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4  Sequenzierung und Gesprächsorganisation des Diskurstyps "Daytime-Talkshow"

4.1 Formale Strukturen der Shows: Phasen und Sequenzen

Die Shows bestehen aus alternierenden Phasen

  1. von 8 Show-Sendeblöcken und 7 Werbeblöcken und
  2. innerhalb eines Sendeblocks aus Abfolgen zwischen "Orientierungsphasen" und "Talkrunden", die sich durch unterschiedliche direkte Adressaten definieren:

  1. - Anfang (nur HOST: Monolog/Orientierung)
    Jingle/Logo, Applaus, Adressieren von Publikum/Zuschauer mit kurzer Wiederaufnahme von Themen aus vorangegangenem Block oder Kurzvorstellung des nun folgenden Gastes oder Themas durch HOST, erste Frage
  2. - Mitte (ALLE außer VIEW: Interaktion)
    HOST führt durch die Show, stellt Fragen an die Gäste, läßt Saalpublikum Fragen stellen und steuert den Ablauf von Thema zu Thema, und von Gast zu Gast und von Sendeblock zu Sendeblock bzw. Weiterbefragung im Wechsel mit Saalpublikum durch HOST, Gäste folgen der vorgegebenen "Tagesordnung"
  3. - Ende (nur HOST: Orientierung/Vorausschau)
    kurze Vorwegnahme des nach Werbeblock folgenden Themas und Hinweis, daß/wie es weitergeht, Applaus, Jingle, Logo.

Danach folgen jeweils Werbeunterbrechungen von 2 Minuten. Diese Show-Pausen werden auch als Vorhang benutzt: das Podium wird umgesetzt oder ungewünschte Gesprächssegmente für die Zuschauer "abgestellt", indem Werbung eingespielt und währenddessen im Studio wieder für Ordnung gesorgt wird. Die Länge der Show-Blöcke ist absteigend, die ersten Blöcke sind zwischen 10 und 12 Minuten lang, die letzten häufig kaum mehr eine Minute. Außerdem haben die Shows zwar immer einen klaren Anfang, aber oft kein richtiges Ende. Denn ist die Zeit um, läuft der Abspann einfach über das noch stattfindende Gespräch.

Anfangs- und Beendigungsphasen eines Showblocks etablieren den Kontakt mit den Zuschauern und bilden den äußeren Kommunikationskreis (Linke 1985). Die Mittelsequenz bildet den inneren Kommunikationskreis und besteht aus Gesprächen zwischen den Moderatorinnen und Gästen. Die im folgenden schematisch aufgeführten Abläufe der Shows haben unterschiedliche Elemente. Sie zeichnen sich durch Wechsel im Übermittlungskanal (Sprache, Film, non-verbales Verhalten), im Modus (Dialog, Monolog) oder durch Wechsel [Seite 74↓]der Ansprechpartner aus. So gibt es monologische Orientierungsphasen (orient), in denen sich HOST an VIEW wendet, dialogische Talkphasen zwischen den Studioteilnehmern (AUD, EX, GUE + HOST), Filmeinspielungen (docu), die Szenen aus dem Alltag der GUE darstellen, Abschlußsequenzen (close), die auf den nachfolgenden Showblock nach der Werbepause aufmerksam machen usw., und außerdem gibt es Jingles, Logos und Applaus. Die beiden im Mittelpunkt stehenden Shows "Depression" aus der Oprah Winfrey-Reihe und "Anger"/Rolonda sind somit schematisch wie folgt darstellbar:

Essentielle Phasen sind Orientierung und Talk, die anderen Elemente sind wählbar. Schon durch die formalisierte Darstellung des Ablaufs zeigt sich die relative Schmucklosigkeit der OW-Show, die sogar ohne Anfangs- und Beendigungsapplaus arbeitet (spontanen Zwischenapplaus gibt es dennoch an manchen Stellen der Gespräche). Anhand der schematischen Darstellung zeigt [Seite 75↓]sich auch, daß die Lebenshilfe-Expertin bei Rolonda erst im vierten Block auftritt, während sie bei den hier untersuchten Oprah Winfrey-Shows vom ersten Block an dabei ist. Das hat eine gewisse "Dramatisierung" des Verlaufs zur Folge, die den Auftritt der EX in eine zentrale (=mittige) Position verlegt und einen Klimax andeutet, der bei der Vergleichsshow OW fehlt, in der EX bereits vom ersten Show-Block an anwesend ist und befragt wird. Daher ist die OW-Show iterativ strukturiert. Andererseits ließe sich argumentieren, daß bei OW in dieser Show vor allem der Fragebogen für VIEW eine zentrale Rolle spielt, da er im vierten Sendeblock plaziert ist. So ist an zentralen Punkten im Show-Ablauf eine unterschiedliche Ausrichtung festzustellen: Im Zentrum (der Show) steht bei Rolonda das Geschehen im Studio, besonders der Auftritt der Psychologin und deren Interaktion mit den Gästen im Mittelpunkt. Am zentralen Punkt der OW-Show (d.h. im vierten Block, nach ca. der Hälfte der Zeit) richtet sich der Schwerpunkt auf den äußeren Kommunikationskreis, auf die ZuschauerInnen, die durch den Test/Fragebogen ermitteln sollen, ob auch sie vom Problem betroffen sind.

Weiterhin scheint das Studiopublikum bei Rolonda eine prominentere Rolle zu spielen und häufiger zu Wort zu kommen als in der hier dargestellten Show von OW, weil es in den Blöcken 2,3,5,6 und 7 AUD-Sequenzen hat, während diese bei OW scheinbar eine untergeordnete Rolle spielen.

Die räumlichen Anordnungen und die Verteilungen der Beteiligten im Studioraum sind unterschiedlich. Während bei OW die Gäste auf dem Podium in leicht halbrunder Formation auf sesselartigen Sitzgelegenheiten plaziert sind und darüber hinaus Gäste auch in den vorderen Reihen des Publikums sitzen, sind die Gäste bei Rolonda in einer geraden Reihe plaziert und konfrontieren so das Publikum direkt. So suggeriert schon die räumliche Anordnung einen Unterschied im Verhältnis Publikum-GUE bzw. zwischen GUE und GUE, die in der halbrunden Formation immerhin auch zu gegenseitigem Austausch ermuntert werden, in der Aufreihung sich jedoch anstrengen müssen, wenn sie sich untereinander anschauen und ansprechen wollen.

Die Moderatorinnen bewegen sich meistens im Raum zwischen den beiden so arrangierten Fronten, häufig aber auch inmitten des Saalpublikums (auf den schmalen Treppen, stehend oder sitzend). Im Unterschied zu Prominententalkshows, befinden sich die HOSTs also nicht selbst auf dem Podium und grenzen sich auf diese Weise von den Gästen ab, signalisieren ein Ungleichverhältnis. Das trennende räumliche Arrangement mit seinem nur für die Moderation zugänglichen Zwischenraum zwischen Podium und Publikum verweist zum einen auf die Vermittler-Stellung der HOSTS, auf die Ausschließlichkeit ihrer Beweglichkeit im Raum (außer den Kameraleuten), aber auch auf ihre Zentralität. Zum anderen prägt es eine kommunikative Konstellation, in der es weniger um ein "Miteinanderreden", als um ein "Abfragen" und "Ermitteln" von Eigenschaften, Besonderheiten, Gefühlslagen usw. für ein Publikum, um ein Ausstellen vor Publikum geht.


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4.2  Die Organisation von Sprecherwechsel in Talkshows

Die spezifischen Funktionen institutionalisierter Gespräche führen zu je spezifischen Regulierungen in der Gesprächsorganisation, Verteilungen des Rederechts und Sprecherwechselarrangements, die sich in der Diktion der Gesprächsanalyse als Turn-Taking-Systeme beschreiben lassen (kurz: TTS).

Die in der Beschreibung des Geständnisses implizierten Vorgänge des Ermittelns und Zum-Reden (über sich selbst)-Ermuntern, spiegeln sich in einer hybriden Gesprächsorganisation dieser Talkshows, die in sich Merkmale der Interview-Organisation und den Turn-Taking-Strukturen von Chat-/informal-conversation (Sacks, Schegloff und Jefferson 1974: SSJ) vereint.

Die Ausrichtung aufs Persönlich-Private einerseits, andererseits jedoch die "Ermittlung" und "Vermittlung" von Informationen für ein Publikum haben auf der Ebene der Sprache und Kommunikation zwei redetypische Korrelate: das "informelle Gespräch" (oder sog. Alltagsgespräch bzw. chat) und das der Ermittlung und Nachforschung dienende "Interview", oder die Befragung. Da die Gäste in dieser Art von Talkshow gerade ihr "Alltagsmenschsein" auszeichnet, wird die dazu komplementäre Diskursform, das informelle "Alltagsgespräch" eine Rolle spielen.

