2. Die sozialtheoretischen Grundlagen der Theorie der Strukturierung: Das Problem der Relationierung von Handlung und Struktur

↓31

Die weittragendsten Fortschritte auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften kleiden sich in Form einer Kritik der Begriffsbildung.
Max Weber

↓32

Die Arbeiten von Anthony Giddens sind in mehrerer Hinsicht innovativ für die zeitgenössische soziologische Theoriediskussion und nur um den Preis einer Entdifferenzierung des theoretischen Diskurses zu ignorieren. So fordert er beispielsweise mit Blick auf das Problem sozialer Ordnung eine grundlegende und radikale konzeptionelle Neufassung, derzufolge die Soziologie statt der lange Zeit als konstitutiv geltenden Bezugnahme auf die Normierung sozialer Ordnungsgefüge Prozesse der räumlichen Formierung sozialer Einheiten stärker in den analytischen Blick nehmen müsse. Im Kontext der aktuellen Theoriediskussionen kommt der im Zuge der kritischen Auseinandersetzungen mit den wichtigsten zeitgenössischen und klassischen Handlungs- und Strukturtheorien entwickelten Einsicht in die Notwendigkeit einer radikalen Infragestellung, der das Fach lange Zeit prägenden Leitdifferenz von Handlung und Struktur weitreichende Bedeutung zu, ebenso seiner in diesem Zusammenhang erhobenen Forderung nach einer Überführung dieser dualen in eine relationale Beziehung wechselseitig aufeinander bezogener Grundkategorien.106 Gleiches gilt sowohl für seinen Versuch, die Dimensionen von Raum und Zeit systematisch in die soziologische Analyse (1980) einzuführen und in diesem Zusammenhang das Projekt des Historischen Materialismus (1981b, 1985a) einer zeitgemäßen Kritik und Weiterentwicklung zu unterziehen, als auch für seine methodologischen Vorschläge, mit Hilfe des Konzepts der doppelten Hermeneutik die wissenschaftstheoretischen Erkenntnisse der postpositivistischen Diskussionen für die Gesellschaftstheorie fruchtbar zu machen (1976a). Schließlich wendet sich Giddens in analytischer Perspektive immer wieder zentralen Problemkonstellationen gegenwärtiger Gesellschaften zu. Seien es seine Arbeiten zur Veränderung der Klassenstruktur und der Elitenrekrutierung in kapitalistischen und sozialistischen Gesellschaften (1972a, Giddens/Stanworth 1974), seine frühen Ausführungen zur Notwendigkeit einer soziologischen Reformulierung des Konzepts der Staatsbürgerrechte (1983a, 1985a) oder die vielfältigen Überlegungen zu den Auswirkungen des fortschreitenden Modernisierungsprozesses auf die individuelle Lebensführung bzw. die Konstitution eines postmodernen Selbst (1991a, 1995a).

Diese Vielfalt an Themen und Problemstellungen spiegelt sich ebenso in der intensiven Rezeption der Arbeiten von Giddens wider, die sich im Spannungsfeld der ausführlichen Diskussion einzelner Werkaspekte auf der einen Seite107 und einer umfassenden, aber weitgehend allgemein formulierten Kritik des Gesamtansatzes auf der anderen Seite bewegt, wobei dessen Differenziertheit und Vielschichtigkeit oftmals als Ausdruck eines immanenten Eklektizismus (u.a. Callinicos 1985: 135; McLennan 1984: 129; Turner 1986: 970ff.) analysiert wird.108 

Die theoretische Auseinandersetzung mit diesem Œuvre birgt demnach die Gefahr, entweder einer Biene gleich — wie Lewis Coser (1981: 1435) es einmal formulierte — auf einer der vielen Blumen, die auf Giddens’ soziologischer Wiese blühen, zu verweilen und damit den vollständigen Garten nicht wahrnehmen zu können oder aber sich in der Sisyphos-Arbeit zu verlieren, die Gesamtarchitektonik rekonstruieren zu wollen, die jedoch, wie Alex Callinicos (1985: 133) glaubt, dem aussichtslosen Versuch gleicht, Quecksilber aufzulesen.

↓33

Will man sich in der kritischen Reflexion auf die Theorie der Strukturierung jedoch nicht in Metaphern verlieren und versucht demgegenüber, in systematischer Absicht der spezifischen Logik dieses Ansatzes theoretisch gerecht zu werden, so scheint eine detailliertere Rekonstruktion unumgänglich und analytisch durchaus fruchtbar zu sein.

In einem ersten Schritt ist es hierfür sinnvoll, sich in historisch-genetischer Perspektive der Werkentwicklung von Giddens zuzuwenden. Hierbei lassen sich meines Erachtens vier Arbeitsschwerpunkte identifizieren, die trotz einer gewissen zeitlichen Überlappung in ihrer sachlichen und thematischen Schwerpunktlegung deutlich voneinander unterscheidbar bleiben.109 Vergleichbar einer Vielzahl von Soziologen,110 setzt sich Giddens zu Beginn seiner soziologischen Arbeiten intensiv mit den Klassikern des Faches und deren zentralen Themen- und Problemstellungen in der Absicht auseinander, diese einer zeitgemäßen Kritik und problemorientierten Aktualisierung zu unterziehen. So beteiligt er sich seit Mitte der 1960er Jahre an einem internationalen Projekt, das Emile Durkheims berühmte Selbstmordstudie mit dem Ziel wieder aufnimmt, auf der Basis einer Reihe empirischer Arbeiten deren Gültigkeit für heutige Gesellschaften zu überprüfen (1964, 1965a, b, 1966, 1971a). Daran anschließend wendet er sich dem Problem sozialer Ungleichheit zu. Hierbei beschäftigt er sich einerseits in theoretischer Perspektive mit der Klassenstruktur fortgeschrittener Gesellschaften (1972a) und andererseits, stärker empirisch orientiert, mit Prozessen der Elitenformierung und -rekrutierung in Großbritannien (Giddens/Stanworth 1974). Diese analytisch ausgerichteten Arbeiten repräsentieren jedoch nur eine Seite seiner frühen Forschungsinteressen. Denn unmittelbar hiermit verknüpft arbeitet er in theoretisch-systematischer Perspektive daran, die Rolle und die Bedeutung der Gründerväter der Disziplin für die zeitgenössische Soziologie neu zu bewerten. Sein Versuch einer grundlegenden (Neu)Bestimmung der Geschichte der Soziologie ist jedoch interessanterweise sehr viel weniger von methodologisch-sozialtheoretischen Überlegungen geprägt, wie sie noch für Talcott Parsons’ Systematisierung der Soziologiegeschichte in „The Structure of Social Action“ charakteristisch waren, als vielmehr durch die Absicht, eine stärker problem- und gegenstandsbezogene Bestimmung der Grundlagen der Disziplin ins Zentrum der Argumentation zu stellen.

So stellt sich für ihn das Problem sozialer Ordnung weder primär auf der Ebene der abstrakt-theoretischen Reformulierung der Grundbegriffe, noch sieht er in der These einer handlungstheoretischen Konvergenz den notwendigen Fluchtpunkt soziologischer Theoriebildung. Vielmehr gilt es seiner Meinung nach, die in dieser Bestimmung vorgenommenen Kanonisierungen im Zuge einer inhaltlichen Spezifizierung der zentralen soziologischen Fragestellungen zu relativieren. Denn mit der Durchsetzung von Kapitalismus und Industrialismus veränderten sich die konkreten gesellschaftlichen Strukturbedingungen grundlegend, und dies erforderte eine Modifizierung des analytischen Zugriffs. Nach Giddens liegt das konstitutive Problem der Soziologie demnach darin, die Frage nach den Voraussetzungen sozialer Ordnung immer an spezifische gesellschaftliche Bedingungen rückzubinden, die charakteristisch für die Moderne sind.111 Der analytische Anspruch, die Strukturbedingungen und Wandlungsprozesse moderner Gesellschaften aufzuklären, begründet demnach den identitätsbildenden Kern der Disziplin. Folgt man dieser Interpretation, so wird auch klar, dass Giddens systematisch auf die Arbeiten einer Reihe von Autoren reflektiert, die in der Parsons’schen Analyse entweder aus dem Pantheon der Fachgeschichte vollständig ausgeschlossen oder aber der soziologischen Vorgeschichte zugeordnet wurden. Denn eine soziologisch aufschlussreiche und theoretisch anspruchsvolle Auseinandersetzung mit der so genannten „Great Transformation“ (Karl Polanyi) und den strukturellen Merkmalen kapitalistischer Gesellschaften setzte nicht erst mit den Arbeiten von Emile Durkheim und Max Weber ein, sondern lässt sich schon in den Werken von Alexis de Tocqueville, Auguste Comte, Herbert Spencer oder Karl Marx finden. Insbesondere die Analysen von Marx sind in dieser Hinsicht von zentraler Bedeutung, und für Giddens’ Versuch einer Reformulierung der Geschichte der Soziologie, wie er sie mit „Capitalism and Modern Social Theory“ (1971b) vorlegte,112 unumgänglich.

↓34

Diese Kombination von analytischem Interesse an theoretisch angeleiteter Gesellschaftsanalyse und systematischem Interesse an der Geschichte des Faches prägte nicht nur die formative Phase von Giddens’ Werkentwicklung, sondern war meines Erachtens darüber hinaus in dreierlei Hinsicht konstitutiv für seine weiteren Arbeiten: In historischer Perspektive führte seine intensive Auseinandersetzung mit den klassischen Fragestellungen der Disziplin zur Einsicht in die Notwendigkeit eines Perspektivenwechsels von einer theoretisch-methodologischen hin zu einer analytisch-inhaltlichen Konvergenzthese und der damit einhergehenden Abgrenzung von T. Parsons’ Kanonisierung der Grundlagen des Faches.113 Unmittelbar hiermit verbunden zeigte sich in methodischer Hinsicht, dass die Giddens’sche Vorgehensweise in besonderer Weise auf der Infragestellung bestehender Sichtweisen basiert. Seine permanente Auseinandersetzung und Problematisierung der tradierten Theorien ermöglichen ihm, diese an zeitgenössische Diskussionen anzuschließen, damit zu „entmythologisieren“ (Giddens 1972a, 1981a) und für neue theoretische Anknüpfungspunkte zu öffnen. Beide Aspekte münden in sachlicher Perspektive in eine Kennzeichnung der Soziologie als derjenigen Wissenschaft, die sich primär und vor allem anderen der Analyse fortgeschrittener Gesellschaften widmet und das hierzu notwendige Begriffs- und Analyseinstrumentarium zur Verfügung stellen muss. Diese drei Aspekte, die schon während dieser frühen Phase des Giddens’schen Werkes deutlich aufscheinen, begründen das umfassende Ziel seines Projektes einer grundlegenden Neubestimmung der Sozialtheorie und verleihen seinen Arbeiten den Charakter einer „theory in progress“.

Ausgelöst durch die wissenschaftstheoretischen Debatten des Postpositivismus setzt in den 70er Jahren Giddens’ zweite Werkphase ein, in der er sich verstärkt mit erkenntnistheoretischen und methodologischen Fragestellungen beschäftigt. Er nimmt die klassische Frage nach dem Verhältnis von Natur- und Sozialwissenschaften wieder auf und versucht, sie im Lichte der neueren Arbeiten von Thomas S. Kuhn, Imre Lakatos, Paul Feyerabend oder Karl Popper zu problematisieren.114 Denn die „positivistic attitude“ der Sozialwissenschaften, die, geprägt durch Comtes Konzeption einer Einheitswissenschaft, lange Zeit die Soziologie bestimmte und, vermittelt über Durkheim, auch die angloamerikanische Soziologie präformierte, war angesichts der zeitgenössischen Arbeiten im Bereich der Wissenschaftsphilosophie und Erkenntnistheorie nicht mehr uneingeschränkt aufrechtzuerhalten. Und erneut sucht Giddens während dieser Phase die bestehende Orthodoxie zu hinterfragen und durch die Konfrontation mit neueren wissenschaftstheoretischen Positionen auf der einen bzw. der Wiedereinführung lange Zeit obsolet erscheinender soziologischer Theorien wie etwa der verstehenden Methode Max Webers oder der Phänomenologie Alfred Schütz’ auf der anderen Seite, eine revidierte und aktualisierte Bestimmung der methodologischen und erkenntnistheoretischen Voraussetzungen zeitgenössischer Gesellschaftstheorie auszuarbeiten.115

Waren diese beiden frühen Perioden seiner Werkentwicklung durch die Absicht gekennzeichnet, im Zuge einer Rekonstruktion der Theoriegeschichte sowohl den theoretischen wie auch den methodischen „common sense“ des Faches in Frage zu stellen, so wendet er sich ab der zweiten Hälfte der 70er Jahre in einer dritten Phase der konstruktiven Ausarbeitung seines eigenständigen sozialtheoretischen Ansatzes, der „theory of structuration“, zu.

↓35

Zwar taucht der Terminus structuration oder Strukturierung 116 schon früh in Giddens’ Werk auf,117 doch erst die kritische Auseinandersetzung mit den vorherrschenden gesellschaftstheoretischen Ansätzen des Funktionalismus (Giddens 1976b), des orthodoxen Marxismus (Giddens 1979, 1981b) und des Strukturalismus (Giddens 1979, 1987e) verdeutlichen die Notwendigkeit einer Neubestimmung der soziologischen Grundbegriffe und bilden seither den Mittelpunkt seiner theoretischen Arbeiten. Aufbauend auf der Erkenntnis, dass lange Zeit entweder strukturtheoretische oder handlungstheoretische Perspektiven den soziologischen Diskurs präformierten, beabsichtigt Giddens, diese vermeintliche Frontstellung und die damit einhergehenden analytischen Einseitigkeiten und Defizite auf der Grundlage seiner Theorie der Strukturierung konzeptionell zu überwinden. Hierfür postuliert er, dass die Produktion und Reproduktion sozialer Systeme als ein einheitlicher, aufeinander bezogener sozialer Prozess konzipiert werden muss, der keinerlei analytisches Prioritätenverhältnis erlaubt.

Diese synthetisierende Perspektive, dieser grundlagentheoretische Versuch der „recodification of basic concepts for social analysis“ (Giddens 1977: 121), den Giddens erstmals in den „New Rules of Sociological Methods“ (1976a) skizziert, leitet über Jahre seine theoretischen Überlegungen und findet in „The Constitution of Society“ (1984b) seine vorläufig elaborierteste Ausarbeitung, ohne damit schon endgültig abgeschlossen zu sein.

Parallel hierzu nimmt Giddens die frühe Problemstellung aus „Capitalism and Modern Social Theory“ wieder auf und sucht in abstrakter wie auch diagnostischer Perspektive die theoretischen Voraussetzungen für eine soziologische Analyse der modernen Industriegesellschaften aufzuklären, wie er sie insbesondere im Marx’schen Projekt des Historischen Materialismus vorformuliert sieht. Die Anerkennung von „Marx’ correct views on everything“ (1985b) legitimiert zwar in ironischer Übertreibung die Bezugnahme auf die analytische Kraft des Historischen Materialismus, entlastet aber die zeitgenössische Soziologie weder von der Aufgabe, die Strukturbedingungen gegenwärtiger Gesellschaften zu analysieren, noch von der Notwendigkeit der Revision einer Reihe von theoretischen Grundannahmen. So ist es insbesondere der implizite Evolutionismus des Marx’schen Ansatzes, der mit der These der Zentralität des Klassenkonfliktes als Motor sozialer Transformationsprozesse einhergeht, den Giddens auf theoretischer Ebene problematisiert, und der ihn angesichts der Kontingenz gesellschaftlicher Entwicklungen dazu bringt, die Konzepte von Raum und Zeit in die Analyse sozialer Wandlungsprozesse mit aufzunehmen.118 Inhaltlich richtet er seine Aufmerksamkeit primär auf Konfliktfelder, die im Kontext der Ausbildung moderner Nationalstaaten, der damit zusammenhängenden Bedeutungszunahme von militärischer Gewalt und Krieg in der Neuzeit oder der Rolle von Staatsbürgerrechten in modernen Gesellschaften stehen.

↓36

Diese kritische Weiterentwicklung der Marx’schen Theorien mündet schließlich in eine vierte Arbeitsphase, in der sich Giddens explizit der Analyse des institutionellen Aufbaus moderner Gesellschaften zuwendet. Auf den methodischen und theoretischen Vorüberlegungen seines Strukturierungsansatzes basierend, geht es Giddens seit Beginn der 1990er Jahre darum, das Projekt einer „Kritischen Theorie der Spätmoderne“ (Giddens 1992) voranzutreiben, wobei er insbesondere die spezifischen Folgen zunehmender gesellschaftlicher Modernisierung auf die individuelle Lebensführung wie auch auf die Veränderung zentraler institutioneller Felder untersucht.

Diese inhaltliche Differenzierung der bisherigen Werkentwicklung von Giddens in theoriegeschichtliche, abstrakt-wissenschaftstheoretische, theoretisch-systematische und analytisch-diagnostische Fragestellungen eröffnet jedoch nicht nur einen Einblick in die Genese und den weitgefassten theoretischen Anspruch seiner soziologischen Arbeiten, sondern ermöglicht, in kritischer Perspektive nach der inneren Kohärenz dieses Theorieprogramms zu fragen.

Denn die auf der Grundlage der hier vorgeschlagenen historischen Periodisierung ausgezeichneten thematischen Schwerpunkte lassen sich zwar als zeitlich abgrenzbare Phasen kennzeichnen, doch sollen hierdurch weniger Bruchstellen oder Wendemarken innerhalb der Giddens’schen Werkentwicklung ausgezeichnet werden als vielmehr (Vor-)Stufen oder konstitutive Bestandteile seines allgemeinen und allumfassenden Theorieprogramms, das dem ehrgeizigen Ziel, „Neue Regeln der soziologischen Methode“ (1984a) zu entwickeln, gewidmet ist.

↓37

Schon das in der Eröffnungspassage seiner ersten Buchveröffentlichung formulierte programmatische Credo, die zeitgenössische soziologische Theoriebildung einer grundlegenden Revision zu unterziehen, findet sich trotz aller inhaltlichen Schwerpunktverschiebungen kontinuierlich als methodisches Motiv und bildet meines Erachtens die systematische Klammer für das Verständnis seines Gesamtwerkes: „This book is written in the belief, that there is a widespread feeling among sociologists that contemporary social theory stands in the need of a radical revision“ (Giddens 1971b: VII). Dieser bilderstürmerische Anspruch impliziert jedoch nicht eine anarchistische Position der Negation aller bisherigen Theorieentwicklungen, sondern muss in die bestehenden Theorieansätze kontextuell eingebunden werden: „Such a revision must begin from a reconsideration of the works of those writers who established the principal frames of reference of modern sociology“ (ebd.). Schon früh lässt sich somit das Spannungsfeld umreißen, innerhalb dessen sich die Ausarbeitung der Giddens’schen Sozialtheorie vollzieht. Er sucht die Grenzen des bestehenden soziologischen Bezugsrahmens historisch auszuleuchten und systematisch für die Ausarbeitung seines eigenen Theorieansatzes fruchtbar zu machen. Dieses Motiv zieht sich in Variation wie ein roter Faden durch sein gesamtes Werk und bündelt in theoriekonstruktiver Perspektive die einzelnen Problemstellungen.

Bilderstürmer und Traditionalist, Dekonstrukteur und Rekonstrukteur, Eklektizist und Synthetiker, all diese polarisierenden Kennzeichnungen charakterisieren die differenten Zugangsweisen, mittels derer Giddens den Möglichkeitsraum, der der anvisierten Ausarbeitung einer „totalisierenden Theorie (...) der Spätmoderne“ (Giddens 1992: 18) zu Grunde liegt, systematisch auslotet.

Das „Abfeuern“ kritischer Salven auf die etablierten Grundlagen soziologischer Theoriebildung wie auch die Forderung, an Stelle dogmatisierender und kanonisierender Exegese eine „multiplicity of readings“ (Giddens 1982b) der klassischen und zeitgenössischen Ansätze zuzulassen, ermöglicht es nicht nur theoretische Defizite und Desiderata sozialwissenschaftlichen Denkens zu identifizieren, sondern bildet gleichzeitig die Grundlage für Giddens’ Forderung, die bestehenden Positionen zu problematisieren. Es ist die Einsicht in die Notwendigkeit des Bruches mit Traditionen und Mythen, wie etwa der These vom konservativen Ursprung der Soziologie, der Vorstellung, wonach die Beschäftigung mit einem abstrakten Problem sozialer Ordnung die unterschiedlichen soziologischen Autoren eint, oder die damit zusammenhängende These vom grundlegenden Schisma soziologischer Theoriebildung, derzufolge diese entweder in integrationstheoretische oder in konflikttheoretische Ansätze zerfällt (vgl. Giddens 1981a), sowie die damit einhergehende Absicht der theoretischen Erneuerung der Soziologie, die als Motiv seiner theoretischen Reflexionen in dreierlei Hinsicht variiert:

↓38

Theoriepolitisch geht es ihm von Beginn an darum, „die Vorherrschaft der amerikanischen Soziologie zurückzudrängen und (...) europäische Traditionen sozialwissenschaftlichen Denkens zu revitalisieren“ (Giddens 1988b: 287), jedoch nicht in der Absicht, an die Stelle einer amerikanischen Dominanz eine europäische zu stellen, sondern vielmehr, um im Zuge der Aufklärung der Ursprünge dieser Trennung die lang anhaltende Vorherrschaft der amerikanischen Soziologie bei der Definition bestimmter Problemstellungen und Diskurse, wie beispielsweise der normativistischen Fassung des Ordnungsproblems, aufzubrechen. Hiermit eng verknüpft zeigt sich theoriegeschich t lich, dass einerseits die Arbeiten von Marx wieder stärker ins soziologische Bewusstsein rücken,119 und andererseits der Anspruch, auf das mit dem Zusammenbruch des „orthodoxen Konsensus“ (Atkinson 1971) entstandene „theoretische Vakuum“ (Wiley 1979: 76) im Zuge der Ausarbeitung einer eigenen Theorie zu reagieren: „I make this claim not in the anticipation of substituting a new orthodoxy for an old one, but in the hope of providing a more satisfactory ground for the discussion of central issues in social theory than that provided by the erstwhile consensus, (...) I wish to make the further argument that a diagnosis of the shortcomings of the preexisting consensus indicates the necessity of theorising — of making a focus of theoretical analyses — issues that were ignored within that consensus“ (Giddens 1979: 240).120 

Diese beiden Aspekte münden in das theoriekonstruktive Motiv, eine allgemein gültige Theoriegrundlage für das Studium fortgeschrittener Industriegesellschaften zu entwickeln: „Demgegenüber hat es die Soziologie mit einem ganz bestimmten historischen Gegenstand zu tun: Diese Wissenschaft hat in grundsätzlich empirischer Orientierung die ‚industrialisierten‘ oder ‚fortgeschrittenen’ Gesellschaften, wie sie sich seit dem 18. Jahrhundert herausgebildet haben, zum Thema. Sie soll vor allem die Unterschiede der ‚modernen‘ Gesellschaften im Gegensatz zu den ‚traditionellen‘ akzentuieren und den ‚Industrialismus‘ als eine Kraft kenntlich machen, der eine neue globale Gesellschaftsordnung hervorgebracht hat“ ( Giddens 1988b: 287).121

Um diesem dreifachen Anspruch wie auch der Absicht, seinen strukturierungstheoretischen Ansatz sozialtheoretisch zu fundieren, gerecht werden zu können, ist es notwendig, im Zuge einer „Dekonstruktion“ der klassischen und zeitgenössischen Theoriediskussion deren zentrale Desiderata zu identifizieren. Ein solch anspruchsvolles und umfassendes theoretisches Unternehmen eröffnet zwar den Blick auf einen vielfältigen, interdisziplinären Raum soziologisch relevanter Positionen. Damit einher geht aber auch die Gefahr systematischer und theoretischer Inkonsistenz der eigenen Theoriebildung. Denn die Vielfalt an Themen und Problemstellungen, mit denen sich Giddens im Rahmen der Ausarbeitung seiner Strukturierungstheorie auseinandergesetzt hat, erschwert nicht nur den Zugang zu seinem Werk, sondern trägt ihm gleichzeitig den Vorwurf der theoretischen „Unterentwicklung“ (Mann 1987: 195) seiner Arbeiten ein. Mir scheint jedoch diese Kritik an der vermeintlichen Inkohärenz der Theorie primär einer rein vordergründigen Auseinandersetzung mit dem Ansatz geschuldet. Denn diese stellt weniger das Ergebnis eines Mangels an theoretischer Konsistenz dar, sondern folgt systematisch aus der eigentlichen Kernidee des Ansatzes, nämlich der Vorstellung, derzufolge der Mechanismus der Strukturierung ein alle Bereiche der menschlichen Praxis durchdringendes Organisationsprinzip bezeichnet.

↓39

Insofern scheint sich Giddens dieser Problematik sehr wohl bewusst zu sein, wenn er mit Blick auf den Versuch der Entwicklung der Grundzüge der Theorie der Strukturierung in „Die Konstitution der Gesellschaft“ (1988a: 50) formuliert: „Dies Buch zu schreiben, ist mir nicht besonders leicht gefallen, und an manchen Stellen sperrt es sich der normalen Gliederung in Kapitel. Die Theorie der Strukturierung wurde im wesentlichen als ‚interne Kritik’ formuliert – als kritische Beurteilung einer Vielzahl von derzeit konkurrierenden sozialtheoretischen Schulen.“122

Um vor dem Hintergrund des Anspruchs einer sozialtheoretisch informierten Neubestimmung der Disziplin und deren konstitutiver Leitdifferenz von Handeln und Struktur den innovativen Impuls der Giddens’schen Theorie angemessen bewerten zu können, ist es unumgänglich, im Folgenden einige systematische Schnitte an seinem heterogenen Werk vorzunehmen. Hierfür ist es aufschlussreich, in einem ersten Zugriff an seine Konzeptualisierung des Problems „Wie soziale Ordnung möglich ist“ anzuschließen. Zunächst betont er in gesellschaftstheoretischer Hinsicht den Primat einer analytischen Bearbeitung des Ordnungsproblems, doch darüber hinaus hebt er hervor, dass dieser Fragestellung auch in sozialtheoretischer Perspektive eine zentrale Stellung innerhalb seines Werkes zu kommt: „Aber die fundamentale Frage der Sozialtheorie, wie ich sie sehe – das ‚Problem sozialer Ordnung‘ in einer gegenüber Parsons’ Ursprungsformulierung gänzlich anders gefaßten Weise – lautet: zu erklären, wie die Grenzen individueller ‚Präsenz‘ durch die ‚Ausdehnung‘ sozialer Beziehungen über Raum und Zeit hinweg überwunden werden“ (ebd.: 88).123 Die Verwendung des Begriffs ‚Sozialtheorie‘ in dieser Definition verdeutlicht explizit Giddens’ Theorieverständnis, das auf einer grundlegenden Differenzierung zwischen Sozialtheorie und Soziologie aufruht. Die Bearbeitung sozialtheoretischer Problemstellungen bedeutet, sich mit Fragen der metatheoretischen Grundlegung der Sozialwissenschaften zu beschäftigen. Es geht hierbei um Fragen einer „theoretischen und gewiss abstrakten Auseinandersetzung mit dem menschlichen Akteur, mit seinem Bewußtsein und Handeln, mit den strukturellen Bedingungen und Konsequenzen dieses Handelns sowie den institutionellen Formen und kulturellen Symbolen, die aus diesem hervorgehen. Sozialtheorie zielt auf so etwas wie eine ganz allgemeine Sozialontologie ab. Daneben geht es auch darum, über die epistemologischen und methodischen Voraussetzungen sozialwissenschaftlichen Forschens aufzuklären“ (Giddens 1988b: 287). Demgegenüber ist die Aufgabe der Soziologie auf einen bestimmten historischen Gegenstand bezogen, Soziologie zielt auf die empirische Analyse der Industriegesellschaft.

Erst im Bewusstsein dieser Differenzierung lässt sich die Giddens’sche Theoriekonstruktion nun schärfer konturieren. Denn es geht ihm nicht primär darum, die Schwächen der klassischen Konzeptualisierungen des Ordnungsproblems durch eine „weit abstraktere Ebene der Begriffsbildung“ aufzulösen, wie Kießling (1988: 126f.) behauptet, sondern um die Erkenntnis, dass eine Weiterentwicklung der Theorie in einem ersten Schritt einer sozialtheoretischen und damit die ontologisch-epistemologischen Voraussetzungen aufklärenden Grundlegung bedarf, damit sie die empirische Forschung anleiten kann: „Gerade hierin liegt die größte Herausforderung für alle, die sich heute an die Neuformulierung der Hauptaufgaben der Gesellschaftstheorie machen; man muss mit den klassischen Traditionen auf doppelte Weise brechen: inhaltlich auf der Ebene der Theorie der Industriegesellschaft, abstrakt auf der Ebene der Erkenntnistheorie“ (Giddens 1981a: 132).

