiten), an die man sich gewöhnt. Inmitten der formalen wie personellen Strudel der Veränderungen und Wandlungen von Show zu Show figurieren sie als Garanten von Kontinuität und Stabilität.


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3.1.1  Formatvielfalt und Typologie

Nachmittagstalkshows haben unterschiedliche Formate, die sie abwechselnd realisieren - talk service shows, wie sie hier besprochen werden, Prominentenshows, Dokumentationsshows, in denen es viele Reportagen über ein besonderes Ereignis gibt, "Party-Shows", in denen die Moderatorinnen sich selbst oder ihr fünfjähriges Jubiläum feiern, Shows, in denen merkwürdige Ansichten oder Ereignisse vorgestellt werden usw. Jedes Format hat eine andere innere Struktur und einen anderen Verlauf. Auch Oprah Winfrey und Rolonda nutzen diese Formenvielheit und wechseln ab.

Eine Klassifikation nach Typen muß zwangsläufig anfechtbar bleiben, denn Gattungen (und Untergattungen) sind nie völlig verfestigte Formen, bilden keine klar abgrenzbaren Typen, sondern eher Netze von Ähnlichkeiten. Talkshows können unter unterschiedlichen Aspekten betrachtet werden und daher uneinheitlich kategorisiert werden. Z.B. ließe sich zunächst eine Unterteilung treffen in:

Die meisten Talkshowreihen wechseln zwischen diesen Subtypen, um zu variieren. Die verschiedenen Typen können jedoch auch in eine einzige Show eingebettet sein: Winfrey hatte z.B. im Januar 1996 eine Show, in der zuerst Tips für einbruchsichere Türen (Service-Typ), dann ein Polizeirepräsentant, der zum Ausmaß von Gewalt in Chicago referierte (hard-issue-Typ), dann übergewichtige Kinder (wieder Service-Typ) und zum Schluß Pierce Brosnan aka James Bond (Prominenten-Show) eingeladen wurden. Sowohl Oprah Winfrey als auch Rolonda wechseln zwischen diesen Show-Typen ab.

3.1.2 Konstanten

Konstanten sind der Sendeplatz und die Sendezeit, die Moderatorin in ihrer Beziehung zum Publikum und die Rahmungen durch Reklameinseln. Diese Variabilität kompensiert die Talkshow mit ihrer hohen Frequenz, der täglichen Wiederkehr. Die Variabilität der Inhalte und Formate [Seite 63↓]verschiebt Kontinuität auf die interpersonelle Ebene der Subjektpositionen und institutionalisierten Teilnehmeridentitäten, um den Zuschauern Orientierung und Vertrautheit mit dem als ungewöhnlich oder unbekannt Dargebotenen zu gewährleisten. Stabile Positionszuweisungen und Bezüge zwischen den Beteiligten kennzeichnen die Shows mehr als ihre Inhalte. Unveränderlich sind nur folgende Elemente:

Die ausgewählten Shows konzentrieren sich auf ein Thema pro Sendung, das aus Sicht der Betroffenen erörtert wird und zu dem sich Experten, Einzelne aus dem Studiopublikum und (hin und wieder, aber nicht in den hier untersuchten Shows) Zuschauern zu Hause per Telefon äußern können. Die Themen sind immer aus dem intimen Bereich der Privatsphäre und werden in der Sendung öffentlich gemacht. Sie weisen ebenfalls immer einen Gout des Abweichenden, Nicht-Gewollten (wie Krankheiten, unerwünschte Zustände wie Depressionen), Unnormalen, Nicht-Akzeptierten oder zumindest Ungewöhnlichen auf (Frauen, die bis zur Entbindung nicht wußten, daß sie schwanger waren, Mütter, die den Töchtern ihre Freunde wegschnappen, Ehemänner und Freunde, die Stripperlokale besuchen und damit ihre Beziehung gefährden; gefährdete Familienstrukturen, weil Mütter nicht genug Autorität besitzen; aber auch: Frauen als Chefinnen, Jugendliche, die bis zur Ehe keinen Sex zulassen usw.). Meistens werden die jeweiligen Ereignisse als "Probleme" dargestellt und behandelt. Die alltäglichen Repräsentanten des Nicht-Normalen, gleichgültig ob im Sinne von "krank", "pervers", "außergewöhnlich" oder auch im Sinne von "bewunderswert", "Minderheitenhaltung" usw., werden gemeinsam mit den zuständigen Spezialisten (meistens PsychologInnen) auf dem Podium ausgestellt. Die Shows sehen sich explizt zu Lösungen berufen: "we want to get to the root of the problem", "take a closer look at this family in crisis to see what ... could be done to solve them" (sic); "we're gonna try to do the best we can at [Seite 64↓] least we're gonna get you on the RIGHT road starting here" ; "we can work through these problems cause we want you to be happy" usw.

