5 Zusammenfassung

↓52

Vor dem Hintergrund der jahrelangen klinischen Beobachtung, dass VLBW-Kinder im korrigierten Alter von 20 Monaten im Rahmen der Entwicklungsdiagnostik mit dem Griffiths-Test ein hohes Aktivitätsverhalten zeigen, wurde die vorliegende Untersuchung konzipiert. Mit Hilfe dieser Studie sollte ermittelt werden, ob sich bei VLBW-Kindern im korrigierten Alter von 20 Monaten während eines Entwicklungstests unter Einsatz eines objektiven Messverfahrens mehr motorische Aktivität als bei einer reif geborenen Referenzgruppe darstellen lässt. Um den klinischen Eindruck erhöhter Aktivität zu objektivieren, wurde die Aktographie als in der Medizin bewährtes Messverfahren ausgewählt. Die Eignung des Aktometers als Messinstrument, um Aktivität bei Kleinkindern objektiv zu erfassen, sollte erprobt werden.

Bei einer anfallenden klinischen Stichprobe von sehr untergewichtig geborenen Kindern (N=43), die im Rahmen des strukturierten Follow-up im Sozialpädiatrischen Zentrum für chronisch kranke Kinder, Bereich Neonatologie der Charité Berlin, Campus Virchow-Klinikum, entwicklungsdiagnostisch untersucht wurden, konnte während des Griffiths-Tests eine Aktivitätsmessung durchgeführt werden. Als Referenzgruppe (N=19) ließen sich heterozygote Merkmalsträger für die Faktor V Leiden oder die Faktor II G20210A Mutation, die im Rahmen einer beobachtenden Untersuchung von Kindern mit angeborener Thromboseneigung ebenfalls im Alter von 20 Monaten entwicklungsdiagnostisch untersucht wurden, in die Studie einbeziehen. Die an der Studie teilnehmenden Kinder trugen während der Entwicklungsdiagnostik mit dem Griffiths-Test ein Aktometer „Actiwatch“ Modell AW4 der Firma Cambridge Neurotechnology Ltd. (CNT). Die UntersucherInnen protokollierten die Untersuchungsabläufe und schätzten das Aktivitätsverhalten der Kinder ohne Kenntnis der objektiv ermittelten Daten ein. Die Eltern wurden gebeten, einen Fragebogen zum Aktivitätsverhalten ihres Kindes und zu anamnestischen Daten auszufüllen. Die aktographische Kurzzeitmessung mit einer Epochenlänge von 2 sec wurde zuerst graphisch als AWF-Plot dargestellt und dann für die statistische Auswertung in Excel bearbeitet. Es wurden Medianwerte berechnet und die Häufigkeit von Ruhemomenten durch den prozentualen Anteil des Wertes 0 während der Messung erfasst. Dabei wurden die Testphasen, in denen den Kindern Aufgaben am Tisch gestellt wurden und während der sie sich am Boden bewegten, unterschieden. Das Signifikanzniveau wurde mit p=0,05 festgelegt.