2.1  Die Ontologie der Praxis

↓40

Realität ist das selbe und doch nie gleiche, zu dem man zurückkommt.
Hans Blumenberg

Ausgangs- wie Fluchtpunkt jeglichen sozialtheoretischen Räsonierens stellt in strukturierungstheoretischer Perspektive die Analyse der sich wiederholenden sozialen Praxis dar (Giddens 1989: 252). In der Tradition von Marx’ (1965: 9) praxisphilosophischem Diktum stehend, demzufolge „die Menschen ihre eigene Geschichte machen, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“, postuliert er sein strukturierungstheoretisches Credo, dass die Produktion und Reproduktion sozialer Systeme als ein einheitlicher, aufeinander bezogener Prozess konzipiert werden muss, der keinerlei analytisches Prioritätenverhältnis zulässt. Dieses Ziel, eine integrale, nicht-reduktionistische Gesellschaftstheorie auszuarbeiten, verweist grundlagentheoretisch darauf, die traditionellerweise den sozialwissenschaftlichen Diskurs präformierende Gegenüberstellung von Subjektivismus und Objektivismus zu problematisieren in der Absicht, an die Stelle einer substanzialistisch-dualistischen eine antisubstanzialistisch-relationale Sozialontologie zu setzen. Nicht Subjekt und Objekt bezeichnen die Letztelemente der sozialen Realität, sondern an deren Stelle tritt eine neue Kategorie, derzufolge beide Dimensionen wechselseitig aufeinander bezogen sind. Eng hiermit verknüpft, quasi als gesellschaftstheoretisches Äquivalent, hat die Leitdifferenz von Handlung und Struktur124 nicht nur lange Zeit den soziologischen Diskurs präformiert, sondern in der Folge auch das Fach in zwei gegensätzliche theoretische Grundpositionen ausdifferenziert und zur Entstehung der so genannten zwei Soziologien125 geführt. Um diese Bifurkation und die damit einhergehenden substanzialisierenden Begriffsbildungen zu überwinden, sucht Giddens die Bedingungen der Produktion und Reproduktion von Gesellschaften als einen rekursiven dynamischen Prozess zu bestimmen. Hierfür stellt er sich zwei zentralen sozialtheoretischen Aufgaben: Zum einen der theoretisch informierten Reformulierung zentraler Grundbegriffe, um hierüber die Grundlagen für die Überwindung der analytischen Defizite sowohl struktur- wie handlungstheoretischer Ansätze bestimmen zu können. Um jedoch über eine rein begrifflich-abstrakte Verknüpfung der beiden Grundkategorien Handlung und Struktur hinaus die soziologische Theorie im Sinne einer sozialtheoretisch fundierten Verknüpfung erkenntnistheoretischer, methodologischer und analytischer Aspekte weiterentwickeln zu können, ist es seines Erachtens zum anderen notwendig, „eine ganz allgemeine Sozialontologie“ (Giddens 1988b: 287) auszuarbeiten. Denn dies ermöglicht erst, den epistemologischen Dualismus von Subjekt und Objekt zu überwinden, um in der Folge die These, dass „weder das handelnde Subjekt noch das soziale Objekt kategorialen Vorrang haben, beide vielmehr in rekursiven sozialen Handlungen oder Praktiken konstituiert und das heißt produziert und reproduziert werden“ (ebd.: 288),126 begründen zu können.

↓41

Auf der Grundlage des Konzepts der „Dualität der Struktur“ sucht Giddens nicht nur den „Grundzug des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses“ (Giddens 1984a: 155) analytisch zu bestimmen, sondern glaubt darüber hinaus, auch eine theoretische Perspektive zu eröffnen, die verdeutlicht, „dass ‚Struktur‘ und ‚Handeln‘ nur mehr als „die allein analytisch unterschiedenen Momente der Wirklichkeit strukturierter sozialer Handlungssysteme“ (Giddens 1988b: 290) zu konzeptualisieren sind. Bestimmend für dieses Konzept ist die Vorstellung, das Verhältnis von Handeln und Struktur anti-substanzialistisch als wechselseitiges Konstitutionsverhältnis zu begreifen. Denn die Strukturen wirken nicht nur beschränkend und zwanghaft auf die sozialen Akteure ein, sondern sie ermöglichen gleichzeitig alternative Handlungsformen, eröffnen neue Perspektiven. Die Produktion bzw. Reproduktion von Gesellschaft beruht auf den Fertigkeiten ihrer Mitglieder. Weder die Handlungssubjekte noch die sozialen Strukturen lassen sich unabhängig voneinander bestimmen, denn es gibt weder subjektfreie Strukturen noch von strukturellen Bedingungen unabhängige Subjekte: „Konstitution von Handelnden und Strukturen betrifft nicht zwei unabhängig voneinander gegebene Mengen von Phänomenen – einen Dualismus – , sondern beide Momente stellen eine Dualität dar“ (Giddens 1988a: 77).

Die Ausarbeitung einer anspruchsvollen soziologischen Theorie muss sich demnach auf die sozialtheoretische Reformulierung der konstitutiven Dimensionen sozialer Praxis konzentrieren, wobei primär der Prozess der Gestaltung des sozialen Lebens, die Formen der Produktion und Reproduktion von Sozialität, im Mittelpunkt steht. „To speak of praxis as the constitution of social life entails a concern not only for the manner in which conduct, consequences and relations are generated but also for the conditions which shape and facilitate these processes and outcomes. (...) The view of praxis is equally relevant to the constitution of action and the constitution of collectivities, because both aspects of social life are generated and reproduced or altered in and through social praxis itself“ (Cohen 1989: 12).

Für das Giddens’sche Werk ist die Bezugnahme auf das Konzept der sozialen Praxis somit konstitutiv. Um nun aber den systematischen Ort des Praxiskonzepts im Rahmen des strukturierungstheoretischen Ansatzes genauer verorten zu können, ist es meines Erachtens notwendig, im Folgenden etwas genauer auf einige praxisphilosophische Theoreme der Hegel-Marx-Tradition zu rekurrieren. Hierfür bieten sich drei Anschlussperspektiven an:127 Werkgeschichtlich lässt sich eine Kontinuität der Giddens’schen Orientierung am Praxiskonzept konstatieren, die nicht nur in seiner frühen Marx-Rekonstruktion in „Capitalism and Modern Social Theory“ (1971b: 3f., 233) deutlich wird, sondern auch die späteren Versuche einer Rekonstruktion des Historischen Materialismus prägt: „I want to accept a ‚materialist conception of history‘ only in the sense of accentuating the importance of Praxis as integral to human social life“ (Giddens 1981b: 54). In sachlicher Perspektive wird dies einerseits anhand seines unablässigen Interesses an der Klassentheorie, in Verbindung mit dem Versuch, hierüber die Entwicklungsdynamik fortgeschrittener Gesellschaften aufzuklären, deutlich und prägt andererseits auch sein Anliegen, soziologische Theorie als kritische Gesellschaftstheorie zu konzipieren. In theoretischer Hinsicht schließlich lassen sich meines Erachtens die weitreichendsten Implikationen des Praxiskonzepts für Giddens’ Theorieansatz aufzeigen, und zwar sowohl hinsichtlich der erkenntnistheoretischen und ontologischen Grundlegung des Strukturierungsansatzes wie auch mit Bezug auf die hiermit verknüpften methodologischen Postulate seines Ansatzes: „I take Praxis to be an ontological term, expressing a fundamental trait of human social existence. To speak of human social activity as Praxis is to reject every conception of human beings as ‚determined objects‘ or as unambiguously ‚free subjects‘“ (ebd.: 53f.).

↓42

Erkenntnistheoretisch ist Giddens’ Hauptinteresse auf die Auflösung des Dualismus von Subjekt und Objekt gerichtet in der Absicht, an die Stelle dieser traditionell dualistisch, substanzialistisch gefassten Sozialontologie eine anti-substanzialistisch relationale Sozialontologie zu setzen. Weder die Akteure (Subjekte) noch die Strukturen (Objekte) bezeichnen demzufolge den ‚archimedischen Punkt‘ in der sozialen Wirklichkeit bzw. deren konstitutive Elemente, sondern beide Kategorien sind wechselseitig aufeinander bezogen, Handeln und Struktur bedingen sich wechselseitig: „What I’m trying to produce is, as it were an ontology of human society as a theory of action and structure“ (Giddens 1987i: 105). Der hier geforderte Perspektivenwechsel von erkenntnistheoretischen Überlegungen hin zu einer erneuerten ontologischen Grundlegung bleibt in Giddens’ Werk jedoch begrifflich auffallend unterentwickelt. Zwar postuliert er, dass „die Konzentration auf erkenntnistheoretische Probleme die Aufmerksamkeit von den eher ‚ontologischen‘ Fragestellungen der Sozialtheorie ab(lenkt). Genau diese jedoch stellt die Theorie der Strukturierung in das Zentrum ihres Interesses. Statt sich zunehmend mehr mit erkenntnistheoretischen Kontroversen und der Frage, ob so etwas wie „Erkenntnistheorie“ im altehrwürdigen Sinne überhaupt möglich ist, zu beschäftigen, sollten meines Erachtens alle, die in der Sozialtheorie arbeiten, sich zuallererst der Neufassung der Vorstellung vom menschlichen Sein und menschlichen Handeln, von der gesellschaftlichen Reproduktion und der gesellschaftlichen Veränderung zuwenden“ (Giddens 1988a: 33f.). Unexpliziert bleiben jedoch die theoretischen und systematischen Implikationen eines solchen „Perspektivenwechsels“ von der Erkenntnistheorie zur Ontologie und das damit einhergehende Problem kategorialer Unschärfe. Ontologisierungen in einer vagen und unpräzisen begrifflichen Fassung führen zu einer Dekontextualisierung und Substanzialisierung soziologischer Grundbegriffe, einem der Hauptprobleme der bisherigen Theoriebildung, deren Überwindung Giddens in seinen theoretischen Arbeiten explizit anstrebt.

Gerade in diesem Zusammenhang ist es deshalb aufschlussreich, den Giddens’schen Theorieansatz in den Kontext der Tradition der Hegel-Marx’schen Praxisphilosophie zu stellen, denn gerade Marx stand ja jeglichen begrifflichen Ontologisierungsversuchen in den Sozialwissenschaften mit großer Skepsis gegenüber und verwies darauf, dass selbst die allgemeinsten begrifflichen Abstraktionen auf historisch verankerten, kontextgebundenen Realabstraktionen beruhen: „Das Beispiel der Arbeit zeigt schlagend, wie selbst die abstraktesten Kategorien, trotz ihrer Gültigkeit — eben wegen ihrer Abstraktion — für alle Epochen, doch in der Bestimmtheit ihrer Abstraktion ebensosehr Produkt historischer Verhältnisse sind und ihre Vollgültigkeit nur für und innerhalb dieser Verhältnisse besitzen“ (Marx 1971: 25).128

Nach Marx und Engels ist primär der erkenntniskritische Gehalt der Praxis entscheidend. Die zunächst zu beobachtende Differenz zwischen Denken (Philosophie) und Tun (Realität) darf nicht unhinterfragt akzeptiert, sondern muss als geschichtlich entstanden begriffen werden. Die Trennung beider Sphären folgt der Teilung der Arbeit in materielle und geistige, und schon die deutschen Idealisten betonten,129 dass die erscheinende Welt unbeschadet ihrer Objektivität eine subjektiv erzeugte ist. Unter dieser Prämisse konstitutiver und kreativer Subjektivität wird deutlich, dass die soziale Realität, die den Kontext für die alltäglichen Handlungen und Interaktionen der Menschen darstellt, nichts Invariantes, von ihnen unabhängig Existierendes ist. Die „Menschen leben in gesellschaftlichem Sein, nicht in Natur“ (Adorno 1956: 36). 

↓43

In seinen Feuerbach-Thesen suchte Marx diese Position jedoch zu überwinden, da der Idealismus die wirkliche, je historisch bedingte Tätigkeit nicht als solche anerkennt und er damit übersieht, dass die menschliche Tätigkeit als gegenständliche unmittelbar in den materialen Bestand jener Objekte eingeht. Diese lassen sich nicht als natürlich bestimmen, sondern sind das Ergebnis der Objektivierung menschlicher Kreativität und konstituieren damit erst die soziale Wirklichkeit. Ein solch konstitutionstheoretisches Verständnis der Praxis wurde in mehrfacher Hinsicht für die Soziologie bedeutsam: einerseits in erkenntnistheoretischer Hinsicht durch die Arbeiten, die Edmund Husserl im Rahmen seiner phänomenologisch ausgerichteten Lebensweltanalysen vorlegte und die insbesondere Alfred Schütz beeinflussten (Habermas 1986), und andererseits — stärker praxistheoretisch — im Kontext der Theorien des Alltagslebens von Agnes Heller bzw. der so genannten Budapester Schule.130 Auch Peter L. Bergers und Thomas Luckmanns Arbeit über „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ lässt sich in dieser Tradition verorten: „Das menschliche Ausdrucksvermögen besitzt die Kraft der Objektivation, das heißt, es manifestiert sich in Erzeugnissen menschlicher Tätigkeit, welche sowohl den Erzeuger als auch anderen Menschen als Elemente ihrer gemeinsamen Welt begreiflich sind“ (Berger/Luckmann 1967: 36). Trotz ihrer Kritik verwerfen Marx und Engels den erkenntnistheoretischen Idealismus nicht unbesehen, sondern wenden die grundlegende Einsicht in die Bedingtheit alles objektiv Erfahrenen durch gesellschaftlich vermittelte Kraft der Subjektivität neu an, indem sie sie primär ökonomistisch-materialistisch bestimmen.

Die Kritik an der idealistischen Bewusstseinsphilosophie und dem Übergang zur Betonung der alles bestimmenden Praxis verweist demnach auf die Notwendigkeit, sich über die Konstituentien einheitlicher, intersubjektiv verbindlicher Erfahrung des objektiven Seins neu zu verständigen. Im realen Vollzug der gesellschaftlichen Praxis wird klar, dass die „Reduktion der Gegenstände auf bloße Immanenz des Bewußtseins so verfehlt (ist) wie ein dogmatischer Realismus, der dem Bewußtsein eine ausschließlich ‚abbildende‘ Rolle zuspricht“ (Schmidt 1974: 275). Die sinnliche Welt lässt sich nicht mehr als ein von Ewigkeit her gegebenes, stets gleiches Ding bestimmen, sondern ist die Folge des je spezifischen Gesellschaftszustandes, sie ist geschichtliches Produkt, Resultat der Tätigkeit einer ganzen Reihe von Generationen.131

Was angeschaut und empfunden wird, ist allemal schon durch die soziale Gesamttätigkeit vermittelt. Diese Philosophie der Praxis als Grundverhältnis von Mensch und Welt bedeutete für Marx notwendigerweise auch eine qualitativ veränderte Praxis der Philosophie. Die Frage nach der Einheit von Subjekt und Objekt verliert ihren überzeitlichen und weitgehend auf den kognitiven Bereich beschränkten Charakter und kehrt als Frage nach der Einheit und Differenz von Geschichte und Natur wieder. Ein solches in der marxistischen Praxislehre bestehendes menschliches Erzeugungsmodell darf jedoch nicht über den streng materialistischen Grundcharakter dieser Position hinwegtäuschen: Jede produktive, reale Veränderung bewirkende Tätigkeit ist verwiesen auf dingliches, außer ihr vorherrschendes Sein, ihrem materiellen Substrat entspricht allemal ein materielles Resultat.

↓44

Über die hierdurch deutlich aufgeworfene Subjekt-Objekt-Problematik versucht sich Marx mit dem Verweis auf die Variabilität der Arbeitssituation hinwegzusetzen, indem er hervorhebt, „daß der naive Realismus ein Schein ist, der sich auf jeder Stufe des Produktions- und Erkenntnisprozesses ebenso darbietet wie auflöst. Menschlich durchdrungen, stellt sich die feste Unmittelbarkeit des außermenschlich Gegebenen stets aufs neue her“ (ebd.: 279). Arbeit transformiert sich aus der Tätigkeit in den Gegenstand, so dass die primitive Vorstellung von der Erkenntnis als Abbild, durch die Bewusstsein und Gegenständlichkeit scharf voneinander getrennt sind, aufgehoben werden muss. Individuelles Bewusstsein ist immer schon Teil der von ihm zu erkennenden Wirklichkeit.

Zusammenfassend verweist die Marx’sche Position auf den geschichtsphilosophisch bedeutsamen Tatbestand, wonach in der bürgerlichen Welt individuelles Tun immer schon gesamtgesellschaftlich präformiert ist, sich jedoch die Form des produzierenden und reproduzierenden Ganzen dem Bewusstsein der Individuen entzieht. Menschliche Praxis ist sowohl Totalität im Sinne des strukturhaft Verfestigten wie auch weitertreibende totalisierende Bewegung, Projekt und Entwurf des Überschreitens jeder Unmittelbarkeit, gemäß dem von ihr gesetzten Handlungsspielraum. Dass der menschliche Erkenntnisapparat wie die Gegenstände, auf die er sich richtet, spezifisch geschichtlich geprägt ist, mündet aber nicht zwangsläufig in einen Historismus. Obwohl sich die Realität der Menschen und die der Sachen realiter nicht mehr trennen lässt, bleibt die Priorität der äußeren Natur bestehen.

Die marxistische Praxislehre betont somit gegenüber der geschichtlichen Subjektivität die unauflösbare Eigenstruktur der Materie, die vor jeglicher subjektiven Interpretation eine der allgemeinen, kollektiven Praxis entstammende Form angenommen hat. Die so hervorgebrachte intersubjektiv verbindliche Welt von Objekten steht sämtlichen Gesellschaftsmitgliedern als eigenständiger, deren Wahrnehmung prägender Phänomenbereich gegenüber: ein ebenso allgemeiner wie geschichtlich gewordener Rahmen, der gegenüber den individuellen Interessen und Absichten zwar unabhängig ist, gleichzeitig aber in der Folge gesellschaftlicher Praxis verortet werden muss.132 

↓45

Gesellschaftstheoretisch bedeutsam an Marx’ These ist nun, dass sich die den Menschen umgebende Welt mit dem Übergang von der feudalen zur modernen bürgerlichen Gesellschaftsformation mehr und mehr als künstliches Produkt darstellt und den Charakter des unmittelbar Gegebenen einbüßt. Je umfassender die gesellschaftlich organisierten Eingriffe in die Natur werden, desto unzulänglicher erweist sich ein Begriff von Erkenntnis, der im passiven Abbilden bestehender Strukturen aufgeht. Hieraus lässt sich die Konsequenz ziehen, die Erkenntnistheorie nicht mit Hilfe substanzialistischer Annahmen zu begründen, sondern vielmehr auf den weltgeschichtlichen Prozess der Praxis zu reflektieren mit der Konsequenz, einen gültigen Begriff „wahrer Erkenntnis“ zu verabschieden.133 Der Konstitutionsprozess der Welt bezieht sich lediglich darauf, dass alle menschlichen Lebensverhältnisse von vornherein als praktische, durch die Tat begründete Verhältnisse zu bestimmen sind; sie bilden das konkret geschichtliche Apriori und gehen dem Objekt menschlicher Erkenntnis voraus. Dieser, die gegenständliche Tätigkeit pointierende Praxisbegriff, den Marx insbesondere in der ersten Feuerbachthese umreißt,134 begründet seine materialistische Konzeption der Konstitution sozialer Realität. Sein entschieden praktisch-kritischer Charakter drückt sich dann darin aus, dass er die Wirklichkeit als Subjekt und Objekt der weltgeschichtlichen Aktivitäten bestimmt. Vermittels ihrer Selbstbewegung synthetisieren sich, auf je verschiedene Weise, bewusst menschliches und bewusst naturales Sein. Die Praxis als einen entwicklungsgesetzlichen Zusammenhang bestimmt er dann als die einen Zeitabschnitt historisch strukturierende gesellschaftliche ‚Gesamttätigkeit‘, in welche die individuellen Erkenntnis- und Lernprozesse eingebunden sind.

Bindet man diese Überlegungen nun wieder an den von Giddens formulierten Anspruch einer weitreichenden Auseinandersetzung mit der traditionellen Erkenntnistheorie zurück, der Forderung, Erkenntnistheorie durch eine ganz allgemeine Sozialontologie der menschlichen Praxis zu ersetzen, dann lassen sich eine Reihe unübersehbarer Parallelen und Übereinstimmungen mit dieser marxistisch-praxisphilosophischen Kritik an der reflexionsphilosophischen Fassung menschlicher Erkenntnis aufzeigen. So hebt er im Rahmen seiner Diskussion der Grundlagen der Marx’schen Theorien dessen Betonung der kreativen Fähigkeiten der menschlichen Tätigkeiten als „constant reciprocity between the consciousness and human Praxis“ (Giddens 1971b: 20) hervor und bezeichnet dessen Überlegungen „als kluge Untersuchung der historischen Wechselwirkung von Subjektivität und Objektivität in der gesellschaftlichen Existenz des Menschen“ (Giddens 1984a: 13).135 Giddens versäumt es aber deutlich auszuarbeiten, inwiefern seine Forderung nach einer Ontologisierung der Praxis den materialistischen Implikationen und, damit einhergehend, auch der Gefahr begrifflicher Reifikationen entgehen kann.

Dies ist jedoch unumgänglich, wenn man dem weitreichenden Anspruch des Strukturierungsansatzes auf eine paradigmatische Erneuerung der Sozialtheorie gerecht werden will. Es ist in diesem Zusammenhang instruktiv, einen Aspekt stärker hervorzuheben und systematisch zu entwickeln, auf den Giddens im Rahmen eines Interviews kurz verweist, ohne dass er die hierin angelegten theoretischen Implikationen weiter verfolgt. „I don‘t regard the core of social theory as to do with epistemological problems. I‘m fairly sympathetic with the idea that the traditional aims of epistemology are perhaps suspect and that nowadays one can‘t have an epistemology in the traditional sense — that is, the theory of knowledge which can somehow be founded, can have some foundations that could be agreed upon. ... But as regards the grounding of science and justification of beliefes in science I‘m afraid my views are fairly conventional. I‘m inclined towards a realist position, in the sense of a new realism so-called. I think there are mechanisms to be described in the world and that these can be described accurately. The criteria of describing them, the modus of testing out empirical descriptions, are basically fairly stock and orthodox — that is they‘re to do with describing things in a way which others can interpret“ (Giddens 1987i: 110, Hervorhebung S.S.).

↓46

Ein systematischer Anschluss an die Position des Neo-Realismus136 ermöglicht, so meine These, ein deutlicheres Verständnis einer ontologischen Position, die gerade nicht zu substanzialisierenden Begriffsfassungen von Subjekt und Objekt bzw. Handlung und Struktur führen soll, sondern die Relationalität dieser beiden Grundbegriffe hervorhebt und ihr gegenseitiges aufeinander Bezogensein aufklärt, wie es Giddens in seinem Konzept der „Dualität der Struktur“ als dem „ontological framework for the study of human social activities“ (Giddens 1991b: 201) anstrebt.

Gerade in Bezug auf das sozialtheoretische Ziel, den Handlungs-Struktur-Dualismus zu überwinden, zeigt ja der Anschluss an Marx, dass dieser zwar die wechselseitige Vermittlung der beiden Dimensionen im Prozess der gesellschaftlichen Praxis hervorhebt, er in letzter Konsequenz aber beide weiterhin substanzialistisch fasst und als ontologisch getrennte Bereiche konzeptualisiert. Die Auflösung dieser Dichotomie bzw. ihre Überführung in ein Konzept, wonach beide Bereiche sich wechselseitig konstituieren, ist in strukturierungstheoretischer Perspektive eine unhintergehbare Notwendigkeit. Denn bleibt man dieser Trennung verhaftet, dann ist es nur möglich, eine begriffliche Synthetisierung herbeizuführen. Der Komplementaritätscharakter beider Aspekte wird dann zwar postuliert, ihre tatsächliche gegenseitige Bedingtheit jedoch nicht wirklich aufgezeigt.

Es bedarf deshalb einer Neubestimmung dieser beiden Kategorien, auf deren Grundlage in handlungstheoretischer Perspektive sowohl der individuellen Kreativität wie der sozialen Bedingtheit des Handelns Rechnung getragen wird und es gleichzeitig in ordnungstheoretischer Hinsicht gelingt, nicht nur den statischen Zwangscharakter der sozialen Strukturen aufzuklären, sondern auch auf deren dynamischen, d.h. veränderbaren Charakter zu verweisen. Erst wenn beiden Begriffen ein in dieser Perspektive veränderter ontologischer Status zuerkannt werden kann, eröffnet dies die Chance zu einer theoretischen Vermittlung, auf deren Grundlage die bisherigen, den soziologischen Diskurs präformierenden Reduktionismen und Syntheseversuche aufgehoben werden können. Ich schlage hierfür vor, an die wissenschaftstheoretischen Überlegungen Roy Bhaskars anzuschließen, die es ermöglichen, den strukturierungstheoretischen Ansatz erkenntnistheoretisch zu fundieren, dessen Potenzial zur Überwindung der ontologischen Differenzen klarer zu kennzeichnen und ein integratives, relational bestimmtes Konzept des Verhältnisses von Handeln und Struktur zu entwickeln,137 das über Giddens’ bisherige Fassung hinausweist.

↓47

R. Bhaskars wissenschaftstheoretische Überlegungen zum epistemologischen und ontologischen Status der Sozialwissenschaften gründen auf der Einsicht in die Notwendigkeit, das Verhältnis von natur- und sozialwissenschaftlicher Methodologie erneut zu problematisieren: „... to what extent can society be studied in the same way as nature?“ (Bhaskar 1979: 1) In wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive konstatiert er eine Dominanz naturalistischer Erklärungsmodelle, die die Ursachen für Veränderungen der sozialen Phänomene in der natürlichen, materiellen Umwelt verorten, ohne auf transzendente Argumente rekurrieren zu müssen. Dieser wissenschaftstheoretisch begründete Naturalismus ist nach Bhaskar analytisch in drei aufeinander bezogene Positionen ausdifferenzierbar: eine materialistische, wonach das soziale Leben von der Natur präformiert ist; eine szientistische, die von der Annahme ausgeht, dass soziale und natürliche Phänomene grundsätzlich einer ähnlichen Erklärung zugänglich sind, und eine ethisch-naturalistische, die darauf verweist, dass Aussagen über Tatsachen und Werte einen vergleichbaren Charakter besitzen, dass zwischen ihnen kein unüberbrückbarer, logischer Hiatus besteht (vgl. Bhaskar 1986: 118). Im Zuge der Ausarbeitung seines eigenen Konzepts eines wissenschaftlichen „Realismus“ rekurriert Bhaskar insbesondere auf den szientistischen Aspekt, da er hierin die analytische Möglichkeit zu einer epistemologischen Übereinstimmung von sozial- und naturwissenschaftlichen Erkenntnismodellen angelegt sieht, die die theoretische Annahme nahe legt, von unabhängigen, gleichzeitig aber veränderbaren (sozialen) Strukturen auszugehen.

Die sozialwissenschaftliche Diskussion des Naturalismus oszilliert zwischen einer apologetischen Übernahme der naturwissenschaftlichen Methode durch den Positivismus auf der einen Seite, dessen elaborierteste Fassung das von Popper und Hempel in die wissenschaftstheoretische Diskussion eingebrachte deduktionistische Erklärungsmodell kausaler Gesetzmäßigkeiten sozialen Handelns darstellt, und der explizit anti-naturalistischen, hermeneutischen Tradition auf der anderen Seite, derzufolge die soziale Realität der Interpretation durch die Akteure unterliegt. Die soziale und die natürliche Welt sind voneinander getrennt, so dass auch die Erkenntnismethoden differieren müssen.

Um den Stärken wie auch den Schwächen dieser beiden Positionen Rechnung zu tragen, entwickelt Bhaskar sein Konzept des „kritischen Naturalismus“, das auf der wissenschaftstheoretischen Position des so genannten transzendentalen Realismus aufruht.138 Ausgehend von einer realistischen Bestimmung der Gesellschaft, wonach diese sowohl als ständig vorhandene Bedingung (materieller Grund) wie auch als kontinuierlich produziertes Ergebnis der menschlichen Handlungen (Praxis) zu thematisieren ist (Bhaskar 1979: 43), postuliert er, „that a p a ramorphic relationship between the natural and the human sciences can be set up capable of vindicating the idea that there are, (...), knowable structures at work in the human domain partly analogous but irreducible to (although dependent upon) those discovered in nature, where upon material causality of beliefs emerge as conditions of intentional agency and discursive thought respectively“ (Bhaskar 1986: 118f.). Im Bewusstsein konzeptioneller Einseitigkeiten sowohl des Positivismus wie auch der Hermeneutik bei der Aufklärung gesellschaftlicher Prozesse und Ereignisse eröffnet diese Position nach Bhaskar mehrere Möglichkeiten: „ In contrast to positivism, it can sustain the transfactuality of social structures, while insisting on their conceptuality (or concept-dependence). And in contrast to hermeneutics, it can sustain the intransitivity of both beliefs and meanings, while insisting on their susceptibility to scientific explanations and hence critique, in a spiral (rather than circle) which reflexively implicates social science as a moment in the process that it explains“ (Bhaskar 1979: 28). Bezieht man einen so definierten kritischen Naturalismus auf soziale Phänomene, so muss man sich aber immer auch einiger ontologischer, epistemologischer und methodologischer Beschränkungen bewusst sein.139

↓48

Ontologischer Ausgangspunkt ist die Annahme, dass sich die soziale Realität in drei Bereiche aufspaltet.140 Zum einen verweist Bhaskar auf den Bereich des Empirischen, der diejenigen Aspekte des sozialen Lebens umfasst, die sinnlich wahrgenommen werden können und den menschlichen Erfahrungen unmittelbar zugänglich sind. Demgegenüber bezeichnet zum anderen der Bereich des A k tuellen Elemente der Sozialität, die bestimmte sozial relevante Ereignisse konstituieren, ohne dass sie der Wahrnehmung zugänglich sein müssen. Diesen beiden Bereichen zugrunde liegt schließlich der Bereich des Realen, auf dem die basalen Entitäten und Mechanismen der sozialen Welt gründen, der Bereich, der aus einem gegebenen Muster dauerhafter, historisch und zeitlich intransitiver sozialer Strukturen mit kausaler Wirkung besteht.