Die Identität der Gäste ist eine Funktion des Themas, d.h. sie sind nur zu der Bedingung, ein Exemplar der im Titel postulierten Problematik darzustellen, überhaupt anwesend und öffentlich sichtbar. Es gibt in den hier untersuchten Talkservice-Reihen nur ein übergreifendes Thema pro Show, das von unterschiedlichen Aspekten her beleuchtet wird und zu dem sich unterschiedliche Stimmen in der Show äußern.

3.2 Analyseschwerpunkte "Depression" und "Anger"

Der Schwerpunkt der Analysen liegt auf den beiden Shows "Depression" von Oprah Winfrey und "Anger" von Rolonda. Beide Sendungen werden von ihren Macherinnen - beide Frauen um die vierzig, beide Afroamerikanerinnen, beide Produzentinnen ihrer Sendung - moderiert und richten sich stark an ein weibliches Publikum. Der Titelsong der Oprah Winfrey-Reihe aus dem Jahr 1994 ist eine Instrumentalversion der Popschnulze "I'm Every Woman" von Whitney Houston, und die hier analysierte "Depression"-Show beginnt mit den Worten: "This show truly IS for every woman".

Die untersuchten Sendungen sind sich auch thematisch ähnlich und daher gut vergleichbar. Sie behandeln Probleme aus dem persönlichen, familiären Bereich der Eingeladenen und verstehen sich als tv-mediale "Lebenshilfe" (Talk Service-Shows, Munson 1993:7-8). In jedem Fall handelt es sich darum, eine unerwünschte Eigenschaft oder einen unliebsamen inneren oder äußeren Zustand zu benennen, in seinen unterschiedlichen Aspekten und Wirkungen sichtbar zu machen und schließlich in den Griff zu bekommen.

Oprah Winfrey ist die finanziell erfolgreichste Entertainerin in den USA: 1996 verdiente sie laut Forbes-Magazin 171 Millionen US$ und damit 21 Millionen US$ mehr als Steven Spielberg, Michael Jackson wird erst an vierter Stelle genannt (The Guardian, Sept. 7th 1996). Sie moderiert bis heute die mit ca. 19 Millionen ZuschauerInnen täglich meistgesehene Talkshow der USA, die zudem zeitversetzt in weiten Teilen der Welt ausgestrahlt wird. Über die (mittlerweile abgesetzte) Reihe Rolonda waren keine weiteren Informationen erhältlich.

