3. Die soziologischen Grundlagen der Theorie der Strukturierung: Von der Normierung zur Formierung sozialer Ordnung

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Und so darf man auch für die Erkenntnis nicht etwa mit dem Gesellschaftsbegriff beginnen, aus dessen Bestimmtheit sich nun die Beziehungen und gegenseitigen Wirkungen der Bestandteile ergäben, sondern diese müssen festgestellt werden, und Gesellschaft ist nur der Name für die Summe dieser Wechselwirkungen, der nur in dem Maße der Festgestelltheit dieser anwendbar ist.
Georg Simmel

3.1  Der Bestand sozialer Ordnung: Sozial- und Systemintegration

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Mit Blick auf die zentrale Fragestellung dieser Arbeit, ob und inwieweit Anthony Giddens’ Theorie der Strukturierung einen innovativen sozialtheoretischen Bezugsrahmen und analytischen Fortschritt in der soziologischen Theoriebildung markiert, gilt es im Folgenden zu klären, wie er auf gesellschaftstheoretischer Ebene die soziologische Problemstellung nach dem Zustandekommen sozialer Ordnung thematisiert. Hierfür gilt es, den Fokus auf das im Rahmen der Rekonstruktion des Strukturbegriffs entwickelte Konzept der „structural properties“ zu richten, da dies den Überschneidungsbereich zwischen Sozialtheorie und Gesellschaftsanalyse kennzeichnet und die Möglichkeit zur Bestimmung der analytischen und diagnostischen Reichweite der Strukturierungstheorie eröffnet. Löst man sich von der sozialtheoretischen Debatte um den konzeptionellen Status der Grundbegriffe und sucht die hierin angelegten g e sellschaft s theoretischen Implikationen aufzuklären, dann lässt sich, so meine These, das auffallend unausgeschöpfte analytische Potenzial der Theorie der Strukturierung angemessen aktivieren.213 Auf der Basis einer weiterführenden Aufklärung der „structural properties“ ist es nunmehr möglich, sowohl differente soziale Ordnungskonfigurationen zu bestimmen wie auch das dynamische Potenzial gesellschaftlicher Entwicklungen herauszuarbeiten,214 denn „structural properties“ sind die konstitutiven Bestandteile sozialer Systeme – „social systems have  structural properties“ (Giddens 1982a: 35, Hervorhebung S.S.) — und bilden demzufolge das Zentrum des analytischen Interesses der Soziologie.

Um den historisch variablen Prozess der Konstitution und Reproduktion sozialer Systeme explizieren zu können, legt die Strukturierungstheorie nahe, die hierin eingelassenen Regeln und Ressourcen und deren situationales und kontextabhängiges Zusammenwirken mit differenten Handlungsaspekten genauer aufzuklären. Mit sozialen Systemen (vgl. Schaubild 11) lassen sich sowohl die Interaktionen der Individuen in Situationen der Ko-Präsenz als auch die vielfältigen Mechanismen, die für die gegenseitige Koordination dieser Handlungen von Bedeutung sind, bezeichnen, wobei man hierunter einerseits soziale Beziehungen als diejenigen sozialen Kontakte, die eine Art dauerhaftes Band zwischen den Individuen oder Gruppen herstellen, wie etwa Verwandschaftsbeziehungen, und andererseits soziale Interaktionen im Sinne der unmittelbaren und direkten Austauschbeziehungen zwischen den Individuen, fassen kann.

Schaubild 10: Soziale Beziehungen und soziale Interaktionen als Bestandteile sozialer Systeme215

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Auf der Basis dieser abstrakten Bestimmung sozialer Systeme entwickelt Giddens eine Klassifikation, in die neben Gruppen oder Organisationen auch Kollektive, Netzwerke oder Gesellschaften mit eingehen (vgl. Schaubild 12).