Diese Trennung geht einher mit einer weiteren wichtigen ontologischen Differenzierung innerhalb Bhaskars Konzept: der Unterscheidung zwischen transitiven und intransitiven Objekten wissenschaftlicher Untersuchungen, d.h. zwischen den Konzepten und Modellen über die Wirklichkeit und den wirklichen Entitäten und Relationen, die die natürliche und soziale Welt faktisch konstituieren.141 Intransitivität kennzeichnet die unabhängige Existenz bestimmter, konstitutiver Aspekte der sozialen Realität. Hinsichtlich menschlicher Handlungen und sozialer Strukturen lässt sich dieses Prinzip dahingehend modifizieren, dass alle Handlungskonzepte immer einen Teil der Realität ausmachen. Die Annahme der unabhänigigen Existenz bestimmter struktureller Bereiche von Gesellschaften führt zu der Frage nach dem ontologischen Status natürlicher gegenüber sozialen Strukturen: „ 1. Social structures, unlike natural structures, do not exist independently of the activities they govern; 2. Social structures, unlike natural structures, do not exist independently of the agent conceptions of what they are doing in their activity; 3. Social structures, unlike natural structures, may not be only relatively enduring (so that the tendencies they ground may not be universal in the sense of space-time invariance)“ (ebd.: 48f.). Soziale Strukturen unterscheiden sich nach Bhaskar also von den natürlichen aufgrund ihrer Abhängigkeit von den durch sie verursachten Handlungen, den Konzeptionen der Handelnden und ihrer raum-zeitlichen Varianz.

Bestimmt man den ontologischen Status sozialer Strukturen in diesem Sinne als rekursiv, das heißt in seiner grundlegend wechselseitigen Bezogenheit auf die in die soziale Praxis eingelagerten Handlungsprozesse, dann wird deutlich, dass die sozialen Strukturen insoweit Realität besitzen, als sie sowohl kausal in die soziale Wirklichkeit hineinwirken, wie sie auch von dieser im Zuge der gesellschaftlichen Praxis beeinflusst werden. Gesellschaften sind keine geschlossenen Systeme, sie stellen vielmehr offene Systeme dar, und dies bedeutet, spezifische erkenntnistheoretische und methodologische Grundlagen in den Analysen entwickeln zu müssen.142 So stehen diese ontologischen Prämissen, insbesondere die Differenzierung in intransitive und transitive Gegenstände, in unmittelbarem Zusammenhang mit Bhaskars epistemologischen Grundannahmen: „We have seen then that the question of intransitive objects of social science turns out to be essentially a question about the scope and implications of interpretation in this domain. (...) even if the building-bricks of social science are 'interpreted' building-bricks in a more radical and far reaching sense than are component parts of natural scientific theories, and even if the structures postulated within the social sciences tend to be presented, for good reasons, in a tentative way, this does not prevent us asking questions of a realist kind about these structures“ (ebd.: 49). Seine ontologischen Annahmen bilden demnach eine Art Bezugsrahmen für seine epistemologischen Überlegungen. „On this, knowledge corresponding to the different Humean, Kantian, Lockean and Leipnizian concepts of natural necessity is successively obtained, and iteratively reapplied in a progressive unfolding of the ever more recondite structures of the world, known — when they are — always under (normatively) corrigible and (historically) transient descriptions. This account permits a non-Kantian sublation of empiricism and rationalism, the reconciliation of the antinomies besetting contemporary philosophy of science and the resolution of old, new and hitherto unformulable problems“ (Bhaskar 1983: 83).

↓49

Aus Bhaskars naturalistischer Prämisse folgt somit zum einen, dass die intransitiven Strukturen der Realität im Sinne generativer Mechanismen wirken, zum anderen ist es aber gleichfalls unumgänglich, dass man zur Analyse konkreter gesellschaftlicher Veränderungsprozesse die menschlichen Handlungen stärker in den Blick nehmen muss: „Societies must be regarded as an ensemble of structures, practices and conventions which individuals reproduce and transform, but which would not exist unless they did so“ (Bhaskar 1979: 45). Diese Überlegungen, die die relative Autonomie einer sozialen Realität sui generis und die zeitliche Vor-Existenz von Gesellschaft anerkennen, bedürfen der Ergänzung durch ein quasi transzendentales Argument, wonach die Gesellschaft das notwendige Mittel und Medium des individuellen Handelns ist: „Social life is a causally and taxonomically irreducible but dependent mode of matter and that intentional agency presupposes the causal efficacy of reasons“ (Bhaskar 1986: 122; vgl. auch Bhaskar 1979: Kap. 3).

Ziel einer realistisch fundierten Gesellschaftsanalyse ist es, auf der Grundlage einer sozialtheoretisch informierten Konzeptualisierung des Wechselwirkungsverhältnisses von Struktur und Handlung die Strukturformen und Funktionsweisen sozialer Prozesse aufzuklären, wobei sie die kausale Wirkung der intransitiven sozialen Strukturen sowohl als Medium wie auch als Ergebnis der bedeutungs- und absichtsvollen menschlichen Praxis analysiert. In diesem Zusammenhang entwickelt Bhaskar sein ‚Transformational Model of Social Activity‘ (T.M.S.A.), auf dessen Grundlage er sich kritisch von den drei in der soziologischen Diskussion vorherrschenden Modellen einer angemessenen Verhältnisbestimmung von Individuum und Gesellschaft absetzt:143

  1. dem an Webers Handlungstheorie orientierten ‚voluntaristischen‘ Modell, das die Konstitution und Kreation der Gesellschaft durch das individuelle Handeln verursacht sieht;
  2. dem an Durkheim orientierten Modell, das den reifikatorischen und determinierenden Zwang der gesellschaftlichen Totalität auf das individuelle Handeln in den Mittelpunkt stellt;
  3. dem von Berger/Luckmann (1967) entwickelten ‚dialektischen‘ Modell das Individuum wie Gesellschaft als gleichbedeutend konzipiert, so dass die Einseitigkeiten der beiden anderen Modelle dialektisch überwunden werden können.

↓50

Bhaskar weist nicht nur die beiden ‚einseitigen‘ Modelle mit ihren reifikatorischen Implikationen als unzureichend zurück, sondern mit Blick auf den ‚vermittelnden‘ Ansatz von Berger und Luckmann auch darauf hin, dass: „... this model is seriously misleading. For it encourages, on the one hand, a voluntaristic idealism with respect to our understanding of social structure and, on the other, a mechanistic determinism with respect to our understanding of people“ (Bhaskar 1978: 11). Demgegenüber zielt sein eigenes Modell darauf ab, zwar die Autonomie intentionalen Handelns hervorzuheben, sowohl in kritischer Absetzung gegenüber der Sozialsphäre als auch in distinkter Abgrenzung gegenüber der Natursphäre, gleichzeitig aber anzuerkennen, dass die Struktur der menschlichen Praxis transformativ ist. Sie gewinnt ihre spezifische Gestalt nur im Zuge einer durch das Handeln hervorgebrachten, in Raum und Zeit situierten Veränderung schon bestehender (natürlicher oder sozialer) Strukturen.

Gesellschaften lassen sich diesem Modell zufolge durch vier zentrale Aspekte charakterisieren: „ societies are irreducible to people, (...) social forms are a necessary condition for any intentional act, (...) their pre-existence establishes their autonomy as possible objects of scientific investigation and (...) their causal power establishes their reality“ (Outhwaite 1987: 51). Verknüpft man diese Bestimmung mit der Logik des T.M.S.A., dann bedeutet das mit Blick auf eine konzeptionelle Bestimmung von Gesellschaft, dass diese sowohl als unbewusstes Medium als auch als unintendiertes Produkt des Handelns bestimmt werden muss.144 Bhaskar spricht, um diesen Zusammenhang auf eine Formel zu bringen nicht nur, wie etwa Giddens, von einer Dualität der Struktur, sondern betont die Dualität der Praxis. Die Handelnden reproduzieren in ihren selbständig motivierten Handlungen die unbewussten Bedingungen, die diese Handlungen ‚regeln‘.

„On the T.M.S.A., society and agents are existentially independent but essentially distinct“ (Bhaskar 1986: 123f.). Handeln und Gesellschaft (Struktur) sind existenziell aneinander gekoppelt; das eine ist die notwendige Voraussetzung des anderen und umgekehrt, ohne dass beide aufeinander reduziert werden können. Insofern lassen sich hiermit auch unterschiedlichste wissenschaftliche Interessen und Strategien verknüpfen, die auf denselben Erkenntnisbereich — die soziale Realität und die gesellschaftlichen Prozesse — reflektieren. Sozialwissenschaft abstrahiert vom menschlichen Handeln, um die Sozialstruktur, die Struktur bzw. das Ergebnis der dauerhaft reproduzierten sozialen Praktiken, und ihre Beziehungsmuster zu untersuchen; die ‚Sozialpsychologie‘ abstrahiert von diesem ‚Ergebnis‘ oder ‚Muster‘ und untersucht diejenigen Regeln, die die Ressourcenmobilisierung der Handelnden in ihren sozialen Interaktionen bestimmen. Aufgabe der Soziologie ist es nach Bhaskar (ebd.: 124), die Strukturbedingungen und Entwicklungsprozesse von Gesellschaften unter der Prämisse zu analysieren, dass beide Aspekte, das Beziehungssystem zwischen den Positionen wie auch zwischen den sozialen Praktiken, die die Akteure reproduzieren und transformieren, zusammengefasst werden müssen.145

↓51

Sowohl hinsichtlich der ontologischen Differenzierung zwischen Materialismus und Idealismus als auch der erkenntnistheoretischen zwischen Nominalismus und Realismus stellt Bhaskars T.M.S.A. ein angemessenes Modell zur Neubestimmung des Verhältnisses von Struktur und Handlung dar. Darüber hinaus hat er auch ein hierauf aufbauendes Konzept von Gesellschaft vorgelegt, das meines Erachtens erst ermöglicht, die Idee der Strukturierung in ihrem sozialtheoretischen Anspruch als eine „Grand Theory“ soziologischer Analyse angemessen zu fundieren.

In Bezug auf die epistemologische Dimension sozialwissenschaftlicher Theoriebildung vertritt Bhaskar eine radikal realistische Position und verweist auf die Relevanz der denkunabhängigen Existenz von sozialen Entitäten, wie etwa Gesellschaften und soziale Strukturen, wobei er die Trennung zwischen der sozialen und natürlichen Welt, wie gesehen, als ontologisch bedingt anerkennt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass diese beiden Bereiche völlig unvermittelt und quasi autonom nebeneinander stehen: Vielmehr verweist dies primär auf ein, wie Bhaskar es nennt, philosophisches Ontologieverständnis bzw. darauf, dass keinerlei Aussagen darüber möglich sind, wie die Entitäten oder Strukturen, die die Realität konstituieren, in der Gegenwart beschaffen sind. Die Frage hiernach ist vielmehr Gegenstand einer wissenschaftlichen O n tologie. Für das sozialwissenschaftliche Verständnis von Realität und insbesondere auch für die wissenschaftstheoretische Konzeption des Realismus hat diese Unterscheidung zur Folge, dass eine Vorentscheidung zwischen einem Konzept, das sich selbst auf die Analyse der Gesellschaft als Ergebnis individueller Handlungen einschränkt, und einem Konzept, das auf die Eigendynamik der sozialen Strukturen verweist, nicht möglich ist.

Auf der anderen Seite ist sich Bhaskar, wie oben gezeigt, sehr wohl des ontologischen Problems der Materialismus-Idealismus-Differenz bewusst. Er selbst bezeichnet eine einseitige Hypostasierung einer der beiden Positionen als zentralen Fehler in der Sozialtheorie und warnt davor, Gesellschaften unabhängig von den menschlichen Handlungen zu konzeptualisieren. Er nennt dies den Fehler einer zu starken Reifikation. Andererseits verfallen Positionen, die Gesellschaften nur als das Produkt intentionalen Handelns ansehen, dem Fehler eines radikalisierten Voluntarismus. Das Konzept des T.M.S.A. versucht, diese beiden Aspekte in pseudodialektischer Weise aufeinander zu beziehen, um damit deren ontologische Trennung aufzuheben. Bhaskar betont ihre begriffliche Eigenständigkeit unter der zentralen Vorgabe, dass beide Bereiche sich gegenseitig existentiell bedingen und chronisch fortentwickeln. Die Handelnden determinieren weder, noch sind sie vollständig determiniert durch die sozialen Strukturen, obwohl sie diese unbedingt für ihr Handeln benötigen. Insoweit spricht er von der „existential interdependence of society and individuals, duality of structure and praxis and dynamic profile of the T.M.S.A.“ (ebd.: 125).

↓52

Erst vor dem Hintergrund der hier skizzierten praxisphilosophischen und neorealistischen Überlegungen ist es möglich, so meine These, die von Giddens immer eingeforderte Notwendigkeit der Reformulierung bzw. Erneuerung der kategorialen Grundlagen der Soziologie sozialtheoretisch zu fundieren und den strukturierungstheoretischen Ansatz klarer zu konturieren. Zusammenfassend lassen sich demnach mit Blick auf ein weitergehendes Verständnis der Strukturierungstheorie als einer anti-substanzialistischen, relational ansetzenden Sozialontologie vier konstitutive Aspekte benennen, die sich teilweise in Giddens’ Arbeiten finden lassen, ohne dass er selbst diese Anschlüsse systematisch herausgearbeitet hätte:

  1. Zentral ist die praxisphilosophische Kritik an der reflexionsphilosophischen Erkenntnistheorie, wie sie insbesondere an der dualistisch substanzialistisch bestimmten Differenz von Subjekt und Objekt deutlich wird, die an die Stelle des Bildungsprozesses des Geistes den Selbsterzeugungsprozess der Gattung setzt, demzufolge das Subjekt handelnd und tätig in seine Umwelt eingreift und diese hierdurch konstituiert.
  2. Hieraus folgt der produktive und reproduktive Charakter der sozialen Praxis im Sinne gesellschaftlicher Totalität als Bedingungs- und Möglichkeitsspielraum individuellen Handelns, der historisch variabel ist und demzufolge nicht mehr substanzialistisch gefasst werden kann.
  3. Um jedoch nicht in relativistische Gefahren eines historistischen Praxismodells zu geraten, ist es notwendig, gewisse generative Mechanismen und Strukturen auszuzeichnen, die als unabhängige Handlungsbedingungen figurieren.
  4. Um diese wiederum in ihrer relationalen Bedingtheit zu kennzeichnen und als „Dualität von Struktur“ und „Dualität von Praxis“ entwickeln zu können, bedarf es der Übernahme wichtiger Aspekte der realistischen Ontologie Bhaskars. Handelnde Subjekte wie auch soziale Strukturen sind konstitutiv aufeinander bezogen und können nicht als präkonstituierte Entitäten gedacht werden. Sie gehen beide gleichursprünglich in die soziale Realität mit ein und sind demnach nur analytisch unterscheidbare Momente.

Die zentrale Rolle, die dem Praxiskonzept für die Grundlegung des Strukturierungsansatzes zukommt, zeigt sich schließlich auch in Bezug auf dessen methodologische Grundlegung, wobei Giddens beabsichtigt, die dominante Dichotomie zwischen wissenschaftlichem Erklären und hermeneutischem Verstehen zu überwinden.146 Im Zuge seiner Kritik an der zentralen Rolle des Positivismus innerhalb der wissenschaftstheoretischen Debatten und der damit einhergehenden Forderung, die strikte Trennung zwischen Natur- und Sozialwissenschaften aufzulösen, wendet sich Giddens im Verlauf der 70er Jahre verstärkt interpretativen und handlungstheoretischen Ansätzen zu. Das positivistische Ziel, die Sozial- und die Naturwissenschaften auf gemeinsame wissenschaftstheoretische Grundlagen zu stellen und als Gesetzeswissenschaften zu etablieren, ist so nicht zu realisieren. Es ist für die Sozialwissenschaften nicht möglich, die Besonderheiten ihres Gegenstandsbereichs als unabhängige Beobachtungsobjekte zu bestimmen, denn in der Folge der Vergesellschaftungsprozesse verändern sich die zu beobachtenden subjektiven Handlungsformen und Strukturzusammenhänge ständig, sie sind das variierende Produkt menschlicher Praxis. Insofern zeigt sich auch, dass das nomologische Erklärungsmodell und der Versuch, ein System deduktiver Gesetze aufzustellen, zusehends in Frage gestellt wird. Weder lassen sich gesetzesgleiche Aussagen über die ‚Natur‘ der Gesellschaft treffen, noch ist das sozialwissenschaftliche Wissen instrumentell nutzbar im Sinne einer zukünftigen gesellschaftlichen Steuerung.

↓53

Die im Zuge des Postpositivismus formulierte Kritik am Logischen Empirismus führt zum Bruch mit der Annahme objektivistischer Realitätserkenntnis, betont stattdessen die Theoriegebundenheit jeglicher, auch naturwissenschaftlicher Beobachtung und weist mit Hilfe des Paradigmenbegriffs auf die Relativität wissenschaftlicher Wahrheitsansprüche hin. Selbst die Naturwissenschaften können sich demzufolge nicht mehr darauf beschränken, dass sie es ausschließlich mit der ‚Erklärung‘ ihres Gegenstandes zu tun haben, sondern sie müssen ihn auch ‚verstehen‘.

Giddens teilt die postempiristische Kritik an den positivistischen Ansätzen und deren Versuch einer Übertragung naturwissenschaftlicher Erklärungsmodelle auf den Gegenstand der Sozial- und Kulturwissenschaften,147 betont die Notwendigkeit, sich intensiv mit den so genannten interpretativen Ansätzen innerhalb der Sozialwissenschaften auseinanderzusetzen, indem er explizit darauf verweist, dass die soziale Welt „anders als die Welt der Natur als eine auf Fertigkeiten beruhende Leistung aktiver menschlicher Subjekte begriffen werden“ (Giddens 1984a: 191) muss. Er übernimmt in diesem Zusammenhang weder eine radikal hermeneutische Position, noch plädiert er dafür, die Kausalanalyse in den Sozialwissenschaften zu ersetzen,148 sondern er sucht beides zu verknüpfen mit dem Ziel eine „...hermeneutically informed social theory“ (Giddens 1982a: 5f.) auszuarbeiten.149

Große Übereinstimmungen lassen sich zwischen seinem Verständnis von Wissenschaft und dem Netzwerkmodell, wie es Mary Hesse (1974) mit Blick auf die Naturwissenschaften entwickelt hat, feststellen, demzufolge zwischen Beobachtung und Theorie nur in einem pragmatischen Sinne unterschieden werden kann. In dem Netzwerk wissenschaftlicher Aussagen finden sich immer wieder „Knoten“, die die Kreuzung von theoretischen Vorannahmen und der objektiven Welt markieren. Diese Überschneidungen stellen jedoch keinesfalls fixierte oder unhintergehbare Tatsachen dar, sondern stehen in Zusammenhang mit dem historisch variablen Entwicklungsstand einer Theorie: „Scientific theory does not involve two languages, a language of observation and a language of theoretical terms; rather, it involves two overlapping and intersecting uses of the same language. Nor is there an absolute differentiation between formal languages of science and natural languages, since the former proceed by metaphorical extension of the latter and of experiences originally organized by the latter in the ‚natural attitude‘“ (Giddens 1978a: 273).

↓54

Akzeptiert man die von der postpositivistischen Wissenschaftskritik herausgestellte Einsicht, dass hermeneutische Prozesse auch in naturwissenschaftlichen Analysen und Darstellungen der Naturwissenschaften bedeutsam sind und somit die wissenschaftliche Wahrnehmung der menschlichen Welt nicht grundsätzlich von der Naturwahrnehmung differieren muss, dann bedeutet dies in realistischer Perspektive, dass eventuelle methodologische Unterschiede primär vom Gegenstandsbereich der Untersuchung abhängig sind. Damit stellt sich erneut die Frage nach der Unabhängigkeit sozialer Strukturen und danach, ob sich in der sozialen Welt Objekte finden lassen, die unabhängig von den Akteuren existieren. Schließt man in diesem Zusammenhang nochmals an die Position Roy Bhaskars an, dann scheint dessen Unterscheidung zwischen transitiven (Begriffen, Theorien) und intransitiven (Dingen, Strukturen) Objekten der Wissenschaften darauf zu verweisen, von sozialen Strukturen als intransitiven Objekten, die in der Realität wirken, auszugehen. Doch lässt sich diese Bestimmung auch auf ‚soziale Tatbestände‘ übertragen?

Menschliche Aktivitäten stehen in unmittelbarer Wechselbeziehung zu den bestehenden strukturellen Bedingungen, so dass Gesellschaft nicht nur als soziale Konstruktion oder die Summe individueller Akte gefasst werden kann, wie es beispielsweise der radikale Konstruktivismus150 oder aber Ansätze, die den Ausgangspunkt sozial relevanter Prozesse in den rationalen Wahlhandlungen der Individuen verorten,151 propagieren. Zwar lassen sich Prozesse identifizieren, in denen die soziale Wirklichkeit weitgehendes Produkt individueller Handlungsakte ist, doch zeigt sich in der Regel, dass soziale Strukturen zwar nicht völlig unabhängig von den Handlungen der Akteure zu bestimmen sind, sie diesen im Allgemeinen — als Kontext- oder Situationsbedingungen — vorausgehen oder aber Folge gerade nicht-intendierter Handlungsfolgen sind.

Folgt man der Annahme, dass die Konstitution gesellschaftlicher Strukturen durch menschliche Vorstellungen und Beziehungsmuster deren Differenz zu natürlichen Strukturzusammenhängen152 markiert, und akzeptiert trotzdem ihren intransitiven Charakter als unabhängiges Untersuchungsobjekt, dann hat dies weitreichende Implikationen für die sozialwissenschaftliche Untersuchungsmethode. Denn der kausale Zusammenhang zwischen verschiedenen Ereignissequenzen ist nicht mehr notwendig als quasi gesetzmäßiges Ablaufschema zu fassen, sondern steht im Kontext der spezifischen Handlungssituation und lässt sich nur als Fortschreiten bestehender Tendenzen bzw. vorgegebener Selektionsmechanismen aufklären, die in den Strukturen angelegt sind.

↓55

Diese wissenschaftstheoretischen Vorüberlegungen sind meines Erachtens die Voraussetzungen dafür, dass es Giddens möglich ist, die methodologische Dichotomie zwischen Erklären und Verstehen153 zu überwinden. „Die Strukturierungstheorie (ist) keine Spielart der Hermeneutik oder der interpretativen Soziologie (Giddens 1988a: 34), aber es „wird insoweit ein hermeneutischer Ausgangspunkt eingenommen, als erkannt wird, daß die Beschreibung menschlicher Handlungen eine Vertrautheit mit den in solchen Handlungen ausgedrückten Lebensformen verlangt“ (ebd.: 53). Hierfür schließt er sowohl an die Position Hans Georg Gadamers154 als auch an die von der postpositivistischen Wissenschaftstheorie Thomas Kuhns inspirierte These einer Verknüpfung des Verstehens mit der Sprache als dem Medium der Intersubjektivität an, die die Zentralität eines „Bedeutungsrahmens“ für die menschliche Praxis und deren Analyse aufzeigt: „In diesem Sinne darf Verstehen nicht als eine für die Sozialwissenschaften spezifische Methode des Zugangs zur sozialen Welt betrachtet werden, sondern als eine ontologische Bedingung der menschlichen Gesellschaft, die durch ihre Mitglieder produziert und reproduziert wird. Die natürliche Sprache ist deshalb sowohl für die Konstituierung von Handlung als ‚sinnhaft‘ als auch für den Kommunikationsprozeß in der Interaktion so zentral, daß der Rekurs auf sie bei der Erzeugung jeder Art von ‚Forschungsmaterial‘ in der Soziologie notwendig ist: der soziologische Beobachter kann keine Metasprache konstruieren, die nicht mit den Kategorien der natürlichen Sprache verbunden ist“ (Giddens 1984a: 185).

Sprache ist keine individualistische, rein intentionale Kreation der Sprecher, sondern das von den Akteuren genutzte Medium des sozialen Lebens. Dies hat weit reichende Implikationen für die Methode des Verstehens: „Verstehen can be represented as the mediation of traditions through dialogue, where ‚tradition‘ is the frame of meaning constituted by a language community — a ‚form of life‘“ (Giddens 1977: 137). Das Verstehen bezieht sich demzufolge auf die erkenntnistheoretische Analyse des sprachlich konstituierten Sinnzusammenhangs des Untersuchungsgegenstandes und stellt damit kein Differenzierungskriterium zwischen natur- und sozialwissenschaftlicher Methode dar. Auch innerhalb der Naturwissenschaften ist der theoretische Fortschritt mit hermeneutischen Problemen konfrontiert, denn die theoretischen Diskontinuitäten lassen sich erst über die Analyse des Vermittlungsprozesses spezifischer Bedeutungsrahmen im Sinne unterschiedlicher Forschungsdiskurse auflösen. Die Sozialwissenschaften sind darüber hinaus jedoch mit einem Gegenstand konfrontiert, der selbst vorinterpretiert ist, in dem der Sinn-Kontext — die intersubjektiv entwickelten Kategorien des sozialen Lebens — integral in den Untersuchungsgegenstand eingeht.

Die soziologischen Theorien und Analysen unterliegen demnach einer doppelten Hermeneutik und müssen deshalb sowohl den von ihnen konstituierten wissenschaftlichen Bedeutungsrahmen als auch den damit unmittelbar verknüpften alltagsweltlichen Bedeutungsrahmen des sozialen Lebens, bestehend aus Traditionen, gemeinsamen Ideenbeständen, Erfahrungen und hieraus abgeleiteten Erwartungen reflektieren.

↓56

Die theoretische Einsicht in die zentrale Bedeutung der menschlichen Praxis bzw. der gemeinsamen Wissensbestände ist Grundlage für Giddens’ methodologischen Versuch, den bestehenden Dualismus von Erklären und Verstehen zu überwinden. „Gemeinsames Wissen (...) bezieht sich auf die notwendige Achtung, die der Sozialwissenschaftler der Authentizität einer Überzeugung bzw. dem hermeneutischen entrée in die Beschreibung des sozialen Lebens gegenüber aufbringen muß“ (Giddens 1988a: 393). Wissenschaftliches Verstehen und Erklären ist Giddens zufolge erst durch die Analyse des Vermittlungsprozesses der menschlichen Tradition im sprachlichen Dialog möglich, d.h., die Tradition charakterisiert den Kontext einer Sprachgemeinschaft, die wiederum symbolisch für eine Lebensform steht. Hieraus folgt, dass „... no escaping of the historicity of traditions“ (Giddens 1977: 137) möglich ist, jegliches Wissen ist seinen sozialen Vorbedingungen verpflichtet, es erlangt nur in den kollektiven Handlungsvollzügen soziale Relevanz: „ the focus of the creation of collectivity rather than the subjective consciousness of the individual actor, the latter in fact presupposing the former“ ( ebd.: 175).155

Dementsprechend bestimmt Giddens (1984a: 199f.) die Hauptaufgaben soziologischer Analyse wie folgt: „1. Die hermeneutische Erklärung und Vermittlung divergierender Lebensformen innerhalb deskriptiver Metasprachen der Sozialwissenschaft; 2. die Erklärung der Produktion und Reproduktion der Gesellschaft als Ergebnis menschlicher Handlungen.“

Wie die vorausgegangene Diskussion zeigt, bedarf es für ein grundlegendes Verständnis des gesellschaftstheoretischen Potenzials der Strukturierungstheorie einer weitergehenden, über Giddens systematische Ausarbeitung seines eigenen Ansatzes hinausreichende Aufklärung und Ausarbeitung der hierin angelegten sozialtheoretischen Implikationen. Bevor in den kommenden Kapiteln die Relevanz des Praxiskonzepts für Giddens’ Reformulierung des sozialwissenschaftlichen Handlungs- und Strukturbegriffs näher aufgeklärt werden soll, gilt es, an dieser Stelle noch kurz auf einen weiteren theoretischen Aspekt einzugehen, der traditioneller Weise mit praxistheoretischen Ansätzen verbunden ist: Den normativen Anspruch an die Theorie, dass diese kritisch auf ihren Untersuchungsgegenstand rückwirkt.

↓57

Die Grundlegung der Theorie der Strukturierung als einer kritischen Theorie steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Betonung der doppelten Hermeneutik als der unauflösbaren Verklammerung sozialwissenschaftlichen Wissens mit dem Alltagswissen der Akteure, das sie in ihre Interaktionen einbringen.156 Die Konzepte und Erkenntnisse der Sozialwissenschaft basieren zwar auf dem Wissen und den Vorstellungen der Handelnden, die ihren Untersuchungsgegenstand bilden — jede Untersuchung beinhaltet deshalb notwendigerweise immer auch einen ethnographischen Aspekt —, die Analysen der Handlungsbedingungen wie auch der nicht beabsichtigten Handlungsfolgen gehen jedoch immer über das Alltagsverständnis der Handlungssituationen hinaus. Das hierbei produzierte sozialwissenschaftliche Wissen wirkt in der Folge wieder auf das Bewusstsein der Akteure zurück und geht unmittelbar in deren Handlungen ein.

