1. Pluralismus oder Einheit? Zur Bedeutung der „Theoriekrise“ für die zeitgenössische soziologische Theoriebildung

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Über den Zustand der soziologischen Theoriebildung herrscht Uneinigkeit. Während sich die Soziologie für Niklas Luhmann (1984: 7) Mitte der 80er Jahre in einer „Theoriekrise“ befand, entsteht nach Jeffrey Alexander zur selben Zeit „A New Theoretical Movement“ (1988, 1993), Adrian Hayes (1985: 1) postuliert gar den Beginn eines „new age of sociological theorizing“, und für Quentin Skinner (1985) ist die Krise mit der Rückkehr der „Grand Theories“ endgültig überwunden. Der apodiktische Charakter dieser Kennzeichnungen verweist auf eine grundlegende Divergenz, die bis heute charakteristisch für die Bewertung der zeitgenössischen Theoriebildung ist. Ein differenzierter Blick auf die von den Autoren zur Stützung ihrer These angeführten Argumente ermöglicht es, einige der zentralen Charakteristika dieser Debatte deutlicher herauszuarbeiten. So betont Luhmann (1984: 7) in seiner Analyse der Krisenhaftigkeit der soziologischen Theoriebildung die „Gespaltenheit“ des Theoriebegriffs, der sowohl „empirisch testbare Hypothesen über Beziehungen zwischen Daten“ als auch „begriffliche Anstrengungen in einem weitgefassten, recht unbestimmten Sinne“ subsumieren soll und damit das Fehlen eines facheinheitlichen Paradigmas indiziert. Autoren, die für ihr Werk Theoriestatus reklamieren, legitimieren diesen über ihre begriffliche und inhaltliche Bezugnahme auf die soziologischen Klassiker; diese ist jedoch nach Luhmann rein exegetisch und führt lediglich zu „Amalgamierungen ohne jeglichen Neuheitsgewinn“ (ebd.: 8). Für Hayes stellt demgegenüber gerade die intensive Interpretation und Synthese bestehender theoretischer Positionen das Kriterium ambitionierter zeitgenössischer Theoriebildung dar. Er folgt darin Alexanders (1982: XV) Postulat: „to revive sociology, we must revivify its theory“, wonach es erst auf der Grundlage einer intensiven Auseinandersetzung mit den soziologischen Theoriebeständen und Traditionen und der hieraus resultierenden produktiven Verarbeitung wichtiger Konzeptionen zu einem Wiederaufleben und einer fruchtbaren Weiterentwicklung soziologischer Theoriebildung kommen kann.1

Die Debatte über den Zustand der soziologischen Theoriebildung divergiert somit weniger hinsichtlich ihres Ziels, die Grundlagen einer facheinheitlichen Sozialtheorie auszuarbeiten, als vielmehr in Bezug auf die Methodik, wie solch eine „Supertheorie“ (Luhmann) mit universellem Anspruch entwickelt werden kann.

Dies war nicht immer so. So galt während der 70er Jahre die Ausdifferenzierung der Theorielandschaft in eine Vielzahl nebeneinander bestehender Positionen als Ausdruck des „multiparadigmatischen Charakters der Sozialtheorie“ (Luhmann 1981: 50), und dies ging einher mit einer wissenschaftstheoretisch legitimierten Relativierung der Erklärungsansprüche der divergierenden Theorien.2 In der Folge beschränkten sich Arbeiten, die auf die Fortentwicklung soziologischer Theorie abzielten, weitgehend auf das Programm eines systematischen Theorievergleichs. Denn die Ausarbeitung grundsätzlich neuer Paradigmen galt als unwahrscheinlich, und man postulierte, dass gerade in der „Kombination bisher unverbundener und als gegensätzlich gesehener Theoriebilder oder in der Kombination von verschiedenen Methoden oder in einer bisher ungewöhnlichen Verbindung von Methode und Erklärungsprogramm“ (Hondrich 1979: 134) eine fruchtbare Methode zur Weiterentwicklung sozialwissenschaftlicher Theorien zu erkennen sei.3 Ziel dieser Überlegungen war es, über die Identifikation einer Reihe allgemein gültiger Vergleichskriterien die Leistungsfähigkeit von Theorien bestimmen zu können,4 um somit „einerseits Fronten zwischen verschiedenen Theorien, andererseits Identifizierungen von bestimmten Theorien mit bestimmten Methodologien aufzubrechen“ (ebd.: 138). Das Verfahren eines reinen Theorienvergleichs erwies sich jedoch als ein methodisch und wissenschaftstheoretisch höchst anspruchsvolles und systematisch schwer durchführbares Unternehmen.5 Denn die differenten Paradigmen waren weder theoretisch noch kategorial scharf voneinander zu unterscheiden und somit für Vergleichzwecke kaum zu operationalisieren.6 Blickt man auf die soziologische Theoriebildung der 80er und 90er Jahre, so lässt sich ein grundlegender Perspektivenwechsel in Bezug auf die soziologische Theoriebildung konstatieren. Zum einen finden sich vielfältige Versuche, sowohl nach dem Anspruch, soziologische Theorie auf der Basis einer allgemeinen Sozialtheorie zu entwickeln,7 als auch der Methodik, Theoriegeschichte in systematischer Absicht zu rekonstruieren,8 wieder an das Parsons’sche Verständnis von „Grand Theory“ anzuschließen. Zum anderen verweisen aber wissens- und wissenschaftssoziologische Überlegungen, wie sie exemplarisch Robert K. Merton (1968) oder Charles W. Mills (1967) entwickelten, darauf, dass gerade die Verknüpfung von Theoriegeschichte – „archaic doctrines and fruitless errors of the past“, wie Merton (1968: 4f.) postuliert — mit dem systematischen Gehalt von soziologischer Theoriebildung theoretisch fruchtlos wäre. Wenngleich das die Soziologie einerseits von der Aufgabe grundlagentheoretischer Reflexion und dem Anspruch, dass sich Sozialtheorie immer auch den theoretischen Herausforderungen benachbarter Disziplinen stellen muss, entlastete, beschränkte dies andererseits Anspruch und Reichweite der Analysen und die innovative, forschungsanleitende Funktion der Theorie. Merton propagierte deshalb als zentrale Aufgabe systematischer Theoriebildung die Entwicklung differenter, empirisch überprüfbarer Forschungsprogramme mit dem Ziel, Theorien mittlerer Reichweite auszuarbeiten.9 

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Für das Verständnis und die Analyse der zeitgenössischen soziologischen Theoriebildung und deren Entwicklungspotenzial scheint sich demnach seit Beginn der 80er Jahre ein komplexes Bedingungs- und Spannungsverhältnis nachzeichnen zu lassen, das über die klassische Gegenüberstellung von Theoriegeschichte und/oder Theoriesystematik10 hinausweist. Mit der theoriegeschichtlichen Konvergenz, wonach das Desideratum einer facheinheitlichen Theorie als Ergebnis und Folge des Pluralisierungsprozesses innerhalb der Theorielandschaft während der 70er Jahre und quasi als Indikator für die „Krisenhaftigkeit“11 der Disziplin zu werten sei, korrespondiert in systematischer Perspektive die methodische Divergenz, ein angemessenes Verfahren für die Theoriebildung auszuarbeiten.

Mit anderen Worten: Für die Vereinheitlichung des soziologischen Diskurses bedarf es der Bestimmung allgemein geteilter rationaler Kriterien,12 auf deren Grundlage es möglich wird, den innerwissenschaftlichen Diskurs zu systematisieren, so dass die Möglichkeit entsteht, unterschiedliche Problemwahrnehmungen oder -bearbeitungen mit Blick auf diese Kriterien zu bewerten und zu homogenisieren. Sie sollten nicht nur dazu beitragen, die theoretischen Lösungen begrifflich vorzustrukturieren und damit den Geltungsbereich wissenschaftlicher Aussagen schärfer zu bestimmen,13 sondern darüber hinaus auch für den Fall der Veränderungen ihres Gegenstandes anpassungsfähig sein, um Evidenz beanspruchen zu können. Denn erst eine binnenwissenschaftliche Übereinkunft hinsichtlich professioneller Wertvorstellungen ermöglicht es der Soziologie als Wissenschaft, ihre Problemstellung und Methodenwahl im Hinblick auf ihren Gegenstand unabhängig von spezifischen Kontextbedingungen zu legitimieren, ohne gleichzeitig ihr Untersuchungsobjekt aus den Augen zu verlieren bzw. sich der Gefahr auszusetzen, nur mehr historisch kontingente kulturelle Konstruktionen in den Blick nehmen zu können.14 Theorienvergleich im Sinne von Theorieentwicklung steht demnach immer vor der Aufgabe der „Rationalisierung der stets krisenhaften und nur bedingt kumulativen Theorieentwicklung“ (Seyfarth 1978a: 287). Hierfür gilt es, mittels begrifflicher Selektion die Komplexität möglicher Analysekriterien bei gleichzeitiger Garantie des Erfahrungs- und Wirklichkeitsbezugs zu reduzieren und somit einen allgemein geteilten theoretischen Bezugsrahmen für die Soziologie auszuarbeiten.

In dieser Perspektive scheint es fruchtbar, an das von Shmuel N. Eisenstadt und Miriam Curelaru (1976) entwickelte methodische Konzept der „Problemstellung“ anzuschließen.15 Unter der Maßgabe einer das Fach Soziologie konstituierenden Problemstellung ist es demzufolge sinnvoll, aktuelle Theorieprogramme vergleichend zu analysieren und einen wie auch immer gearteten Kontinuitätszusammenhang mit klassischen Konzeptualisierungen dieser Problemstellung herzustellen. Ohne notwendig eine Konsistenz- oder Konvergenzthese16 zu implizieren, zeigt sich ein eventueller Erkenntnisfortschritt auf der Grundlage des Konzepts der Problemstellung in dem Fall, wenn es zu einer Steigerung der analytischen Möglichkeiten von Theorien kommt, der sich historisch und systematisch verorten lässt. Problemstellungen wirken konstitutiv bei der Ausbildung des kognitiven Aspekts der disziplinären Identität, indem sie den Erklärungs- und Anwendungsbereich eines Faches etwa über die Ausarbeitung einer spezifischen Fragestellung universell bestimmen17 und damit gleichzeitig den Referenz- bzw. ‚Ankerpunkt’ möglicher „Theorie-Innovationen“ (Luhmann 1981: 184) darstellen. Darüber hinaus kommt ihnen aber auch eine dynamische Funktion zu,18 sie wirken als „theoriegenerierendes Prinzip“ (ebd.: 145).

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So bilden beispielsweise die spezifischen Konzeptualisierungen einer Problemstellung durch die Klassiker des Faches die historischen Referenzpositionen jeder anspruchsvollen Theorie. Demgegenüber ist der Anschluss an bisherige Problemlösungen von sekundärer Bedeutung für die Frage der Weiterentwicklung des analytischen Potenzials soziologischer Theorien, da er lediglich auf ein Rezeptionsverhältnis verweist; damit wird zumeist die Problembearbeitung auf einen Teilbereich beschränkt19 und ein eventueller Theoriefortschritt auf das Problem der Falsifikation oder Verifikation der diagnostischen Kompetenzen bisheriger Theorieentwürfe und deren Lösungen verkürzt.

Lässt sich nun eine für die Soziologie konstitutive Problemstellung identifizieren? Blickt man auf die Geschichte des Faches zurück, so scheint die Fragestellung: „Wie ist soziale Ordnung/Gesellschaft möglich?“20 von grundlegender Bedeutung zu sein. In dieser allgemein gültigen Fassung stellt sie in Bezug auf die Theoriebildung jedoch eher ein forschungs- oder erkenntnisleitendes Motiv21 denn eine objektbezogene, methodische Orientierung dar. Hierfür bedarf es einer Dekomposition dieser allgemeinen Bestimmung der Problemstellung in bearbeitbare Unterproblemstellungen22 im Sinne einer forschungspragmatisch sinnvollen Konkretisierung der zentralen Begrifflichkeit. Luhmann (1984: 19) spricht in diesem Zusammenhang auch davon, dass Theorieentwicklung von der Ausarbeitung spezifischer, „die Informationsverarbeitungsmöglichkeiten der Theorie steuern(den)“ Leitdifferenzen abhängt. Denn mit der fundamentalen Veränderung und Erweiterung der paradigmatischen Begrifflichkeit einer Problemstellung wird die sie kennzeichnende Leitdifferenz modifiziert in der Absicht, dem zeitgenössischen Forschungsstand zu entsprechen und eine höhere analytische Komplexität zu erzielen, die in der Folge zu einem Kompetenzzuwachs bei der Bearbeitung sozialer Sachverhalte führt.23

Für die Soziologie konkretisierte sich die Frage nach den Konstitutionsbedingungen gesellschaftlicher Ordnung primär über die Auseinandersetzung mit der philosophischen Thematisierung des Verhältnisses von Subjekt und Objekt24 und daraus folgenden Dekompositionen dieser Problemstellung in die Leitdifferenz einer angemessenen Verhältnisbestimmung von Individuum und Kollektiv. Die hiermit gegebenen analytischen Referenzpositionen, auf die hin gesellschaftliche Sozialität gedacht und ursächlich bezogen wird, wurden im Zuge der Ausbildung einer eigenständigen soziologischen Theorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in soziologische Kategorien „übersetzt“.25 Die Konstitution sozialer Ordnung wurde nicht mehr nur als Folge nutzenorientierten oder moralischen individuellen Handelns gedacht. Vielmehr zeigte sich einerseits die Ersetzung eines rein bewusstseinstheoretisch gefassten Subjektbegriffs durch einen konkreten, lebensweltlich unbeschränkten und damit umfassenderen Subjekt- respektive Handlungsbegriff,26 andererseits entwickelte sich die Vorstellung der Gesellschaft als eines Emergenzphänomens, eines „fait social“ (Durkheim), eines unabhängigen, überindividuellen Objektbereichs, der als Zwangs- oder Determinationsapparat den Individuen entgegentritt.

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Theoriegeschichtlich gesehen sind es die Arbeiten von Georg Simmel, Emile Durkheim, Max Weber, George Herbert Mead und Talcott Parsons, die die Ersetzung der Differenz von Individuum und Kollektiv durch die Differenz von Handlung und Struktur27 bewirken, womit sowohl der empirischen Ausrichtung der Disziplin Rechnung getragen als auch auf den analytischen Versuch verwiesen wird, das Beziehungsverhältnis von Handlung und Struktur zum expliziten Gegenstand soziologischer Theoriebildung zu machen. Max Weber bringt dies schon früh in einem Brief an Heinrich Rickert auf den Punkt: „Man benötige für die Soziologie nur zwei Grundbegriffe, nämlich Handlung und Ordnung. Aus dem Grundbegriff des subjektiv gemeinten Sinnes (differenziert nach den vier Bestimmungsgründen) und aus dem Grundbegriff der Ordnung (nach der Vorstellung von ihrer Geltung) lässt sich alles weitere entwickeln“ (zit. nach Schluchter 1989b: 312).28

Für die Analyse der zeitgenössischen soziologischen Theorieentwicklung lässt sich meines Erachtens das Konzept der Problemstellung in doppelter Weise heuristisch fruchtbar machen. Zum einen ermöglicht es, die Entstehung und Veränderung von spezifischen Rationalitätskriterien zu identifizieren, die bedeutsam für die Konstitution der kognitiven Identität des Faches sind. Denn erst über die Ausbildung spezifischer Rationalitätskriterien ist der Anspruch der Soziologie, die Bedingungen für den Bestand und die Entwicklung von Gesellschaften zu verstehen und adäquat aufzuklären, legitimierbar. Rationalitätskriterien regeln als systematische Bezugspunkte den innerwissenschaftlichen Diskurs und können Evidenz für die daran Beteiligten beanspruchen, wenn es ihnen gelingt, den Objektbereich soziologischer Analyse begrifflich und kategorial so zu strukturieren, dass er einer sinnvollen Analyse zugänglich wird, ohne gleichzeitig reifikatorisch auf diesen einzuwirken. Das heißt, die Ausbildung zentraler theorieleitender Kriterien und Grundbegriffe bestimmt die Soziologie somit als wissenschaftliche Disziplin im Binnenverhältnis und konstituiert ihr Selbstverständnis als das einer Gesellschaftstheorie und Reflexionswissenschaft.

