Schlussbemerkung

Ausgangspunkt dieser Studie war die seit Mitte der achtziger Jahre allerorten zu vernehmende These, dass sich innerhalb der Soziologie das Gefühl einer tiefgreifenden Depression breit mache (Collins 1986), die in unmittelbarem Zusammenhang mit einem doppelten Verlust vertrauter Gewissheiten der Disziplin zu stehen schien. Einerseits kam es unter dem Eindruck der weitreichenden, ursprünglich rein philosophischen und literaturwissenschaftlichen Debatten um die so genannte Postmoderne zur Problematisierung einer Vielzahl grundlegender soziologischer Konzepte, in deren Folge nicht nur die Methoden der Soziologie in Frage gestellt wurden, sondern darüber hinaus das Fach Gefahr zu laufen schien, seinen konstitutiven Gegenstand — die Gesellschaft — zu verlieren. Die Suche nach einer ‚postmodernen Soziologie’ (Scherr/Vester/Berger) trat an die Stelle der eigentlichen soziologischen Aufgabe, analytisch aufzuklären, inwiefern mit diesem Diskursphänomen tatsächlich gesellschaftlich relevante Implikationen und Veränderungen einhergingen.328 Andererseits zeigte sich aber auch im Binnenverhältnis der Soziologie eine theoretische Verunsicherung, die mit dem ‚Niedergang’ der vermeintlichen Großtheorien zusammenhing. ‚Metatheorie’ erschien spätestens seit dem Zusammenbruch des strukturfunktionalistischen Paradigmas als Sackgasse (Skocpol 1986), galt als rein reflexive Unternehmung, die keinerlei substantiellen Beitrag zur Weiterentwicklung der Soziologie als erklärungskräftiger Disziplin liefere.

Gleichzeitig lassen sich aber auch seit Mitte der achtziger Jahre eine Reihe von divergierenden Ansätzen finden, die die Neujustierung des theoretischen Diskurses im Zuge der Reformulierung und Erneuerung klassischer Problemperspektiven anstreben. Sowohl der Anschluss an Modelle des rationalen Akteurs (Coleman 1991, Esser 1993), die Rückkehr des Institutionalismus in die Soziologie (New Institutionalism) als auch die Versuche, über eine handlungstheoretische Erweiterung die klassische Differenzierungsperspektive zu reformulieren (Alexander 1990, Münch 1982, Mayntz 1988), eint das Interesse an einer kohärenten soziologischen Theorie als Grundlage der Forschung. Dies gilt auch für die strukturierungstheoretischen Arbeiten von A. Giddens oder P. Bourdieu, die jedoch weniger an bestehende soziologische Theorietraditionen anschließen und stattdessen versuchen, eine Theorieperspektive auszuarbeiten, die die Grundlage für die gesamten Sozialwissenschaften abgeben kann.

Um über eine rein deskriptive Bestimmung dieser Situation hinaus, den Zustand der Theoriebildung innerhalb der Soziologie systematischer bestimmen zu können, erschien es mir notwendig, eine Heuristik zu entwickeln, auf Grundlage derer der Status der jeweiligen Theorien schärfer bestimmt werden kann. Im Anschluss an die metatheoretischen Arbeiten von G. Ritzer schlug ich deshalb vor, hinsichtlich der Problembearbeitungskapazität von soziologischen Theorien drei Problemebenen zu unterscheiden, so dass sich einen analytischer Kontext konstruieren lässt, innerhalb dessen die unterschiedlichen Theorieansätze auf gemeinsame Prüfkriterien hin verglichen werden können. Diesen drei Ebenen ließen sich nun drei Leitfragen zuordnen, über deren Problematisierung sich dann der Erklärungsanspruch der jeweiligen Theorien vergleichend untersuchen lies:

Problemebene

Leitfrage

Grundlagen- / sozialtheoretisches Problem

Wie werden die Grundkategorien Handlung und Struktur relationiert?

Gesellschaftstheoretisches Problem

Wie ist soziale Ordnung möglich?

Diagnostisches Problem

Welches sind die charakteristischen Dimensionen der Moderne?

Diesen Fragestellungen sollte sich demzufolge jede soziologische Theorie mit allgemeinem Anspruch stellen, der Grad des theoretischen Problematisierungsniveaus fungiert hierbei als Vergleichskriterium.

Angesichts der zentralen Thesen von Giddens, wonach das bislang dualistisch bestimmte Verhältnis von Handeln und Struktur in eine wechselseitige Dualität überführt werden müsse, die soziologische Ordnungsproblematik von ihrer Norm- und Wertzentriertheit auf eine Formzentriertheit, die die Kategorien von Raum und Zeit in die Analyse mit auf nimmt, umgestellt wird und sich damit auch die Bestimmung der Grunddimensionen der Moderne grundlegend ändern, lässt sich die Theorie der Strukturierung in einem ersten Zugriff als eine Theorie mit Allgemeinheitsanspruch charakterisieren und impliziert die Möglichkeit, der Soziologie wieder eine facheinheitliche Grundlage zu bieten.