Der Soziologie ist nach Giddens jedoch nicht nur aufgrund dieser wechselseitigen Verknüpfung zwischen Wissenschaft und Gegenstand ein kritisches, die bestehenden Bedingungen problematisierendes Moment inhärent, sondern darüber hinaus besteht ein weiteres Kennzeichen ihres kritischen Charakters darin, dass sie sich primär den zentralen Problemstellungen der Zeit zuwendet in der Absicht, hierfür angemessene Lösungen entwickeln zu können.157

Insgesamt unterscheidet Giddens vier Ebenen der Kritik, die konstitutiv in die sozialwissenschaftliche Analyse eingehen (Giddens 1989: 288ff.). Primär die intellektuelle Kritik, wie sie im wissenschaftlichen Diskurs an der Tagesordnung ist, indem Theorien und Forschungsergebnisse von der wissenschaftlichen Gemeinschaft diskutiert, evaluiert und eventuell falsifiziert werden. Daneben verweist er auf die so genannte praktische Kritik, die in erster Linie eine Kritik am Common-sense-Verständnis der sozialen Wirklichkeit darstellt und im Zusammenhang mit dem reflexiven Charakter der Sozialwissenschaften steht. Zwar ist es wichtig, das gemeinsame Wissen der Akteure, das sie in Bezug auf ihre Handlungen benutzen, zu teilen, dieses ist jedoch zu trennen von den Common-sense-Annahmen der Individuen über ihr alltägliches Handeln. Dieses muss immer wieder hinterfragt und gegebenenfalls auch kritisiert werden, denn immer dann, wenn diese Common-sense-Vorstellungen falsch oder in Bezug auf die spezifische Handlungssituation unangebracht sind, wirkt das sozialwissenschaftliche Wissen als kritisches Korrektiv.

↓58

Diese praktische Kritik generiert jedoch kein „technisches“ Wissen, das im Sinne eines „social engineering“ beispielsweise von den Politikern für gesellschaftspolitische Ziele genutzt werden kann. Vielmehr geht dieses Wissen unmittelbar in die soziale Praxis mit ein und ist konstitutiv für die Moderne. „My point is not just that social science concepts and findings ‘influence’ the ways in which we think, but that they become in large part constitutive of the practices which form institutions of mode r nity“ (ebd.: 289).158

Obwohl die Sozialwissenschaftler keinen unmittelbaren Einfluss auf die Verwendung ihres Wissens haben, ist es ihnen möglich, die Art und Weise, wie ihre Erkenntnisse in die soziale Realität eingehen, zu kritisieren, insbesondere im Hinblick auf die Frage, ob und inwieweit ihr Wissen mit Ausübung von Herrschaftsbeziehungen verbunden ist. Diese ideologische Kritik soll jedoch nicht Formen der Ideologie oder des falschen Bewusstseins aufklären,159 sondern ist bezogen auf die Analyse der Bedingungen, unter denen Wissen einerseits generiert wird, und wie es andererseits in asymmetrische Machtbeziehungen eingebunden ist.

Die vierte Ebene der Kritik bezeichnet Giddens schließlich als moralische Kritik. Aufgrund seiner Skepsis gegenüber der Fundierung einer solchen Kritik in rationalen, rechtfertigbaren Wissensbehauptungen bzw. eines allgemein verbindlichen moralischen Konsensus über gemeinsame Wertvorstellungen betont er, dass moralische Argumente immer eine Kombination von tatsächlichen sozialen Prozessen und ethischen Überzeugungen sind, die sich nicht gegenseitig aufeinander reduzieren lassen. Zwar kann ein Soziologe immer wieder moralische Kritik äußern, doch muss er diese rechtfertigen und kann sich hierbei weder ausschließlich auf das gesellschaftliche Sein noch auf das Sollen beziehen. Er muss erkennen, dass beide Sphären sich immer wieder verändern und seine Kritik entsprechend modifizieren. Hierbei lässt sich nochmals an das oben entwickelte Netzwerkmodell der Wissenschaften anschließen und mit Blick auf die scharfe Bestimmung von Werturteilen betonen: „According to this conception, value-judgements are no more ‚arbitrary‘ than scientific theories, and are always in principle subject to empirical appraisal, although underdetermined by facts“ (Giddens 1977: 95).

↓59

Diese Position eines „contingent moral rationalism“ (Giddens 1989: 291) verweist im Gegensatz zu Webers strikter Trennung von Seins- und Sollensaussagen auf den relativen Status moralischer Kritik, die immer im Spannungsfeld zwischen empirischer Analyse und normativer Grundlegung steht.160

In einer Reihe von Arbeiten (Giddens 1992, 1995a, 1995c) geht Giddens noch einen Schritt über die Unterscheidung der vier Kritik-Ebenen hinaus und sucht mit Hilfe des Modells eines „utopischen Realismus“ (Giddens 1995a: 190ff.) eine normative Grundlegung seines strukturierungstheoretischen Ansatzes zu entwickeln. Eine „kritische Theorie ohne Garantien im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert“ muss nach Giddens „soziologisch aufgeschlossen sein und wachsam auf die immanenten institutionellen Umgestaltungen achten, die die Moderne ständig der Zukunft bahnt“ (ebd.: 192). Es gilt „Modelle der guten Gesellschaft“ (ebd.) zu entwerfen, die auf zwei zu unterscheidenden Formen politischen Engagements — emanzipatorischer Politik und Lebenspolitik161 — aufbauen und die die existierenden Formen der Ungleichheit und der Machtasymmetrien zu verändern suchen und im Zuge aktiven Engagements Möglichkeiten eines erfüllenden und befriedigenden Lebens für alle entwickeln. „A critical theory which engages with the immanent possibilities of modernity must recognize that history provides no guarantees, and must balance realism with a utopian element. (...) The connecting of realism and utopianism is fundamental in a world threatened with high-consequence risks. Utopian thinking taken on its own can be highly dangerous — if applied, say, to the politics of deterence. Anyone concerned with weapons futures must be alert to the tactical and strategic issues involved in potential processes of demilitarisation, not just impelled by pure moral conviction. On the other hand, if realism is not tempered by an utopian component, the radical transitions which are imperative to guarantee a stable and secure future will not materialize“ (Giddens 1991b: 211f.).

Die Entwicklung einer kritischen Theorie, die Giddens in den letzten Jahren verstärkt vorantreibt, lässt sich meines Erachtens nur über seine Betonung der Ontologie des Sozialen aufklären, derzufolge die soziale Praxis den Fluchtpunkt jeglichen sozialtheoretischen Argumentierens bildet. Nicht nur, dass das hieraus abgeleitete Modell der doppelten Hermeneutik zentral für seine Konzeptualisierung soziologischer Kritik wird, sondern auch die im Zusammenhang seiner Rechtfertigung möglicher normativer Grundlagen der Strukturierungstheorie entwickelten Überlegungen gründen auf der These der reflexiven Verknüpfung theoretischer und empirischer Argumente. Denn erst die Zunahme der Risiken und globalen Bedrohungen, die zum Kennzeichen der Moderne wurden, eröffnet nach Giddens die Möglichkeit einer Konvergenz von ethischen und empirischen Universalien, und bietet demzufolge die Grundlage allgemein gültiger Interessen und Wertmaßstäbe, die Grundlage einer kritischen Theorie der Spätmoderne sind (Giddens 1992).

↓60

Im Folgenden gilt es nun zu zeigen, inwiefern die praxistheoretische Verortung der Strukturierungstheorie für Giddens’ Reformulierung der beiden soziologischen Grundbegriffe Handlung und Struktur bedeutsam ist. Denn sozialtheoretisch ist die Theorie der Strukturierung darauf gerichtet, den Handlungs-Struktur-Dualismus, der die bisherige soziologische Theoriebildung präformiert hat, radikal zu überwinden und diese beiden Kategorien begrifflich so neu zu konzeptualisieren, dass ihr Beziehungsverhältnis als ein antisubstanzialistisches deutlich wird und der Wechselseitigkeit ihrer Konstitution gerecht werden kann. Hierfür entwickelt er die Kategorie der ‚duality of structure', welche den ontologischen Rahmen für die Untersuchung der sozialen Praktiken der Individuen abgibt. „Unter Dualität der Struktur verstehe ich, daß gesellschaftliche Strukturen sowohl durch das menschliche Handeln konstituiert werden, als auch zur gleichen Zeit das Medium dieser Konstitution sind“ (Giddens 1984a: 148).

Interessanterweise sind es gerade Giddens’ Ausführungen zur Reformulierung des Handlungsbegriffs, die seine unmittelbare Verbindung mit praxisphilosophischen Überlegungen am deutlichsten sichtbar werden lassen. Denn die Beziehung von Handlung und Praxis ist zwar auf den ersten Blick offensichtlich, doch hat R. Bernstein (1971) überzeugend darauf hingewiesen, dass das Wesen, der Status und die Bedeutung von Praxis und Handeln zwar das dominierende Thema für die vier einflussreichsten philosophischen Richtungen der Gegenwart: die analytische Philosophie in der Folge von Wittgenstein, den Existenzialismus, den Pragmatismus und den Marxismus, darstellt, dass dies jedoch keineswegs zu einer übereinstimmenden Konzeptualisierungen dieses Verhältnisses geführt hat.

2.2 Die Praxis des Handelns 

↓61

Diejenigen, welche sich die menschlichen Handlungen zu beurtheilen üben, finden nirgends so viele Schwierigkeit, als wenn sie dieselben miteinander vergleichen und ihnen einerley Anstrich geben wollen. Denn sie widersprechen gemeiniglich einander so sehr, daß sie dem Ansehen nach unmöglich sollten aus einerley Werkstatt haben kommen können.
Michel de Montaigne

Handeln gehört „als Hauptbegriff in die soziologische Kategorienlehre“ (Bubner 1982: 13). Diese quasi apodiktische Bestimmung des Faches legt zweierlei offen. Einerseits repräsentiert sich hierin eine kategoriale Engführung auf das Konzept des Handelns als zentralem Ausgangs- und Fluchtpunkt systematischer Theoriebildung. Andererseits ist sie Ausdruck einer schon früh in der Geschichte der Soziologie festgelegten Weichenstellung, wonach das Fach, wie es Max Weber (1972: 1) in seiner berühmten Definition konstatierte, eine Wissenschaft darstellt, „welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will.“ Das gesamte Begriffs- und Kategoriensystem der Soziologie beruht auf dem sozialen Handeln, einem Handeln, „welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist“ (ebd.). Neben Weber verficht die These der handlungstheoretischen Fundierung der Soziologie auch der amerikanische Pragmatismus, insbesondere George Herbert Mead: „Handlung (...) stellt das grundlegende Datum dar“ (Mead 1968: 46). Über diese allgemeine begriffliche Übereinstimmung hinaus, wird jedoch schnell deutlich, dass grundlegende Differenzen bei der theoretischen Bestimmung dieses Ausgangspunktes vorliegen. Handeln wird hierbei nicht aus der individualistischen Perspektive eines intentional handelnden, zweckrational orientierten Akteurs bestimmt, sondern über die wechselseitige Bezug- und Einflussnahme von kontextuell bedingten Reizen einerseits — natürliche wie soziale Umwelten — und den hierdurch ausgelösten Reaktionen des Individuums auf diese Umwelt andererseits; durch das Wechselwirkungsverhältnis von Organismus und Umwelt im Sinne eines aufeinander Einwirkens wie auch einer gegenseitigen Konstitution: „An act is an ongoing event that consists of stimulation and response and the results of the response“ (Mead 1938: 364). Der Organismus bedarf seiner Umwelt, um am Leben zu bleiben, wie auch die Umwelt von ihrer Bestimmung durch den Organismus abhängt.

↓62

Die Vorstellung, wonach die Handlungskategorie als Grundbegriff jeder anspruchsvollen Theorie mit zu reflektieren ist, scheint auch für den zeitgenössischen Diskurs Geltung zu besitzen,162 ohne dass es jedoch gelungen ist, die teilweise grundlegenden kategorialen Differenzen,163 wie sie sich in der Folge dieser frühen ‚Weichenstellung‘ durchgesetzt haben, aufzuheben. So verdankt sich ein Großteil der klassischen wie der gegenwärtigen soziologischen Handlungstheorie der unmittelbaren Rezeption und konstruktiven Weiterentwicklung des Weberschen Ansatzes,164 ohne jedoch in eine Kanonisierung der soziologischen Handlungslehre einzumünden. Ganz im Gegenteil, hierin scheint eher eine Ursache für die Divergenzen der Ansätze zu liegen. Dies verdeutlichen sowohl die unterschiedlichen werkimmanenten Systematisierungsversuche, die eine Reihe differenter Interpretationen der ursprünglichen Weberschen Position bereithalten, sich jedoch bezüglich des theoretischen Status der einzelnen Kategorien nicht geeinigt haben,165 als auch Theorieansätze, die zwar bei Weber ihren Ausgangspunkt finden, dessen Überlegungen aber in kritisch konstruktiver Absicht in je unterschiedlicher Weise vorantreiben und radikalisieren, wie etwa der phänomenologische Ansatz von Alfred Schütz’ (1974) zeigt, der auf der Grundlage des Konzepts der subjektiven Handlungsrationalität die zentralen Aspekte der Konstitution des subjektiv gemeinten Sinns problematisiert, oder die voluntaristische Handlungstheorie Talcott Parsons’ (1968), der sich primär der ordnungskonstitutiven Kraft des Handelns zuwendet und demnach auf die objekt i ven Sinngrundlagen des Handelns rekurriert.166

Konzentrieren sich die in der Tradition der Weberschen Soziologie stehenden Ansätze in erster Linie darauf, gesellschaftliche Prozesse als Folge der Koordination intentionaler Handlungen durch die Akteure zu verstehen, und galt es ihnen hierfür die Konstitutionsbedingungen des Sinns in subjektivistischer und objektivistischer Perspektive zu rekonstruieren, so stellten die in der Tradition Meads und des amerikanischen Pragmatismus stehenden Arbeiten, wie beispielsweise der Symbolische Interaktionismus, den intersubjektiven Charakter des Handelns in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen und kehrten somit das Prioritätsverhältnis zwischen Handeln und Interaktion um. Zwar verweist auch Weber mit dem Begriff der sozialen Beziehung auf Kooperation und wechselseitige Abhängigkeit zwischen den Akteuren, doch setzt er hierfür die Existenz eines bewussten, zu intentionalen Handlungen fähigen Akteurs voraus. Für Mead können die Akteure diese Fähigkeiten demgegenüber erst im Zuge ihrer Beteiligung an Prozessen sozialer Kooperation entwickeln167.

Allgemein verweist diese grobe Systematisierung somit darauf, dass es trotz oder gerade wegen der verschiedenen Ausgangspositionen bisher noch nicht gelungen ist, den theoretischen Ort und systematischen Status des Handlungsbegriffs innerhalb der Gesellschaftstheorie eindeutig zu bestimmen. Lassen sich in wissenschaftshistorischer oder genetischer Perspektive diejenigen Weichenstellungen identifizieren, die als Ausgangspunkt einer eigenständigen sozialtheoretischen Reflexion auf das menschliche Handeln von Bedeutung sind und in besonderer Weise die Ausbildung einer soziologischen Handlungstheorie präformierten, so zeigt sich in sachlicher Perspektive die Notwendigkeit, das spezifisch Soziologische an einem handlungstheoretischen Ansatz herauszuarbeiten. Es gilt die Problemlagen zu skizzieren, in deren disziplinärem Kontext sich ein originärer soziologischer Begriff sozialen Handelns entwickelte. Hierfür ist es notwendig, den Einfluss konkurrierender Humanwissenschaften, wie etwa der Ökonomie, der Philosophie, der Psychologie oder auch der Anthropologie auf die Soziologie zu bestimmen, um in Abgrenzung hiervon die Spezifik der soziologischen Begrifflichkeit schärfer konturieren zu können. Dies mündet abschließend in das systematische Problem, den kategorialen Status einer zeitgenössischen soziologischen Handlungstheorie vor diesem Hintergrund angemessen zu konzeptualisieren.

↓63

Diese Problemstellungen gilt es nun vor dem Hintergrund dreier Entwicklungen zu reflektieren: Zum Ersten zeigt ein Blick auf die den gegenwärtigen Diskurs beherrschende Diskussion über eine angemessene Konzeptualisierung des Verhältnisses von Handlung und Struktur, dass diese in entscheidendem Maße durch die bestehenden handlungstheoretischen Ansätze und die damit einhergehenden begrifflichen Einseitigkeiten präformiert wurde. Denn sowohl die in der Folge von Parsons und Schütz entwickelten Positionen des Neofunktionalismus einerseits bzw. der Ethnomethodologie andererseits als auch die zeitgenössischen, in der Tradition des amerikanischen Pragmatismus und insbesondere der Meadschen Sozialtheorie stehenden neopragmatischen Arbeiten von H. Joas, N. Denzin oder G.A. Fine entwickelten ihre handlungstheoretischen Arbeiten vor dem Hintergrund, das Schisma von Handeln und Struktur bzw. individueller Handlungsfreiheit und gesellschaftlichem Zwang handlungstheoretisch überwinden zu wollen.

Die Reflexion auf die Problematik des Handlung-Struktur Dualismus verweist meines Erachtens zum Zweiten auf die Notwendigkeit einer konstitutionstheoretischen Bestimmung des Handlungsbegriffs,168 auf dessen Grundlage nicht nur diejenigen Elemente ausgezeichnet werden müssen, die für das Zustandekommen von Handlungen konstitutiv sind, sondern gleichzeitig auch deutlich wird, dass die menschlichen Akteure immer schon in Kontexten, Handlungszusammenhängen und spezifischen Situationen stehen. Die begrifflich angemessene Analyse eines konkreten Handlungsablaufs erfordert also sowohl eine Bestimmung derjenigen Aspekte, die der Handlung vorausgehen, und die es erlauben, den Entschluss wie auch ein mögliches Unterlassen zu problematisieren, als auch die Bezugnahme auf die externen Anstöße zum Handeln, die sich aus der sozialen und historischen Gegebenheit der Handlungsbedingungen ergeben.169

Auf der Basis solch einer begrifflichen Bestimmung des Verhältnisses von Individuum, Handeln und Gesellschaft gilt es zum Dritten, die Handlungstheorie als Gesellschaftstheorie zu konzipieren. Hierbei ist es notwendig, die Bedingungen und Mechanismen gesellschaftlicher Reproduktionsprozesse zu klären, ohne in die analytischen Sackgassen rein statischer oder ausschließlich dynamischer respektive kontingenter Konzeptionen von Gesellschaft zu geraten. Vielmehr muss deutlich gemacht werden, inwiefern soziale Prozesse zwar ihren Ausgangspunkt beim individuellen Handeln nehmen, dieses jedoch kontextuell und situativ eingebunden bleibt, so dass die gesellschaftliche Dynamik nicht als reines Aggregationsmodell individueller Akte erscheint. Denn eine Vielzahl von gesellschaftlich relevanten Handlungsfolgen lässt sich weder hinreichend noch notwendig durch die Akteursrationalität aufklären, sondern bedarf der systematischen Einbeziehung der so genannten nicht intendierten Handlungsfolgen.170 Mit Charles Taylor ließe sich deshalb der Anspruch an eine gesellschaftstheoretisch ausgerichtete Handlungstheorie folgendermaßen bestimmen: „Es ist sicherlich nicht so, daß alle Strukturen aus bewußtem Handeln entspringen, aber alle Strukturen müssen in bezug auf bewußtes Handeln verstehbar gemacht werden“ (Taylor 1992: 216).171

↓64

Im Folgenden gilt es nun, vor dem Hintergrund dieser Überlegungen, Giddens’ Reformulierung des sozialwissenschaftlichen Handlungsbegriffs im Kontext seines strukturierungstheoretischen Ansatzes systematisch zu explizieren und zu überprüfen, inwiefern dieser dem Anspruch an eine sozialtheoretische Neubestimmung der Soziologie gerecht wird. Denn mit seinem weitreichenden und ausdifferenzierten Versuch, ein dynamisches Handlungskonzept zu entwickeln, das insbesondere auf den sequenziellen Charakter sozialer Aktivitäten abzielt und hierfür sowohl die Konstitutionsbedingungen des Handelns bzw. der Handlungswahl, wie etwa die Handlungsmotive und Intentionen, die individuellen Erfahrungen oder auch unmittelbare Situationsbezüge, in den Blick nimmt, als auch Aspekte der Handlungswirkung, d.h. der Handlungsfolgen respektive die sich hieraus ergebenden Handlungsbedingungen problematisiert, formuliert er einen der theoretisch und begrifflich ambitioniertesten zeitgenössichen Versuche, die Soziologie handlungstheoretisch zu fundieren. Hierfür identifiziert er, vergleichbar der Parsons’schen Überzeugung in ‚Structure of Social Action‘, eine grundlegende Konvergenz unter den unterschiedlichsten handlungstheoretischen Positionen. Diese findet er jedoch nicht im Aspekt der normativen Wertintegration, sondern er stellt stattdessen die Reflexivität des Handelns in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Erst hierüber scheint es ihm möglich, über die im ‚action frame of reference‘ von Parsons ausgezeichneten Elemente des energetischen Aufwands, den die Akteure erbringen müssen, der Situationsbedingungen und Mittel des Handelns sowie der Zwecksetzungen und der Normgebundenheit der Akteure hinaus, auch explizit die unerkannten Handlungsbedingungen und die nicht beabsichtigten Handlungsfolgen in den Rahmen seines handlungstheoretischen Ansatz einzubeziehen (vgl. Schaubild 4).

Schaubild 4: Grundmodell der Handlungssituation nach Giddens

Erst mit Blick auf die (intendierten und unintendierten) Handlungsfolgen und die hierüber mitgeprägten Handlungsbedingungen ist es möglich aufzuklären, inwiefern das Handeln unmittelbar mit den gesellschaftlichen Strukturzusammenhängen vermittelt ist, so dass das Marxsche Diktum, wonach die Menschen ihre eigene Geschichte machen, wenngleich nicht unter selbstgewählten Bedingungen, auch soziologisch Geltung gewinnen kann. Insofern gilt Giddens’ zentrale Fragestellung nicht, wie etwa für Parsons, dem Problem, die „Ordnung des Handelns“ (Wenzel 1990a) aufzuklären oder wie für Joas (1992), die „Kreativität des Handelns“ nachzuweisen, sondern sie zielt meines Erachtens darauf ab, die Praxis des Handelns zu bestimmen.

↓65

Denn Handeln markiert auch für Giddens einen Schlüsselbegriff seiner Strukturierungstheorie: „The problem of action is a fundamental one for sociology“ (Giddens 1986a: 529). Dass die soziologische Handlungstheorie gegenwärtig einem Sammelsurium von Begriffen (Habermas) gleicht, sieht er in der traditionellen Aufteilung der Disziplin in ‚subjektivistische‘ und ‚objektivistische‘ Positionen begründet, die einerseits den intentional handelnden, kreativen menschlichen Akteur ins Zentrum ihrer Analyse stellen, andererseits aber in der Gesellschaft bzw. in den sozialen Institutionen die grundlegende Untersuchungseinheit erkennen. Er sucht dieses Problem der „Bifurkation“ (Dawe) dadurch zu überwinden, indem er versucht, ‚hinter‘ die Grundannahmen dieser dualistischen Orientierung zurückzugehen. Auf der Grundlage der Neuformulierung des Handlungs- und Strukturbegriffs gilt es — so das Grundtheorem der Strukturierungsidee — diesen Dualismus aufzuheben und ihn in eine Dualität zu überführen: „Structuration theory is based on the premise that this dualism has to be reconceptualized as a duality — the duality of structure“ (Giddens 1984b: XXf.).

Angesichts der vorherrschenden Polarisierung zwischen handlungs- und strukturtheoretischen Ansätzen (Giddens 1976a) fundiert Giddens die Theorie der Strukturierung im Zuge einer kritischen Analyse und Rekonstruktion bestehender Handlungstheorien (Giddens 1979: 49ff.). Als Folge der Degeneration des Parsons’schen Theorieansatzes im Laufe der 60er und 70er Jahre konzentriert er sich hierbei auf die so genannten ‚interpretativen Schulen‘, die „Handeln als rational erklärbares Verhalten betrachten, das von den Handelnden reflexiv organisiert wird“ (Giddens 1984a: 8), wobei er jedoch eine Reihe zentraler Positionen systematisch ausblendet172 bzw. nur indirekt thematisiert.173 Dies verdeutlicht erneut sowohl sein strat e gisches wie auch systematisches Interesse. Strategisch gilt es, die Theorie der Strukturierung als alternatives Theoriekonzept zur zeitgenössischen ‚Verwirrung in den Sozialwissenschaften‘ zu profilieren (vgl. Giddens 1979: 234ff., 1982a: 1-17); systematisch verfolgt er dieses Ziel über die ‚Dekonstruktion‘ der zeitgenössischen Handlungstheorie, um die zentralen theoretischen Aspekte für die Reformulierung des Handlungsbegriffs auf einem aktualisierten und reflektierten theoretischen Niveau herauszuarbeiten.

Als Ergebnis der Auseinandersetzung mit der Schützschen Phänomenologie, Garfinkels Ethnomethodologie und Winchs post-Wittgensteinscher Philosophie wie auch der Gadamerschen Hermeneutik und der angelsächsischen Handlungsphilosophie definiert Giddens (1984a: 90) Handeln „als den Strom tatsächlichen oder in Betracht gezogenen ursächlichen Eingreifens von körperlichen Wesen in den Prozess der in der Welt stattfindenden Ereignisse. Der Handlungsbegriff ist direkt mit dem Begriff der Praxis verbunden, und wenn ich von den festgelegten Handlungen spreche, meine ich menschliche Praktiken als eine fortlaufende Reihe ‚praktischer Tätigkeiten‘. Es ist im Handlungsbegriff zu unterscheiden, daß a) eine Person ‚hätte anders handeln können‘, und daß b) die Welt, die von einem Strom von Ereignissen konstituiert wird, die unabhängig vom Handelnden sind, keine vorbestimmte Zukunft hat.“

↓66

Die Konzepte des Wissens, die damit verbundene Reflexivität der sozialen Praxis und die Intentionalität des Handelns sind es demnach, die Giddens in einem ersten Zugriff für die Konzeptualisierung seines handlungstheoretischen Ansatzes herausstellt. Insbesondere das Konzept des in die Handlungen und Interaktionen eingebundenen Wissens ist in diesem Zusammenhang bedeutsam, da hierdurch der reflexive Charakter der sozialen Praxis deutlich wird. Erst der bewusste oder unbewusste Rekurs auf den in die Interaktionen miteingehenden Wissensvorrat der Akteure erlaubt es ihnen, ihr Handeln aufeinander bzw. auf eine bestimmte Situation hin abzustimmen.

Daneben ist es wichtig herauszustellen, dass die Kontinuität der Praxis auf den reflexiven Charakter des Handelns aufbaut, wobei die Reflexivität wiederum nur auf der Grundlage der Kontinuität der Praxen möglich ist. Handeln lässt sich demnach erstens als ‚Tun‘ charakterisieren: „agency refers to doing“ (Giddens 1984b: 10), zweitens impliziert es die Fähigkeit der Individuen, in den „ongoing process of events-in-the-world“ (Giddens 1979: 55) kausal einzuwirken, und drittens ist es als reflexives Handeln unmittelbar mit der sozialen Praxis verbunden. Die rekursive Verbindung des Handlungsbegriffs mit der sozialen Praxis markiert den theoretischen Ausgangspunkt, von dem aus Giddens beabsichtigt, einen von den theoretischen Problemen, die die Überakzentuierung des individuellen Handlungsmotivs mit sich bringt, befreiten handlungstheoretischen Ansatz zu entwickeln. Denn der bewußtseinsphilosophische Dualismus von Bewußtsein und Welt impliziert mit der Unterscheidung von Motiv und Handlung eine Trennung zwischen inneren und äußeren Aspekten des Handelns, die Giddens zu überwinden sucht. Man muss vielmehr den Begriff des Handelns „logisch“ von dem der Intention trennen (vgl. Giddens 1984a: 110). Die Handlungsgründe sind primär aus der Reflexivität des aktuellen Verhaltens zu erschließen; es ist vielfältig motiviert und erlangt erst in der konkreten Situation seine endgültige Form. Giddens führt „Intentionalität als die Fähigkeit zur reflexiven Kontrolle im laufenden Verhalten“ (Joas 1986b: 239) ein, und transzendiert damit die Aufspaltung in einerseits subjektiv intendiertes Handeln und andererseits in extern stimuliertes reaktives Verhalten: „The concept of agency cannnot be defined through that of intention, as is presumed in so much of the literature to do with the philosophy of action; the notion of agency, as I employ it, I take to be logically prior to a subject/object differentiation“ (Giddens 1979: 92).174 Giddens sucht demnach die Handlungsintentionen weitgehend vom Akteur einerseits wie auch vom Handlungsobjekt, den Zielen und Zwecken des Handelns andererseits, loszulösen bzw. verweist darauf, dass die Intentionen immer situativ und kontextuell geprägt sind. Nur ein ganz geringer Bruchteil gesellschaftlich wirksamer Handlungen ist rational intendiert. Die Mehrzahl von Handlungen sind, so betont Giddens, Routinehandlungen oder unbewusste Handlungsvollzüge175, die in erster Linie durch die Kontextbedingungen des Handelns — die Handlungssituation, die Positionierung des Akteurs, sein biographisches Muster wie auch seine bewussten und unbewussten Motive — geprägt sind und demzufolge auch ein Bündel von Handlungsfolgen zeitigen, die prinzipiell nicht vorhersehbar oder vom Akteur kontrollierbar sind und auf die Offenheit gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse verweisen.

Diese Konzeptualisierung des Handlungsbegriffs über die Kategorien der praktischen Tätigkeit, des Eingriffs in die Welt und der (Ein)Gebundenheit derselben in die soziale Praxis in ihrer Allgemeinheit zeigen deutlich Ähnlichkeiten mit den handlungstheoretischen Implikationen des Marxschen Frühwerkes, wie sie in dessen Arbeitsbegriff am deutlichsten aufscheinen.