Schaubild 11: Klassifikation sozialer Systeme nach Giddens216

Gesellschaft bezeichnet ein soziales System, das vielfältige soziale Systeme umfasst, wobei in der Regel eine Reihe der innerhalb einer Gesellschaft existierenden sozialen Systeme weit über deren territoriale Grenzen hinaus bestehen können. Internationale Organisationen, wie etwa die UNO oder transnational tätige NGOs, religiöse Gruppierungen, seien es fundamentalistische Bewegungen oder institutionalisierte Kirchen, oder soziale Bewegungen, wie beispielsweise die Friedens- oder die Anti-Atomkraft-Bewegung, sind nur einige Beispiele, die dies verdeutlichen. Dieser empirisch offensichtliche Sachverhalt verweist auf die Notwendigkeit, die zentrale kategoriale Bedeutung, die dem Gesellschaftsbegriff in den meisten soziologischen Analysen zukommt, zu problematisieren mit der Folge, auch die für die Soziologie konstitutive Problemstellung nach dem Zustandekommen sozialer Ordnungen zu rekonzeptualisieren und sie im Vergleich zu den klassischen soziologischen Ansätzen erneut zu thematisieren.

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Giddens schlägt eine radikal neue Fassung für die Bestimmung des Ordnungsproblems vor, derzufolge es nicht mehr genügt, dies entlang der Frage nach dem internen Zusammenhang von Gesellschaften zu konzeptualisieren, d.h. ob soziale Einheiten vor dem Hintergrund konfligierender Interessen ihrer Mitglieder Stabilität erreichen, wie dies etwa die vertragstheoretischen Ansätze oder auch die strukturfunktionalistische Kanonisierung durch Talcott Parsons nahe gelegt haben, sondern zu untersuchen „how it comes about that social systems transcend time and space — or, more accurately put, express the intermingling of presence and absence.“ (Giddens 1983b: 78) Die Analyse und Erklärung des Bestands oder Wandels sozialer Ordungsgefüge ist ein bedeutend vielschichtigeres Unterfangen, als dies die normativen Ordnungstheorien nahe legen, denn eine Reihe differenter, über Raum und Zeit divergierender Prozesse gehen hier mit ein. „Gesellschaftliche Ganzheiten (werden) ausschließlich innerhalb eines Kontextes zwischengesellschaftlicher Systeme angetroffen, die entlang von Raum-Zeit-Schwellen verteilt sind. Alle Gesellschaften sind einerseits soziale Systeme und zur gleichen Zeit konstituiert durch die Verschränkung einer Mehrzahl sozialer Systeme. Solche Systemverschränkungen können Gesellschaften vollkommen ‚immanent‘ sein; sie können sich aber auch über mehrere Gesellschaften hinweg erstrecken und eine Vielzahl möglicher Verknüpfungsformen von gesellschaftlichen Ganzheiten und zwischengesellschaftlichen Systemen konstituieren“ (Giddens 1988a: 217). Gesellschaften müssen sowohl hinsichtlich ihrer ‚Einbettung‘ in umfassendere Gesellschaftssysteme, als auch hinsichtlich ihrer internen Strukturierung, analysiert werden. Es lassen sich nach Giddens (ebd: 218) vier Merkmale ausdifferenzieren, Gesellschaft zu definieren: 1. die Strukturprinzipien, die die Gesellschaften als institutionelle Konstellationen in Raum und Zeit verankern; 2. das Territorium (locale) im Sinne periodisch genutzter Raum-Zeit-Pfade; 3. die normativen Elemente, über die legitime Ansprüche auf ein bestimmtes Gebiet erhoben werden können und 4. das Gefühl, eine Identität ausbilden zu können.

Mit Blick auf konkrete Gesellschaften lässt sich innerhalb dieser vier Dimensionen eine enorme historische Variablität konstatieren, ihre Konstanz ist über Raum und Zeit permanent problematisch und brüchig, wie beispielsweise die Geschichte der europäischen Gesellschaften eindrucksvoll verdeutlicht. So lassen sich hierbei nur relativ kurze Phasen der räumlichen Konstanz einzelner Gesellschaftstypen konstatieren, und die territoriale Veränderung sozialer Ordnungsgefüge, meist in der Folge kriegerischer Auseinandersetzungen nach außen oder auch nach innen, scheint den Normalfall darzustellen. Im Rahmen der soziologischen Debatten wird in der Regel mit dem Gesellschaftsbegriff die Vorstellung einer natürlichen Gemeinschaft verknüpft, wie sie dem modernen, ethnisch homogenen Modell des Nationalstaates entspricht. Gleichzeitig zeigt sich aber auch — dramatisiert sicherlich durch die gegenwärtig zu beobachtenden Prozesse der Globalisierung —, dass eine Vielzahl der zentralen sozialen Beziehungen oder sozialen Interaktionen nicht auf eine Gesellschaft allein beschränkt werden können.217