Alltagsunterhaltungen oder Chatting zeichnen sich strukturell durch minimale Vorgaben und Einschränkungen in der Gesprächsorganisation aus: Das Recht auf einen Redebeitrag wird lokal an dafür relevanten Stellen neu verhandelt,die prinzipiell mit jeder syntaktisch-prosodisch definierten Stelle an einem "Satzende" wiederkehren. Es gibt keine Instanz, die festlegen kann, wann wer redet. Alle TeilnehmerInnen können und dürfen abwechselnd das Wort ergreifen (self-select), oder sie werden durch den vorigen Sprecher als Nachfolger ausgewählt (durch namentliches Ansprechen, durch Fragestellen und so weiter). Weder Beitragsart, Beitragslänge, weder Rednerabfolge noch das verbale Kapital der einzelnen Sprecher (d.h. ihre Gesamtredezeit, die Häufigkeit, mit der sie Beiträge plazieren) sind festgelegt, sondern werden lokal verhandelt; auch die Themen sind nicht vorgegeben. Weiterhin gilt in informellen Alltagsgesprächen, daß allen Beteiligten dieselben Möglichkeiten der Redebeitrags-Übergabe offenstehen und sie durch verschiedene Allokationstechniken (Fragen/erste Teile von Adjazenzpaaren; tags, namentliche Nennung, Blick usw.) den nachfolgenden Sprecher bestimmen können.

Diese Beschreibung trifft für die Gesprächsorganisation der Talkshows nicht zu. Institutionelle Diskurse bzw. Diskurse innerhalb von öffentlichen Kontexten, die zudem meistens durch Zeitvorgaben, klare Ziel- und Zweckbestimmungen und Teilnehmerkategorien eingeschränkt sind, bringen spezifische, konventionalisierte Beschränkungen dieser konversationellen, jedem offenstehenden Optionen mit sich. Die "Freiheiten" der alltäglichen, informellen Konversation werden in institutionellen Rahmen systematisch eingeschränkt, weil das Sprechen anderen Funktionen unterliegt, als in der Alltagsrede. In Talkshows sind die meisten konversationellen Freiheiten [Seite 77↓]eingeschränkt: Die Themen sind durch den Titel vorgegeben, die Abfolge der SprecherInnen durch die Regie vorher festgelegt und den jeweiligen Sendeblöcken zugeteilt. Es ist klar, wer (- meistens auch welche -) Fragen stellt, wem die Aufgabe der Beantwortung zufällt usw. Die klare Verteilung bringt Ungleichheiten in den diskursiven Sprecherpositionen mit sich.

4.2.1 Hierarchische Aspekte der Sprecherwechselorganisation

Nach P. Linell (1990:158) ist

the dominant party ... the one who makes most initiary moves (contributions that strongly determine the unfolding local context) and makes relatively fewer weaker moves (in which responding aspects prevail). The subordinate party of the interaction, on the other hand, allows his or her contributions to be directed, controlled and/or inhibited by the interlocutor's surrounding moves.

Linell bringt ungleiche Verteilungen der Sprech-Möglichkeiten mit einem diskursiven Machtgefälle in Zusammenhang. Dominant ist, wer die Kontrolle über den Gesprächsverlauf hat, wer die Fragen stellt oder die Themen wechseln kann, wer unterbrechen darf und zur Ordnung ruft bei abweichendem Verhalten. Aber offenbar ist es vor allem eine Frage der mangelnden Dynamik und von Quantität: wer immer nur initiiert, oder wer meistens reaktiv verortet wird, ist dominant resp. subaltern.

Strukturell zeichnet sich die dominante Position durch die Verortung an der (immergleichen) initiatorischen Stelle im Interaktionsablauf aus. Die Stabilität der Position wird durch die Interview-Turn-Taking Organisation etabliert.

Institutionalisierte Diskurstypen lassen sich so als Schwellendiskurse auffassen, in denen bestimmte Machtverhältnisse bereits im kommunikativen Vertrag, d.h. in der Sprecherwechselorganisation eingeschrieben stehen. Fairclough (1992:153) schlägt dafür folgende strukturelle Beschreibung vor (P=powerful; N-P=non-powerful)

  1. P may select N-P, but not vice-versa;
  2. P may self-select, but N-P may not;
  3. P's turn may be extended across any number of points of possible completion (ibid)

außerdem darf P N-P jederzeit unterbrechen, wenn N-P "Irrelevantes" sagt (die Kriterien für die Relevanz liegen dabei auf Seiten der Institution) und P, nicht jedoch N-P, behält das Rederecht, auch wenn P nicht redet - d.h. in P-Pausen wird normalerweise nicht gesprochen, bevor der Redezug nicht ausdrücklich an N-P weitergegeben wurde.

P(owerful)-Positionen haben "Gate-Keeper"-Funktion, d.h. es handelt sich um Diskurspositionen, die zwischen einer Institution und ihren Außenstehenden (als Non-P) vermittelt und eine Interaktion zwischen Institution [Seite 78↓]und deren "Klienten" zu den Bedingungen der Institution ermöglichen. In "gate-keeping"-Situationen sind sowohl lokale interaktionelle Strukturen asymmetrisch organisiert als auch den gesamten Diskurs umfassende Reglements wie die Themensteuerung und die Redezugzuteilung.

"Powerful Party" ist, wer im Gespräch N-P institutionell motivierte Interaktionsnormen auferlegen kann und "Non-Powerful" sind jene, die die Regeln nicht machen können. In unseren Shows entspricht P = HOST, N-P sind alle weiteren Teilnehmerkategorien. Es wird sich im folgenden zeigen, daß diese typisierte interaktionelle Machtstruktur und Klassifizierung in P und N-P im einen Fall mehr, im anderen weniger stark eingehalten wird.

Abweichungen von der egalitären Grundkonstellation der Alltagsgespräche (und damit eine Klassifizierung als non-powerful party) ergeben sich nur bei den Gästen: Sie haben eine äußerst geringe self-select-Rate, nur 1,5% - 3 % aller Redewechsel sind self-selects von GUE in einer Show. Sie warten mit ihren Redebeiträgen grundsätzlich immer bis ihnen Fragen gestellt wurden, d.h. sie sind immer in reaktiver Position, stellen selbst keine Fragen, sondern beantworten sie. Sie unterbrechen nicht und hören auf zu reden, wenn sie unterbrochen werden (in den hier verwendeten Daten). Außerdem fallen GUE kaum anderen ins Wort (Überlappungen kommen nur vor, wenn sie durch andere unterbrochen werden), geben keine Verständigungs-, Rezeptions- oder andere turn-passing-Signale wie "uhum", "aha" usw. (die sie als legitime floor-holder – temporäre Rederechtsinhaber - ausweisen würden). Kurzum: Sie müssen als Alltagsmensch im plauderfreudigen Alltagsmedium TV auf fast alle konversationellen Möglichkeiten und Interaktionsmuster der Alltagskommunikation verzichten. Damit einher geht eine relativ große Zurücknahme von Spontaneität (auch ein Merkmal von Subjektivität).

4.2.2 Interview-Turn-Taking in Talkshows

Bisher wurde festgestellt, daß GUE-Positionen am stärksten von den Möglichkeiten egalitär strukturierter Interaktionsformen wie "Chat" ausgeschlossen sind, sie haben in Linells Modell die schwache Position inne, sind die Partei der "non-powerful". HOSTs halten die dominante, "powerful" Position. Diese Stabilität sichert ihnen eine Talkshow-Gesprächsorganisation, die Merkmale der Interview-Struktur zu ihren Gunsten an sie delegiert. Interview-Organisationen definieren sich ebenfalls durch Einschränkungen der freien Rede:

[These constraints] specify that news interview talk should proceed as sequences of interviewer [IR] questions and interviewee [IE] responses to those questions. Correspondingly, people who act as IRs may not properly engage in actions other than questions, while those who take part as IEs should refrain from initiating actions (such as unsolicited comments on prior talk) or sequences (for example, asking questions to which the IR or other IEs would be obliged to respond). (Heritage/Greatbatch 1991:98)


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GUE-Positionen weisen das hier für Interviewte (IE) als typisch definierte interaktionelle Verhalten auf. Sie stellen keine Rückfragen, machen keine unaufgeforderten Bemerkungen, beschränken sich auf die reaktiven Positionen im verbalen Austausch. Auch HOST-Positionen korrespondieren interaktionell mit einem Teil des Interview-Rahmens, insofern sie viele Merkmale der Interviewerposition (IR) aufweisen: Sie stellen in der Regel die Fragen (oder bestimmen, wann sie Fragen an AUD delegieren wollen), sie sind interaktionell immer in der initiierenden Position. Wie in Interviews, ist die Möglichkeit des self-select für Nicht-Interviewer nicht vorgesehen. Bei IR/HOST liegt das Privileg, selbst das Wort zu ergreifen ohne aufgefordert zu werden und die nächsten Sprecher zu bestimmen.