↓67

Dies wird insbesondere an Giddens’ Auseinandersetzung mit Habermas deutlich. So verweist er darauf, dass dessen Trennung von Arbeit und Interaktion auf der Grundlage einer Kritik am Marxschen Praxisbegriff zu kurz greife und eine Reihe von begrifflichen Unklarheiten aufweise. Demgegenüber versucht Giddens (1987h: 234) den Arbeitsbegriff im Sinne ‚sozialer Arbeit‘ einzuführen als sozial organisierte produktive Handlungen, durch welche die Individuen kreativ mit der materiellen Umwelt interagieren: „Labour then remains an intrinsically social activity, among other types of activity or forms of institution. Praxis can be treated as the universal basis of human social life as a whole. Praxis, that is to say, refers to the constitution of social life as regularised practices, produced and reproduced by the social actors in the contingent contexts of social life.“ Ein so gefasster Arbeitsbegriff, welcher Arbeit mit Praxis im Sinne schöpferischer Selbstverwirklichung verknüpft, impliziert, dass Praxis auf einen Konstitutions- und Reproduktionsprozess von Handlungszusammenhängen bezogen bleibt.

Wenngleich er dies selbst nicht explizit ausweist, zeigt sich hier erneut Giddens’ starke Prägung durch Marx und die praxisphilosophische Tradition. Insbesondere scheint seine Idee der Arbeit von der Vorstellung der produktiven Tätigkeit geleitet zu sein, die gewissermaßen anthropologisch fundiert ist — im Sinne eines Konzeptes nicht-entfremdeter Arbeit —, und der somit ein normativer Gehalt von Kreativität und Selbstverwirklichung in Bezug auf die Produktion und Reproduktion der sozialen Praxis inhärent ist. Ein Handlungsmodell, das rekursiv mit der sozialen Praxis verbunden sein soll und gleichzeitig die Fähigkeit der Individuen, in diesen Prozess kausal einzugreifen, konstitutiv mitdenkt, bedarf einer theoretischen Grundlegung, die das menschliche Handlungspotenzial in besonderer Weise hervorhebt. Der Giddens’sche Ansatz gewinnt insofern schärfere Konturen, wenn man deutlich macht, dass er hierbei auf Aspekte der Marx’schen Frühschriften reflektiert, die in besonderer Weise das Ideal der menschlichen Expressivität ins Zentrum stellen, wie es Marx, durch Hegel vermittelt, aus der deutschen Romantik rezipiert hat.176 Das heisst, das Individuum entfaltet sein eigenes Wesen nur durch eigene Produktivität, und die Werke, in denen sich diese Subjektivität entäußert, sind der symbolische Ausdruck sowohl eines Schöpfungs- wie auch teilweise eines Bildungsprozesses.

In dieser Fassung bleibt Praxis dann jedoch primär auf handlungstheoretische Aspekte begrenzt und kann nicht als Theorie der kollektiven Produktion und Reproduktion der sozialen Strukturen, die das soziale Handeln auch beeinflussen und steuern, gefasst werden, wie es ein ontologischer Praxisbegriff, der auf eine Realität jenseits der einzelnen Individuen abzielt, nahe legen würde.

↓68

In Abgrenzung und Überwindung derjenigen philosophischen und soziologischen Positionen, die von einem sich selbst unmittelbar präsenten und bewussten Subjekt ausgehen, muss Giddens die Motivations- und Antriebspotenziale des Handelns, d.h. die konstitutionellen Voraussetzungen der Handlungsformierung problematisieren und in ihrer sozialen, psychologischen und biologisch-anthropologischen Bedingtheit aufklären. Es gilt also, den „Innenraum der Person“ (Sukale 1971: 2) auszuleuchten, in dem sich personale Antriebe und Impulse mit sozialen Normen und Zwangsmechanismen verknüpfen, aus dem sich dann das konkrete Handeln konstituiert. Die Reformulierung der Konzeptionen der Reflexivität und der Intentionalität verweisen notwendig darauf, auch den Begriff des Akteurs zu problematisieren, um sowohl die bewusstseinstheoretischen Begrenzungen innerhalb der handlungstheoretischen Tradition überwinden als auch die Kontextualität des Handelns stärker konturieren zu können. Giddens rekurriert in diesem Zusammenhang auf die aus dem Strukturalismus und Poststrukturalismus übernommene Vorstellung der „Dezentrierung des Subjekts“ und führt sie als relevanten Aspekt seiner Neufassung des soziologischen Handlungsbegriffs ein.

Es ist die von Saussure übernommene linguistische Unterscheidung von ‚langue‘ (Sprache) und ‚parole‘ (Sprechen), die nach Giddens die Relevanz des Strukturalismus für die Erklärung sozialer und kultureller Phänomene begründet. Denn liest man diese in direkter Analogie zur gesellschaftstheoretischen Differenzierung zwischen sozialem System und Individuum, dann verdeutlicht dies Giddens’ Versuch, den Subjekt/Objekt Dualismus zu transzendieren (vgl. Giddens 1979: 47) und ermöglicht eine Reformulierung des traditionellen Subjektbegriffs.

„Indem man die Sprache vom Sprechen scheidet, scheidet man zugleich: 1. das Soziale vom Individuellen; 2. das Wesentliche vom Akzessorischen und mehr oder weniger Zufälligen“ (Saussure 1967: 16). Bedeutend an der Saussureschen Unterscheidung ist, dass er die ‚langue‘ als eine Totalität, als ein System von Zeichen einführt, das unabhängig von den individuellen Sprechern existiert, und sich über die Differenzierung der Zeichen konstituiert. Sie zeigt sich darin, dass die Sprache als Zeichensystem nur aus Verschiedenheiten besteht, aus Vorstellungen und akustischen Zeichen, die erst im Sprachsystem Bedeutung und damit Identität erlangen können, indem sie sich von den Zeichen abgrenzen, die sie umgeben. Die durch Artikulation erzeugten Zeichen sind in diesem Sinne jedoch willkürlich: „Das Band, welches das Bezeichnete mit der Bezeichnung verknüpft, ist beliebig; und da wir unter Zeichen das durch die assoziative Verbindung einer Bezeichnung mit einem Bezeichneten erzeugte Ganze verstehen, so können wir dafür auch einfacher sagen: das sprachliche Zeichen ist beliebig“ (ebd. 1967: 79).

↓69

Der arbiträre Charakter der Zeichen verweist nach Giddens (1979: 14f.) darauf, dass die Sprache sich unabhängig von den Intentionen der Sprecher ausbildet. Er sieht aber das Problem, dass Saussure implizit von einer Bezugnahme des Zeichens auf die Realität der bezeichneten Objekte ausgeht, ohne dies angemessen zu thematisieren. Die Gleichsetzung von Signifikat und ‚objektiver‘ Bedeutung der Realität ist eine Folge der differenztheoretischen Vorannahmen. Sprache ist Form, nicht Inhalt, und die Zeichen generieren ihre Bedeutung aus sich selbst im Zuge der gegenseitigen Abgrenzung. Giddens (ebd.: 16) betont demgegenüber, dass kein System als reine Form anzusehen ist und sich vollständig intern konstituieren kann. Es ist eher der Kontext oder die Praxis, in dem die sprachlichen Zeichen gebraucht werden, als das System der Differenzen selbst, das Identität im Sinne intersubjektiver Anerkennung verleiht.

Es sind die sprachtheoretischen Erkenntnisse Saussures, denen zufolge Identität nur über Differenz zu erzielen ist, und die für die Subjekttheorie von Giddens eine weitreichende Bedeutung besitzen.

Er sieht nun in der Kritik Derridas an Saussure die entscheidende Weiterentwicklung strukturalistischen Denkens, die auch für sein Denken wichtig wird.177 Denn Derridas Kennzeichnung der „‚structuring of structure‘, as a continual process of production“ (ebd.: 30) zielt durch die Betonung der Temporalität auf eine radikale Kritik der Saussureschen Trennung in ‚langue‘ und ‚parole‘, in synchrone und diachrone Analyse, ab, wenn auch bei gleichzeitiger Fortführung des Konzepts der Differenz. Es gelingt ihm, den festgefügten synchronen Rahmen der ‚langue‘ aufzusprengen und darauf hinzuweisen, dass der Prozess der Differenzierung sowohl auf zeitliche als auch auf räumliche Aspekte Bezug nehmen muss. Derrida spricht demzufolge von einem Prozess der ‚Verkettung der Bedeutungen‘, wonach jedes Element durch die Spuren der anderen Elemente, die es in sich trägt, konstituiert wird. Es gibt nur Differenzen von Differenzen, die ‚Différance‘ ist eine Struktur und eine Bewegung zugleich, die nur durch die Verknüpfung mit der Beziehung von An- und Abwesenheit verstanden werden kann. In Derridas System findet sich somit kein Element mehr, das nicht auf ein anderes Bezug nimmt und das selbst wiederum relational gedacht werden muss. Die Differenz geht aller Identität voraus.

↓70

Bezieht man diese sprachtheoretische Diskussion wieder auf gesellschaftstheoretische Fragen zurück, wie es die Analogie zwischen den Beziehungen von ‚langue/parole‘ und ‚Gesellschaft/Subjekt‘ nahe legt, dann lassen sich mehrere Aspekte aufzeigen, die mit Blick auf Giddens’ Theoriekonzept von Relevanz sind:

  1. Saussures Trennung der Sprache vom Sprechen und seine Charakterisierung der Sprache als ein System von Differenzen ermöglicht eine Reformulierung der Relation Teil/Ganzes. Ein System integriert sich demnach nicht mehr über die Verknüpfung seiner Teile; die Teile und das System müssen vielmehr wechselseitig aufeinander bezogen werden, da sie erst über ihre Differenzierung Identität erzielen können. Die Zeichen stellen keine vorausgehende Instanz der Sprache mehr dar. Der Saussure’schen Theorie bleibt jedoch „ein Rest identitätslogischen Denkens“ inhärent, da sie durch den „Begriff der Präsenz, das Wesen der Bedeutung in einem vorgängigen Selbstbezug fundiert“ und damit „die Zeichen metaphysisch überhöht“ (Wagner 1991a: 232).
  2. Derrida radikalisiert dieses Programm. Sein Begriff der Différance wird als generative Bewegung gedacht, die auf räumliche und zeitliche Aspekte abhebt und damit den starren Rahmen des Sprachsystems auflöst. Ein System konstituiert sich als variabler räumlicher und zeitlicher Prozess selbst, denn die Zeichen können nur über die Bezugnahme auf alle anderen Zeichen einen bestimmten Sinn erlangen. Es ist demnach nicht mehr die Differenz zwischen Identität und Differenz, die bedeutsam für ein System ist, sondern die Differenz zwischen Differenz und Differenz.178
  3. Derridas Konzept der Différance als ein strukturierender Mechanismus179 hat großen Einfluss auf die gesellschafts- und handlungstheoretischen Annahmen der Giddens’schen Strukturierungsidee. Die Betonung von Raum und Zeit und die differenztheoretisch begründete Dezentrierung des Subjekts bestimmen die grundlegende Neufassung des Problems sozialer Ordnung, welche die Differenz der Individuen über Raum und Zeit ins Zentrum ihrer Analyse stellt.

Giddens folgt Derrida jedoch nicht in seiner radikalen Verabschiedung des Subjekts aus der Theorie. Die strukturalistische und poststrukturalistische Kritik an dem bewusstseinsphilosophischen Subjektbegriff hat zwar weitreichende Bedeutung für die Sozialtheorie, da sie seine radikale Infragestellung ermöglicht und die Zeitlichkeit und Räumlichkeit der menschlichen Existenz und aller sozialer Phänomene in den Mittelpunkt der Analyse stellt. Dies darf jedoch nicht dazu führen, den Akteur als reines Epiphänomen der Strukturen zu konzipieren. „The pressing task of social theory today is not to further the conceptual elimination of the subject, but on the contrary to promote a recovery of the subject without lapsing into subjectivism “ (Giddens 1979: 46).

↓71

Giddens’ Dekonstruktion der Handlungstheorie lässt sich zusammenfassend als Versuch kennzeichnen, eine „post-metaphysical theory of human agency“ (Dallmayr 1982: 427) zu entwickeln, die „the human subject — as agent“ (Giddens 1987e: 89) konzipiert, vom bewusstseinstheoretischen Subjektbegriff löst und die Intentionalität als reflexive Kontrolle der Praxis einführt. Mit Blick auf die konstitutiven Voraussetzungen des Handelns hebt er die Notwendigkeit hervor, den Akteur und die ihn umgebende Welt als wechselseitig aufeinander bezogene Größen zu konzipieren. Die Sozialität nötigt den Handelnden nicht nur zu spezifischen Anpassungen und Selbstreformen, sondern ermöglicht diese auch gleichzeitig. Hierfür bedarf es aber spezifischer Voraussetzungen beim Akteur, die Giddens mit den Konzepten der knowledgeability, der capabil i ty und der so genannten ontological security, also der Seinsgewissheit des Handelnden, die die grundlegenden existenziellen Parameter seiner Identität kennzeichnet, zu bestimmen sucht, und die ich als Dimensionen der Strukturierung des ‚Innenraums‘ des Akteurs bezeichnen möchte (vgl. Schaubild 5). „The conception of structuration seeks to give full due to the ‚konwledgeability‘ of lay actors, without entailing any form of subjectivism. (...) I regard it as necessary to ‚de-center the subject‘ in the sense of refusing to accept ‚subjectivity’ and ‚agency’ as given qualities of human beings. I fully agree that the relevant question to ask is ‚how it is possible for men to function as agents‘. But I think that the answers offered by Althusser (...) are deficient. In large part this is because practical consciousness, as routinely but reflexively applied in the chronic constitution and reconstitution of social life, remains untheorised — human beings then indeed appear as ‚cultural dopes‘, much as they do in Parsonian theory also“ (Giddens 1982a: 109f.).

Schaubild 5: ‚Innenraum‘ des Akteurs

Wie schon an Giddens’ Auseinandersetzung mit den „interpretativen Schulen“ deutlich wurde, ist es primär das Konzept des Wissens, das konstitutiv für die Reflexivität menschlicher Handlungen ist und damit von besonderer Bedeutung für die handlungstheoretische Bestimmung des Akteurs. Die „knowledgeability“, das „Handlungswissen“ (Giddens 1981c: 162f., 1984b: 2f. 375) fundiert auf der Ebene des Akteurs diesen Anspruch. Giddens subsumiert hierunter:

↓72

  1. das ‚praktische Wissen‘, das Wissen, das die Akteure in ihre Handlungen einbringen,
  2. die prinzipielle Reflexionsfähigkeit der Akteure; die Fähigkeit, sich über die Handlungsbedingungen der anderen Akteure bewusst zu sein,
  3. den Erfahrungsschatz der Akteure, den ‚stock of knowledge‘; die Summe der individuellen und sozialen Erfahrungen, die als ‚mutual knowledge‘ bewusst oder unbewusst in die sozialen Interaktionen mit eingehen. Die Handelnden wissen demnach, was sie tun, der Sinn der Handlungen erschließt sich in der sozialen Praxis.

Neben dem Handlungswissen ist es die Handlungsfähigkeit, die ‚capability‘, die konstitutiv für Giddens’ Konzeption des Akteurs ist, denn die gesellschaftliche Praxis lässt sich nicht ausschließlich als ‚skilled perfomance‘ kennzeichnen; den Handlungen ist primär eine ‚transformative capacity‘ inhärent. Die Akteure verfügen über die Fähigkeit, aktiv in die soziale Praxis einzugreifen und diese zu verändern: „Handeln hängt von der Fähigkeit des Individuums ab, ‚einen Unterschied herzustellen‘ zu einem vorher existierenden Zustand oder Ereignisablauf“ (Giddens 1988a: 66). Die Fähigkeit des Individuums, sich zwischen einer Reihe von Handlungsmöglichkeiten zu entscheiden, verknüpft den Begriff der Handlung mit dem Konzept der Macht: „ ...so können wir auch sagen, daß Handeln Macht im Sinne eines umgestaltenden Vermögens logisch einschließt. Im weitesten Sinne der Bedeutung von ‚Macht‘ ist Macht logisch der Subjektivität, der Konstitution der reflexiven Steuerung des Verhaltens vorausgesetzt“ (ebd. ). Dieses Verständnis von Macht steht im Zusammenhang mit Giddens’ allgemeiner Konzeption des Handelns als „continous flow of conduct“ (Giddens 1979: 55, 1984b: 3) und widerspricht den klassischen soziologischen Formulierungen der Macht als persönlicher Ressource (Weber) oder als spezifisches Koordinationsmedium in funktional differenzierten Gesellschaften (Parsons). Macht im Sinne einer ‚transformative capacity‘ lässt sich nicht intentional erklären, sie ist vielmehr in alle Handlungen eingebunden, kennzeichnet kein spezifisches Verhalten. „Macht ist ein Routineelement der Realisierung von Verhalten in der gesellschaftliche Reproduktion ausgeübt wird“ (ders.: 1988a: 67) und bezieht sich auf die Handlungen und die gesellschaftlichen Bedingungen: „Power in the duality of structure is neither an exclusive property of the intent or will of an agent, nor an exclusive property of society or the social community; through action, power is implicated in both agency and structure“ (Layder 1987: 27).180

Jedem Handeln wohnt somit ein Aspekt von Instrumentalität inne, ohne dass dies notwendigerweise die Zielorientiertheit allen Handelns impliziert. Vielmehr sind Handlungen dynamisch und zieloffen und gewinnen erst über die Verknüpfung mit spezifischen personalen Interessen, bewussten oder unbewussten Motiven und der Bezugnahme auf außerpersonale, soziale Bedingungen ihre konkrete Gestalt.

↓73

Deutlichere Konturen gewinnen diese allgemeinen Klassifizierungen des Handlungs- und Akteursbegriffs, wenn man sie im Weiteren auf Giddens, (1988a: 55f.) ‚Stratifikationsmodell des Handelnden‘ bezieht, in das seine handlungstheoretischen und anthropologischen Überlegungen einmünden.181 „‚Handeln‘ setzt sich nicht aus einzelnen diskreten, voneinander klar geschiedenen ‚Handlungen‘ zusammen: ‚Handlungen‘ als solche werden nur durch ein diskursives Moment der Aufmerksamkeit auf die durée durchlebter Erfahrung konstituiert. Auch kann man ‚Handeln‘ nicht abgetrennt vom Körper, seinen Vermittlungen mit der Umwelt und der Kohärenz eines handelnden Selbst diskutieren. Das, was ich das Stratifikationsmodell des handelnden Selbst nenne, zielt auch auf die Thematisierung der reflexiven Steuerung, der Rationalisierung und Motivation von Handeln als integral miteinander verbundener Prozesse“ (Giddens 1988a: 54). Diese drei differenten Handlungsaspekte lassen sich meines Erachtens mit den drei zu unterscheidenden Bewusstseinsstufen des Giddens’schen Persönlichkeitsmodells parallelisieren (vgl. Schaubild 6): dem ‚diskursiven Bewusstsein‘, dem ‚praktischen Bewusstsein‘ und dem ‚Unbewussten‘, dessen Beziehung Giddens folgendermaßen charakerisiert: „Between discoursive and practical consciousness there is no bar; there are only the differences between what can be said and what is characteristically done. However, there are barriers, centered principally upon repression, between discoursive consciousness and the unconscious“ (Giddens 1979: 59). Das ‚Stratifikationsmodell des Handelnden‘ bezeichnet einen zentralen Punkt in Giddens‘ Überlegungen zur Reformulierung des traditionellen Struktur-Handlungs-Verhältnisses. Die hierin entwickelten handlungstheoretischen Grundannahmen stehen in einem unmittelbaren analytischen Zusammenhang, die gleichzeitig auf eine Reihe struktureller Eigenschaften und damit auf seine Konzeptualisierung des sozialtheoretischen Strukturbegriffs verweisen (vgl. ebd.: 56).

Schaubild 6: Verhältnis von Bewusstseinsstufen und Handlungsaspekten

Insbesondere das mit der Vorstellung des „reflexive monitoring of action“ verknüpfte „practical consciousness“ zielt meines Erachtens deutlich auf die wechselseitige Verknüpfung von Handeln und Struktur ab. „Practical consciousness consists of knowing the rules and the tactics whereby daily social life is constituted and reconstituted across time and space“ (Giddens 1984b: 90). Es ist die permanente reflexive Kontrolle und Interpretation des eigenen Tuns und der Handlungen der anderen, die es dem Akteur ermöglichen, sich in den jeweiligen sozialen Situationen adäquat zu verhalten. Dies verweist einerseits auf intentionale Aspekte des Handelns, kennzeichnet diese aber als prozessual: „The intentional character of human actions is: a) not to be seen as an articulation of discrete and separate ‚intentions’, but a continuous flow of intentionality in time; and b) not to be treated as a set of conscious state that in some way 'accompany' action. Only in the reflexive act of attention are intentions consciously articulated: normally within discourse“ (Giddens 1979: 40). Intentionalität geht als Routine in die Handlungen mit ein.

↓74

Andererseits zeigt Giddens’ (ebd.: 57) Charakterisierung des „practical consciousness“ als „tacit knowledge that is skillfully applied in the enactment of courses of conduct, but which the actor is not able to formulate discoursively,“ dass auch die sozialen Strukturen in die praktischen Handlungen eingebettet sind. Dies verdeutlicht sein Konzept der „memory traces“ (ebd.: 64, 1984b: 17, 25, 377), demzufolge die objektiven Strukturen als Erinnerungsspuren in der Subjektivität der Akteure repräsentiert sind und über das praktische Bewusstsein Handlungsrelevanz erlangen. „The structured properties of society, the study of which is basic to explaining the long-run development of institutions, ‚exist‘ only in their instantiation in the structuration of social systems, and in the memory-traces (reinforced or altered in the continuity of daily social life) that constitute the knowledgeability of social actors“ (Giddens 1982a: 9).

Die Akteure sind aber auch fähig, ihre reflexive Bezugnahme auf implizite Intentionen diskursiv aufzuklären, sie können einen Großteil ihrer Handlungen begründen. Mit dem Konzept der ‚Rationalisierung des Handelns‘ (Giddens 1988a: 431) entwickelt Giddens die anthropologische Grundlegung des Menschen, die auf die menschlichen Kompetenzen Bezug nimmt; mit ihrer Hilfe kann Rechenschaft über die eigenen Handlungen abgelegt werden.182 

Das „diskursive Bewusstsein“ als die Fähigkeit der Akteure, das eigene Handeln zu reflektieren und dieses zu erklären, steht in engem Zusammenhang mit dem „praktischen Bewusstsein“. Doch sieht Giddens den entscheidenden Unterschied darin, dass die menschliche Reflexivität nur teilweise durch die diskursive Ebene abgedeckt wird. Denn ein Großteil der menschlichen Handlungen, ihr Wissen darüber und die Gründe dafür, sind im praktischen Bewusstsein verankert. Die alltägliche Reproduktion der Gesellschaft ist demnach hauptsächlich durch die Analyse des „praktischen Bewusstseins“ aufzuklären. „Die Bedeutung des praktischen Bewußtseins ist ein zentrales Thema dieses Buches (Die Konstitution der Gesellschaft, S.S.), und man muß es sowohl vom Bewußtsein (im Sinne von diskursivem Bewußtsein) als auch vom Unbewußten unterscheiden“ (ebd.: 36).

↓75

Konzentriert man sich nur auf die Analyse des praktischen Bewusstseins als dem zentralen handlungstheoretischen Aspekt der Konzeptualisierung der ‚Dualität der Struktur‘ — eine Reihe von Autoren folgen Giddens in der Hervorhebung dieses Punktes183 — führt dies jedoch zu einer systematischen Vernachlässigung des dritten konstitutiven Aspekts im Giddens’schen ‚Stratifikationsmodell des Handelnden‘, der ‚Handlungsmotivation.‘184 

Handlungsmotive verweisen auf die den Handlungen zugrunde liegenden Wünsche und Bedürfnisse, die als Motive in die Handlungen mit eingehen, den Akteuren aber meist verschlossen bleiben. „Die Motivation ist jedoch nicht so direkt in die Kontinuität des Handelns eingelassen wie seine reflexive Steuerung oder Rationalisierung. Die Motivation bezieht sich eher auf ein Handlungspotential als auf die Art und Weise, in der das Handeln dauerhaft durch Handelnde ausgeführt wird. Motive neigen dazu, nur unter relativ ungewöhnlichen Umständen eine direkte Auswirkung auf das Handeln zu haben, d.h. in Situationen, die in gewissem Sinne von der Routine abweichen. Hauptsächlich sorgen Motive für Gesamtpläne oder Programme – ‚Entwürfe‘ in Schütz’ Worten —, innerhalb derer eine Reihe von Verhaltensweisen ausgeübt werden. Ein großer Bereich unseres Alltagsverhaltens ist nicht direkt motiviert“ (ebd.: 56f.). In Übernahme der psychoanalytischen Terminologie spricht er auch vom „Unbewußten“ bzw. von „unbewußten Motiven“ (Giddens 1979: 58f., 1988a: 58, 95ff.), die im Gegensatz zum praktischen und diskursiven Bewusstsein nur indirekt Relevanz für die alltäglichen Handlungen erlangt.

Eine Persönlichkeitstheorie, die nach Giddens sowohl die ‚äußere‘ Bestimmung der Subjekte durch die sozialen Bedingungen als auch die Vorstellung einer den Individuen vorausgehenden Form von Subjektivität überwinden soll, bedarf einer Konzeptualisierung des Unbewussten, die aufzeigt, dass das Subjekt „is posed in developmental terms“ (Giddens 1979: 120). Hierfür verweist er auf sozialisationstheoretische Erkenntnisse, wonach die früheste Entwicklungsphase des Kindes die „Fähigkeit zur ‚Spannungsregelung‘ (...) beinhaltet, wodurch es fähig ist, seine Bedürfnisse aktiv an die Erwartungen und Forderungen anderer anzupassen“ (Giddens 1984a: 142).

↓76

Giddens nennt dies die Ausbildung des „basic security systems“, das den Prozess der Transformation des Körpers in den eines „Instruments“ der aktiven Teilnahme an der Welt kennzeichnet und zentral für die spätere Persönlichkeitsentwicklung ist. Über die Auseinandersetzung mit Eriksons entwicklungspsychologischen Arbeiten entwirft er das Konzept des ‚grundlegenden Sicherheitssystems‘ (Giddens 1988a: 102ff.). Giddens zeigt, dass es unbewusste, da vor der sprachlichen Entwicklung geformte Mechanismen beinhaltet, die auf die Vermeidung von denjenigen Stimuli gerichtet sind, die Angst und Unsicherheit erzeugen. Die Ausbildung der Sicherheitsbedürfnisse als dem allgemeinsten Motiv der menschlichen Handlungen in der Primärsozialisation ist nach Giddens „eine fortschreitende Stärkung der Autonomie, die man als Ausbildung der Fähigkeit zur reflexiven Steuerung des Verhaltens begreifen sollte“ (ebd.: 108). Er verknüpft das ‚grundlegende Sicherheitssystem‘ mit den unbewussten Motiven, die die Akteure befähigen, in den täglichen Routinen zu handeln.

Die Einbindung der habituellen Praktiken in die alltäglichen Handlungen, die das ontologische Bedürfnis der Individuen nach Sicherheit gewährleistet, verweist auf den Zusammenhang mit der Institutionalisierung des Alltagslebens — in Form der Routine — und thematisiert somit das ordnungstheoretische Problem der Stabilität sozialer Interaktionen. „Die Routine – in psychologischer Hinsicht mit der Verringerung unbewusster Angstquellen verquickt – ist die vorherrschende Form der sozialen Alltagsaktivität. Die meisten alltäglichen Praktiken sind nicht direkt motiviert. Routinisierte Praktiken sind der wichtigste Ausdruck der Dualität der Struktur in Bezug auf die Kontinuität sozialen Lebens. Bei der Ausübung von Routinen erhalten Handelnde ein Gefühl der Seinsgewißheit aufrecht“ (ebd.: 336).

2.3 Die Strukturierung der Struktur

↓77

Für das Gewebe des socialen Lebens gilt es ganz besonders: Was er webt, das weiß kein Weber.
Georg Simmel

Neben dem Handlungsbegriff kommt auch dem Strukturbegriff konstitutive Bedeutung für die soziologische Theoriebildung zu. So bezeichnet etwa John Rex (1987: 19) als zentrale Aufgabe der Soziologie die Beschreibung der sozialen Strukturen, um gesellschaftliche Prozesse über deren Zusammenwirken mit den individuellen Handlungen besser analysieren zu können, und Anthony Giddens (1988a: 67) sieht als „Kern der Theorie der Strukturierung die Konzepte ‚Struktur‘, ‚System‘ und ‚Dualität der Struktur‘“. Doch scheinen diese beiden Ansätze trotz der terminologischen Gemeinsamkeiten durch grundlegende theoretische Divergenzen voneinander getrennt zu sein; das Giddens’sche Programm steht für Rex außerhalb des allgemein gültigen soziologischen Forschungsprogramms: „If I understood Giddens on the question of structure, I would say that's where he seems to me to philosophize away the very subject matter of sociology“ (Rex 1987: 19). Hiermit weist Rex sicherlich zu Recht darauf hin, dass die Entwicklung der Theorie der Strukturierung in besonderem Maße eng auf der systematischen Auseinandersetzung und Beschäftigung mit klassischen und zeitgenössischen philosophischen Problemstellungen aufruht,185 ohne dass dies notwendigerweise bedeutet, dass Giddens’ Strukturbegriff für eine soziologische Analyse unbrauchbar wäre. Seine Reformulierung des traditionellen soziologischen Strukturbegriffs setzt an einer Kritik der analytischen Schwächen und epistemologischen Unschärfen der dominanten sozialtheoretischen Positionen innerhalb der Soziologie an.

