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6  Weitere Subjektpositionen im Geständnisdiskurs der Talkshows

In den vorangegangenen Kapiteln wurden diskursive Mechanismen und Techniken der Subjektpositionierung während der definitorischen Phase im Ratgeberschema erörtert, die unter der Perspektive von Foucaults Überlegungen zu den Techniken der diskursiven Subjektkonstitution als "Geständnisphase" bezeichnet werden kann. Dabei stand das Verhältnis der Diskursteilnehmer Gäste-Moderatorin im Mittelpunkt. Im folgenden Teil gelangt die Analyse an den Punkt, an dem nach den Selbst- und Fremddefinitionen der Probleme und Charaktere nun die weiteren Bestandteile des Ratgeberschemas, nämlich Ursachenforschung, Erklärung und Besserung diskursiv realisiert werden. Hier spielt die Teilnehmerkategorie der Experten eine wichtige Rolle, die nun die Rede (und "das Problem") interpretieren, die Wahrheit über die Subjekte ans Licht holen und mehr oder minder stark Einfluß nehmen auf den Diskursverlauf. Auch hier zeigt ein Vergleich der beiden Showreihen Unterschiede, besonders hinsichtlich Funktion und Aufgabenverteilung auf die Teilnehmerkategorie Studiopublikum. Im zweiten Teil dieses Kapitels werden die Positionen der Experten in ihrem Verhältnis zu den Gästepositionen und der Moderation erörtert.

6.1 Die Position des Studiopublikums

6.1.1 Allgemeine Merkmale

In Rolonda-Shows spielt das Studiopublikum eine wichtige Rolle in der Dramaturgie der Shows, denn es hilft, den Auftritt der 'Experten' im vierten Sendeblock vorzubereiten. Die Publikumsteilnehmer (kurz: AUD) bleiben meist anonym und bekommen Redezüge durch HOST zugeteilt, da ihnen die technischen Mittel (Mikrophon) fehlen, sich Gehör zu verschaffen. Ab und zu versuchen einzelne AUD durch laute Zurufe und Einwürfe die Aufmerksamkeit von HOST zu erringen. Dabei entscheidet aber HOST, ob sie den Beitrag aufnimmt oder übergeht. In Winfrey kommen insgesamt weniger AUD-Stimmen zu Wort als bei Rolonda. Die meistens Auftritte haben AUD in den ersten drei bis vier Sendeblöcken, in Rolonda-Shows wird der dritte Block häufig komplett von AUD-Beiträgen dominiert.

In beiden Shows repräsentieren AUD einerseits Aspekte des Zuschauers zu Hause, insofern sie stellvertretend für VIEW ein Publikum 'zum Sehen und Anfassen' darstellen. Das spielt für die Ausrichtung des Diskurses auf ein Publikum eine große Rolle, da es ihnen ermöglicht, immer auch auf ein konkret vorhandenes Publikum einzugehen und publikumsgerichtete Sprechhandlungen 'spontaner' und 'authentischer' zu realisieren. Auf einer weiteren Ebene sind AUD auch stellvertretend für die vox populi, die Stimme des Volkes, die zum [Seite 176↓]Tagesthema Ansichten, landläufige Meinungen, gängige Haltungen zum Problem vortragen, mehr oder minder wohlmeinende Ratschläge geben und - jedenfalls in Rolonda – Gelegenheit bekommen, auf talkshowspezifisch Art Akte sozialer Kontrolle zu inszenieren.

6.1.2 Frontmachen

Besonders vor dem Auftritt der Expertin/Psychologin (kurz: EX) bekommen VertreterInnen des Saalpublikums verstärkt die Möglichkeit sich zu äußern. In der narrativen Struktur der Show führen sie die Dramaturgie zum Höhepunkt hin ( und zur Mitte, die Block 4 zeitlich und in der Anzahl der Sendeblöcke insgesamt darstellt). Danach treten sie kaum mehr in Erscheinung oder wenn, dann in veränderter Funktion.

AUD-Beiträge bereiten bei Rolonda den Weg für EX, deren Auftritt an einem Kulminationspunkt bzw. Klimax vorgesehen ist, und sich jeweils durch verschiedene Varianten von 'Zusammenbruch' definiert. Ich werde in Kap.6.2 näher darauf eingehen, daher verweise ich hier nur kurz auf die Abläufe. In Rolonda/Crisis ist zu Beginn von Block 4 die Tochter Kelly völlig in Tränen aufgelöst, der Sendeblock fängt ungewöhnlicherweise nicht mit Applaus und einer direkten Hinwendung von HOST an die Kamera (also: VIEW) an, sondern zeigt scheinbar spontane, nicht fürs Ausstrahlen 'gemachte' 15 Sekunden, in denen die Kameras laufen, HOST diese jedoch "ignoriert" und statt dessen die weinende Kelly umarmt und ihr etwas zumurmelt; diese "Szene" wird mit ruhiger, sanfter Barmusik untermalt. Erst nach 15 Sekunden richtet sich HOST an die Kamera mit den Worten Uhm we're back, I'm sorry we were in the middle of talking here Kelly feels like every-she feels like she's the bad guy", erklärt, daß sie Kelly überzeugen wollten (während der Pause?), an eine Lösung glauben und daß alle nur das Beste wollten. Dann führt sie, immer noch ans Publikum gerichtet, die Psychologin ein: Let me bring in a real good friend of mine..Dr. Ruth Peters../Crisis 549ff. Der klimaxsteigernde 'Zusammenbruch' erfolgt hier in doppelter Weise und bezieht sich sowohl auf Kellys Tränenausbruch, als auch auf den Zusammenbruch der Talkshow-Konvention, die vorgibt, daß nach der Werbung als erstes immer die Zuschauer adressiert werden.

In der Sendung Anger kulminiert zu Beginn des vierten Blocks eine Auseinandersetzung zwischen AUD und GUE derart, daß die gesamte Gesprächsorganisation zusammenbricht und nur noch Beschwichtigungssignale (weohweohweoh! waitwaitwait!) und Gestikulieren helfen, wieder Ordung zu schaffen (Anger 363ff.). In genau solchen Momenten tritt bei Rolonda regelmäßig der "Experte" auf. Die Funktion von AUD ist es, auf diese Kulminationspunkte hinzuführen.

Die Eskalationen erfordern sowohl die Bildung von Fronten als auch Reibungen zwischen diesen Fronten. In den Shows von Rolonda spiegelt bereits das räumliche Arrangement eine Front zwischen GUE und AUD. Beide [Seite 177↓]Kategorien sind klar voneinander getrennt, GUE sitzen auf einfachen Stühlen leicht erhöht (und ausgestellt) auf dem Podium, in einer Reihe, nicht im Halbrund, angeordnet. Sie werden so auf der Ebene des Blick von AUD (und VIEW über die Vermittlung der Kameras, die ebenfalls an den Rändern des Studiopublikums postiert sein müssen) in einem sehr konkreten Sinne kon-frontiert.

6.1.3 Repräsentanten von sozialer Kontrolle

Das Konfrontationsschema geht weiter in den sprachlichen Handlungen, die sie an GUE richten. Bis zum Auftreten von EX haben meistens zwischen 5 und 7 Publikumsteilnehmer die Gelegenheit, das Wort (das Mikrophon) zu ergreifen:

- die Gäste zu maßregeln


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- Vorschriften zu machen

- Ermahnungen und Empfehlungen zu geben

- positive Vorbilder anzubieten:

- Gründe für Fehlverhalten zu erwägen:

Bei Rolonda funktionieren die Stimmen von AUD als eine Art soziales Regulativ, denn sie etablieren einen Diskurs, der stark auf Normen Bezug nimmt. Die Modalität der Äußerungen reflektieren dies: Entweder sie sind völlig unmodifiziert im kategorischen Modus oder mit sehr hohen Modalisierungswerten im Bereich der absoluten Notwendigkeit oder Verpflichtung realisiert: you are their threat; you face great risk; there is your [Seite 179↓] number one priority; that's a direct threat; it's a control thing; you have to get your ego under control; you MUST get out; he needs to ; usw. Hier sprechen offenbar Leute, die sich sowohl ihrer Interpretationen als auch der Gültigkeit der Normen, auf die sie sich mit ihren Äußerungen beziehen, sehr sicher sind.

Über sprachliche Modalität werden Nähe oder Distanz des Sprechers zu einem Normen- oder Wertesystem ausgedrückt. Je höher die Modalisierungen sind, desto stärker stellt sich die Affinität zum repräsentierten System dar. Die Abwesenheit von Modalitätsmarkern konstituiert einen kategorischen Modus ("der Ball ist rund"), der ungebrochen Faktizität und Geltung beansprucht und daher als hohe Modalisierung/enge Affinität zu der damit verbundenen Aussage gilt. Die über Modalität ausgedrückte Affinität zu einem Normen- und Wertesystem (im Falle der Modalisierung von Notwendigkeit und Absichten, do-don't-Kontinuum) oder zu Definitionen von Wirklichkeit und Wahrscheinlichkeit (is-isn't-Kontinuum) führt soziale Aspekte in das interpersonelle Verhältnis zwischen Sprechern und Rezipienten ein.

Ohne Modaltempus oder Abschwächungspartikel stehen die oben aufgeführten (AUD-)Sprecher stehen auch auf inhaltlicher Ebene distanzlos zu ihren Aussagen (Hodge/Kress, auf die diese Überlegungen zurückgehen, sprechen von high affinity with the mimetic system, 1988:123) und signalisieren auf der Beziehungsebene gleichzeitig eine uneingeschränkte Gewißheit über die Richtigkeit ihrer so veräußerten Weltanschauung und den dazugehörigen Normen. Diese werden kategorisch als allgemeingültige präsentiert, das Fehlen jedes kommunikativen Signals von Vorsicht oder Zögerlichkeit reflektiert auch, daß sich die Sprecher "unter ihresgleichen" und Gleichgesinnten wähnen, denn es besteht offenbar keine "Gefahr", einem Andersdenkenden durch die kategorische Form, in der eine Ansicht als geltende konstituiert wird, zu nahezutreten. Im Gegenteil: AUD etablieren durch diese Art des Sprechens ein komplizenhaftes Verhältnis der Gleichheit mit GUE (vgl. Eggins 1994:148 für den Hinweis, daß je näher und "gleichgestellter" die soziale Beziehung, desto weniger Vorsicht bei den Formulierungen, desto mehr Rauhbeinigkeit im Umgang möglich ist).

AUD bezeichnen ihre Äußerungen metapragmatisch als comment oder question. Auch HOST definiert bei der Turn- und Mikrophonübergabe an AUD das nun folgende mit denselben Begriffen: z.B. mit You had a question or a comment?. Diese "Fragen und Kommentare" sind allerdings in der Regel alles andere als das, sondern stellen andere Sprechhandlungen wie Drohungen, Warnungen und Zurechtweisungen dar.

Solche Sprechhandlungen verletzten strukturell das negative Gesicht der jeweiligen Adressaten, stellen Einschränkungen ihrer persönlichen Spielräume und Freiheiten dar, führen das Gespräch zurück auf Fehlverhalten und GUE-charakterisierende negative Handlungen und setzen sie normativ ins Verhältnis zum Normalen oder Gebotenen.

Im ersten Beispiel oben wird gewarnt, nicht kommentiert: for all of you men you better realise that..; you better control your anger cause.I am telling you, you face great risk! sind Versatzstücke eines autoritären [Seite 180↓]Erziehungsdiskurses, in dem ein Gegenüber identifiziert (Matthew, Tom, all of you men) und diesem mit drohendem Unterton etwas "angeraten" wird (you better), und zwar von einem Sprecher, der sich aufgrund seines sozialen Status dazu ermächtigt fühlt (as a lawyer I am telling you), sehr kategorisch Definitionen von Wirklichkeit und Folgen eines bestimmten Verhaltens zu postulieren: you're the ones going out of the house; You are their threat; you face great risk. Unabgeschwächte Warnungen sind soziale Signifikanten eines Autoritätsgefälles, an dessen unterem Ende GUE positioniert sind.

Die Identifikation der Adressaten richtet auch hier den Blick wieder auf den einzelnen, wie auch an anderen Stellen im Showdiskurs deutlich geworden ist. Es ist nur scheinbar "selbstverständlich", daß im Talkshow-Kontext, wo mehrere potentielle SprecherInnen anwesend sind, der jeweilige nächste Sprecher klar identifiziert werden muß. Auch Warnungen können allgemein, ohne Referenz erfolgen ("an alle"), Ratschläge können auch in unpersönlicher Form realisiert werden (in Beispiel 6 oben wird mit "there is a need to" ein zaghafter Schritt dahingehend gewagt). Aber alle richten ihre gesichtsbedrohenden Sprechhandlungen direkt an eine/n der Gäste im Studio, die sie dazu gleich namentlich aussondern, und so in den Mittelpunkt des Blicks stellen - auch den des VIEW-Blicks. Vereinzelung in der GUE-Position, Bezug auf den Einzelfall, auf Einzelheiten (Details) sind im Rolonda-Showdiskurs schon in anderen Zusammenhängen deutlich geworden. Auch hier wird dasselbe Muster reproduziert, diesmal von einer anderen Diskursposition aus. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Satzsubjekte definite "you"(ganz bestimmte GUE), auf die sich die Angriffe und Zurechtweisungen direkt, nicht abgeschwächt und aus einer anonymen "Masse" heraus auf den einzelnen beziehen. Festzuhalten ist also zunächst die Front, die AUD gegenüber einzelnen GUE, die sie klar benennen und identifizieren, machen. Wie wichtig diese eindeutige Identifizierbarkeit innerhalb des Showdiskurses ist (und die Vereinzelung und Zuspitzung auf konkrete Individuen) zeigt sich an den Stellen, wo eventuelle Vagheiten und referentielle Verweise auf Klassen (fiancée) immer sofort konkretisiert werden:

Selbst die explizite Behauptung, man wolle niemanden besonders herausstellen, erweist sich bei Rolonda noch als Strategie der Vereinzelung:

Das 'Yes-But-Schema' (Lauerbach 1989) ist ein diskursives Verfahren mit Doppelbindungsstrukturen. Es erlaubt, Ansprüche der Gesichtswahrung anderer zu proklamieren und im selben Augenblick diese Gesichtswahrung zu [Seite 181↓]unterwandern und den Angriff zu vollziehen. Kelly "nicht als Buhmann herauszustellen" wird im selben Moment als Gebot postuliert wie der verneinte Akt vollzogen wird. Gleichzeitig wird gemäß der Heraushaltetaktik von HOST/RO die endgültige, als Aussage formulierte "Vereinzelung" und Beschuldigung von GUE/Kelly durch die Frage, ob AUD "wirklich X denke" auf die Antwort von AUD verlagert und auch so die Verantwortung von HOST weggelenkt.

Die dramaturgische Funktion von AUD als Eskalationsagenten vermengt sich dabei fast unmerklich mit der kulturellen Funktion, soziale Kontrollinstanzen in Form der gesamten Nachbarschaft ins Studio zu holen und zu Wort kommen zu lassen. Das Kollektiv greift massiv korrigierend und normalisierend ein und wird in dieser Funktion diskursiv in keiner Weise eingeschränkt, die Fronten verhärten sich, die Spannung steigt und auf dem Bildschirm flackern Repräsentationen von sozialer Kontrolle in den selbstverständlichsten aller grammatischen Formen an uns vorüber - und was machen die "Betroffenen" oder HOST/Rolonda?

Die Klassifikation der sozialen Kontroll- und Disziplinierungsakte als "Fragen und Anmerkungen" (questions and comments) suggeriert in der idealtypischen Form, daß sie niemandem "zu nahe treten". "Meinungen äußern" und "Nachfragen" gehören zu den individuellen Rechten, die die westliche Welt und besonders die US-amerikanische per Verfassung sichert, daher ist es zweckmäßig, sich im Zweifel darauf zu berufen. In einer Untersuchung zur US-amerikanischen Talkshow Donahue stößt D. Carbaugh auf ein ritualisiertes, demonstratives Ausstellen des kommunikativen Imperativs des nonimpositional speaking, den er so umschreibt: "The conversational rule could be formulated, something like, 'when stating a position or an opinion, one should only speak for oneself and not impose one's opinion on others'" (1989:30ff.). Jede/r hat ein Recht auf seine eigene Meinung, darf jedoch keinesfalls versuchen, andere zu beeinflußen oder diese Meinung anderen aufzuoktroyieren. Der Moderator in Donahue rügt kategoriale, unmodifizierte Formulierungen und Feststellungen regelmäßig, wenn sie nicht mit dem Zusatz "in my opinion" oder einer Paraphrase dessen versehen werden (Carbaugh 1989 ibid.). Diese diskurs-normative Prämisse schafft Distanz zwischen abweichenden Meinungen, nicht zwischen dem Redner und der Botschaft.

Die Versuche der Einflußnahme auf zukünftige Handlungen der direkten Adressaten in Rolonda verweisen so im Umkehrschluß mindestens auf eine interpersonelle Distanzlosigkeit zwischen AUD als Sprechern und GUE als den Empfängern der kategorischen "Du"-Botschaften, die sich auf ein klar identifizierbares Individuum beziehen. Sie signalisieren durch ihre kategorische, unmodifizierte Sprechweise geringen Respekt vor unterschiedlichen Einstellungen und Positionen hinsichtlich der verhandelten Sachverhalte. In ihrer Sprechweise fehlen die Zeichen von Toleranz gegenüber dem Nicht-Gleichen, Unbekannten oder Anderen. Anders als in der Donahue-Talkshow, auf die sich Carbaughs Untersuchungen stützen, greift HOST/Rolonda keineswegs ein, um die kommunikative Norm des nicht-einflußnehmenden [Seite 182↓]Sprechens, des Nur-für-Sich-Selbst Sprechens einzufordern, auf das jedoch durch die Überlexikalisierung und die meta-pragmatischen Klassifizierungen der Beiträge als "Fragen" oder "Anmerkungen/Meinungen" hartnäckig verwiesen wird. So klaffen Anspruch (oder besser "Ausspruch") und diskursives Handeln einmal mehr weit auseinander.

6.1.4 Diskursive Strategie des "Sich-Heraushaltens" von HOST

HOST/Rolonda hält sich heraus aus den Interaktionen zwischen AUD und GUE. Das kann dramaturgische Motive haben, z.B. wenn eine Eskalation intendiert wird, um EX hinterher als Schlichter zu inszenieren. In solchen Momenten kann sich die Moderatorin auch auf die Rolle der "neutralen Vermittlerin", auf ihre Interviewer-Position zurückziehen, und so die Fronten implizit bestärkt, weil sie nicht "moderierend" eingreift:

Die Zurechtweisung beginnt noch vorsichtig mit einem persönlichen Eindruck, der jedoch das positive Gesicht der namentlich identifizierten Adressatin massiv bedroht, weil die Aussage ihre Selbstdefinition in Frage stellt (Wendy's problem isn't so much anger but eh-eh an issue of control). GUE/Wendy wehrt sich gegen diese Redefinition mit "No!", doch AUD geht nicht darauf ein, sondern läßt sich durch den rasch einsetzenden Applaus anspornen. Sie setzt sogar noch Listenelemente (control everything, control traffic, tell husband, tell Rolonda) nach, als sie vermittels des Applauses merkt, daß sie mit Unterstützung für ihre Ansicht (it's an issue of control) rechnen kann. Sie formuliert immer kategorischer (it's not your world!) und am Ende kulminiert ihr "Kommentar" in der Forderung, sich besser in den Griff zu bekommen: it seems like you wanna control x..you wanna control y..you have to get your ego under control! Auch diese Anmahnung, notwendigerweise bestimmte soziale Normen (z.B. die eigene Person nicht so wichtig zu nehmen) einzuhalten, wird vom Rest der AUD durch heftigen Applaus ratifiziert.

An keiner Stelle greift die Moderatorin ein; auch am Ende läßt sie die Äußerung von AUD völlig unkommentiert stehen und den Applaus gewähren. GUE/Wendy sucht über Blickkontakt (mit weit aufgerissenen Augen - Erstaunen über so viel Unverblümtheit?) Hilfe bei Mann und Psychologin, doch keiner ergreift das Wort bzw. Partei für sie. Sie selbst unternimmt keinen Versuch, sich zu verteidigen, doch durch ihr kurzes Lachen nach dem vergeblichen Warten [Seite 183↓]auf unterstützende Reaktionen für sie, redefiniert sie kurzerhand den massiven Angriff von AUD als Witz, zumindest jedoch als "etwas, über dem sie steht" (Jefferson 1984:351), ein letztes diskursives Mittel, um ihr Gesicht zu wahren.

Die Strategie des Heraushaltens trägt so aktiv zur Front gegen GUE bei und wird gefördert durch eine Strategie des unkommentierten "Stehenlassens" der Angriffe. Durch die abrupte Weitergabe des Mikrophons von HOST an eine neuen Sprecherin aus dem Publikum wechselt nämlich - nach anhaltendem Applaus -plötzlich den Gesprächspartner und eine andere Gesprächsdyade entsteht. Eine weitere Frau aus dem Publikum gibt an, sie wolle sich GUE/Dawn zuwenden. So kann der Gesprächsverlauf kommentarlos neufokussiert werden, auf die aggressive Interaktion zuvor wird kein Bezug genommen.

Der Eindruck, HOST/RO sei nicht verantwortlich für die Sprechhandlungen ihres Publikums, entsteht deshalb, weil sie sich auf die Interviewer-Rolle zurückzieht, die nur "Informationen" aus den Interviewpartnern herauskitzeln will, ohne diese zu kommentieren. Dadurch gewinnt "Volkes Stimme" eine scheinbar selbstverständliche Autorität.

Im folgenden Fall übernimmt HOST die Position von GUE/Wendy im gerade erörterten Beispiel. Sie plaziert einen Ausruf des Erstaunens ans Ende einer unmodifizierten Drohhandlung von AUD an GUE:

Noch bevor GUE reagieren kann, äußert HOST mit einem nicht verbalisierten Ausruf Erstaunen. Dabei wird nicht deutlich, ob sich das Erstaunen auf die gewagte Zurechtweisung oder auf den in der Äußerung vermittelten Sachverhalt bezieht. Das Publikum begrüßt den gesamten Vorgang freudig und bekundet Applaus. HOSTs Anschlußäußerung läßt die Vermutung zu, daß sich ihr Erstaunen mehr auf den Inhalt (auf die möglichen Konsequenzen der Nichtbeherzigung des Ratschlags) denn auf die interaktionelle Gesichtsbedrohung bezieht, denn inhaltlich nimmt sie ein besonders spektakuläres Detail sofort auf: Jeremy, has it ever gotten to a point..

Andererseits könnte sich HOSTs Ausruf auf den Handlungsaspekt der Äußerung von AUD beziehen: auf die Wucht und Unverblümtheit der Gesichtsbedrohung in aller Öffentlichkeit, die "Tom and Matthew..all of you men" meint und sie in ihren Freiheiten einzuschränken droht. Damit signalisiert sie einerseits zwar "Solidarität" mit GUE, da sie anerkennt, daß es ein gewichtiger Angriff auf das (negative) Gesicht von GUE ist. Indem sie jedoch nur anerkennt, daß es eine "Erstaunen zeitigende Handlung" darstellt, aber auf relativierende oder wiedergutmachende Maßnahmen verzichtet (z.B. es nicht reformuliert, oder AUD darauf verweist, vorsichtiger zu formulieren), [Seite 184↓]unterstreicht sie mit dem Ausruf des Erstaunens lediglich den Affront gegen GUE - und der nachfolgende Applaus von AUD bestärkt diese Lesart.