Wie stabil die dominante Position von HOST ist, zeigt sich dabei wie immer an kleinen Abweichungen von der Regel. Vor allem HOST/Rolonda gibt ihr Fragevorrecht an ausgewählte Personen im Publikum ab, indem sie ihnen die technischen Mittel, d.h. das Mikrophon kurzzeitig überläßt. In solchen Momenten kommt es oft zu einer Wort/Blick-Schere. Sie entsteht durch den Umstand, daß AUD eine Frage (oder einen anderen initiativen Redezug) unternehmen und auch legitimiert wurden (mittels Mikrophon), was jedoch die dominante Position von HOST nicht außer Kraft setzt:

  1. AUD:((looks at GUE)) ..this is for uh Dawn. I was wondering if she was as angry before she had kids or did it start after she had children.
  2. HOST: Yes?
    AUD: ((doesn't look at HOST))I would like to know if um a lot of these women that say I don't know, is it because they're just real heavy and a lot of that fat don't let them feel ... the kicking?

In beiden Sequenzen werden die von AUD angesprochenen Gäste direkt angeblickt, aber die deiktischen Pronomen referieren auf sie in der dritten Person, als ob AUD mit jemand anderem über GUE redete statt mit ihr.

Diese Delegationen des Privilegs auch neuralgische Punkte, an denen das TTS kippen könnte. Was es nämlich nicht vorsieht, ist die Delegation des Rederechts (an AUD) über mehr als einen Redezug hinaus:

In den seltenen Fällen, in denen die direkte Interaktion zwischen AUD und GUE droht, sich weiter auszudehnen, schaltet sich HOST dazwischen und unterbricht. AUD hat einen Bestätigungsschritt (Right) vollzogen und GUE schließt daraufhin einen weiteren Redezug an. HOST plaziert ihren Beitrag noch während GUE redet, um sich vor allem durch den Gebrauch des [Seite 80↓]Hörersignals "mmmh" als direkte Rezipientin zu konstituieren und so das Rederecht zurückzufordern. Durch Validierungs- und Rückmeldesignale wird HOST als eigentliche Adressatin der Äußerung re-konstituiert. Damit tritt die ursprüngliche Rollenverteilung und das institutionell vorgeprägte Verhältnis zwischen den Interaktanten wieder in Kraft, d.h. vor allem wird HOST-Stellung als zentrale Interaktionslenkerin wieder etabliert.

Doch auch wenn HOSTs an vielen Stellen im Gespräch mit ihren Gästen in recht eindeutigen Interviewer-Eigenschaften auffallen, gibt es ebenso Stellen, an denen sie sich, gesprächsanalytisch betrachtet, keineswegs wie ein Interviewer verhalten. Gerade die eben schon angeführten Zustimmungspartikel oder Fortsetzungssignale (uhum, mmmh, yeah, right usw.) spielen dabei eine wichtige Rolle.

Solche Rückmeldesignale werden von den HOSTs häufig eingesetzt. Dies führt zu einer entscheidenden Abweichung des HOST-Verhaltens von der klassischen Interviewer-Position. Eines der herausragenden Merkmale von Interviews bzw. der Ausrichtung am Publikum als eigentlichem Rezipienten der Äußerungen ist die viel beschworene "neutrale Position" der Interviewer. Greatbatch (1988) spricht von third turn receipts, die in Form von "uhum", "oh", "right", "really" usw. in informellen Gesprächen und Alltagskonversationen gängig sind, aber in Medieninterviews komplett fehlen. "Through the avoidance of the third turn ... characteristic of question-answer sequences in natural conversation, questioners decline the role of report recipient" (Heritage 1985:100). Die Fragesteller konstituieren sich als Instanzen bloßer Informationserhebung. Diese "Neutralität" ist nicht nur ein Desiderat des journalistischen Ethos, sondern hat auch interaktionelle Korrelate und reflektiert eine Zurücknahme ihrer Person als direkte Adressaten der Äußerung, um die Beiträge des Interviewten als eine ultimativ an ein Publikum, nicht an IR gerichtete Handlung zu markieren.

Im Unterschied dazu konstituieren sich die HOSTs der Talkshows aktiv und permanent als Dauergesprächspartner - anders gesagt, sie konstituieren sich dadurch nicht als "reine" Vermittler, sondern als Person, die Bestandteil der Interaktionen ist, als Ko-Interaktant. Talkshow-HOSTs sind also alles andere als mere elicitors for overhearers (Heritage 1985:113), sie inszenieren sich unablässig als Rezipienten und direkte Adressaten der Äußerungen von GUE und EX - insofern sind sie Mittler, aber eher im Sinne von Relaisstationen, die jeder verbale Austausch (z.B. zwischen GUE und EX) passieren muß und die so unvermittelte oder spontane Formen der Interaktion zwischen den anderen Teilnehmerkategorien stark einschränken und kontrollieren. Durch den Einsatz der Zustimmungspartikel gelingt dies auf elegante und kaum merkliche Weise:


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Durch die Rezeptionssignale positioniert sich HOST zweifach als direkte Adressatin der Äußerung, die sie jedoch nicht ist, da "you" in der ersten Zeile und die Blickrichtung von GUE eindeutig auf EX2 verweisen. HOST unterbricht mit ihrem Rezeptionssignal das mit dem in abschließender Funktion verwendeten Diskursmarker "so" eingeführte Lachen von GUE, die damit anzeigt, daß sie im Grunde alles gesagt hat, was sie im Augenblick sagen wollte. EX2 jedoch verhält sich neutral - er wartet ab, bis HOST den Beitrag von GUE als beendet ratifiziert und das von ihm verwendete Personalpronomen "you" ist nicht eindeutig auf GUE gerichtet, sondern auf alle, die Probleme mit ihrem Jähzorn haben. GUE spricht den Arzt direkt an, doch dann schaltet sich HOST dazwischen mit Uhum und macht sich so zum gemeinten Adressaten der Äußerung und zur Relaisstation, die ihr zwar institutionell garantiert ist, die sie jedoch während der Gespräche immer wieder artikulieren muß.

Die permanente Selbstpositionierung von HOST als Daueradressat ist ein weiteres Indiz für die ungleiche Positionierung von HOST und GUE in diesem Diskurstyp. Die einen nehmen die interaktionell stark eingeschränkte (untergeordnete) Stellung des Interviewten im Rahmen der Befragungssituation ein, die anderen (HOST) reklamieren die aus egalitären Kontexten der informellen Gesprächssituation stammende "Chatting-Position". Strukturell läßt sich dies beschreiben als die Prädominanz, mit der HOST innerhalb der (Chat-/Interview-)hybriden iterativen Struktur

jeweils die dritte Position besetzt, und zwar auch dann, wenn die Dyade bzw. die Frage-Antwort-Sequenz augenblicklich zwischen anderen Teilnehmern verläuft. Die Positionierung durch Rezeptionssignale als permanente direkte Adressatin hat auf formaler Ebene den Effekt, daß HOST als Relaisposition funktioniert, durch deren Ratifizierungen die Dialoge zwischen anderen Teilnehmern kanalisiert werden. Das unterscheidet die HOST-Position strukturell von der auf Neutralität bedachten Positionierung der Interviewer in formelleren Befragungsgesprächen wie Nachrichten- oder Politikerinterviews.

Meine These ist, daß die hybride Sprecherwechselorganisation mit Überschneidungen von Chat-/conversational TTS und Interview-TTS strukturell nur den HOSTS zur Verfügung steht. Den Gästen (und anderen Teilnehmer-Positionen) ist der Chat-Rahmen nicht zugänglich ohne Autorisierung von HOST. Strukturmerkmale der informellen Alltagsgespräche für sich zu reklamieren, sind eine einseitige Option für HOST. Diese These wird im [Seite 82↓]nächsten Abschnitt durch einige Bemerkungen zur Verteilung von lexiko-grammatischen Merkmalen während der Rede bestätigt.