Blickt man etwa auf eine frühe Fassung eines geisteswissenschaftlichen Strukturbegriff wie ihn Dilthey186 entwickelt hat, dann zeigt sich, dass dieser sehr stark der erkenntnistheoretischen Relation von Teil und Ganzem verhaftet ist. Die Struktur bestimmt sich demzufolge als ‚ein festes System von Beziehungen‘, als ‚Regelmäßigkeit‘, und ist ‚von innen gegliedert‘. D.h., sie muss als ein Wirklichkeitstypus eigener Art verstanden werden, als eine Seinsverfassung. Zwar gliedert das Ganze Einzelnes in sich aus, es bleibt aber beherrschend über allem als das eigentlich Seiende bestehen, das sich nicht aus der Summe dieser Teile ergibt, sondern ontologisch vor den Teilen besteht und sich als organisierende Macht behauptet. In diesem Sinne muss man den Strukturbegriff im Kontext einer ‚effektiven Definition‘ (Boudon, zit.n. Naumann 1973: 4) verstehen, einer Theorie, die über „den systematischen Charakter dieses Objekts Aussagen zu machen hat“ (ebd.). Demgegenüber lässt sich aber auch ein Strukturbegriff im Kontext einer „intentionellen Definition“ kennzeichnen, der auf eine Gesamtheit interdependenter Eigenschaften verweist bzw. betont, dass eine Methode dazu da ist, „ein Objekt als System zu beschreiben“ (ebd.). Dieser Vorstellung entspricht dann ein Strukturbegriff, der nicht mehr die Relation von Teil und Ganzem als konstitutiv annimmt, sondern Struktur als ein System von Systemen versteht, von Infrastrukturen, die in relativer Selbständigkeit und Eigengesetzlichkeit ihre innere Organisation betreiben, ohne dass ein durchgängiges, vorgelagertes Determinations- oder Strukturprinzip vorherrscht. Struktur ist zwar eine Gestalt von Einheit, sie widerspricht aber nicht der Vielfalt, da sie als Ordnung von Ordnungen zu verstehen ist, so dass eine Unterordnung unter das allgemeine Prinzip keinen Zwang darstellt. Ein derartiger Strukturbegriff versucht, den Variationen von Systemen und dem Systemwandel gerecht zu werden.

↓78

Vor dem Hintergrund dieser epistemologischen Unterscheidung ist es nun möglich, das Potenzial von A. Giddens’ Neufassung des soziologischen Strukturbegriffs schärfer zu konturieren. Denn es sind die in dieser Bestimmung enthaltenen Probleme der Relationierung von Teil und Ganzem, der Ersetzung des Funktionsbegriffs und der Trennung von System und Struktur, die Giddens’ systematisches Interesse an einer Überführung des Struktur-Handlungs-Dualismus in eine Dualität prägen. Dies zeigt sich insbesondere an seiner Kritik am Funktionalismus und Strukturalismus, der seiner Meinung nach „leading broad intellectual tradition in social theory over the past thirty or forty years“ (Giddens 1979: 9). Doch bevor ich Giddens’ Dekonstruktion dieser Positionen mit Blick auf die Ausarbeitung seines eigenen Strukturbegriffs nachzeichne, gilt es, zunächst auf die Verhältnisbestimmung des Zusammenhangs von Struktur und Handeln genauer einzugehen.

Giddens begreift die Konstitution der Gesellschaften bzw. die Produktion und Reproduktion ihrer Strukturen, wie gezeigt, nicht primär als Folge oder Ergebnis der Absichten und Ziele der Handelnden, sondern vielmehr als eine nichtintendierte Folge dieser Handlungen. Gesellschaft ist zwar einerseits „das Ergebnis der bewußt angewandten Fertigkeiten der einzelnen Subjekte“ (Giddens 1984a: 16), andererseits versteht man die „Formen des sozialen Lebens“ jedoch nicht vollständig, wenn man sie als „beabsichtigte Ergebnisse des Handelns“ (ebd.: 197) konzipiert. Diesen Gedanken erläutert er in Analogie zum Sprachgebrauch, wobei er darauf hinweist, dass die Handlungssubjekte in der unmittelbaren Praxis ihres sprachlichen Verhaltens immer auch die Sprache als grammatikalische Struktur reproduzieren, ohne dies aktiv zu beabsichtigen (ebd.: 128f., 1984b: 8). Die gesellschafts- und strukturbildenden Objektivierungsprozesse fallen somit nicht mit den Intentionen der Akteure zusammen, sondern sie wirken über diese hinaus: „For in the enactment of social practices more generally, the consequences of actions chronically escape their initiators’ intentions in processes of objectification“ (Giddens 1979: 44). Indem sie sprechen, rekurrieren die Sprecher auf Sprachregeln, ohne die ihre Sprechhandlungen sinnlos wären. Sie reproduzieren demnach im Vollzug ihrer Handlungen die Struktur der Sprache, da die vorgegebenen Regeln ihren Optionsraum einschränken. Gleichzeitig modifizieren sie in der Praxis des alltäglichen Gebrauchs dieser Regeln diese permanent, so dass es immer wieder zu minimalen Veränderungen der Struktur kommt. Giddens betont daher immer wieder den sowohl handlungsbeschränkenden wie auch handlungsermöglichenden Aspekt von Struktur.

Die Strukturen lassen sich demnach als nicht antizipierte Folgen sozialen Handelns kennzeichnen und bleiben für die Handelnden undurchsichtig, da sich ihre Reproduktion als nichtintendierte Reproduktion vollzieht. Da die sozialen Handlungen von der Bezugnahme auf die strukturellen Bedingungen des Handelns ihren Ausgang nehmen, die Reproduktion der Strukturen, wie erläutert, zu nicht intendierten Folgen dieses Handelns werden können, liegt es nahe, den Bezug der Akteure auf die sozialen Strukturen nicht als bewusst intendiert zu konzeptualisieren. Giddens spricht deshalb von den „unacknowledged conditions of action“ (Giddens 1984b: 8).187

↓79

Der Strukturbegriff stellt sich somit in doppelter Weise als mit den subjektiven Handlungen verwoben dar: „... structure (is) embroiled in both ... conditions and consequences (of action)“ (Giddens 1979: 49). Giddens gelingt es, durch die Verknüpfung der nichtintendierten Handlungsfolgen mit den nicht-eingestandenen Handlungsbedingungen den „fundamentally recursive character of social life“ (Giddens 1984b: XXIII) aufzuzeigen. Hiermit klärt sich auch in Bezug auf die strukturelle Dimension seines strukturierungstheoretischen Ansatzes der Zentralbegriff der ‚Dualität der Struktur‘auf: „Structure is the medium and outcome of the conduct it recursively organizes; the structural properties of social systems do not exist outside of action but are chronically implicated in its production and reproduction“ (ebd.: 374).

Entlang der Dekonstruktion des Funktionalismus und Strukturalismus gilt es, im Folgenden die sozialtheoretische Bedeutung der Giddens’schen Reformulierung des Strukturbegriffs für die Neufassung der soziologischen Leitdifferenz von Struktur und Handlung genauer zu explizieren.

Wie schon das theoriegeschichtliche Motiv der „theory of structuration“ nahe legt, den orthodoxen Konsensus zu ersetzen, ist es insbesondere der Strukturbegriff des Funktionalismus, der im Zentrum seiner Kritik steht. „My aim is not to rescue functionalism from its critics, nor to re-examine the course of the debate as a whole; it is, by identifying certain of the inherent flaws in functionalist thought, to develop the rudiments of a theoretical scheme that can replace it“ (Giddens 1977: 96). Giddens weist auf mehrere Aspekte des Strukturbegriffs innerhalb des funktionalistischen Erklärungsprogramms hin, die einer ‚theoretischen Entschlüsselung‘ bedürfen:

↓80

  1. „Struktur wird deskriptiv benutzt und meist nicht problematisiert.“ (Giddens 1984a: 145) Die Reduzierung des menschlichen Handelns auf die Internalisierung von Werten impliziert die Vorstellung stabiler Handlungsmuster, denen zufolge Handlungen nicht mehr intentional, sondern nurmehr teleologisch zu erklären sind.
  2. Die Kennzeichnung des Strukturbegriffs als gesellschaftliches Handlungsmuster verknüpft ihn mit dem Funktionsbegriff, der für die Erfüllung der Systembedürfnisse und damit der Systemerhaltung verantwortlich ist. Die Funktion als Kausalerklärung gesellschaftlicher Prozesse ist von der Analogie zu biologistischen und organistischen Modellen abgeleitet, die in Bezug auf Gesellschaften jedoch schwer haltbar sind.
  3. Die Verknüpfung von Struktur und Funktion bezieht sich zwar auf die Relation von Teil und Ganzem, indem die Teile über die Befriedigung der Bedürfnisse an das Ganze funktional gebunden werden. Diese Beziehung wird jedoch problematisch auf Grund des im Funktionsbegriff inhärenten Zeitaspektes. „Eine Struktur kann ‚außerhalb von Zeit‘ beschrieben werden, aber ihr ‚Funktionieren‘ nicht“ (ebd.: 146). Die funktionale Analyse erklärt demnach die strukturelle Identität von Systemen durch homöostatische Reproduktionsprozesse (vgl. Giddens 1979: 115f) und nur indirekt über die Interdependenzen der Teile zu einem Ganzen.
  4. Die Begriffe Struktur und System werden äquivalent gebraucht: „If a pattern represents an enduring arrangement of ‚parts‘, then one only needs to inject ‚functioning‘ into it for the ‚structure‘ to become a system“ (Giddens 1977: 113).

Der Funktionalismus versucht demnach, mit Hilfe des Strukturbegriffs die gesellschaftliche Realität als stabiles Handlungsmuster abzubilden. Hierfür benutzt er den Funktionsbegriff als Erklärungskonzept, das an die Stelle der subjektiven Intentionen funktionale Erfordernisse und Systembedürfnisse setzt, die determinierend auf die individuellen Handlungsakte und sozialen Interaktionen einwirken. Damit lassen sich diese gesellschaftlichen Prozesse als Funktionen der Systemerhaltung teleologisch erklären. Funktion und Struktur bilden somit eine ‚organische‘ Einheit, die der gesellschaftlichen Reproduktion zu Grunde liegt. Insoweit ist auch eine Differenzierung zwischen Struktur und System obsolet, da mit der Kennzeichnung der Funktionsweise der Struktur der Systembegriff eingeholt, und entsprechend im ‚Funktionieren‘ des Systems der Strukturbegriff aufgehoben ist. Hinsichtlich der Ausarbeitung eines der Strukturierungstheorie angemessenen Strukturbegriffs folgt für Giddens aus der Funktionalismuskritik primär die Verabschiedung des Funktionsbegriffs, da dieser untrennbar mit dem der Systembedürfnisse und dem eines teleologischen Erklärungsprogramms verknüpft ist; die Reflexivität menschlicher Handlungen ist dann jedoch angemessen zu thematisieren. Des Weiteren versucht er, an der Unterscheidung von System und Struktur festzuhalten. „Social systems are composed of patterns of relationships between actors or collectivities reproduced across time and space. Social systems are hence constituted of situated practices. Structures exist in time-space only as moments recursively involved in the production and reproduction of social systems. Structures have only a ‚virtual‘ existence“ (Giddens 1981b: 26). Der Strukturbegriff dient Giddens primär als theoretisches Konzept, mit dessen Hilfe er die Relationierung von Handeln und sozialem System im Prozess der sozialen Praxis kennzeichnet. Insoweit sucht der Begriff der ‚Strukturierung‘ auch die Konzepte Funktion und Dysfunktion sowie deren wechselseitiges Verhältnis zu überwinden (vgl. Giddens 1977: 122ff.), da er den gesellschaftlichen Integrationsprozess nicht mehr als Beziehung zwischen Systemteilen konzipiert, sondern durch das Konzept der ‚duality of structure‘ ersetzt.

Neben dem Funktionalismus stellt der Strukturalismus die zweite wichtige sozialtheoretische Referenzposition dar, die für Giddens’ Strukturbegriff Bedeutung erlangt. Wichtig ist hierbei einerseits die Vorstellung der Struktur als ein virtuelles Muster, die er von Claude Lévi-Strauss übernimmt, und andererseits das schon in Bezug auf seinen Handlungsbegriff explizierte Konzept der ‚Différance‘ von Jacques Derrida, das auf die Bedeutung von Raum und Zeit für Prozesse der Strukturbildung verweist.

↓81

Von Lévi-Strauss übernimmt Giddens die Vorstellung, dass Strukturen als Erklärungsmodelle zu betrachten sind. Dies bedeutet seines Erachtens jedoch nicht, diesen Strukturen jegliche empirische Evidenz abzusprechen; vielmehr betont er, „structure has a ‚virtual existence‘, as instantiations or moments“ (Giddens 1979: 63). Dementsprechend muss man Strukturierung als einen gesellschaftlichen Prozess der Reproduktion der sozialen Praxis kennzeichnen, der nicht nur in den mentalen Prozessen des Unterbewusstseins begründet ist,188 sondern darüber hinaus auch auf das praktische und diskursive Bewusstsein Bezug nimmt.

Darüber hinaus weist Giddens auf eine grundlegende Mehrdeutigkeit in Lévi-Strauss’ Strukturbegriff hin, wonach Strukturen sowohl als Beziehung „between a set of inferred elements or oppositions“ gefasst werden als auch „as rules of transformation that produce equivalences across sets“ (ebd.: 63). Für Giddens bezeichnet demgegenüber der Begriff ‚Struktur‘ die Regeln (und Ressourcen) der sozialen Reproduktion, während er davon den Begriff der ‚Strukturen‘ (im Plural) analytisch trennt, der sich auf die Muster von den Struktureigenschaften bezieht.

Insgesamt weist Giddens als größte kategoriale Schwäche des strukturalistischen Strukturbegriffs dessen ungenügende Bezugnahme auf das Konzept der Praxis aus, denn die Beziehung von Struktur und Ereignis wird rein mechanisch gefasst und vernachlässigt damit systematisch das darin angelegte Transformationspotenzial. Er plädiert stattdessen für ein „semantic spacing as praxis“ (ebd.: 64). Hierfür bietet die Theorie J. Derridas wichtige Anschlussmöglichkeiten.189 Die hierin entwickelte Idee der ‚Différance‘ ist direkt bezogen auf „spacing“ als Wechselspiel von „absence und presence“ und lässt sich nach Giddens mit dem Wittgensteinschen Konzept des Regelfolgens verknüpfen (vgl. ebd.: 33ff.): „Derrida's conception of Différance is of great interest to social theory. But Derridean Différance is associated too closely with the spacing of writing; the conception of spacing that can discerned in Wittgenstein is superior to this in referring to the involvement of language with social practices. Social practices occur not just as transformations of virtual order of differences (Wittgenstein's rules), and differences in time (repetition), but also in physical space“ (ebd.: 45f.).

↓82

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Bedeutung des Strukturalismus für Giddens’ ‚theory of structuration‘ vielfältig ist. Die strukturalistische Betonung der Bedeutung des ‚spacing‘ durch Differenzbildungen für die Sprache und, in Analogie dazu, auch für die Konstitution von Gesellschaften geht fundamental in Giddens’ Theoriekonzept mit ein. Entsprechend erlangen auch die Konzepte von Raum und Zeit einen zentralen Stellenwert. Zwar existieren die Strukturen als virtuelle Ordnungen und Differenzen nicht in Raum und Zeit, sie stellen rein analytische Modelle dar; in ihrer empirischen Wirkung als konstitutive Momente der sozialen Praxis sind sie jedoch raum-zeitlich verortet, sie bedingen das „ binding of time and space“, in das das historisch begrenzte Wissen der Akteure mit eingeht (Giddens 1981b: 30). Giddens definiert seinen Strukturbegriff als Regel und Ressourcen, die mit dem menschlichen Wissen in Form von „memory traces“ verbunden sind; es ist die durch dieses Wissen rekursiv organisierte Praxis und die menschliche Fähigkeit, in diese Praktiken einzugreifen. Darüber hinaus strukturieren auch die unbewussten Motive, wie am Beispiel der Rekonstruktion des Handlungsbegriffs deutlich wurde, neben den unintendierten Handlungsfolgen und den unbewussten Handlungsbedingungen die Handlungsstruktur.

Struktur ist als ein strukturierender Mechanismus virtueller Modalitäten und als ein realer Transformationsmodus der sozialen Praxis in Raum und Zeit eingebettet. Davon lässt sich einerseits Giddens’ Systembegriff, der die als alltägliche soziale Praxis organisierte Reproduktion der Beziehungen zwischen Akteuren und Kollektiven bezeichnet, unterscheiden, und andererseits verweist sein Begriff der Strukturierung auf die Bedingungen, die Kontinuitäten und die Veränderungen der Strukturen, d.h. die Regeln der Systemreproduktion (vgl. Schaubild 7). „Struktur als rekursiv organisierte Menge von Regeln und Ressourcen ist außerhalb von Raum und Zeit, außer in ihren Realisierungen und ihrer Koordination als Erinnerungsspuren, und ist durch die ‚Abwesenheit des Subjekts‘ charakterisiert. Die sozialen Systeme, in denen Struktur rekursiv einbegriffen ist, umfassen demgegenüber die situierten Aktivitäten handelnder Menschen, die über Raum und Zeit reproduziert werden. Die Strukturierung sozialer Systeme zu analysieren, bedeutet zu untersuchen, wie diese in Interaktionszusammenhängen analysiert und reproduziert werden; (...) Konstitution von Handelnden und Strukturen betrifft nicht zwei unabhängig voneinander gegebene Mengen von Phänomenen – einen Dualismus – sondern beide Momente stellen eine Dualität dar. Gemäß dem Begriff der Dualität der Struktur sind die Strukturmomente sozialer Systeme sowohl Medium wie Ergebnis der Praktiken, die sie rekursiv organisieren. Struktur ist den Individuen nicht „äußerlich“: in der Form von Erinnerungsstrukturen und als in sozialen Praktiken verwirklicht, ist sie in gewissem Sinne ihren Aktivitäten eher „innwendig“ als ein – im Sinne Durkheims – außerhalb dieser Aktivitäten existierendes Phänomen. Struktur darf nicht mit Zwang gleichgesetzt werden: sie schränkt Handeln nicht nur ein, sondern ermöglicht es auch“ (Giddens 1988a: 77).

Schaubild 7: Giddens Bestmmung des Verhältnisses von Struktur und System auf sozialtheoretischer Ebene

↓83

Im Folgenden ist es notwendig, die Giddens’sche Konzeptionalisierung von Regel einerseits und von Ressourcen andererseits genauer zu betrachten, da beide Kategorien konstitutiv in seine sozialtheoretische Bestimmung des Strukturbegriffs eingehen. Die Bestimmung von Struktur als einer Regel entwickelt er sowohl aus der Rezeption des französischen Strukturalismus als auch der Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins. Zum einen zeigt die Saussure’sche Unterscheidung in „langue“ und „parole“, dass die alltägliche (Sprach-)Praxis der Individuen immer auf ein Set (grammatikalischer) Regeln zurückgreift, ohne die Sprechen nicht möglich wäre. Die abstrakten Regeln der „langue“ eröffnen somit erst die Chance zu intersubjektiver Verständigung (parole). Denn hiermit wird nicht nur der richtige Gebrauch der sprachlichen Zeichen vorgegeben bzw. im Falle der falschen Verwendung durch Kommunikationsabbruch sanktioniert, sondern auch der Sinn- und Bedeutungsgehalt der Sprechakte auf der Ebene intersubjektiver Überprüfung bestimmt.

Struktur stellt demzufolge wie die Sprache einen Komplex virtueller Regeln dar, die von den Akteuren im Vollzug ihrer konkreten gesellschaftlichen Praxis angewandt, und über das in den Handlungsablauf eingelassene ‚reflexive monitoring‘ auch modifiziert werden können. Es ist vor allem der handlungsgenerierende Aspekt von Struktur, der Giddens’ Übernahme dieser strukturalistischen Kennzeichnung von Struktur als abstrakten, sinnstiftenden Code bestimmt, und wie er insbesondere von Lévi-Strauss in Bezug auf die Ausbildung und Wirkung von Mythen herausgearbeitet wurde.

In seinen späteren Arbeiten löst sich Giddens jedoch von den tiefenstrukturellen Implikationen dieser Kennzeichnung und modifiziert seinen Strukturbegriff dahingehend, dass er die praxiskonstituierende Dimension der Regeln noch stärker in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt, indem er auf die Arbeiten des späten Wittgenstein verweist. Denn um verstehen zu können, wie die Handlungsfolgen zu Bedingungen bzw. Voraussetzungen weiterer Handlungen werden können, muss man sich meines Erachtens nochmals vergegenwärtigen, wie Giddens die Produktion des sozialen Lebens konzipiert. Im Unterschied zum natürlichen Leben entwickelt sich das soziale Leben als eine ‚skilled performance‘. „Social practices can be understood as skillfull procedures, methods or techniques appropriately performed by social agents“ (Cohen 1987: 286). Kennzeichnet man den Unterschied zwischen dem sozialen und natürlichen Leben in Abhängigkeit von den sozialen Praktiken, dann sind es genau diese Praktiken bzw. Ressourcen, die mit dem menschlichen Bewusstsein verknüpft sind, und denen bei der Erklärung des sozialen Lebens eine zentrale Bedeutung zukommt.

↓84

Das heißt, für eine Theorie der Strukturierung, die von dem „... fundamentally recursive character of social life ...“ (Giddens 1979: 69) ausgeht, ist es unerlässlich aufzuzeigen, wie sich diese praktischen, bewussten Fähigkeiten der Individuen auf die sozialen Strukturen beziehen, da diese nur dann reproduziert werden, wenn sie in den Erfahrungsbereich der Akteure hineinwirken. „Structure enters simultaneously into the constitution of the agent and social practices, and ‚exists‘ in the generating moments of this constitution“ (Giddens 1979: 5). „Der rekursive Charakter der Reproduktion der sozialen Strukturen ist also davon abhängig, daß diese ins Bewußtsein der Aktoren treten, von diesen erfahren werden“ (Kießling 1988: 116), oder, um dies begrifflich schärfer zu fassen, dass sie von ihnen „gewusst“ Teil ihres Wissens werden. In diesem Sinne rekurriert Giddens auf das Konzept der „memory traces“, die sich auf die reproduzierten Strukturen beziehen und dadurch eine Bedingung für das weitere Handeln darstellen. Denn das individuelle Handeln ruht, wie oben ausgeführt, vor allem auf dem ‚reflexive monitoring of action‘, das im Rahmen der ‚rationality of action‘ die Fähigkeit markiert, auf der Grundlage substanziellen Wissens bewusst zu entscheiden. Daneben bleibt jedoch noch die Bedeutung der ‚unacknowledged conditions of action‘ relevant, womit derjenige Bereich der Handlungsvoraussetzungen gemeint ist, der zwar dem individuellen Wissen über die reproduzierten Strukturen inhärent, aber nicht bewusst ist. Wie vermittelt Giddens nun die „unbewussten Wissensinhalte“ als strukturelle Begrenzungen des Wissens mit den bewussten Handlungsintentionen der Individuen?

Hierfür ist es instruktiv, an das in der hermeneutischen Theorietradition entwickelte Handlungskonzept des Regelfolgens, wie es insbesondere Peter Winch (1974) für die Soziologie fruchtbar machte, anzuschließen. Dieses versucht, in Übernahme des Wittgensteinschen Konzepts „einer Regel folgen“ soziales Handeln als generell regelgeleitetes zu qualifizieren; jede Handlung wird unter der Voraussetzung, dass die Regeln nicht kopiert, sondern interpretiert und modifiziert werden, als eine schöpferische Anwendung einer Regel interpretiert.190 Diese Überlegung ist für Giddens’ Theorieansatz nun deshalb bedeutend, da in ihm die Idee eines impliziten Wissens angelegt ist, das nur durch Erfahrung erworben und modifiziert werden kann und es ihm somit ermöglicht, die Wirkung der reproduzierten Strukturen auf die folgenden Handlungen zu erläutern. Giddens überwindet den hermeneutischen Ansatz, indem er über dessen Regelkonzeption hinausgeht und den Regelbegriff auf seinen Strukturbegriff bezieht. Die Akteure orientieren sich an den Regeln des sozialen Lebens für die Produktion ihrer Handlungen und reproduzieren diese Regeln dadurch als nichtintendiertes Ergebnis. „Regeln des gesellschaftlichen Lebens (lassen sich, S.S.) als Techniken oder verallgemeinerbare Verfahren betrachten, die in der Ausführung sozialer Praktiken angewendet werden“ (Giddens 1988a: 73).

Die Verbindung des Regelbegriffs mit dem Strukturbegriff ermöglicht es Giddens, die Konzeption des Wissens der Akteure insoweit zu erweitern, dass es nicht nur auf das abstrakt und diskursiv formulierbare Wissen bezogen werden kann, sondern darüber hinaus auch noch implizites, unbewusstes Wissen beinhaltet: Dies ist für die soziologische Analyse des sozialen Lebens insofern von großer Bedeutung, da die Individuen ihr Alltagsleben über das praktische Wissen organisieren. „Das meiste derartige Wissen ist seinem Wesen nach praktisch: es gründet in dem Vermögen der Akteure, sich innerhalb der Routinen des gesellschaftlichen Lebens zurechtzufinden“ (Giddens 1988a: 54).

↓85

Regeln sind somit chronisch im Alltagshandeln der Individuen präsent, sie strukturieren die sprachliche Kommunikation, die Interaktionsrituale,191 wie auch die Handlungsroutinen als Teile des Wissensbestandes, auf den die kompetenten Akteure zurückgreifen können. Auf der Grundlage dieser Bestimmung des Strukturbegriffs im Sinne einer Regel kann Giddens somit die gesellschaftlichen Strukturen als „unacknowledged conditions“ des sozialen Lebens einführen: „Die meisten Regeln, die in die Produktion und Reproduktion sozialer Praktiken einbegriffen sind, werden von den Akteuren nur stillschweigend verstanden: sie wissen, sich zurechtzufinden“ (Giddens 1988a: 74). Die handlungskonstitutiven Regeln werden also gewusst, wenn auch in „stiller“ Form. Diese Wissensform ist zentral bei der Konstitution des menschlichen Akteurs und verweist gleichzeitig auf die entscheidende Bedeutung, die die Strukturen in Form von Regeln für die Menschen haben. Das heißt, Giddens spricht über die Konzeption der Struktur als regelgeleitetes Wissen, welches sich durch die menschlichen Handlungen hindurch in der Praxis ausdrückt, der Strukturkategorie eine empirische Evidenz zu, die sie in den bisherigen soziologischen Konzeptionen nicht besaß.

Die Bezeichnung der Struktur als Regel umfasst somit sowohl Prozesse der Sinnkonstitution (Signifikation), interpretativ semantische Regeln, die die Welt als einen sinnhaften Kosmos, als symbolische Ordnung bestimmen, wie auch Prozesse der Durchsetzung von sozial geteilten Rechten und Pflichten und der damit zusammenhängenden Sanktionierungschance abweichenden Verhaltens (Legitimation), normative Regeln, die sozialisierte Verhaltenserwartungen umfassen. Fragen der Machtasymmetrien oder der Herrschaft bleiben als strukturelle Aspekte sozialer Interaktionen in einem nur auf Regeln aufruhenden Verständnis von Struktur jedoch ausgeblendet.

Aus diesem Grund erweitert Giddens seine sozialtheoretische Definition des Strukturbegriffs um das Konzept der Ressourcen. „Resources are the media whereby transformative capacity is employed as power in the routine course of social interaction“ (Giddens 1979: 92). Mit dieser Erweiterung des Strukturbegriffs intendiert Giddens der Bedeutung von Macht, wie er auch schon in Bezug auf die Reformulierung des Handlungsbegriffs vorschlug, als einer konstitutiven Dimension des sozialen Lebens gerecht zu werden. Denn erst über die Mobilisierung von Ressourcen in spezifischen Handlungssituationen erlangen die Akteure Macht und eröffnet sich ihnen die Chance, ihre Handlungsziele erfolgreich zu verfolgen. Über das handlungspraktische (regelorientierte) Wissen hinaus bedarf ihr Handlungsvermögen noch spezifischer Voraussetzungen und Mittel, damit sie ihre Interessen verfolgen können. Giddens setzt Ressourcen aber nicht mit Macht gleich, sondern bestimmt sie „as the ‚bases‘ or ‚vehicles‘ of power, comprising structures of domination, drawn upon by parties to interaction and reproduced through the duality of structure“ (ebd.: 69).

↓86

Das den Akteuren zur Verfügung stehende Handlungsvermögen basiert nach Giddens auf zwei zu differenzierenden Arten von Ressourcen: Allokative Ressourcen beziehen sich auf die Fähigkeit bzw. die Umgestaltungschance, die der Herrschaft über Objekte, Güter oder materielle Phänomene inhärent ist, während autoritative Ressourcen sich auf Transformationsprozesse und -möglichkeiten beziehen, die sich im Zusammenhang der Herrschaft über Personen ergeben (vgl. ebd.: 100). Beide Ressourcentypen stellen demnach Medien der Macht dar, die zwar in Gesellschaften ungleich verteilt, jedoch bis zu einem gewissen Grad allen Gesellschaftsmitgliedern zugänglich sind. Insoweit baut die Bestimmung der Individuen als handlungsfähige Akteure immer auch auf ihrem Vermögen auf, Macht im Sinne der Ressourcenverfügung in die Interaktion einzubringen.