Inhaltliche Beschreibung der Shows nach Sendeblöcken

"Depression" besteht aus acht Sendeblöcken, durch Werbeinseln getrennt, die am Anfang länger dauern (zwischen 8 und 10 Minuten im ersten Block) und sich gegen Ende rapide verkürzen (40 Sekunden bis 1,5 Minuten im letzten Block). Thematisch dreht sich die Show vor allem um die Tatsache, daß Symptome für Depressionen oft falsch oder gar nicht diagnostiziert werden und daher Aufklärungsbedarf besteht. Eingeladen sind eine ehemalige [Seite 65↓]Nachrichtensprecherin, die von ihrer - mittlerweile erfolgreich behandelten - Depression erzählt, weiterhin eine nicht-prominente, unbekannte "Frau eines Arztes", die ihre manisch-depressiven Schwankungen nicht als solche erkannte und daher lange Zeit unter ihren Verstimmungen litt, mittlerweile aber auch erfolgreich behandelt wurde. Zusätzlich sitzt eine Psychologin auf dem Podium, die ein Buch über Depressionen verfaßt hat. Unbekannte Gesichter stellen das Studiopublikum dar, die teilweise in die Kategorie "Gast" aufsteigen, z.B. wenn ihre Geschichten vor Beginn der Sendung gescreent und für erwähnenswert befunden wurden. Sie sitzen allerdings nicht wie die geladenen Gäste auf dem Podium, sondern bleiben im Publikumsraum. Dem Saalpublikum wurde vor der Show ein "Fragebogen" gegeben, auf dem zehn Fragen zur Befindlichkeit mit "Ja" oder "Nein" anzukreuzen waren. Dieser Fragenkatalog ("Quiz") wird im vierten Block auch für die ZuschauerInnen vor dem Bildschirm eingeblendet und soll ein Test sein, um Symptome von Depression festzustellen.

Die Psychologin gibt Tips für den Umgang mit den Symptomen und klassifiziert die depressiven Zustände in dringend behandlungsbedürftige und solche, die mit einfachen "action strategies" zu bewältigen seien. Obwohl der Schwerpunkt auf der Zielgruppe "Frauen" liegt, die bisher meistens die Opfer von Depressionen waren, wird Wert darauf gelegt, daß Männer zunehmend ebenfalls darunter leiden.

Die Show beginnt mit der Befragung der unbekannten Frauen aus dem Publikum, die im ersten Block von ihren Erfahrungen mit ihren eigenen depressiven Zuständen berichten. Sofort im Anschluß daran wird die Expertin/Psychologin eingeführt, die darlegt, daß Depressionen in den letzten Jahren verstärkt auftraten, die Symptome aber häufig übersehen und mißdeutet werden, weil ihnen das Stigma der "Geisteskrankheit" anhafte. Der zweite Block besteht ausschließlich aus einem Gespräch zwischen der Expertin und der Moderatorin, in dem die Psychologin einerseits Bezug nimmt auf die Erfahrungen der im ersten Block interviewten Frauen, andererseits allgemeine Möglichkeiten zur Bewältigung des Problems anheimstellt, und drittens betont, daß die Bewältigung gelingen kann, es kein unentrinnbares Schicksal sei. Im dritten Block wird vor allem die ehemalige (prominente?) Nachrichtensprecherin befragt. Sie erzählt die Geschichte der Verleugnung der Symptome und von ihrem Zusammenbruch. Ebenfalls in diesem Block tritt die "Frau eines Arztes", Mrs. Yeager, auf, die von ihren einstigen, manisch-depressiven Zuständen und ihren erfolglosen Versuchen, damit umzugehen, berichtet. Im vierten Block werden allgemeine Typen von Depressionen von der Psychologin vorgestellt und anschließend der Fragenkatalog eingeblendet, um die Zuschauer für die Symptome zu sensibilisieren. Im fünften Block gibt es Tips für diejenigen, die mehr als die Hälfte der zehn Fragen mit "Ja" beantwortet haben. Das Ratgeben dominiert auch den nachfolgenden sechsten Block, in dem zusätzlich eine dokumentarische Filmsequenz aus der Praxis der Psychologin gezeigt wird (ein Workshop, in dem gerade geübt wird, dem Ärger Ausdruck zu verleihen, um Depressionen abzuwehren). Im siebten Block tritt eine Frau aus dem Publikum auf, die die Meinung vertritt, das, was in [Seite 66↓]der Sendung als "Depression" verhandelt werde, sei einfach "das Leben", das einfach mal rauf und mal runter gehe, was von der Moderatorin und der Expertin zum Anlaß genommen wird, noch einmal nachdrücklich auf den Unterschied zwischen "schlechten Tagen" und depressiven Zuständen zu verweisen. Im letzten Block wird nur noch kurz auf den Titel des Buches über Depressionen verwiesen und die Nachrichtensprecherin mahnt ein gewisses Durchhaltevermögen bei der Suche nach der geeigneten Therapieform an. Applaus findet in dieser Sendung selten statt. In den ersten drei Blöcken gibt es vor Beginn des Gesprächs einen Werbetrailer für die nächste Oprah Winfrey-Show.