Vor diesem Hintergrund der konzeptionellen Unsicherheit einen scharf definierten Begriff von Gesellschaft unterstellen zu können, bzw. aufgrund der Erkenntnis, dass es sich primär um eine Vielzahl von nach Form und Reichweite zu differenzierende soziale Prozesse handelt, stellt sich die Frage, wie die Handlungsfähigkeit eines sozialen Systems als einer sozialen Einheit gegenüber komplexen und variierenden sozialen Umwelten stabilisiert werden kann. Dies wirft notgedrungen das für die Soziologie zentrale Problem der Integration auf, d.h. der Koordination der gesellschaftlichen Elemente zu- und untereinander wie auch der strukturellen Bedingungen und Aufgaben der Gesellschaft, in dessen Folge das Gesamtsystem als eine nach außen abgegrenzte Einheit einen Zustand raum-zeitlicher Stabilität erlangt. „‘Integration‘ can be defined therefore as regularised ties, interchanges or reciprocity of practices between either actors or collectivities“ (Giddens 1979: 76).

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Gesellschaftliche Totalität stellt sich demnach entweder im Zuge der wechselseitigen Abstimmung von individuellen Handlungselementen untereinander oder dieser Handlungen im Verhältnis zu den gesellschaftlichen Strukturbedingungen ein. Dieses gemeinhin als Integrationsproblem gefasste Verhältnis bezeichnet auch in strukturierungstheoretischer Perspektive den begrifflichen Rahmen, innerhalb dessen Giddens das Konstitutionsverhältnis sozialer Ordnung zu bestimmen sucht. Lange Zeit über die Bestimmung des Beziehungs- oder Vermittlungsverhältnisses von Individuum und Kollektiv oder der gesellschaftlichen Mikro- und Makroebene thematisiert, gewinnt es mit Lockwoods bahnbrechender Distinktion von System- und Sozialintegration (Lockwood 1979) eine begriffliche Fassung, die in der Folge einen „Brennpunkt makrosoziologischer Theoriebildung“ (Joas 1986b: 164) bildet. Giddens schließt an diese Leitdifferenz an, wendet diese jedoch dahingehend, dass er versucht, sie einerseits den Synthetisierungsversuchen des so genannten Micro-Macro-Links entgegenzusetzen, um andererseits dadurch die fundamentale Bedeutung von Raum und Zeit für den gesellschaftlichen Integrationsprozess herauszuarbeiten.

Integration als Reziprozität der Praktiken bedeutet für Giddens deshalb nicht, wie es in der Tradition von Lockwood betont wird, die Differenz „zwischen den Verbindungen, die Akteure im Unterschied zu Kollektiven zusammenhalten“ (Giddens 1988a: 80), sondern ist bezogen auf die „Unterscheidung zwischen Kopräsenz und Abwesenheit in sozialen Beziehungen“ (ebd.). Sozial- und Systemintegration verweisen nicht mehr auf unterschiedliche Analyseebenen, die spezifisch zu unterscheidenden Mechanismen und Prozessen unterliegen, sondern sie kennzeichnen vielmehr denselben sozialen Mechanismus, der jedoch in Raum und Zeit variiert.

Giddens (1988a: 192ff.) entwickelt das Begriffspaar Sozial- und Systemintegration in Abgrenzung von der Mikro-Makro-Unterscheidung. Hierbei bezieht er sich in erster Linie auf Randall Collins, der ebenso die Kategorien Raum und Zeit in den Mittelpunkt seines gesellschaftstheoretischen Programms der „microtranslation of macrostructures“218 stellt. „Es gibt in Collins’ Augen nur drei ‚reine Makrovariablen‘: Raum, Zeit und Zahl. So kann ein Konzept wie etwa die ‚Zentralisierung von Autorität‘ in Aussagen über Mikrosituationen übersetzt werden – wo situierte Akteure Autorität in überschaubaren Situationen wirklich ausüben. Die ‚reinen Makrovariablen‘ kommen ins Bild als die Zahl dieser Situationen in Raum und Zeit“ (ebd.: 194). Nach Collins sind diese strukturellen Variablen meist nur die bloße Aggregation von Menschen, die an unterschiedlichen Mikrosituationen teilhaben, wodurch er die soziale Wirklichkeit als reine ‚Mikro-Erfahrung‘ qualifiziert.