Zum anderen ermöglicht das Konzept der Problemstellung aber auch, einen zusätzlichen zentralen Aspekt des soziologischen Selbstverständnisses in den Blick zu nehmen. Über ihre gesellschaftstheoretische Kompetenz hinaus reklamiert die Soziologie, die „einzige Sozialwissenschaft mit Bezug auf die Gegenwartsgesellschaft“ (Habermas 1981a: 20)29 zu sein, und beansprucht damit explizit eine originär gesellschaftsanalyt i sche und diagnostische Funktion, womit aber gleichzeitig auch das Problem ihrer Außenlegitimation aufgeworfen wird und sich der prekäre Charakter des disziplinären Selbstverständnisses der Soziologie deutlich zeigt. Denn die Ergebnisse soziologischer Analysen, die Erklärung, Diagnose und Interpretation gesellschaftlicher Strukturbedingungen und Funktionsweisen, stehen in ihrem Außenverhältnis vor einer doppelten Schwierigkeit: Einerseits unterliegen sie dem Prüfungskriterium wissenschaftlicher Wahrheit und streben gleichzeitig eine weitgehende Adäquanz mit den Erfahrungen und dem Sinngebungsbedürfnis ihrer Rezipienten an. Doch als Deutungswissenschaft ist die Soziologie an kulturelle Überlieferungen gebunden, gleichzeitig mit wechselnden Geltungsansprüchen konfrontiert und somit der Kritik einer Vielzahl heterogener Erwartungszumutungen ausgesetzt. Andererseits steht sie ebenfalls in einem Konkurrenzverhältnis zu den Aussagen verschiedenster Nachbardisziplinen, wie beispielsweise einer zeitdiagnostisch ausgerichteten Philosophie, der Geschichts-, Kultur-, oder der Literaturwissenschaft30, deren Erklärungs- und Geltungsbereich sich weitgehend mit dem der Soziologie deckt und diese deshalb chronisch dazu zwingt, in Form einer grundbegrifflichen Selbstreflexion ihren Handlungskontext und die hierauf anwendbaren Analysekriterien zu überprüfen.31

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Der damit einhergehenden Gefahr, dass die Soziologie aufgrund der ständigen Veränderungen ihres Erfahrungsraumes und der variierenden Sinngebungsbedürfnisse der Öffentlichkeit einer permanenten zeitabhängigen Relativierung sowohl ihrer begrifflich analytischen Standards wie auch ihres Erklärungsanspruch ausgesetzt ist — Helmut Schelsky (1981) und Friedrich Tenbruck (1984) sprachen in dieser Perspektive gar von einem sich abzeichnenden Sinnverlust der Disziplin —, kann sie meines Erachtens nur im Zuge einer dauerhaften Problematisierung ihrer begrifflichen und theoretischen Grundlagen begegnen, d.h. der ständigen disziplinären Selbstverständigung der Gültigkeit der von ihr in Anspruch genommenen Rationalitätskriterien sowie der empirisch-analytischen Verknüpfung dieser mit ihrem Forschungsgegenstand. In dieser Perspektive lässt sich dann die klassische Problemstellung, die nach den Bedingungen und Möglichkeiten des Zustandekommens sozialer Ordnung fragt, nicht mehr in die theoretische Reflexion der Grundbegriffe auflösen, sondern stellt sich als analytische Frage: Welches sind die konstitutiven Elemente und regulativen Mechanismen und Prozesse, die den Bestand wie auch den Wandel zeitgenössischer Gesellschaften beeinflussen?

Ein Blick auf die Geschichte der Soziologie verdeutlicht die Bedeutung radikaler Veränderungen der Gesellschaftsstrukturen für die Theoriebildung. So hat sich die Disziplin erst als analytischer und theoretischer Reflex auf die Erfahrung grundlegender gesellschaftlicher Transformation, wie sie die Durchsetzung des Industriekapitalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts darstellte, als eigenständiges Fach ausgebildet,32 die analytische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Wandlungsprozessen hatte in der Regel einen theoretischen Reflexionsschub zur Folge.

Im Folgenden soll, vor dem Hintergrund dieses spezifischen Wechsel- und Spannungsverhältnisses von Gesellschaftsanalyse und Gesellschaftstheorie die Entwicklung der soziologischen Theoriebildung in Bezug auf ihre eventuelle Krisenhaftigkeit in den Blick genommen werden, um hierüber die Aufgaben und Anforderungen wie auch die kategorialen Voraussetzungen einer zeitgenössischen soziologischen Theorie deutlicher kennzeichnen zu können.

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Ein wichtiges Merkmal gegenwärtiger Theorien scheint die Verständigung auf das „Problem sozialer Ordnung“ als der zentralen Problemstellung der Soziologie zu sein, wobei ein weitgehender Konsens darüber herrscht, dass diese nur mit Hilfe der Problematisierung und Relationierung der Grundbegriffe von Handlung und Struktur angemessen bearbeitet werden kann,33 wenngleich ein Blick auf die Ergebnisse dieser theoretischen Einsichten bisher keineswegs darauf hinweist, dass sich schon eine Vereinheitlichung der Theoriebildung abzeichnet. Ganz im Gegenteil: Die alten grundbegrifflichen Differenzen präformieren weiterhin die Theoriebildung. Dem hohen Anspruch, durch die Synthese bzw. Integration der Theorien das Problem sozialer Ordnung adäquater lösen zu können, fällt meist die grundlegendere Aufgabe zum Opfer, sich auf der Ebene der Grundbegriffe Klarheit über den zu untersuchenden Gegenstand zu verschaffen.

So erinnert ein erster allgemeiner Blick auf die kategorialen Grundlagen des soziologischen Diskurses eher an ein babylonisches Begriffswirrwarr als an einen präzisen, universell gültigen Begriffskanon. Anstelle einer zunehmenden Aufklärung und Spezifizierung der soziologischen Grundbegriffe lassen sie sich nur unter spezifischen Vorabklärungen innerhalb jeweiliger Theorien und Traditionen verwenden. Es herrschen Kompaktbegriffe wie beispielsweise „Lebenswelt“ oder „soziales System“ vor, die „Sozialstruktur“ ein und derselben Gesellschaft erscheint wechselweise über die Begriffe der „Klasse“, der „Schicht“, des „Lebensstils“ oder der „Milieuzugehörigkeit“ adäquat repräsentiert. Was Gesellschaft ist, wie sich ihre Strukturen durch Handeln ausbilden und gleichzeitig darin verfügbar sind, bleibt mehrdeutig und wurde von keiner Gesellschaftstheorie so vollständig herauspräpariert, dass sich ein allgemein verbindliches, auf die gegenwärtigen Gesellschaften und deren spezifische Problemkonstellationen anwendbares Forschungsprogramm hätte ausbilden können.34 Hierfür ist es notwendig, die konstatierte Theoriekrise, die, wie wir gesehen haben, meist unter Zuhilfenahme des ‚Indikators’ Theorienpluralismus diagnostiziert wurde, in doppelter Perspektive zum Ausgangspunkt zu nehmen. Einerseits lässt sich in theoriegeschichtlicher Perspektive zeigen, dass es mit dem Zusammenbruch des so genannten „orthodoxen Konsensus“35 am Ende der 60er Jahre zu einer Ausdifferenzierung der soziologischen Theorie kam, in deren Folge sich eine Vielzahl insbesondere hermeneutisch orientierter Theoriekonzepte etablierte. Andererseits lassen sich in den letzten Jahren auch eine Reihe von grundlegenden gesellschaftlichen Wandlungsprozessen konstatieren, die die Annahme nahe legen, dass auch der Gegenstand soziologischen Forschens einer starken Veränderung unterliegt. Schlagworte wie „Auflösung“, „Entdinglichung“ oder gar „Ende“ des Sozialen,36 die oftmals mit Analysen über zunehmende Individualisierung, Pluralisierung der Lebensweisen und Wertbeziehungen oder eine extreme Ausdifferenzierung der Gesellschaft nach rein funktionalen Erfordernissen einhergehen, scheinen ihre Wirkung auf die Theorienlandschaft ebenfalls nicht zu verfehlen. Die Soziologie steht demzufolge gegenwärtig auch vor der Aufgabe zu klären, inwieweit es sich bei diesen Prozessen um faktische, strukturell wirksame Veränderungen handelt, die quasi ein neues soziales Ordnungsgefüge anzeigen und somit auch die Notwendigkeit implizieren, hierauf theoriebildend zu reagieren, oder ob diese nur Ausdruck veränderter Konzeptualisierungen des weiterhin gültigen Gegenstandes sind.

Im Folgenden gilt es, in zwei argumentativen Schritten die theoretischen (1.1) und analytischen (1.2) Dimension der so genannten Krise der Soziologie genauer nachzuzeichnen in der Absicht, auf der Grundlage solch eines differenzierten Verständnisses dieser Prozesse eine Heuristik für einen systematischen Theorievergleich zu entwickeln (1.3).

1.1  Theoretische Aspekte des Theorienpluralismus: Die Auflösung des orthodoxen Konsensus

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In theoriegeschichtlicher Perspektive stellt die Auflösung des so genannten „orthodoxen Konsensus“ die entscheidende Wegmarke für die Diagnose einer Krise innerhalb der Soziologie zu Beginn der 70er Jahre dar. Vergleichbar mit dem Niedergang der Hegemonie der Chicago School Mitte der 30er Jahre, auf den eine knapp zwanzigjährige Phase folgte, in der keine soziologische Theorie einen hegemonialen Einfluss gewinnen konnte, war auch die Zeit nach dem Niedergang des Strukturfunktionalismus Ende der 60er Jahre gekennzeichnet vom Fehlen einer den soziologischen Diskurs bestimmenden allgemein gültigen Sozialtheorie,37 erweckte ein Überblick über die sozialwissenschaftliche Literatur bei einem aufmerksamen Beobachter wie Richard Bernstein (1979: 11) den Eindruck eines „Chaos“.

Während der 50er und frühen 60er Jahre scheint die soziologische Theoriebildung in besonderem Maße durch eine Art Hegemonie38 des strukturfunktionalistischen Ansatzes gekennzeichnet zu sein. Schon früh formulierte Talcott Parsons (1954) in programmatischer Absicht die Aufgaben soziologischer Theoriebildung und gab dieser gleichzeitig ihren Namen: „Es ist deshalb der funktionale Bezug der Gesamtheit der partikularen Bedingungen wie auch des Prozesses auf den Zustand des ganzen Systems als einem auf Dauer gestellten Problem, der das logische Äquivalent simultaner Gleichungen in einem voll entwickelten System analytischer Theorie darstellt. (...) Der logische Typus des in Frage stehenden verallgemeinerten theoretischen Systems kann deshalb im Unterschied zu einem analytischen System ein ‚strukturfunktionales System‘ genannt werden“ (zit. nach Wenzel 1990a: 364). Von entscheidender Bedeutung für die Durchsetzung dieser Perspektive waren insbesondere zwei Zentralisierungsprozesse. Auf theoretischer Ebene gelang es sowohl Parsons wie auch Robert K. Merton, ihre Theorien und Kategorien so weit auszuarbeiten und zu elaborieren, dass mit Beginn der 50er Jahre der strukturfunktionalistische Ansatz den zentralen Bezugspunkt der soziologischen Theorieentwicklung darstellte und den theoretischen Diskurs weitgehend präformierte.39 Verfolgte Parsons das Ziel, auf der Grundlage hochgradig abstrakter Begriffsklärungen eine allgemeine Sozialtheorie auszuarbeiten, auf deren Grundlage eine interdisziplinäre sozialwissenschaftliche Forschung möglich sein sollte,40 so versuchte Merton demgegenüber, unter dem methodischen Credo der „Middle Range-Theorie“ und auf der Basis neuerer quantitativer Methoden soziologische Analysen konkreter gesellschaftlicher Probleme und Entwicklungen zu erstellen.41

Die weitreichende Durchsetzung dieser Position für mehr als zwei Dekaden war jedoch nur möglich auf der Grundlage der besonderen institutionellen Verankerung42 ihrer intellektuellen Führungspersonen und den sich hieraus ergebenden besonderen Chancen der Dissemination dieser Theorien. So standen sowohl Parsons wie auch Merton, der zu dieser Zeit eng mit Paul Lazarsfeld zusammenarbeitete, den während der 50er Jahre herausragenden soziologischen Departments der USA vor. An die Stelle des lange Zeit vorherrschenden Instituts von Chicago traten die Departments von Harvard (Department of Social Relations) einerseits und von Columbia (Bureau of Applied Social Research) andererseits, die als die zentralen soziologischen Forschungsstätten nicht nur die Mehrzahl des soziologischen Nachwuchses ausbildeten,43 sondern darüber hinaus auch über den unmittelbaren Zugang zu zentralen Publikationsorganen verfügten44 bzw. in den wichtigen Institutionen der Disziplin herausragende Positionen einnahmen.45

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Der Einfluss des Strukturfunktionalismus auf die soziologische Theoriebildung blieb jedoch nicht nur auf Amerika beschränkt. Dieser prägte im Zuge der „Internationalisierung der Soziologie“ (Tenbruck 1979), wenn auch mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung, die europäische und insbesondere deutsche Soziologie,46 wie ein Blick auf die Publikationen in den wichtigsten deutschen soziologischen Fachzeitschriften verdeutlicht.47

Charakteristisch für den Strukturfunktionalismus war das theoretische Anliegen, die Einheit der Disziplin über eine Verknüpfung funktionalistischer Theorien mit einer positivistischen Methodologie herzustellen.48 Der Positivismus49 greift in erkennntnistheoretischer Perspektive auf die empiristische Konzeption der ontologischen Vorgängigkeit und Unabhängigkeit der Realität zurück, die der naturalistischen Vorstellung der Einheit der Wirklichkeit folgt. Alles was ist bzw. geschieht, ist der einen Wirklichkeit zuzuordnen, die Natur und Gesellschaft umschließt, so dass an die Stelle der Trennung von Natur- und Sozialwissenschaften die Konzentration auf ein einheitliches methodologisches Verfahren der Erkenntnis tritt. Denn die objektive Gegebenheit aller Tatsachen, natürlicher wie sozialer, verweist auf die prinzipielle Erfahrbarkeit der Welt, bestimmt das Wissen hierüber als abhängig von dieser unmittelbaren Erfahrung und führt dazu, dass alle möglichen Erhebungsdaten ursprünglich Sinnesdaten darstellen. In wissenschaftstheoretischer Hinsicht folgt hieraus eine Kanonisierung der Methodologie entsprechend dem paradigmatischen Vorbild der Naturwissenschaften (Mathematik) mit dem Ziel, die der Natur zugrunde liegenden Gesetze aufzuklären. Dieses kann jedoch nicht mehr, wie es noch der klassische Positivismus vorsah, auf der Grundlage einer induktiven Methode erreicht werden, sondern nimmt, geprägt insbesondere durch das Popper’sche Falsifikationsmodell50, deduktiven Charakter an. Aufgabe der Sozialwissenschaften war es demnach, auf der Grundlage streng abgeleiteter Hypothesen und Modelle gesetzmäßige Aussagen mit allgemein gültigen zeit- und ortsunabhängigen Anspruch aufzustellen. Auf der Basis dieses deduktiv-nomologischen Modells soll dem Soziologen dann die Entwicklung wertneutralen, quasi-technischen und gesetzesartigen Wissens über die Gesellschaft möglich sein, das beispielsweise im Falle desintegrativer Prozesse gezielt verwendet und instrumentell eingesetzt werden kann.

Dieser technische Charakter des soziologischen Wissens, die Vorstellung des Soziologen als eines Sozialingenieurs hängt nun unmittelbar zusammen mit dem zweiten theoretischen Grundaxiom des Strukturfunktionalismus, der sozialtheoretischen Tradition des Funktionalismus.51 Auch hier lässt sich ein ausgeprägter Objektivismus identifizieren, demzufolge das soziologische Untersuchungsobjekt, die Gesellschaft, als gegeben angenommen und in ihren Wirkungen und ihrem Verhältnis auf das Individuum und dessen Handeln analysiert wird. Diese Wirkungen werden im Sinne gesellschaftlicher Prozesse interpretiert und hinsichtlich ihres funktionalen Beitrages für den Bestand und Erhalt des sozialen Ganzen erklärt. Somit liegt diesem Konzept der funktionalen Erklärung implizit die Vorstellung der Systemhaftigkeit von Gesellschaften zu Grunde, denn die Einheit der Analyse gibt immer die Gesellschaft als Ganzes ab und nicht die einzelnen Akteure oder Subjekte. Der Funktionalismus geht von der Annahme aus, dass die Gesellschaft ein stabiles Handlungsmuster darstellt, das mit Hilfe des Funktionsbegriffs adäquat zu erklären ist. An die Stelle subjektiver Intentionen treten funktionale Erfordernisse und Systembedürfnisse, die determinierend auf die individuellen Handlungsakte einwirken. Soziale Prozesse lassen sich als Funktionen aus den Systembedürfnissen teleologisch ableiten und sind unabhängig vom Wissen und den Fähigkeiten der Akteure.