"Anger" aus der Reihe Rolonda besteht ebenfalls aus acht Sendeblöcken, von Werbeinseln unterbrochen, auch mit absteigender Länge. Inhaltlich soll es mit den Worten der Moderatorin darum gehen, unkontrollierte Wutausbrüche besser in den Griff zu bekommen - "taming the anger". Drei Paare sitzen im Studio, von denen entweder eine/r oder alle beide Probleme mit Jähzorn oder Wut haben; ebenfalls anwesend ist eine Psychologin, die ein Buch über Wut geschrieben hat. Alle werden auf dem Podium plaziert. Im Vergleich zur oben beschriebenen Show von Winfrey ist hier die Grenze zwischen den Kategorien Studiogast und Studiopublikum klar gezogen, d.h. es gibt keine "Neben-Gäste", die zwar als Teil des Publikums identifiziert werden, jedoch in einem längeren Gesprächspart ihre Erfahrungen darlegen. Im ersten Block wird anhand der Nacherzählung von "typischen" Situationen und Alltagsszenen das ungebührende Ausmaß des Jähzorns der beiden weiblichen Hälften der Paare illustriert. Im zweiten Block werden dieselben Frauen nach den möglichen Ursachen für ihre Ausbrüche befragt und einige Anwesende aus dem Publikum schlagen schon 'mal Lösungen vor. Ebenfalls in diesem Block tritt das dritte Paar auf und illustriert anhand von einer nacherzählten Szene das Ausmaß der Wut des männlichen Gastes, der kurz auch auf "tiefer liegende Gründe" für sein eigenes Fehlverhalten eingeht. Der dritte Block wird dominiert von Bemerkungen und Nachfragen aus dem Publikum zu den Folgen und Ursachen. Im vierten Block zentriert sich das Geschehen auf eine "Live-Therapiesitzung", in der die erst hier eingeführte Psychologin den männlichen Gast aus Block 2 "verhaltenstherapiert", d.h. sie versucht ihn vor laufender Kamera dazu zu bringen, einen Konflikt, der sich im Lauf der Sendung mit einem Mann aus dem Publikum ergeben hat, in neuer Art und Weise zu lösen. Diese soll exemplarisch sein für einen kontrollierten Umgang mit Wut. Im fünften Sendeblock werden den Gästen diverse Tips aus dem Publikum zuteil und die Psychologin geht auf die möglichen Ursachen der Wut bei den Frauen aus Block 1 ein. Im sechsten Block erklärt die Psychologin ihre Philosophie von der Notwendigkeit von Aggressionen für das Überleben, mahnt aber an, sie nicht ins Zerstörerische wenden zu lassen, und macht darauf aufmerksam, daß Selbsterkenntnis vonnöten ist, wenn sich Dinge bessern sollen. Insbesondere wird hier auf eine aufbrausend wirkende Frau aus dem ersten Block eingegangen, die zudem von einer anderen Frau aus dem Publikum stark [Seite 67↓]angegangen wird. Ein weiterer Experte (Herzspezialist) wird eingeführt, der die negativen physiologischen Auswirkungen von aggressiver Wutentladung aufzeigt und davor warnt. Im siebten Block melden sich zwei Personen aus dem Publikum, die ebenfalls mit dem Problem von Wutanfällen leben müssen, und die Psychologin gibt Ratschläge. Im achten und letzten Block dürfen beide Experten noch einmal kurz Tips im Umgang mit Wut abgeben, bevor die Moderatorin die Sendung beendet. Alle Sendeblöcke werden von Applaussequenzen gerahmt, fast alle werden mit einem Trailer für eine nachfolgende Rolonda-Show eingeleitet.