Ein Hinweis darauf, daß das Sprechen und die Auftritte einzelner AUD-Beteiligter auf Showeffekte, nicht auf Kommunikation, angelegt sind, ergibt sich auch aus dem Unterlassen einer inhaltlich nicht unwichtigen Reparatur innerhalb dieser Gesprächssequenz. AUD identifiziert nämlich "Matthew and Tom" als Zielscheiben seiner Warnungen, doch gerade diese beiden sind in der Show als Partner der Wüteriche anwesend, sind "Opfer", nicht Täter. Wirklich gemeint sein kann nur GUE/Jeremy, der als Baseball-Bat-Jongleur gegen die Kinder seiner Lebensgefährtin ausgewiesen wurde. HOST korrigiert diesen Irrtum nur implizit, indem sie später ihre Frage an den eigentlich gemeinten Jeremy richtet, den sie hierfür namentlich anredet. Doch es wäre ihre diskursive Pflicht, solche Irrtümer, besonders im Zusammenhang mit solch hochgradigen Gesichtsbedrohungen sofort zu klären. Wichtiger scheint ihr jedoch, den Sensationswert der Äußerung zu steigern, indem sie den Verlauf nicht durch Korrekturarbeiten stört und so die emotionale Aufladung der Aufklärung vorzieht. Auch die von ihr in der Folge formulierte Frage stellt einen interaktionellen Affront dar, insofern sie wiederaufnimmt, was in der adversativen AUD-Ausführung beinhaltet war (have the police ever been involved). Durch das formale und inhaltliche Echo wird Nähe zur Äußerung von AUD geschaffen und umgekehrt Distanz zu GUE.

Dennoch hat die Verwandlung der Drohung von AUD in eine Frage von HOST auch einen gesichtsprotektiven Aspekt. Warnungen und Drohungen signifizieren auf der interpersonellen Ebene ein Machtgefälle (Autoritätsunterschiede) zwischen den Sprechern, an dessen unterem Ende in diesem Fall GUE positioniert wird. Die Umwandlung der Warnung in eine Nachfrage konstruiert aber "nur" ein Informationsgefälle bzw. eine Differenz im Wissen und positioniert den interaktionshierarchisch Höhergestellten zwar auf Seiten des Gebers der Information. Allerdings zwänge dies GUE, sich selbst zu diffamieren, würde er die gewünschte Information liefern. Der einerseits protektive Akt von HOST (Umwandlung von AUD-Drohung in HOST-Frage), erweist sich in der genauerem Hinsehen als Verstärkung der Gesichtsbedrohung für GUE. HOST/Rolonda verhält sich ambivalent, aber die Konsequenzen der Uneindeutigkeit wiegen schwer für das interaktionelle Standing der GUE.

Es läßt sich argumentieren, die Ambivalenz motiviere sich hier auch 'moralisch', da GUE/Jeremy ja als potentieller oder tatsächlicher Kinderschläger und gewaltbereiter Mensch bereits benannt wurde. Dennoch ist HOST-Verfahren des Frontmachens gegen GUE ein wiederkehrendes Merkmal dieser Shows und bezieht sich nicht nur auf "schwere Fälle", in denen die Legitimation eines bestimmten Verhaltens unmöglich ist. Es ist bemerkenswert, daß HOST ihre Solidarisierung mit AUD-(Vor-)Urteilen und Verurteilungen durch Akte vollzieht, die oberflächlich "Sich-Heraushalten" signalisieren. D.h., anstatt selbst wertend Stellung zu beziehen, zieht sie sich auf den (pseudo)-neutralen Standpunkt ihrer HOST-als-Interviewer-Position zurück. Da die spezifischen [Seite 185↓]Sprecherwechselkonventionen von Talkshows gerade diese Position jedoch mit umfassenden diskursstrukturierenden, lenkenden Kompetenzen und Eingriffsmöglichkeiten an jeder Stelle versehen, muß "Sich-Heraushalten" als aktiver Vorgang, als Akt des Unterlassens betrachtet werden.

AUD-Beiträge, so ist zusammenfassend festzuhalten, sind z.T. direkte Angriffe auf das positive oder negative Gesicht, auf die positive Selbstdarstellung oder auf die Handlungs- und Meinungsfreiheit der Gäste, sie werden konfrontiert mit Normen und Verhaltensmaßregeln, die ohne jede kommunikative Abschwächung an sie herangetragen werden. Dabei werden sie von HOST/Rolonda unterstützt oder jedenfalls nicht behindert, denn durch das Unterlassen von gesichtsprotektiven Gegenmaßnahmen, also durch Nichteingreifen in die Interaktion und durch Akte der non-verbalen Bestärkung der diskursiven Übergriffe auf GUE (bzw. Betonung ihrer Vehemenz), wird die Konfrontation befördert. Innerhalb der "Dramaturgie" der Show ergibt dies durchaus Sinn, denn an Punkten der Eskalation (die meistens im vierten Sendeblock stattfinden), gelangt die Expertin als dea ex machina zu ihrem Auftritt und wird anstelle der Moderatorin als Schlichterin inszeniert (siehe dazu Analysen im nächsten Abschnitt).

Verdeckte und offene Allianzen und Fronten im Verbund mit HOST gegen GUE sind in Rolonda auch ab anderen Stellen zu beobachten. GUE bekommen wenig Möglichkeiten, auf diese Angriffe und normalisierende Einflußnahme zu reagieren. Oft entsteht sofort nach der feindlichen Äußerung Applaus. Rolonda-GUE haben es schwer, den kollektiven Belehrungen etwas entgegenzusetzen, selbst wenn sie es versuchen:


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Wie im ersten Fall hält sich HOST auch hier aus der sich anbahnenden Konfrontation heraus. Nachdem AUD mit bemerkenswerter Sicherheit (the most important thing is self-survival for you; there is your number one priority; you MUST get out) die Prioritäten definiert und die Sachlage kategorisch als bedrohlich definiert (that's a direct threat) und GUE über die nächsten notwendigen Schritte belehrt, setzt GUE an, sich gegen die Klassifikation der Umstände als "Bedrohung" zur Wehr zu setzen. Allerdings scheint sie selbst nicht genau zu wissen, wie sie anfangen soll, denn nach der Unterbrechung, die eine Klärung seitens GUE2 als first priority-Anliegen der Interaktion rechtfertigt, und der schlichten Negation der Definition ohne Gegendefinition, signalisiert sie erst einmal Zögern und Vorsicht (Pause und Zögerlichkeitssignal uhm). Das nutzt AUD dazu, ihre eigene Definition von Bedrohung durch die Ja-/Nein-Frage "isn't that..?" zu entwickeln. Ja-/Nein-Fragen werden häufig in (politischen) Interviews eingesetzt, um Sprecher auf eine nur implizit vorhandene Prämisse ihrer Aussage explizit festzunageln, unter anderem, um ausweichende Antworten auf einen wichtigen Punkt zuzuspitzen (cf. Holly 1993), der dann in der Antworthandlung bestätigt oder verneint werden kann. Die Frage ist darüber hinaus rhetorisch, denn der erfragte Sachverhalt wurde bereits in einem vorigen Segment der Show als Faktum etabliert. Wenn sich GUE2 nun der in der Frage enthaltenen Definition von "threat" nicht anschließt, riskiert sie, als Lügnerin dazustehen. GUE1 und GUE2 (die ein Paar sind) versuchen daher mit vereinten Kräften die Definitionen von Wirklichkeit, die AUD liefert, in Frage zu stellen. Beide reklamieren zeitgleich den nächstmöglichen Redezug für sich, sie reden beide zugleich in den Redebeitrag von AUD am erstmöglichen übergaberelevanten Punkt (d.h. unmittelbar nach Fertigstellung der ersten Hälfte der AUD-Frage well didn't he raise a BASEball bat against you and your kids). So versuchen sie die rhetorischen Kniffe von AUD zu sabotieren (der Kniff kann hier so paraphrasiert werden: "Stelle zuerst eine offenkundige Tatsache fest und schiebe dann eine Interpretation nach" - raise bat = be threat), mit bescheidenem Erfolg. Nach längeren Beschwichtigungsversuchen (waitwaitwait) bekommt GUE2 (der Angegriffene) den floor und stellt die Definition von AUD seinerseits kategorisch in Frage (you're wrong). Er verteidigt sich dann, indem er versucht, die pragmatischen Implikationen des Sachverhalts "Baseballschläger gegen jemanden erheben" zu mildern bzw. zu negieren - er bestreitet, ein konkretes Ziel gehabt zu haben. Im Anschluß versucht AUD ihn durch eine weitere klar formulierte Frage auf eine eindeutige Antwort festzulegen (= warum er überhaupt den Schläger zur Hand nahm). Die Verfahren von AUD erinnern an staatsanwaltliche Verhöre (Levinson 1979 für strategische, argumentative Funktionen von Fragen in diesen Kontexten), in denen Fragebatterien als rhetorische Strategie eingesetzt werden, um [Seite 187↓]suggestiv eine zuhörende Versammlung von Geschworenen in ihrem Urteil zu beeinflußen und von bestimmten Ansichten zu überzeugen.

Es gibt noch viele interessante Details in den AUD-Beiträgen, die Analysen könnte noch Seiten füllen. Doch die wichtigsten Punkte sind angesprochen. Zum einen bekommen bei Rolonda SprecherInnen aus dem Publikum sehr viel Raum. Ihnen werden lange Ausführungen zugestanden, ohne Gesprächsinterventionen von HOST, sie können sogar in der direkten Interaktion mit GUE Verhör-und "Beweisstrategien" im Rahmen des HOST-regulierten Talkshowdiskurses erstaunlich autonom führen, ja werden darin von HOST eher bestärkt als behindert. Auch im eben besprochenen Fall solidarisiert sich HOST mit den Vorgehensweisen von AUD. Sie untermauert die feindliche Position von AUD gegen GUE, indem sie für ein weiteres AUD-Mitglied als 'Sprachrohr' auftritt: There's a guy back here saying to INTIMIDATE her! Rolondas einziger Redezug in dieser Sequenz, mit dem sie von ihrem "Hausrecht", jederzeit eingreifen zu können, auch Gebrauch macht, geschieht in dem Augenblick, als GUE2 (von dem berichtet wird, er sei bereit, Kinder zu schlagen) anhebt, den ambivalenten Sachverhalt aus seiner Sicht zu erklären (**). HOST gibt sich selbst hier "neutral", indem sie ihre Bekräftigung der konfrontativen Haltung gegen GUE hinter einer Berichterstattung verbirgt. Sie orchestriert die Stimmen von AUD und AUD2 zu einem kleinen Chor, der anhebt, kollektiv Front zu machen gegen GUE. HOST selbst verfolgt gleichzeitig Strategien, die signalisieren, sie okkupiere eine neutrale Position, indem sie überhaupt keine Beiträge formuliert. So konstruiert sie es zu einer Auseinandersetzung zwischen den Repräsentanten der Menschen "wie Du und Ich" (AUD und GUE), für die sie nicht verantwortlich ist und die scheinbar unvermittelt stattfindet, tatsächlich jedoch durch ihre Nicht-Einmischungstaktik maßgeblich befördert wird.

Doch ein kommunikatives Sich-Heraushalten führt gesprächsstrukturell auch zu einem Verlust der Interaktionskontrolle, der sich nicht nur in der turbulenten Zuspitzung und zunehmenden Ent-Semantisierung der Beiträge spiegelt. Die interpersonellen Bedeutungen und Tenor-"Tönungen" beginnen, das Gesprächsgeschehen zu dominieren, ideationale Aspekte treten vollends in den Hintergrund: waitwaitwaitwait; wrongwrongwrongwrong; weuhweuhweuhweuh, holdonholdonholdon. HOST erscheint unfähig, wieder Ordnung in ihren Showdiskurs zu bringen, sie überläßt der Psychologin das Wiederherstellen eines geordneten Gesprächsverlaufs, macht sich so diskursstrukturell redundant.

AUD-Sprecher konstituieren sich als kollektiv-regulative und zurechtweisend-belehrende Instanz im Hinblick auf das alltägliche Verhalten und Tun einzelner GUEs. Dabei spielt HOST/RO häufig die Rolle eines sich selbst in dieser Eigenschaft vernebelnden agent provocateur, suggerierend, daß die Dinge unabhängig von ihrem diskursspezifischen "HOST-Tun und Lassen"(sic) geschähen. In Fällen, in denen ihre institutionelle Rolle Beistand oder Gesichtsprotektion von GUE erwarten ließe, bleibt es aus. Dieses Verfahren zeitigt den Effekt von Vereinzelung der GUEs (to single out) bei [Seite 188↓]gleichzeitiger massiver konfrontativer Allianz von HOST und AUD gegen sie. Die Tatsache, daß viele Sendeblöcke nach der Werbung von HOST oft direkt mit einer Delegation an AUD-"Fragen" eröffnet werden, verweist auf die prominente Stellung dieser Teilnehmerkategorie und ihrer Funktionen in den Shows von Rolonda. Hier spricht die Stimme des Volksgerichts - so könnte man fast meinen. Denn es ist interessant, wie strategisch geschickt und professionell diese "Stimmen" oft verfahren (vgl. oben die Beweisführungstechnik durch Fragestrategien im zweiten Beispiel oder die fast professionelle Art der Sprecherin im ersten Beispiel, bei einsetzendem Applaus noch weitere Listenelemente nachzuschieben, um "auf der Welle des Applauses" mitzuschwimmen und ihren Punkt noch einmal ganz besonders zu betonen - dazu in parteipolitischen Reden Atkinson 1984). Die Vermutung liegt natürlich nahe, daß zumindest Teile des Publikums gescreent werden, d.h., redaktionelle Mitarbeiter der Show sorgen dafür, daß im Publikum Personen sitzen, die zum Tagesthema etwas von den Showmachern als relevant Erachtetes zu sagen haben. Deren Beiträge werden dann vorher kurz abgesprochen. Das wiederum ließe die These zu, daß es sich bei AUD-Auftritten um eine Inszenierung von sozialer Kontrolle, und bei AUD um Repräsentationen eines kollektiven Regulativs handelt.

6.1.5 Alternative Funktionen von AUD: Erweiterung von Problemaspekten, Gegenpositionen in der Sache und Verallgemeinerbarkeit

Im Vergleich fast unscheinbar wirken die Auftritte von AUD in den untersuchten Oprah Winfrey Shows. Zunächst scheint die dramaturgische Dimension zu fehlen. Da OW-Shows eher zyklisch denn dramatisch aufgebaut sind (ein GUE, ein Aspekt des Problem, Gespräch mit EX über Gründe und Lösungsvorschläge, der nächste GUE, Gespräch mit EX usw.), ist EX von Beginn an mit auf der Bühne.

AUD-Beiträge haben hier eine andere Funktion und als Teilnehmerkategorie bilden sie eher eine Gruppe mit GUE als eine Front. Meistens ergänzen ihre Wortmeldungen und Erfahrungsberichte Aspekte des Problems, die noch nicht angesprochen wurden. Die so konstituierte Nähe zu den Positionen von GUE (im Unterschied zu den Fronten, die in Rolonda zwischen den beiden Teilnehmerkategorien eröffnet und gefördert werden) spiegelt sich auch in den eher fließenden Übergängen bei der räumlichen Positionierung von GUE und AUD im Studio. Es kommt vor, daß GUE (als namentlich bekannte und als GUE vorgestellte Personen) im Zuschauerraum sitzen (Betsy, Anna und Kimberly in Depression, aber auch die drei Frauen, die bis zur Sturzgeburt nicht wußten, daß sie schwanger waren (unknown pregnancies), die in der zweiten Hälfte der Sendung im Publikum sitzen, sich von dort aus aber immer wieder am Gespräch beteiligen). Es fällt auch auf, daß es im Vergleich zu Rolonda zeit-quantitativ viel spärlichere AUD-Beiträge und [Seite 189↓]Auftritte gibt, d.h. daß diese Kategorie hier nicht das selbe Gewicht hat wie in Rolonda.

Die AUD-Beiträge sind nie direkt an GUE gerichtet, sondern werden als Interaktionen zwischen HOST und AUD realisiert, allein deshalb können sie sich nicht unmittelbar und direkt gegen GUE richten. Die für Rolonda analysierte Strategie der Vereinzelung und Aussonderung von Gästen, die Ausrichtung auf den Einzelfall, der direkt angesprochen und "bearbeitet", aber auch ausgestellt wird, findet bei OW nicht im selben Maß statt. Auch inhaltlich haben die hier untersuchten Shows eine andere Ausrichtung: nämlich auf ein Problem, nicht auf eine Person als Problemträger.

Auch der Diskurs der Winfrey-Shows hat Verwendung für AUD als vox populi, allerdings mit anderen Zielrichtungen und Tönungen." Volkes Stimme" fällt die Aufgabe zu, stereotypisch auftretende Zweifel bezüglich bestimmter Feststellungen und Ansichten zum Tagesproblem zu formulieren. Allerdings geschieht dies häufig in der Funktion, sie anschließend umso expliziter zu entkräften. Dabei werden nicht die einzelnen GUE angegangen oder belehrt, sondern eher generell landläufige Einwände und Standpunkte formuliert, die im Verlauf des Gesprächs als unrichtig oder überkommen dargestellt werden - meist aus der Perspektive der EX, die die Probleme definiert und interpretiert. AUD wird funktionalisiert als Träger einer weit verbreiteten, aber längst hinfälligen Meinung. Die Show inszeniert sich so als Aufklärungsforum für bestimmte neue Ansichten und Haltungen.

Die Äußerungen zielen nicht auf den Gast direkt ab, die Interaktion findet zwischen HOST und AUD statt und bezieht sich auf eine Sache, nicht auf ein [Seite 190↓]individuelles (Fehl-)Verhalten. AUD wird stark gelenkt durch Fragestellungen, sie bekommen nicht dieselbe Gesprächsautonomie wie in den Beispielen aus Rolonda. Im Beispiel oben möchte HOST/OW auf einen bestimmten Punkt hinaus, der sich tendenziell gegen die Position von EX wenden ließe. Die Stimme des Volkes darf eine gängige Haltung formulieren, die zunächst als legitime ("alle dürfen ihre Meinung sagen") unterstützt wird. Anschließend aber bekommen Spezialisten (oder Betroffene) die Möglichkeit, sich eingehend dazu zu äußern. In vielen Fällen geschieht das im Argumentationsformat "Yes, but..", das (zumindest rhetorisch) die positiven 'face-wants' der vorigen Sprecher anerkennt (die Meinung der Sprecherin wird akzeptiert), dann aber fortschreitet, sie zu korrigieren. So wird die Glaubwürdigkeit der Tagesthesen durch eine als "zulässig und ernstzunehmende" inszenierte und argumentativ (These von AUD - Gegenthese von EX) abgehandelte Infragestellung erhöht. Andererseits wird das Infragestellen, da ernstgenommen und verhandelt, in der Folge durch die Richtigstellung der EX (oder GUE) als nichtig entlarvt, ohne AUD zu desavouieren. Manchmal wenden sich AUD direkt an EX, um sie um weitere Ausführungen zu bitten: Ellen, you mentioned physical illnesses I am curious to know what kind?/Depression 659. Insofern ließe sich die These aufstellen, daß AUD in den OW-Shows diskursiv explizit innerhalb eines Ratgeberrahmens positioniert werden. Im Unterschied dazu werden AUD in den Rolonda-Shows innerhalb eines sozialen Regulierungs- und Normalisierungsdiskurses konstituiert. Als Positionen im Ratgeberrahmen erweitern sie die Aspekte des Problems und lassen sich ausdrücklich von EX "beraten". Dabei ist der Versuch festzustellen, den Einzelfall in einen allgemeinen Fall zu verwandeln, und allzu direkte, persönliche Bezug- oder Einflußnahme zu vermeiden:

Die kategorische Feststellung "money makes it worse" wird von HOST relativiert und als persönliche Meinung kontextualisiert ("For you"). Im selben Moment nimmt EX den Beitrag auf und modifiziert ihn ebenfalls: als Möglichkeit, nicht als allgemeingültige Aussage. Das ist eine Form von fremd-initiierter Fremdreparatur, denn sie schränkt die Reichweite der AUD-Aussage ein, bedroht das positive Gesicht von AUD. Das macht EX jedoch sofort wieder wett, indem sie auf das beziehungsstiftende, hörereinschließende you know rekurriert und damit einen empathischen Schritt auf der Beziehungsebene signalisiert. Dennoch nimmt sie den AUD-Beitrag nur zum Anlaß, um zu allgemeineren Aussagen zu kommen: that's what women do.

Es läßt sich dabei ein jeweils umgekehrtes Verfahren im Vergleich mit diskursiven Vereinzelungs- und Verallgemeinerungsstrategien in Rolonda feststellen: Während die Stimmen von AUD dort sehr kategorisch persönliche Ansichten als allgemeine Forderungen formulieren (und daran nicht gehindert werden), verläuft die Richtung in Oprah Winfrey andersherum. Was zu [Seite 191↓]kategorisch als allgemeingültige Feststellung proklamiert wurde, wird als persönliche Ansicht reformuliert (For you). Und während im Rolonda-Diskurs AUD (und EX, so läßt sich weiter unten demonstrieren) immer auf den individuellen (Fehl-)Fall ausgerichtet werden (und dies auch durch repetetive, klare Identifikationen qua Namensnennung zu Beginn ihrer Beiträge signalisiert wird), nehmen EX und AUD bei Winfrey die umgekehrte Richtung vom Einzelfall zum Allgemeinen, entpersonalisieren den Sachverhalt bzw. verallgemeinern diesen als für "alle/viele/die meisten" usw. gültig. Die De-Individualisierungsstrategie hat den Effekt, daß AUD-Positionen bzw. die von dort aus formulierten Erfahrungen als wichtige Ausgangspunkte für weitergehende Überlegungen und Ausführungen der Spezialisten genommen werden und diese so als kollektiv "relevant" kontextualisiert werden. Die Nützlichkeit und Notwendigkeit des Beitrags eines einzelnen fürs Gemeinwohl wird durch die Strategie der Show artikuliert. Auch das hat sein spiegelverkehrtes Gegenstück im Rolonda-Diskurs. Dort nämlich richtet sich die Gemeinschaft, das Kollektiv (repräsentiert durch AUD), gegen das - aus unterschiedlichen Gründen - mißratene und daher korrekturbedürftige, zu normalisierende (= auch als zu vergemeinschaftendes) vor allen entblößte und alleingelassene Subjekt.