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Zwar repräsentierte der Strukturfunktionalismus noch zu Beginn der 70er Jahre den Mainstream der soziologischen Theoriebildung, doch geriet er von da an zunehmend unter theoretischen Beschuss. Insbesondere Alvin Gouldner (1970), Robert Friedrichs (1970) und Dick Atkinson (1971) propagierten das Ende des so genannten „Orthodoxen Konsensus“ und diagnostizierten in ihren Arbeiten, aufbauend auf einer Vielzahl partikularer Kritikpunkte, wie etwa dem Vorwurf einer systematischen Vernachlässigung von Macht- und Herrschaftsbeziehungen, einer weitgehenden Fixierung auf gesellschaftlichen Konsens und damit der Ausblendung der integrativen Bedeutung sozialer Konflikte oder auch einer Verkürzung individueller Handlungsmotive bzw. der Handlungsfreiheit der Akteure darauf, dass diese weitgehend normativ vorgegebene Regeln ausführen,52 eine Krise dieses Ansatzes, die sie zu einer Krise der Soziologie bzw. der Sozialtheorie generalisierten.

Zusammenfassend zeigt sich, dass insbesondere drei Aspekte im Zentrum der sozialwissenschaftlichen Debatten um die Krise der soziologischen Theoriebildung standen: In erkenntnistheoretischer Perspektive herrschte lange Zeit die Sichtweise vor, wonach der Gegenstand und die Logik der Sozialwissenschaften mehr oder weniger mit denen der Naturwissenschaften gleichzusetzen sind. Methodisch versuchten die Vertreter des „Orthodoxen Konsensus“,53 dem Wissenschaftsverständnis der Naturwissenschaften entsprechend den Ablauf sozialer Prozesse mit Hilfe von Gesetzesaussagen zu erklären, die weitgehend den Vorstellungen des logischen Empirismus von einer Einheitswissenschaft entsprachen. Diese naturalistische Version konvergiert hinsichtlich gesellschaftstheoretischer Fragen mit der Verteidigung des Funktionalismus in den Sozialwissenschaften, wobei insbesondere Affinitäten zu kybernetischen und biologischen Systemvorstellungen zunehmend an Bedeutung gewannen.54

Dass es sich hierbei jedoch weniger um eine generelle Krise des Faches und damit der konstitutiven Problemstellung der Soziologie handelte, sondern sehr viel eher um die eines spezifischen, wenngleich hegemonialen Ansatzes, der kritischen und theoretisch angeleiteten Reflexion auf eine Problemlösung, verdeutlicht die Theorieentwicklung der 70er Jahre. In Bezug auf das erkenntnistheoretische Modell des Strukturfunktionalismus zeigte sich im Zuge der Entwicklung der post-positivistischen Wissenschaftstheorie,55 dass die Orientierung an einer naturwissenschaftlichen Erkenntniskonzeption sowie die Suche nach allgemein gültigen Gesetzen auf der Grundlage einer universalistischen Vorstellung von Gesellschaft nicht mehr länger unhinterfragt aufrechterhalten werden konnte und sich stattdessen ein pluralistisches Wissenschaftsverständnis durchsetzte, demzufolge der Erkenntnisprozess weitgehend sozial bestimmt wird. Anstelle der Vorstellung einer einzigen erkenntnistheoretischen Grundlegung der Wissenschaft, eines „epistemologischen Fundamentalismus“, wie Reinhard Bendix (1989: 50) dies hinsichtlich der methodologischen Schriften R.K. Mertons einmal bezeichnete, setzte sich die Erkenntnis durch, dass wissenschaftliche Rationalität als Folge sozialer Prozesse innerhalb verschiedener Dialoggemeinschaften entsteht.56 Die kontinuierliche Problematisierung und Revision von Begriffen, Methoden und Interpretationen ermöglicht wissenschaftlichen Fortschritt und bezeichnet den entscheidenden Movens für wissenschaftliche Revolutionen. Eine nach dem Vorbild des Positivismus gestaltete Wissenschaftskonzeption der „normal science“, wie sie der Strukturfunktionalismus anstrebte, stellt demnach eine grobe Vereinseitigung dar, da sie die unerlässlichen diskursiven Klärungsprozesse ihres Wissenschaftsstatus vorschnell als Krise abqualifiziert, während sich dies vielmehr als Ausdruck eines hohen Grades an disziplinärer Selbstverständigung interpretieren lässt.

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Gerade die diskursiven Auseinandersetzungen um den kognitiven Gehalt konkurrierender Erklärungsansätze sind Ausdruck des selbstreflexiven Charakters der Soziologie und damit Voraussetzung zur Überwindung bestehender Problemlösungen. Deutlich wird dies etwa an Hand der relativen Häufigkeit fachinterner Grundsatzkontroversen. Das sozialwissenschaftliche Denken ist in besonderem Maße durch regelmäßig wiederkehrende, dichotom aufgebaute Debatten mit divergierenden Grundpositionen geprägt. War es zu Beginn des Jahrhunderts der „Methodenstreit“ innerhalb der Nationalökonomie zwischen methodischer und historischer Schule, der die methodologischen und theoretischen Überlegungen der Soziologie stark beeinflusste, so konzentrierte sich die wissenschaftliche Aufmerksamkeit in den 60er Jahren auf den „Positivismusstreit“ zwischen Karl Popper und Theodor W. Adorno bzw. dem Kritischen Rationalismus und der Kritischen Theorie. Die 70er Jahre standen, insbesondere in Deutschland, unter dem Einfluss der so genannten Habermas-Luhmann Debatte, seit Beginn der 80er Jahre verfolgt die gespannte Öffentlichkeit die unterschiedlichen Verlautbarungen hinsichtlich der Frage, ob die Moderne und mit ihr das Subjekt zu Ende gekommen, oder wir nur in eine neue Entwicklungsphase innerhalb des sich weiterentwickelnden Projektes der Moderne eingetreten seien, bis hin zu der Frage nach dem Ende der Soziologie Mitte der 90er Jahre (Sigmund 1998). Immer sind es also Kontroversen und Diskussionen zu Grundfragen der Disziplin, die die theoretischen Überlegungen des Faches anstoßen und weiterentwickeln und ihm zu entscheidenden theoretischen „Durchbrüchen“ verhelfen, statt Krisenhaftigkeit bzw. theoretischen Stillstand zu indizieren.

In methodischer Hinsicht zeigt sich, dass die Priorität des Erklärens gegenüber dem Verstehen zum einen durch die intensive Auseinandersetzung mit Positionen der kontinentalen Philosophie — hierbei ist insbesondere an die vielfältigen Wirkungen zu denken, die die Arbeiten von Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger, Hans Georg Gadamer oder die analytische Sprachphilosophie von John R. Searle und John L.Austin zu denken – in Frage gestellt werden.57 Zum anderen kommt es zu einer Reorientierung an und Weiterentwicklung von klassischen soziologischen Traditionen, wie sie insbesondere in der Konzeption einer verstehenden Soziologie im Sinne Wilhelm Diltheys, Georg Simmels und Max Webers angelegt waren,58 so dass mit der Betonung hermeneutischer Positionen die Sprachvermitteltheit und Reflexivität des Gegenstandes soziologischer Analysen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte, Verstehen und Interpretieren als bedeutsame Forschungsmethoden der Soziologie anerkannt wurden.59

Schließlich gewannen in Bezug auf das gesellschaftstheoretische Problem der Genese und des Bestands sozialer Ordnung mikrosoziologische und handlungstheoretische Konzeptionen stärkere Aufmerksamkeit. An die Stelle des Konzeptes eines übersozialisierten Individuums traten subjektorientierte Theorien, die die kreativen Leistungen der Akteure betonten und die Bedeutung von Interaktionsprozessen für die Analyse sozialer Prozesse hervorhoben.60

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Abschließend lässt sich im Hinblick auf die Theoriensituation der 70er Jahre somit konstatieren,61 dass die als Krise apostrophierte Revision und Problematisierung der dem orthodoxen Konsensus zu Grunde liegenden erkenntnistheoretischen, methodologischen und gesellschaftstheoretischen Fragen vorwiegend in der Ausdifferenzierung der Theorienlandschaft in eine Vielzahl konkurrierender Positionen bestand.62 Statt einer Einheitswissenschaft, wie sie etwa noch dem Positivisten und logischen Empiristen Otto Neurath vorschwebte, wurde die Vielfalt divergierender Theorien anerkannt. Es kam zu einer Aktualisierung vergessener sozialtheoretischer Traditionen wie der Phänomenologie, der Hermeneutik, des Pragmatismus oder der Kritischen Theorie, es wurden theoretische und methodische Überlegungen aus Nachbardisziplinen für die Soziologie fruchtbar gemacht, wie etwa die aus der linguistischen Diskussion und anthropologischen Forschung stammenden Methoden des Strukturalismus oder die Konversationsanalyse, und die Dominanz makrosoziologischer, historisch vergleichender Theorien und Analysen wurde durch eine extreme Mikroorientierung konterkariert. Darüber hinaus wurde verstärkt der systematische Anschluss an die soziologischen Klassiker wie Marx, Durkheim, Weber, Simmel oder auch den frühen Parsons angestrebt. Aus der vermeintlichen Not der Soziologie, mit der vehementen Kritik am Strukturfunktionalismus ihr paradigmatisches Zentrum verloren zu haben, wie dies die Krisenmetapher nahe legt, entwickelte sich die wissenschaftstheoretisch legitimierte Tugend der Selbstbeschränkung des universalistischen Anspruchs der Disziplin.

Entscheidend an dieser Dynamisierung der Theorieentwicklung ist nicht nur das Hinterfragen der lange Zeit akzeptierten Problemlösungen, sondern dass damit wieder die Reflexion auf die gesellschaftstheoretische Problemstellung des Verhältnisses von Handeln und Struktur in den Mittelpunkt der Theoriebildung rückte. Denn insbesondere die der Kritik an Parsons entstammende, immer wieder formulierte Kritik, wonach eine reifikatorische Lösung des Problems sozialer Ordnung vielfältige theoretische und analytische Defizite aufweise, führte nicht nur, quasi als Gegenbewegung, zur Wiederaufnahme und Etablierung explizit handlungstheoretischer und interpretativer Konzeptionen,63 sondern verdeutlicht ebenfalls die grundlegend dualistische Verfasstheit der soziologischen Theorie. Die Rede von den „Two Sociologies“64, den „zwei Soziologien“65, ist Folge des theoretischen Bewusstseins, demzufolge das gesellschaftstheoretische Denken durch zwei sich unvermittelt gegenüberstehende theoretische Positionen geprägt ist: Diejenige, die die Gesellschaft und die in ihr wirkenden Prozesse als Folge einer „Emergenz ‚von unten‘“ (Luhmann 1984: 43) konzeptualisieren und, hiervon ausgehend versuchen, Makrophänomene aus der Mikroebene abzuleiten, und dieser gegenüber stehend, diejenige Position, die den Struktur- oder Makrophänomen Priorität zusprechen und die gesellschaftlichen Prozesse insoweit als „Konstitution ‚von oben‘“ (ebd.) betrachten. Die Konzentration der Theoriebildung auf die begriffliche Ausarbeitung eines soziologisch anspruchsvollen Handlungsbegriffs im Zuge der Überwindung des Strukturfunktionalismus führte in der Folge zu der theoretischen Einsicht, die bis dahin antinomische Konzeptualisierung ihrer Grundbegriffe Handlung und Struktur, welche sich in der Opposition zwischen Mikro- und Makrosoziologie niederschlug, mit Hilfe integrativer, beide Konzepte reflektierender Theorien zu überwinden.66 

Die systematische Bedeutung der so genannten Theorienkrise für den Anspruch auf eine „Restrukturierung der Gesellschaftstheorie“ (Bernstein) während der 80er und 90er Jahre liegt meines Erachtens nicht darin, die kontroverse Struktur der soziologischen Theoriebildung zu überwinden, sondern ist in der Sensibilisierung des soziologischen Bewusstseins für die Notwendigkeit zu sehen, die klassische soziologische Problematik der angemessenen Relationierung von Handeln und Struktur neu zu bestimmen. Dies gilt sowohl für J. Habermas (1981a, b), der in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“, auf der Grundlage eines zweistufigen Gesellschaftsmodells beansprucht, die Spezifika gesellschaftlicher Mikro- und Makrobereich identifizieren und im verständnisorientierten Handeln integrieren zu können, als auch in vergleichbarer Stoßrichtung für N. Luhmanns Theorie „Sozialer Systeme“ (1984), die sich zwar dezidiert auf eine differenztheoretisch begründete Systemperspektive unter Ausschluss des Individuums beruft, gleichzeitig aber doch immer wieder den Mikro-Bereich psychischer Systeme von dem Makrobereich sozialer Systeme trennt.

1.2 Diagnostische Aspekte des Theorienpluralismus: Die Krise des Sozialen 

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Seit geraumer Zeit geht innerhalb der Soziologie ein Gespenst umher — das Gespenst der „Auflösung“ oder „Entdinglichung des Sozialen“. Der Soziologie entschwindet, so die in den letzten Jahren immer häufiger konstatierte These, ihr Gegenstand, die Disziplin scheint in ihren Grundfesten erschüttert, sie sei gewissermaßen an ihr Ende gelangt.67 Die Frage „Wozu noch Soziologie?“68 wird vor dem Hintergrund der Zunahme gesellschaftlicher Wandlungs- und Krisenerscheinungen, bei gleichzeitigem Fehlen soziologischer Diagnose- wie auch Therapieangebote als Ausdruck eines „Leistungs-“ und „Identitätsproblems“ (Giesen 1989: 112ff.) des Faches wahrgenommen und mündet in der Forderung nach grundlegenden sozialtheoretischen Reflexionen bzw. begrifflichen Revisionen.

Doch setzt man diese These in Bezug zu den Theorieentwicklungen der letzten Jahre und hält gleichzeitig an dem Anspruch der Soziologie fest, dass sie sich immer wieder dem „Risiko der Gegenwartsdiagnose“ (Joas 1987b) stellen muss, dann verweist dies auf ein Dilemma. Denn sozialwissenschaftliche Theorieentwicklung lässt sich nicht nur mit Blick auf das Spannungsverhältnis zwischen theoretischer Selbstbezüglichkeit und dem Bezug auf Begriffsbildungen in den Nachbardisziplinen analysieren, sondern muss darüber hinaus immer wieder auf reale Problemlagen Bezug nehmen, will man den Sachgehalt soziologischer Aussagen nicht Preis geben. Zwar besteht der grundlegende Hiatus zwischen empirischen Entwicklungsprozessen und der Begründung systematischer Theorie weiterhin fort, „keine Theorie erreicht das Konkrete“, so Luhmann (1975b: 150), doch muss dieses Verdikt angesichts der Plastizität und Variabilität des Gegenstandes der Soziologie dahingehend modifiziert werden, dass hiermit weder der Umkehrschluss, wonach die gesellschaftliche Wirklichkeit auch nicht die Theorie erreicht,69 gemeint sein darf, noch, dass die Soziologie grundsätzlich nicht in der Lage ist, zumindest in unmittelbare Nähe der Realität zu gelangen.

Theorieinnovationen sind damit auch nicht ausschließlich als Reflex auf die als Krisen apostrophierten Infragestellungen der disziplinären Grundkategorien zu fassen, sondern müssen gleichzeitig zu theorieexternen, gegenstandsbezogenen Veränderungen und Problemlagen in Beziehung gesetzt werden. Erst auf der Grundlage einer umfassenden, diese beiden Ebenen reflektierenden Analyse der gegenwärtigen Situation ist es möglich, so meine These, zu einer angemessenen Beurteilung der Leistungsfähigkeit, und damit verbunden, der Benennung zukünftiger Aufgaben der soziologischen Theoriebildung zu gelangen, in deren Folge die Entstehung neuer, die zeitgenössische Diskussion bestimmende Diskursformationen kontextuiert werden können.

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Ein vergröbernder Blick auf die Geschichte der Soziologie und deren Entstehungsbedingungen zeigt in einer ersten Annäherung, dass die Ausbildung des Faches als eigenständige Disziplin im Kanon der wissenschaftlichen Fächer von Beginn an bestimmt wird durch das spezifische Wechselwirkungsverhältnis mit ihrem Gegenstand. Die rasanten Veränderungen im 19. Jahrhundert und die damit einhergehenden Krisenerfahrungen,70 die insbesondere mit der Entstehung des Kapitalismus und Industrialismus zusammenhingen, bilden den gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem sich das Bedürfnis nach einer wissenschaftlichen Selbstaufklärung derjenigen Prozesse ausbildete, die weder von der traditionellen Philosophie71 noch von der Politischen Ökonomie72 in angemessener Weise geleistet werden konnte. Die Soziologie konstituierte sich als diejenige Wissenschaft, die sowohl in Abkehr von den Grundlagenreflexionen über die bürgerliche Gesellschaft, wie sie in systematischer, ausdifferenzierter Form noch im Zentrum des Hegel’schen Denkens stand, als auch in Überwindung der Reduktionismen des ökonomischen Denkens des 19. Jahrhunderts, die moderne, sich im Übergang befindliche Gesellschaft als ihr Untersuchungsobjekt bestimmte und die darin wirksamen Funktionsweisen und Strukturbedingungen aufzuklären suchte.