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Giddens setzt sich hiervon kritisch ab, indem er hervorhebt: „Worüber normalerweise unter der Überschrift von Mikro/Makro-Prozessen gesprochen wird, ist die Positionierung des Körpers in Raum und Zeit, die Natur von Interaktionen in Situationen von Ko-Präsenz und die Verbindung zwischen diesen und ‚abwesenden‘ Einflüssen, die für die Einschätzung sozialen Verhaltens relevant sind. Diese Phänomene – in der Tat die eigentlichen Grundlagen der Theorie der Strukturierung – werden besser in der Perspektive der Beziehungen zwischen System- und Sozialintegration behandelt“ (ebd.: 196).

Dem Begriffspaar Sozial- und Systemintegration liegt die Verhältnisbestimmung von Teil und Ganzem, von Individuen und sozialen Gruppierungen zu Grunde, die ein Leitproblem soziologischer Erkenntnis darstellen und von jeher über den Zusammenhang von Differenzierung und Integration thematisiert werden.219 So macht schon Emile Durkheims klassische Untersuchung über das Verhältnis zwischen organischer und mechanischer Solidarität (Durkheim 1988) die konstitutive Bedeutung des Problemzusammenhangs gesellschaftlicher Integration für die soziologische Theorie deutlich, indem er im Zuge der Explikation unterschiedlicher Integrationsmechanismen — normative versus funktionale — die Differenz bzw. den Übergang von einfachen zu modernen Gesellschaften entwickelt.

Talcott Parsons schreibt dies fort, indem er die Problemstellung der gesellschaftlichen Integration weiterhin als ein Kernelement soziologischer Analysen bezeichnet. Unter der Annahme, dass Systemstabilität nur als funktionaler Strukturzusammenhang interpretiert werden kann, stellt sich der Integrationsprozess als funktionale Notwendigkeit der Systemerhaltung dar. Da nun „die Struktur von Sozialsystemen aus institutionalisierter normativer Kultur besteht“ (Parsons 1976: 170), stellt das gesellschafltiche Werte- und Normensystem die wichtigste integrative Instanz dar. Ein Sozialsystem kann sich demnach nicht über die Koordination der einzelnen subjektiven Handlungsakte ‚kreativ‘ konstituieren, vielmehr werden die Individuen via Sozialisation bzw. Internalisierung des gemeinsamen Wertesystems in dieses System integriert. Die Koordination und Kooperation der institutionalisierten Verhaltensmuster gewährleisten die Stabilisierung der gesellschaftlichen Ordnung.

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Jürgen Habermas radikalisiert diese Perspektiven in seiner Theorie kommunikativen Handelns (1981). Er schlägt in Fortführung der genannten Autoren ein zweistufiges Gesellschaftskonzept vor, in dem er analytisch zwischen Lebenswelt und System differenziert und dies auf die Formel bringt, dass „Gesellschaften systemisch stabilisierte Handlungszusammenhänge sozial integrierter Gruppen darstellen“ (Habermas 1981b: 228). System und Lebenswelt folgen im Verlauf der gesellschaftlichen Evolution einer je eigensinnigen und damit unterschiedlichen Entwicklungslogik, derzufolge der Grad an Systemevolution abhängig ist von der Chance der Erhöhung der Steuerungsleistung, während das Auseinandertreten von Kultur, Gesellschaft und Persönlichkeit den Entwicklungsstand der symbolisch strukturierten Lebenswelt anzeigt.

Zentral für diese, den soziologischen Diskurs lange präformierenden Theorieperspektive war es, den gesellschaftlichen Integrationsprozess als Folge eines zweistufigen Mechanismus zu bestimmen. Einerseits werden die sozialintegrativen Prozesse primär in der Folge der Bindung der Akteure an das gesellschaftliche Normen- und Wertesystem interpretiert, es gilt die Intergration der Individuen in die Gesellschaft aufzuklären, andererseits verweisen die Prozesse der Systemintegration auf die Koordination der funktionalen Beiträge der Teilsysteme einer Gesellschaft zur Systemerhaltung bzw. -stabilität. Diese Bestimmung ist nach Giddens jedoch theoretisch und konzeptuell reduktionistisch, da sie das grundlegende Problem des Zusammenhangs von Handlungs- und Ordnungsintegration nicht löst, sondern nur in begrifflicher Variation kontinuiert.