3.2.1 Die beiden flankierenden Shows im Überblick

"Surprise Babies/Unknown Pregnancies" aus der Oprah-Winfrey-Reihe dreht sich um Schwangerschaften, die bis zum Tag der Sturzgeburten nicht bemerkt wurden, nimmt diese ungewöhnlichen "faits divers"-Fälle jedoch zum Anlaß, allgemeine Tips für Schwangerschaftstests und Aufklärungsarbeit über den emotionalen und körperlichen Zustand von Frauen vor und nach der Entbindung zu leisten. Als kuriose Episode weist diese Show zusätzlich einen Teil (Block vier bis sechs) auf, in dem, ernst gemeint, aber mit burlesken Effekten, eine weiße Amerikanerin zu Wort kommt, die behauptet, von der Geburt eines schwarzhäutigen Babies "überrascht" worden zu sein, da ihr Ehemann kein Afroamerikaner ist.

Der erste Block beginnt mit der spektakulären Einführung in das ungewöhnliche Thema und der ersten Befragungsrunde der ersten beiden Frauen (jeweils mit Ehemann). Sie erzählen gemeinsam vom Moment der überraschenden Geburt. Im zweiten Block wird die Geschichte der dritten Frau dargestellt und die Psychologin eingeführt, die ein Buch über Schwangerschaft geschrieben hat. Sie merkt ungläubig an, daß die in der Show versammelten Fälle vermutlich die einzigen auf der Welt seien, denn normalerweise signalisiere der weibliche Körper recht deutlich sein Schwangersein. Im dritten Block verbürgt sich die Moderatorin ausdrücklich für die Authentizität der Erzählungen, die Expertin bemängelt die Unzuverlässigkeit der Bluttests, einige Frauen im Publikum geben spöttische Kommentare ab, die Gäste auf dem Podium berichten von der Ungläubigkeit, mit denen ihrer Familien den Tatbestand aufnahmen. Im vierten Block wird die Geschichte der weißen Frau, die ein schwarzes Baby gebiert, erzählt, gleichzeitig jedoch wieder aufgelöst, da der damalige afroamerikanische Geliebte ist auch dabei und diskreditiert die Aussagen der weißen Kindsmutter. Im fünften Block steigert sich die bereits in Block 4 entstandene Feindseligkeit gegen die weiße Amerikanerin seitens des Publikums, und sie muß sich gegen verbale Affronts zur Wehr setzen (die z.T. daraus entstehen, daß die Art des Erzählens konfus wirkt). Dieser Block nimmt ein vergleichsweise jähes Ende, indem einfach ausgeblendet wird. Block sechs beginnt mit einer langen Folge von Publikumsfragen an die weiße Frau mit dem schwarzen Kind und endet mit dem Vorführen des nun dreijährigen [Seite 68↓]Mädchens, sowie Bildern der vor Rührung weinenden Großmütter dieses Mädchens, die ebenfalls im Saal sitzen. Im siebten Block kehrt die Show thematisch zurück zum Thema Schwangerschaften, die nicht bemerkt wurden, und die Psychologin gibt Tips, wie damit einhergehende emotionale Probleme zu behandeln sind. Im letzten Block wird eine weitere Variante von "überraschender" Geburt ohne Schwangerschaftssymptome vorgestellt: eine übergewichtige Frau berichtet, daß sie trotz Sterilisation ein Kind bekam. Die Psychologin nutzt die Gelegenheit, noch rasch Ernährungstips anzubringen, bevor der Abspann ihre noch laufende Rede abbricht.