Die Wahrnehmung tief greifender ökonomischer und politischer Wandlungsprozesse im Zuge der Auflösung gesellschaftlicher Strukturbedingungen, die als unveränderbar, gewissermaßen seinsmäßig gegeben wahrgenommen wurden, bezeichnen den entscheidenden empirischen Ausgangspunkt dafür, die Gesellschaft bzw. das Soziale zum materialen Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion zu machen. Mit Auguste Comtes disziplinbildender Formel von der „Sociologie“ erlangt diese wissenschaftliche Perspektive ihre begriffliche Konkretisierung und eine frühe analytische Prägung, wonach sie die gesellschaftlichen Tatsachen aus gesetzmäßigen Wirkzusammenhängen heraus zu erklären habe. So verweisen Emile Durkheims „Regeln der soziologischen Methode“ (1976) nicht nur auf die spezifische Methodik des Faches, sondern geben gleichfalls eine paradigmatische Bestimmung des Gegenstandes: Die „sozialen Erscheinungen“ sind wie „Dinge“ zu behandeln. Eine „objektive“ Untersuchung der sozialen Tatbestände ist nach E. Durkheim somit nur möglich, insoweit diese sich gegenüber individuellen Handlungen, Bestrebungen und Manifestationen verselbstständigen und Stabilität erreichen; eine Stabilität, die wiederum in der Gesellschaft gründet: „Der erste Ursprung eines jeden sozialen Vorgangs von einiger Bedeutung muß in der Konstitution des inneren sozialen Milieus gesucht werden“ (ebd.: 195). Zur Erklärung sozialer Erscheinungen muss sich die Soziologie demzufolge auf die Analyse der Strukturen und Milieus konzentrieren, die als Gussformen für das Handeln der Individuen eine Realität sui generis darstellen. Sie ist die Wissenschaft vom Sozialen, nimmt demzufolge ihren Ausgangspunkt bei der Annahme der Unhintergehbarkeit und Identität des Sozialen,73 deren Natur es aufzuklären gilt. Hierfür gilt es, nicht nur auf theoretische Prinzipien zurückzugreifen, sondern immer auch empirischen Veränderungen Rechnung zu tragen.

Exemplarisch deutlich wird der Einfluss gesellschaftlicher Strukturveränderungen auf die sozialwissenschaftliche Theoriebildung etwa mit Blick auf die soziologischen Kennzeichnungen der Moderne. Die Entstehung und der Entwicklungsverlauf der Industriegesellschaft wurde auf vier zentrale, empirisch beobachtbare Prozessmechanismen zurückgeführt, in deren Folge sich in diagnostischer Perspektive ein „einheitlicher Bezugsrahmen für das Begreifen von Modernität entwickelt hat“ (Berger 1988: 225). Ausgangspunkt war die zentrale Differenzerfahrung, wonach mit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise ein Gesellschaftssystem entstanden war, das die traditionellen Sozialbeziehungen überwand, neben wirtschaftlichen auch politische und soziale Veränderungen anstieß und einen radikalen Bruch mit den sozialstrukturellen Bedingungen der Vergangenheit wie auch mit der bisherigen Zeiterfahrung74 implizierte — alles bisher Gewesene, Vormoderne wird der Tradition zugeschrieben und ist somit von der Moderne abgetrennt. Insofern war die moderne Gesellschaft auch nicht mehr in der Lage, sich über die Bezugnahme auf und die Eingebundenheit in spezifische Traditionslinien historisch zu verorten.75 Im Zentrum standen vielmehr die Erfahrung eines Bruches mit der Vergangenheit sowie die Ausbildung eines neuen Epochenbewusstseins; die eigene Zeit wurde als Übergangszeit wahrgenommen, wobei insbesondere die Erfahrung kontextueller Gebundenheit und die Ereignishaftigkeit der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse konstitutive Bedeutung erlangte. Diese sozialen Entwicklungsprozesse wurden durch endogene strukturelle Grundlagen angestoßen und verwiesen auf die Notwendigkeit, die Entwicklungsdynamik der Moderne aus sich selbst heraus zu begründen und wissenschaftlich zu bearbeiten. Um der Besonderheit dieses gesellschaftsimmanenten Prozesses theoretisch und konzeptionell gerecht zu werden, diagnostizierte die Soziologie diese Entwicklung mit Hilfe reflexiver Selbstbeschreibungsbegriffe, wie beispielsweise dem der Selbstverwertung (Marx), der Selbstreferentialität (Luhmann) oder der Selbststeuerungskapazität (Etzioni) der modernen Gesellschaft. Neben dieser Erfahrung einer inter-gesellschaftlichen Differenz zwischen konstitutionell zu unterscheidenden sozialen Ordnungstypen – moderne vs. traditionale Gesellschaft — trat aber auch die Wahrnehmung eines zunehmenden intra-gesellschaftlichen Differenzierungsprozesses. Denn die Moderne unterscheidet sich nicht nur in ihrer neuartigen strukturellen Verfasstheit von allen bisherigen Gesellschaftstypen, sondern unterliegt auch in ihrem Binnenverhältnis einem zunehmenden Differenzierungsprozess, in dessen Folge sich eine Vielzahl von funktional differenten Wertsphären (Weber) oder Subsystemen (Parsons) ausbildeten. Das Verhalten der Individuen ließ sich somit nicht mehr über die Identifikation eines einheitlichen gesellschaftlichen Organisationsprinzips soziologisch bestimmen. Vielmehr musste die Analyse sozialen Handelns der Tatsache gerecht werden, dass die Akteure einer Vielzahl unterschiedlicher Handlungszumutungen ausgesetzt waren, wie die mit der Entstehung und Durchsetzung dieser funktional differenzierten gesellschaftlichen Teilbereiche einhergehende Autonomisierung der Lebenssphären verdeutlicht.

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Zwar stellt die wachsende Eigengesetzlichkeit einzelner gesellschaftlicher Funktions- und Lebensbereiche einen wichtigen Indikator für die zunehmende Rationalisierung, als zentralem Aspekt des Modernisierungsprozesses (Schluchter 1979) dar, doch galt das Interesse der Soziologie weniger dem Rationalisierungsprozess im Allgemeinen als vielmehr der Besonderheit des „okzidentalen Rationalismus“ (Weber) und dessen spezifischen Durchsetzungschancen und Durchsetzungsmechanismen: „Charakteristisch für (den) kulturgeschichtlichen Unterschied ist erst: welche Sphären und in welcher Richtung sie rationalisiert werden“, wie Weber (1988: 12) klar ausführt. Der Rationalisierungsprozess war nicht mehr ausschließlich auf den Bereich der Wirtschaft bezogen, vielmehr etablierten sich in den verschiedensten gesellschaftlichen Lebenssphären spezifische Verfahrensregeln und Standards, die das Handeln kontextabhängig systematisierten.

Für die Analyse der Mechanismen, die den sozialen Vergesellschaftungsprozess steuerten, bedeutete dies, dass sie sich nicht mehr allein aus der Ökonomie ableiten ließen, sondern der zunehmenden Eigengesetzlichkeit einzelner Handlungskontexte theoretisch Rechnung tragen mussten.76 Dies um so mehr, als sich zeigte, dass dem Differenzierungs- und Rationalisierungsprozess eine enorme Entwicklungsdynamik inhärent ist, der zufolge die Unterstellung der einzelnen Sphären unter ihre jeweilige Eigengesetzlichkeit keinerlei Grenzen gesetzt sind, statt dessen „alle Systeme auf Kontinuierung, Steigerung und verbesserte Funktionserfüllung (setzen)“ (Berger 1988: 227).

Diese für die Entstehung und Durchsetzung der Moderne charakteristischen Veränderungen prägten nicht nur die Erfahrungsweisen und Handlungsmöglichkeiten der Individuen radikal neu, sondern zwangen die sozialwissenschaftlichen Theoretiker gleichzeitig zur Reflexion und grundbegrifflichen Innovationen. War es in struktureller Perspektive insbesondere die Kenntnis, alle bisher bestehenden sozialen Ordnungskonstellationen überwunden und eine völlig neuartige Sozialstruktur ausgebildet zu haben, so wurde dies ergänzt durch die Wahrnehmung einer zunehmenden binnengesellschaftlichen Differenzierung und der Erfahrung einer permanenten Dynamisierung und Rationalisierung der gesellschaftlichen Teilsysteme, die sich unter dem Zwang zu immanenter Leistungssteigerung immer stärker autonomisierten.

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Differenz-, Rationalisierungs- und Fortschrittserfahrung markierten somit die empirischen Parameter der sozialwissenschaftlichen Bestimmung der Moderne77 und prägten sowohl in grundbegrifflich-theoriebildender78 als auch in zeitdiagnostischer79 Perspektive den soziologischen Diskurs. Die Entstehung sozialer und politischer Krisensituationen verdeutlicht immer wieder die Prekarität dieser gesellschaftlichen Prozesse, schärft den Blick für die ambivalenten Folgen der Modernisierung, so dass trotz der weitgehenden Übereinstimmung der soziologischen Bestimmungen der Moderne die Notwendigkeit zu permanenter wissenschaftlicher Reflexion blieb.80 Seit Beginn des theoretischen Diskurses über die Gesellschaft zeigt sich somit, dass soziale, kulturelle oder politische Krisen empirischer Dauerstimulus für die sozialwissenschaftliche Theoriebildung waren. Erst in der Folge bzw. nach Abschluss eines gesellschaftlichen Veränderungsprozesses und dessen sozialwissenschaftlich informierter Wahrnehmung rückt die Notwendigkeit ins Bewusstsein, ihr diagnostisches Sensorium und analytisches, wie auch begriffliches Werkzeug zu überdenken, und es eröffnet sich gleichzeitig die Chance zu einer Neujustierung dieser Dimensionen; d.h. Objekt und Methode der Soziologie werden somit immer wieder auf den Prüfstand der Adäquanz mit ihrem Gegenstand gebracht.

Ein Blick auf die Entwicklung der Gegenwartsgesellschaften während der letzten Jahrzehnte wirft nun aber die Frage auf, ob diese noch mit Hilfe eines Stabilität und Kontinuität implizierenden Konzepts sozialer Ordnung analysiert werden können, wie es die klassischen, den Bedingungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts geschuldeten Sozialtheorien nahe legen. Denn betrachtet man nicht nur die osteuropäischen, sondern auch die vermeintlich stabilen liberal-kapitalistischen Gesellschaften, so lässt sich ein ständiger Erosionsprozess selbst derjenigen Bedingungen konstatieren, die lange Zeit als konstitutiv für den Bestand dieser Ordnungsgefüge galten, und es zeigte sich in diesem Zusammenhang eine erhöhte Krisenanfälligkeit dieser Gesellschaftstypen.

Eine grobe Skizze der Entwicklung der letzten 30 Jahre verdeutlicht dies stichwortartig: War es im Verlauf der 70er Jahre die Debatte um die Legitimationsgrundlagen der spätkapitalistischen Gesellschaften81, die unter den Stichworten des „Staatsversagens“ oder der „Unregierbarkeit“82 nicht nur auf die (empirisch konstatierbaren) Grenzen des Wachstums und des Sozialstaatsprojektes verwiesen, sondern darüber hinaus im Mangel an Problembearbeitungskapazitäten die Ursachen einer Krise der normativen Grundlagen und der Funktionsfähigkeit der Institutionen moderner Demokratien sahen, die notwendig zu einer grundlegenden Neubestimmung des politischen Systems und der darin wirkenden Institutionen zwinge, so folgte mit der Debatte um die „Krise der Arbeitsgesellschaft“83 die Problematisierung des ökonomischen Teilbereichs. Die zentrale Bedeutung von Arbeit als einem der wichtigsten gesellschaftlichen Strukturelemente der Moderne schien sich grundlegend zu wandeln und ließ die sozioökonomischen Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaften brüchig erscheinen, wie sozialwissenschaftliche Diagnosen illustrierten. Die Arbeitsgesellschaften gerieten in eine Krise ihrer zentralen Funktionsmechanismen,84 wie beispielsweise Veränderungen im gesellschaftlichen Ungleichheitsgefüge oder des Normalarbeitsverhältnisses zeigten. Entsprechend dieser Strukturinvarianzen im Bereich des politischen wie des ökonomischen Systems veränderten sich auch die zentralen Wertmuster innerhalb der westlichen Demokratien, gerieten gewissermaßen die „kulturellen Grundlagen der Moderne“ (Tenbruck) ins Wanken. Die Dominanz der erwerbsarbeitsbezogenen Wertorientierung als zentralem Vergesellschaftungsmedium wurde aufgebrochen, und an deren Stelle erlangten zunehmend postmaterielle Werte85 Verhaltensrelevanz.

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Mitte der 80er Jahre kumulierte diese mehrdimensionale Krisenwahrnehmung in der Diagnose einer „Wendezeit“ (Berger 1986: 3), die das Ende des Projektes der Moderne indizierte. Zwar bildeten Differenzierungs- und Rationalisierungsprozesse weiterhin die zentralen Mechanismen des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses, doch ließ sich die damit verknüpfte Vorstellung eines kontinuierlichen gesellschaftlichen Fortschritts bei weitestgehender struktureller Stabilität angesichts der grundlegenden Strukturveränderungen westlicher Gesellschaften theoretisch nicht mehr aufrechterhalten. Der Prozess zunehmender funktionaler Differenzierung umfasste nicht mehr nur die Ausbildung autonomer Funktionssphären mit divergenten Wertstrukturen, sondern führte darüber hinaus im Zuge der permanenten Binnendifferenzierung zu einer enormen Spezialisierung der einzelnen Teilsysteme mit der Folge, dass dabei auftretende Dysfunktionalitäten oftmals nicht mehr teilsystemspezifisch kompensiert oder korrigiert werden können. Die Ausbildung spezifischer Rationalitätsstandards innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Sphären scheint sich auf Kosten einer gesamtgesellschaftlichen Rationalität zu vollziehen, so dass der Freiheitsgewinn innerhalb einzelner Teilbereiche oftmals eine Vielzahl von Steuerungs- und Koordinationsproblemen für das Ganze nach sich zieht. Die mit dem Projekt der Moderne einhergehenden gesellschaftlichen und sozialen Utopien verlieren angesichts dieser „Neuen Unübersichtlichkeit“ (Habermas 1985a) ihre Orientierungskraft und wurden, dramatisiert durch die Erfahrung einer außerordentlichen Zunahme ökologischer Gefahren- und Risikolagen (Beck 1986), von der „Utopie der Null-Option“ (Offe 1986) ersetzt. Statt Integration und Stabilität scheinen Desintegration und Auflösung das zentrale Charakteristikum der Gegenwartsgesellschaften zu sein.86 Statt einer klar strukturierten sozialen Wirklichkeit auf der Basis lange Zeit geltender sozialer Handlungsmuster, beobachtet die Soziologie gegenwärtig eine durch vielfältige heterogene Prozesse und Mechanismen, mit ungeahnten Konsequenzen ausdifferenzierte Welt, zu deren umfassender diagnostischer Erschließung die bisherigen Theorien nicht mehr hinreichend analytisches Potenzial anbieten. Nicht nur mit Blick auf die Theorien sozialer Ungleichheit scheint es demzufolge notwendig zu sein, jenseits der tradierten Modelle nach neuen theoretischen Möglichkeiten zu suchen.

Die Frage nach den „methodischen Konsequenzen gesellschaftlicher Differenzierung“ (Esser 1979) rückt angesichts der Wahrnehmung eines tief greifenden Entwicklungsbruchs der modernen Gesellschaften immer stärker ins Zentrum der gesellschaftstheoretischen Diskussion. Lassen sich die hier illustrierend herangezogenen gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse weiterhin im Rahmen des tradierten modernisierungstheoretischen Erklärungsmodells analysieren und interpretieren,87 oder sind sie erste Indikatoren einer neuartigen sozialen Ordnungskonfiguration, die die Soziologie, ähnlich dem Übergang der traditionalen Gesellschaften in die Moderne,88 vor ein analytisches Problem stellt und sowohl eine Neubestimmung der grundlegenden Dimensionen ihres Gegenstandes als auch eine Veränderung ihrer theoretischen Grundbegriffe impliziert?