David Lockwood scheint sich dessen ebenfalls bewusst und propagiert deshalb, dieses theoretische Problem dadurch zu überwinden, dass er die Differenzierung zwischen Sozial- und Systemintegration als rein analytische einführt: „Während beim Problem der sozialen Integration die geordneten oder konfliktgeladenen Beziehungen der Handelnden eines sozialen Systems zur Debatte stehen, dreht es sich beim Problem der Systemintegration um die geordneten oder konfliktgeladenen Beziehungen zwischen den Teilen des sozialen Systems“ (Lockwood 1979: 125). Die in der Parsons’schen Theorie angelegte Verbindung dieser beiden Integrationsaspekte ist seiner Meinung nach defizitär, da als einzige „systematisch differenzierte Teile der Gesellschaft nur die in ihr institutionalisierten Verhaltensmuster“ (ebd.) thematisiert werden und somit Rollenkonflikte als Folge unvereinbarer Verhaltenserwartungen die einzigen systemischen Störungen der gesellschaftlichen Integration darstellen.

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Unter Rückgriff auf seine frühe Parsons-Kritik (Lockwood 1956), in der er darauf verwies, dass sich soziale Systeme über ihren normativen Gehalt hinaus aus nichtnormativen, materiellen Bedingungen zusammensetzen, entwickelt Lockwood in Anschluss an Marx eine Begriffsdifferenzierung, mit deren Hilfe er die gesellschaftstheoretische Relevanz systemintegrativer Prozesse aufzeigen möchte, die in der Parsons’schen Theorie vernachlässigt werden. Marx kennzeichnet die Art und Weise, wie bzw. ob es kapitalistischen Gesellschaften gelingt, sowohl auf der Ebene der institutionellen Ordnung (System) den Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen als auch auf der Ebene der Akteure den Widerspruch zwischen den antagonistischen Klasseninteressen als die entscheidende Ursache gesellschaftlicher Stabilität bzw. Dynamik aufzulösen. Erst die Bestimmung des Verhältnisses dieser beiden ‚Widersprüche‘ zueinander hinsichtlich ihrer gegenseitigen Beeinflussung ermöglicht seiner Meinung nach die Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung von einer sozialen Formation zur anderen.

Ohne auf die reduktionistischen Konnotationen der Hypostasierung der Ökonomie innerhalb des Marx’schen Ansatzes einzugehen, gewinnt Lockwood diesen Überlegungen vor allem die Einsicht in die Bedeutung der Differenzierung von System- und Sozialintegration als notwendigem analytischen Konstrukt zur Explikation gesellschaftlicher Prozesse ab. Denn neben der Betonung sozialintegrativer Prozesse als zentraler Konstitutionsbedingung von Gesellschaften durch den normativen Funktionalismus zeigt Lockwood die Bedeutung systemintegrativer Prozesse als autonome Analyseeinheit für die gesellschaftliche Integration auf. Die „Vorstellung eines funktionalen Widerspruchs zwischen der herrschenden institutionellen Ordnung eines sozialen Systems und seiner materiellen Basis“ (Lockwood 1979: 131) verweist auf eine systemimmanente Dynamik, die integrative wie auch desintegrative Konsequenzen haben kann, unabhängig von der auf der Sozialebene erreichten kollektiven Solidarität.220 Die Marx’sche Theorie stellt für Lockwood diejenige soziologische Konzeption dar, der es gelingt, Probleme der Ordnungs- und der Handlungsintegration und ihres Zusammenwirkens zu thematisieren. Für die Erklärung gesellschaftlicher Dynamik rekurriert sie insbesondere auf die zentrale Bedeutung systemintegrativer Prozesse und entwickelt hieraus ein analytisches Modell, das die Konstitutionsbedingungen von Gesellschaften auf der Grundlage des Gedankens der strukturellen Widersprüche expliziert.