Mit der Bestimmung von Struktur als einem virtuellen Regel-Ressourcen-Komplex (Giddens 1984b: 377) will Giddens auf grundlagentheoretischer Ebene den reifikatorischen Bestimmungen des Strukturbegriffs innerhalb der soziologischen Tradition entgegenwirken. Regeln und Ressourcen sind nicht nur unmittelbar mit den zentralen Handlungsdimensionen der ‚knowledgeability‘ und ‚capability‘, sondern darüber hinaus auch mit den zentralen Dimensionen sozialer Interaktionen verknüpft. Die Strukturdimensionen der Signifikation (symbolische Regelsysteme, Weltbilder), der Legitimation (Gesetzes- und Normenregeln mit Sanktionskraft) und der Herrschaft (allokative und autoritative Ressourcen) stehen somit nicht nur untereinander in enger Beziehung192, sondern gehen gleichzeitig über die sog. Modalitäten der Strukturierung in jede Interaktion mit ein, die sich aus den Komponenten der Kommunikation, der Macht und der Sanktion zusammensetzen. So bedürfen die Interaktionspartner einer Vielzahl von interpretativen Schemata, um im Kommunikationsprozess dessen Bedeutungsgehalt entschlüsseln zu können, sie sind auf Machtmittel verwiesen, um ihre Interessen zu realisieren, und ihre Sanktionsfähigkeit hängt von der Existenz legitimer Normen ab. (Vgl. Schaubild 9)193

Schaubild 8: Modalitäten der Strukturierung

↓87

Dieses Schaubild verdeutlicht Giddens’ Argument der Dualität der Struktur als zentrale Grundlage des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses. Denn die durch die Modalitäten der Strukturierung geleistete „Vermittlung von Interaktion und Struktur in Prozessen der gesellschaftlichen Reproduktion“ (Giddens 1984a: 149) lässt sich nur analytisch aufklären und differenzieren. Im alltäglichen Interaktionsgeschehen wirken diese Dimensionen simultan ineinander, bildet der Gebrauch von Macht, Sanktion oder Kommunikation ebenso eine Totalität wie die strukturellen Dimensionen der Signifikation, der Legitimation oder der Herrschaft. Soziale Struktur bildet keine externe Realität. Vielmehr werden die Regeln und Ressourcen von den Akteuren in den konkreten Interaktionen genutzt, können aber auch in ihrem Vollzug wiederum transformiert werden.

Diese von Giddens vorgeschlagene Neubestimmung des Strukturbegriffs ist Gegenstand einer umfangreichen Kritik, die insbesondere die Bestimmung des Regelbegriffs problematisierte194 und darüber hinaus darauf verwies, dass Giddens hierbei eine Reihe differenter Bedeutungselemente zu einem Kompaktbegriff konfundiert, die für eine analytische Verwendungsweise der Strukturkategorie systematisch zu trennen sind.195

Im Gegensatz zu diesen Kritiken scheint meines Erachtens die Ausarbeitung dieses komplexen Begriffsapparates weniger Ausdruck einer Vermengung von Dimensionen, „die nicht miteinander vermischt werden dürfen“ (Görg 1994a: 49), als vielmehr Folge eines Theorieverständnisses zu sein, das an T. Parsons methodologisches Konzept des analytischen Realismus196 erinnert.197 Die von Giddens entwickelten Begriffsbestimmungen lassen sich als die Grundlage eines kategorialen Gerüstes interpretieren, das dazu dient, die soziale Praxis analytisch zu dekomponieren. Wenngleich er selbst dies nicht explizit ausführt, ist es doch möglich, so meine These, dieses Programm einer begriffstheoretischen Dekomposition der Realität entlang verschiedener Ebenen der Begriffsbildung zu rekonstruieren, um hierüber die konzeptionelle und analytische Reichweite der strukturierungstheoretischen Perspektive in grundbegrifflicher, gesellschaftstheoretischer und diagnostischer Hinsicht weiter aufklären zu können.

↓88

Ausgangspunkt ist, wie oben genannt, die auf grundbegriffl i cher Ebene eingeführte Unterscheidung zwischen dem Begriff der Struktur und dem des Systems, die darauf abzielt, dem Problem der Strukturierung sozialer Systeme sozialtheoretisch gerecht zu werden. Struktur als Regeln und Ressourcen, die den sozialen Akteuren in spezifischen Verhaltenskontexten zur Verfügung steht und in das Handeln und die Transformation sozialer Interaktionszusammenhänge eingebunden sind, jedoch außerhalb von Raum und Zeit virtuell ‚existieren‘, wird von dem Begriff des Systems unterschieden, das sich explizit auf empirisch beobachtbare, geordnete und über Raum und Zeit hinweg reproduzierte konkrete soziale Praktiken bezieht.198

Diese Differenzierung ist notwendig, will man den theoretischen Anspruch aufrechterhalten, dass mit dem Konzept der Dualität der Struktur der Grundmodus gesellschaftlicher Reproduktionsprozesse bezeichnet ist. Die in der Auseinandersetzung mit dem Funktionalismus gewonnene theoretische Einsicht, dass sich erst auf der Basis der Trennung von Struktur- und Systembegriff Struktur als explanatorisches und nicht als rein deskriptives Konzept bestimmen lässt, ermöglicht es Giddens, die soziale Praxis von allen substantialistischen Vorannahmen zu entlasten, die eine Gleichsetzung dieser beiden Kategorien implizieren würde. Gleichzeitig eröffnet dies die Chance, die gesellschaftlichen Reproduktionsprozesse als historisch variabel zu fassen, ohne notwendigerweise auf einen handlungstheoretischen Voluntarismus rekurrieren zu müssen. Denn als unerkannte Bedingungen gehen Strukturen in jegliche soziale Interaktion mit ein und prägen formal die Handlungssituation. In dem Moment, in dem Akteure jedoch faktisch oder antizipatorisch auf Regeln und Ressourcen Bezug nehmen, gewinnen diese gesellschaftliche Geltungskraft; Interaktionen werden auf Dauer gestellt und verfestigen sich so zu sozialen Systemen. Regeln und Ressourcen erlangen demnach faktische Handlungsrelevanz in dem Maße, in dem sie in die Produktion und Reproduktion der sozialen Systeme eingelassen sind. Im „kontinuierlichen Prozeß der rekursiven Reproduktion des sozialen Lebens“ (Giddens 1988b: 290) transformiert sich nach Giddens Struktur von einer virtuellen in eine konkrete, raum-zeitlich spezifizierte Kategorie und wird damit der sozialwissenschaftlichen Analyse zugänglich.

Hier lässt sich meines Erachtens nun der Übergang zu einer weiteren Bedeutungsdimension des Strukturbegriffs identifizieren. Denn als „the patterning of social relations in time-space involving the reproduction of situated practices“ (Giddens 1984b: 17) geht Struktur als konstitutiver Bestandteil in den konkreten Strukturierungsprozess sozialer Systeme ein. Dieser Bedeutungswechsel markiert den Übergang von der grundbegrifflichen zur analytischen Ebene innerhalb des strukturationstheoretischen Ansatzes. Das Problem der Relationierung der zentralen sozialtheoretischen Grundkategorien, wie es im Konzept der Dualität der Struktur angelegt ist, wird transformiert in die Frage nach der Modellierung des Strukturierungsprozesses in der sozialen Praxis, wonach Struktur die Bedingung wie das Ergebnis menschlichen Handelns darstellt.

↓89

Struktur, als die faktisch bestimmbaren Regeln und Ressourcen, die in die Produktion und Reproduktion sozialer Systeme eingebunden sind, wird von Giddens in diesem Zusammenhang als Gattungsbegriff gebraucht, den er vom Konzept der Strukturen (im Plural) abgrenzt, und der auf die Prozessualität der Transformations- und Mediationsbeziehungen als den empirisch beobachtbaren Voraussetzungen für die Reproduktion sozialer Systeme verweist. Strukturen bezeichnen den Übergangsbereich von analytisch und logisch isolierbaren Regel- und Ressourcen-Komplexen hin zu faktisch bestimmbaren „structural properties“199, den spezifischen institutionellen Merkmalen sozialer Systeme. Struktur „materialisiert“ sich somit im Vollzug der sozialen Praxis über eine Reihe von Transformations- und Vermittlungsprozessen (Strukturen) in die „structural properties“ sozialer Systeme und wirkt „constraining in relation to situated actors“ (Giddens 1990a: 301).200

Den bisherigen Begriffsdifferenzierungen folgend, lassen sich im Hinblick auf die Bestimmung des analytischen Potenzials des Strukturierungsansatzes, die soziale Praxis untersuchen zu können, zwei überaus bedeutsame Aspekte herausstellen.

Zum einen zeigt sich in erkenntnistheoretischer Perspektive, dass das soziale System als eine geregelte soziale Praxis keine vorgegebene und feststehende Entität darstellt, sondern historisch variabel bleibt. Mittelbar mit dem Grundbegriff der Struktur verbunden, bestimmt Giddens die das soziale System charakterisierenden „structural properties“ nicht als Emergenzphänomene, sondern hebt statt dessen die Zentralität des faktischen Strukturierungsprozesses hervor und betont, dass die „structural properties“ immer auf den Transformationsprozess von Regel und Ressourcen-Komplexen (Strukturen) bezogen bleiben.201

↓90

Die damit aufgeworfene Frage nach den Bestimmungskriterien dieser „structural properties“ verknüpft nun zum anderen die systematische Rekonstruktion der differenten Begriffsebenen mit der methodischen Problemstellung, wie sich die empirisch ineinander verschränkten Prozesse der Produktion und Reproduktion von Strukturen in konkreten Handlungsverläufen analysieren lassen.

Um die Genese und Konstitution sozialer Systeme als Ergebnis chronisch ablaufender Relationierung struktur- und handlungsbedingter Prozesse aufklären zu können, führt Giddens die Unterscheidung zwischen struktureller/institutioneller202 und strategischer Analyse ein, die die methodische Grundlage für eine analytische Aufspaltung der sozialen Realität in isolierbare Teilbereiche darstellt. Unter Rekurs auf das phänomenologische Verfahren der Epoché zielt diese Vorgehensweise darauf ab, zum Zwecke der Analyse sozial relevante Dimensionen der Realität auszublenden bzw. als gegebene Kontextbedingungen vorauszusetzen. Hierbei transformiert er die phänomenologische Absicht, empirische Erfahrungen von transzendenten Phänomenen zu unterscheiden, in seinen praxistheoretischen Ansatz, indem er voluntaristische von strukturellen Aspekten analytisch trennt (Giddens 1979: 80). Konzentriert sich die strategische Analyse primär auf Prozesse, in denen sich die Akteure bei der Konstitution sozialer Systeme auf die als ‚gegeben‘ vorausgesetzten „structural properties“ beziehen,203 so zeigt sich spiegelbildlich in Bezug auf die institutionelle Analyse, dass hierbei die handlungstheoretischen Dimensionen der sozialen Praxis ‚methodisch eingeklammert‘ werden und die Entwicklung und Reproduktion der „structural properties“ im Mittelpunkt der Untersuchung der charakteristischen Eigenschaften sozialer Systeme stehen.

Giddens sucht somit auf sozialtheoretischer Ebene mit Hilfe des Mechanismus der Dualität der Struktur die Grundbegriffe Handlung und Struktur zu relationieren und sieht in den Transformations- und Mediationsbeziehungen diejenigen Prozesse angelegt, die als Modalitäten der Strukturierung nicht nur die „grundlegenden Dimensionen der Dualität der Struktur“ (Giddens 1988a: 81) bezeichnen, sondern gleichzeitig die (analytische) Schnittstelle zwischen Interaktionen und Strukturen im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess darstellen; so rückt nun abschließend in gesellschaftstheoretischer Perspektive die konkrete Bestimmung der „structural properties“ sozialer Systeme, insbesondere ihr institutionalisierter Ausdruck, ins Zentrum der Theorie der Strukturierung.204

↓91

Die „structural properties“ differieren nach Giddens entlang ihrer spezifischen Raum-Zeit-Ausdehnung, so dass sich drei Abstraktionsebenen voneinander scheiden lassen: die Ebene der Strukturprinzipien, die der Strukturkomplexe („structural sets“ oder Strukturen (Plural)) und die der Achsen oder Elemente der Strukturierung. Die Strukturprinzipien stellen in dieser Gliederung den allgemeinsten und grundlegendsten Bezugspunkt der Analyse sozialer Systeme dar, da sie „als Organisationsprinzipien gesellschaftlicher Totalitäten auf der Grundlage bestimmter Mechanismen der gesellschaftlichen Integration für die Existenz erkennbar konsistenter Formen der Raum-Zeit-Ausdehnung verantwortlich sind“ (ebd.: 235). Es sind gewissermaßen die gesellschaftlichen Basisinstitutionen, die als grundlegender, räumlich und zeitlich weitreichendster Bezugspunkt die soziale Ordnung konstituieren: „The most deeply layered practices constitutive of social systems (in each of these senses ) are institutions“ (Giddens 1979: 65).

Die Strukturen/Strukturkomplexe beziehen sich demgegenüber auf konkrete Übertragungsbeziehungen zwischen Regeln und Ressourcen; sie bezeichnen grundlegende Dimensionen, die die institutionelle Vernetzung sozialer Systeme konstituieren, mit deutlich geringerer raum-zeitlicher Ausdehnung als die Strukturprinzipien. Die Elemente oder Achsen der Strukturierung schließlich verweisen auf die Untersuchungsebene, in der die raum-zeitliche Ausdehnung sozialer Praktiken gering ist. Gegenstand der Analyse sind hierbei diejenigen „structural properties“, die sich in institutionalisierten Aktivitäten ausdrücken und die in Handlungssituationen der Ko-Präsenz produziert bzw. reproduziert werden.

Diese analytisch begründete Ausdifferenzierung des Strukturbegriffs (vgl. Schaubild 10) bleibt aber meines Erachtens so lange wirkungslos, solange nicht gezeigt werden kann, ob und wie es gelingt, sie von der Ebene einer rein kategorialen Reformulierung auf die Ebene der soziologischen Analyse sozialer Konfigurationen zu transformieren. Insofern bezeichnet die vielfältig formulierte Kritik, derzufolge die Giddens’sche Theorie der Strukturierung ein weitgehend abstraktes Begriffssystem darstellt, das auf einer Vielzahl von Definitionen aufbaut — primär exemplarisch statt analytisch argumentiert — und dessen Beziehung zur sozialen Wirklichkeit wie auch seine Relevanz für die Analyse empirischer Prozesse vage und unbestimmt bleibt,205 einen Kernvorwurf gegenüber der Theorie der Strukturierung.206 

↓92

Im Gegensatz hierzu versuche ich im Folgenden Ansatzpunkte zu skizzieren, die es ermöglichen, unter Rekurs auf die bislang entwickelte systematische Rekonstruktion des Giddens’schen Strukturbegriffs das analytische und diagnostische Potential der Strukturationstheorie aufzuklären. Denn erst durch die hier entwickelte analytische Isolation der einzelnen Dimensionen lassen sich die traditionell mit der soziologischen Strukturkonzeption verbundenen Bedeutungsvarianzen konkretisieren, deren Konstitution Folge relationaler Verweisungszusammenhänge ist. Darüber hinaus wird sich zeigen, dass mit dieser Dekomposition des Strukturbegriffs eine Reihe theoretisch relevanter Implikationen einhergehen, die sowohl für eine soziologische Analyse sozialer Konfigurationen fruchtbar gemacht werden können als auch Relevanz für eine Erneuerung der Gesellschaftstheorie besitzen.

Der Rekurs auf das Konzept der „structural properties“ kennzeichnet die systematische Schnittstelle zwischen Sozialtheorie und Gesellschaftsanalyse und ermöglicht, im Folgenden die analytische und diagnostische Reichweite der Strukturierungstheorie deutlicher zu bestimmen. Denn obgleich Giddens auf diesen zentralen Punkt des Wechselverhältnisses zwischen sozialtheoretischer Grundlegung und empirischer Forschung explizit rekurriert, belässt er es bei dem metaphorischen Verweis, dass die Sozialtheorie einer Bank gleiche, „von der die einzelnen Sozialwissenschaften ‚Geld‘ bekommen, mit dem sie ‚arbeiten‘ und ‚Ergebnisse‘ erzielen, die sie wieder bei der ‚Bank‘,‘anlegen‘, um so das ‚Vermögen‘ der ‚Bank‘ selbst zu vergrößern“ (Giddens 1988b: 287), und versäumt es, — um im Bild zu bleiben — trotz gefüllter ‚Konten‘ die ‚Überweisungsmodalitäten‘ bzw. den konkreten Transferbereich von der einen zur anderen Ebene explizit auszuweisen.

Schaubild 9: A.Giddens Strukturkonzeption entalng dfiferenter Ebenen der Begriffsbildung

2.4 Vom Dualismus zur Dualität der Struktur

↓93

Im Zentrum der Giddens’schen Erneuerung der Gesellschaftstheorie steht die These, dass der soziologische Diskurs über lange Zeit durch eine Reihe von Dualismen207 prädominiert wurde, die Ursache für die Aufspaltung des Faches in die zwei — quasi opponenten — Grundpositionen einer handlungs- bzw. strukturtheoretischen Soziologie waren und die er auf grundlagentheoretischer Ebene dadurch zu überwinden sucht, dass er sie in Dualitäten transformiert.

Auf der Basis seines Modells der Dualität der Struktur, das Giddens zufolge den „Schlüssel zum Verständnis der gesellschaftlichen Ordnung“ darstellt und die „Wechselwirkung zwischen der Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens durch die Handelnden“ (Giddens 1984a: 124) betont, versucht er, die zentralen Einsichten der unterschiedlichen Positionen dahingehend zu problematisieren, dass er deren bewahrenswerte Aspekte übernimmt, sie jedoch in strukturierungstheoretischer Hinsicht reformuliert.

In erkenntnistheoretischer Perspektive problematisiert er die spätestens seit Descartes208 für die Sozialtheorie konstitutive Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt, die er im Anschluss an die praxisphilosophischen Überlegungen von Marx und Wittgenstein in eine Ontologie der Praxis transformiert. Auch hinsichtlich des methodologischen Dualismus von Erklären und Verstehen, der nach Giddens eine unfruchtbare Gegenüberstellung zweier zentraler sozialwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden darstellt, zeigt sich, dass mit Hilfe des Rekurses auf die konstitutive Rolle der gesellschaftlichen Praxis und der Einsicht in die Kontextgebundenheit allen Wissens, deren wechselseitige Ergänzung aufgeklärt werden kann, so dass es ihm möglich wird, sie im Konzept der doppelten Hermeneutik zu integrieren. In handlungstheoretischer Hinsicht versucht er, die klassische, bewusstseinsphilosophisch begründete Trennung zwischen Handlung und Motiv bzw. Zweck und Mittel dadurch zu überwinden, dass er Wahrnehmung und Erkenntnis der Handlungsbedingungen nicht mehr der Handlung vorordnet, sondern dies schon als Teil des Handelns selbst auffasst, durch welches Handeln in situativen Kontexten bestimmt wird. Intentionalität besteht somit in der selbstreflexiven Steuerung des laufenden Verhaltens und ist notwendig mit der Handlungspraxis verwoben 209. Schließlich versucht Giddens in strukturtheoretischer Hinsicht das Verhältnisses von Struktur und System dahingehend neu zu bestimmen, dass deutlich wird, inwiefern Strukturen kontinuierlich in den chronischen Prozess der Produktion und Reproduktion sozialer Systeme eingelassen sind, und keinesfalls eine vorsoziale Entität darstellen. Folgt man der Logik des Modells der Dualität der Struktur, wonach Gesellschaft weder als Folge individueller kreativer Handlungsakte noch als vorgegebene (über)soziale Tatsache bestimmt werden kann, sondern gesellschaftliche Strukturen statt dessen immer gleichursprünglich durch das menschliche Handeln konstituiert werden wie auch das Medium dieser Konstitution sind, dann münden diese Überlegungen gesellschaftstheoretisch in seiner Grundthese, wonach die klassische soziologische Bestimmung des Problems sozialer Ordnung obsolet zu werden scheint. Die Interdependenz von Handeln und Struktur macht es nötig, die Kontextbedingungen der sozialen Praxis genauer in den Blick zu nehmen, will man deren gesellschaftliche Relevanz aufzeigen.

↓94

Das Konzept der Dualität der Struktur bezeichnet somit auf der Ebene der grundlagentheoretischen Bestimmung der Strukturierungstheorie das abstrakte Kernmodell zur Aufschlüsselung der gesellschaftlichen Reproduktionsprozesse, wobei es die Modalitäten der Strukturierung sind, die die kategoriale Verklammerung von Struktur und Interaktion leisten und damit die Kontinuität und Veränderung sozialer Strukturen beeinflussen.

Ähnlich der Simmelschen Vorstellung der Wechselwirkungen betont auch das Konzept der Modalitäten der Strukturierung die kontinuierliche Produktion und Reproduktion der sozialen Praxis, verweist jedoch gleichzeitig auf die Notwendigkeit, eine analytische Unterscheidung einzuführen, um diese interdependenten Prozesse angemessen untersuchen zu können. Denn erst das ‚methodological bracketing’, die analytische Einklammerung einzelner Dimensionen der Realität ermöglicht es Giddens, strukturelle und voluntaristische Aspekte in ihrer je unterschiedlichen Wirkungsweise auf die soziale Praxis hin zu unterscheiden. 210 D.h., entgegen seiner grundbegrifflichen Forderung nach der Überführung aller Dualismen in Dualitäten, scheint auf der Ebene der soziologischen Analyse, mit der Unterscheidung zwischen strategischer und institutioneller/struktureller Analyse ein Dualismus wiederzukehren, der die Forderung nach wechselseitiger Bestimmung aller Kategorien zu unterlaufen scheint und statt dessen zwei unabhängig voneinander zu bestimmende und analytisch zu trennende Dimensionen der sozialen Realität voraussetzt.211 

Meines Erachtens greift diese Kritik jedoch zu kurz, da es zwar richtig ist, dass Giddens immer wieder auf die Relationalität der soziologischen Grundkategorien verweist und diese im Modell des ‚methodological bracketing’ verloren zu gehen scheint, doch ist es notwendig, darauf zu verweisen, dass Giddens hierbei — wenn auch nicht explizit — von zwei unterschiedlichen Ebenen der Theoriebildung ausgeht, die analytische Trennung in zwei Untersuchungsmethoden ist der sozialtheoretischen Bestimmung der Grundkategorien nachgelagert, und insoweit wäre diese Kritik nur dann berechtigt, wenn deutlich gemacht werden könnte, dass Giddens beim Übergang zwischen diesen Ebenen seine Grundkategorien verwischt. Wie meine Rekonstruktion des Strukturbegriffs zu zeigen versuchte, ist im Strukturierungsansatz dieser Übergang sehr wohl angelegt, wenn auch von Giddens nicht ausgeführt, so dass dieser analytische Dualismus nicht im Widerspruch zur Grundidee der Dualität der Struktur als Zentralmodus sozialer Wirklichkeit steht.

↓95

Darüber hinaus fällt jedoch auf, und dies scheint mir ein zentrales Desideratum des Giddens’schen Strukturierungsansatzes zu sein, dass er es trotz seiner starken Betonung der sozialen Praxis und der Kontextgebundenheit aller Interaktionen bislang versäumt hat, einen situationstheoretischen Ansatz zu entwickeln. Denn gerade die strukturationstheoretische Bestimmung von Praxis ermöglicht es meines Erachtens, diese nicht nur rein handlungstheoretisch zu bestimmen, sondern verweist vielmehr darauf, den Prozess der Produktion und Reproduktion sozialer Strukturen ins Zentrum des Ansatzes zu stellen, in dessen Folge sich die soziale Realität konstituiert. Damit rückt aber die konkrete Handlungssituation unmittelbar ins Zentrum des Interesses, da nur dort die individuellen Handlungsziele und die überindividuellen Kontextbedingungen unmittelbar aufeinander bezogen sind. Zur Aufklärung der hierbei zentralen Prozesse ist es notwendig, insbesondere die unterschiedlichen institutionellen Kontexte der Handlungssituation analytisch so auszudifferenzieren, dass es möglich wird, situationales Handeln nicht mehr nur als die Durchsetzung individueller Handlungspräferenzen, vor dem Hintergrund kontextuell begrenzter (Esser 1996) Handlungsrationalitäten zu bestimmen, sondern dies erfordert, und hier bietet die Konzeption der Dualität der Struktur wieder weitreichende Anschlussmöglichkeiten, die scharfe kategoriale Bestimmung sozialer Situationen212.


Fußnoten und Endnoten

106  „Mir geht es darum, geltend zu machen, daß weder das handelnde Subjekt noch das soziale Objekt kategorialen Vorrang haben, daß vielmehr beide in rekursiven sozialen Handlungen oder Praktiken konstituiert, und das heißt, produziert und reproduziert werden“ (Giddens 1988b: 288f.).

107  So zeigt sich mit Blick auf eine Reihe von Diskussionsbänden, dass im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit der Theorie der Strukturierung primär einzelne thematische Schwerpunkte stehen; vgl. D. Held/J.B. Thompson ( (1989), J. Clark/C. Modgil/S. Modgil (1990) und C.G.A. Bryant/D. Jary (1991). Dies zeigen auch die Arbeiten von H.-P. Müller (1992) oder C. Görg (1994a), die zwar auf das Gesamtwerk reflektieren, darüber hinaus aber stärker den Beitrag der Strukturierungstheorie zu spezifischen theoretischen Problemstellungen wie der Theorie sozialer Ungleichheit bzw. der soziologischen Institutionentheorie untersuchen.

108  Ausnahmen hiervon stellen die frühe Monographie von B. Kießling (1988) sowie die Arbeiten von I. Cohen (1989) und I. Craib (1992) dar. In gewissem Sinne auch die instruktive Einleitung von H. Joas (1988a), in der er mit Blick auf „Die Konstitution der Gesellschaft“ davon spricht, dass mit der Vorlage dieses Opus magnum der Eklektizismusvorwurf endgültig obsolet werden müsste.

109  Vgl. hierzu auch die Einteilungsversuche von M. Gane (1983) und H.-P. Müller (1992), die jedoch von drei Phasen der Werkentwicklung ausgehen.

110  Beispielhaft möchte ich hier nur T. Parsons (1968) oder J. Alexander (1982ff.) nennen, wenngleich diese eine stärker grundlagentheoretisch ausgerichtete Perspektive präferieren.

111 „In my opinion ‘the’ problem in sociology, ‘the’ thing that gives sociology some distinctiveness is a concern with social changes initiated over the last couple of hundred years. In my opinion these are much more wide-ranging than any other social changes that have occured in anything like such a time period in any previous era. The modern world, I think, is substantially so different from any pre-existing forms of society“ (Giddens 1987i: 96).

112  In der Folge setzt sich Giddens immer wieder mit den Gründervätern der Soziologie auseinander und betätigt sich darüber hinaus als Übersetzer und Herausgeber zentraler Schriften: Vgl. etwa Giddens (1972c, 1978b, 1986b).

113  „Man sprach der Parsons’schen Theorie ein gewisses Maß an Erklärungskraft zu, machte aber geltend, daß diese Theorie einen ‚Schuß‘ Marx nötig hatte. (...) Im Grunde wollte ich die Parsons’sche Theorie, wie wir sie in „The Structure of Social Action“ finden, in Frage stellen“ (Giddens 1988b: 286f.).

114  Vgl. insbesondere A. Giddens (1976a: Kap. IV).

115  Vgl. A. Giddens (1974, 1976a).

116  Im Folgenden werde ich mich immer wieder auf Giddens’ englische Terminologie beziehen, da durch die Übersetzung zentraler Begriffe seines an Neologismen reichen Werkes ins Deutsche teilweise theoretische Mehrdeutigkeiten entstehen.

117  So versucht Giddens schon früh dem vermeintlichen Schisma der Ungleichheitsforschung zwischen Klassen- und Schichtungsanalysen mit Hilfe des Konzepts der Klassenstrukturierung entgehen zu können (vgl. Giddens 1972a).

118  Vgl. hierzu Giddens (1981b, 1981c, 1995b).

119  Vgl. insbesondere A. Giddens ( 1971b, 1977: 183ff., 1979).

120  Vgl. auch A. Giddens (1982b).

121  Vgl. hierzu ergänzend seine Ausführungen zu den Aufgaben der Soziologie in der Zukunft (Giddens 1987c: 22ff.), wonach das Fach konstitutiv an das ‚Projekt der Moderne‘ gebunden ist. Die Moderne lässt sich charakterisieren durch die Expansion des Kapitalismus und definiert sich anhand folgender Parameter: zunehmende Industrialisierung, Expansion der administrativen und militärischen Macht, Zentralität der kulturellen Dimension. Ähnlich auch Giddens (1989: 252f.).

122  An anderer Stelle spricht er in Bezug auf den unsystematischen Charakter seiner Ausführungen von der „sequential form, which can be overcome to some degree by 'circulating in and out' of a range of connected issues“ (Giddens 1984b: 163).

123  Vgl. hinsichtlich der fachkonstituierenden Bedeutung des Ordnungsproblems ausführlich A. Giddens (1977: 208ff., 1981a).

124  Vgl. hierzu u.a. N. Luhmann (1981), J. Alexander (1982ff.) oder J. Alexander/B. Giesen/R. Münch/N. Smelser (1987).

125  Vgl. hierzu etwa A. Dawe (1970, 1978), V. Vanberg (1975) oder G. Lüschen (1983).

126  H. Joas (1986b) und H.-P. Müller (1992) charakterisieren deshalb meines Erachtens zu Recht das Giddens’sche Programm als soziologischen Transformationsversuch der Praxisphilosophie; vgl. in ähnlicher Intention I. Cohen (1987, 1989).

127  Ähnlich auch H.-P. Müller (1992: 150f.).