6.1.6 Solidarisierung mit AUD als Selbstinszenierung

Auch OW ist bisweilen Brandstifterin und instrumentalisiert AUD-Beiträge, um die Stimmung gegen GUE anzuheizen, doch die Funktion ist dabei meist die, Diskrepanzen und Affronts als Ausgangspunkt für eine Entertainment-Einlage ihrerseits zu nutzen. Anders als in den untersuchten Rolonda-Shows, stellt OW sich letztlich jedoch explizit auf die Seite der GUE und läßt ihnen Unterstützung zuteil werden, die RO ihnen schuldig bleibt. Die Wogen, die zunächst mit OWs Beteiligung hochschäumen, werden von ihr auch wieder geglättet - diese Strategie unterscheidet sie von RO, insofern OW sich nicht auf scheinbar neutrale Positionen zurückzieht, sondern sich im Anschluß daran mit GUE re-solidarisiert gegen AUD und den Vorfall als "witzige" Episode rahmt:


[Seite 192↓]

AUD stellt mit ihrem Beitrag eine Aussage von GUE in Frage ohne auf gesichtswahrende Verfahren zurückzugreifen, im Gegenteil, durch die ironische Aufzählung von "Hautfarben" stellt sie die Vorgängeraussage (GUE behauptet, ihr Kind sei schon mit Kraushaar auf die Welt gekommen) als völlig haltlos aus, denn - so die Implikation ihrer Liste - selbst in "möglichen" Welten, wo alles möglich ist, sogar eine lila Hautfarbe, ist es unmöglich, mit Kraushaar auf die Welt zu kommen. HOST nutzt die Gelegenheit für einen Witz. Sie übergeht dafür den Einwand von GUE, sie habe es nicht gewußt und schließt ihren Beitrag an die Bemerkung von AUD an, signalisiert durch ihr Echo (Tannen 1987) auch Einigkeit mit AUD: it may not stay straight -> and it doesn't stay straight. Ihr fällt GUE mit einer Wiederholung ins Wort, doch auch darauf geht HOST nicht ein, sondern schiebt ironisch-resigniert den Teilsatz "unless you put some perm on it" nach, der auf die Bemühungen schwarzer Frauen, ihre Haare wie eine Weiße zu tragen, verweist. Dies wird von AUD aufgegriffen und noch weiter ausgeführt zur Möglichkeit, den Afro durch einen Pferdeschwanz zu bändigen. AUD und HOST bilden so in der gemeinsam hergestellten "Schicksalsgemeinschaft" der Kraushaarigen eine Front gegen GUE, die offenbar von Kraushaar (so die Botschaft und das visuell vermittelte Bild einer Weißen mit kurzgeschorenen Blondhaar als GUE) überhaupt nichts versteht. Die Ironie geht zunächst auf GUEs Kosten. Außerdem sind aus dem Publikum schon mißliebige Töne gegen GUEs Naivitiät im Verzug, die sich als Weiße mit einem schwarzen Kind vor der Mehrheit der schwarzen Frauen im Saal nicht richtig behaupten kann. GUE wehrt sich gegen die implizite Ablehnung und ruft in empörtem Ton, sie würden schon noch sehen! Kommunikativ betrachtet ist dies jedoch eine Möglichkeit, das Gespräch abzubrechen - denn ein Ausruf erfordert keinen nachfolgenden Redezug, und semantisch gesehen ist in "wait" als Aufforderung potentiell auch ein Innehalten des Redens bedeutet. Doch vor dem tatsächlichen Abbruch schaltet sich HOST ein, bekundet Verstehen für das, was GUE möglicherweise gemeint haben könnte und führt putative Gründe für ihr "keine Ahnung-Haben" einigermaßen gesichtsschonend auf "unzureichendes Wissen" (it's the education) zurück, weg von individuellen Ursachen wie mangelndem Verstand, Dummheit o.ä. Außerdem verweist HOST darauf, daß es vielen ebenso gehe und es SpezialistInnen (unless you work in a hospital) vorbehalten bleibt, genaue Kenntnisse über angeborenes oder erworbenes Kraushaar zu entwickeln.Inhaltlich bzw. semantisch ist die Sequenz reichlich verwirrend, weil eigentlich unklar bleibt, was GUE nun wirklich gemeint hat. Aber auf der interpersonellen Ebene wechselt HOST bereitwillig von Solidarisierungen mit AUD zurück zu GUE, wenn die Fronten zu stark werden. Für die Auflockerung des Gesprächsverlaufs, z.B. im Sinne einer unterhaltsamen Nebensequenz mit anderen DiskursteilnehmerInnen, solidarisiert sich auch OW mit AUD gegen GUE. Doch sie kehrt an Eskalationspunkten auch wieder zurück zu solidarischen Bündnissen mit GUE, selbst wenn die Welt dadurch noch unklarer wird - HOST behauptet ja in ihrer resolidarisierenden Äußerung, das Unwissen, daß schwarze Babys ohne [Seite 193↓]Kraushaar zur Welt kommen, habe seine Ursache in mangelnder Bildung. Doch bei genauerer Überlegung, müßte GUE als Mutter natürlich gesehen haben, ob ihr Kind bei der Geburt Kraushaar hatte oder nicht, Bildung hin oder her. Der Sachverhalt bleibt so zwar dunkel, aber die interpersonellen Bezüge zu GUE hellen sich wieder auf. Dafür scheint sie sogar bereit zu sein, kleine Ungereimtheiten als völlig verständliche Sachverhalte zu konzedieren.

HOST läßt eine gewisse Zuspitzung zu, initiiert sie gar. Doch sie sorgt ausgleichend dafür, daß GUE wieder zu Wort kommen, sie hält ihnen den floor frei oder wendet adversative Äußerungen und Unmutsbekundungen der AUD um in Fragen, auf die GUE ohne Verlust des interaktionellen Ansehens etwas antworten können. Die HOST-Stellung ist nicht einseitig parteiisch, vor allem nutzt sie die Gelegenheiten, um sich selbst in Szene zu setzen. Doch ihre Solidarität oder Ironie wird auf alle Teilnehmerkategorien gleichermaßen verteilt. Eine Strategie des "Sich-Heraushaltens" zuungunsten einer bestimmten Teilnehmerkategorie ist bei HOST/Winfrey nicht feststellbar. Eskalationen werden in gewissem Umfang toleriert, jedoch nicht zu direkten Konfrontationen fortgeführt, und im Zweifel wird das Publikum in die Schranken des Diskurses verwiesen (cf. above: let her speak; you know that happens).

Zusammenfassung

Beide Show-Diskurse konstituieren unterschiedliche AUD-Positionen. AUD in Rolonda tritt als zurechtweisende Instanz auf, die Ratschläge als "Normen" [Seite 194↓]formuliert, und das Deviante ins Normale zurückfordert. In der AUD-Position in Rolonda kann unumschränkt Faktizität und Geltung beansprucht werden, ohne Interventionen von HOST zu riskieren, Gegendarstellungen von GUE werden sabotiert oder gehen im sich zuspitzenden Tumult und zeitweiligen Zusammenbruch der Kommunikation unter. Die Interaktionen mit den Gästen sind direkt, konfrontativ und auf das Individuum gerichtet, das so alleine und in seiner Verfehlung den urteilenden Blicken des Kollektivs ausgesetzt ist. Die diskursive Bewegung geht hin zum einzelnen, zum individuellen (Fehl-)Fall, richtet sich auf spektakuläre Details. Komplementär dazu werden die Zuschauer (AUD wie VIEW) als Schaulustige und Voyeure positioniert. Durch verschiedene Heraushaltetaktiken konstituiert sich HOST/Rolonda in einer Position, die gleichzeitig durch aktive Passivität hilft, Fronten zu bilden und zu erhärten, sich dabei jedoch in der hierfür notwendigen interaktionellen Aktivität unsichtbar zu machen. Die Passivität rahmt die kontrollierenden, verurteilenden Aktivitäten von AUD gleichzeitig als normal und selbstverständlich, als Äußerungen, die keines weiteren Kommentars bedürfen.

Im Diskurs der Winfrey-Shows hat AUD die Funktion, andere, noch nicht gehörte Aspekte des Tagesproblems aufzuzeigen und landläufige Meinungen zu äußern, die im Anschluß daran von "kompetenter" Seite, d.h. von EX, aktualisiert oder richtiggestellt werden. AUD wird jedoch auch als Element eines Spannungspols konstituiert, um den herum in opportunen Momenten HOST sich als Entertainerin in Szene setzt und Spannungen so lange nutzt, wie sie ihren kleinen Inszenierungen der eigenen Person dienen. Danach löst sie temporäre Solidarisierungen und Gruppenbildungen wieder auf. Während HOST/Rolonda sich als gesprächssteuernder Akteur kaschiert, setzt sich HOST/Winfrey explizit und darin stets aktiv in Szene.

6.2 Die diskursive Positionierung der Experten

Die Show-Experten werden als Spezialisten in der jeweiligen Tagesproblematik konstituiert, fast immer handelt es sich um PsychologInnen und SozialarbeiterInnen. Ihre Stellung, ihr Verhältnis zu den anderen Beteiligten und ihr Diskurs sind im Vergleich der Showreihen höchst unterschiedlich. Rolonda führt sie erst in der zweiten Hälfte der Show ein und ihr Auftritt wird als Höhepunkt aufgebaut.

In Oprah Winfrey wird EX von Anfang an mit auf der Bühne plaziert und zyklisch ins Gespräch involviert, d.h., sie werden iterativ in neuen Zusammenhängen, zu neuen Aspekten oder anderen Lösungsmöglichkeiten befragt. Die Expertenposition ist der Dreh- und Angelpunkt im Kontext der "Ratgeber"-Talkshows. EX werden als Personen kategorisiert, die Ratschläge mit hoher Relevanz für "alle" erteilen können und die den Gästen "beim Durcharbeiten ihrer Probleme helfen werden". Um aber zu verstehen, wie die [Seite 195↓]diskursiven Praktiken dessen, was "Beratung" genannt wird tatsächlich strukturiert sind, müssen die Diskursaktivitäten dieser Experten beleuchtet werden. Die Analysen verweisen erneut auf eine Differenz zwischen den Showreihen, die mit den bereits in Kapitel 5 diskutierten Strategien der autoritär-belehrenden Objektivierung bzw. der aufklärerisch-selbstermächtigenden Konstitution von Diskurssubjekten erfaßt werden kann.

6.2.1 Das Verhältnis von Experten und Gästen bei Rolonda

Die Untersuchungen der letzten Kapitel ergeben ein Schema für Rolonda, das sich wie folgt umschreiben läßt: Für den Auftritt von EX wird der korrekturbedürftige Einzelfall sorgfältig mit aktiver Unterstützung des Studiopublikums herauspräpariert und bloßgelegt. Das Talkshow-Subjekt hat ein persönliches Problem mit negativen Auswirkungen für die anderen, für das Kollektiv (repräsentiert durch die Familienangehörigen oder die Nachbarn in der Show). Es ist unfähig, sich selber zu helfen und wendet sich in seiner Not an die Show. Dort stößt das Subjekt auf eine weitere Facette des Kollektivs als sozialer Kontrollinstanz, die Anpassung an Normen und Werte fordert. Diese Werte werden nicht legitimiert, sondern als selbstverständlich und universell gültig vorausgesetzt, es werden soziale Normen, keine inidviduellen Ansichten formuliert. Das Subjekt wird mit seinem Fehlverhalten konfrontiert und persönlich angesprochen oder attackiert. Die Konfrontationen eskalieren und sodann folgt der Auftritt von EX.

6.2.1.1 EX als dea ex machina und die direkte Intervention

EX tauchen bei Rolonda an Umschlagspunkten von Ordnung zu Chaos auf, an Punkten des Zusammenbruchs der Kommunikation. Der kommunikative Allgemeinzustand scheint in solchen Momenten so prekär, daß Dringlichkeit geboten ist, sofortige Intervention Not tut: I am going to jump in because we need to have things different, so führt sich EX in der Show Anger selber ein. "Jump in" gehört zum informellen Sprachregister, als solches signalisiert es auch die Irrelevanz von Höflichkeitsfloskeln. Gerade eskalierte die Situation und drohte in Tumult umzuschlagen, da erweitert sich der Kamerawinkel auf das gesamte Podium und enthüllt die Psychologin mitten unter den Gästen:


[Seite 196↓]

An dieser Stelle wird EX von HOST unterbrochen, weiter unten wird noch einmal auf diese Stelle eingegangen. Zu Beginn des hier angeführten Segments hat sich EX im Moment der größten Turbulenz eingeschaltet, als alles drohte, restlos ins Non-Verbale zu verfallen und alle sich nur noch per Exklamation verständigen (weuhweuhweuh; waitwaitwait; nonononono). Bevor EX spricht, breitet sie beschwichtigend ihre Arme aus, um die Fronten zu trennen, der rechte Arm hält symbolisch die Gäste auf dem Podium zurück, der linke ist gegen die Publikums"front" gerichtet. So schafft sie räumlich eine Plattform für einen neuen Anfang: we are going to make a start..right now. HOST/Rolonda sekundiert und berichtet, dies sei nun der Moment, in dem der eigentliche Grund für die Show offenbar würde: This is exactly what we're here to do the show for! EX fällt ihr sofort ins Wort und möchte die Aussage (wahrscheinlich durch Wiederholen) noch betonen, hält sich dann aber an die Talkshow-Konvention, die HOST das formale Einführungsrecht für die jeweiligen Gäste und EX einräumt, und schweigt wieder. Erst in diesem Moment erfolgt die Vorstellung der bis dahin unbekannten Frau, die sich da eben unangekündigt eingeschaltet hat. Hier wiederholt sich strukturell, was wir schon aus den ersten Sekunden dieser Show kennen: Unvermittelt beginnt auch die Sendung mit den Filmclips, erst danach kommt der "richtige" Anfang mit Titelmusik, Fotostills und Logo. Alle Rolonda-Zeichen stehen also auf "Dringlichkeit".

HOST führt EX mit Titel und Nachnamen ein und spricht sie auch direkt so an. Das ist angesichts der US-amerikanischen Präferenz für Vornamen gerade in professionellen Kontexten sehr ungewöhnlich und verweist auf ein Anerkennen der in dieser Anrede artikulierten sozialen Distanz zu ihr, konnotiert "Autoritätsposition" und wissenschaftlichen Anspruch. Der Fehlstart von EX (I am going to/), von HOST unterbrochen, um ihr mit der Aufforderung Talk to them! und Kraft ihres HOST-Amtes den nächsten Redezug ordnungsgemäß zu übergeben, signalisiert ebenfalls die Dringlichkeit sofortigen Handelns "ohne sich um Talkshow-Konventionen zu kümmern". Der folgende Versuch einer Erklärung für ihre direkte Intervention (because we need to have things different) impliziert nur tautologisch, daß die Gründe für eine Veränderung offensichtlich sein sollten. EX interpretiert, was sich in der vorigen Eskalationssequenz ereignete (instead of being able to talk to yourself you attacked this man).Sie erwartet nun eine Bestätigung von GUE für die [Seite 197↓]Interpretation (kurze Pause), doch die bleibt aus. Deshalb produziert sie einen Nachlaufpartikel (right), der auf Zustimmung ausgerichtet ist. Auch auf diesen reagiert GUE erst nachdem EX ihn nach einer weiteren Kurzpause ein zweites Mal wiederholt. Aber GUE stimmt nicht zu, sondern verteidigt sich. Er hat die Zusammenfassung der Ereignisse als indirekten Vorwurf gehört und schiebt ihn auf den anderen (=AUD). EX hebt zu einer Frage nach Erklärungen an (how), wird aber von HOST unterbrochen, die nun ein Nebenthema (Lernen/Unterricht) beginnt:

Einleitend ruft HOST ohne ersichtlichen (oder hörbaren) Anlaß ins Publikum come on y'all! und postuliert, daß es nun ums Lernen gehe. Dies ist auch der Grund, weshalb diese Nebensequenz initiiert wurde. Ihre textuelle Kohäsion erzielt sie u.a. durch eine gleichmäßige Verteilung auf lexikalischer Ebene aus dem Paradigma des Lernens und der Belehrung: learn, be taught; let's listen and see als Beschreibung der pragmatischen Schüler-Haltung in einer Lehrstunde; correct me if I'm wrong als Phrase und Vorgang, die diesen Kontexten entliehen sind, sowie HOSTs Bitte um Redeerlaubnis, das als verbales Aufzeigen wie im Unterricht betrachtet werden kann: Can I also say that..? Das Ticket für einen längeren EX-Redezug erteilt HOST durch ihre Aufforderung, die sie selbst als Publikum ihrer eigenen Show einschließt: Let's listen and see the process. Das Nachfolgende wird als Unterrichtsstunde gerahmt, der unter TV-Bedingungen notwendigerweise Anschauungsunterricht ist, mit GUE als lebendem Anschauungsobjekt. Bevor sich das Ereignis vollzieht, wird durch dieses Intermezzo der Haupt-Diskurs noch einmal kurz "angehalten". Das nun Folgende soll nicht einfach beginnen (EX hatte im ersten Segment bereits begonnen, als sie von HOST unterbrochen wurde), es soll zuerst gehörig versichert und betont werden, daß etwas von Gewicht geschehen werde. In diesem Sinn handelt es sich nicht nur um eine explizierende Sequenz, die erklärt what we're doing the show for, sondern sie hat die diskurs-rhetorische Funktion der vorbereitenden Gewichtung.


[Seite 198↓]

Auch EX betont die dringende Notwendigkeit (grammatisch durch hohe Modalität artikuliert): got to, have to, need to have. Die Verpflichtungen beziehen sich auf Vorgänge des Lernens und Belehrens: got to learn, got to know, have to learn, have to recognize usw. und evoziert Bilder von sich sträubenden, noch zu erziehenden Kindern. Ebenso werden Verbotsnormen aufgerufen: we can't use it, we can't give ourselves a free-pass.

Die starken Modalkonstruktionen der Notwendigkeit werden allerdings im Dialog zwischen HOST und EX implementiert und kommen immer in Verbindung mit dem Pronomen "wir" vor, das an dieser Stelle z.T. explizit durch "all of us" gefüllt wird (cf. all of us wouldn't have these struggles), aber meistens ambivalent ist. Z.T. könnte we've got to learn sich auch nur auf you all= y’all wie bei HOST-Ausruf auf AUD (implizit VIEW) beziehen, manchmal scheint nur GUE/Jeremy gemeint.45 Das alle einschließende, solidarische "we" steht dem Hierarchien implizierenden Forderungscharakter der Modalverben entgegen und macht die Adressaten der Botschaften ambivalent: Die Pronomen suggerieren Solidarität und Gleichheit, die Modalitäten jedoch Machtdifferentiale und Hierarchien.

In manchen Äußerungen ist es pragma-semantisch ausgeschlossen, daß EX sich impliziert (z.B. muß sie nicht erst lernen, die Worte für das Gefühl zu finden, sie kennt sie schon, sonst könnte sie sie nicht belehren). Da GUE/Jeremy bereits als potentieller Kinderschläger identifiziert ist, könnte "wir" in diesem Fall direktives, sprecher-exklusives "Wir" bedeuten. Ein solches (Krankenschwester-)"Wir" findet sich häufig in hierarchisch strukturierten Kontexten, in denen es Helfer und Hilflose gibt - Kinder, Alte, Gebrechliche, Kranke kurz: alle Arten von Machtlosen. Und so könnte der Gebrauch von sprecher-exklusivem "we" anzeigen, daß nun die diskursive Entmachtung und Degradierung von GUE zum Anschauungsobjekt ihrem Höhepunkt zustrebt:

Die Pausen nach let's try und you can help haben die Funktion, Aufmerksamkeit auf das Nachfolgende zu projizieren. Obgleich die Psychologin grundsätzlich [Seite 199↓]eine sehr prononcierte Art zu sprechen hat, fehlen diese Pausen in ihren anderen Sequenzen. Zusammen mit den Versatzstücken von Ankündigungshandlungen (we (can) start right now und let's listen and see the process aus dem vorangegangenen Segment) dienen sie als Spannungserzeuger, die das unmittelbar zu erwartende Ereignis lauthals einführen. Es ist das funktionale Pendant zum Trommelwirbel im Zirkus und rahmt das Nachfolgende als Vorstellung, der man zudem wie im Zirkus, im Theater und natürlich wie beim Fernsehen zusehen und zuhören kann. Der Zuschauer wird auch in diesem Zusammenhang als Zeuge eines Spektakels und als Voyeur konstituiert, unter dem Vorwand, daß "alle etwas lernen" können.

Die EX-Frage zur Einwilligungssicherung (do you wanna be different?) ist mehrfach motiviert. Zum einen ist es eine notwendige Voraussetzung des therapeutischen Prozesses, daß der Klient von sich aus Veränderungen wünscht, so wird das Nachfolgende als TV-Therapiesitzung gerahmt. Diese notwendige Bereitschaft, sich belehren zu lassen, wird durch die explizite Nachfrage noch einmal als Vorbedingung vor Augen geführt.

Aber die Frage zielt auch ab auf die Bereitschaft zum "Mitspielen" in der nachfolgenden Szene. GUE muß das Spektakel ratifizieren, sonst ist das Herzstück der Show in Gefahr. Mit okay so let's try wird nun endgültig alle Aufmerksamkeit auf den nachfolgenden Moment verschoben, und eine erneute Kunstpause läutet die "therapeutische Podiumssitzung" vor laufender Kamera ein.46

GUE ist jedoch nicht bereit, die Definitionen von EX im Hinblick auf seine eigenen Gefühle zu bestätigen. Daher produziert EX im Anschluß an seine Zurückweisungen Reformulierungen ihrer Ausgangsfrage, um GUEs Zustimmung noch zu erzielen (try and figure out ... did you feel humiliated? Wenn die Zustimmung ausbleibt, erfolgen Rekategorisierungen (feel humiliated -> feel misunderstood). Dieses Verfahren impliziert einen bestimmten Punkt, auf den die Sprecherin hinaus will, aber nicht selbst formulieren möchte. Er soll sich statt dessen aus den (gelenkten) Formulierungen oder Antworten der Adressaten ableiten lassen, ein Fall von manipulativer Sprachpraxis, die auch aus Verhörkontexten bekannt ist (z.B. Levinson 1979): Die nächste Frage baut logisch auf der vorigen auf, die Konklusion der vorigen Frage (you feel misunderstood) wird zur Prämisse der nächsten. Diese formale, klare Strukturiertheit verweist auf eine rhetorische Strategie und EX formuliert ihre Fragestellung solange um, bis sie dort ist, wo sie hinwollte: zur tief verwurzelten [Seite 200↓]Ursache für Jeremys Wut. Erniedrigungs- und Kleinheitsgefühle werden nach Art der Staatsanwaltschaft aus dem "Innern" des Subjekts geborgen. Immer wenn EX an einem erwünschten Punkt angekommen ist, signalisiert sie dies mit einem okay oder right: "Okay, soweit haben wir es geschafft, wir haben einen strategischen Punkt dieses Parcours erreicht, nun folgt der nächste".

6.2.1.2 Das disziplinierte Subjekt: diskursive Dressurakte

Die angekündigte Veränderung besteht in der Einübung von kommunikativem Verhalten: tell this stranger ... tell him! Interessant ist, daß GUE nicht nur dargelegt wird, was jemand anderes (EX) für das Beste hielte, sondern ihm die Worte sorgfältig vorgesprochen und in den Mund gelegt werden: tell him I feel misunderstood. GUE wird, indem er es nachspricht, zum bloßen Sprachrohr (animator) fremder Worte, denen eines fremden Autors, der sich aber als sein (GUE) eigener geriert. Dieser Vorgang soll unter dem interaktionellen Mikroskop noch einmal zerlegt werden.

Zur Rekapitulation der Terminologie von Goffman (1981:144): animator ist der Klangkörper, der die Wörter ausspricht, author ist, wer die Worte konzipiert und die Sätze verfaßt, principal ist, wessen Standpunkte, Werte und Gefühle dadurch ausgedrückt werden. Wenn nun EX auf die oben dargelegte Weise durch die Fragestrategie auf bereits vorher feststehende "Ergebnisse" hinauswill und diese durch die Vor-Formulierung in einem Deklarativ-Frageformat vorgibt, dann ist sie author und principal der tiefer liegenden Wahrheiten von GUE und der Autor der Worte und Interpretationen zugleich. Die Übertragung auf GUE erfolgt nun in zwei Schritten. Im ersten Schritt distanziert sich EX von dieser "ursprünglichen", also der eigenen Autorenschaft und schreibt den Status als Autor und Herrscher über eine Figur in ihrer Rede, einem eingebetteten animator (Goffman 1981:148-9), einem "Ich" zu, das jedoch nicht auf das EX-Ego zurückverweist, sondern intertextuell auf das GUE-Ego vorgreift. "Ich" als sprachliches Zeichen ist eine Leerform, die alle, die das Wort ergreifen, verwenden können, um auf sich selbst als Redende zu referieren (Benveniste 1966:261). "Ich" bleibt dabei aber als sprachliche Form immer nur ein ZEICHEN, eine sprachliche Repräsentation für die Person, die sich äußert, die referierende Instanz, nicht die Person selbst. Die Lücke zwischen Signifikant und Signifikat bleibt auch hier für immer bestehen. Semantisch gesehen ist daher kein "Ich" wie das "andere", es handelt sich um reine Homonymien, also um das immer gleiche Wort ("Ich") für unterschiedliche [Seite 201↓]"Sachen" bzw. "me". Daher spricht Goffman davon, jedes "Ich" bleibe unweigerlich nur ein Protagonist in einer Repräsentation, in einem Szenario, "a figure, nonetheless, not the actual animator; it is merely a figure that comes closer than most to the individual who animates his presentation" (Goffman 1981:148).Somit ist die Distanz(möglichkeit) von Sprecher und "Ich" in der Äußerung immer virulent: Das speaking subject ist nie identisch mit dem subject of speech.