Dieser Anspruch findet sich in mehrerer Hinsicht in Giddens Arbeiten. So verweist sein unablässiges Interesse an der Rekonstruktion bestehender Theorien und Ansätze in werkbiogr a phischer Hinsicht auf sein frühes Motiv an einer Revision der Sozialtheorie, und zwar nicht nur im Hinblick auf grundlagentheoretische Fragestellungen, sondern immer auch in problemspezifischer Perspektive. Akzeptiert man diese Grundprämisse, dann scheint auch eine Einteilung des Giddens’schen Werkes in differente Phasen problematisch. Die zeitlich identifizierbaren unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkte sind nicht Folge eines theoretischen Perspektivenwechsels, sondern repräsentieren statt dessen unterschiedliche Zugangsweisen zum immer gleichen Problem, eine alternative Sozial- und Gesellschafttheorie zu entwickeln, d.h. werksystematisch ist für ihn die Ausarbeitung des Strukturierungsansatzes entscheidend. Doch bedeutet dies keineswegs die oftmals unterstellte Notwendigkeit, soziologische Theoriebildung als reine Begriffsarbeit zu verstehen. Methodisch bleibt sein primäres Interesse auf die Dekonstruktion und Neubestimmung vorherrschender Ansätze gerichtet und theoriepolitisch strebt er an, die Dominanz des Parsons’schen Programms zu überwinden.

Trotz Giddens starkem Interesse an der Reformulierung der Grundprobleme der Soziologie mit dem Ziel, eine allgemeingültige sozialtheoretische Grundposition zu entwickeln, zeigt es sich, dass es ihm nicht immer gelingt, die theoretischen Ansprüche einzulösen, die er mit seinem auf die Rekursivität aller Praxis abhebenden Modell der Dualität der Struktur vorschlägt. So wurde insbesondere im Hinblick auf die Einführung der Dimensionen von Raum und Zeit deutlich, dass er beide Kategorien weniger in Bezug auf deren sozialtheoretische Implikationen thematisiert, d.h. ihren ontologischen Status als relational aufeinander bezogene Dimensionen bestimmt, als vielmehr ausschließlich die ordnungstheoretische Problemstellung im Auge hat und sie als konstitutive Aspekte des Bestands wie des Wandels sozialer Ordnungen kennzeichnet.

Zwar finden sich in Giddens Arbeiten theoretisch weitreichende Vorschläge, die oben skizzierten Grundprobleme neu zu bestimmen, gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass er es versäumt hat, die Relationen zwischen den einzelnen Problemebenen reflektieren. D.h. gelingt es seinem Theorieansatz nicht, den wechselseitigen Zusammenhang zwischen den Ebenen theoretisch zu reflektieren, dann führt dies notwendigerweise zu einer Einschränkung seines theoretischen Anspruchs. Denn es gehört zur Kernaufgabe jeglicher Großtheorie mit dem Anspruch eine facheinheitliche Theorie zu entwickeln, auf die Vermittlung aller drei Ebenen zu achten.

Mit diesem ptolemäischen Anspruch geht jedoch die Gefahr der theoretischen Rigidität einher. Denn versucht man, die Theorie gewissermaßen auf eine Kernidee zu verpflichten, aus der sich alle anderen, theoretisch bedeutsamen Aspekte ableiten und systematisieren lassen, dann beinhaltet eine solche Vorgehenweise enorme ‚Kosten’. Denn jede Analyse muss unter das konzeptionelle Raster des Ansatzes rubriziert werden, so dass die Theorie kaum noch flexibel auf wechselnde Gegenstände reagieren kann. Seien es Parsons AGIL Schema, Luhmanns System-Umwelt Logik oder auch die dogmatischen Versuche innerhalb der Rational Choice Theory, alle sozialen Prozesse auf individuelle Nutzenpräferenzen zu reduzieren, immer wieder zeigt es sich, dass die Logik der Theoriekonstruktion der kontingenten ‚Logik’ der Realitätsentwicklung voranzugehen scheint. Mertons berühmte Metapher der Theorien mittlerer Reichweite als einer forschungspragmatischen Alternative zum rigiden Systemdenken der Parsons’schen Theorie, stellt genau in dieser Hinsicht eine Alternative dar, die den theoretischen Primat bei der Analyse und nicht bei der Begriffskonstruktion setzt.

Die Strukturierungstheorie in der bislang vorliegenden Ausarbeitung von A. Giddens als ein neues sozialwisenschaftliches Paradigma zu etablieren, scheint gerade an diesem universalistischen Anspruch zu scheitern. Hier zeigt sich meines Erachtens eine interessante Spannung innerhalb des Giddens’schen Werkes. Einerseits verwendet er enorme theoretische Mühe und begriffliche Anstrengung darauf, die theoretischen Grundlagen des Faches neu zu bestimmen und zu überarbeiten, andererseits zeigt aber auch seine Skepsis gegenüber jeglichem Systemgedanken á la Parsons, dass er kein allumfassendes Theoriegebäude entwickeln möchte. Die Unvollständigkeit bzw. systematische Inkohärenz des Modells wird hinsichtlich der analytischen Möglichkeiten der Theorie somit von einem Nachteil zu einem Vorteil, denn sie ermöglicht es, die Problemsicht zum Ausgangspunkt der Anayse zu erheben.

