Einleitung

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In der zeitgenössischen soziologischen Theoriebildung besteht ein weitgehender Konsens darüber, dass die theoriebildende Leitdifferenz von Handlung und Struktur nicht mehr dichotom konzeptualisiert werden kann, sondern analytisch überwunden werden muss. Die postulierte Verknüpfung von gesellschaftlicher Mikro- und Makroebene gehört zum begrifflichen common-sense der Soziologie. Obgleich diese Einsicht keinesfalls neu ist, sie schon für die Klassiker der Disziplin zentrale Bedeutung besaß, zeigt sich spätestens seit den achtziger Jahren, dass der theoretische Diskurs sich fast ausschließlich um die Frage der angemessenen theoretischen Modellierung des 'Micro-Macro-Link' (Alexander 1987) dreht.

Theoriegeschichtlich scheint dies im Zusammenhang mit der vehementen, handlungstheoretisch inspirierten Kritik am Strukturfunktionalismus einherzugehen, die nicht nur zur Wiederentdeckung der Akteure innerhalb der Soziologie führte, sondern gleichzeitig auch den Anspruch der Parsons’schen Sozialtheorie relativierte, eine allgemeine Theoriegrundlage für die Sozialwissenschaften auszuarbeiten. Die Soziologie zerfiel in der Folge in eine Vielzahl so genannter 'spezieller Soziologien', die an die Stelle grundlagentheoretischer Reflexionen hauptsächlich problemorientierte Forschung stellte. In Reaktion auf diese weitreichenden Veränderungen im Binnenverhältnis der Soziologie und des Verlustes eines 'paradigmatischen Kerns’, wie ihn der Strukturfunktionalismus über knapp zwei Jahrzehnte darstellte, kam es in den letzten Jahren zu vielfältigen Versuchen, das Programm einer allgemeinen Sozialtheorie wieder aufzunehmen und durch die erneute Relationierung von Handeln und Struktur den 'multiparadigmatischen Charakter' (Luhmann) des Faches zu überwinden.

In der Absicht eine integrale soziologische Theorie zu formulieren, lassen sich meines Erachtens drei dominante Theoriestrategien unterscheiden. Einerseits finden sich eine Reihe von Theorien, die versuchen über den Anschluss an die soziologischen Klassiker die Grundprobleme des Faches zu reformulieren. Zum einen, um deren wichtige Beiträge zu integrieren, zum anderen, um aus ihren Defiziten die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Diese rekonstruktive Theoriestrategie argumentiert hierbei entweder autor-zentriert, wie dies im Falle von Schluchter (1979), Alexander (1985), Münch (1982) oder in gewissem Maße auch Joas (1989, 1992) zu beobachten ist, oder sucht stärker begriffsorientiert, die Grundlagen entweder aus handlungstheoretischer (Habermas 1981), Coleman (1991) und Esser (1993) oder aber aus systemtheoretischer (Luhmann 1984) bzw. strukturtheoretischer (Blau 1977) Perspektive zu erneuern.

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Daneben finden sich aber auch eine Vielzahl von Arbeiten, die weiterhin in problemorientierter Perspektive argumentieren, hierbei jedoch die Notwendigkeit erkannten, ihren Arbeiten einen weiterführenden gesellschaftstheoretischen Rahmen zu geben. In diesem Zusammenhang kam es dann nicht zu einem Anschluss an den weitreichenden Parsons’schen Theorieanspruch, sondern interessanterweise an Theoriebausteine, die zentral für den strukturfunktionalistischen Ansatz waren. Einerseits finden sich eine Vielzahl von Arbeiten, die in differenzierungstheoretischer Perspektive die zeitgenössische Gesellschaft untersuchen (Mayntz 1988, Schimank 1985, Alexander/Colomy 1990) und hierbei nicht nur die gesellschaftlichen Teilsysteme oder Wertsphären ins Auge fassen, sondern darüber hinaus auch die hierin wirkenden Akteure untersuchen. Andererseits erlebt auch das Institutionenkonzept eine starke Renaissance innerhalb der zeitgenössischen Soziologie, wobei insbesondere der in den USA vorherrschende 'New Institutionalism' (Di Maggio/Powell 1991) die Grundlegung der Institutionentheorie über eine Reformulierung von Handlungs- und Strukturkategorien anstrebt.