Das "Ich" im Dialog verweist zugleich auf ein "Du", auf GUE als Gegenüber von EX, das im nächsten Redezug "Ich" sagen wird. Dieser Wechsel hilft, die Ursprünge bei EX als author/principal zu verwischen, weil es nicht mehr eindeutig auf den Sprecher-Körper (auf das speaking subject) der EX referiert. Die Distanzierung von EX als Sprecher und "Ich" als Figur ihrer Rede gelingt umso besser als die grammatische Struktur einer projizierenden Phrase verwendet wird: I want you to tell him + x-Komplement.

Indem GUE die Anordnung befolgt und die Worte aufnimmt, sein Körper die Silben animiert, übernimmt er (internalisiert er) die fremde Perspektive, die Interpretationen und Ansichten, die ihm jedoch bereits als die eigenen (durch den Zwischenschritt der Distanzierung von EX zu einem figurativ operierenden „Ich“ in ihrer Rede), jedenfalls nicht mehr als eindeutig fremde Rede/Inhalte gereicht werden. Im Up-Take des Pronomens "Ich" wird aufgrund einer Lautähnlichkeit (einer Homonymie) zwischen dem figurativen Ego der EX-Rede und dem referierten Ego der GUE-Äußerung, das als leeres, aber konventionalisiertes Zeichen immer auf die sprechende Instanz zurückverweist, die parallele Übernahme der author und principal-Dimensionen der Äußerung nahegelegt. Denn durch die Zwischen-Auslagerung auf eine Figur in der EX-Rede ist es nicht mehr "EX-Rede" selbst, die übernommen wird, sondern eben die einer Sprach-Figur. GUE animiert die Worte anderer Autoren und sagt dabei "Ich", wodurch er auf sich, das speaking subject, das Äußerungssubjekt verweist.

Dieser Vorgang dürfte auf der interaktionellen Mikroebene tatsächlich den Dynamiken nahekommen, die Althusser (1970) mit dem Begriff der interpellation (Anrufung) bezeichnet. "Sich-gemeint/angsprochen-Fühlen" entspricht dabei dem up-take der Worte und Gedanken der anderen, der "fremden" Autoren und Verantwortlichen für die Inhalte, die vom Individuum re-"animiert" werden, wenn es sich durch sie selbst beschreibt und benennt. Nicht zufällig entspricht dieser Vorgang auch Aspekten der Sozialisation von Kleinkindern, die immer wieder vorgesagt bekommen: Sag' "ich bin müde"; sag' "ich möchte den Ball" usw., um einen "Sinn" für sich selbst, für ihre Eigenständigkeit zu bekommen.

Zurück zur Talkshow-Szene: GUE wird durch dieses Verfahren positioniert als unmündiges Kleinkind, das erst lernen muß, sich als Subjekt (also Ich-Sager) zu setzen und durch Nachahmung dorthin geleitet wird. Wir erleben die Konstitution des Subjekts quasi in vitro - oder: in Talkshows. Durch die Aufforderung zur Wiederholung des Vorgangs wird neben der [Seite 202↓]Infantilisierung auch die Konditionierung, der Dressurakt deutlich - das Subjekt entsteht durch diskursive Disziplinierung:

Die Veranstaltung als Theater im Theater, als Inszenierung für VIEW/AUD ist zugleich die Repräsentation einer Unterwerfung unter einen fremdinitiierten Identifikationsvorgang, durch den der Sprecher zum Subjekt (als "Ich-Sager" und Unterworfener) wird. Die Wahrheit des Subjekts (als seine eigenen Gefühle) wird ihm von EX vorgegeben: say I FEEL. Fortan soll er sich in diesen Gefühlen wiedererkennen, die eigentliche Wahrheit über sich (der Grund seiner Wut und die Lösung) darin sehen. Das ist eine erste Skizze von learning und Selbsterkenntnis in Rolonda, "Subjektivierung" durch Unterwerfung unter den Diskurs.

Auch der von Foucault beschriebene zweiseitige Vorgang der Konstitution der Wahrheit über das Subjekt ist in Mikropraktiken der Shows zu finden. Die Wahrheit über das Subjekt ruht nämlich "nicht einzig und allein im Subjekt, das sie vermöge seines Geständnisses in fertiger Form ans Licht bringt ... gegenwärtig, aber unvollständig und für sich selber blind beim Sprechenden, kann sie sich nur bei dem vollenden, der sie zusammenliest" (Foucault 1983:85-6) und die Zeichen richtig deuten kann:

Im zweiten Sendeblock wird GUE aufgefordert, etwas über sich zu erzählen, zu sagen "was man ist, was man getan hat, wessen man sich erinnert und was man vergessen hat, was man verbirgt und was sich verbirgt, woran man denkt [Seite 203↓] und was man nicht zu denken denkt"(Foucault 1983:78), und im Unterschied zu vielen anderen Talkshow-Gästen gelingt ihm das ganz flüssig: Erinnerungen, vergangene Ereignisse, Schmerz - that hurts. Doch erst im vierten Block kommt nun der "wahre" Gehalt seiner Botschaften an den Tag, erst EX deutet die Sache richtig. Sie erwähnt sogar den Vorgang des vorangegangenen Geständnisses und schickt sich selbstsicher mit I wanna promise you an, das Geständnis in seiner wahren Bedeutung zu entschlüsseln: it's THAT pain of THAT complete act of disrespect. Die starke Betonung der Demonstrativpronomen soll den Vollzug eines "wahren Sprechens" in diesem Moment signifizieren - sie rahmen die nachfolgende Nomalphrase als Quintessenz, als Schwerpunkt, auf den alleine es ankommt. Doch es regt sich bei GUE/Jeremy auch Widerstand gegen die Subjektwerdung zu diesen Bedingungen.

Exkurs: Widerstand

Bei aller scheinbarer Willigkeit, sich einer fremden Rede so vollständig zu unterwerfen – vor den Augen von Millionen - ist es fast beruhigend, daß GUE-Subjekt Rest-Resistenzen aufweist und sich gründlich verhaspelt im zweiten Teil des Satzes. I feel misunderstood by you and that makes me feel ist noch wortgetreue Übernahme des fremden Worts, doch plötzlich regen sich Widerstände und das Nachfolgende klingt kraus: tht-((rolls eyes)) untrustin-uuhm that you don't know me. Da es jedoch mehr um die Inszenierung und Repräsentation des Vorgangs für ein Publikum, und nicht um GUE/Jeremy geht, wird auch Wortsalat als adäquate Form von Äußerung quittiert (EX: Right). So ist es richtig - die Zustimmung bezieht sich auf den Akt der Annahme der wörtlichen Vorgaben von EX.

Weitere Disziplinierung durch Vorsprechen:

Die versuchte Einflußnahme auf Handeln und Sagen erfolgt auch explizit durch die Formulierung von Imperativen wie in den folgenden Fällen:


[Seite 204↓]

Hochmodalisierte (have to, must, got to) Verben ohne Abtönung artikulieren die Stimme der Autorität völlig unabhängig von persönlichen Stilen, denn es sind immer unterschiedliche EX in den Shows. Sie geben konkrete Anweisungen und Verhaltensmaßregeln vor, die bis in den Bereich der zu formulierenden linguistischen Ausdrücke reichen. Eine diskursive Strategie von EX ist es, den GUE die richtigen Worte geradezu in den Mund zu legen, ihnen die Zauberformel vorzusprechen, die GUE hinterher bestätigen müssen:

Die Aussonderungs- und Identifikationsvorgänge werden von EX in der ersten Zeile explizit thematisiert (you're the identified x..you're the one..), danach folgt eine Rekategorisierung mit negativen Begriffen der "anderen", die jedoch im Grunde technische Begriffe aus dem Bereich der EX sind: instigator, catalyst wurde für die Identifikation von GUE bis zu diesem Moment von niemandem eingeführt. Danach interpretiert EX das, was "im Innern" von GUE vor sich geht und definiert es dezidiert (starke Betonung) als ein Gefühl von Haß. Allerdings modifiziert sie die Äußerungen mit subjektiven Modalitätsmarkern (I think, my guess is), die jedoch nur scheinbar Vorsicht und Zurückhaltung bei der Definition von Kellys Innenwelt signalisieren. Denn EX weiß genau, was GUE fühlt (you feel you are adult) und was sie will (you want to be able to have your freedom). Am Ende muß die Identifizierte und Beschriebene die ganze Batterie von Definitionen und Interpretationen gleich doppelt bestätigen: is that accurate? Is that what's really making you angry?, mit Okay zeigt EX wieder das Erreichen und Abschließen eines Lernprogrammpunkts an: EX hat die innere Welt von GUE fix und fertig definiert, bevor sie mit der Rede begann, GUE muß nur noch Zustimmung demonstrieren, hat jedoch an keinem Punkt teil an den Definitionen. Auch die Bestätigungen der Richtigkeit sind von EX fremdinitiiert, und stellen keine spontane Reaktion von GUE dar. In dieser Szene ist der ganze Kosmos der Rolonda-Show(s) zusammengefaßt: Ein Individuum wird identifiziert, vereinzelt und ausgestellt, sodann klassifiziert von vielen fremden Stimmen (everybody's saying you are), von Familienangehörigen, Nachbarn und anderen Mitgliedern eines Kollektivs, das sich einmischt und antagonistisch bis feindselig agiert. Herbei eilt eine Schlichterpartei (there's two sides to every coin), die zudem aufklärende [Seite 205↓]Wirkung haben soll (EX). Diese Aufklärung erfolgt jedoch durch Setzungsakte, an denen GUE nicht beteiligt sind.

Die Gäste sind Staffage, bloße Empfänger von Botschaften, denen sogar die Hörersignale und Zustimmungshandlungen an den dafür von anderen zugedachten Stellen entlockt werden. Die Vorgänge sind kaum mehr als als spontane Interaktionen zu bezeichnen. Vielmehr stellen sie einseitige Demonstration von Definitionsallmacht dar, die mit Rudimenten von Interaktionshandlungen versehen werden, z.B. durch typische Sequenzen wie "A: Aufforderung zur Bestätigung + B: Bestätigung". Doch Aufforderungen zur Zustimmung und Fragehandlungen (im übernächsten Beispiel) eröffnen GUE in keinem der Fälle die Möglichkeit eines ausführlichen Redezugs:

Der monologische Charakter des Sprechens von EX wird an mehreren Stellen deutlich. EX fängt mit einem Deklarativsatz an, den sie schließlich unvermittelt in eine Frage verwandelt, indem sie das Fragewort "who" ans Satzende stellt. Dadurch erhält die Äußerung strukturell Ähnlichkeit mit Reparaturhandlungen im moodless, "verblosen" Format: The what? Dieses Format realisiert hier den kommunikativen Vorgang des "prompting" (Schiffrin 1994:120ff.), einem fremd-eingeleiteten Versuch, die Äußerung einer Interaktionspartnerin inhaltlich zu lenken, indem auf Spezifikation gedrängt wird. Die Adressatin soll hier jedoch dazu gebracht werden, den Satz von EX zu vollenden bzw. den durch das Pronomen "who" offengelassenen slot durch das erwünschte Nomen zu ersetzen. EX souffliert (= to prompt) GUE die Worte, legt ihr nahe zu sagen, was sie/EX im Sinn hat. GUE wird von EX "animiert", fremde Worte zu artikulieren (Goffmans animator aspect).

Doch GUE verweigert sich und gibt an, keine Ahnung zu haben, worauf EX hinaus will. Interaktionell bestätigt sie damit zugleich die Rolle von EX als Souffleuse, da sie offenbar davon ausgeht, daß EX, im Unterschied zu ihr, sehr genau weiß, welches linguistische Element an dieser Stelle adäquat wäre. Dieses Element produziert EX schließlich selbst: Your family. Sofort danach schickt sie sich an, den Vorgang zu wiederholen (and you know why?), doch da ist es nur noch der graue Schatten einer vormals interaktiven Situation: Ohne innezuhalten und Raum für eine Reaktion von GUE zu schaffen, beantwortet sie ihre eigene Frage gleich selbst. Sie dialogisiert mit sich alleine, nicht mit GUE. Auch das mit EX' Bestätigungsaufforderung (is that correct?) initiierte Uhum, ein minimaler Partikel, der kaum Zeit braucht, um realisiert zu werden, wird noch von EX unterbrochen. EX hat die Landkarte schon gezeichnet, sie kennt die Wahrheit von GUE "deep down" genau. Sie muß nur mittels kurzer Zäsuren die Erklärungen/Interpretationen in kleine Schritte zerlegen, damit das [Seite 206↓]Publikum folgen kann. Zäsuren im Strom des Monologs werden dabei u.a. mit Hilfe von Zustimmungsaufforderungen (is that correct? accurate? right? usw.) realisiert, die jedoch nur Streckenposten eines längst abgesteckten Parcours darstellen und den interaktiven Modus nur noch simulieren. Ob GUE tatsächlich "zustimmende" Partikel (z.B. uhum) produziert oder nicht ist dabei einerleil. Das Subjekt muß hier im Angesicht seiner Wahrheit sprachlos zuhören (and I think Kathy is a big enough person to listen to this, sagt eine andere EX über einen anderen GUE, bevor sie in ihrem Monolog die Wahrheit über GUE verkündet), welche ihm von denen, die die Zeichen deuten können, präsentiert wird.

Das Sprechen der Gäste wird also nicht nur strukturell (in bezug auf den Redewechsel und reaktive Positionierung innerhalb von Sprechhandlungssequenzen), sondern auch inhaltlich - bis hin zur wörtlichen Vorgabe - von Fremdinstanzen gelenkt.

Über interaktionelle Verfahren konstituieren sich quasi Objektpositionen, die Entmächtigung und Entfremdung der Sprecher/GUE über ihren Diskurs geht soweit, daß ihnen die "richtigen Worte" in den Mund gelegt werden und sie zu Affirmationen der fremden "Wahrheit über sich" durch diskursstrukturelle Positionierungen innerhalb der Konventionen kommunikativer Netzwerke fast verpflichtet sind. GUE werden in Talkshows nicht nur zu Objekten des Blicks, sondern auch zu Protagonisten in kleinen Inszenierungen disziplinierender, diskursiver Dressurakte, fremddefiniert und zum Sprachrohr fremder Interpretationen reduziert, die ihnen anverwandelt werden. Die Befragungsstrategien verfolgen vom Frager bereits vorher festgelegte Inhalte, die nur noch richtig "getroffen" werden müssen, um die Zustimmung von GUE zu erlangen. Es sind Strategien der Vereinzelung und Personifizierung im Sinne des Herausstellens eines sich fehlverhaltenden, zu verurteilenden Individuums.

6.2.1.3 Talkshow als Anschauungsunterricht

Die Äußerung von GUE reflektiert die von der EX-Rede übernommenen Worte. Diese soll GUE nach Aufforderung an den Mann aus AUD richten, der ihn gerade verbal angegriffen hat. So soll eine (Sprech-)Verhaltensänderung erwirkt und gleichzeitig diskursiv demonstrieren werden. EX bestätigt mit "right", daß GUE seine Aufgabe erfüllt hat. Im Anschluß daran bestätigt HOST den Erhalt einer kommunikativen Mitteilung mit "uhum". Welche Mitteilung bestätigt sie? Da sie an der vorangegangenen Sequenz nicht aktiv beteiligt war (die Interaktionsdyade bestand aus EX und GUE), kann sich ihre [Seite 207↓]Empfangsbestätigung durch das Rückmeldesignal "uhum" nur auf die Rezeption der Szene insgesamt, als Ereignis zum Anschauen beziehen. Sie bestätigt, daß sie zugeschaut hat. Das Rückmeldesignal verweist auf den Repräsentations- und Zeigecharakter der ganzen Sequenz. Stellvertretend für das Publikum stellt sie sich in der Rezipientenrolle aus, signifiziert diese für "uns" und konstituiert sich in der Position der Betrachterin einer Szene, die (u.a.) für sie aufgeführt wurde. Die Positionierung des Publikums als spectators, als Betrachter von Szenen und Dramen, an denen wir nicht beteiligt sind (und nicht sein wollen), die zwischen anderen ablaufen - als Voyeure, wird so thematisch und für Momente explizit.

Auch EX referiert mit dem deiktischen Pronomen that nicht anaphorisch auf einen Antezedenten in den Vorgängeräußerungen, sondern ebenfalls auf die ganze Sequenz, auf die Szene, die mit do you wanna be different? begann und beim verbalen Stolpern von GUE endete. EX wechselt nach Abschluß der ersten szenischen "Lektion" den Adressaten (von GUE zu HOST), macht, in Goffman'scher Begrifflichkeit durch einen Wechsel des footing, den over-hearer zum direkten Adressaten, und subsumiert das ganze Geschehen unter dem Demonstrativum that. Dadurch wird der Vorgang als kompakte Einheit, als abgeschlossen konnotiert, und was eben noch Interaktion mit GUE war, ist nun zum Ausstellungsstück verdinglicht.47 GUE seinerseits wird durch den Wechsel im footing vom direkten Ansprechpartner zum by-stander (nicht zum over-hearer), zum bloßen Mithörer, der in der Nähe sitzt, herabgestuft. Interaktionell hat GUE vorläufig seine Schuldigkeit getan und kann vom Hauptdarsteller zum Hintergrundchargen wechseln.

Der Charakter des Zurschaustellens (im Sinne von Exhibition) von Individuen solcher Shows wird hier besonders deutlich. Das Medium TV als visuell operierendes generiert natürlich immer "Objekte des Blickes" und stellt seine Akteure zur Schau. Signifikant ist jedoch, wenn das strukturell unvermeidbare Ausstellen durch interaktionelle Verfahren verstärkt und verdoppelt wird, denn solche diskursiven Verstärker gehören nicht zu den Zwangsläufigkeiten des Mediums, sondern beruhen auf der systematischen Nutzung einer Option des Diskurses, die Differenz und Signifikanz konstituiert.

6.2.1.4 Zurschaustellen von Einsicht und Affirmation

Der Aspekt der expliziten Doppelung der kommunikativen Vorgänge auf dem Podium als Spektakel führt zu einem weiteren Punkt, der auffällig im Rolonda-Showdiskurs ist. Es handelt sich um Inszenierungen und Akte des Zurschaustellens von Einsicht (Verstandenhaben) und Affirmation (Zustimmung)) hinsichtlich der Definitionen und Interpretationen der EX. Die Demonstration von einsichtiger Aufnahme (uptake) und (begreifende) Annahme [Seite 208↓]der Botschaften (Definitionen, Tips, Ermahnungen) von EX ist bei Rolonda offenbar ein wichtiges diskursives Ritual. Exemplarisch für die unsichtbaren Zuschauer vor dem Bildschirm ("die Öffentlichkeit") wird der Idealfall von "Beratung" bis zur Vollendung in Akten der Einsicht, des Begreifens und In-sich-Aufnehmens sprachlich in Szene gesetzt.

Die Wahrheit über das Subjekt der Talkshow kann im Geständnisdiskurs nur mit Hilfe eines "wissenden", bevollmächtigten Interpreten erfolgen (Foucault 1983:85), aber die Interpretation wird erst "wirklich wahr", wenn das Subjekt sie auch als "die Seine" angenommen hat. Diese Annahme als "die eigene Interpretation" darf sich daher in Talkshows nicht "im Stillen" vollziehen. Sie muß laut und für alle deutlich sichtbar erfolgen, um den Talkshowdiskurs als moderne Variante der Geständnisdiskurse (als diskursive Technologie des counselling und individuellen self-management) zu validieren. Ein Zurschaustellen des Vorgangs von Einsicht und Affirmation der Fremdinterpretationen ist daher ein wesentlicher Bestandteil dieses Diskurstyps:

Im Dialog zwischen EX und HOST werden Pflichtversäumnisse der GUE erörtert, Notwendigkeiten, die in der Vergangenheit nicht statthatten (Modalverb in Präteritum: needed to). EX formuliert an dieser Stelle distanzierter und zurückgenommener im Verhältnis zu GUE, der Modalisierungsgrad ist niedrig, die damit signifizierten Näheverhältnisse der Sprecherin zu den in den Äußerungen implizierten (oder durchs Verb explizierten) sozialen Normen daher ebenfalls. Sehr unvermittelt nimmt EX nach einer kurzen einleitenden Schachtelsatzsequenz die Perspektive von GUE ein. D.h., das Komplement des projizierenden Teil(und Spalt-)satzes what Kathy needed to do ... is that beginnt erstaunlicherweise weder mit dem grammatisch korrekten she needed noch mit you needed, das dann funktional erklärbar würde, wenn ein Wechsel im footing stattfand, also der Adressat der EX-Rede von HOST zu GUE wechselte. Auf den Videobildern läßt sich eine körperliche und blickliche Hinwendung der EX zu GUE erkennen. Daher ist es umso erstaunlicher, daß das verwendete Pronomen (das Subjekt des Komplementsatzes) "I" lautet: that I needed sagt EX und beginnt mit einer Aufzählung von Notwendigkeiten des Handelns, die als Subjekt alle "I" besitzen. Doch die Psychologin kann damit nicht auf sich referieren. Warum sagt sie "ich", ohne sich zu meinen? Die Verpackung der Versäumnisliste in die "Ich-"Perspektive schont Kathys Gesicht, sie wird nicht konfrontativ als "Du" (oder "Sie") mit Vorhaltungen und Versäumnislisten angegangen, sondern hört die Information von einer anderen Sprecherin, die sich damit scheinbar auf sich selbst bezieht. GUE wird in der Rede von EX als ideale Klientin, als bereits einsichtige Kathy repräsentiert, als ein "Ich", das seine Fehler eingesehen hat (ich hätte damals x tun müssen). Das ist ein - [Seite 209↓]wenngleich implizites - Verfahren der Demonstration von Einsicht und uptake. EX stellt GUE in ihrer Rede dar als jemand, die "sich selbst" begriffen hat. Doch dabei fällt der Akt des Zurschaustellens und Verweisens auf den Verstehensvorgang (der nicht mit tatsächlicher Einsicht gleichzusetzen ist) unter den Tisch. Möglicherweise veranlaßt das HOST, sich gleich im Anschluß Einsicht in und Annahme der Ich-Botschaften explizit von GUE bestätigen zu lassen:

Die ideale Kathy der EX-Rede, die EX noch stellvertretend und über das stets nur zeichenhaft funktionierende Personalpronomen "I" ausfüllt, und die reale Kathy auf dem Podium sind nicht dieselbe: die eine ist bereits ihrer Wahrheit habhaft geworden, die andere (reale) möglicherweise keineswegs. Deshalb wird überprüft, ob die Interpretation akzeptiert und aufgenommen wurde.

Auf einer anderen Ebene stehen sich auch Unterhaltungsaspekte und Höflichkeitsaspekte im Wege, da die taktvollere protektive Handlung von EX, die die Vorhaltungen in Aussagen eines anderen (Pseudo-)Ich, also in Informationen über andere verpackt, eben gleichzeitig verhindert, daß GUE auf die Definitionen diskursiv reagieren – sie sind ja nicht die direkten Adressaten.

Nach der Aufzählung der Versäumnisse definiert EX die Beweggründe von GUE, die zu den Unterlassungen führten (she was afraid to be a parent). An dieser Stelle schaltet sich HOST ein und spricht GUE direkt an, fordert sie explizit auf, die Definition zu bestätigen. Die von HOST, daher fremd-initiierte aber doch klare Bekräftigung von GUE ist redundant, dem bereits hypostasierten a hundred percent folgt Kopfnicken von GUE, eine Echonachfrage von HOST, die sie festklopft auf "völlige Übereinstimmung", und eine nochmalige Wiederholung der Wiederholung durch GUE. Das verweist weniger auf die "Wahrheit" der Übereinstimmung als auf das Hervorkehren und Ausstellens des Vorgangs der "Akzeptanz" der Definitionen über sich selbst durch eine fremde Instanz (EX).