Rolondas Show "Family in Crisis" befaßt sich mit Problemen der mangelnden mütterlichen Autorität. Anhand einer alleinerziehenden Mutter von vier Kindern wird vorgeführt, welch schlimme Auswirkungen es hat, wenn Kinder nicht diszipliniert und erzogen werden, weil Mütter Angst haben, von ihren Kindern nicht geliebt zu werden. Der erste Block beginnt mit einer "Dokumentation", d.h. einer filmischen Sequenz, die das vermeintlich authentische Chaos der Familie zeigen soll, das vom Rolonda-Team "ein ganzes Wochenende lang" gefilmt wurde. Danach werden die älteste Tochter und die Mutter im Studio auf dem Podium vorgestellt, die sofort anfangen, sich vor laufender Kamera zu streiten. Eine Frau aus dem Publikum fordert die Tochter auf, ihrer Mutter mehr Respekt entgegenzubringen. Im zweiten Block wird die Tochter erneut von einer Frau im Publikum zurechtgewiesen, das Mädchen beginnt Streit mit ihr und der Mutter, die restlichen Kinder werden vorgestellt und interviewt. Im dritten Block wird mittels einer weiteren "Filmdokumentation" ein heftiges Wortgefecht zwischen Mutter und Tochter bei ihnen zu Hause gezeigt, dann kündigt die Moderatorin an, alle gäben heute ihr Äußerstes, um diese Familie zu retten. Wieder wird die älteste Tochter zurechtgewiesen, diesmal von einem jungen Mann im Publikum: sie sei zu aggressiv. Eine Nachbarin wird eingeführt, die wegen der Tochter einst die Polizei gerufen hat. Deren Sohn hatte damals ein Verhältnis mit der aggressiven Kelly; auch er ist anwesend und wird später befragt. Der Block endet mit einer weiteren kurzen "Filmdokumentation", die den jüngsten Sohn zeigt, als er nach seiner Mutter spuckt. Wieder erst im vierten Block die Psychologin eingeführt (die in diesem Fall kein Buch über Aggressivität oder schlecht erzogene Kinder geschrieben hat, aber immerhin Familientherapeutin ist). Sie erklärt das Problem mit den fehlenden Grenzen der Kinder und liefert eine psychologische Skizze von Mutter und ältester Tochter. Im fünften Block dürfen noch einige Zuschauer Fragen an die Mutter stellen, und die Expertin gibt eine Liste von Strafverfahren durch, die helfen, wenn Kinder nicht gehorchen wollen (Strom abstellen, keine Computerspiele, kein Fernsehen, miteinander reden). Im sechsten Block geht es um die Tatsache, daß Kinder mit nur einem Elternteil große emotionale Probleme haben und verhaltensauffällig werden. Exemplarisch hierfür wird von der Mutter eine Episode erzählt, wie der kleine Sohn seine noch kleinere Schwester einmal "angezündet" hat; außerdem wird geraten, das fehlende männliche Vorbild durch einen älteren Nachbarsjungen zu ersetzen, der ebenfalls im Studiosaal [Seite 69↓]anwesend ist. Im siebten Block soll durch mehrfache Glücksausrufe der Moderatorin (You're smiling! And Mom's happy too!) ausgedrückt werden, daß die Show wohltuende und durchschlagende Wirkung hat, der kleine Sohn möchte aber gern seine Schwester anschwärzen, wird jedoch von der Moderatorin effizient gemaßregelt. Die Expertin erläutert, warum es schlecht sei, die Kinder in der Gruppe und nicht einzeln zu betreuen und wahrzunehmen, bzw. daß auch dies Auswirkungen auf vermehrtes aggressives Verhalten haben kann. Im letzten Block wird ein Säugling, der als Kind der ältesten Tochter bereits erwähnt wurde, leibhaftig ins Studio getragen, letztere auf ihre große Verantwortung hingewiesen, während die Mutter noch einmal sagen kann, daß sie sich nun wirklich viel besser fühle als vorher. Danach beschließt die Moderatorin die Show ordnungsgemäß und verabschiedet sich von ihren Gästen und den Zuschauern und Zuschauerinnen zu Hause.