Diese Chat-Hybriden und Optionen sind, insofern sie ungleich zugänglich sind, tendenziös. Diese "Tendenzen" suggerieren einseitig familiarisierendes Verhalten. Als strukturelle Merkmale eines egalitären, solidarischen Umgangs stehen sie dennoch nur einer Partei zur Verfügung. Nur die HOSTs wechseln fröhlich zwischen den Rahmen des Interviews und der informellen Konversation, während alle anderen auf ihren Plätzen bleiben müssen. Es paßt ins gewünschte Bild des "persönlichen Umgangs" mit den Gästen und ihren persönlichen Geschichten, und suggeriert "gute Zuhörerschaft", die die Ausbreitung des Privaten belohnt mit konversationellen Zeichen für empathische Hinwendung und Interesse an der Person. Mit den permanenten Hörersignalen, die für Konversationen charakteristisch sind, behält HOST aber auch die Kontrolle über die Redezugverteilung und die Richtungen, die die Gespräche nicht nur thematisch, sondern eben auch hinsichtlich der Ansprechpartner einschlagen. Dies macht den Trialog des Mediums, eine Form von Dreiecksinteraktion im Fernsehen als Dialog zwischen zwei Partnern, der an Dritte gerichtet ist, noch komplexer: wir haben es nicht nur bezogen auf die Kommunikation mit dem unsichtbaren Dritten (den Zuschauern), sondern offenbar auch studiointern mit dem Paradoxon trialogisch strukturierter Dialoge zu tun. Auch wenn die Teilnehmerkategorien EX und GUE, oder AUD und GUE miteinander kommunizieren wollen, müssen sie dies über Dritte (HOST) tun.

4.3 Register: Lexiko-grammatische Merkmale von "Chat" und informellem Redestil

In den hier untersuchten Talkshows treffen sowohl einander bekannte als auch unbekannte Menschen aufeinander, die Probleme oder Konflikte aus dem persönlichen Bereich in die Öffentlichkeit tragen. In manchen Shows werden die Gäste paarweise (Lebensgefährten), in anderen Shows einzeln eingeladen. Diese Grundkonstellationen lassen bestimmte Muster im Sprachgebrauch, besonders im Bereich des Tenors (der die interpersonellen Bezüge charakterisiert - Halliday 1978;1985) erwarten. Die Distanz zwischen den Beteiligten ist entweder minimal (bei den Paaren) oder maximal (wenn einzelne Betroffene sich dort zusammensetzen), sie kennen sich untereinander sehr gut oder überhaupt nicht (so sagt ein GUE in Surprise Babies mehrfach: I don't know about these women, me, I had - und meint die Ko-Gäste, die neben ihr auf dem Podium sitzen), treffen sich nur dieses eine Mal und sind daher kaum emotional aufeinander bezogen, oder sie sehen sich jeden Tag und sind verstrickt in unterschiedliche Formen der intensiven Bezüge.

Maximale Distanz läßt einen eher formellen Umgangsstil erwarten: Zurückhaltung bei lexikalischen Formen, die eine persönliche Haltung ausdrücken, Präferenz für neutrale Ausdrücke und Formulierungen, Vermeiden von Umgangssprache und Slang, viele Höflichkeitsformen, rücksichtsvolles [Seite 83↓]Turn-Taking (d.h. es wird darauf geachtet, daß keine Unterbrechungen und kein Parallelsprechen stattfinden), keine Vornamen, sondern Familiennamen in Verbindung mit "Frau" oder "Herr", vorsichtige Formulierungen bei potentiell gesichtsschädigenden Sprechakten wie Aufforderungen oder Anweisungen, Modalisierungen, die auf Vorschlags- und Einschränkungsebene operieren usw.

Minimale Distanz zwischen den Interaktanten läßt andererseits wiederum viele Lexikalisierungen erwarten, die Haltungen und persönliche Einstellungen ausdrücken, familiäre Wendungen, Slang, verkürzte Formen, Ausrufe, Intensifikatoren bei den Adjektiven (z.B. großartig, phantastisch, grauenvoll), auch viele Unterbrechungen oder Überlappungen bei der Beitragsübergabe/-nahme, Vornamen, Kosenamen, weniger hedges und Höflichkeitsstrategien, viele "you know" als Strategie der Rezipienteneinbindung usw. (vgl. Eggins 1994:67).

Es gibt in der Beteiligungsstruktur von Talkshows allerdings mehrere Achsen, die sich aufgrund ihrer jeweiligen Distanzverhältnisse unterscheiden. Einerseits ist z.B. die Distanz zwischen den Mitgliedern der Familie in Rolonda/Crisis minimal, die Distanz zwischen HOST und Familienmitgliedern bzw. EX und denselben jedoch maximal, sowie die zwischen AUD und HOST, und AUD und Familienmitgliedern ebenfalls maximal. Auch VIEW ist allen gegenüber maximal distanziert (sofern es natürlich nicht die eigenen Freunde und Familien sind, die als ZuschauerInnen vor dem Bildschirm die Sendung mitverfolgen). Man kann also davon ausgehen, daß in der Regel die Distanz zwischen den Teilnehmerkategorien maximal ist, manchmal jedoch innerhalb einer Kategorie (vor allem GUE) minimal sein kann. In OW/Depression ist die Distanz zwischen allen Beteiligten maximal. Daraus müßte folgen, daß der Umgangston, außer in Sequenzen, in denen sich gegenseitig vertraute GUE auf dem Podium interagieren (z.B. Streiten), dem des zurückhaltenden, formellen Sprachverhaltens entspräche. Tatsächlich finden sich aber sehr viele Elemente der informellen Unterhaltung in den Talkshows, die, in ihrer britischen Bezeichnung, die informelle Tendenz bereits mittransportieren: chat-shows sollen entspannte, informative und unkompliziert formulierte Gespräche ermöglichen. Fairclough (1995) spricht von einer umfassenden "Konversationalisierung" und Informalisierung des Miteinanderredens in den Medien und konstatiert diesen Befund für alle Sendeformate. Doch was dabei noch nicht genügend untersucht wurde, sind die (ungleichen) Möglichkeiten des Zugangs zum informellen Modus für die je beteiligten Kategorien.

Interessant ist nämlich, daß die Marker eines informellen Redestils (die "Konversationalisierung") wiederum einseitig verteilt sind. Wenn man davon ausgeht, daß ungezwungene Unterhaltungen sich durch den gleichen Zugang der SprecherInnen in jedem Moment auszeichnet, wenn an jedem transition relevance place (TRP) (Sacks et al. 1974) jede/r einen Beitrag lancieren könnte, wenn sich informelle Gespräche dadurch auszeichnen, daß Überlappungen und Unterbrechungen möglich sind, daß Ausrufe vorkommen, Koseworte benutzt und auch gesichtsbedrohende Sprechhandlungen ohne besondere Vorsichtsmaßnahmen ausgeführt werden, daß Rezeptionssignale vorkommen [Seite 84↓]während ein Gesprächspartner das Rederecht hat und dgl. mehr, dann wird deutlich, daß sich im Grunde vor allem die HOSTs durch eine "konversationalisierte" Art und Weise der Rede auszeichnen, während für die anderen Positionen eher Merkmale der formellen Sprachverwendung zu beobachten sind.

Wie in informellen Unterhaltungen zwischen guten Bekannten (also mit minimaler Distanz zwischen den Interaktanten), verwenden HOSTs nicht abgeschwächte Imperative und geben unmodalisiert Befehle (Go ahead!; Stand up! Describe the lupus!), sie stellen rhetorische Fragen, fügen überall Rezeptionssignale (uhum, yeah etc.) ein, justieren dadurch den Rezeptionsfokus fortwährend auf sich und konstituieren sich dadurch als Relaisstation und Dauer-Rezipient der Äußerungen (sowohl der von GUE und AUD als auch der von EX); sie exklamieren und drücken ihre Haltung zu den Äußerungen ungeniert aus (My goodness! Boy! This gets stranger every day! Wheow! weuhweuhweuh! als Beschwichtigungsformel, hey wait wait wait! vgl. Rolonda/Anger), sie unterbrechen, fallen ins Wort, weichen ab von ihrer gerade verfolgten Frage oder Strategie (wenn sie z.B. gerade eine Frage an die Gäste formuliert haben und sich dann plötzlich einem Zwischenruf aus dem Publikum widmen, anstatt den Gästen ihre Recht auf Antwort zu gewähren), sie signalisieren auf verschieden Kanälen Zustimmung, Ablehnung, Involviertheit und emotionale Zustände (whoaw!/Unbelievable!/offener Mund usw.), außerdem erzählen sie viele "autobiographische" Geschichten, und benehmen sich so interaktionell keineswegs wie ein neutraler Interviewer. Auch ihr Vokabular ist stellenweise, besonders in Rolonda-Shows, sehr informell und familiärer als das der Gäste oder anderer TeilnehmerInnen. Kolloquialformen (kinda push and go, huh!), infantile Euphemismen (that little friendly visitor für Monatsblutung), Koseworte, aber auch Schimpfwörter kommen vor (z.B. Rolonda: mate, honey, sweetheart, darling, folks; - oder Oprah: ..when I'm the most pissed off..). Das Ausmaß der Familiarisierung ist dabei zwar unterschiedlich, und Rolonda verwendet mehr "colloquialisms" als Winfrey. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Differenz zu den Formen und Merkmalen des Sprechens der anderen TeilnehmerInnen-Positionen. Keiner weiteren Teilnehmerposition macht von der ganze Fülle der eben skizzierten generischen Möglichkeiten des informellen Sprechens Gebrauch.