Auch GUE2 (Tochter von GUE1) soll nun ihre Zustimmung deutlich zeigen, auch sie wird gefragt, ob EX die Bedeutung ihres Verhaltens richtig gedeutet hat - oder: ob sie (GUE2) ihrem (EX) making sense of her zustimme, ob dies denn "ihre Wahrheit" sei. GUE2 antwortet nicht emphatisch oder dezidiert affirmativ wie GUE1, aber immerhin bringt sie einen Zustimmungspartikel hervor, der Rest(-Widerstand?) geht unter in Nuscheln. HOST wertet jedoch GUE2s äußerst minimalistische Zustimmung auf, indem sie durch ihr doppeltes I told you she's goo:d mit starker Betonung auf g oo d den tatsächlich eher kargen Zustimmungswert des Partikels behandelt, als sei [Seite 210↓]es eine im emphatischen Sinne positive Beurteilung gewesen, die konversationell eine mindestens ebenso starke, wenn möglich stärkere (eskalierende) positive Nachfolgebewertung des nächsten Sprechers (second assessment, Pomerantz 1984:61) konversationell bedingt. Diese Redefinition von uhum als einfachem, neutralen Zustimmungspartikel als ein "first assessment" mit euphorischen "Folgen" weist zurück auf den Inszenierungscharakter des Geschehens. Dadurch zeigt sich erneut, daß es HOST (als Produzentin der Veranstaltung) ganz ausdrücklich um die – im Zweifel auch einseitig-forcierte - Konstruktion solcher Akte des Zurschaustellens von Affirmation und Einsicht geht. Diese Akte richten sich an das Publikum, das daran den Wert der Show als "Belehrungs- und Besserungsforum" ermessen kann.

Darüber hinaus unterstreichen sie im Rahmen des Ratgeberschemas die Definitionskompetenz und die Autorität der Show-Experten, die auf die Autorität, auf den autoritären Diskurs der Show insgesamt zurückstrahlen. Als Autoritäten in den Diensten der Show (HOST: she's one of the best and that's why we have you as our resident psychologist on the show), so Rolonda über die Psychologin in Crisis 531, auch 561ff.) sind EX Vertreter der Show, nicht ihrer Profession, und die demonstrativ herausgekitzelten Akte der Zustimmung und Bestätigung verweisen darum vor allem auf die "Autorität" der Show hinsichtlich des Wahrheitsdiskurses über das alltägliche Subjekt der Talkshow. Konsequenterweise wird die in Rolonda daher auch unablässig als den Ort, an den man sich in der persönlichen Not wendet, um die Wahrheit über sich selbst ans Licht zu bringen, hervorgehoben (vgl. we bring out deep seated, deep rooted issues, that's what we're here for, z.B. Crisis 529 und viele anderen Stellen).

Auch HOST demonstriert bisweilen affirmative Akte der Einsicht performativ:

HOST führt in dieser Sequenz den Akt der Einsicht exemplarisch an sich selbst vor. Sie nimmt nacheinander die komplementären Rollen der fordernden Autorität (say I need!) und der Ausführenden (I need) ein und die Vorführung wird von EX freudig zustimmend bestätigt. HOST zeigt sich als brave Schülerin, sie "dramatisiert", daß sie sich belehren läßt und "lernt". Sie rahmt die Vorgängeräußerung von EX als brandneue Information durch den news-receipt-Marker oh (Heritage 1984): oh need ... I'm getting there!Dann stellt sie das [Seite 211↓]Gelernte konkludierend zur Disposition (so say..), jedoch in Form eines versuchten Imperativs, der die Position der Autorität, also EX, von der sie eben gelernt hat, artikuliert. Sie schlüpft in die Haut der Autorität und probiert aus. Assoziationen zum Eltern-Kind Verhältnis sind vermutlich nicht zufällig, besonders weil das Nachsprechen als Duett mit EX-Äußerung realisiert wird. HOST nimmt den Faden auf und macht eine Äußerung, die inhaltlich klingt, als sei sie noch vom vorigen Sprecher, so als trete HOST nur in dessen verbale Fußstapfen und probierte aus, ob sie es auch könnte. Zu dieser infantilen Dimension der Position HOST in Rolonda im Verhältnis zu Autoritätspositionen (EX), komme ich unter Punkt 6.2.2 zurück.

GUE demonstrieren manchmal unaufgefordert und ohne HOST-Taktiken Akte des Begreifens und empfehlen sich so als kompetente Rolonda-Diskursteilnehmer, die sofort mit positiven Rückmeldepartikeln belohnt werden:

Die Sequenz erfolgt im sechsten Block während einer Phase, in der AUD verstärkt belehrend und/oder tadelnd in Erscheinung treten. Zu Beginn sprechen EX und HOST noch über die möglichen negativen Konsequenzen von GUE/Wendys Verhalten, dann erteilt HOST unvermittelt durch einen Vokativ das Rederecht an GUE/Dawn. Diese adressiert EX und erklärt demonstrativ, mit den Ausführungen von EX (über Wendy) einvernehmend einherzugehen: I can relate to bezieht sich affirmativ auf den Inhalt der vorigen Äußerung. Zum Beweis des "Verstandenhabens" versucht sie eine Übertragung der Aussage auf ihre eigenen Erfahrungen zu formulieren. Dabei riskiert sie sogar einen interpersonell hochgradigen Gesichtsverlust, denn indem sie negativ konnotierte Handlungen ihres Partners gegen sie selbst (he yells at me; gets mad), rechtfertigt (but it's only in his defense), stellt sie ihr eigenes positives Selbstbild in Frage.

Die Struktur solcher gegen das eigene interaktionell relevante Gesicht gerichteten Sprechhandlungen weist Ähnlichkeiten mit (religiös motivierten) Akten des testifying in US-amerikanischen Kontext auf. Während des testifying bekunden nunmehr "Bekehrte" ihre einstigen Verfehlungen, bevor sie den "richtigen" Weg (zu Gott/zur Besserung) einschlugen. Nicht zuletzt haben diese Akte des testifying Vorbildfunktion, um noch nicht Bekehrte zu motivieren, ihrerseits zum Glauben zu finden. Außerdem sind Akte der öffentlichen Selbstbezichtigung vor Publikum Rituale der Läuterung und Bußfertigkeit, mit dem Zweck, in "die Gemeinde" der Einsichtigen aufgenommen zu werden.


[Seite 212↓]

6.2.1.5  Indirekte Imperative und doppelte Objektivierung

Eins der auffälligsten Merkmale des Rolonda-Diskurses ist, daß die Behandlung der "Fälle" nie oder nur selten in direkter Interaktion mit GUE erfolgt. Der Einzelfall ist ein Fall für andere, der in der Rede zwischen anderen Parteien verdinglicht wird. Nachstehendes Beispiel soll als Illustration dienen. In dieser Sequenz wird das Verhalten der GUE zwischen EX und HOST erörtert, ohne das Wort direkt an GUE zu richten, Gründe definiert und Lösungen angeordnet, die ein "normales" Verhalten zeitigen sollen:

Was in der direkten Anrede von GUE zur Anordnung geraten müßte (you gotta say/do x), wird in der gewählten Interaktionskonstellation zur bloßen Kommunikationshandlung "Information", die sich an HOST richtet. Das enthebt GUE des Reagierens. Weder müssen sie zustimmen zu den negativen Implikationen der Informationen zustimmen, noch deren Erhalt überhaupt anzeigen. Konditional relevant sind weder das Anzeigen der Bereitschaft oder die Weigerung, die grammatisch als dringende Notwendigkeit markierten Handlungen (gotta be willing to say x) umzusetzen. In der hier realisierten Form kann GUE einfach zuhören und ist konversationell noch nicht einmal in der Rezipientenposition (außer als "zufälliger" bystander), muß also nicht einmal anzeigen, daß sie gehört hat, was die anderen (über sie) sagen. Das hat einen gesichts-protektiven Aspekt: wird sie überhaupt nicht angesprochen, wird sie wenigstens auch nicht direkt angegriffen.

Gleichzeitig wird sie aber zum Objekt der Rede zweier anwesender Personen, was eine interaktionelle Infragestellung ihres positiven und negativen Gesichts zugleich bedeutet. Denn sie wird nicht nur eingeschränkt in ihren Freiräumen, sondern in ihren Bedürfnissen nach interaktioneller Anerkennung völlig übergangen. Kindern bzw. Personen, denen unterstellt wird, sie könnten die Kommunikationssituation nicht "einschätzen", weil sie physisch oder mental gehandicapt sind, also als interaktionell inkompetent gelten, widerfährt häufig eine solche konversationelle Degradierung. Allerdings weisen auch einige institutionalisierte Lehr-Diskurstypen (z.B. der bereits erwähnte Lehrveranstaltungskontext im humanmedizinischen Bereich oder die Visite im Krankenhaus, die ebenfalls als "Lehrveranstaltung" für junge ÄrztInnen funktioniert) häufig solche Konstellationen auf. Obgleich anwesend und zur Rede befähigt, werden die Individuen zum Objekt der Rede von und zwischen anderen, die zugleich in Information verpackte Anordnungen für sie enthält. Da sie nicht als direkte Adressaten konstituiert werden, entfällt so auch die [Seite 213↓]Möglichkeit für "Klienten"/Patienten oder Talkshowgäste, sich zu widersetzen oder Ablehnung zu bekunden.

So erweist sich ein zunächst scheinbar protektiver Akt (GUE muß sich nicht zu den Anordnungen und dem Tadel verhalten, der in der EX-Äußerung ausgesprochen wird, weil sie nicht angesprochen ist) ein Vorgang, der GUE in doppelter Hinsicht diskursiv entmachtet: durch die Degradierung zum Objekt der Rede und zur subalternen Position des nicht-kompetenten Interaktionspartners, der stille schweigt, während andere über ihn verfügen. Etwaige Zeichen von Widerstand gegen eine solche kommunikative "Miß"handlung werden sofort als nicht talkshowdiskurs-kompatibel qualifiziert:

Gäste (hier: Wendy, die EX widerspricht und behauptet, daß ihr Zorn im Grunde ein Problem der anderen sei), die die fremde Sicht und Fremddefinition der "inneren" Problematik nicht annehmen, haben keine Redeberechtigung in Talkshows.

Entgegen dessen, was sich dann diskursiv tatsächlich vollzieht, werden die Gesprächsrunden von der Moderatorin jedoch typischerweise mit der Aufforderung an EX eingeleitet, mit den Gästen zu sprechen:

Die Gäste scheinen keine ernstzunehmenden Interaktionspartner zu sein. Denn nicht sie bekunden eine (selbsterkannte) Notwendigkeit mit EX zu sprechen, sondern HOST formuliert es als Pflicht für EX (Imperativstrukturen) und GUE (she desperately needs) miteinander zu sprechen. Da EX jedoch auch in ihren Ausführungen als direkten Adressaten HOST wählt, ergibt sich eine Kommunikationsstruktur, die GUE-Position nur zum Anlass, nicht jedoch als Partner der Rede nimmt. Eher ist es so, daß von HOST orakelhaft eine höhere Instanz (EX) zum (traurigen) Schicksal anderer befragt wird, wie einst die Sphinx von den alten Ägyptern. Allerdings teilt die zeitgenössische mediale Verkörperung nicht die sprichwörtliche Rätselhaftigkeit der antiken Schwester, sondern erteilt klare Anweisungen:


[Seite 214↓]

6.2.1.6 Schlimme Folgen: Ermahnungen zuletzt

Der autoritäre Grundton des Rolonda-Diskurses, der sich in der unthematisierten Bezugnahme auf Normen des Kollektivs, in der Konstruktion von Autoritäten und einer dazu komplementären, deferenten Haltung zu diesen ausdrückt, sich ebenso wie in der damit einhergehenden Personifizierung von Autorität (siehe nächsten Abschnitt) und in Objektivierungsstrategien im Umgang mit den Gästen, in den direkten Angriffen des AUD-Kollektivs ebenso wie in der aufgewerteten Position von EX als Zentrum der Macht spiegelt, strukturiert auch den Schluß der Sendungen. Im Unterschied zu den Vergleichsshows von Winfrey enden Rolonda-Shows mit Ermahnungen und Warnungen vor den negativen Folgen, die ihr falsches Handeln und die Weigerung, ihre "innere Wahrheit" die für sie gedeutet wurde, haben. Auch in den Momenten, in denen EX in Rolonda nicht direkt mit der diskursiven Dressur als Korrektur einzelner befaßt sind, sondern (eher ausnahmsweise) allgemeine Hinweise und Tips geben, werden die üblichen (negative face-) einschränkenden, durch hierarchische Gefälle gekennzeichneten kommunikativen Handlungen der Ermahung und der Warnung vollzogen. In "Anger" z.B. ereignet sich die folgende Episode, in der EX seinen Zeigefinger nicht rein metaphorisch erhebt und vor schlimmen Gefahren warnt, für alle, die sich die Ratschläge und Anordnungen der Show nicht zu Herzen nehmen wollen:

HOST kündigt die EX-Worte als ernstzunehmende Ermahnung an alle gleich an. Doch selbst diese Verallgemeinerbarkeit wird sofort wieder konkretisiert und und auf (jedenfalls potentiell) identifizierbare Individuen eingeengt: For everybody in this room! You wird zuerst zwar im indefiniten Sinne gebraucht, meint also keine Einzelperson, ist aber durch die Identifikation von everybody in this room spezifisch genug, um die Warnungen nicht etwa im luftleeren Raum zwischen EX/der Show und dem unbekannten Zuschauer irgendwo "da draußen" ungerichtet stehenzulassen. Selbst im (bei Rolonda raren) Fall der allgemeinen Ausrichtung im Ratgeber-Sprechen ist noch die Tendenz von [Seite 215↓]Vereinzelung und konkretistischer Identifikation vorhanden. Vereinzelung: Hier weil EX nicht for all of us/you in the room sagt, sondern das distributive Kollektivpronomen everyone verwendet ("Jeder einzelne unter Ihnen! Sie da, Sie dort auch und Sie"). Überschaubarkeit mittels Identifikation und Nähe zur Einzelperson hat hohe Priorität in diesem Diskurs. Abstraktionen und unpersönlichen Verallgemeinerungen begegnet man widerwillig. Das Sprechen von EX im Beispiel oben scheint da nur auf den ersten Blick eine Ausnahme darzustellen. In ihm vermischen sich technische, distanzierende "abstrakte" Fachsprache (arthereosclerosis; plaque; spinose(?); constrict, dilate, recurrent) und etwas hölzern klingende, unpersönlichen Formulierungen wie modify expression of anger mit einem autoritären, aber volksnahen Duktus aus erhobenem Zeigefinger und verbalen Realisierungen von Ermahnungshandlungen, die den Adressaten ziemlich nahetreten, da sie deren soziale und interaktionelle Bewegungsfreiheiten einschränken.

6.2.2 Die Konstruktion der Experten als Autoritäten: Zum Verhältnis von HOST und EX bei Rolonda

Seitens der Moderatorin in Rolonda wird stark an der diskursiven Konstruktion einer Autoritätsposition für EX gearbeitet. Die Autorität konstituiert sich zunächst aus dem bereits dargelegten Anrede- und Präsentationsritual, bei dem – für US-amerikanische Verhältnisse und im Vergleich zu anderen Talkshows ungewöhnlicherweise – akademischer Grad und Nachnamen der EX realisiert werden. Weiterhin werden die Autoritäten als personenbezogen konstituiert. Das setzt die Prämisse voraus, daß nicht eine Profession oder eine gesellschaftliche Gruppe/Richtung als "Wissensinstanz" vorausgesetzt wird, sondern ein Indivuduum qua seiner persönlichen Verdienste und Fähigkeiten zur Autorität werden konnte. Als erstes läßt sich konstatieren, daß Rolonda die an EX gerichteten Fragen stark personalisiert, auf die Person der EX zentriert:

Die Pronomen "you" beziehen sich immer auf EX als Referenten, die so gleichzeitig als Subjekt der in der Proposition genannten Handlungen erscheint. Alles dreht sich um deren persönliches Handeln und Sagen (what do you say to) und ihre diskursive Subjektposition konstituiert sich aus einer Gemengelage aus Personenzentriertheit und Autoritätsdiskurs: Autorität aufgrund von Persönlichkeit. Solchermaßen persönlich autorisiert, antworten EX auch im selben, selbstzentrierten Duktus:

Komplementär zu den auf die EX-Person zugeschnittenen Fragen nimmt in deren Erwiderungen ihr eigenes Ego als prominent eingesetztes Personalpronomen Ich einen gewichtigen Platz ein. Ihre Person, ihre Persönlichkeit wird dadurch stark akzentuiert. Und fast folgerichtig nehmen sie sie für sich in Anspruch, zu Sprechhandlungen ermächtigt zu sein, die auf interpersoneller Ebene ein hohes Gefälle im Status der Interaktanten markieren: sie befehlen, sie sprechen absolut kategorisch, ja sie können sogar Voraussagen machen, die sich auf das Denken, Handeln und Fühlen anderer Menschen beziehen (z.B.: I wanna promise you it's THAT pain). Darüber hinaus übernehmen sie bisweilen sogar wie selbstverständlich interaktionelle Funktionen, die in der Regel der Position von HOST vorenthalten bleiben, wie z.B. die Ankündigung und Einführung weiterer Podiumsgäste (you're gonna have a gentleman on later who does x). Sie sind allerdings auch durchaus durch diskursive Verfahren von HOST erst "inthronisierte" Instanzen der Show.

Rolonda kündigt im Dialog mit EX z.B. durch Prä-Sequenzen ("Tickets" in die nachfolgende Ausführung) ihre Äußerungen an:

Phrasen wie Can I also say oder Correct me if I'm wrong gelten kommunikativ als Einstiegsrituale und implizite Bitten um Erlaubnis für nachfolgende Äußerungen. Metasprachlich (und paradoxerweise) bekunden sie bereits sprechend den Wunsch nach Sprechen. Der Fall des Sprechens wird durch solche Einleitungen als das Besondere markiert. Präsequenzen funktionieren als kleine Hinweisschilder, die das Folgende schon als das Nicht-Selbstverständliche kontextualisieren. HOST nimmt also EX gegenüber die aus ihrer Diskursposition nicht zu erwartenden Haltung einer nicht-redebefugten Person ein, die, bevor sie "losredet" zuerst fragt oder zumindest ankündigt, daß sie gerne etwas sagen möchte. Das ist in einem Kontext, in dem alle interaktionelle Macht bei HOST liegen, in einem Rahmen, wo sie institutionell jederzeit legitimiert ist, einzugreifen, ein signifikanter Sachverhalt. Denn er ist innerhalb der Talkshow-Interaktionsordnung völlig unnötig, un acte gratuit. Er drückt jedoch auf der interpersonellen Ebene ein Verhältnis der Unterordnung [Seite 217↓]einer exponierten Autorität gegenüber aus, eine Anerkennung von sozialer Ungleichheit (Respekt und Demut aufgrund eines Autoritätsgefälles und Unterschieds im sozialen Status) aus, und das umso mehr, als das soziale "Zurücktreten" von HOST freiwillig geschieht. HOST demonstriert so geradezu genüßlich ein hierarchisches Verhältnis zwischen ihr und EX. Zudem wird EX in "Gönnerposition" konstituiert, als diejenige, die gestatten und (Rede) gewähren lassen kann.

Teilweise nimmt das Autoritätsgefälle EX-HOST auch kindliche Züge an, besonders wenn Rolonda "im Namen ihrer Gäste" um Intervention und Hilfe fleht und dabei – ohne jede Ironie - das "schmeichelnd-bettelnde Kind" prosodisch mimikriert und durch intimisierende Gesten des Umarmens kindliche Vertraulichkeit bezeugt:

Durch die Prosodie und die schmeichelnd-vertrauliche Geste werden Bitten um Hilfe (für sich, uns oder GUE) als persönliche Leistungen von EX gerahmt, als Gaben, die man erhält, nicht als professionelle Dienstleistung oder Selbstverständlichkeit in einem Beratungskontext. Rat wird als persönliches Geschenk einer Person artikuliert, den wir dann bekommen, wenn wir in der Lage sind, uns diese Person gewogen zu stimmen.

Auch als Sekundantin von EX ist Rolonda gelegentlich im Einsatz, übersetzt für sie, ermahnt das Publikum zum Zuhören und schafft den fruchtbaren Boden, auf den die Experten-Worte mit dem nötigen Gewicht fallen können:

In diesem Beispiel fordert EX einen Mann im Publikum auf, nicht über andere, sondern über sich selbst zu reden (sic!). Aber ohne AUD die Gelegenheit zu geben, dies in die (verbale) Tat umzusetzen, ist HOST zur Stelle und "übersetzt" die imperative Aufforderung in eine inhaltlich bereits vollständige, grammatische Deklarativkonstruktion, die nun Fragepronomen als Statthalter für die erwünschte Antwort enthält, das es von GUE aufzufüllen gilt. Sie buchstabiert also die vollständige Anordnung des Sachverhalts aus, handelt hierbei aber im Auftrag von EX, weil es sich als eine nachgeschobene Konkretisierung der EX-Sprechhandlung darstellt. Oder sie ermahnt das Publikum zur Konzentration auf die folgende Sprechaktivität von EX:


[Seite 218↓]

Im Kontext dieser Sequenz läßt sich kein Hinweis auf die Notwendigkeit der Ermahnung finden, die Videoaufzeichnungen registrieren ein ruhiges Publikum und nichts, was den Ausruf "Come on y'all!" motivieren könnte. Trotzdem wird zur Disziplin aufgerufen. Der aus pragmatischer Sicht leere Akt ohne kontextuelle Motivation ist also entweder sinnlos oder signifikant auf einer anderen Ebene: möglicherweise ein soziales Zeichen dafür, in welchem Verhältnis HOST zum Publikum einerseits und zu EX andererseits steht. "Ich verbünde mich mit ihr gegen euch", sagt dieses Zeichen. "Ich ermahne euch" (Distanz zum Publikum), "weil ich für ihre Sache einstehe" (Nähe zu EX). Dieses Verhalten entbehrt ebenfalls nicht autoritärer Züge: nach oben solidarisch, nach unten dominant, verweist es einmal mehr auf das Zentrum der mächtigsten Position im Diskurs. Die Expertin ist die Stimme, die die Wahrheit spricht, sie ist die personifizierte Autorität. Die diskursiven Mikropraktiken von HOST/Rolonda verweisen in regelmäßiger Wiederkehr darauf.

6.2.3 Generalisierender Expertendiskurs und Informationsfunktion bei Winfrey

Anders als in den gerade untersuchten Fällen, wird in den Vergleichsshows von Oprah Winfrey kein individualisierender, sondern ein generalisierender Expertendiskurs geführt. Teilnehmer in der GUE-Position werden nicht als hilfs- sondern als informationsbedürftig konstituiert; auch werden GUE nicht als Problemverursacher für andere (Partner, Nachbarn usw.) konstruiert. Das Erscheinen von EX wird nicht dramaturgisch aufgebaut wie in der Vergleichssendereihe, sondern EX ist regelmäßig von Beginn an auf der Bühne und wird zyklisch ins Gespräch einbezogen. Dadurch wird ihre Stellung in der Show als regelmäßiger, selbstverständlicher Bestandteil codiert, nicht als "Höhe- oder Mittelpunkt" wie in Rolonda, in der EX erst in den mittleren Blöcken 4 und 5 auftreten und dann den Diskurs dominieren.

Direkte Interventionen in bezug auf das kommunikative Verhalten der GUE werden nicht realisiert, der Schwerpunkt liegt auf Information und Ermächtigung der einzelnen Gäste und ZuschauerInnen zur Selbsthilfe. Folgende linguistische Merkmale zeichnen das Sprechen der ExpertInnen in den untersuchten Daten aus:

Hierfür ein typisches Beispiel:

GUE wird als exemplarischer Fall eingeführt (somebody like Kimberly), als Anknüpfpunkt, an den verallgemeinerbare Aussagen angeschlossen werden. GUE wird zwar direkt angesprochen als Trägerin einer bestimmten Erfahrung (when it feels like a plug was pulled out), doch diese wird nicht zur Einzelerfahrung verengt, sondern sofort als allgemeingültige erweitert, als eine, die für fast alle Frauen inklusive EX selbst beschrieben wird. Wenn EX sich dann wieder auf den individuellen Fall rückbezieht (it's your great opportunity), tut sie dies, indem diese Erfahrung als Möglichkeit der persönlichen Entwicklung artikuliert wird, nicht als Malaise oder defizienter Zustand mit negativen Auswirkungen für die Nächsten und ohne warnenden Tonfall.