Transkribiert, doch nur auszugsweise und exemplarisch bzw. stützend hinzugezogen werden fallweise noch Sequenzen aus "Girls in Gangs" von Rolonda (1994), die sich mit dem Thema "Warum sich junge Frauen und Mädchen in gewaltbereiten Straßengangs zusammenrotten" sowie der Förderung ihrer Bereitschaft, wieder auszusteigen, beschäftigt. Für Oprah Winfrey-Shows liegt noch eine - allerdings ältere Show - über Frauen in Führungspositionen (Women Bosses 1989) vor, in der diese gemeinsam mit Assistentinnen in die Show eingeladen wurden, um von ihren Problemen miteinander und mit der ungewohnten Rolle zu berichten. Auch dabei ist eine Psychologin, die das beschriebene Verhalten analysiert und kritisiert.

3.3 Transkriptionsverfahren

Jede Transkription ist eine Verschriftung und damit eine Modifikation des Geschehenen und Gesehenen, ein ordnender Eingriff in die Phänomene, eine Theorie über die Daten. Sie ist ein Versuch, eine für die Analyse ausreichende Menge an Details diskursiver Ereignisse in schriftlicher Form darzustellen. Die "ausreichende" Menge bleibt dabei eine Frage der Interpretation; wieviele, aber auch welche Details aufgenommen werden, ist eine Frage der Selektion. Transkripte sind daher nie objektive Wiedergaben von Realität, sondern ein Kompromiß zwischen Geschehenem und handhabbarem Arbeitsmittel. Diese Handhabbarkeit wurde im folgenden versucht zu erhalten, indem sich die Transkriptionen der Sendungen auf folgende Punkte beschränkten: Es wird einer Standard-Orthographie gefolgt, Intonations- und andere prosodische Merkmale werden nur als laut/leise bzw. im Bereich der starken Betonung notiert. Allerdings wird eine aus der Ethnomethodologie übernommene detaillierte Verschriftung aller sequentieller Phänomene übernommen, d.h. Pausen, Überlappungen und Unterbrechungen, Fehlstarts, Wortfindungsprozesse und hörbares Ein- oder Ausatmen, Lachen und Räuspern werden ebenfalls wiedergegeben. Körperhaltung, Gestik und Mimik [Seite 70↓]wird nicht systematisch, jedoch an relevanten Stellen genau beschrieben. Da das untersuchte Material filmisch editiert wird, werden auch Schnitte, Einblendungen, kurze Beschreibungen des Bildinhalts und Kameraeinstellungen beschrieben.

3.4 Zur Darstellung der Ergebnisse

Neben resultatorientierten Darstellungsweisen wird hier vor allem die Form der Einzelfallanalysen anhand von Ausschnitten aus dem verschrifteten Material gewählt. Die Ausschnitte gelten dabei nicht als Exemplare für vorab postulierte Hypothesen, sondern als Rekonstruktion der Techniken der Beteiligten und der diskursiven Produktionsmittel gleichermaßen, die mithilfe der schrittweisen Sequenzanalyse dargestellt, nachgezeichnet und mit anderen Ausschnitten verglichen werden sollen. Die kontrastierenden Fallanalysen sind dabei geeignet, kontextspezifische Realisationen von Techniken, Verfahrensweisen der Teilnehmer und Selektionen auf Produktionsseite herauszuarbeiten.

3.4.1 Zur Vollständigkeit der Sequenzanalysen

Eine vollständige Sequenzanalyse aller bearbeiteten Sendungen würde den Rahmen jeder Arbeit sprengen. Die Talkshows haben eine Länge von jeweils 60 Minuten,26 und eine detaillierte Verlaufsanalyse einer einzigen Show würde mehrere hundert Seiten erfordern. Daher ist es wichtig, sich auf die Untersuchung von Einzelphänomenen, die für die Subjektkonstitution relevant scheinen, zu beschränken.