Indem HOST neben Elementen aus dem Diskurtyp "Interview" ebenfalls den Diskurstyp "informelles Gespräch" realisiert, der mit Gleichwertigkeit der Gesprächspartner assoziiert wird, diese Gleichberechtigung de facto jedoch nicht existiert, konstituiert sich ein hierarchisches, ungleiches Verhältnis, zugunsten einer Personalisierung der HOSTs, die durch die tägliche Wiederkehr, die Vertrautheit die durch Rekurrenz entsteht, noch verstärkt wird. Zur Folge hat dies eine einseitige Intimisierung und nicht-reziproke Herausnahme von konversationellen "Rechten", die hier aber nur für eine Seite [Seite 85↓]gelten und strukturell der gleichzeitigen Ungleichheit in paternalisierenden Vorgesetzten/Untergebenen-Relationen27 gleicht.

Es sind also vornehmlich die HOSTs, die chatten, die anderen, vor allem GUE, unterliegen Restriktionen des Interviewrahmens. Nicht nur Beschränkungen hinsichtlich einzelner verbaler Handlungen, sondern hinsichtlich ganzer Genres sind für bestimmte Subjektpositionen in diesem Diskurs festzustellen.

4.4 "Chatting" als Indiz der Überschreitung eines kommunikativen Rahmens

Andrew Tolson untersucht die Konstitutionsmacht bestimmter Genres bei der Etablierung von Subjektpositionen. In Studien zu den Anfängen des Sprechens "unbekannter Menschen" in der Öffentlichkeit durch die Entstehung des (soziologischen) Interviews im letzten Jahrhundert (Tolson 1990) sowie zu Prominententalkshows aus den frühen neunziger Jahren (1991) legt er dar, wie Interview und "Chat" als informelle Gesprächsführung in je unterschiedlicher Weise zur Subjektivierung von Diskurstypen beitragen. Die Untersuchung von 1990 arbeitet heraus, daß die Slumbewohner Londons der vergangenen Jahrhunderte als eine öffentlich verhandelbare, soziale Tatsache erst durch die Formen,28 in denen die sie textualisiert werden, entstehen. D.h., Charaktere, soziale Typen wie "die Friseuse" und Mantafahrer sind in ihrer öffentlichen Erscheinungsform gebunden an die Witze und Proleten-Klamauk-Filme, die es über sie gibt. Die Konventionen dieser Gattungen legen nicht nur fest, daß sie wahrgenommen werden, sondern zunächst einmal grundlegend welche Form sie haben. Die Mediengenres, durch die öffentliche Sichtbarkeit erreicht wird, generieren und prägen die allgemeine Erscheinungsform ihrer neuen "Protagonisten" und daher überhaupt erst Wahrnehmung und Eigenschaften

der Nun-in-dieser-Form-zu-Sehenden.

Als neuere Entwicklung in den Medien konstatiert Tolson eine Tendenz, um jeden Preis "Personality"-Effekte erzielen zu wollen. Soziale (öffentliche) Identitäten (z.B. von ModeratorInnen, aber auch von Bundeskanzlern und anderen Politikern) werden zunehmend als "Persönlich-/keiten" konstruiert. Frühere Formen der öffentlich-wahrnehmbaren sozialen Identität wie "Charakterfiguren" (z.B. der Politiker Herbert Wehner) und "Milieutypen" (z.B. Manta-Fahrer) werden jeweils eingebettet in ihren sozialen Hintergrund, in ihrem Milieu dargestellt und konstituiert, deshalb ist eine Art "Erzähler" vonnöten, sie brauchen zusätzliche Kommentierung, um "verständlich" zu werden. Eine Wahrnehmung als "Persönlichkeit" jedoch entsteht durch [Seite 86↓]Wendigkeit und Souplesse in der Kommunikationssituation mit denen, die für die "Aufzeichnung" und Präsentation im öffentlichen Raum zuständig sind: durch Schlagfertigkeit, Wortspiel und Witz, Überschreitung von Grenzen.

Chatting hat spezifische Implikationen für die Positionierung (als Persönlichkeit) öffentlich sprechender Subjekte. Die semiotische Funktion von Chat in öffentlichen (besonders medialen) Kontexten gründet laut Tolson auf dessen transgressivem Potential, erwartete, vorgegebene oder institutionalisierte Sprechkonventionen eines Redegenres spontan und für Augenblicke zu überschreiten.29

In seiner Studie über "Televised Chat" (1991) definiert Tolson informelle Konversation als eine mündliche Textgattung, die im Medienkontext die spezifische Funktion der Überschreitung vom situativ gültigen Diskurs-/Interaktionsrahmen erfüllt und formal mit spontanem Register-Wechsel korreliert:

In many contexts, to use Halliday's term, chat is apparent in a clear shift of register within the programme format where it occurs, such that the primary business of the format is temporarily delayed or suspended ... It is this functional contrast between main and subsidiary levels of discourse which frequently allows us to recognize chat when we hear it (Tolson 1991:179)

Natürlich erinnert diese funktionale Beschreibung an Goffmans Konzept des footing bzw. der footing-Wechsel, die ebenfalls nur als spontane Redefinition des kommunikativen Hauptrahmens30 oder als eine Form von interaktionellem code-switching aufzufassen sind.

Chat in seiner transgressiven Funktion läßt sich inhaltlich und formal erkennen an einer plötzlichen Hinwendung zu persönlichen und intimen Themen und an einem Bemühen, sich durch Witz und Schlagfertigkeit auszuzeichnen, häufig als "clevere Wortspielerei" und Doppeldeutigkeit. Das wichtigste Merkmal jedoch ist, daß dabei die gerade als gültig unterstellten kommunikativen Konventionen und Erwartungen aufs Spiel gesetzt werden.


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Tolsons Untersuchung bezieht sich auf Prominententalkshows im britischen Fernsehen. Anhand dreier exemplarischer Analysen aus Wogan, Panorama mit Robin Day und der mock talk show Dame Edna zeigt er, wie (elegant) die Gäste (Margaret Thatcher, Shelley Winters und Germaine Greer) durch einen plötzlichen Schwenk zum Chat (vgl. auch Faircloughs These der umfassenden "Konversationalisierung" der Redegenres in den Medien) - definiert als spontanes Umlenken des Gesprächs auf sehr persönliche und private - im Falle von Dame Edna nur scheinbar persönliche und private - Inhalte, Zurschaustellen von Witz und Intelligenz, Ausdruck von Gefühl oder Ironie und Zweideutigkeiten, einen vorgegebenen (den formellen Interview-)Rahmen überschreiten und nun selbst Fragen stellen, den Interviewer in die Position des Interviewten drängen, persönliche Dinge ungefragt erzählen, die Sendung oder das Verhalten der Fragesteller metakommentieren.31 Sie sind in diesen Momenten nun nicht mehr "Befragte", sondern ebenbürtige, schlagfertige "Persönlichkeiten", die selbst entscheiden, wann sie was und in welcher Form (ironisch, witzig, dramatisch) erzählen und sich das Recht nehmen, andere zu befragen. Natürlich hat die Möglichkeit und Fähigkeit, Interaktionsrahmen zu überschreiten, viel damit zu tun, wie professionell und mit der medialen Situation vertraut die Beteiligten sind. Wenn Persönlichkeitseffekte auf kompetenter Sprech-Performanz beruhen, dann sind im Hinblick auf bestimmte Interaktionsrahmen "inkompetentere" Sprecher in diesem Fall zugleich von der Möglichkeit, als Persönlichkeit in Erscheinung zu treten, ausgeschlossen.

Übertragen auf die hier untersuchten Talkshows liegt nahe, daß GUE aufgrund ihrer geringen Vertrautheit mit der Situation, in der sie sich befinden, kaum Überschreitungen wagen, und so auch kaum Möglichkeiten wahrnehmen, sich als "Persönlichkeiten" zu konstituieren. HOSTs - zum Teil auch EX - haben Mittel und Routine, sich konversationell immer wieder vom Befragungsrahmen zu lösen und sich durch formal und funktional beschreibbare Chat-Einlagen als tv personalities zu konstituieren:

Der an dieser Stelle im Gespräch operierende Rahmen ist expositorisch strukturiert und realisiert im monologischen Modus den an VIEW gerichteten [Seite 88↓]Einführungspart zu Beginn einer jeden Talkshow. HOST überschreitet diesen Rahmen, indem sie kurzzeitig GUE zu den direkten Adressaten ihrer Wortspiele und ironischen Bemerkungen macht. Die direkt an GUE gerichteten (ironischen) Fragen sind im Sinne der Tolson'schen Transgressionsthese Überschreitungen des "eigentlichen" (einführenden) verbalen Geschehens (sie stellen ein "Nebengeschehen" während der "Hauptaktivität" des Vorstellens dar, ein aside). Das jeweils anschließende Gelächter der Zuschauer im Studio signalisiert auf einer weiteren Ebene die Unterhaltungsfunktion der konversationalisierenden Einschübe: Sie dienen dem Entertainment, das institutionsintern neben dem "Informieren" als wichtigste Aufgabe der Moderatoren im Hinblick auf das Publikum gilt.