Das kommunikative Vorgehen besteht im Anbieten einer Interpretation/Information, EX gibt weder Belehrungen noch konkrete Anweisungen oder "Lektionen". Das mag der Grund sein, warum GUE die Aufnahme der Information auch viel emphatischer bestätigt (marked acknowledgement, Silverman 1993:166) I sense that ... really I sense that. Sie muß in dieser grammatischen Verpackung nur den Erhalt einer Information quittieren, nicht die Anordnung einer Empfehlung. Das Quittieren von Information schränkt GUE im Hinblick auf die Aspekte des symbolisch-interaktionellen Gesichts, das es weitgehend zu wahren gilt, nicht in ihren Spielräumen ein. Personalisierte Ratschläge würden andere Empfängerpositionen schaffen und mehr in die Handlungsräume der Adressaten eingreifen, das interaktionelle Gesicht bedrohen.

Auch das folgende Beispiel zeigt eine klare Tendenz weg vom Besonderen und hin zum Allgemeinen:


[Seite 220↓]

Ausgehend von einer konkreten Aussage des GUE kommt EX sofort auf allgemeine Aussagen und Implikationen. Sie relativiert zunächst die kategorische Feststellung von GUE und schwächt sie ab zur bloßen Möglichkeit (can make it worse), geht dann noch einmal kurz persönlich auf GUE als Interaktionspartnerin ein (you know when you're talking about x) codiert sie dadurch aber als wichtige Stichwortgeberin, jemand, die gerade etwas gesagt hat, worauf sie nun näher eingehen wird. Durch "that's what women do" wird der Diskurs entpersonalisiert, der Vektor geht weg vom individuellen GUE und ebnet den Weg für verallgemeinerte Aussagen über "Frauen". Sie nimmt das individuelle Verhalten als exmplarischen Fall für fast alle (when you're talking about..that's what women do..) und gelangt so zu generalisierenden Feststellungen: men have, they isolate by usw. Erst wenn sie dort angekommen ist, benutzt auch sie einen eher kategorischen Modus: men ARE, women DO etc.

GUE werden als Individuen konstituiert, deren Erfahrungen ernstgenommen werden und Anlaß zu weiteren Überlegungen und Ausführungen geben. Sie produzieren Expertendiskurs, der jedoch nicht auf die Individuen zurückweist, sondern sich von ihnen entfernt. GUE werden nicht als hilflose, hilfsbedürftige Opfer ihrer Schwächen und Fehler definiert, die durch EX-Diskurs identifiziert, oder durch Zurechtweisungen und Warnungen zur Korrektur, zur Übernahme fremder Perspektiven mit anschließender Affirmation genötigt werden.

Auch hier läßt sich anhand der satzinternen thematischen Positionierungen und Verschiebungen erkennen, wie aus Zahlen Individuen und dann Allgemeinheiten und Klassen werden: 90% -25% of us - Kimberly - you - Betsy - Anna - stay-at-home-mums - they. Die Bewegung geht vom Abstrakten zum Spezifischen und zurück zum Allgemeinen. Bemerkenswert ist auch, wie vorsichtig EX mit Etikettierungen und Interpretationen ist, die auf GUE zurückwirken könnten. Sie bindet (grammatisch gesehen) GUE nämlich nicht direkt an Attribute oder identifizierende Verbalprozesse, sondern leitet aus ihrer/GUE Rede bestimmte Schlußfolgerungen ab. Betsy und Anna beschreiben [Seite 221↓]demnach Zustände der Verletzlichkeit, die "vielen stay-at-home-mums" zugeschrieben werden, ohne zu behaupten, Betsy und Anna gehörten in diese Klasse. Es wird noch nicht einmal postuliert, daß sie verletzlich seien, sondern das sie etwas beschreiben, was der Verletzlichkeit von "stay-at-home-mums" ähnlich ist. Im Grunde werden keine Aussagen über GUE selbst formuliert, sie dienen als Erfahrungslieferantinnen, die durch den Expertendiskurs aber nicht be- oder verurteilt werden.

Aufgrund der geringen Anzahl der Shows, die hier untersucht wurden, kann und soll nicht behauptet werden, daß es sich im Diskurs von Winfrey-Shows immer so verhielte. Was ich jedoch hervorheben möchte ist, daß es durch diese Beispielfälle eine völlig andere diskursive Strategie sichtbar wird, die sich auf allen Ebenen des Talkshow-Diskurses erkennen läßt. Es handelt sich um eine Strategie (eine diskursive Technik) des Verzichts auf Einmischung, Vereinzelung und direkter Bezugnahme auf die Person von GUE. Man könnte auch sagen: Furch den (relativen) Verzicht auf Subjektivierung wird gleichzeitig verhindert, daß es zu einer Vereinzelung, Ausstellung und konfrontativen Haltung den Gästen gegenüber kommt. Die Enthaltung im Hinblick auf Subjektivierung ist für die Kontexte solcher Shows möglicherweise sogar von Vorteil, denn GUE bleiben in ihrer persönlichen Einstellung (und Würde?) unangetastet, man tritt ihnen nicht so nahe im im Vergleichsdiskurs.

Obwohl alle GUE nur als Stichwortgeberinnen für EX-Diskurs dienen, werden sie während längerer Monologphasen häufig durch kurze Dialogspiele wieder integriert. Dies geschieht zum einen, weil so der Monolog aufgelockert wird, und zusätzlich hat es den Effekt, daß GUE so signalisiert wird, daß ihre Anwesenheit noch zur Kenntnis genommen wird, daß sie interaktionell nicht ignoriert werden. Die Einbindung in den EX-Diskurs erfolgt durch kurze Zwischenfragen, die für einen Moment dialogische Erinnerungen in den monologischen Diskurs der allgemeinen Erläuterungen einbringen:

Die Einlage bzw. Nebensequenz erinnert in der Form (und der Folgelosigkeit im Hinblick auf kommunikative Anschlußhandlungen) entfernt ans Kasperltheater, wenn die Kinder gefragt werden, ob denn alle da seien und diese begeistert "ja" [Seite 222↓]rufen. Das ist ein Hinweis auf die phatische Funktion dieser Einlage.48 Die verallgemeinernde, kategorische Aussage (it's contagious) wird noch einmal kurz rückgebunden an die spezifischen Erfahrungen der GUE, die dadurch wieder aufgewertet werden als wichtiger Ausgangspunkt für die folgenden Ausführungen. Im Grunde ist es dasselbe Verfahren wie im Beispiel davor: GUE-Erfahrungen werden als Aufhänger und Anknüpfungspunkt für EX-Ausführungen genommen, nur werden sie hier etwas manipuliert und herausgekitzelt, um den Monolog von EX an dieser Stelle aufzulockern.

6.2.4 Zum Verhältnis von Experten und Gästen bei Winfrey

6.2.4.1 Zur Sache kommen

Die meisten Ausführungen, Erklärungen und Ratgeber-relevanten Handlungen kommen in Interaktionen zwischen HOST und EX vor. Durch ein Frage-Antwort Schema wird EX durch oft sehr knappe, unpersönlich realisierte Kommunikationsschritte von HOST aufgefordert, ihr Wissen zu präsentieren. Häufig wird in Form von Listen und Zahlenangaben artikuliert, was im aktuellen Kontext wichtig erscheint und zu tun ist: welche Symptome es gibt, welche Lösungen, und wie zu verfahren ist, falls irgend etwas davon auf irgend jemand zutreffen sollte:

Die Listen werden im hypothetischen Modus realisiert (if..), in einer grammatischen Form, die

ganz besonders zum Ausdruck von Unverbindlichkeit, höflicher Distanz und zur Abschwächung der illokutiven Kraft von Äußerungen geeignet ist..[sie] ergeben für den Sprecher vielfältige Möglichkeiten, die Verbindlichkeit und Gültigkeit seines Sprechakts graduell einzuschränken und damit dem Adressaten ebenso differenzierte Möglichkeiten, auf den Sprechakt zu reagieren (Lauerbach 1979:252)

Durch die Konditionalsätze wird interaktionell angezeigt, daß Distanz erwünscht ist und es allen selber überlassen bleibt, was sie mit den Informationen anfangen wollen. Im Mittelpunkt stehen Informations- und Erkenntnismöglichkeiten, die durch die Show verbreitet, aber niemandem direkt aufoktroyiert werden. Hier ist für alle und jeden etwas dabei ohne irgendwen konkret zu meinen, denn die Äußerungen treffen niemanden im besonderen.


[Seite 223↓]

Denkbare Fälle und Möglichkeiten werden aufgezählt, aus denen sich die ZuschauerInnen und die Gäste bestimmte Informationen herausholen können - oder auch nicht. Das reflektiert Strategien der Selbstermächtigung, die die Verantwortung und die Handlungsmöglichkeiten nicht vorher bestimmen, sondern den Adressaten anheimstellen. Auch das "Quiz", das in Winfrey das Kernstück der Show darstellt insofern es genau in der Mitte plaziert ist und mehrfach angekündigt wird, das einzige dramaturgisch aufgebaute Element der Show also, dient in selbstermächtigender Funktion zur Feststellung von Tendenzen, deren Realisierung jedoch jede/r einzelne selbst und ohne Interventionen oder Vorgabeversuchen der Show-Beteiligten vornehmen muß.

Der Vorgang des Auflistens verschiedener Möglichkeiten, unpersönliche (indefinite you) oder unterdrückte Satzsubjekte und eine Verpackung in ein Informationsformat (im Unterschied zu einem Aufforderungsformat, das sich direkt an konkrete Individuen richtet), sind linguistische Reflexe eines "professionellen Diskurses", der auch von der sich diskursiv als sachlich kompetent konstituierenden Moderatorin verfolgt wird. Er steht dem personalisierenden, eingreifenden Diskurs der EX aus den Rolonda-Shows und der kindlich-flehenden Haltung der Moderatorin dort entgegen:

Der unpersönliche Gebrauch von "you", ein Unterstreichen des exemplarischen Charakters der Ausführungen und der darin enthaltenen Hinweise, die den Rückbezug auf GUE verhindern (let's say), indefinite Quantifizierer (some doctor) und Konditionalsätze strukturieren einen entpersonalisierenden Diskurs. Auch die Repliken von EX weisen in dieselbe Richtung: unpersönliche Imperative mit unterdrücktem Agens the first thing to do is know ... (and) be able to acknowledge; understand it's x, die sich markanterweise auf mentale (nicht wie in Rolonda auf Handlungs-)Prozesse beziehen: "KNOW yourself!" statt "DO!", die Pflicht, sich selbst zu erkennen und zu verstehen scheint auch hier oberste Norm, wird aber in die Hände der Betroffenen selbst gelegt.

Im Expertendiskurs bei Winfrey findet zudem eine inhaltliche Ent-Personalisierung und De-Individualisierung statt, z.B. durch den Verweis auf kulturelle Ursachen, nicht (nur) auf die individuelle Konstitution und Geschichte der einzelnen. Solche diskursiven Verfahren machen den Diskurs relevant für eine Allgemeinheit. Außerdem werden Modalisierungen verwendet, die die Vorläufigkeit, nicht vollständige, kategorische Sicherheit des Gesagten ausdrücken (it can be a chemical problem; you gonna need.probably medication). Hier wird einfach eine Akkumulation von Information betrieben, die sich unspezifisch an viele unterschiedliche Personen richten kann, allgemein [Seite 224↓]genug ist, um niemanden speziell, aber informativ genug ist, um viele zugleich anzusprechen.

Ein direkter Vergleich mit der anderen Showreihe Rolonda ist an dieser Stelle geeignet, um den Unterschied zwischen personalisierendem und verallgemeinerndem Diskurs (und vor allem den Möglichkeiten, zu wählen) zu verdeutlichen:

Durch Blickrichtung und Körperhaltung sowie deiktisch operierende Gesten wird zusätzlich betont, daß es um spezielle Personen im Raum, um identifizierbare Gesichter geht: a person like you and like you. Die Bewegung ist gegenläufig in den Shows, hier wird der einzelne herauspräpariert aus der Masse, auch in Kontexten, die eine Verallgemeinerung nahelegen. Im anderen Fall wird vom Einzelfall zum generellen Fall gewechselt. Auch die Kategorisierungen als Problemverursacher für die Betroffenen und das kategorische Sprechen für den einzelnen finden sich darin wieder. Außerdem konstituiert sich EX als Autorität, die anderen etwas vorschreiben darf (I tell you), deren Urteil und Interpretationen kategorisch wahr sind.

6.2.4.2 Ermutigung zur Selbsthilfe: You can do it

Statt Ermahnungen und Drohungen vor schlimmen Folgen, wird in Winfrey positives Denken geübt, und Ermutigungen und eindringliche Appelle, an die Möglichkeit des Erfolgs zu glauben, artikuliert:

Die Appelle sind prosodisch durch Fokusmarker und Akzente gekennzeichnet, ebenso erhalten sie durch die Wiederholung eine Note von Eindringlichkeit, aber auch sie sind in einer unpersönlichen Form gehalten: it can be done, nicht you can do it. Der nicht-intervenierende Stil kommt auch an affektiv aufgeladenen Stellen zum Tragen (HOST spricht von ihren eigenen Erfahrungen und möchte sie weitergeben an "alle", konstituiert sich also als persönlich involviert).

Daß diese Appelle und kategorischen Feststellungen von HOST geäußert werden, verweist darauf, daß in Winfrey-Shows emphatische, nachdrückliche Äußerungen nicht Teil (und Aufgabe) des Experten-Diskurses [Seite 225↓]sind, sondern der Moderatorin vorenthalten bleiben. Es ist nicht das "business" von EX, gehört nicht zu deren kommunikativen Talkshow-Aufgaben (zu ihrem Job), involviert, emphatisch oder persönlich zu werden, sie haben sich auf die Informationsseite des Diskurses zu beschränken. Im aufgeführten Fall soll aber EX mit einer kleinen Pause (.5) und durch den (durch das parallel einsetzende Sprechen redundanten) tag stimuliert werden, ebenfalls ermunternde Worte zu finden. Eine Bewertung der Möglichkeit für GUE, "es auch zu schaffen", wird von EX mit einer zweiten, eskalierenden (noch mehr Bestärkung aufweisenden) Bewertung (it absolutely can be done) erwidert, die konversationell ein second assessments darstellt. Doch diese Emphase ist ein konversationelles Erfordernis, kein Abweichen vom professionellen Diskurs der Expertin: Bewertungen (it can be done!) konstituieren action-chains im Gesprächsablauf, sie machen als nächsten Beitrag eine zweite Bewertung relevant, die die erste Bewertung von SprecherIn A bestärkt. Konversationell relevant sind sie deshalb, weil im Falle ihrer Abwesenheit SprecherIn A mit der ersten Bewertungshandlung davon ausgeht, daß ihr Ausgangsurteil durch SprecherIn B in Frage gestellt wird (Pomerantz 1984:61). Sofort nach Erfüllen dieser konversationellen Konvention, wechselt EX zurück in den sachlichen Stil, der sich durch die Angabe von Prozentzahlen und den indefiniten Gebrauch der Personalpronomen definiert.

Der Expertendiskurs ist hier durch einen sachlichen (vgl. Aufzählungen, Zahlen, Klassen als Nomen usw.), distanzierten und nicht-personalisierenden Stil geprägt, Einwirkungen auf die Adressaten werden vermieden, Möglichkeiten aufgezeigt, denkbare Fälle angesprochen, und die individuellen Erfahrungen der Gäste stellen nur Ausgangspunkte für weitergehende Ausführungen dar, sie werden nicht definiert, zerlegt und vorgeführt wie in der Vergleichstalkshow Rolonda.

6.2.4.3 Zum Verhältnis HOST-EX: Konkurrente Solidarität in Winfrey

Das Verhältnis von HOST und EX in Oprah Winfrey ist ambivalenter und weniger deutlich hierarchisiert als die Untersuchungen zu Rolonda nahelegen. Die Moderatorin OW konstituiert EX aktiv als fachlich kompetente Sprecherin, ist jedoch selbst ebenfalls bemüht, ihre Sachkompetenz zu demonstrieren und sich als gleichwertig mit EX zu positionieren. Indem HOST sich als stellvertretend für das Publikum nachfragend oder kritisch an sie wendet, erhöht sie die fachliche Autorität von EX (ihr wird unterstellt, daß sie auch darauf eine Antwort weiß) und relativiert sie zugleich, insofern sie vorgeblich ernstzunehmende Einwände, die Menschen "wie du und ich" haben könnten, konstruiert. Gerade durch Verständnisnachfragen aber konstruiert sich HOST als fachliche Autorität, denn durch die in den Nachfragen implizierten Aufforderungen, ihren (EX) Diskurs zu vereinfachen, wird gleichzeitig auf die Technik und Kompliziertheit verwiesen, die diese Fachsprache hat, und um die [Seite 226↓]HOST weiß. So wird die so aufgeforderte Person als eine Person mit Fachwissen konstituiert, die gleichzeitig jedoch "wie eine von uns" reden soll: What's depletion depression? Describe the Lupus to us! What's mild versus serious? usw.

Die Strategie des Erhöhens und Relativierens der Autoritätsposition von EX durch Infragestellen bestimmter Aspekte im Namen der "Leute wie du und ich" wird am nächsten Fall illustriert:

In all diesen Fällen muß EX als Antwort Fachwissen artikulieren (sich als EX konstituieren) und wird gleichzeitig im Dienste der Durchschnittsbürger genötigt, sich verständlich auszudrücken. Die Moderatorin verwendet schnörkellose Fragen ohne Abschwächungen oder Höflichkeitsmarker und bittet nicht um Erlaubnis, etwas sagen zu dürfen. Das gibt den Interaktionen einen fordernden, geschäftlichen Unterton, der wiederum das Sachlich-Fachliche betont, aber auch auf ein Konkurrenzverhältnis zu EX verweist.

HOST zeigt auch hier die Neigung, sich selber als Sachverständige zu konstituieren und so in ein Konkurrenzverhältnis zur EX-Position zu treten. Sie erreicht sie dies z.B. durch die Anreicherung ihrer Fragen mit Spuren von Sachwissen:

In der Präsequenz zur Frage formuliert sie ihr Wissen darüber, daß Fachärzte häufig medikamentieren ohne nach den Ursachen zu forschen, und so Fehldiagnosen entstehen. Die Sprecherin stellt aus, daß sie etwas von der Sache versteht, ihr Verstehen jedoch Grenzen hat, weshalb weitere Informationen notwendig sind. Die Konkurrenz um das Sachwissen und Gleichwertigkeit ist noch ausgeprägter in folgenden Fällen, in denen HOST die Fachausführungen von EX unterbricht, um ihr eigenes "Wissen" einzubringen oder ihren "eigenen" Diskurs zu führen:


[Seite 227↓]

In allen Fällen entstehen Unterbrechungen durch konkurrentes (paralleles) Sprechen von HOST während des Beitrags von EX, das früher oder später zum Verstummen von EX führt. In einer Wiederaufnahme der Äußerung von EX wird dieser konkurrent eingebrachte HOST-Beitrag dann inhaltlich validiert (in den Beispielen durch fettgedruckte yes bzw. it does von EX angezeigt). In diesen Fällen sind die Unterbrechungen keine einleitenden Verfahren, konversationelle Reparaturen zu initiieren, z.B. um EX dazu bringen, etwas genauer auszuführen. Statt dessen handelt es sich bei den unterbrechenden HOST-Äußerungen um thematische Erweiterungen des laufenden EX-Beitrags (Bsp.a), oder um echoende Reformulierungen und Wiederholungen, angezeigt durch grammatische Parallelformulierungen (Bsp.b: you figure you're just). Jedesmal werden Elemente des EX-Beitrags aufgenommen und an Stelle von EX zu Ende formuliert. Wie konkurrent dieses Vorgehen ist, läßt sich dabei an der Unwilligkeit von EX, ihre Redezüge ganz abzugeben, ablesen: Sie beginnt ihren nächsten Beitrag ebenfalls durch Parallelsprechen mit HOST und zeigt so an, daß es ihr fachliches Terrain ist, auf dem sich HOST gerade breitmacht.

Im Fall c) drängt sich HOST nicht mit einem (vermeintlich) thematischen Anschluß an die laufende EX-Äußerung in den Beitrag, sondern mit weltanschaulichen Postulaten (it's the purpose of coming to the planet). So signalisiert HOST Kompetenz in Sachfragen und die Macht, ggf. auch Sachfragesequenzen mit eigenen philosophischen Betrachtungen unterbrechen zu können. Sie konkurriert mit EX nicht nur um Redezüge, sondern auch um inhaltliches Wissen und die Macht, den Diskurs zu lenken. Eine Interpretation als Konkurrenz ums Rederecht ist jedoch insofern einzuschränken, als EX in jedem Fall nach der Unterbrechung weiterreden kann - HOST möchte den floor offenbar nicht für sich reklamieren, sie beläßt es bei einem Einwurf. So könnte man argumentieren, sie wolle sich nur als Ko-Expertin ausweisen, das EX-Wissen jedoch nicht überbieten.

EX begegnet diesen konkurrenten Redezügen jedesmal mit einer Bestätigungshandlung - und zwar mit inhaltlichen Bestätigungen (agreement), nicht nur mit Bestätigungen, daß sie die Unterbrechung akzeptiert (acknowledgement tokens). Sie erwidert exactly bzw. mit einem Echo der Aussage (crying all the time) oder mit einer zustimmenden Reformulierung von [Seite 228↓]HOST-Einwurf (you think you're even more inadequate, yes.). EX verleiht dem konkurrenten Verhältnis eine neue Note, indem sie den Einwurf als sachliche, korrekte Äußerung qualifiziert und explizit rückbestätigt, wodurch zum einen der interaktionell unkooperative Akt der Unterbrechung als legitim und in ihrem (EX) Sinne ratifiziert wird, und durch die explizite Ratifizierung der potentiell gesichtsschädigende Akt des Unterbrechens (der das negative Gesicht der Adressatin/EX bedroht, weil es ihr Recht, sich ungehindert zu äußern, einschränkt) als willkommene Bereicherung ihrer eigenen Ausführungen redefiniert. HOST wird also mit ihrer Hilfe als Ko-Expertin konstituiert. Das so eher als solidarisch-konkurrent denn autoritätslegitimierend zu beschreibende diskursive Verhalten von HOST/OW reflektiert auch die Anredeform. EX wird von HOST und GUE beim Vornamen genannt und ohne akademische Grade tituliert.