Der Vergleich der Aktivitätsmessungen bei den VLBW-Kindern und ihrer reif geborenen Referenzgruppe ergab deutliche Unterschiede. Die früh geborenen Kinder verfügten über signifikant weniger Ruhemomente, sowohl während der Testphase am Tisch als auch während der gesamten Testsituation. Auch die Gegenüberstellung des durchschnittlichen Aktivitätsausmaßes (Medianwerte) zeigte eine signifikant höhere Aktivität der VLBW-Kinder in der Testphase am Tisch und während der gesamten Testphase. In der Testphase am Boden verhielten sich die unreif geborenen Kinder ebenfalls aktiver, der Unterschied war jedoch nicht signifikant. Weiterhin wurde der Zusammenhang von Geburtsgewicht bzw. Gestationsalter und Aktivitätsverhalten untersucht. Es ergaben sich signifikante Korrelationen innerhalb des gesamten Studienkollektivs. Je höher das Geburtsgewicht/Gestationsalter war, über desto mehr Ruhemomente verfügte ein Kind während der Untersuchungssituation. Innerhalb der Studiengruppe war die Korrelation zwischen Geburtsgewicht und Aktivitätsverhalten etwas enger als die zwischen Gestationsalter und Geburtsgewicht. Es ließ sich jeweils ein Trend zu mehr Unruhe bei den leichteren bzw. jüngeren Kindern darstellen. Die Eltern der VLBW-Kinder schätzten ihre Kinder unruhiger ein als die Eltern der reif geborenen Kinder. Bei den UntersucherInnen fiel die Einschätzung der Studien- und Referenzgruppe signifikant unterschiedlich bezüglich der Aktivität der Kinder aus. Die subjektive Einschätzung des Aktivitätsverhaltens der Kinder von Eltern und UntersucherInnen war signifikant übereinstimmend. Der Vergleich von subjektiver Einschätzung mit der Aktographie zeigte, dass in dieser Untersuchung die Einschätzung durch die UntersucherInnen besser mit der objektiven Messmethode übereinstimmte als die der Eltern. Bei der Auswertung des Griffiths-Tests erzielten die Kinder der Referenzgruppe signifikant bessere Ergebnisse als die VLBW-Kinder. Dies traf für den Gesamtentwicklungsquotienten und für alle Subskalen mit Ausnahme der Subskala Auge und Hand zu. Der Entwicklungsquotient war mit der Häufigkeit der Ruhemomente positiv korreliert. Kinder, die während der Testsituation mehr Ruhemomente hatten, erzielten auch höhere Entwicklungsquotienten. Unter Einbeziehung des gesamten Studienkollektivs war dieser Zusammenhang signifikant. Das Geschlecht der Kinder beeinflusste in dieser Studie weder bei den früh geborenen noch bei den reif geborenen Kindern das Aktivitätsverhalten, auch die Schulbildung der Mutter als sozioökonomischer Faktor hatte keinen Einfluss auf die motorische Aktivität. VLBW-Kinder fanden sich jedoch häufiger bei Müttern mit geringerer Schulbildung. 14,3 Prozent der untersuchten Kinder hatten nach anamnestischen Angaben eine positive Familienanamnese für Hyperaktivität, wobei hier nicht die internationalen Diagnosekriterien zugrunde gelegt wurden.

↓53

Der Einsatz der Aktographie konnte die klinische Beobachtung vermehrter Aktivität bei VLBW-Kindern im Rahmen einer Entwicklungsuntersuchung bei Kleinkindern bestätigen. Die Verwendung eines Aktometers als Messinstrument in der Nachsorge sehr untergewichtig geborener Kinder würde die Ermittlung von Durchschnittsdaten für Aktivität bei Kleinkindern voraussetzen und würde in der klinischen Routine einen technischen und zeitlichen Mehraufwand nach sich ziehen. Dem steht die in dieser Studie sehr gut übereinstimmende subjektive Einschätzung erfahrener Untersucher mit der objektiven Messung gegenüber. Der Einsatz der Aktographie als zusätzliches diagnostisches Instrument in der klinischen Routine ist in diesem Zusammenhang nicht erforderlich. Mit einer Nachuntersuchung der in diese Studie integrierten Kinder im Schulalter könnte der prädiktive Wert des eingesetzten Messverfahrens ermittelt werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchung machen deutlich, dass sich VLBW-Kinder im korrigierten Alter von 20 Monaten in ihrem Aktivitätsverhalten und in ihrem Entwicklungsstand von einer reif geborenen Referenzgruppe unterscheiden. Um ihnen einen weiteren günstigen Entwicklungsverlauf zu ermöglichen, sind begleitende und unterstützende Maßnahmen für die zu früh geborenen Kinder und ihre Familien erforderlich.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
01.09.2006