128  Vgl. ähnlich auch R. Kreckel (1989).

129  Vgl. etwa Kants Konzeption der Spontaneität, Fichtes Tathandlung oder Hegels werkmeisterlichen Geist, die alle die gattungsgeschichtliche Rolle gesellschaftlicher Arbeit thematisierten.

130  Vgl. hierzu H. Joas (1978).

131  Vgl. hierzu insbesondere K. Marx (1971).

132  Wobei auf die historische Gebundenheit der praxisphilosophischen Überlegungen von Marx verwiesen werden muss, da dessen Argumentation immer im Kontext seiner analytischen Thesen der Allgegenwart kapitalistischer Produktionsverhältnisse steht, die das Alltagsleben der Menschen durchdringen und zu einer zunehmenden Entfremdung führen.

133  Hinsichtlich des Problems der Wahrheit und ihres Kriteriums bleibt Marx jedoch eindeutig materialistischer Denker. Er beharrt darauf, dass die sukzessive, zu Objekten von Praxis werdende Materie als solche unerschaffen ist; das praktische Erzeugen einer gegenständlichen Welt setzt Natur als sinnliche Außenwelt immer schon voraus.

134  „Der Hauptmangel allen bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv“ (Marx 1971: 339).

135  „Marx’ writings still represent the most significant single fund of ideas that can be drawn upon in seeking to illuminate problems of agency and structure“ (Giddens 1979: 53).

136  Weitere, wenngleich ebenfalls nicht systematisch entwickelte Hinweise auf die Bedeutung des wissenschaftstheoretischen Realismus für die Entwicklung der Strukturierungstheorie, finden sich etwa in Giddens (1978a: 277 oder 1982a: 14).

137  Interessanterweise versucht auch M. Archer ihren morphogenetischen Ansatz auf der Basis der realistischen Wissenschaftstheorie von R. Bhaskar zu fundieren, wobei sie sich gleichzeitig von A. Giddens’ Strukturierungsansatz abzugrenzen sucht (vgl. Archer 1995). Ein genauerer Vergleich der Arbeiten von Archer und Giddens eröffnet weitreichende Implikationen nicht nur für eine Neubestimmung der Handlungs-Struktur-Debatte vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Diskussionen über die „Rückkehr“ der Kultursoziologie (vgl. hierzu: H.-P. Müller 1994), sondern auch mit Blick auf die Möglichkeiten zeitgenössischer soziologischer Theoriebildung zur Analyse gesellschaftlicher Strukturveränderungen (Sigmund 2001).

138  „The aim of critical naturalism, then, is to vindicate naturalism, against hermeneutics, on the basis of an non positivist, specifically realist, account of science“ (Bhaskar 1986: 121).

139  Im Hinblick auf methodologische Fragestellungen werden die Schranken naturalistischer Konzeptionen innerhalb der Sozialwissenschaften daran deutlich, dass diese selbst Teil der von ihr analysierten Realität ist, ihre Forschungsergebnisse damit in ihren Untersuchungsgegenstand verändernd mit eingehen können. Diese doppelte Bedeutung der Sozialwissenschaften gilt es methodologisch zu reflektieren (vgl. Bhaskar 1983). Hierin finden sich interessante Parallelen zu Giddens’ Konzept der doppelten Hermeneutik (vgl. Giddens 1984a, 1988a) wie auch zu seiner normativen Grundlegung der Sozialtheorie.

140  „Categorical ontological distinctions are drawn between the domaines of the real, the actual and the empirical; laws are analysed as tendencies of transfactually active structures or generative mechanisms which operate irrespective of the closure or otherwise of the systems within which the events they generate occur“ (Bhaskar 1983: 83). Siehe auch W. Outhwaite (1983, 1987, 1993).

141  Vgl. hierzu ausführlich R. Bhaskar (1979, Kap. 1).

142  W. Outhwaite (1987: 47) versucht diesen Aspekt anhand einiger Annahmen über die inhaltliche Bedeutung des Begriffs der „Gesellschaft“ zu erläutern: „1. Society is not observeable. 2. Society is theoretical. 3. Any assertion about society is as good as any other.“ Der erste Punkt ist leicht zu akzeptieren, da man eine Gesellschaft nicht ‚an sich‘ beobachten kann. So ist z.B. die französische Gesellschaft nicht durch ihre Staatsgrenzen begrenzt, und dies nicht nur aufgrund der Tatsache, dass Frankreich auch außerhalb dieser Territorien Einfluss besitzt. Der Begriff ‚französische Gesellschaft‘ ist insoweit ein theoretischer und weist über den Aspekt der Nichtbeobachtbarkeit hinaus. Untersucht man nun noch den Gebrauch des Begriffs ‚Gesellschaft‘, wie er seit dem 18. Jahrhundert verwendet wurde, dann zeigt sich, dass auch die dritte Charakterisierung zutrifft. Die Bezeichnung einer Gesellschaft als Gruppe von Menschen in bestimmten geographischen Grenzen verweist auf einen bestimmten Sprachgebrauch, der bestimmte theoretische Überlegungen beinhaltet, also eine besondere Art der Abstraktion einführt. Bedeutet dies nun jedoch, dass man ohne den Begriff der Gesellschaft auskommen kann, dass dieser zu variabel gebraucht wird, um erkenntnistheoretisch relevant zu sein? Sicherlich nicht. Eine Alternative lässt sich nun darüber ausarbeiten, dass man auf den ontologischen Status der Individuen und ihrer Handlungen rekurriert, in dessen Folge die sozialen Strukturen als die Summe der individuellen Handlungsakte erscheinen. Diese Position eines methodologischen Individualismus ist insoweit unergiebig, da sie diejenigen menschlichen Handlungen ausblendet, die ein bestimmtes Netzwerk sozialer Beziehungen voraussetzen. Sie kann diese nicht adäquat erklären, da sie eine ontologische Differenz zwischen ihnen und den individuellen Handlungsakten annehmen muss.

143  Vgl. R. Bhaskar (1978: 10ff., 1979: 39ff.).

144  „... the emergent condition (material cause) and the continually reproduced outcome of human agency. And praxis is both work, that is conscious production, and (normally unconscious) reproduction of the conditions of production, that is society“ (Bhaskar 1979: 43f.).

145  In dieser Perspektive entspricht Bhaskars hier entwickelter Ansatz exakt der von A. Giddens postulierten Unterscheidung zwischen Sozialtheorie und Soziologie. Seine Ausführungen stellen allgemeine Überlegungen bezüglich des ontologischen und epistemologischen Status der Sozialwissenschaft dar, unter der besonderen Berücksichtigung des Verhältnisses von menschlichen Handlungen und deren strukturellen Bedingungen bzw. Konsequenzen.

146  Die Geschichte der Soziologie lässt sich im Hinblick auf ihre metatheoretischen Voraussetzungen, seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert in zwei idealtypische Positionen ausdifferenzieren: einerseits in Ansätze in der Tradition H. de Saint-Simons oder A. Comtes, wonach das menschliche Handeln als Teil der sie umgebenden Natur betrachtet und dessen Regelmäßigkeiten als Ausdruck invariabler oder kausaler Gesetze zu verstehen ist. Dieser theoretische Monismus versucht die sozialwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden unter die der Naturwissenschaften zu subsumieren. Andererseits lässt sich aber auch eine starke hermeneutische Tradition innerhalb des sozialwissenschaftlichen Diskurses nachzeichnen, die in Fortführung der Überlegungen von G.W.F. Hegel oder W. Dilthey davon ausgehen, dass menschliche Aktivitäten ‚bedeutungsvoll‘ sind. Dieser Ausdruck von Bedeutung lässt sich nicht in Form kausaler Gesetzmäßigkeiten bestimmen, sondern es bedarf der Interpretation als einer besonderen Methodik der Geisteswissenschaften, um menschliche Handlungen als Ausdruck ihrer Intentionen verstehen und erklären zu können.

147  Oder wie Giddens mit Blick auf den Postempirismus ausführt: „The idea that there can be theory-neutral observations is repudiated, while systems of deductively-linked laws are no longer canonized as the highest ideal of scientific explanation. Most importantly, science is presumed to be an interpretative endeavour, such that problems of meaning, communication and translation are immediately relevant to scientific theories“ (Giddens/Turner 1987: 2).

148  Vgl. zu Versuchen, kausale und interpretative Verfahren zu kombinieren, etwa Hayes (1985).

149  Ohne dass hiermit auch dessen handlungstheoretische Grundausrichtung übernommen werden müsste, erinnert Giddens’ Position an diesem Punkt stark an Webers Versuch eines methodischen Brückenschlags zwischen erklärender und verstehender Methode, wie sie seiner berühmten Definition der Soziologie zu Grunde liegt: „‚Soziologie‘ (...) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will“ (Weber 1972: 1). Vgl. zum wissenschaftstheoretischen Status der erklärenden Methode Webers G. Wagner/H. Zipprian (1994).

150  Vgl. beispielsweise S.J. Schmidt (1986) oder N. Luhmann (1990).

151  Vgl. hierzu insbesondere die Arbeiten von J. Coleman (1991) und H. Esser (1993).

152  So sind die Sozialwissenschaften, wie Bhaskar (1978: 59) postuliert, Gegenstand ihrer selbst, so dass eine Wissenschaftstheorie nur dann möglich ist, wenn sie nicht davon ausgeht, Wissens- und Wahrheitsansprüche zu fundieren, sondern fragt: „What the world must be like for certain characteristic (discursive and practical) social activities of science to be possible“ (Bhaskar 1991: 27). Das sozialwissenschaftliche Vorverständnis der sozialen Realität reicht bedeutend weiter als das naturwissenschaftliche, wie sich in Bezug auf ihre spezifischen Gegenstände wie Mikrophysik oder Biogenetik deutlich zeigen lässt; vgl. hierzu auch W. Outhwaite (1993: 97).

153  Wenngleich nur kursorisch, so verweist auch Giddens auf die Notwendigkeit, zwischen einem naturwissenschaftlichen und einem sozialwissenschaftlichen Kausalitätskonzept zu unterscheiden, da Gesetzesaussagen in den Sozialwissenschaften immer historisch sind: „They hold only given specific conditions of ‚boundedness‘ of knowledgeably reproduced systems of social interaction.“ (Giddens 1982a: 15) Vgl. grundsätzlicher zur Frage ‚sozialer Kausalität‘ etwa T. Schatzki (1989).

154  Auf den Zusammenhang zwischen der Position von A. Giddens und derjenigen H.G. Gadamers verweist insbesondere H. Dickie-Clark (1984, 1990). Kritisch demgegenüber S. Hekman (1983, 1990).

155  Vgl. zur Notwendigkeit der Historisierung von Erkenntnisprozessen auch P. Wagner (1995b).

156  Zur Konzeptualisierung der Theorie der Strukturierung als einer kritischen Theorie vgl. insbesondere R. Bernstein (1988), der darauf hingewiesen hat, dass Giddens nur eine Minimalkonzeption von Kritik verfolgt, eine rationale Kritik verkürzter Alltagstheorien und Ideologien im Sinne einer Stärkung der Menschen und nicht eine rationale Begründung von Kritikmaßstäben im Stile von J. Habermas.

157  „...the sociological imagination fuses with the task of sociology in contributing to the critique of existing forms of society“ (Giddens 1982c: 22).

158  Giddens folgt in dieser Perspektive der Vorstellung des Zusammenhangs von wissenschaftlichem Fortschritt und gesellschaftlicher Organisation, wie sie den Arbeiten M. Foucaults zu Grunde lag. So führte die Durchsetzung der modernen Psychiatrie nicht primär zu einem besseren Verständnis der Phänomene psychischer Krankheit, die schon lange existierten, sondern veränderte in erster Linie die sozialen Handlungsweisen und Praktiken. Vgl. auch A. Giddens (1993) mit Bezug auf den Wandel der Sexualität und Intimität in der Moderne.

159  Vgl. hierzu Giddens’ (1979: 165-196) Auseinandersetzung mit den Konzepten der Ideologie und des falschen Bewusstseins.

160  „According to this perspective, as practising social scientists we may legitimately make moral criticism of states of affairs, although we must seek to justify those criticisms when called upon to do so. We cannot ground moral critique in the mode of justification itself, and in the sense of finding ‚pure foundations’ cannot ground it at all. But this does not mean that moral critique derives merely from whims or feelings, or that we are at the mercy of a particular historical conjuncture. Dialogue with any and every moral standpoint is possible, and always involves a fusion of moral and factual dispute. Most of the time, most of us do not find ourselves in circumstances of moral puzzlement when confronted with particular states of affair, in the way in which philosophical accounts of the difficulty, or the impossibility, of grounding of moral evaluations might lead us to suppose“ (Giddens 1989: 291).

161  Vgl. zum Konzept der Lebenspolitik (life-politics) auch P.A. Berger (1995b) und S. Sigmund (1998).

162  Gegenwärtig zeigt sich dies etwa anhand der Arbeiten von C. Campbell (1996), M. Schmid (1998), H. Esser (1999f.), U. Schimank (2000) oder W. Schluchter (2000). Da jede Regel bekanntermaßen für ihren Bestand einer Ausnahme bedarf, sei an dieser Stelle auf N. Luhmanns systemtheoretisches Programm verwiesen. Vgl. insbesondere Luhmann (1997).

163  Aus der mittlerweile unübersichtlichen Fülle an Arbeiten zu diesem Thema seien hier exemplarisch nur genannt: H. Haferkamp (1972), H. Lenk (1977-1984), A. Balog/M. Gabriel (1998) sowie die Übersichtsartikel von A. Dawe (1978) und J. Turner (1985).

164  Dies verdeutlicht ein Blick in die verschiedensten soziologischen Nachschlagewerke, Lexika oder Einführungen. Überall findet sich als Ausgangspunkt für die Konzeptualisierung des soziologischen Handlungsbegriffs ein Rückgriff auf Webers theoretische und methodologische Grundannahmen.

165  Hervorzuheben aus der ausufernden Sekundärliteratur zur Weberschen Handlungstheorie und zum Status des Handlungsbegriffs sind insbesondere die Arbeiten von H. Girndt (1967), C. Seyfarth (1978b), W. Schluchter (1979, 2000), K. Allerbeck (1982), R. Prewo (1987), R. Döbert (1989), K.-S. Rehberg (1994) und C. Campbell (1996). Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Debatte über die anthropologischen Grundlagen der Weber’schen Soziologie. Vgl. hierzu insbes.: F. Tenbruck (1975), W. Hennis (1987) und K.-S. Rehberg (1979, 1994). Kritisch dagegen insbes. W. Schluchter (1989a, 1989b).

166 

Vgl. hierzu insbesondere auch den Briefwechsel zwischen T. Parsons und A. Schütz (1977) wie auch diese Entwicklungslinien systematisch weiterverfolgend T. Schwinn (1993). Diese ‚Weichenstellung‘ präformierte über lange Zeit in ihren unterschiedlichen Schwerpunktlegungen den handlungstheoretischen Diskurs innerhalb der Soziologie.

Die begrifflich und analytisch weitreichendsten Überlegungen zu einer handlungstheoretischen Grundlegung des Faches, die direkt an den Weberschen Überlegungen und seiner Handlungstypologie anschließen, stellen gegenwärtig sicherlich die Arbeiten von J. Habermas (1981a, 1981b) und W. Schluchter (1979) dar. Doch auch die neofunktionalistischen Versuche der Revision des Parsons’schen Ansatzes von R. Münch (1982) und J. Alexander (1982ff.) stehen in dieser Tradition.

167  Einen umfassenden Überblick zu Mead bieten die grundlegenden Arbeiten von H. Joas (1989) und H. Wenzel (1990b).

168  Mit der Bezeichnung konstitutionstheoretisch folge ich Überlegungen von D. Böhler (1978) und K.-S. Rehberg (1979, 1994).

169  Für diesen Zusammenhang ist insbesondere W. Kamlahs (1973) Konzept der ‚Widerfahrnis‘ instruktiv.

170  Vgl. hierzu die klassischen Arbeiten von R.K. Merton (1936) und F.A. von Hayek (1969). Zur Übersicht R. Jokisch (1981).

171  Diese Perspektive ernst nehmend, lässt sich eine Traditionslinie ziehen, die ihren Ausgangspunkt mit den Arbeiten von W. Buckley (1967) und A. Etzioni (1975) nimmt und über die Beiträge von M. Crozier/M. Friedberg (1977), A. Touraine oder P. Bourdieu (1976, 1988) bis hin zu den Überlegungen von M. Archer (1988, 1995) oder T. Burns /T. Dietz (1995) die wechselseitige Bezugnahme auf Handlungs- und Strukturaspekte zur Grundlage ihrer Theorien macht. Selbst die rationalistisch-utilitaristischen Ansätze, wie sie beispielsweise H. Esser (1993, 1999f.) oder J. Coleman (1991) vertreten, beziehen mitlerweile die Black Box der Kontextbedingungen systematisch in ihre Ansätze - beispielsweise in Form von „frames“ und „habits“ oder dem Konzept der „bounded rationality“ – mit ein.

172  Es lässt sich in Giddens’ umfangreichem Werk leider nichts zur soziologischen Austauschtheorie finden, wie sie beispielsweise P.M. Blau (1964) in Weiterentwicklung Simmelscher Gedanken entwickelt hat. Auch der vom Pragmatismus stark beeinflusste handlungstheoretische Ansatz G.H. Meads (vgl. Joas 1989, Wenzel 1990b) wird nicht thematisiert, obwohl sich gerade hierin nicht nur interessante Parallelen sondern auch fruchtbare Anschlussperspektiven zu Giddens’ eigenem Konzept finden ließen.

173  So ist Webers handlungstheoretischer Ansatz, wie auch dessen methodologischer Individualismus nicht Teil seiner systematischen Überlegungen zur soziologischen Handlungstheorie, sondern wird nur im Zusammenhang mit seiner Kritik an Schütz problematisiert. Zwar geht Giddens in ‚Capitalism and Modern Theory‘ auf Webers methodologische Ausführungen ein (1971b: 133-168), doch steht dies primär im Zusammenhang mit allgemeinen Ausführungen der Werkexplikation und nicht mit einer kritischen Diskussion des soziologischen Handlungsbegriffs.

174  In einem Interview mit B. Kießling betont A. Giddens (1988b: 289) diesen Punkt nochmals: „Entscheidend ist, daß ich diesen Begriff (den der Handlung, S.S.) unabhängig von dem der Intentionalität einführe. ‚Handeln‘ soll sich in erster Linie beziehen nicht auf die Intentionen der beteiligten Subjekte, sondern eher auf deren praktisches Vermögen, Veränderungen in der praktischen Welt zu bewirken und auf die vom Handeln produzierte Objektivität selbst. (...) Handeln ist, mit anderen Worten, nichts weiter als das ständige Eingreifen der Menschen in die natürliche und soziale Ereigniswelt.“

175  Wenngleich er aufgrund methodologischer Überlegungen stark auf die Intentionalität des Handelns abhob, sah dies auch schon Weber (1972: 10): „Das reale Handeln verläuft in der großen Masse seiner Fälle in dumpfer Halbbewußtheit oder Unbewußtheit seines ‚gemeinten Sinns‘. Der Handelnde ‚fühlt‘ ihn mehr unbestimmt , als daß er ihn wüßte oder ‚sich klar machte‘, handelt in der Mehrzahl der Fälle triebhaft oder gewohnheitsmäßig.“

176  Siehe C. Taylor (1993).

177  So betont auch J. Rex (1982/83: 1005) die Rolle Derridas für Giddens Werk: „Crucial to his (Giddens, S.S.) argument is his attempt to take up and improve on the notion of the french writer Derrida“. I. Cohen (1989: 198), H. Joas (1986b: 239) und G. Wagner (1991a) weisen ebenfalls auf diesen Einfluss hin.

178  „Wenn ein Zeichen seinen bestimmten Sinn nur dadurch erwirbt, daß es sich von allen anderen Zeichen unterscheidet, dann verweist es offenbar nicht zuerst auf sich selbst. Sondern es nimmt sozusagen den Umweg über alle anderen Zeichen des Systems und kommt erst danach identifizierend auf sich selbst zurück. Man kann also wirklich sagen, daß es von sich selbst durch nichts weniger als durch das Universum aller anderen Zeichen (...) getrennt ist. Das bedeutet, daß die Differenz ursprünglicher ist als die Identität“ (Frank 1983: 95f.).

179  Interessanterweise spricht A. Giddens (1979: 10) von der Zeichentheorie Derridas als einer „novel theory of structuration“ und kennzeichnet dessen Konzept der ‚Différance‘ als ‚structuration‘, wenn auch nicht in dem von ihm anvisierten gesellschaftstheoretischen Sinne (ebd.: 35f.).

180  Diesen Gedanke der Ablösung der Macht von den subjektiven Intentionen — die damit fundamental für die menschlichen Handlungen ist — stützt er durch die Verknüpfung mit den Strukturaspekten Herrschaft (domination), Sinnkonstitution (signification) und Legitimation (s.u.). Alle drei Dimensionen sind gleichen Ursprungs und gehen zusammen in den Handlungsbegriff ein (Giddens 1988a: 81f.). Zur weiteren Diskussion des Machtbegriffs siehe auch D. Layder (1985), K. Betts (1986) oder R. Münch (1994), der in A. Giddens’ Machtkonzeption den Kern der Strukturierungsidee vermutet.

181  „In conceptualizing human agency, Giddens presents what he terms a ‚stratified model‘, which appears to be a combination of psycoanalytic theory, phenomenology, ethnomethodology, and elements of action and interactionist theory” (Turner 1986: 973).

182  „The distinctive feature of human action, as compared with the conduct of the animals, I take to concern what Garfinkel labels the ‚accountability‘ of human action. I think the notion of accountability to be a highly important one, meaning by it that the accounts which actors are able to offer of their conduct draw upon the same stocks of knowledge which are drawn upon in the very production and reproduction of their action“ (Giddens 1982a: 31).

183  Vgl. R. Bernstein (1988), B. Kießling (1988: 184ff.), I. Cohen (1989: 49f.).

184  Vgl. hierzu D.P. Johnson (1990).

185  A.Giddens (1987i:105) zu Folge ist es „essential for people who work in the social sciences to be alive to philosophical problems. That is, I don't think you can do social science effectively without being clued into philosophical debates, because at the heart of the social sciences are major difficulties in characterising what human beings are like and what human agency is. Such questions are in some part philosophical, and to be alert to what philosophers are writing about those issues seems to me important.“ (Vgl. hierzu ausführlicher Giddens 1982d und 1987d: 55f.).

186  „Ich unterscheide von den erschlossenen Regelmäßigkeiten einer solchen erklärenden Psychologie diejenigen, die ich als Struktur des seelischen Zusammenhanges bezeichne. Dieser Zusammenhang enthält in sich ein festes System von Beziehungen seiner Glieder. Es ist dem anatomischen Aufbau eines Körpers zu vergleichen. Es besteht in einer regelmäßigen Anordnung der Bestandteile des psychischen Zusammenhanges. Die Beziehungen in diesem System sind die von Teilen in und zu einem Ganzen. Und sie sind in einem Sinne erlebbar, den ich bald näher definieren werde. Solche Strukturbeziehungen bestehen zwischen weit voneinander abstehenden Erlebnissen. So kann der Beschluß, in dem ich mir einen Lebensplan vorzeichne, strukturell mit einer langen Reihe von Handlungen verbunden sein, die in vielen Jahren und in weiten Abständen von ihm auftreten. Diese Eigenschaft der Struktur ist von der höchsten Bedeutung. Wie das Leben in zeitlichen Vorgängen verläuft, deren jeder der Vergangenheit anheimfällt, ist in ihm Gestaltung und Entwicklung nur möglich, weil die Korruptiblität jedes Vorgangs überwunden wird durch einen Zusammenhang, der das zeitlich voneinander Getrennte in eine innere Verbindung setzt und so möglich macht, daß Vergangenes bewahrt und Flüchtiges in einem Fortgang zu immer haltbareren Formen gefestigt wird. Der ganze Lebenslauf ist ein Strukturzusammenhang zeitlich beliebig weit abstehender Erlebnisse, von innen gegliedert und zur Einheit verbunden“ (Dilthey 1968: 324).

187  Zur Diskussion der Bedeutung des Konzepts der ‚unacknowledged conditions of action‘ im Rahmen des Giddens’schen Werkes vgl. J. Livesay (1989).

188  „The unconscious, for Lévi-Strauss, is the source for the basic structuring principles that govern language“ (Giddens 1979: 20).

189  Vgl. oben die ausführlichen Bemerkungen zu Derridas Theoriekonzept hinsichtlich der Ausformulierung des Giddens’schen Handlungsbegriffs.

190  Vgl. hierzu: B.Waldenfels (1985: 79-93).

191  Vgl. etwa auch R. Collins (2000).

192  „Structures of signification can be analyzed as systems of semantic rules, those of domination as systems of resources; those of legitimation as systems of moral rules. In any concrete situation of interaction, members of society draw upon these modalities of production and reproduction, although as an integrated set rather than three discrete components “ (Giddens 1976a: 123f) .

193  Vgl. zu diesem Schaubild J. Turner (1995: 463).

194  Vgl. insbesondere die instruktiven Kritiken von J.B. Thompson (1989), D.V. Porpora (1989) und W. Sewell Jr. (1992), die trotz unterschiedlicher Schwerpunktlegung zu demselben Ergebnis kommen, dass Giddens’ Verwendung des Regelbegriffs zwar sinnvoll in Bezug auf eine Reformulierung des Strukturbegriffs ist, in der vorliegenden Form jedoch theoretisch unterkomplex ist und durch weitere Konzepte ergänzt werden müsste.

195  Dies erklärt auch die Vielzahl von Reaktionen, die sich kritisch auf A.Giddens’ Strukturkonzeption beziehen. So weist C. Görg (1994a) darauf hin, dass es hinsichtlich des Strukturbegriffs in „Giddens Argumentation sehr unterschiedliche Bedeutungsdimensionen nicht klar voneinander getrennt bzw. unklar in Beziehung gesetzt würden.“ Ähnlich auch W. Sewell, Jr. hinsichtlich der kategorialen Gleichsetzung von Regeln und Ressourcen. Sewell postuliert darüber hinaus, dass in Giddens’ Theoriekonzept „structure (...) remains frustratingly underspecified“ (Sewell 1992: 5). Vgl. darüber hinaus auch B. Kießling (1988).

196  Vgl. T. Parsons (1968) und daneben die instruktiven Auseinandersetzungen mit diesem Konzept bei M. Schmid (1989) und H. Wenzel (1990).

197  I. Cohen (1989) und J. Turner (1995) weisen ebenfalls auf diese Parallele hin, ohne diesen Aspekt jedoch systematisch weiter zu verfolgen.

198  In Giddens’ Werk findet sich eine Vielzahl von Definitionen der sozialen Systeme, die von dyadischen Beziehungen bis hin zu Gesellschaften reichen können. (Vgl. etwa Giddens 1991 oder 1979: 73f.).

199  Ich werde im Folgenden die englische Bezeichnung ‚structural properties‘ beibehalten, da die deutsche Übersetzung ‚Strukturmomente‘ den übergreifenden und konstitutiven Aspekt dieser Kategorie meines Erachtens nicht adäquat wiedergibt.

200  „Structure thus refers,  in social analysis, to the structuring properties allowing the binding of time-space in social systems“ (Giddens 1984b:17, Hervorhebung, S.S.). Leider unterschlägt die deutsche Übersetzung diesen wichtigen Aspekt. Vgl. Giddens (1988a: 68f.).

201  „The study of structures ... is always the study of structuration“ (Giddens 1979: 105).

202  Giddens verwendet interessanterweise die Begriffe institutionelle und strukturelle Analyse synonym.

203  Zur Explikation dieses Verfahrens siehe Giddens (1988a: 342ff.).

204  „Alle Strukturmomente (structural properties, S.S.) sozialer Systeme (...) sind Mittel und Ergebnis der kontingent ausgeführten Handlungen situierter Akteure“ (Giddens 1988a: 246).

205  So die Vorwürfe von A. Stinchcombe (1990) oder J. Turner (1995).

206  Giddens (1990a: 310) selbst verweist auf diese Diskrepanz: „I have never thought of structuration theory as providing a concrete research programme within the social sciences as a whole, ... It is an attempt to work out an ontology of social life, offering concepts that will grasp both the rich texture of human action and the diverse properties of social institutions.“

207  Vgl. mit ähnlicher Perspektive: M.Archer (1982: 456f), H.-P.Müller (1992: 160f), N.Mouzelis (1989) oder D.Layder (1994: 129ff.).

208  Vgl. hierzu R.Rorty (1988).

209  Hier zeigen sich weitgehende Übereinstimmungen mit derpragmatischen Handlungstheorie, wie sie insbesondere H.Joas in den letzten Jahren herausgearbeitet hat (vgl. Joas 1992). Darüberhinaus aufschlußreich in diesem Zusammenhang D.Böhler (1978).

210  Vgl. in ähnlicher Weise, wenn auch mit vollständig differentem Interesse die Theorieentwicklung P.M.Blaus, der in seinen frühen — austauschtheoretischen Arbeiten — primär sozialpsychologische Analysen vorantrieb, während er seit Mitte der 70er Jahre einen Wandel seiner theoretischen Grundprämissen dahingehende vollzog, dass er die Analyse struktureller Zusammenhänge stärker betonte (Vgl. Blau 1987).

211  Vgl. zu dieser Kritik insbesondere M.Archer (1982, 1988, 1996).

212  Vgl. hierzu die interessanten Überlegungen von B. Gießen (1991), der auch von differenten Ebenen bei der Bestimmung von Situationen ausgeht, die in spezifischer Weise mit der von mir vorgeschlagenen Ebenenunterscheidung des Giddens’schen Strukturbegriffs parallel läuft.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
16.01.2008