Die Beispiele machen deutlich, daß Chatting nicht unbedingt allein durch interaktionsstrukturelle Merkmale (wie z.B. einer hierfür typischen Sprecherwechselorganisation) erfaßbar ist. In den aufgeführten Fällen ist das Chat-Moment durch eine Abkehr von einer Variante von Sprecherwechselorganisation (Monolog) hin zur Organisation von Befragungsgesprächen/Interviews gekennzeichnet. Eine funktionale Definition von chat (z.B. als Überschreitung von Rahmen zum Zwecke von personality-Effekten in Mediendiskursen) ist auf jeden Fall ergänzend zu interaktionsstrukturellen Definitionen vonnöten.

Es zeigt sich auch, daß im Zweifel – siehe oben - die diskursive Konstitution von HOST als gewandte, geistreiche und schlagfertige "Persönlichkeit" auf Kosten von GUE gehen kann (sie werden ironisch als "bitch" und in starken Abhängigkeitsverhältnissen zu ihren Chefinnen dargestellt). Der (Star)-Status und die Persönlichkeitseffekte stehen für die täglich wiederkehrenden HOSTs im Vordergrund. Das Gesicht der einmalig auftretenden GUE, die in diesem Rahmen wohl buchstäblich "nichts zu verlieren haben" (sie müssen sich weder für weitere Auftritte noch für höhere Gagen empfehlen) ist antastbar. GUE als jemand einzuführen, die von anderen (Maximo-) "bitch" genannt wird, und dies möglicherweise erst jetzt vor laufender Kamera erfährt ("you know they call you..?"), ist ein gesichtsbedrohender Akt erster Ordnung seitens HOST, der nur leicht durch das Eingeständnis von GUE, ihr sei dies bekannt, abgemildert wird. Von HOST selbst wird kein Versuch unternommen, den aggressiven Akt zurückzunehmen oder abzuschwächen: das Fehlen eines Lächelns und das tonlos vorgetragene "yeah okay" lassen die verbal vollzogene Gesichtsbedrohung von GUE uneingeschränkt wirken.

Auch das folgende Beispiel steht einmal mehr exemplarisch für viele Stellen, an denen sich die ungleich verteilten Möglichkeiten des interaktionellen Zugriffs auf verschiedene Redegattungen offenbaren:


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Trotz expliziter Rederechtzuteilung an GUE (so Robin (1.0) Robin for you) und Anregung zu einer längeren, narrativen Sequenz (die strukturell dem Erzähler das Rederecht zuteilt, bis der Höhepunkt bzw. das Ende der Geschichte signalisiert wird), findet gleich nach der Vergabe durch HOST eine Art Zwischenspiel (HOST-AUD bzw. HOST-VIEW) statt, auf welches GUE reagiert, als sei ihr damit das Rederecht bereits wieder abhanden gekommen: sie lacht, fährt aber mit ihrer Erzählung nicht fort, bis sie nicht ausdrücklich dazu aufgefordert wurde (go ahead!). Nach der zweiten Unterbrechung von HOST verstummt sie ebenfalls gänzlich, geht nicht auf HOSTs Ausruf ein (was sie ja tun könnte, um erst einmal wieder in den Besitz des Rederechts zu gelangen und hernach die Initiative zum Weitererzählen zu ergreifen), überläßt HOST das Terrain und wartet auch hier diszipliniert auf die ausdrückliche Aufforderung zum Weiterreden (It's quite fine. Go ahead!). Strukturell hält sich GUE streng an die Konventionen des Interviewrahmens, spricht nur, wenn sie dazu aufgefordert wurde, auch dann, wenn sie konversationell innerhalb einer narrativen Sequenz augenblicklich Rederecht für sich reklamieren kann. Die elliptische Formulierung, mit der sie nach der zweiten Unterbrechung den Gesprächsfaden wieder aufnimmt (Never got seasick before..) ist eine exakte, fast mechanisch wirkende Wiederholung der Phrase, in der sie unterbrochen wurde. Der Eindruck, GUE bewege sich in einer stark vorgeprägten "Interaktionsmaschinerie", wird so zusätzlich verstärkt, und der Kontrast zu den konversationellen "Freiheiten", die HOST ausschöpft, verschärft. HOST dagegen verhält sich einerseits wie eine Interviewerin, indem sie Fragen stellt bzw. die Knöpfe drückt, nach denen GUE anhalten oder weiterreden sollen (go ahead). Andererseits agiert sie aber als gewandte Entertainerin in einem informellen Gespräch, bei dem Geschichten mittendrin kommentiert werden, die andere zur Ruhe gemahnt oder Parallelgeschichten eingeflochten werden. Gleichzeitig mit allen Parteien in Kontakt zu sein und jeden einzubeziehen, gelten auf der phatischen (auf Kontakt ausgerichteten) Ebene von Sprache als wichtige Charakteristika von "Chat" (Ventola 1979). Auch die neckende Form, die HOST im Umgang mit AUD aufweist (my [Seite 90↓] audience, it gets stranger every day!) ist ein Merkmal informeller Redekontexte und konstituiert das Verhältnis HOST-AUD als "vertraut" und "gut bekannt".32 Während sich HOST aller Möglichkeiten des informellen Gesprächsrahmens und der informellen Erzählstrukturen bedient, bleibt GUE dem starren, restriktiven Rahmen der konventionellen Interviewbefragung verhaftet, mit den reaktiven, nie eigeninitiativen Positionen der Interviewten. Die Nähe zur Situation des sprichwörtlichen Kinds, das nur spricht, wenn es die Erwachsenen gestatten, ist kaum zu übersehen.

Das nun folgende Beispiel soll veranschaulichen, daß die Erwartungsrahmen der Teilnehmerkategorie GUE in bezug auf die Genre- und Sprecherwechselorganisation offenbar nicht besonders ausgeprägt sind zu Beginn der Show (sie sind diese Sprechsituation nicht "gewöhnt"). Häufig werden ihnen die Regeln erst im Vollzug deutlich, werden professionelle Erwartung (von HOST) und interaktionelles GUE-Verhalten aufeinander abgestimmt. In der hier vorgestellten Sequenz läßt GUE1 nur schrittweise ab vom rigide strukturierten Interviewrahmen, den sie offenbar erwartet (und der auch mehr Sicherheit verspricht für ungeübte Redner). Nur langsam beginnt sie, längere Sätze zu formulieren oder in ihrer Äußerung weiter auszuholen, und fängt an, die Ambivalenz des Genres, seine strukturelle Hybridität in bezug auf die Gesprächsorganisation zu erfassen. GUE Kathy in Rolonda/Crisis 73ff.:


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Im ersten Redezug HOST-GUE, der gemäß den Konventionen des Interviewrahmens als Beginn des Adjazenzpaares Frage-Antwort strukturiert wird, gibt es in der Antwortsequenz von GUE bereits vier als "längere" Pausen definierbare Stellen. GUE hält ihre Äußerungen extrem kurz, bildet elliptische Minimalphrasen und erwartet offenbar an fast jedem übergaberelevanten Punkt erwartet weitere Fragen, denen sie vorauseilend durch ihre Pausen schon einen Platz einräumt. HOST bleibt aber eisern und verzichtet viermal darauf, als nächste Sprecherin (zwecks Nachfrage) das Wort zu ergreifen. Man könnte meinen, daß sich HOST durch den (vorläufigen) Verzicht auf weitere Fragen (der strukturell zusammenfällt mit dem Verzicht auf self selections an übergaberelevanten Stellen im Gespräch) aus dem Interviewrahmen verabschieden will.