„Tatsächlich aber scheinen unsere Analysen nicht nur den realen Entwicklungen hinterherzuhinken; wir haben aus ihnen auch erstaunlich wenig für ein prinzipielles Verständnis der besonderen Dynamik hochkomplexer sozialer Systeme gelernt. (Dadurch aber erhalten auch zunächst befriedigende ad-hoc-Erklärungen überraschender Entwicklungen einen beunruhigenden Grad an Beliebigkeit: so wie sie sind, leuchten sie ein, aber man fragt sich, ob es sich wirklich um mehr als prinzipiell austauschbare Deutungen handelt.) Das Eingeständnis jedoch, kein Wissen, sondern nur wechselnde Situationsdefinitionen zu produzieren, muß zwangsläufig das Vertrauen in die Erklärungskraft unserer theoretischen Paradigmen zerstören“ (Mayntz 1985: 28). Diesem skeptischen Urteil hinsichtlich der analytischen Kraft insbesondere makrosoziologischer Theorien entspricht faktisch der enorme Bedeutungszuwachs, den sowohl die Mikrosoziologie als auch die so genannten Bindestrich-Soziologien seit Beginn der 70er Jahre zu verzeichnen hatten, die durch die Konzentration auf bereichsspezifische Fragestellungen eine Vielzahl empirisch gesicherter Theorien mittlerer Reichweite entwickelten, wie beispielsweise im Bereich der neueren Kultursoziologie, der Organisations- und Institutionentheorie, der Wirtschaftssoziologie oder der historisch-komparativen Makrosoziologie.89 

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Die empirisch beobachtbaren Strukturveränderungen in modernen Gesellschaften stehen somit in einem inhärenten Zusammenhang mit der Differenzierung der Theorielandschaft. Jedoch scheint es gegenwärtig verfrüht, in diesem Pluralisierungsprozess den Indikator einer Krise des in der Moderne vorherrschenden Gesellschaftstyps zu sehen, der es rechtfertigen würde, vom „Ende des Sozialen“ zu sprechen bzw. auf das Ende der Soziologie zu schließen und in der Behaglichkeit postmoderner Sozialtheorie ohne jegliche Analysekriterien nurmehr den Diskurs über die Gesellschaft zu pflegen. Stattdessen stellen diese Strukturveränderungen eine enorme theoretische und analytische Herausforderung dar, „die Voraussetzungen soziologischen Arbeitens selbst einer kritischen Reflexion zu unterziehen“ (Lutz 1983: 327) und nach den begrifflichen Mängeln zu forschen, die die unbestreitbaren diagnostischen Defizite der zeitgenössischen soziologischen Theorie bedingen. Denn ein bedeutsamer Grund für die Schwierigkeiten der Soziologie, soziale Diskontinuitäten angemessen zu analysieren, scheint in der theoriegeschichtlich vorbestimmten selektiven Wahrnehmung gesellschaftlicher (Entwicklungs-)Prozesse zu liegen.

Die Schwierigkeit der zeitgenössischen Soziologie, die enormen gesellschaftlichen Veränderungen und sozialen Erschütterungen, wie sie sich etwa mit dem Zusammenbruch staatlicher Ordnungen90 oder dem Aufkommen einer Vielzahl von ethnischen und nationalistischen Konflikten91 zeigen, angemessen zu diagnostizieren, verweist darauf, dass die theoretische Grundausrichtung des Faches immer noch der Aufklärung der Bedingungen gesellschaftlicher Stabilität und sozialer Ordnung gilt. Desintegrationsprozesse und soziale Unordnung bilden in dieser Perspektive nur Sonderfälle der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungsdynamik und bleiben auffallend unteranalysiert. Die vermeintliche Ratlosigkeit der Soziologie gegenüber diesen zunehmend als krisenhaft wahrgenommenen Prozesse der letzten Jahre indiziert somit die Notwendigkeit der Ausbildung eines erneuerten analytischen Paradigmas, derzufolge entweder die Zentralität des Ordnungsproblems für die Soziologie grundsätzlich in Frage gestellt werden muss, gewissermaßen das Problem sozialer Unordnung stattdessen in das Zentrum der Theoriebildung rückt, oder aber die bestehenden Theorien im Lichte der empirischen Veränderungen problematisiert werden in der Absicht, das Problem sozialer Ordnung theoretisch neu zu fassen und begrifflich zu reformulieren.

Vor dem empirischen Hintergrund der Komplexitätszunahme und Dynamisierung moderner Gesellschaften zeigt es sich, dass sowohl die enge Koppelung der soziologischen Theoriebildung an die zentralen Konzepte und Mechanismen der Moderne wie auch ihre Konzentration auf die Ordnungsproblematik nicht mehr unhinterfragt aufrechterhalten werden können. Doch bedeutet diese Aufgabe der „gesellschaftstheoretischen Zentralperspektive“ (Giesen 1989: 121f.) und die damit einhergehende Ausdifferenzierung der Theorielandschaft keineswegs das Ende soziologischen Forschens und Aufklärens. Statt dessen zeigt der Verweis auf die gegenwärtigen Problemlagen, dass sich die aktuelle Theoriediskussion nicht nur mit Fragen der abstrakten Theoriekrise beschäftigen darf, sondern dass darüber hinaus die Problematisierung gesellschaftlicher Krisen und Transformationen einen zentralen Bezugspunkt für den gegenwärtigen soziologischen Diskurs darstellen muss. Das heißt, es gilt die auf der Ebene der Grundbegriffe angesiedelte Diskussion um eine angemessene Neukonzeptualisierung des Verhältnisses von Handlung und Struktur auf der Ebene der soziologischen Theoriebildung mit einer Neukonzeptualisierung des Problems sozialer Ordnung zu verknüpfen, so dass es der Soziologie gelingt, dem analytischen Problem einer empirisch gehaltvollen Diagnose der Moderne gerecht zu werden.92

1.3 Systematische Aspekte des Theorienpluralismus: Die Verhältnisbestimmung theoretischer und empirischer Dimensionen

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Die Diskussion der Erklärungs- und Analyseversuche der Ursachen für die Pluralisierung der soziologischen Theorielandschaft in den letzten Jahrzehnten hat deutlich gezeigt, dass die anfänglich aufgeworfene Frage nach dem Zustand der Soziologie und die damit einhergehende Krisendiagnose einer weitaus differenzierteren Bearbeitung bedarf als dies bislang geleistet wurde. Zum einen wurde in analytischer Hinsicht die Notwendigkeit deutlich, die eindimensionale These des unmittelbaren Zusammenhanges zwischen Pluralisierung und Krisencharakter der soziologischen Theorie dahingehend zu relativieren, dass eine solche Bestimmung auf vielfältige Ursachen und Faktoren reflektieren muss und es einer scharfen begrifflichen und theoretischen Bestimmung derjenigen Dimensionen bedarf, die in eine Krise geraten sind. Hierauf aufbauend stellt sich zum anderen in systematischer Perspektive nicht nur die Frage, was an dieser Entwicklung tatsächlich krisenhaft ist, sondern wie sich vor dem Hintergrund der enormen Pluralität und Heterogenität von unterschiedlichsten Theorien eine generelle Vergleichsperspektive entwickeln lässt, die nicht ausschließlich auf methodologische und grundbegriffliche Problemstellungen der Theoriekonstruktion bezogen bleibt, sondern, im Gegenteil, vielfältigen Einflüssen auf die Theoriebildung gerecht werden und damit einen systematischen Bezugsrahmen für die Analyse der soziologischen Theoriebildung bilden kann.

Ein theoretischer Bezugsrahmen für die vergleichende Analyse der soziologischen Theorieentwicklung steht also vor dem Problem, sowohl die permanente Proliferation verschiedenster und sich widersprechender Theorien anzuerkennen, als auch der immer wieder konstatierbaren Dynamik zur Vereinheitlichung gerecht werden zu können,93 muss hierfür entweder die für die Integration der Theorien bedeutsamen Prozesse und Mechanismen benennen oder aber spezifische Rationalitätskriterien auszeichnen können, die einen Vergleich ermöglichen.

Gegenwärtig lassen sich meines Erachtens insbesondere drei analytisch differente Konzeptionen bestimmen, die explizit beanspruchen, das Anwachsen des soziologischen Theoriekörpers auf der Grundlage einer spezifischen Systematik vergleichend analysieren zu können:94 einerseits ein monistischer Ansatz, demzufolge die mit der Ausdifferenzierung der Theorielandschaft einhergehende Unsicherheit dadurch zu überwinden sei, dass den widerstreitenden Positionen und Fragestellungen eine spezifische, sie verbindende soziologische Perspektive zu Grunde liegt, die gewissermaßen das Gravitationszentrum der Theoriebildung kennzeichnet. Das klassische Vorbild einer solchen Vorgehensweise bildet sicherlich Talcott Parsons’ einflussreiche Studie „The Structure of Social Action“, in der er nicht nur den Nachweis zu führen suchte, dass die klassischen soziologischen Theorien in einer „voluntaristischen Handlungstheorie“ konvergieren, sondern darüber hinaus auch die sozialtheoretische Fundierung einer solchen allgemeinen Theorie anstrebte. Derselben theoretischen Grundüberzeugung, die soziologische Theoriebildung auf ein einheitliches Theorieverständnis zu verpflichten, folgen etwa auch J. Alexander (1982ff.) in seinem groß angelegten Versuch, der soziologischen Tradition eine verbindliche theoretische Logik zu Grunde zu legen bzw. eine multidimensionale Handlungstheorie zu entwerfen95, oder neuerdings Hartmut Esser (1999ff.) in seinem voluminösen Unterfangen, die Grundlagen der Soziologie auf der Basis rationaler und nutzenorientierender Handlungsmotive auszuarbeiten.

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Andererseits stehen diesen Versuchen, den Theorienpluralismus durch die Auszeichnung eines Theoriekerns zu überwinden, diejenigen Ansätze diametral gegenüber, die gerade in der Betonung der überragenden Bedeutung einer einzigen Theorie eine unzulässige Verengung des theoretischen Raumes sehen. Denn weder ein universeller Wahrheitsanspruch ist für eine Position begründbar, noch entspricht die Konzentration auf einen Erklärungsansatz der Vielfalt der empirisch beobachtbaren Erscheinungen. Stattdessen gilt es, gerade die Heterogenität und Vielschichtigkeit der Theorielandschaft zu betonen und eine Vielzahl differenter „Weisen der Weltsicht“ (Goodman) zuzulassen. Diese pluralistische oder rel a tivistische Konzeption, die insbesondere den sozialphilosophischen Diskurs seit der Diskussion um die Postmoderne bestimmt,96 findet sich innerhalb der Soziologie vor allem im Kontext der Fortentwicklung der wissenssoziologischen Arbeiten Karl Mannheims bzw. der diese Argumentationsmuster wieder aufnehmenden Vertreter des so genannten „strong program“97. Die zu Beginn der 70er Jahre publizierten Arbeiten von Alvin Gouldner oder Robert Friedrichs, die sich explizit gegen die Vorherrschaft eines alles überragenden Paradigmas — des Strukturfunktionalismus — innerhalb der Soziologie wandten, folgen ebenfalls diesem Argumentationsschema.

Schließlich findet sich eine dritte Position, die versucht, diese beiden Pole dahingehend zu synthetisieren, dass sie zwar die Existenz einer Vielzahl konkurrierender Theorien wie auch deren Inkompatibilität akzeptiert, diese jedoch durch die Bezugnahme auf konkrete Fragestellungen zu überwinden sucht. Denn erst in der Kombination von Teilen und Aspekten einzelner Theorien ist es möglich, problembezogene Erklärungs- und Analysemodelle zu entwickeln. Unter diese synthetisierenden Verfahren kommt insbesondere der Position des so genannten „methodologischen Pluralismus“98 eine zentrale Bedeutung zu, die, wenngleich in ihrer theoretischen Zielrichtung stärker dem pluralistischen denn dem monistischen Pol zuzurechnen, in methodischer Hinsicht weniger eklektizistisch vorgeht und die Existenz vielfältiger Theorien zwar anerkennt, ohne aber notwendigerweise eine vollständige Beliebigkeit und Heterogenität der Theorielandschaft zu verteidigen. Demzufolge stellt sich unter diesen Prämissen auch die Frage nach der Möglichkeit einer Systematisierung der Theoriebildung in der Soziologie primär als eine der erkenntnistheoretischen Grundlagen oder — um mit Max Weber zu sprechen — der jeweiligen Wertbindung, die der Wissenschaftler für sich in Anspruch nimmt. Wie und unter Zuhilfenahme welcher theoretischen und methodologischen Grundannahmen lassen sich die „großen Kulturprobleme der Zeit“ (Weber) bearbeiten? Die hiermit implizierte Akzeptanz konkurrierender Positionen, unter denen nach Abwägung verschiedener Gründe ausgewählt wird, bietet die Möglichkeit, angesichts sich wandelnder Problemlagen alternative Theorien und Methoden anzuwenden, die eine größere Erklärungskraft versprechen.

Sucht man nun auf der Grundlage dieser drei skizzierten metatheoretischen Positionen die gegenwärtige Theoriensituation zu systematisieren, dann scheint sich allerdings Theda Skocpols (1987) Verdikt, wonach die soziologische Metatheorie einer theoretischen Sackgasse entspreche, zu bestätigen. Denn die Konzentration dieser Analysen auf wissenschaftstheoretische Fragestellungen und grundlagentheoretische Voraussetzungen führen zu einer Überakzentuierung theorieinterner Faktoren, in deren Folge die vielfältigen theorieexternen Ursachen des Theorienpluralismus nur bedingt in die Analyse mit aufgenommen werden können. Für die Zwecke der Entwicklung eines Bezugsrahmens, der den konstatierten Prozessen der soziologischen Theorieentwicklung gerecht zu werden beansprucht, ist es notwendig, soziologische Metatheorie nicht ausschließlich als Grundlagenreflexion der Bedingungen der Möglichkeit soziologischer Theoriebildung zu konzeptualisieren, sondern sie stattdessen als eine Heuristik zu konzipieren, mit deren Hilfe zum einen neben begrifflichen und sozialtheoretischen Aspekten auch sozialen Wandlungsprozessen und deren Einflüssen auf die Soziologie analytisch Rechnung getragen werden kann und sich zum anderen systematische Leitfragen an die Theoriebildung ableiten lassen.99

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Um eine solche Heuristik zu entwicklen, schließe ich an die seit Mitte der 80er Jahre in den USA verstärkt geführten Debatten über die Chancen und Möglichkeiten der Metatheorie für die Sozialwissenschaften100 an, wie sie insbesondere in den Arbeiten von George Ritzer (1988, 1990a, 1990b, 1991, 1992) zum Tragen kommen. Die Aufgabe der Metasoziologie besteht demzufolge primär nicht darin, die Voraussetzungen soziologischen Denkens zu klären, sondern darin, diejenigen Dimensionen zu bestimmen, die für die Weiterentwicklung und Veränderung soziologischer Theorien von Bedeutung sind und die damit zur Ausbildung eines „‚theoretical self-consciousness’ of sociologists“ (Ritzer 1988: 195) führen können. Für diesen Zweck entwickelt Ritzer (ebd.: 189f.) eine Typologie entlang der Achsen intern-extern und intellektuell-sozial, mit Hilfe derer er den verschiedenen Einflussdimensionen systematisch gerecht zu werden sucht und die es gleichzeitig ermöglicht, die bestehenden metatheoretischen Konzeptionen in Form eines 4-Felder-Schemas theoretisch in Beziehung zueinander zu setzen.

Auf der Basis dieser Typologisierung lässt sich ein heuristischer Bezugsrahmen für die Analyse des gegenwärtigen Theorienpluralismus entwickeln, der es erlaubt, sowohl die für die soziologische Theoriebildung relevanten Faktoren und Bereiche auszuweisen und gleichberechtigt in die Analyse mit aufzunehmen als auch eine Differenzierung hinsichtlich des unterschiedlichen Wirkungsgrades und der Intensität dieser einzelnen Einflussfaktoren auf verschiedenen Theorieebenen zu kennzeichnen.

In Analogie zu Ritzer möchte ich deshalb im Folgenden die Dimensionen endogen-exogen und theoretisch-empirisch in Bezug zueinander setzen und als relevante Bestimmungskategorien für den Versuch einer vergleichenden Analyse und Systematisierung der zeitgenössischen Theoriesituation einführen (vgl. Schaubild 1).

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Schaubild 1: Dimensionen des Theorienvergleichs

1. Die Dimension endogen-theoretisch ist auf den Bereich der paradigmat schen Theorien und Theorienschulen bezogen und konzentriert sich hierbei auf den Kern, d.h. die theoretische Identität der jeweiligen Ansätze. Hierbei gilt es, in gesellschaftstheoretischer Perspektive die zentralen Dimensionen des Ansatzes aufzuklären und dessen Entwicklung über die Zeit mit in den Blick zu nehmen. Diese Dimension beschreibt somit den Ort der theorieinternen Debatten und konzentriert sich auf Fragestellungen, inwiefern die Theorien konkurrierende Einflüsse integrieren können oder nicht und wie sie in der Weiterentwicklung ihrer Grundkategorien auf diese Veränderungen reagieren. Unter Beachtung ihrer theoretischen Kohärenz stehen hier beispielhaft Fragen nach der Genese und der Durchsetzung einzelner Theorien, wie etwa des Strukturfunktionalismus, des Symbolischen Interaktionismus oder des Rational-Choice-Ansatzes, im Mittelpunkt des Interesses.