Schließlich finden sich auch eine Reihe von Arbeiten, die sowohl auf die grundlegende Notwendigkeit der Erneuerung der soziologischen Grundkategorien verweisen, für die aber die Problemorientierung der Soziologie weiterhin konstitutives Charakteristikum bleibt. Diese synthetische Theoriestrategie findet sich meines Erachtens insbesondere in den strukturierungstheoretischen Arbeiten von Anthony Giddens und Pierre Bourdieu, die beide, ausgehend von ihrem starken Interesse an Fragen der sozialen Ungleichheit, zu der Einsicht gelangten, dass die soziologische Theorie einer grundlegenden Reformulierung bedarf, die sowohl auf grundbegrifflicher wie analytischer Hinsicht weitreichende Implikationen besitzt.

Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die Arbeiten von Anthony Giddens in der Absicht zu prüfen, inwiefern der hierin entwickelte Ansatz eines strukturierungstheoretischen Theoriemodells es ermöglicht, die bestehenden Defizite der soziologischen Theorie zu überwinden. Obgleich das Giddens’sche Oeuvre mittlerweile fast unüberschaubar ist und sich immer wieder Verweise hierauf in den zeitgenössischen Debatten finden, es im englischsprachigen Bereich mittlerweile eine umfangreiche Anzahl von Auseinandersetzungen und Diskussionsbeiträgen zu den Arbeiten von Giddens gibt, fällt auf, dass in Deutschland die systematische Rezeption und grundlegende Auseinandersetzung mit seinem Werk — sieht man von einigen wenigen Ausnahmen ab (Kießling 1988, Müller 1992) , im Gegensatz zu den Arbeiten von Bourdieu, bislang noch nicht eingesetzt hat.

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Insbesondere, die lange Zeit den soziologischen Diskurs präformierende Dominanz der sog. Habermas — Luhmann Debatte, bzw. die teilweise ‘obsessive’ Züge annehmende Klassikerzezeption (Weber) scheint die Auseinandersetzung mit einer Vielzahl zeitgenössischer Autoren bzw. Theorien in Deutschland lange Zeit verstellt zu haben. Wenngleich sich dies in den letzten Jahren, insbesondere seit der Veröffentlichung der deutschen Übersetzung (sic!) von James Colemans Arbeiten und der damit einhergehenden intensiven Auseinandersetzung mit dem Rational Choice Ansatz zu ändern scheint, bleibt doch eine Vielzahl von gegenwärtigen theoretischen Konzepten weiterhin unterrepräsentiert (Netzwerkanalyse, New Institutionalism, kultursoziologische Arbeiten)

Gleichzeitig ist das Werk von Giddens äußerst vielfältig und es zeigt sich, dass trotz — oder gerade wegen — der Fülle seiner Publikationen, es schwierig erscheint, sich im ‘Dschungel’ seiner konzeptionellen Neubestimmungen und Begriffsdefinitionen zu recht zu finden. Auch hat er es bislang versäumt, seinen Theorieansatz in systematisch konsistenter Form zu elaborieren.

Ich möchte mich deshalb im Folgenden in erster Linie darauf konzentrieren, die strukturierungstheoretischen Grundlagen im Giddens’schen Werk zu rekonstruieren, und in systematischer Absicht aufzuklären, inwiefern die Strukturierungstheorie, vor dem Hintergrund einer allgemein konstatierten Theoriekrise in der Soziologie, einen Beitrag zu einer allgemeinen sozialtheoretischen Fundierung der Soziologie leistet.


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16.01.2008