Diese Phänomene bewegen sich in durchaus verschiedenen Größenordnungen. Das Resultat ist eine Mixtur aus konversationsanalytischen Beschreibungen, Einzelfallanalysen und illustrierenden Untermauerungen von anderen Ausschnitten, die ein Ergebnis festigen sollen. Manche Phänomene werden mit nur einem detaillierten Analysebeispiel belegt, was jedoch nicht heißt, daß es in meinen Daten nicht viele andere ähnlich zu interpretierende Stellen gegeben hätte, sondern nur, daß auf weitere exemplarische Wiedergabe aus Platzgründen verzichtet wurde. Meine Transkripte belaufen sich auf über hundert Seiten und es stellt beim Lesen auch nur eine unzureichende Alternative dar, sie gesammelt in einem Anhang beizufügen. Die Transkriptionsausschnitte werden daher im laufenden Text ausführlich dargestellt und müssen so einen Eindruck des Geschehens sowie eine angemessene Nachvollziehbarkeit der Analysen und Interpretationen gewährleisten.


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3.4.2  Rolle der visuellen Seite

Praktiken des Blicks, der Körperhaltung, Gestik, Mimik, räumliche Positionierung der Teilnehmer zueinander usw. spielen eine wichtige Rolle bei der Positionierung von Subjekten im Diskurs, sprachliche und nicht-sprachliche Praktiken beziehen sich reflexiv aufeinander und sind nicht voneinander zu trennen. Daher ist eine reine Verbatim-Wiedergabe eigentlich nicht angemessen, trotzdem wurde aufgrund der Fülle des Umfangs auf eine systematische Notierung des non-verbalen Geschehens im Transkript verzichtet, an ausgewählten Stellen wird jedoch unter Berücksichtigung der Videoaufzeichnungen darauf eingegangen. Im Unterschied zu Aufzeichnungen von normalerweise nicht-aufgezeichneten Gesprächen zu Zwecken der Untersuchung, verlangen Videoaufzeichnungen von TV-Sendungen zunächst aber keine Rechtfertigungen seitens der Analysierenden hinsichtlich der Auswahl und Anwesenheit von Aufzeichnungsgeräten, Blickwinkeln, Szenenausschnitten, Dauer und Qualität des Datenmaterials. Es ist im ersten Moment die "reine" Wiedergabe der Sendung. Allerdings muß bei der Analyse auf diese Fragen eingegangen werden, wenn die Implikationen der (nicht von Forschungsseite, sondern von der Produktionsseite des Mediums) getroffenen Auswahl und Vor-Selektion aufgezeigt werden sollen. Als solches sind die Fragen jedoch Teil der Analyse selbst, nicht Teil der Erhebungsproblematik von Datenmaterial.

3.5 Abkürzungen

Für die institutionellen Teilnehmerpositionen werden folgende Abkürzungen verwendet:


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Gemäß allgemeiner gesprächsanalytischer Konventionen stehen in den Transkripten

[

eckige Klammern für Parallelsprechen

/

Schrägstrich für Unterbrechungen/Wortabschneiden

=

Gleichheitszeichen am Ende einer Zeile und zu Beginn

 

einer nächsten bedeutet, der Redefluß wurde nicht unterbrochen

kap

Kapitälchen und Großschreibung für sehr stark betonte oder laute Silben

(1.0)

 

(.5)

für Pausen, gemessen in Halbsekundenschritten

(.)

ungemessene, sehr kurze, aber dennoch vernehmbare Pausen

(( ))

non-verbales Verhalten oder Bemerkungen

hhhh

deutlich vernehmbares Ein- oder Ausatmen

___

Unterstrichene Redebeiträge werden entweder von Applaus oder Gelächter aus dem Publikum begleitet

(indist.)

steht für unverständliche Teile der Äußerungen.


Fußnoten und Endnoten

26 Die Show umfaßt dabei zwischen 42 und 44 Minuten, die eingeschobenen Werbeblöcke 16 Minuten ( = 8 x 2 Minuten) der Stunde.



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04.05.2005