2. Die exogen-theoretische Dimension ist demgegenüber bezogen auf die Bedeutung und den Einfluss von wissenschaftlichen Disziplinen auf die Theoriebildung, die nicht im engeren Sinne als sozialwissenschaftlich zu kennzeichnen sind. Hierbei stehen insbesondere grundbegriffliche und sozialtheoretische Aspekte im Zentrum des Interesses, die Einfluss auf die Grundkategorien der jeweiligen Gesellschaftstheorien bzw. der allgemeinen Theoriesituation nehmen können. So steht beispielsweise die große Bedeutung, die die Übernahme ökonomischer Theoriemodelle in die Soziologie für die Ausbildung des Rational-Choice-Ansatzes hatte, außer Frage oder die Präsenz der neueren biologischen Forschung für den systemtheoretischen Ansatz Niklas Luhmanns, wie man auch auf allgemeinerer Ebene auf den bedeutenden Einfluss der sprachanalytischen Wende für die Auflösung des so genannten orthodoxen Konsensus verweisen muss, bzw. die Sprechakttheorie für den gesellschaftstheoretischen Ansatz von Jürgen Habermas.

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3. Die endogen-empirische Dimension verweist darauf, dass die Durchsetzung und Etablierung einzelner Theorien nicht nur durch deren grundlagentheoretische Kohärenz bestimmt wird, sondern darüber hinaus durch eine Reihe kontextabhängiger Faktoren mit beeinflusst ist. So spielen oftmals etwa nationale Traditionen eine wichtige Rolle für die Ausbildung eines spezifischen Theorieansatzes, oder die institutionelle Repräsentanz einzelner Positionen kann von Relevanz für deren Etablierung sein. Soziologische Theorien sind demnach keinesfalls monolithische, geschlossene Theoriekörper, sie bilden vielmehr einen Teilbereich des sozialen Raums „Theorielandschaft“, so dass deren spezifische Kontextbedingungen aufgeklärt werden müssen, um die Durchsetzungs- und Etablierungschancen einzelner theoretischer Positionen angemessen beurteilen zu können. Man denke etwa an die spezifische Bedeutung Durkheims für die französische Soziologie im Allgemeinen oder an den Einfluss der Debatten zwischen Sartre und Lévi-Strauss für das Werk Pierre Bourdieus im Besonderen.101 Ebenso zeigt sich, dass die institutionelle Repräsentanz einzelner theoretischer Konzeptionen einen entscheidenden Selektionsmechanismus für die Reproduktion soziologischer Theorien darstellt.102

4. Die exogen-empirische Dimension verweist schließlich auf diejenigen Veränderungen und Entwicklungen, die sich nicht primär im Binnenverhältnis der Theorien finden, sondern den Untersuchungsgegenstand des Faches betreffen. Hierbei müssen Prozesse und Mechanismen in den Blick genommen werden, die in struktureller Hinsicht den Aufbau und die Entwicklungsdynamik moderner Gesellschaften verändern und mit dem bisherigen Analyseinstrumentarium nicht mehr oder nur noch suboptimal aufzuklären sind und insofern theoriebildend wirken. Dieses Wechselwirkungsverhältnis zwischen sozialen Entwicklungsdynamiken und der soziologischen Theoriebildung kennzeichnet nicht nur die Entstehungssituation der Soziologie als wissenschaftlich-methodischen Reflex auf die Durchsetzung industriell-kapitalistischer Gesellschaften seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, sondern zeigte sich auch am Beispiel der enormen theoretischen und begrifflichen Anstrengungen, den Transformationsprozess in Osteuropa soziologisch angemessen zu analysieren.103

Im Sinne einer forschungsleitenden Heuristik ermöglicht dieses Modell meines Erachtens nach nun in mehrerer Hinsicht eine vergleichende Untersuchung soziologischer Theorieentwicklung. Es eröffnet in analytischer Perspektive die Möglichkeit, Prozesse der Entwicklung, d.h. der gelungenen oder misslungenen Durchsetzung einzelner Theorien, auf der Grundlage der Kennzeichnung ihrer spezifischen Kontextbedingungen, wie sie die verschiedenen Einflussdimensionen konstituieren, über einen historisch abgrenzbaren Zeitraum nachzuzeichnen.104 Darüber hinaus ermöglicht es, in diagnostischer Hinsicht die Situation der zeitgenössischen soziologischen Theoriebildung zu kennzeichnen, wie sie sich beispielsweise vor dem Hintergrund des allgemein konstatierten Theorienpluralismus der 70er und 80er Jahre darstellt (Schaubild 2):

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Schaubild 2: Schematische Darstellung der Theoriesituation des Theorienpluralismus der 70er und 80er Jahre

Das analytische und diagnostische Potenzial dieses Ansatzes beruht in erster Linie darauf, dass die entwickelte Heuristik es erlaubt, eine Vielzahl möglicher — sich oftmals gegenseitig verstärkender — Einflüsse auf die Theoriebildung in ein umfassendes Analysemodell zu integrieren. Darüber hinaus verweist die Ausdifferenzierung potenzieller Ursachen für die Weiterentwicklung theoretischer Positionen in eigenständige analytische Dimensionen auf die Möglichkeit, die Spezifik unterschiedlicher theoretischer Konzepte in sachlicher und zeitlicher Hinsicht herauszuarbeiten. So lassen sich beispielsweise Entwicklungsschübe in einzelnen Theorien nur dann in komparativer Perspektive analysieren, wenn es möglich ist, deren Reaktion auf Veränderungen innerhalb der jeweiligen Problemkontexte unter dem Gesichtspunkt ihres Anpassungs- und Bearbeitungspotenzials zu untersuchen.

Dies führt schließlich über zum systematischen Ertrag dieser Heuristik. Denn durch die Auszeichnung einzelner Einflussdimensionen auf die soziologische Theoriebildung ist es möglich, Problembereiche und entsprechende Fragestellungen abzuleiten, die eine soziologische Theorie mit Allgemeinheitsanspruch systematisch bearbeiten muss. So besteht für einen Theorieansatz, der beansprucht, vor dem Hintergrund vielfältigster Einflüsse eine einheitliche Theorienkonzeption auszuarbeiten, die Notwendigkeit, einerseits das gesamte analytische Potenzial der Sozialwissenschaften zu reflektieren, d.h. sowohl auf vorherrschende, jedoch als defizitär wahrgenommene Theorien kritisch Bezug zu nehmen als auch für die Soziologie bedeutsame Erkenntnisse aus Nachbardisziplinen in ihre Analyse mit aufzunehmen, um hierdurch etwa methodologischen und epistemologischen Weiterentwicklungen gerecht werden zu können. Andererseits muss sie aber auch auf die Veränderungen ihres Gegenstandes reagieren können. Das heißt, es bedarf der Ausarbeitung von Rationalitätskriterien, die für eine vergleichende Bewertung der divergierenden Wahrheitsansprüche der Theorien herangezogen werden können, da ansonsten das gesamte Unternehmen Sozialwissenschaft problematisch werden würde.

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Die hier entwickelte Heuristik eröffnet somit die Chance, Kriterien sowohl für einen systematischen Vergleich unterschiedl i cher soziologischer Theorien zu entwickeln als auch für eine Analyse der konstitutiven Dimensionen eines besonderen Theorieansatzes. Hierfür gilt es, aus den vier genannten Analysedimensionen allgemeine Leitfragen abzuleiten, denen sich jede soziologische Theorie mit Allgemeinheitsanspruch stellen muss (siehe Schaubild 3).

1. Die so genannte theoretisch-exogene Dimension verweist auf die permanente Problematisierung und Infragestellung der soziologischen Grundbegriffe und rückt insbesondere die sozialtheoretische Problemstellung nach einer angemessenen Relationierung von Handeln und Struktur in den Mittelpunkt. Dies möchte ich in der Folge das sozialtheoretische Problem soziologischer Theoriebildung nennen.

2. Die theoretisch-endogene wie auch die empirisch-endogene Dimension konzentrieren sich primär auf gesellschaftstheoretische Fragestellungen, wobei die theoretischen Überlegungen auf die je spezifischen Konzeptualisierungen der Frage „Wie ist soziale Ordnung möglich?“ gerichtet sind. Diese gilt es, einerseits in gesellschaftstheoretischer Hinsicht in Auseinandersetzung mit alternativen soziologischen Theorien zu problematisieren und andererseits in stärker gesellschaftsanalytischer Perspektive mit Blick auf die kategoriale Bestimmung der zentralen, den Bestand bzw. den Wandel sozialer Einheiten beeinflussenden Mechanismen zu bestimmen. Das gesellschaft s theoretische Problem der Soziologie stellt sich demnach doppelt, einerseits in theoretisch-begrifflicher, andererseits in an a lytisch-kategorialer Hinsicht.

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3. Schließlich verweist die empirisch-endogene Dimension auf die diagnostischen Aufgaben der Soziologie, eine gültige Beschreibung und Erklärung ihres Gegenstandes zu entwickeln. Es ist das Wechselwirkungsverhältnis von Theoriebildung und Veränderung des Untersuchungsobjektes, das sich der soziologischen Theoriebildung immer wieder in Form des Problems der Ausarbeitung einer angemessenen Theorie der Moderne stellt und somit als das diagnostische Problem soziologischen Arbeitens zu bezeichnen ist.

Schaubild 3105: Übersicht der zentralen Leitfragen und Problemstellungen für die Analyse und den Vergleich soziologischer Theorien

Allen drei Problemstellungen ist in je verschiedener Ausprägung die Frage, wie sich das Verhältnis von Individuum und Kollektiv theoretisch angemessen bestimmen lässt, als allgemeinster gemeinsamer begrifflicher Nenner inhärent. Trotz der allgemeinen Prämisse, dass in die Konzeptualisierung der Probleme alle vier analytischen Dimensionen in je verschiedener Ausprägung eingehen und sie mitbestimmen, scheint die Operationalisierung des grundlagentheoretischen Problems der Relationierung von Handeln und Struktur den anderen Problemen vorauszugehen, scheint sie die Art und Weise, wie diese innerhalb einer Theorie bearbeitet werden, zu präformieren .

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Auf der Grundlage dieser Heuristik und entlang der daraus abgeleiteten Fragestellungen möchte ich mich nun im Folgenden mit dem strukturierungstheoretischen Ansatz von Anthony Giddens auseinandersetzen und fragen, inwieweit dieser einen ernstzunehmenden Versuch darstellt, die als krisenhaft gekennzeichnte Theoriesituation innerhalb der Soziologie konstruktiv zu überwinden.

In einem ersten Zugriff lassen sich drei konstitutive Dimensionen innerhalb der Giddens’schen Werkentwicklung identifizieren, die hierfür aufschlussreich sind: Zum einen die intensive Auseinandersetzung mit den soziologischen Klassikern und deren vorherrschenden Problemstellungen; daneben die Diskussion der zentralen wissenschaftstheoretischen Fragestellungen der Disziplin und schließlich der Versuch der Ausarbeitung seines originären Ansatzes der Theorie der Strukturierung. Alle drei Momente sind wiederum eingebunden in das übergreifende Motiv, die soziologische Theorie zu erneuern.

Vor dem Hintergrund der oben entwickelten Dimensionen eines Theorienvergleichs innerhalb der Sozialwissenschaften gilt es nun im Zuge einer systematischen Rekonstruktion des Strukturierungsansatzes zu überprüfen, inwiefern Giddens’ Werk diesem Anspruch einer grundlegenden Reformulierung zentraler Begriffe und Kategorien der Soziologie gerecht werden kann.

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Hierfür kommt insbesondere seiner Trennung zwischen Sozialtheorie und Soziologie zentrale Bedeutung zu, da er gerade auf der Ebene der Sozialtheorie diejenigen Aspekte behandelt, die in grundlegender Weise für die Sozialwissenschaften bedeutsam sind. Hierbei geht es um die theoretische und gewiss abstrakte Auseinandersetzung mit dem menschlichen Akteur, mit seinem Bewusstsein und Handeln, mit den strukturellen Bedingungen und Konsequenzen dieses Handelns sowie mit den institutionellen Formen und Symbolen, die aus diesem hervorgehen. Darüber hinaus gilt es in diesem Zusammenhang, auch die epistemologischen und methodologischen Voraussetzungen sozialwissenschaftlichen Forschens zu thematisieren. Das heißt, Giddens sucht auf dieser Ebene das sozial- und grun d lagentheoretische Problem der Relationierung von Handeln und Struktur zu bearbeiten und leitet hieraus eine Neukonzeptualisierung der theoretischen Bestimmung des gesellschaft s theoretischen Problems sozialer Ordnung ab.

Gleichzeitig ist die Soziologie seiner Meinung nach immer auf einen ganz bestimmten historischen Gegenstand bezogen: Die industrialisierten oder fortgeschrittenen Gesellschaften, wie sie sich seit dem 18. Jahrhundert herausgebildet haben und sich in charakteristischer Weise von den traditionellen Gesellschaften unterscheiden. Auf dieser Ebene versucht er, das Ordnungsproblem über eine grundbegriffliche Neufassung hinaus auch analytisch konkreter zu fassen und in Bezug auf das diagnost i sche Kernproblem von Gesellschaftstheorien zu setzen, eine angemessene Theorie der Moderne auszuarbeiten.

Im Folgenden gilt es deshalb, entlang der hier vorgeschlagenen Heuristik aufzuklären, inwieweit der Strukturierungsansatz als eine Gesellschaftstheorie zu kennzeichnen ist, die auf allen drei Problemebenen ansetzt, in der Absciht, der vermeintlichen Krise des Faches ein umfassendes sozialtheoretisches Programm gegenüberszustellen.

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Fußnoten und Endnoten

1  In diesem Sinne betont auch J. Habermas (1981b: 201): „Für jede Gesellschaftstheorie ist deshalb das Anschließen an die Theoriegeschichte auch eine Art Test: je zwangloser sie die Intentionen früherer Theorietraditionen in sich aufnehmen, erklären, kritisieren und fortführen kann, um so eher ist sie gegen die Gefahr gefeit, daß sich in ihrer eigenen theoretischen Perspektive unbemerkt partikulare Interessen zur Geltung bringen.“

2  So identifizierten beispielsweise D.L. Eckberg/L. Hill Jr. (1979) bei ihrem Überblick zwei bis acht soziologische Paradigmen für die 70er Jahre; vgl. mit Blick auf die 80er und frühen 90er Jahre etwa B. Giesen (1991).

3  Vgl. hierzu insbesondere K.O. Hondrich (1976, 1979) und K.O. Hondrich/J. Matthes (1978). Fragen nach den Bedingungen eines systematischen Theorienvergleichs erlangen in den letzten Jahren wieder ein verstärktes Interesse. So etwa bei J. Klüver (1991), R. Gresshoff (1994), M. Schmid (1996) oder R. Gresshoff/ G. Kneer (1999).

4  Einen Versuch, Kriterien für einen Vergleich soziologischer Theorien zu bestimmen, entwickelt K.O. Hondrich (1976: 21-31).

5  Vgl. hierzu B. Giesen/M. Schmid (1978) und N. Klinkmann (1981). Interessante Versuche zu einem systematischen Vergleich zweier Theorien finden sich etwa bei etwa M. Schmid (1993) oder in dem Sammelband von R. Gresshoff/G.Kneer (1999). Vgl. in diesem Zusammenhang auch den Versuch von H.-P. Müller und M. Schmid (1995), Vergleichskriterien für eine Theorie sozialen Wandels auszuarbeiten.

6  Vgl. zu der ausufernden Diskussion um den begrifflichen Status des Paradigmenbegriffs hinsichtlich der Möglichkeit seiner Anwendung auf die Soziologie, die sich an T.S. Kuhns Buch: The Structure of Scientific Revolution von 1962 [dt. 1978] anschloss, insbesondere die Arbeit von M. Mastermann (1970), wonach der Paradigmenbegriff nicht nur mehrdeutig ist, sondern sich in verschiedene Bedeutungsebenen ausdifferenziert.

7 

Beispielhaft soll an dieser Stelle nur auf einige der einflussreichsten Theorieentwürfe eingegangen werden. Sowohl J. Habermas’ (1981a, b) Versuch, mit Hilfe seiner Theorie kommunikativen Handelns — im Zuge einer Theoriegeschichte in systematischer Absicht — die Grundbegriffe der Soziologie so zu reformulieren und in ein Modell zu integrieren, dass es möglich ist, substanzielle Antworten für die in eine Vielzahl von Paradoxien verwickelte sozialpathologische Moderne geben zu können, als auch N. Luhmanns (1984, 1997) Plädoyer für die Formulierung einer fachuniversellen Supertheorie, deren Gegenstandsbereich in ihrer Komplexität erst hierüber angemessen erschlossen werden kann, legitimieren sich unter Bezugnahme auf eine theoretische wie diagnostische Krisenwahrnehmung. Glaubt J. Alexander (1988: 77), in der Integration der „Two Sociologies“ und der damit einhergehenden Synthese der divergierenden Theorietraditionen, den Fluchtpunkt der gegenwärtigen Theorieentwicklung auf dem Weg zu einer allgemeinen theoretischen Logik innerhalb der Soziologie zu sehen, bzw. fordert R. Münch (1982, 1994) eine rationale Rekonstruktion der Klassiker auf dem Stand gegenwärtiger Forschung unter Wahrung des empirisch historischen Bezugs, um die fruchtbare Weiterentwicklung der Soziologie sicherzustellen, so stellen solche Versuche für J. Coleman (1991) bestenfalls Theoriegeschichte dar, an deren Stelle angesichts der revolutionären Veränderungen, die die Organisationen und Institutionen der Gesellschaften in den letzten Jahren durchlaufen haben, eine Neuformulierung der Sozialtheorie zu treten habe.