Trotz dieser systematischen Offenheit der Strukturierungstheorie fällt auf, dass Giddens’ Ansatz bislang noch kaum für empirische Arbeiten genutzt wurde. Giddens selbst weist auf die Tatsache immer wieder hin (vgl. insbesondere Giddens 1989, 1990a, 1991), ohne diese Defizite aber systematisch zu bearbeiten. In der Regel wird dies in dem gegen Giddens immer wieder ins Feld geführten Standardvorwurf begründet, dass die Theorie durch einen zu hohen Abstraktheitsgrad gekennzeichnet sei, bzw. der Strukturierungstheorie gegenüber wird der Vorwurf des Eklektizismus erhoben, so dass es nur schwer möglich sei, die einzelnen Kategorien zu operationalisieren.

Meines Erachtens zeigen sich auch hier wieder zwei Probleme. Einerseits konzentriert sich Giddens trotz seiner gegenteiligen Ausführungen im allgemeinen auf grundlagentheoretische Reformulierungen und versäumt es, sein problembezogenes Interesse an den Strukturen und Funktionsweisen der zeitgenössischen Gesellschaften empirisch umzusetzen, ganz im Gegenteil zu P. Bourdieu bspw., dessen theoretischer Ansatz erst im Zuge seiner empirischen Arbeiten grundlegend rezipiert wurde. Andererseits ist es Giddens aber auch noch nicht gelungen, sein theoretisches Modell in der nötigen Stringenz auszuarbeiten und das darin angelegte analytische Rüstzeug zu explizieren. Denn gerade die Rekonstruktion und analytische Aufgliederung des Strukturbegriffs machte deutlich, wie es in strukturierungstheoretischer Perspektive möglich ist, Dimensionen und Wirkungen sozialer Prozesse genauer zu bestimmen. Insofern greifen auch Vorwürfe wie die von M. Archer (1995) oder W.Sewell (1992) dann zu kurz, wenn sie über die notwendige theoretische Kritik, dass man aus strukturierungstheoretischer Perspektive immer wieder auf den relationalen Charakter der Grunddimensionen verweisen muss, das analytische Potential des Ansatzes aus dem Blick verlieren.

Vielmehr lässt sich zeigen, dass auf der Grundlage der bisher vorliegenden strukturierungstheoretischen Begriffe und Methoden sehr wohl ein analytisches Modell entwickelt werden kann, auf dessen Basis sich konkrete soziale Prozesse und Felder aufklären lassen. Hierbei ist es wichtig zu betonen, dass diese sozialen Felder weder als reine Akteursaggregationen noch als emergent überindividuelle Kontextbeziehungen gefasst werden müssen, sondern auf der Basis der sozialtheoretischen Grundlagen der Strukturierungstheorie immer als Vermittlung von Handlungs- und Strukturebene bestimmt werden können. Strukturierung stellt somit kein neues Paradigma im Sinne eines allumfassenden Theoriesystems oder einer Metatheorie, wie sie beispielsweise J. Alexander anstrebt, dar. Statt dessen beinhaltet sie m. E. eine Vielzahl von grundlegenden Einsichten und analytischen Möglichkeiten für ein soziologisches Forschungsprogramm, das es jedoch noch deutlicher auszuarbeiten gilt. Die Strukturierungstheorie stellt demnach in der Giddens’schen Variante noch eine terra incognita dar, deren Gipfel zwar immer wieder aufscheinen und die wissenschaftliche Öffentlichkeit beeindrucken, deren tatsächliche Topographie es aber noch weiter zu erschließen gilt.


Fußnoten und Endnoten

328  Dies erklärt eventuell auch die für eine soziologische Arbeit ungewöhnlich große öffentliche Resonanz, die den Arbeiten U.Becks seit Mitte der 80er Jahre zukommt. Er scheint mit den griffigen Formeln der Individualisierung und Risikogesellschaft — gewissermaßen unintendiert — Realitätsdeutungen angeboten zu haben, die zeitdiagnostisches Vakuum aufgefüllten, das sich meines Erachtens in spezifischer Weise den Verunsicherungen des Postmoderne-Diskurses verdankt. Denn im Gegensatz zu den Veröffentlichungen von U.Beck, blieben eine Reihe zeitgleich publizierter Arbeiten, die ebenfalls auf Bedeutung der Zunahme des Risikopotentzials in der Moderne verwiesen, hierbei aber stärker die gesellschaftstheoretischen statt der diagno s tischen Implikationen dieser Prozesse analysierten, weitgehend auf den innerwissenchaftlichen Diskurs beschränkt. Vgl. bspw. C. Offe (1986).



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16.01.2008