Es gibt dennoch Momente, in denen die (solidarisierende) Konkurrenz in (konkurrente) Solidarität umschlägt, in denen beide im Einklang und interaktionell tatsächlich auf gleicher Stufe stehen. Das geht einher mit einem Wechsel in den konversationellen Modus, in dem Anschlußhandlungen nicht durch eine vorangehende Frage oder andere Realisierungsformen eines ersten Teils von Adjazenzpaaren bedingt werden, sondern aus freien Stücken, oft begleitet von phatisch motivierten Prozessen des Ausstellens von Gemeinsamkeit erfolgen:

Der Beitrag von EX findet nach Abschluß einer autobiographisch gefärbten Erzählung von HOST statt. Durch die persönliche Erzählung war der institutionelle Interview/Abfrage-Rahmen zeitweilig aufgehoben und konversationelle Konventionen des informellen Gesprächs mit egalitären Teilnehmerpositionen wurden vordergründig. Persönliche Erzählungen bedingen konversationell eine Anschlußäußerung des Adressaten, welche die Erzählung entweder durch Kommentare das "Verstehen der Pointe/Quintessenz" artikuliert, oder als Nachfrage erkennbar ist, die auf das Verstehen der Pointe ausgerichtet ist, ohne das eine Erzählung interaktionell nicht als abgeschlossen gilt (vgl. recipient's display of understanding: Sacks [Seite 229↓]1974:339). Der Ausruf von EX Isn't that utterly remarkable könnte als eine Dokumentation von Verstehen gelten, da sie darin bewertend (ihr Verstandenhaben ausdrückend) Stellung nimmt. HOST interpretiert die Sprechhandlung zumindest so; sie scheint den Ausruf auf ihre Darstellungen zu beziehen (I went nowhere etc.) und interpretiert ihn als Ausruf des Erstaunt-Seins darüber. Jedenfalls ließe sich so HOSTs Yeah well yes erklären. Sie zeigt dadurch auch Skepsis gegenüber der (vermeintlichen) Bewertung von EX an, da sie (HOST) es nicht so bemerkenswert findet. Doch EX hat Eigenes im Sinn, ihr Ausruf ist weniger ein Nachlauf zur Erzählung (wenngleich er an dieser Stelle als Evaluation der Geschichte ein adäquater Beitrag wäre); er ist vielmehr Vorläufer ihrer eigenen Ausführung bzw. Engführung auf einen Punkt in der Geschichte von HOST (nämlich des Frustschlafens, das sie zum Frustessen überleitet). Durch das von HOST artikulierte Rückmeldesignal uhum positioniert sich diese nun ihrerseits anschließend als Zuhörerin von EX und gibt so implizit ihr Einverständnis, im chat- bzw. konversationellen Modus zu bleiben. Danach schließt HOST (wieder konkurrent durch Unterbrechen) ihre subjektiv formulierte Erweiterung an: I ate my way through it too. Durch das Adverb too zeigt sie an, daß sie sich mit dem our der EX-Äußerung identifiziert, und die Formulierung expliziert zudem in den Konventionen konversationeller Erzählungen die Quintessenz der Umschreibung von EX waste our lives in the refridgerator. EX wiederholt diese HOST-Äußerung nun wörtlich, signalisiert Gleichheit auch auf der Ebene persönlicher Erfahrung. Nun sprechen sie im Duett, sind in Worten und Erfahrungen kaum mehr voneinander zu unterscheiden. Die nahtlose (leicht überlappende, aber immer an übergaberelevante Stellen orientierte) Übergabe der Redezüge reflektiert dabei den Einklang, in dem sie inhaltlich stehen, der schließlich in gemeinsamem Lachen kulminiert.

Der soziale Abstand wird an dieser Stelle als minimal konstruiert, sie haben sich angeglichen und den Diskurs durch die Eröffnung (und gemeinsame Nutzung) des konversationellen Rahmens enthierarchisiert, der durch die persönliche Erzählung von HOST zu Beginn bereits eingeleitet wurde. So wird durch diskursive Praktiken (Rahmenwechsel, Evaluierungshandlungen usw.) die Autorität von EX in eine Verwandtschaft mit HOST transformiert. Der Kürze halber werde ich auf die Analyse weiterer Beispiele verzichten, verweise aber z.B. auf Depression 283-297 als einem weiteren Duett zwischen HOST und EX in den Transkripten, das für autoritäts-relativierende Verfahren von HOST/OW stehen kann.

Aus den Darlegungen und Diskussionen in diesem Kapitel geht hervor, daß die Experten-Diskurse, die in den beiden Show-Reihen jeweils geführt werden, unterschiedlich strukturiert sind. In der einen Show (Rolonda) werden ExpertInnen als personalisierte und personifizierte Autoritäten eingeführt und im Verlauf des Gesprächs immer wieder als hierarchisch dominierende Stimme rekonstituiert. Das Ungleichverhältnis zur diskursiven Position der Gäste artikuliert sich in unterschiedlichen interaktionellen Verfahren und über die [Seite 230↓]Verwendung spezifischer, in ihrem Zusammenspiel wirkmächtiger linguistischer Mittel: von der Verwendung unabgeschwächter Imperative über Inszenierungen diskursiver Dressurakte und affirmierende Übernahmeakte fremder Definitionen und Perspektiven, Verfahren des Vorsprechens und Soufflierens und Strategien der diskursiven Entmündigung des Alltags-Subjekts (in der GUE-Position). Auch das Verhältnis von HOST zu EX in Rolonda reflektiert die Setzung und Anerkennung von EX als höchster Autorität durch HOST-Akte der Zurücknahme ihrer eigenen Kompetenzen und Rechte zugunsten einer dominanten Diskursposition von EX. Verstehen und Lernen durch das Erteilen von "Lektionen", direkte Intervention und belehrende Akte von EX in hierarchisch organisierten Sprechsituationen sowie eine ehrerbietige Haltung von HOST zu EX und von HOST trotz umfassender Steuerungsmöglichkeiten uneingeschränkt ratifizierte Tadel- und Ermahnungshandlungen seitens des Studiopublikums konnotieren einen durch die Leitmotive von Hierarchie und Autorität strukturierten Diskurs. Beratung artikuliert sich als die Pflicht des Subjekts zur Übernahme von Normen und zum dressurähnlichen Einüben des richtigen (kommunikativen) Verhaltens.

Der Vergleich mit den Winfrey-Shows zeigt, daß die gleichen Teilnehmerkonstellationen und die gleiche Zielrichtung (Ratgebersendung) auch anders artikuliert werden können und eine andere ideologische Basis aufweisen: die des nicht-autoritär gelenkten, zur Selbsthilfe ermutigten Subjekts der Talkshow. Bei Winfrey wird ein eher entpersonalisierndes Verhältnis zwischen EX und GUE konstituiert, innerhalb dessen die Erfahrungen der individuellen Gäste aufgenommen werden, diese aber nur als Ausgangspunkt für allgemeine Ausführungen dienen. GUE stehen nicht als Objekte der Blicke und der Worte im Mittelpunkt (zumindest nicht über das durch das visuelle Medium vorgegebene Maß), und Inszenierungen von Einsicht und Affirmation einer Autorität sind in den vorliegenden Daten nicht zu finden. Im Verhältnis von EX zu HOST sind konkurrente, aber auch solidarische Züge zu erkennen, die auf eine enthierarchisierte Position der Ähnlichkeiten zwischen EX und HOST verweist, die die eine übergeordnete Stimme der Autorität in diesem Diskurs nicht vorsieht. Es ist ein nicht-intervenierender, nicht auf die Be- oder Abwertung einzelner gerichteter Diskurs, der seine SprecherInnen weder individuiert noch die Blicke auf ihre Besonderheiten richtet, sondern sie in ihren generalisierbaren Aspekten vorstellt und zur Sprache bringt. Es ist deswegen noch kein gleichberechtigter kommunikativer Umgang, aber einer, der zu den (gewiß immer einem Blick ausstellenden) Bedingungen von TV-Talkshows die spektakulären Aspekte des Ausstellens und diverse Möglichkeiten, den Blick auf einzelne zu justieren, nur sehr gering ausschöpft. Das Alltagssubjekt wird hier zugleich deindividualisiert und durch Informationszuwachs ermächtigt, für sich selbst verantwortlich zu handeln. Der unterlegte Imperativ dieses Diskurses ist "(Er)-Kenne dich selbst", Beratung artikuliert sich als "emanzipierender", zur Selbsthilfe ermächtigender Informationszuwachs. Aber noch einmal: Es geht in den vergleichenden Analysen um das Herausfiltern grundsätzlicher Optionen und Operationen im Talkshowdiskurs in Präsentation und Umgang mit dem [Seite 231↓]Alltagssubjekt, die jeweils bestimmte ideologische Effekte haben (denn auch das selbstermächtigte Subjekt ist eine ideologische Setzung, wenngleich eine, die in der westlichen Welt Konsens ist und auf breite Akzeptanz stößt, somit selbstverständlich erscheint), keinesfalls jedoch um eine unterstellte oder abschließende Bewertung und Bevorzugung der einen oder anderen Talkshowreihe. Es könnte immerhin möglich sein, daß es viele andere Winfrey-Shows gibt, die sich nicht durch die hier erarbeiteten Konfigurationen diskursiver Merkmale auf unterschiedlichen Ebenen und den hier analysierten ideologischen Effekten dieser diskursiven Konfigurationen auszeichnen.

6.3 Zuschauerpositionierungen

Anders als bei den diskursiven Subjektpositionen der Studioteilnehmerkategorien, gibt es zur Position des Zuschauer-Subjekts (VIEW) keinen direkten Zugang, sie kann nur durch durch direkte Adressierungen an die Kamera (stellvertretend für Zuschauer) oder durch die Analyse impliziter Bezüge auf VIEW abgeleitet werden. Der Unterschied zu dialogischen Konstitutionsprozessen in einer reziprok strukturierten Situation ergibt sich durch die fehlende Sichtbarkeit und den Mangel an Möglichkeiten des "Zurückfunkens" der Zuschauer (Brecht). Wenn im folgenden also von Zuschauerpositionen gesprochen wird, sollen damit die im Diskurs der anderen (HOST, EX, GUE) eingeschriebenen Positionierungsangebote gemeint sein, der Nachweis, ob und wie diese Angebote vom empirischen Rezipienten angenommen werden, muß die Analyse schuldig bleiben. Es lassen sich jedoch Tendenzen in bezug auf die Konzeption der RezipientInnen aus diversen Diskursstrukturen und -strategien folgern. Ich werde mich im letzten Analyseabschnitt vor allem mit expliziten, auf das Publikum vor dem Bildschirm gerichteten Adressierungsverfahren befassen und auf Parallelen zu den Ergebnissen der vorangegangenen Untersuchungen verweisen.

Die Beziehung zum Zuschauer ist in daytime Talkshows immer emphatisch-familiarisierend konstruiert, und wird, anders als in fiktiven Mediendiskursen oder in dokumentarischen Genres, an vielen Stellen explizit thematisiert. Die Funktion einer emphatischen Ausrichtung ist es, eine Komplizenschaft zwischen HOST und VIEW herzustellen, die J. Feuer (1983) als "televisual way of living the ideology of the family" bezeichnet (zit. nach Fiske 1987:57). Diese Familienideologie, die den meisten Unterhaltungssendungen inhärent ist, postuliert und reproduziert fortwährend eine Atmosphäre des "Wir-sind-alle-gleich" und "Teil einer großen Familie" (die Familie als individuelle, idealisierte Kernfamilie vor dem Fernseher, die Familie als Show-Familie der Sendung plus Zuschauer sowie die Nation als Familie). In [Seite 232↓]den Shows werden "wir" in der vertraut-familiären Sprache angesprochen, die wir "von zu Hause" kennen, wo die Shows auch – so wird unterstellt – konsumiert werden.

Unter einer ideologischen Perspektive hat die vertrauliche Art der Adressierung die Funktion, über die strukturell ungleiche Positionierung von Show-Personal und Zuschauer hinwegzutäuschen. Das ungleiche Verhältnis zwischen "uns" als Zuschauer und "ihnen" als Produzenten der Show ergibt sich durch die einseitige Kontrolle über die Abläufe in den Shows, die ausschließlich auf Produzentenseite liegt. "Wir" sind nie so "wie sie", weil "sie" den Diskurs lenken. Verstärkt wird die Einseitigkeit durch die fehlende Reziprozität - wir–werden angesprochen, können jedoch nicht selbst reden. In einigen kurzen Analysen soll nun dargestellt werden, welche Formen der Anrede von VIEW verwendet werden, wie sie strukturiert sind und welche Effekte sie für die Position der Zuschauer möglicherweise haben. Es geht also weniger um die rekonstruktive Analyse der Konturen von VIEW als um die systematischen Versuche der Talkshowproduzenten (verkörpert durch HOST), Gemeint-Sein-in-bestimmter-Hinsicht zu provozieren, die als Reflexe des (unterstellten, idealen) Zuschauers aufgefaßt werden.

6.3.1 Anredemodi

Der Begriff der Anredemodi bzw. Modes of Address bezieht sich auf die (em-) phatische Funktion medialer Diskurse, die diskursanalytisch als Positionierung der und Beziehungsangebot zu den (abwesenden) Zuschauern der Programme spezifiziert wird. Unterschiedliche Formen der Anrede (des Angesprochen-Werdens) durch das jeweilige Programm verweisen auf Vorstellungen der Sendungsmacher über den "gemeinten" Rezipienten und "idealen" Zuschauer.

[T]he notion of 'mode of address' ... allows us to specify, at a formal level, the way in which the television text is always constructed as continuously there for someone. The differing identities posed in these interpellations (child, citizen, hobby enthusiast, consumer, etc.) and the overlapping and contradictory ways in which we are called to watch from one of many sites. (Brunsdon 1990:149)

Direkte Bezugnahme auf ein Publikum (und der Effekt der Zuschauerbindung, der davon abgeleitet wird) als phatische Funktion von TV-Diskursen stehen in den An- und Abmoderationsphasen der Talkshows, die jeden Sendeblock rahmen, im Vordergrund. Phatisch ist, was im Diskurs explizit oder implizit auf das Medium und auf den (psycho-sozialen) Kontakt zwischen Teilnehmern ausgerichtet ist.

In Talkshows übernehmen die Moderatorinnen phatische Funktionen, indem sie die ZuschauerInnen zuhause "direkt" ansprechen und dabei in die Kamera blicken, bisweilen auch deiktische Gesten dorthin richten (z.B. einladende, ausgestreckte Arme mit nach oben gekehrten Handflächen auf die Kamera hin). Die Absicht der Moderation ist dabei, "sie" und "uns", das [Seite 233↓]Publikum und die Programmacher/die Sendung als Einheit, die Kommunikation als geschlossenen Kreislauf zu konstituieren:

[T]he relationships which are established between programme and audience, which set the viewer in place in a certain relation to the discourse ... are sustained in the mechanisms and strategies ... of the presenters, who have a key role in anchoring those [subject] positions and in impersonating - personifying – them ... Their linking/framing discourse ... re-positions "us" into - inside - the speech of the programme itself, and sets us up in a particular position of "knowledge" to the programme by positioning us with "the team"; implicating "us" in what the team knows, what it assumes, in the team's relationship with each other, and the team's relation to ... the audience. (Brunsdon/Morley 1978:22)

Die Bezugnahme auf Zuschauer und die fortlaufende Herstellung neuer Beziehungsangebote an ein Publikum realisieren die phatische Funktion von TV vis-à-vis der Rezipienten (Wulff 1993). Analysiert werden nun einige phatisch motivierte Diskursstrategien, die das Publikum vor dem Bildschirm in Beziehung zum Talkshowdiskurs setzen. Die beziehungsorientierten Operationen sind eingebettet in interaktionelle Verfahren, welche Rezipienten als ein Gegenüber, als Dialogpartner, ganz allgemein daher als Subjekt zu positionieren, die aufgefordert sind (denen nahegelegt wird) bestimmte Identifikationsangebote und Perspektiven ein- und anzunehmen, die die Rezeption der Showgeschehnisse sinnhaft erscheinen lassen.

Es gilt die Konvention, daß nur HOSTs den nicht-reziproken, aber durch den Blick in die Kamera doch direkten Kontakt zu VIEW etablieren können. Für alle anderen Positionen scheint die Regel zuzutreffen, beim Sprechen nicht in die Kamera zu blicken. Da HOST dieses Vorrecht des direkten Blicks/der direkten Ansprache von VIEW mit den - zwischen den Sendeblöcken laufenden - Werbekommunikatoren teilt, ist die Verortung der direkten Ansprache an Anfang und Ende eines Sendeblocks auch ein probates Mittel, Kontinuität und Kohärenz zwischen diesen beiden unterschiedlichen TV-Texttypen zu schaffen. Durch die Parallelität von Werbung und Show auf der Ebene der direkten Adressierung, wird der Übergang zwischen Werbung und nächster Gesprächsrunde geschmeidig und fließend.

6.3.1.1 Ideologischer Effekt der direkten Anrede: Gemeint-Fühlen durch die Rekonstruktion einer face-to-face Situation

Kennzeichnend für die Ein- und Überleitungsphasen ist die Simulation einer unmittelbaren, persönlichen und reziproken Interaktionssituation mit dem VIEW auf dem unpersönlichen Bildschirm. Dies wird erreicht durch den direkten Blick in die Kamera (und durch weitere Besonderheiten des Sprachgebrauchs an dieser Stelle, auf die weiter unten eingegangen wird), der durch diesen Wechsel im footing der Moderatorin eine Verschiebung der diskursiven Achse vom inneren Kreis des Studios zum äußeren Kreis der Interaktionen zwischen Sendung und VIEW darstellt. Durch eine solche Rekonstruktion einer face-to- [Seite 234↓] face Situation, die die Grenzen zwischen Alltag und Medium zwar nicht auflöst, aber dennoch weicher macht, wird eine Intimisierung des Zuschauerkontakts erreicht und die Illusion von einer Person, die "mich anspricht", deren Angesicht mir zugewandt ist, geschaffen. HOSTs lernen während ihrer Ausbildung zum Medienarbeiter als erstes, mit der Kamera so zu interagieren, als sei sie ein Mensch, keine technische Apparatur: "When you look into the camera, you have to believe that it is not a camera at all, not a dead object like a stone or a building, but something alive." 49

Dadurch wird der Eindruck von Unmittelbarkeit und "Hyperrealität" erzeugt, auf die bereits Berger/Luckmann allerdings im Zusammenhang mit reziprok strukturierten face-to-face Interaktionen hingewiesen haben: "This reality is part of the overall reality in everyday life, and as such massive and compelling ... Indeed, it may be argued that the other in the face-to-face situation is more real to me than I myself" (1967:29).Es handelt sich hierbei um das merkwürdige Phänomen, daß "der andere" mir im Kontakt von Angesicht zu Angesicht überwältigend wirklicher erscheint als ich mir selbst. Noch die Simulation dieser primordialen Wirklichkeitserfahrung ist daher zwingend und überzeugend. Die uns aus der eigenen lebensweltlichen Erfahrung bekannte Situation, die auch die Basis für die alltäglichen Mikropraktiken der Subjekt-Konstitution darstellt, macht das nur simuliert-reziproke Geschehen für VIEW daher trotzdem sehr real und unmittelbar. Nicht weil die Inhalte der Aussagen authentisch oder real erscheinen, sondern weil der Modus eine Grundsituation repräsentiert, die für uns empirische Subjekte den Modus des unmittelbar Wirklichen repräsentiert.

HOST dominiert allerdings nicht nur die direkte Blickachse zum Zuschauer, sondern auch die zu den Positionen GUE und EX, und im Sinne von Berger/Luckmanns "Hyperrealitätseffekt" können sie als die 'wirklichste Erscheinung' der Show bezeichnet werden. Da alle anderen Teilnehmerkategorien weder Blick- und Anredekontakt mit Kamera (und VIEW) aufbauen, haben HOST das Blick/Anrede-Monopol, das ihnen garantiert, daß sie als "realste" Diskursposition erscheinen - sie sind für den Zuschauer in einem emphatischen Sinn präsenter als der Rest der TeilnehmerInnen.

Ein wesentlicher Grund, weshalb direkte Anrede und Blicke am Bildschirm einen größeren Wirklichkeitseffekt haben als z.B. Ereignisse, die wir mittels eines Druckerzeugnisses zur Kenntnis nehmen, ist folgender: Durch die Diskursivierung, durch die Sichtbarkeit einer Sprecherin, die mit "mir" spricht, wird das Geschehen nicht als Repräsentation von Wirklichkeit, sondern als Geschehen, als Akt in der Wirklichkeit wahrgenommen. Wenngleich die Wirklichkeit immer nur die des kurrenten Diskurses (der Show) ist. Der Showdiskurs aber ist epistemologisch zirkulär strukturiert, er verweist auf sich selbst, seinen Verlauf, seine Zeit und seine Protagonisten. Zeit wird nicht mit objektiven (empirischen) Daten gemessen, weder Uhrzeiten noch Datum genannt. Talkshow-Zeit ist fast immer "jetzt" im Unterschied zu "früher" oder [Seite 235↓]"später", gestern oder morgen. Die Protagonisten werden selten durch Daten aus der "wirklichen Welt" gekennzeichnet, umso mehr durch ihre Funktion im Diskurs: als Sprecher (a lady who's telling us about), als Gäste (our next guest), als Betroffene. Die Talkshow-Akte müssen sich so an nichts außerhalb ihres Kontexts messen lassen, sie stehen nicht für Tatsachen, sie sind Tatsachen des Talkshowdiskurses (vgl. auch Morse 1986:61ff.), und das steigert den Realitätseffekt für VIEW.50

Durch die Reproduktion solcher Primärprozesse der Sozialisation und Subjektkonstitution in den lebensweltlichen Erfahrungen der Rezipienten scheint die Bereitschaft zu wachsen, sich vom Diskurs einnehmen zu lassen. Talkshows sind weder fiktionale noch dokumentarische Diskurstypen, sondern sie sind diskursiv strukturierte mediale Produkte, hybride Genres, die uns diskursiv als direkte Gesprächspartner positionieren, aber trotzdem Repräsentationen des Mediums sind. Als Rezipient liest oder entziffert man sie nicht in derselben Weise wie einen Kinofilm oder Roman. Viel eher geben sie sich Ereignischarakter, präsentieren sich als diskursive Ereignisse, denen man beiwohnen kann (als Zaungast). Deshalb ist der Rezeptionsmodus auch ein anderer, man beobachtet ein Geschehen, das sich vollzieht, auch wenn ich nicht hinschaue, wenn ich mich wegwende. Auch das macht es so real.

Die Realitätseffekte der Kamerablicke und der direkten Anrede sorgen für eine starke Einbindung von VIEW in den Diskurs der Talkshow, sind aber nicht die einzigen Verfahren bzw. Ebenen, auf denen sich diese Einbindung vollzieht.

6.3.2 Pronomengebrauch: "Wir" und die Show

In den publikumszugewandten Phasen der Shows ist eine Dominanz im Gebrauch des Personalpronomens der ersten Person des Plurals auffällig. Wer genau jedoch die Referenten dieses Pronomens sind, ist allerdings oft schwer zu entscheiden. Die Daten verweisen auf fünf unterschiedliche We-Kollektionen:

  1. WE = HOST/Sprecher (royal we)
    We're gonna talk to her later but first I wanna talk to these women../Depression 13
    I´m concerned about Seth ... and of course we're concerned about Brittany/Crisis 706ff.
    Plucky why should we care about what you're feeling? ...but I WANT to care Plucky/Girls 127+129
    We're going to spend the next hour with...that's why I'm spending this hour with you!/Girls 130-1[Seite 236↓]
  2. We = HOST + Team
    We're coming to you live once again today from Los Angeles/Girls 26
    ..what our cameras saw is exactly what she gets day in and day out/Crisis 48ff.
    ..we gave everybody in this audience a quiz to determine.../Depression
  3. We = HOST und (alle) Ko-Interaktanten im Studio incl. GUE und EX
    We'll be back in a moment (Grenzfall zu HOST + staff); we're going to work through this; we're gonna change that in a second; we're talking today about...
  4. We = HOST und Rezipienten der Show - VIEW, die Öffentlichkeit
    Help me, help us help this country care about you Plucky!
    What is happening folks in this land that we call America our country that even little girls..
    For many of us it's the way we express anger...
    ..a therapist later on who is going to give us all some tips; ..and all of us who are struggling;
  5. We = you, GUE (nurse we, nicht-egozentrisches Wir)
    Let's reform our vocabulary so that we can hear your stories
    We're gonna change shotup..to the possibility that you can tell this man.. (Anm: shotup und telling bezieht sich auf Aktivitäten von GUE, nicht der Sprecherin)

Quantitativ ergibt eine Auszählung der beiden Showreihen, daß HOST/Rolonda in diesen Phasen doppelt so oft "we" gebraucht (und die Ableitungen us, our): 83 (Rolonda) :39 (Winfrey). In den meisten Fällen ist damit ein "wir, das Showpersonal, wir von Rolonda (oder von Winfrey)" gemeint. Dieses "wir" hat eine egozentrische Dimension, die sich in der Möglichkeit des Ersetzens durch das Pronomen "ich" (ausgesprochen von HOST) reflektiert, ohne pragmatisch oder semantisch Verwirrung zu stiften. Es bleibt allerdings gleichzeitig vage genug, um entweder nur HOST (als eigentliches Zentrum der Show), HOST und ihr Produktionsteam, oder alle miteinander im Studio, alle Teilnehmerkategorien inklusive der HOSTs zu meinen. Aufgrund der Analyse semantischer Implikationen der im Gebrauchskontext der Shows mit we verbundenen Verben, die häufig eingrenzen, welche Handlungsträger als Referenten in Frage kommen, kann behauptet werden, daß VIEW viel seltener als zu erwarten wäre im we mitgemeint sind. Die Verben, als deren Satzsubjekt we fungiert, repräsentieren in der Regel Handlungen, die sich nicht auf VIEW beziehen können: talk to, work through, change, talk about, be back, come back usw.