J. Elster (1992) erinnert demgegenüber nochmals an R.K. Merton, indem er betont, dass die Sozialwissenschaften Lichtjahre von der Stufe entfernt wären, allgemeine gesetzmäßige Regelmäßigkeiten über das menschliche Verhalten zu formulieren. P. Bourdieu und J.C. Passeron (1981) verweisen auf das Feld, in dem sich die Theorieentwicklung in Frankreich entwickelte, und auf die unauflösbar erscheinenden Widersprüche zwischen C. Lévi-Strauss und J.P. Sartre und folgerten hieraus, dass es nicht darum ginge, einer dieser Positionen zu folgen, sondern vielmehr die Denkweisen und Ansätze, die dahinter stünden, weiterzuverfolgen.

8  Vgl. exemplarisch J. Habermas (1976: 9): „Rekonstruktion bedeutet (...), daß man eine Theorie auseinander nimmt und in neuer Form wieder zusammensetzt, um das Ziel, das sie sich gesetzt hat, besser zu erreichen.“

9  Klassisch zum Konzept der Theorien mittlerer Reichweite R.K. Merton (1968, 1981, 1985).

10  So stellen R.A. Jones/S. Kronus (1981: 234) in ihrer Untersuchung zum fachhistorischen Bewusstsein amerikanischer Soziologen fest: „Die Mehrheit unserer Stichprobe scheint die Geschichte der soziologischen Ideen von der soziologischen Theorie unterscheiden zu wollen, wenn auch die Unterscheidung keinesfalls durchgehend akzeptiert wird.“

11  Zur Diagnose des Krisencharakters der Soziologie vgl. insbesondere: R.W. Friedrichs (1970), A.W. Gouldner (1970), S.N. Eisenstadt (1974), H.J. Krysmansky und P. Marwedel (1975), G. Eisermann (1976).

12  Hierfür möchte ich im Folgenden auf das Konzept der Rationalitätskriterien in der Verwendungsweise, wie sie insbesondere M.R. Lepsius in seinen Arbeiten immer wieder entwickelt hat, zurückgreifen: „Es handelt sich um die Erfindung und Durchsetzung von Standards, Regeln und Verfahren, die das Handeln in bestimmten Kontexten systematisieren, voraussehbar und intersubjektiv kontrollierbar werden lassen“ (Lepsius 1989: 216). Vgl. darüber hinaus auch M.R. Lepsius (1990).

13  Nach M.R. Lepsius (1989: 218) fehlt es der Soziologie „sowohl an einem Bezug auf ein ‚soziales’ Rationalitätskriterium wie auch und folgerichtig an einer professionellen Aneignung seiner ‚Verwaltung‘,“ es ist ihr bisher nicht gelungen, hinreichend ausdifferenzierte Rationalitätskriterien zu entwickeln, die es ermöglichen, „soziale Entscheidungen zu systematisieren und intersubjektiv zu kontrollieren“ (ebd.: 219). Vielmehr werden die bestehenden Rationalitätskriterien immer wieder in Bezug auf ihre Instrumentalität, die sozial-moralische Präferenzen verfehle, kritisiert, ohne dass hiermit jedoch die bestehenden Kriterien ergänzt und in ihrer Wirksamkeit konzentriert werden können.

14  Vgl. M.R. Lepsius (1990: 294ff.).

15  Vgl. S.N. Eisenstadt/M. Curelaru (1976). Zur instruktiven Anwendung dieses Konzepts unter theoriegeschichtlicher und wissenssoziologischer Perspektive vergleiche N. Luhmann (1981, 1988).

16  T. Parsons geht in seinem frühen Hauptwerk „The Structure of Social Action“ (1968) von der Konvergenz der Lösungsversuche Marshalls und Paretos, den Utilitarismus zu überwinden, und den die Soziologie begründenden Arbeiten Durkheims und Webers, aus, um daraus die Notwendigkeit einer soziologischen Handlungstheorie als „empirischer“ Tatsache abzuleiten. Über die theoretische Bedeutung der Konvergenzannahme hinausweisend, formuliert W. Schluchter (1989a: 118) treffend: „Theoretischer Fortschritt resultiert nicht allein aus der Suche nach der Konvergenz, sondern vor allem aus dem Wechselspiel von Konvergenz und Divergenz.“

17  Sobald eine Disziplin nicht über Gegenstände (Gegenstandsarten), also nicht über Ausschnitte aus der realen Welt, sondern über eine Problemstellung konstituiert ist, nimmt sie universalen Charakter an. Sie kann sich unter dem Blickpunkt ihrer Problemstellung auf jeden möglichen Gegenstand beziehen. Vgl. N. Luhmann (1981).

18  Exemplarisch etwa bei J. Habermas’ (1981b) Versuch, das Konzept der Ausdifferenzierung von Lebenswelt und System im Anschluss an Durkheims berühmte Problemstellung in der Arbeitsteilung systematisch zu entwickeln.

19  „Denn sie (die Problemstellung, S.S.) formuliert für die wissenschaftliche Theoriebildung und Forschung keine methodologisch und praktisch zu lösende Aufgabe, sondern ein Problem, das auch in seinen Lösungen noch Problem bleibt, das heißt Problematik und Reproblematisierbarkeit auf alle geronnenen Antwortmuster überträgt. Antwortet man etwa auf die Frage: „Wie ist soziale Ordnung möglich?“ im klassischen Sinne: „durch Herrschaft“, so verlagert sich das Problem auf die Theorie der Herrschaft, und man verzichtet mit diesem Antwortschritt vorläufig auf das Konzept einer herrschaftsfreien Gesellschaft“ (Luhmann 1981: 203).

20  Vgl. wissenschaftssoziologisch A. Giddens (1981a) und N. Luhmann (1981: 195ff., 1988: 21f.) sowie programmatisch G. Simmel (1992). In systematischer Hinsicht verfolgen diese Perspektive beispielsweise H.-P. Müller (1983) oder G. Wagner (1993).

21  Exemplarisch T. Parsons, der das Hobbes’sche „problem of order“ als das Grundproblem von Gesellschaftstheorie ansieht: „But Hobbes saw the problem with a clarity which have never been surpassed, and its statement of it remains valid today“ (1968: 93). Ähnlich, nur in gänzlich divergierender Interpretation des Hobbes’schen Ansatzes als bei T. Parsons auch G. Wagner (1991b, 1993).

22  Vgl. zur Methode der Dekomposition: N. Luhmann (1981: 206f.).

23  Vgl. hierzu insbesondere N. Luhmann (1984: 20). Ähnlich auch R. Rorty (1989: 47) in Bezug auf die Ursachen grundlegender Veränderungen und Neuinterpretationen innerhalb der Philosophie: „Es gilt eher (...) überkommene Probleme aufzulösen als zu lösen.“

24  Aus der Vielzahl einschlägiger Arbeiten insbesondere: A. Dawe (1970), N. Luhmann (1978, 1981), H. Joas (1979), J. Alexander (1982ff.).

25  Vgl. J. Alexander/B. Giesen/N. Smelser/R. Münch (1987: 2f.): „in its initial, classical phase, sociological theory recast the conflated dichotomies into arguments about the general character of empirical processes. The question came to focus on whether action was rational or interpretive and whether social order was negotiated between individuals or imposed by collective, or emergent, forces. Translation into sociological theory did not, however, fully ‚secularize‘ the micro-macro debate. (...) in the main the controversy was simply shifted to another level.“ (Hervorhebung S.S.)

26  Dies weist beispielsweise C.F. Gethmann (1987) mit Blick auf die Entstehungskonstellationen des Pragmatismus eindrücklich nach.

27  Vgl. N. Luhmann (1988: 37): „Die Soziologie des 20. Jahrhunderts hat, vielleicht ohne ausreichende theoretische Absicherung und daher in mehreren Richtungen zugleich, diesen Weg des Auflösens und Rekombinierens beschritten: Von Mensch zu Rolle, von Mensch zu Handlung, von Mensch zu personalen und sozialen Systemen.“

28  Ohne dass an dieser Stelle darauf eingegangen werden soll, inwieweit es Weber selbst gelungen ist, die zu Grunde liegenden dualistisch-substanzialistischen Grundentscheidungen zu überwinden. Vgl. als zustimmende Lösungen dieser Fragestellungen insbesondere W. Schluchter (1989a, b) und T. Schwinn (1993). Skeptisch demgegenüber V.M. Baader et al. (1976), J. Berger (1978).

29  Vgl. zu diesem Aspekt des Selbstverständnisses der Soziologie als einer Gegenwartswissenschaft auch R. König (1987: 92ff.) oder H. Schelsky (1979: 441).

30  Vgl. hierzu K. Lichtblau (1991: 16f.). In ähnlicher Perspektive verweist auch N. Luhmann (1994) auf die thematische Nähe des „new literary criticism“ zur gegenwärtigen Soziologie. Allgemein zur historischen Kontextuierung der Soziologie im Verhältnis zu ihren Nachbardisziplinen W. Lepenies (1985).

31  Zur Bedeutung der Notwendigkeit einer kontinuierlichen Selbstreflexivität der Soziologie in wissenschaftsgeschichtlicher und wissenschaftslogischer Hinsicht als konstitutivem Bestandteil ihrer gesellschaftstheoretischen Programmatik, insbesondere S. Müller-Doohm (1991: 56ff.), oder auch M.R. Lepsius (1990). A. Giddens (1976a) reflektiert diesen Zusammenhang in methodologischer Perspektive durch den Verweis auf das Konzept der doppelten Hermeneutik .

32  Dies zeigt die mittlerweile kaum mehr überschaubare soziologische Literatur zur Moderne deutlich. Vgl. etwa J. Berger (1986) oder P. Wehling (1992). Beispiele dafür, dass soziologische Theoriebildung oftmals erst als Reflex auf empirische Prozesse reagiert, lassen sich immer wieder konstatieren; dies illustrieren etwa die familiensoziologischen Debatten um die Auflösung der Familie oder im Bereich der Theorien sozialer Ungleichhei, die immer wieder aufgeworfene Diagnose des Endes der Klassengesellschaft. Die damit einhergehenden theoriekonstruktiven Probleme solch einer ‚empiristischen‘ Theoriebildung sollen an dieser Stelle keine Rolle spielen.

33  Stellvertretend für die mittlerweile unüberschaubare Fülle von Veröffentlichungen zu diesem Thema sollen an dieser Stelle nur drei, auch den zeitlichen Verlauf dieser Diskussion repräsentierenden Diskussionsbände genannt werden: K. Knorr-Cetina/A. Cicourel (1981) und J. Alexander et al. (1987) und P. Sztompka (1993).

34  Erst in den letzten Jahren mehren sich Versuche in dieser Richtung, wobei in diesem Kontext insbesondere an die im Zusammenhang mit der Luhmann’schen Theorie entstehende systemtheoretische Schule oder aber auch an die im Kontext der Theorien rationaler Wahl stehenden Arbeiten etwa von Hartmut Esser (1999ff.) zu denken ist. Diese beiden Perspektiven synthetisierend, U. Schimank (2000).

35  Vgl. hierzu insbesondere D. Atkinson (1971) und A. Gouldner (1970).

36  Vgl. hierzu v.a.: H. Bude (1988), B. Smart (1990), B. Giesen (1991).

37  Vgl. beispielsweise N. Wiley (1985) oder E.A. Tiryakian (1986: 422).

38  Zum Konzept der Hegemonie von theoretischen Schulen innerhalb der Soziologie E.A. Tiryakian (1981, 1986).

39  Ein Blick in die Lehrbücher der damaligen Zeit verdeutlicht eindrucksvoll die zentrale Rolle des Strukturfunktionalismus. Vgl. in Bezug auf Deutschland beispielsweise die von H. Hartmann (1967), W. Zapf (1969) oder aber C. Mühlfeld/M. Schmid (1973) herausgegebenen Sammelbände zur soziologischen Theorie.

40  Vgl. etwa die von T. Parsons zusammen mit R. F. Bales 1953 durchgeführten Kleingruppenforschungen.

41  Vgl. zum Verhältnis der Parsons’schen „Grand Theory“ und Mertons Konzept der „Middle range-Theorie“ auch H.-P. Müller/S. Sigmund (2000: 21ff.).

42  Siehe hierzu insbesondere E. Shils (1975 : 219ff.).

43  So zählte auch R. K. Merton zu den ersten Graduate Students, die 1931 in das neu gegründete Departement of Sociology in Harvard eintraten. Ab 1934 konstituierte sich dann Parsons’ ‚Sociological Group‘, eine Gruppe von Studenten, die sich vierzehntäglich mit T. Parsons trifft und der u.a. R.K. Merton, K. Davis, W.E. Moore, R.M. Williams, E. Devereux, R. Bierstedt angehörten. Vgl. hierzu H. Wenzel (1990a).

44  So war es beispielsweise der Mehrzahl der strukturfunktionalistischen Autoren möglich, mit Hilfe von Free Press ihre Arbeiten auf dem amerikanischen Buchmarkt bestens zu platzieren.

45 

Siehe hierzu E. Tiryakian (1986: 430ff.), der darauf hinweist, dass, beginnend mit der Präsidentschaft T. Parsons’ 1949, während der 50er und 60er Jahre eine Vielzahl von Personen aus Harvard bzw. dem intellektuellen Umkreis von Harvard Präsidenten der American Sociological Association wurden, so z.B. R.K. Merton, R.M. Williams, W.E. Moore. Ein Art Kanonisierung des Strukturfunktionalismus lieferte dann K. Davis mit seiner Präsidentialadresse beim Kongress der ASA von 1959.

Die Betonung der Dominanz von Harvard und Columbia bedeutet jedoch nicht, dass nicht auch an einer Reihe von anderen amerikanischen Universitäten bedeutende theoretische Entwicklungen vorangetrieben wurden. So lehrte in Chicago G.C. Homans und bis 1958 auch E. Goffman; in Berkeley beabsichtigte man, der Vorherrschaft des Strukturfunktionalismus dadurch entgegenzutreten, indem H. Blumer mit Beginn der 60er Jahre versuchte, ein pluralistisch orientiertes Institut zusammenzustellen, dessen Mitglieder, wie etwa R. Bendix, S.M. Lipset, N. Smelser, L. Löwenthal, K. Davis, E. Goffman, unterschiedlichste theoretische Positionen vertraten. Diesen Departments gelang es jedoch nicht, die schulenmäßige Dominanz des Strukturfunktionalismus entscheidend zu brechen.

Auch hinsichtlich der Arbeitsmarktchancen von Hochschulabsolventen zeigte sich die enorme Wirkkraft des Strukturfunktionalismus. So hob etwa E. Goffman mit Blick auf seine eigene Biografie hervor, dass es in den 50er Jahren für ‚fieldwork‘-Soziologen, wie er einer war, gegenüber den „harten Soziologen“ aus Harvard und Columbia kaum Anstellungsmöglichkeiten gab (zit. nach R. Hettlage/R. Lenz (1991)).

46 

So verweist F. Tenbruck (1979: 85) in seinem Überblick über die Entwicklung der „Deutsche(n) Soziologie im internationalen Kontext“ auf den großen Einfluss, den der Strukturfunktionalismus für die deutsche Soziologie besaß: „Diese Entwicklung (die Durchsetzung der strukturfunktionalen Methode in den USA, S.S.), die in den USA als der lang ersehnte Durchbruch der Soziologie zu ihrer endgültigen Wissenschaftlichkeit erlebt wurde, gelangte nur mit Verzögerung und schrittweise in die Bundesrepublik.“ Mit Bezug auf die Bedeutung dieser neuen theoretischen Ausrichtung für die deutsche soziologische Theoriebildung führt er aus: „Wie die Dinge lagen, kam jedoch die Rezeption der amerikanischen Soziologie, orientiert vor allem an T. Parsons und R.K. Merton, ferner natürlich an den Verfahren der empirischen Sozialforschung, und überall unterstützt durch die Konzepte der Wissenschaftstheorie, in vollen Gang, ehe die hintergründigen Fragen dieses Vorgangs, der aus der Sicht der deutschen Tradition nur als Wechsel des Paradigmas  bezeichnet werden konnte, zur Sprache kommen konnten“ (ebd.: 86, Hervorhebung S.S.).