Der Chat-Rahmen sieht an solchen (Leer-)Stellen die Möglichkeit von Reparaturen vor. Als interaktionelle Reparatur könnte in diesem spezifischen Kontext z.B. der Versuch gelten, dem anderen die Geschichte zu entlocken ("auf die Sprünge zu helfen"). Die empirisch verankerte Regel (Sacks et al. 1974:700-1) "[that] transitions ... with no gap and no overlap ... together with transitions characterized by slight gaps or slight overlaps ... make up the vast majority of transitions" könnte sich auch hier umstandslos und einmal mehr bewahrheiten, doch niemand selegiert sich selbst als nächster Sprecher. Innerhalb des Interview-TTS ist an solchen Stellen die automatische Rückverteilung des Rederechts an die vorige Sprecherin vorgesehen (die innerhalb dieses Rahmens quasi sofort wieder in Redepflicht steht). Der Verzicht auf Selbstselektion seitens HOST ist hier umso auffälliger, als sie von einer Position aus unterlassen wurde, die institutionell für das reibungslose – strukturell gesehen pausenfreie - Funktionieren des Redeflusses und fürs Diskursmanagement garantieren muß. Die Sprecherinnen sind sich offenbar über den gerade gültigen Interaktionsrahmen nicht einig, GUE hält mit minimalen Antworten am Rahmen von Interviews fest und läßt nach Beendigung ihrer je minimalen Redezüge die Sprechoption automatisch wieder an HOST zurückgehen, HOST nutzt weder die strukturellen Möglichkeiten des konversationellen Rahmens, noch kommt sie den Konventionen des Interviewrahmens nach. Was sie allerdings auf einer funktionalen Ebene durch ihre strukturelle Abstinenz anzeigt, ist, daß sie die Minimalantworten von GUE als nicht ausreichend bewertet. "Nicht ausreichend" ist ein inhaltliches Kriterium und bezieht sich auf den Informationsaspekt von Redezügen, nicht auf deren strukturelle Organisation. Und unter diesem Aspekt bleibt sie dem Kontext des Interviews allerdings stark verhaftet. Analog zur Position des Interviewers bestimmt sie, wann eine Frage zufriedenstellend beantwortet ist. Doch sie signalisiert diese implizite Bewertung wiederum nicht in den Formaten, die typischerweise der Interviewerposition zur Verfügung stehen (durch Sprechakte des Nachfragens, Nachbohrens, Strategien des Herauskitzelns von Information [Seite 92↓]usw.). HOSTs Eingeständnis der ambivalenten Spannung zwischen Interview und Chat spiegelt sich in der Tatsache, daß sie ihre Bewertung schweigend vollzieht. Doch dies ist ihr nur innerhalb eines Interaktionsrahmens möglich, der durch eine Interview-Sprecherwechselorganisation strukturiert wird, weil nur dort garantiert ist, daß sich in solchen Momenten des Schweigens keine weitere Partei ins Gespräch einschaltet. So bleibt GUE unter Druck, die Antwort weiter zu elaborieren, auch ohne Worte (Heritage/Greatbatch 1991).

Daß es sich tatsächlich um eine vorläufige Konfusion über den gültigen Interaktionsrahmen bzw. um die Reflektion einer ambivalenten, hybriden, changierenden Strukturierung durch zwei unterschiedliche Sprecherwechselorganisationen geht (und nicht um eine Eigenheit von GUE1, die eben "wortkarg" ist), zeigt sich daran, daß GUE im Verlauf der Sequenz lernt: ihre Pausen werden kürzer und sie zeigt sich (auch im weiteren Verlauf der Sendung) sehr wohl imstande, ausführliche Redebeiträge zu produzieren. Natürlich ließe sich un-konversationsanalytisch argumentieren, es handle sich hierbei um die "Unsicherheit" oder um Lampenfieber einer ungeübten Sprecherin vor laufender Kamera. Das widerspräche jedoch in keiner Weise den gesprächsanalytischen Beschreibungen und der These, es würden hier die Regeln eines offenbar hybrid strukturierten Diskurstyps konversationell verhandelt.

Die Möglichkeit, sich in der Öffentlichkeit als tv personality zu konstituieren, scheint nicht-prominenten Gästen einer Talkshow als Option nicht offenzustehen. Das einzige Beispiel aus den untersuchten Daten, in denen ein Gast die Interviewten-Position "überschreitet" endet mit einem Rückzug aus dem Gepräch, mit einem negativen Akt der Verweigerung, der GUE zwar auch als "Persönlichkeit" konstituiert (sie hat ihren "eigenen Kopf" und ihre eigenen Vorstellungen vom korrekten Ablauf des Gesprächs), aber zu der Bedingung, daß sie sich als Subjekt zurückzieht, statt sich "persönlichkeitsfördernd" in Szene zu setzen:


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Das Exzerpt entstammt einer tumultartigen Zuspitzung, bei der die Glaubwürdigkeit einer Geschichte von GUE1 auf dem Spiel steht. GUE1 verschafft sich konversationelle Freiheiten, die den gegebenen Rahmen zumindest an einigen Stellen drohen zu überschreiten. GUE1 weist eine Antwort durch eine Gegenfrage, die sich auf die Metaebene der Kommunikation bezieht, ab (What do you want me to answer it for ..), sie gibt ihren Redebeitrag eigenmächtig ab an GUE2 (You take it!), obwohl sie durch eine an sie persönlich gerichtete Frage von HOST in der interaktionellen Pflicht steht, den zweiten Teil des Adjazenzpaares selber zu verfertigen. Vor allem jedoch "konversationalisiert" sie die an ein Kreuzverhör anmutende Sequenz durch einen plötzlichen Schwenk im footing und sprengt den fast zum Verhör gereichenden Interviewrahmen (and so...and what did your husband say), indem sie Publikumsverhalten oder HOST-Verhalten (Blickrichtung unklar) metakommentiert (don't you be looking at me like that) und gleichzeitig durch ungläubige Blicke signalisierte "Vorhaltungen" zurückweist. Indem sie später eine an sie gerichtete Frage an GUE2 delegiert, verweigert sie sich endgültig weiterer Angriffe auf ihre Glaubwürdigkeit. So erhält sie durch interaktionelle Strategien der Überschreitung des Interviewrahmens ihre Würde als Gesprächspartnerin.

Allerdings haben die Rahmenüberschreitungen Gegen-Überschreitungen seitens HOST zur Folge. Diese bricht nun die Interaktionsdyade GUE-HOST auf und wendet sich direkt an das Publikum, um GUEs Aussage zu "verteidigen". Durch den Adressatenwechsel verletzt sie jedoch GUEs Rederecht und unterbricht sie, was den oberflächlich-inhaltlichen protektiven Charakter der HOST-Äußerung (which is true!) unterläuft. Das darauf folgende Lachen des Publikums verstärkt den Eindruck, daß im Wettbewerb um die günstigsten "Persönlichkeitseffekte" HOST gewinnen wird, und kurz darauf zieht sich GUE1 ganz aus dem interaktiven Geschehen zurück.

Talkshows wie diese müssen also als hybride Diskurstypen beschrieben werden. Weder ganz Interview noch Alltagsgespräch, weisen sie Eigenschaften von beiden Gesprächsgattungen auf und zeichnen sich ganz allgemein durch eine Verwischung der Grenzen zwischen Unterhaltung und Information, Spektakel und Gespräch, zwischen Unbekanntem und Vertrautem aus. Entgrenzungen finden auch statt auf der Ebene der Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Diskurs ("Konversationalisierung" und der Einbruch [Seite 94↓]des informellen Redestils in die Öffentlichkeit). Die hybriden Formen und Entgrenzungen sind als eine Funktion der Ausrichtung auf ein Publikum zu sehen. Sie haben eine Pluralität und damit stellenweise auch Unbestimmtheit der Interaktionsrahmen und Positionen zur Folge, die auch zu einer Vielzahl von Identifikationsangeboten und Möglichkeiten führt, sich als Zuschauer-Subjekt vis-à-vis der Sendungen zu positionieren.

Daytime talkshows sind Schnittstellen, an denen sich die Sphären des Formellen und Informellen, des Interviews und der informellen Rede, des Öffentlichen und des Privaten kreuzen. Sie konventionalisieren bzw. kodieren die Spannung zwischen öffentlich und privat als hybriden Sprachgebrauch zwischen informeller und formeller Sprache in ihrer Gesprächsorganisation.

Fairclough spricht von der umfassenden Tendenz in den Medien, TV-Redegattungen zu "konversationalisieren" (1995:10ff.) und umfassend in Formen des informellen Sprachgebrauchs zu verfallen. Zurückzuführen sei dies, so Fairclough, auf die als zentral geltende Ausrichtung auf ein Massenpublikum in dreifacher Absicht:

Durch "Konversationalisierung" der unterschiedlichsten Mediendiskurstypen wird dieses Publikum als Durchschnittsmensch (ordinary person) konstruiert, in "seiner" Sprache angesprochen. Das soll den Effekt haben, daß die wie auch immer gearteten "Botschaften" und lebensweltlichen Perspektiven schneller durchdringen (Legitimationsaspekt), da die Illusion erweckt wird, "wir" alle teilten eine Lebenswelt - Differenzen bleiben ausgeblendet. Weiterhin ist die Wahrscheinlichkeit an der Sendung "dranzubleiben" und auch die Werbeblöcke zu ertragen, größer, wenn man sich als und von "seinesgleichen" angesprochen fühlt (Vermarktungsaspekt). Außerdem wird es dem "Alltagsmensch" und Normalbürger erleichtert, sich selbst zu den eigenen (umgangssprachlichen) Bedingungen im Fernsehen zu Wort zu melden (Demokratisierungsaspekt), weil er es scheinbar in seinem eigenen Idiom tun kann.