Im Rahmen von Interaktionen mit GUE weist HOST/Rolonda darüber hinaus dem Show-we Verbalkomplexe zu, die übertrieben oder unsinnig klingen, weil unser Weltwissen dagegen spricht: we want you to be happy, we're gonna work through this, we know this is painful, we're concerned about Brittany, we want to care for you. In diesen Fällen wird die Identität von We und I = HOST unüberhörbar - z.B. im Ausruf: we know it's painful! mit dem HOST/Rolonda eine GUE auffordert, trotz ihrer Tränen weiterzureden. D.h., es wird in einem sehr prekären, auf die psychische Unterstützung eines Gasts ausgerichteten Moment geäußert, in dem Individuum zu Individuum spricht, und also die Stimme eines Kollektivs ungewöhnlich und deplaziert wirkt. Über Gefühle kann nur jeder selbst Bescheid wissen, daher klingt "wir" in diesen [Seite 237↓]Kontexten merkwürdig. Sein Erscheinen an dieser Stelle im Diskurs aber weist auf ein außerordentlich großes Bemühen von HOST/Rolonda hin, permanent "wir"-Kontexte zu etablieren, auch wenn sie nicht stimmig sind. Es verweist auch auf die Personalisierung der Institution TV selbst hin, d.h. auf den Versuch, das Fernsehen in Form der jeweiligen Show (und dort durch ihre Verkörperung durch HOST) zu personifizieren, der Institution Eigenschaften von Menschen zuzuschreiben: we are concerned, we want to care, we want you to be happy - wäre es Rolonda persönlich, die diese Dinge im Innersten fühlte, und wollte sie, daß die RezipientInnen dies so verstehen, dann würde sie in all diesen Fällen umstandlos und ohne semantisch-pragmatische Fallstricke das Pronomen "Ich" setzen können. Daß sie es nicht tut, läßt ahnen, daß sie in solchen Momenten auch "unser" Sprachrohr sein und uns mit dem "wir" in den intimen, heimelig-menschelnden Kontakt, der zu GUE aufgebaut wird, einbeziehen möchte.

Ähnlich verhält es sich mit den Kombinationen we're gonna work through this, we're gonna get to the root of it u.ä., die seltsam klingen, weil ein Durcharbeiten im hier gemeinten Sinn aus dem psychoanalytischen Bereich stammt und auf eine sehr intime, eben keinesfalls öffentliche Beziehung zwischen Patient und Therapeut verweist. Selbst wenn man das Öffentlichmachen hinnähme, käme für ein solches Vorgehen höchstens EX, die Psychologin, in Frage, nicht die "Wir"-sagende Sprecherin (HOST). So kann we nur verstanden werden, wenn man die Show wiederum als Ganzes als "work-through"-Partner interpretiert und auch damit wiederum der Institution personalisierende Attribute und psychisch-mentale Fähigkeiten andichtet. Ich möchte behaupten, daß das Fernsehen in der Verkörperung bzw. Gestalt von Rolonda uns hier von seiner "allzumenschlichen" Seite anspricht und zu seinem Gegenüber macht, nicht HOST als Individuum.

Nur bei Rolonda gibt es Fälle, in denen VIEW in das "wir" eingeschlossen werden. Sie kommen im Gespräch zwischen HOST und GUE vor und werden dort in Kombination mit Abstrakta verwendet, die so "mythifiziert" werden (wenn man unter Mythifizierung u.a. den Vorgang der Personalisierung von Abstraktionen verstehen kann): help us help this country care for you, Plucky! What is happening folks in this land that we call America, our country!

Weiterhin fällt auf, daß VIEW von HOST/Rolonda immer dann in ein "Wir" eingeschlossen wird, wenn es darum geht, Ratschläge und Hilfe anzunehmen: she's going to give us all some tips; help x..and all of us struggling with ..&c. ...cause we have to teach people how to love us; we have also to talk about our influence that our anger is having on our kids; we have to recognize that anger is a natural emotion all of us go through this it's HOW we express it that we have to learn..

Insgesamt läßt sich bei HOST/Rolonda eine Tendenz feststellen, VIEW entweder in eine (mythisch erhöhte) Gemeinschaft der TV-Schauer, Nachbarn und Landsleute einzuschließen, oder von einer (nicht weniger mythifizierten) [Seite 238↓]personalisierten Institution in den Dialog einzubinden. Beides sind auch Kennzeichen autoritärer Strukturen, die das Individuum als Teil einer (überhöhten) größeren Gemeinschaft setzen. Dieser Mosaikstein fügt sich zu den Analysen der Interaktionen zwischen GUE und EX bzw. HOST und EX in Rolonda aus den vorigen Kapiteln, in denen ebenfalls interaktionelle und linguistische Korrelate zu Merkmalen autoritärer (auch: disziplinierender) Diskurse festgestellt wurden.

HOST/Winfrey verwendet seltener "wir", meistens in Verbindung mit Verben der Interaktion (we're gonna talk) und mit Überleitungsfloskeln wie we'll be back vor den Werbeblöcken, oder wenn das Pronomen ausdrücklich auf Mitglieder des Produktionsteam verweist: we gave everybody in the audience a quiz. Mythifizierende und intimisierende Einbindungspraktiken fehlen weitgehend in den untersuchten Daten, "we" verweist meistens eindeutig auf das Team der Showmacher bzw. egozentrischer auf HOST als deren Kopf.

6.3.3 You als direkte Anrede

Quantitativ gesehen dreht sich im Gebrauch des Pronomens "you" mit dem Zuschauer als Referenten das Verhältnis von Rolonda und Winfrey um. HOST/Rolonda vewendet nur halb so viele explizite "you", um auf VIEW zu verweisen als HOST/Winfrey (13:26). Die wenigen "you", mit denen HOST/Rolonda ihre Zuschauer direkt adressiert, werden dabei in distributiver Funktion verwendet. D.h., you bezieht sich auf vereinzelte, individuelle "you" vor dem Bildschirm: each one of you – "auch Ihre Familie könnte gemeint sein, auch SIE könnten das Opfer sein". Das intimisiert den Kontakt zwischen Institution und Rezipient und korreliert mit einer "vermenschlichten" Institution TV, die unter dem Aspekt der Verwendung des Personalpronomens we bei Rolonda bereits festgestellt wurde. Beides zusammen konstituiert ein Verhältnis zwischen Insitution als vermenschlichte "Big Sister" (im Falle der Talkshow und ihrer weiblichen HOSTS) und dem vereinzelten Individuum, das von der Institution "ausgesondert", gesondert bedacht und dementsprechend unmittelbar, nicht im Schutze eines Kollektivs, angesprochen wird.

Das geht einher mit der (im Vergleich mit OW-Shows auffälligen) Abwesenheit von Identifikatoren der "you"-VIEW in ihrer medialen Funktion. HOST/Winfrey erweitert die Pronomen zu einer Phrase z.B. wie in der Formulierung all of you watching; I want you at home to take the quiz &c., wobei "watching" oder "at home" VIEW in ihrer medial definierten, nämlich in der Zuschauer-Tätigkeit näher bestimmen und so in ihrer institutionellen Funktion identifizieren. Fernsehdiskurstypen wie Talkshows transportieren ihre mediale Situation reflexiv mit, insofern sie sich als Text im Kontext einer Rezeptionssituation thematisieren: Sie präsentieren sich als Text im Fernsehen, die für ein Publikum gemacht sind. Auch selbstreferentielle Bezüge von TV auf das "TV-Sein" erfüllen phatische Funktionen, da sie das Geschehen als "Text [Seite 239↓] für Publikum" ausstellen (Wulff 1993:157). HOST/Rolonda vermeidet es meistens, VIEW in ihrem (realen) Verhältnis zum Fernsehen zu definieren (d.h. sie als Publikum, als Betrachter einer Show zu identifizieren), sondern baut auf personalisierende, familiär konnotierte Kommunikation von "Mensch zu Mensch".

Bei OW sind selten Fälle von distributivem you festzustellen. Ihre Rede bezieht sich auf eine Vielzahl nicht identifzierter you, der Gebrauch ist kollektiv - z.B. wie in all of you watching - VIEW werden als Kollektiv, als Masse, nicht als einzelne konstituiert. Dies korreliert wiederum mit den im letzten Kapitel festgestellten Tendenzen in diesem Talkshowdiskurs, die Ratschläge und Empfehlungshandlungen von EX mit unpersönlichem Gebrauch des Personalpronomens you zu verbinden, um nicht Einzelfälle, sondern Möglichkeit und Allgemeinheit hervorzuheben.

Anmerkung zu weiteren Auffälligkeiten beim Gebrauch der Personalpronomen

Auch im Verhältnis zu VIEW ist im Diskurs von Rolonda die Tendenz zu einem verfügenden (disziplinierenden) Stil der direkten persönlichen Bezugnahme und Vereinzelung anzutreffen, der auf Korrekturen von Fehlverhalten und Hilfsbedürftigkeit bzw. auf die dazu komplementäre Abhängigkeit von einer helfend einschreitenden Autorität ausgerichtet ist. Die Konstitution von EX als Autorität, die anderen gegenübergestellt wird, wird unterstützt durch den hochfrequenten Gebrauch des Personalpronomens "ich" von (verschiedenen!) EX in den hier untersuchten Shows (Ratio "ich"-Gebrauch EX/RO : EX/OW in Anger und Depression = 38 : 8!). In Rolonda-Shows wird EX als personale Autorität konstituiert, die aufgrund ihrer Persönlichkeit, nicht aufgrund einer Zugehörigkeit zu einer Profession, Wissen und Interpretationsmacht hat: Die Autorität ist eine Funktion ihrer Persönlichkeit - I know from my experience; I have a lot of experience; I'm not gonna make a diagnosis; I'm gonna tell you; I promise you; usw.

Im Unterschied dazu wechseln die Expertinnen bei Winfrey zwischen einer Position der Allgemeinheit, in der sie sich als Teil der vom Tagesproblem Betroffenen konstituieren, und einer Positionierung als Teil eines Expertenteams: zwischen "wir Frauen" und "wir Psychologen." Verwendungen von "ich" in der Rede der EX treten hingegen nur im Zusammenhang mit Meinungsverben als subjektive Modifikatoren (I think everybody can handle life.., so beginnt eine Widerspruchshandlung gegenüber HOST) auf. "Ich" wird damit nicht zur Konstruktion personaler Autorität, sondern zur Abschwächung von gesichtsbedrohenden Akten wie Widersprechen und Ablehnen verwendet, die die Gegendefinitionen so als persönliche Meinung (nicht als universell gültig) rahmen.


[Seite 240↓]

6.3.4  Expressive und reaktionserfordernde Sprechhandlungen in der nicht-reziproken Situation

Daß HOST/OW den ZuschauerInnen mehr Distanz und Abstand ermöglicht als HOST/RO, läßt sich auch anhand der unterschiedlichen Verwendung von sprachlichen Formen nachzeichnen, die auf den Ausdruck von psychischen und mentalen Zuständen der Sprecher referieren, und gleichzeitig an VIEW gerichtet sind. Durch die Äußerung solcher expressiver Handlungen (Searle 1976:12-3) wird eine Achse der Involviertheit und zwischenmenschlichen Nähe von HOST zu VIEW simuliert: I am concerned, that makes me nervous, I care about, sowie andere interpersonell motivierte Korrelate wie das Adressaten-einbeziehende "you know" (You know one thing I was just saying earlier..) und phrastisch gebrauchte Modalausdrücke wie "I mean" (I mean can you believe this?), "I think" und (rhetorische) Fragen, die den Umgang, die Ansprache an VIEW, die per se monologisch ist, mit Versatzstücken dialogischer Formen schmücken. Auch so wird nämlich "kommunikative Nähe und Vertrautheit von Sendepersonal/Showmaster und Publikum demonstrativ hergestellt" (Wulff 1993:157) das zur Intimisierung, zur verstärkten Einbeziehung des VIEW als unmittelbar-indidividualisiertem Gesprächspartner, zur zwischenmenschlichen Nähesimulation von HOST und VIEW beiträgt.

Einleitungssequenzen

HOST/Rolonda treibt die Nähesimulation und Personalisierung des Verhältnisses zu VIEW auf die Spitze, indem sie selbst ihre "autobiographischen" Enthüllungen an VIEW richtet (OW, die ebenfalls solche Passagen hat, enthüllt sich im Gespräch mit EX oder mit GUE, nicht jedoch dem Kameraauge gegenüber):

VIEW wird in den anhebenden Talkshow-Diskurs hineingeleitet, als handle es sich um eine persönliche Unterhaltung, die, so wird suggeriert, bereits "im Gange" scheint, wenn VIEW dazukommt (I was saying earlier und vgl. auch Anger 468: I was just talking to this young couple; Crisis 549ff.: uhm we're back, we're in the middle of talking here Kelly feels like she's the bad guy ... and [Seite 241↓] what we were trying to convince Kelly of is x). Dergestalt als neu hinzugekommener Gesprächsteilnehmer konstituiert, wird VIEW kurz auf den Stand der Unterhaltung gebracht - es geht um "verzeihen", um "lieben", Eltern, Kindheitserinnerungen, d.h., um persönliche, intime Themen. Die Rede ist gespickt mit umgangssprachlichen Redewendungen, die zur Übertreibung neigen (was ebenfalls ein Kennzeichen von Umgangssprache ist): love to death, never forgive, ladylike, the guys out in.., get away with it, tough time usw. Inhaltlich geht es von HOST über ihre Familie, ihre Freundinnen langsam über zu VIEW, der/die wiederum als einzelne, direkte AdressatIn durch die deiktische Gested des Arms, des Zeigens "auf mich" konstituiert wird. Aus den in einem Satz kontrastierten "I (am not) alone" und "you (in the same boat)" wird im nächsten bereits "many of us" und VIEW findet sich so unversehens schon mittendrin im Diskurs.

Im Vergleich dazu ein Exzerpt aus Winfrey:

Der entscheidende Unterschied scheint mir darin zu liegen, daß VIEW hier im Grunde nicht hineingezogen wird. HOST/OW kündigt kategorisch den Bezug der Show zu und den Nutzen für "jede Frau"51 an (vgl. Rolonda, die das Geschehen als "gerade laufendes persönliches Gespräch" rahmt): Postulate einer Verallgemeinerbarkeit und Gemeinnützigkeit des nachfolgenden Showgeschehens. Der Unterschied scheint mir im Verzicht auf eine persönlich-individualisierende Nähesimulation zwischen HOST und "you", einem als einzelne identifizierten, dem ganz persönlichen VIEW zu liegen. VIEW werden als Klasse "der Frauen" nicht mit "all of you women" oder "us women, we" adressiert, sondern in der unpersönlichen dritten Person: every woman. Durch den Blick in die Kamera und durch die Aufforderung, zu prüfen, ob frau Ähnlichkeiten mit GUE feststellt (see if you can relate) wird zwar ein direktes Verhältnis zwischen einem Publikum und einer Moderatorin etabliert, aber in gewisser Hinsicht bleiben die Adressaten als Masse und "everywoman" anonym. HOST konstituiert eine Distanz zwischen den emphatisch Gemeinten (every woman) und den you, die selbst entscheiden sollen, ob sie durch den Diskurs angesprochen fühlen. Die Rede postuliert keine "immer schon" vorhandene Nähe und VIEW wird nicht im selben Maß wie von HOST/Rolonda in ein simuliertes, personalisierend strukturiertes, vertrauliches Verhältnis von HOST-VIEW "hineingeredet". Die Vereinnahmung durch einen intimisierenden [Seite 242↓]Rahmen ist in Winfrey geringer, die Sprache deutlicher (assertorischer Modus, Aussagen beanspruchen hohe Wahrscheinlichkeit und Sicherheit), aber neutral ohne familiarisierende, umgangssprachliche Redewendungen, wenig hypotaktische Konstruktionen. Im Unterschied zu HOST/Rolonda, die fortwährend Satzeinschübe macht: x who I love to death but one thing; and I hear more of my female friends say y und so ein weiteres Merkmal der umgangssprachlichen, informellen und spontanen Rede reproduziert- nämlich das Mäandern und Abweichen in privaten Interaktionen, in denen es nicht um die Bewältigung von klar umrissenen Aufgaben geht, sondern um die Bestätigung von persönlichen Bezügen und bloßes Signalisieren von Anwesenheit, um die phatischen Funktionen von Sprache.

HOST/OW konstituiert also die Bezüge zu ihrem Publikum eher als ein Arbeitsverhältnis, das zwar lebensweltliche Strukturen reflektiert, Alltagssprache und eher zwanglosen Umgang favorisiert, aber sie versucht nicht, das Verhältnis im selben Maß zu intimisieren und persönliche Nähe zu simulieren wie ihre Kollegin.

Überleitungen

Auch die Sprechhandlungen in den Aus- bzw. Überleitungen der einzelnen Sendeblöcke zur nachfolgenden Werbung reflektieren eine je andere Umgangsweise mit dem unbekannten Zuschauer:

Rolonda impliziert VIEW in ein "Wir", welches belehrt und ermahnt wird, dem negative Konsequenzen drohen. In der darauf folgenden Äußerung wird es dann wieder als direkter, singulärer Dialogpartner zu einem eher persönlich sprechenden HOST konstituiert. Die explizite Betonung von you echot die auf "mich" gerichtete Armbewegung der Anfangssequenz, die ebenfalls auf VIEW im Singular, auf einen aus der Masse ausgewählten und vereinzelten Zuschauer verweist. Durch den Bezug auf die drastischen und gleichzeitig suggestiven (kill; affect family) Auswirkungen auf "Gesundheit" und "Familie" werden wiederum semantische Felder eröffnet, die zu den ganz privaten und nicht-öffentlichen Bereichen gehören. Der Zuschauer wird in seinem nächsten Umfeld signifiziert. Das hier ebenfalls verwendete "You all", die etwas distanziertere, vergemeinschaftete Variante des "you", ist nicht an VIEW gerichtet, sondern klar durch die körperliche Hinwendung zum Podium an die (nur in diesem Fall als Gemeinschaft, nicht als singuläre Fälle konstituierten) Gäste. Auch das bereits in anderen Zusammenhängen ausgewiesene Motiv des ihren Affekten und ihrer inneren "Natur" hilflos Ausgeliefertseins der Subjekte (an die irrationale Seite) steckt in dieser grammatischen [Seite 243↓]Personifizierung von "anger", dem Handlungen eines mit "Eigenleben" ausgestatteten Akteurs (kill, affect others) zugeschrieben werden.

Vergleichend nun eine Überleitung aus einer Winfrey-Show:

Das Pronomen "wir" referiert auf das Team der Showmacher, dem das kollektive You derer, die die Show ansehen, gegenübersteht. Wieder werden VIEW und HOST als Parteien in einem medial strukturierten Verhältnis konstituiert. Als "signifiers of social distance" (Hodge/Kress 1988:126), die einen nur geringen Anspruch auf Universalität der Wahrheit in der Satzproposition signifizieren, schaffen die grammatischen Konditionalkonstruktionen Abstand zwischen denen, die schauen, und denen, die ggf. - für sich selbst oder mittels des eingeblendeten Fragebogens – später selbst entscheiden, ob sie gemeint sein wollen. Sie werden nicht per se als Betroffene konstituiert oder vorausgesetzt. Zudem werden VIEW keinen Ermahnungen oder Belehrungen ausgesetzt, sondern ermutigt (don't worry) sich den Lösungsvorschlägen zu überlassen. Sie werden implizit als VIEW konstituiert, die durch rationale Einsicht selbst über Lösungen entscheiden können, und nicht durch autoritäre Sprechhandlungen zu einer Korrektur ihres immer schon unterstellten Fehlverhaltens gebracht.

Ein Vergleich beider Shows verweist darauf, daß die Konzeptionen und Konturierungen von GUE und VIEW durch die diskursiven Verfahren innerhalb einer Showreihe immer dieselben bleiben. Die Vereinzelung, die ins persönlich-initime vordringende Rede, die ein sehr nahes Aufeinanderbezogensein der Interaktanten im Redeverhalten und in den Repräsentationen signifizieren, diese den Rolonda-Diskurs auszeichnenden Merkmale, finden sich auch im Verhältnis HOST-VIEW wieder. Lernen als Belehrung und Disziplinierung durch Ermahnung statt Informationszugewinn und selbständige Anwendung steht bei Rolonda auch in bezug auf VIEW auf dem Programm.

VIEW in Winfrey-Shows werden mit Distanz und permanenten Rückverweisen auf die mediale Situation konstituiert, statt Vereinzelung wird ein Rekurs auf Allgemeinheiten und Klassen gepflegt, VIEW werden wie GUE nicht exemplarisch für alle anderen ermahnt und belehrt, sondern mit zusätzlichem Wissen (Information) ausgestattet, doch die Folgen dieses Informationstransfers bleiben den Personen selbst überlassen.


Fußnoten und Endnoten

45 Zur Schwierigkeit der Desambiguisierung von "we" und anderen Personalpronomen vgl. Grimshaw 1994.

46 Etwas rätselhaft erscheint die eingeschobene EX-Phrase "and you can help", denn als Patient kann nicht nur "bei irgendwas mitgeholfen", sondern im Grunde alles bestimmt werden, was gesagt wird: die Therapie als "talking cure" ist die prototypische subjektivierende Redeform, das Subjekt redet und formuliert "sich" selbst (in Form seiner Wünsche, Gefühle, Phantasmen usw.). Unter diesem Blickwinkel ist der EX-Satz auch verräterisch, denn im vorliegenden Kontext ist bereits vorher klar, was hinterher herauskommt (was natürlich keineswegs erstaunlich ist, ist es doch eine Talkshow und keine Therapiesitzung). Die Verdrehungen erscheinen dabei fast wie Freudsche Versprecher (you can help), die bei allem Bestreben, sich als "authentischen Vorgang" zu gerieren, doch verraten, daß der Klient in der Inszenierung eine untergeordnete Rolle spielt: Er kann sich beteiligen an einem Deutungsvorgang, der vorher schon feststeht. Er kann es auch lassen. Herr der Situation und Subjekt der Rede ist er schon lange nicht mehr.

47 Strukturelle Rahmenanalogien mit Vorlesungen und Lehrveranstaltungen in Psychologie und Humanmedizin sind nicht von der Hand zu weisen: in solchen Settings wird auch zuerst mit den lebenden Vorzeige-Patienten, und dann, zu den Studierenden gewendet, über sie geredet.

48 GUE werden im Exzerpt durch ?? repräsentiert, weil es durch die Körperhaltung und Blickrichtung von EX klar ist, daß sie sich an GUE wendet, da diese räumlich eindeutig in Blickrichtung positioniert sind, aber die Kameraeinstellung bleibt auf EX, so daß nicht mit letzter Sicherheit feststeht, wer yes, yeah uhum ruft.

49 Carolyn Diana Lewis, Reporting for Television, 1984:54.

50 Die Formulierungen sind zu relativieren durch die Einsicht, daß Zuschauer sehr wohl in der Lage sind, gleichzeitig dieser "Illusion" und "dem Schein" zu frönen und doch zu wissen, daß er trügt. Das Pendeln zwischen Imagination und Zeichenkonstruktion, zwischen Vorstellung und dem Wissen um die Konstruktion solcher Vorstellungen ist dem Subjekt aus der Perspektive der Psychoanalyse grundsätzlich eigen und sogar konstitutiv für die Herausbildung eines Sinnes von Wirklichkeit und Subjektivität.

51 Dabei bezieht sie sich auf die Titelmelodie ihrer Shows in diesen Jahren, die eine Instrumentalversion von Whitney Houstons "I'm every woman" darstellt.



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04.05.2005