Stärker differenzierend und durch den Hinweis auf die Vielzahl konkurrierender theoretischer Ansätze innerhalb der bundesrepublikanischen Soziologie auch relativierend, aber den Befund der zunehmenden Rezeption und Bedeutung des Strukturfunktionalismus seit Ende der 50er Jahre weitgehend stützend, auch M.R. Lepsius (1979: 51): „Daneben trat die breite und nur wenig systematische Rezeption der zeitgenössischen amerikanischen Soziologie, die sich etwa mit den Namen von Talcott Parsons, Robert K. Merton, Kingsley Davis und Georg C. Homans kurz umreißen läßt. Im Zuge dieser Rezeption entwickelten sich größere Debatten an Problemen der Rollentheorie und des Funktionalismus, die insbesondere durch die Beiträge von R. Dahrendorf ausgelöst wurden (...) Der Strukturfunktionalismus blieb die stärkste theoretische Orientierung.“

47  Vgl. hierzu die informative Studie von H. Sahner (1982).

48  Vgl. hierzu R.J. Bernstein (1979) und N. Smelser (1986).

49  Unter Positivismus soll hier weder die klassische Formulierung, wie sie A. Comte für die Soziologie als einer positiven Wissenschaft entwickelt hat, noch die für die Philosophie einflussreiche Schule des logischen Empirismus des Wiener Kreises der 20er Jahre verstanden werden, sondern primär die einflussreichen wissenschaftstheoretischen Konzeptionen von C. Hempel (1960) und E. Nagel (1961).

50  Vgl. insbesondere K. Popper (1966, 1969).

51  Vgl. aus der Vielzahl der einschlägigen Übersichtsarbeiten zum Funktionalismus insbesondere: N.J. Demerath/R.A. Peterson (1967), W. Bühl (1975), J. Turner/A. Maryanski (1977). Kritisch hierzu insbesondere A. Giddens (1976b).

52  Eine besondere theoriepolitische Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem Anschluss an konflikttheoretische Traditionen durch L. Coser (1956), R. Dahrendorf (1959) und D. Lockwood (1964) zu. Vgl. darüber hinaus die grundlegende Funktionalismuskritik bei G.C. Homans (1969, 1972) sowie die unterschiedlichen Versuche, die Bedeutung der Handlungssubjekte gegenüber den strukturellen Zwängen der Gesellschaft herauszuarbeiten, wie sie in den Ansätzen der Symbolischen Interaktionisten (vgl. Rose 1962) oder der soziologischen Austauschtheorie P.M. Blaus (1964) deutlich wurden. Einen informativen Überblick über die Theorieentwicklung in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg bietet J. Alexander (1987).

53  Neben T. Parsons und R.K. Merton als den „herausragenden“ Vertretern des Strukturfunktionalismus muss in diesem Zusammenhang natürlich auch auf die wichtigen Arbeiten von N. Smelser (1968) und, in Bezug auf Fragen der Methodologie, E. Nagel (1961) hingewiesen werden.

54  So ist wohl T. Parsons’ Theorieentwicklung seit Ende der 50er Jahre vom Strukturfunktionalismus hin zum Systemfunktionalismus primär seiner Auseinandersetzung mit und dem Einbau von kybernetischen und biologischen Erkenntnissen zu verdanken. Vgl. hierzu beispielsweise H. Wenzel (1990a).

55  Klassisch hierzu die Studien von T.S. Kuhn (1978) und I. Musgrave/I. Lakatos (1974).

56  Vgl. M. Hollis/S. Lukes (1982).

57  Vgl. hierzu insbesondere die Arbeiten von P. Winch (1966), H. Garfinkel (1967) und H.G. Gadamer (1960). Als Überblick u.a. J. Habermas (1982) und A. Ryan (1973).

58  Vgl. W. Bühl (1972).

59  Vgl. P. Rabinow/W.M. Sullivan (Hrsg.) (1987).

60  Hier sind in erster Linie zu nennen die Theorieansätze des Symbolischen Interaktionismus (G.H. Mead, H. Blumer, A. Strauss), der Ethnomethodologie (H. Garfinkel, H. Sacks, E. Shegloff, A. Cicourel) sowie der Ansatz von E. Goffman. Als Überblicksdarstellungen vgl. H. Joas (1987a) und J. Heritage (1987).

61  Nur am Rande sei hier vermerkt, dass die Dominanz des Strukturfunktionalismus in den USA parallel mit einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung hin zum Ausbau eines auf Konsensus angelegten Wohlfahrtsstaates verlief, auf dessen Grundlage sich sowohl die Wertorientierungen der Öffentlichkeit wie die der Soziologen weitgehend homogenisierten und insofern der gesellschaftsdiagnostische Aspekt der Soziologie mit dem gesellschaftstheoretischen übereinstimmte. Auch dies veränderte sich im Laufe der 60er Jahre grundlegend (innenpolitische Konfliktfelder: Studentenunruhen; keine quasi naturgesetzliche Prosperitätsfortschritte mehr, Rassenproblematik; außenpolitische Krisen: Kuba, Vietnam). Vgl. hierzu F. Tenbruck (1979: 88) oder M.R. Lepsius (1979).

62  Dies zeigt auch ein Blick auf die entsprechenden Neugründungen soziologischer Fachzeitschriften in den USA während dieser Phase, wie beispielsweise Human Studies (1977) oder Symbolic Interaction (1978).

63  So spricht T.P. Wilson (1973) in seinem programmatischen Aufsatz „Theorien der Interaktion und Modelle soziologischer Erklärung“ von einem ‚interpretativen Paradigma‘.

64  So insbesondere A. Dawe (1970, 1978).

65  Vgl. V. Vanberg (1975), G. Lüschen (1983).

66  Als bedeutsame Vorläufer dieser theoretischen Konzeption dürfte mittlerweile P.L. Berger und T. Luckmanns wissenssoziologische Arbeit über die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit von 1967 gelten. Vgl. auch den frühen Aufsatz von H. Wagner (1964).

67  Die These vom Ende der Soziologie bzw. deren Unfähigkeit, ihren Gegenstand — die moderne Gesellschaft — angemessen analysieren zu können, scheint sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Disziplin zu ziehen. So etwa H.G. Wells schon 1906 in einem Vortrag mit dem Titel: „The So-Called Science of Sociology“ formulierter Vorwurf an die Soziologie, dass ihre Klassifikationsmittel ihren Gegenstand verfehlten. Vgl. mit ähnlicher Stoßrichtung auch H. Schelskys Antisoziologie oder F. Tenbrucks These, wonach der Begriff der Gesellschaft nur eine Erfindung der Soziologie wäre. Aufschlussreich in diesem Zusammenhang auch eine Vielzahl von Beiträgen in: Soziale Welt 1/2 1989. Besonders pointiert vertraten die These vom Ende der Soziologie etwa R. Sennett (1994) oder W. Dettling (1996). Vgl. hierzu auch S.Sigmund (1998).

68  Vgl. B. Giesen (1989) oder C. Görg (1994b).

69  In dieser Perspektive fordert auch W. Bonß (1993: 142) in seinen Anmerkungen zum 26. Deutschen Soziologentag in Düsseldorf eine Reflexion der soziologischen Theorie auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse: „Aber ein Zusammenbruch von ‚Grundkoordinaten‘ wie 1989 kann kaum folgenlos bleiben. Er macht vielmehr deutlich, daß implizite Selbstverständlichkeiten des soziologischen Diskurses nach 1945 offensichtlich keineswegs selbstverständlich sind und wirft die Frage nach notwendigen bis unumgänglichen Selbstkorrekturen auf.“ Vgl. in ähnlicher Perspektive auch E. Tiryakian (1993).

70  Die Bedeutung der Wahrnehmung gesellschaftlicher Krisen im Zuge grundlegender Strukturveränderungen für die Ausbildung bzw. Weiterentwicklung der Soziologie wird von einer Reihe von Autoren hervorgehoben. So schreibt beispielsweise R. König (1979: 347): „Es ist also der Ernst einer zutiefst erlebten Krise, der die Entwicklung der soziologischen Wissenschaft vorantreibt, demgegenüber die Unverbindlichkeit der jeweiligen Modeströmungen letztlich frivol wirkt.“ Vgl. hierzu ebenfalls N. Luhmann (1991: 147f.).

71  Vgl. u.a. R. Kilminster (1990).

72  Vgl. etwa G. Therborn (1976) und P. Wagner (1991).

73  Vgl. hierzu H. Bude (1988: 4f.). Auch N. Luhmann (1984: 9) argumentiert ganz in dieser Perspektive, wenn er „Universalität der Gegenstandserfassung in dem Sinne, daß die soziologische Theorie alles Soziale behandelt und nicht nur Ausschnitte,“ als die zentrale Aufgabe einer facheinheitlichen Theorie bezeichnet.

74  Vgl. zur Begriffsgeschichte des Konzepts der Moderne und insbesondere zu den hiermit verknüpften Veränderungen und differenten Mustern der Zeiterfahrung H.U. Gumbrecht (1978).

75  Theoretisch prägnant bringt diese Entwicklung G. Simmel in seinem Aufsatz über „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1994) und im Kapitel über den „Stil des Lebens“ in seiner „Philosophie des Geldes“ (1900) auf den Punkt. Vgl. hierzu auch S. Sigmund (1993: 170ff.).

76  Als klassischen Text einer solchen Analyse darf man wohl Max Webers „Zwischenbetrachtung“ ansehen, in der er sowohl die für die Moderne charakteristischen Wertsphären und Lebensordnungen identifiziert, als auch deren jeweiligen Rationalitätskriterien theoretisch herausarbeitet. Zum Verhältnis der verschiedenen Wertsphären untereinander und deren Bedeutung für eine soziologische Theorie der Moderne insbesondere J. Habermas (1981a, b), W. Schluchter (1979, 1989a, b).

77  Ganz im Gegenteil beispielsweise zum philosophischen Diskurs der Moderne, der sich zu dieser Zeit primär um Fragen der Stellung des Subjekts drehte. Vgl. hierzu beispielsweise J. Habermas (1985a), S. Toulmin (1991) oder R. Rorty (1988).

78  Wer sich in soziologischer Perspektive mit Fragen und Problemen des sozialen Wandels und insbesondere der Modernisierung auseinandersetzt, findet als theoretische Grundannahme bis heute den Verweis auf die Bedeutung von Differenzierungsprozessen als zentralem Mechanismus der gesellschaftlichen Entwicklung. Von A. Comte und H. Spencer über G. Simmel, E. Durkheim, M. Weber und T. Parsons bis hin zu N. Luhmann, J. Alexander oder R. Mayntz, überall findet sich die theoretische Grundprämisse, dass die Soziologie gesellschaftlichen Wandel primär über die Folie fortschreitender, meist funktional begründeter und systemimmanent ablaufender Differenzierungsprozesse zu analysieren und zu erklären habe, wobei diese Perspektive — analog zur gesellschaftlichen Erfahrung des 19. Jahrhunderts — oftmals gekoppelt ist an die evolutionistische Grundprämisse, dass soziale Differenzierung einhergeht mit gesellschaftlichem Fortschritt. Vgl. als Übersichtsartikel H. Tyrell (1978, 1998) und T. Schwinn (1995). Kritisch dagegen insbesondere H. Joas (1990, 1992).

79  Die Moderne wird von Marx, Weber, Simmel, Lukács, Adorno/Horkheimer bis hin zu Habermas ausschließlich unter der Perspektive einer zunehmenden Rationalisierung gefasst, wobei dieser Rationalisierungsprozess jedoch nicht nur positiv bewertet wird. Denn gerade diese auf den Rationalisierungsprozess abstellende Zeitdiagnosen reflektieren immer schon die dysfunktionalen Folgen dieser Entwicklung mit, und sind somit durch einen stark kulturpessimistischen Zug gekennzeichnet.

80  Die Wahrnehmung und wissenschaftliche Bearbeitung dieser gesellschaftlichen Krisenerfahrung und deren Einfluss auf die Theoriebildung zeigte sich insbesondere gegen Ende des 19. Jahrhunderts und lässt sich sowohl in Bezug auf die Philosophie als auch auf die Soziologie nachzeichnen. Vgl. hierzu allgemein H. Joas (1990: 9ff., 1992). In exemplarischer Deutlichkeit arbeitet beispielsweise H.-P. Müller (1983) die zentrale Bedeutung der Erfahrung einer gesellschaftlichen Krisensituationen für die Entwicklung des gesellschaftstheoretischen Ansatzes E. Durkheims in seiner Studie „Wertkrise und Gesellschaftsreform“ heraus. Ähnliches lässt sich auch mit Blick auf den radikalen Systemwechsel in Osteuropa sagen, in dessen Folge sich mit der so genannten Transformationsforschung eine eigenständige sozialwissenschaftliche Forschungsrichtung etablierte.

81  Vgl. J. Habermas (1973), C. Offe (1972), P. Kielmannsegg (1976) und M. Kopp/H.-P. Müller (1980).

82  Vgl. W. Hennis et al (1977) und C. Offe (1979).

83  So der Titel des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982.

84  Vgl. hierzu: J. Matthes (1983), P.A. Berger (1983), C. Offe (1984) und H.-P. Müller (1987).

85  R. Inglehart (1977, 1990); mit Bezug auf Deutschland vgl. H. Klages (1983) und H. Klages/P. Kmieciak (1979).

86  Vgl. A. Honneth (1994).

87  Eine Perspektive, die insbesondere W. Zapf (1991) verfolgt.

88  Dieser Interpretation folgt in den letzten Jahren insbesondere U. Beck (1986, 1988, 1993). Vgl. darüber hinaus auch die Arbeiten von A. Giddens (1994, 1995a, 1995c).

89  Vgl. hierzu H.P. Müller/ S. Sigmund (2000).

90  Vgl. F. Ettrich (1999).

91  Vgl. M. Mann (2000) und allgemein zu Fragen von Gewalt H. Tyrell (1999).

92  In etwas allgemeiner Form akzeptiert auch N. Luhmann (1987: 49) diesen Sachverhalt als zentrale Aufgabe für die gegenwärtige Theoriebildung: „Die moderne Gesellschaft steht bei rasch anwachsendem Problembewußtsein vor einer neuen Schwelle der Selbsterkenntnis, und wir können nicht sicher sein, daß das Vokabular, das in der Übergangsphase vom 17. bis 19. Jahrhundert entwickelt worden ist, ihr viel dabei hilft. Die Probleme sind härter, die Theorie fragwürdiger geworden.“

93  Vgl. hierzu u.a. T. Fararo (1989).

94  Vgl. hierzu auch die metatheoretischen Überlegungen D.N. Levines (1985: 272ff., 1989: 163ff.).

95  Kritisch hierzu: T. Burger (1986), H. Joas (1988) und H. Wenzel (1993).

96  Stellvertretend für die mittlerweile unübersichtliche Diskussion seien hier exemplarisch R. Rorty (1988), N. Goodman (1984) und W. Welsch (1987) genannt.

97  Vgl. hierzu die Studie von B. Schofer (1999).

98  Vgl. zum Konzept des ‚methodological pluralism‘ insbesondere D. Levine (1986, 1989).

99  Eine vergleichbare Perspektive in Bezug auf die Bedeutung der Metatheorie für die Entwicklung einer zeitgenössischen Modernisierungstheorie formulierte etwa E. Tiryakian (1992:70): „Metatheorizing today necessitates not only a hard look at the presuppositions of the past but also a hard look at our present world situation in order to frame a more adequate macrosociology of emergence.“

100  Vgl. hierzu: D.W. Fiske/R.A. Shweder (1986), G. Ritzer (1991, 1992).

101  Vgl. zu den Entstehungsbedingungen der französischen Soziologie beispielsweise P. Bourdieu/J.C. Passeron (1981) sowie zu Bourdieus eigener intellektueller Biographie seine autobiographischen Ausführungen in P. Bourdieu (1979, 1988).

102  Vgl. H. Sahner (1982), der die Chancen und Möglichkeiten, die mit spezifischen institutionellen Positionen verknüpft sind, im Hinblick auf die Etablierung der Soziologie in der Bundesrepublik Deutschland kenntnisreich und grundlegend dargestellt hat.

103  Vgl. etwa F. Ettrich (1999).

104  Exemplarisch angewandt auf den systemtheoretischen Ansatz N. Luhmanns wie er sich seit Ende der 70er Jahre durchgesetzt hat, würde dies etwa zu folgender vergröbernder Systematik führen:

105  Die Zuordnung einer allgemeinen Frage zu den jeweiligen Dimensionen stellt natürlich eine idealtypische Verkürzung dar. In den einzelnen Einflussdimensionen steht eine Vielzahl weiterer wichtiger Problemstellungen zur Debatte, doch lassen sich die meisten auf die skizzierte Fragestellung hin zusammenfassen.



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16.01.2008