Conversationalization der medialen Diskurse spiegelt so das umfassende Eintreten und Auftreten des "Alltagsmenschen" in die Sphären der Öffentlichkeit wider. Aber gerade unter der Perspektive des Voranschreitens von Demokratisierung durch die Nutzung der Möglichkeiten der Massenmedien deuten die in diesem Kapitel dargelegten Untersuchungen darauf hin, daß es weiterer Differenzierungen bedarf. Das Interessante ist, daß entgegen der Erwartung, daß die "Privatmenschen" (=Talkshow-GUE) auch das private Sprechen in die Öffentlichkeit - ergo ins Medium - hineinbrächten, es, ganz im [Seite 95↓]Gegenteil, die Medienvertreter (HOSTs) sind, die die Formen und Konventionen des privaten, informellen Sprechens in der Öffentlichkeit für sich reklamieren und vom Medium zurück in die Wohnzimmer spiegeln, während die Privatmenschen in der Öffentlichkeit den formellen Varianten des Sprechens verhaftet bleiben. Als "Persönlichkeiten", d.h. als mit umfassenden (kommunikativen und interaktionellen) Kompetenzen ausgestattete Sprecher-Subjekte werden nicht diejenigen konstituiert, die aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen eingeladen sind, sondern allein die professionellen Medienarbeiter.33 Alle sind gleich, manche aber gleicher.

Doch die Medienarbeiter ihrerseits sind nicht persönlich für die Spielregeln verantwortlich, sondern unterliegen ebenfalls den Genreregeln. Die Trennung zwischen "Gesicht" (als Bild) und damit assoziierter "Persönlichkeit" bzw. persönlichem Stil ist für eine diskursanalytische Untersuchung wichtig. Die Vermengung der beiden (Diskursfunktion "HOST", konstituiert als "Persönlichkeit" und Bild von Winfrey oder Rolonda) ist Teil der TV-medialen Ideologie oder Illusionsmaschine, die glauben macht, es handle sich um ein "persönliches" Medium, das von einzelnen TV-Persönlichkeiten die einzelnen ZuschauerInnen "von Mensch zu Mensch" anspricht.

Diskursanalytisch wird HOST mit einer Funktion, mit einer transindividuellen Äußerungsmodalität gleichgesetzt. HOST reden zwar familiär und in einem sehr persönlichen Modus. Doch dies wird nicht mehr als Ausdruck einer individuellen oder psychologisch motivierten Wahlmöglichkeit betrachtet, sondern als Varianten von möglichen Optionen der Selbstdarstellung und des Auftretens zu den Bedingungen eines medialen (öffentlichen) Diskurstyps. Schließlich ist das strahlende Lächeln einer Moderatorin keineswegs unbedingt das äußere Zeichen eines tatsächlich gefühlten inneren Zustands, sondern eine - bevorzugte - Option aus dem begrenzten Repertoire der Verhaltenskonventionen für weibliche TV-Persönlichkeiten, die innerhalb des [Seite 96↓]Genres oder der Institution eine Norm bilden, die gilt, unabhängig davon, ob sie mit persönlichen Intentionen oder Motiven korrespondiert.34


Fußnoten und Endnoten

27 Der sprichwörtliche "Herr Direktor" sagt natürlich Conchita zu seiner Haushälterin, aber das Verhältnis ist nicht reziprok - deferente soziale Deixis hier im Gegensatz zu geringachtenden, intimisierenden Koseformen dort.

28 Die Analyse von 1990 zeichnet die formalen Merkmale und die Entwicklung des soziologischen Interviews nach, das v.a. durch Henry Mayhews personalisierenden Investigations- und Präsentationsstil geprägt wurde.

29 Der Reiz der chat shows, wie Talkshows in Britannien bezeichnet werden, liegt tatsächlich in dieser strukturell angelegten Möglichkeit der Überschreitung von Kommunikationskonventionen, die ja in den immer wieder kritisierten sog. Tumultszenen des "Confrontainment-Fernsehens" (z.B. Holly/Schwitalla 1995:59ff) wirklich stattfinden. Der Chat-Modus "gebietet" nicht den Verzicht auf Kontrolle und Einschränkungen der konversationellen Freizügigkeit, sondern er macht Kontrolle (für bestimmte Momente) schlicht unmöglich. Tumult entsteht demnach aus einer momentanen Überschreitung der jeweils als grundlegend geltenden oder erwarteten Gesprächsorganisation, aber mit dem Unterschied, daß für kurze Zeit keine Regeln und Einschränkungen gelten, Konventionen außer Kraft sind. anders als bei der Transgression durch die unerwartete Anwendung eines anderen (konversationellen) Regel- oder Organisationssystems wie "Chat"-Formen in formellen Interviewkontexten wie im Beispiel oben. Beide Formen der Überschreitung können strategisch zur Auflockerung von gleichförmig wirkenden Gesprächsorganisationen eingesetzt werden, daher verwundert es wenig, daß auch die Herstellung von Tumult gern verwendet wird, um Fernsehgespräche "spannender" zu gestalten. Zudem geben solche augenblicklichen Abweichungen vom Rahmen den Moderatoren die Möglichkeit, sich danach wieder als als allmächtige ordnende Kraft zu inszenieren und den geregelten Ablauf des Gesprächs wieder herzustellen. Jedenfalls sind die "Störungen" des Ablaufs, sei es durch temporär regellosen Tumult oder durch Umkehrung der Interaktionsregelungen wie beim Chat als Transgression, durchaus kalkulierte Ereignisse, mitgesteuert von der Moderation, die in diesen Momenten ihre kommunikativen Rechte und institutionell garantierte Steuerungsmöglichkeit aktiv unterläßt.

30 Vgl. Punkt 5 von Goffmans Definition: "The bracketing of a higher level phase or episode of interaction is commonly involved, the new footing having a liminal role, serving as a buffer between two more substantially sustained episodes." (1981:128)

31 In diesem Sinne hat mit Bundeskanzler Schröder und Minister Fischer auch eine Konversationalisierung der Politik in der bundesdeutschen Öffentlichkeit begonnen.

32 Zur Relation von freundschaftlicher Intimität und durchaus adversativer "Neckerei" Eggins 1994; Kotthoff 1997.

33 Diese können sich auch als ihr Gegenteil kontstruieren: als ungeschickte, dämliche, völlig inkompetente Sprecher, Moderatoren und Interviewer, die weder ihr Werkzeug beherrschen, noch besonders geistreich sind. Diese Tendenz ist vor allem im Comedybereich zu beobachten (Wigald Boning in "zwei Stühle, eine Meinung", Anke Engelke als "Ricky"), aber der Aufstieg der Veronika Feldbusch und BigBrother-Zladko zu anerkannten Medientalkern deutet darauf hin, daß das Phänomen droht, sich auszubreiten.

34 So ist das Moderatoren-Duo eines Musik-Programms auf MTV nur deshalb für die Zuschauer erträglich, weil ihre ablehnende, mißlaunige, fast feindselig wirkende Haltung den Rezipienten gegenüber - die ihre Zuspitzung darin findet, daß einer von ihnen mit dem Rücken zur Kamera den nächsten Song ansagt, er also auch den Blickkontakt verweigert - eben nicht als persönlicher Affront von "innen" heraus und gegen mich als Individuum interpretiert wird, sondern als Zeichen der Verweigerung und Opposition zu einer bestehenden Norm und Erwartung, und damit, qua Extension, als unkonventionelles, rebellisches Verhalten, das in den Zusammenhängen der Popkultur und Rockmusik allerdings ebenfalls ein fast schon zur Norm geronnener Gestus ist (d.h. zu einer Art Genremerkmal geworden ist). Dadurch entsteht vielleicht in manchen Fällen noch Lust an der (passiven) Teilhabe an einer drastischen Verweigerungshaltung. Bezeichnend ist jedoch, daß selbst in Jugendprogrammen wie auf MTV trotz aller "Unkonventionalität" die alte Geschlechterordnung nicht angetastet wird: Es sind noch immer nur die Männer/Jungs, die die Matrix der symbolischen Freundlichkeit durchbrechen können, nicht die jungen Frauen, die nach wie vor um die Wette lächeln, kokettieren mit niedlichen Stimmchen und in die Kameras strahlen - da ändern auch gefährlich wirkende Tattoos und Piercings im netten Gesicht nichts.



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04.05.2005