Trotz der Probleme und Unzulänglichkeiten, die eine Verallgemeinerung des Marx’schen Ansatzes in diesem Zusammenhang aufwirft,221 wie auch seiner rudimentären Ausarbeitung,222 kommt Lockwoods hieraus abgeleiteter Differenzierung von Sozial- und Systemintegration eine große Bedeutung für die soziologische Theoriebildung zu, denn sie stellt einen der ersten systematischen Versuche dar, den Dualismus von Struktur- und Handlungstheorie nicht nur theoretisch zu reflektieren und begrifflich und analytisch mit Hilfe eines integrativen Konzepts aufzulösen, um die damit einhergehenden Reduktionismen überwinden zu können, sondern auch in eine soziologische Begrifflichkeit zu überführen. Dieser Konzeptualisierung der beiden Begriffe kommt das analytische Verdienst zu, die „faktische Interdependenz von Teilen und Bereichen der Gesellschaft“ (Joas 1986b: 164) aufgezeigt zu haben, denn seine Betonung der gleichzeitigen Wirkung beider Integrationsdimensionen impliziert ein Ordnungsmodell, das grundlegend auf das rekursive Zusammenwirken von Sozial- und Systemebene verweist und somit auf ein einstufiges Gesellschaftsmodell abzielt.223 

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Lockwood kann somit gegen eine funktionalistische Vorstellung der Integration der Individuen in die Gesellschaft hervorheben, dass seine begriffliche Differenzierung es nicht nur erlaubte, Prozesse der Sozial- und der Systemintegration unabhängig von gemeinsamen Werthaltungen oder einem allgemein geteilten moralischen Konsens zu thematisieren, sondern auch ‚abweichende‘ oder konfligierende Interessen in die Analyse aufnehmen zu können, ohne auf die Anomietheorie rekurrieren zu müssen. Diese analytische Ausweitung der Interpretationsperspektive gesellschaftlicher Integration bleibt jedoch in der Lockwood’schen Fassung noch rudimentär, denn seine Verknüpfung der beiden ‚künstlich getrennten‘ Integrationsdimensionen durch die ausschließliche Konzentration auf das Marx’sche Modell ist problematisch.224 

Die Stukturierungstheorie analysiert den Prozess der Integration jedoch nicht mehr vor dem Hintergrund der Verhältnisbestimmung von Individuum und Kollektiv, demzufolge hierbei differente Ebenen der Analyse angesprochen sind, sondern betont in Weiterführung von Lockwoods begrifflicher Unterscheidung, dass der Integrationsprozess als einheitlicher Mechanismus zu fassen ist, der primär in Raum und Zeit variiert. Nicht mehr die Differenz in der Beziehungsqualität, d.h. Unterschiede des Relationsmodus, der die Beziehungen zwischen den Akteuren steuert, und derjenigen zwischen Kollektiven oder Teilsystemen steht im Zentrum der Untersuchung, sondern die Differenz hinsichtlich der räumlichen und zeitlichen Reichweite der Beziehungen, so dass es nahe liegt, dass Giddens den Prozess der Sozialintegration als „Reziprozität zwischen Akteuren in Kontexten von Kopräsenz“ (Giddens 1988a: 81) definiert, während er Systemintegration als die „Reziprozität zwischen Akteuren oder Kollektiven über größere Raum-Zeit-Spannen“ (ebd.) fasst. Gesellschaften unterscheiden sich somit in der Art und Weise ihrer institutionellen Vernetzung — sprich Systemness —, da der Modus der Überschneidung von An- und Abwesenheit in sozialen Beziehungen wechselt.225 

Es lassen sich nun mehrere rekursive Mechanismen unterscheiden, die laut Giddens in den Prozess der gesellschaftlichen Integration eingehen. Blickt man auf die in der strukturierungstheoretischen Bestimmung des Handlungsbegriffs gewonnenen kategorialen Unterscheidungen, dann wird deutlich, dass für den Prozess der Sozialintegration primär das reflexive Überwachen der Interaktionssituation bedeutsam ist, wobei die Akteure sich entweder auf das praktische oder das diskursive Bewusstsein stützen. Auf der Ebene der Systemintegration treten weitere, teilweise der unmittelbaren Steuerung durch die Akteure entzogene Mechanismen hinzu: das schon in der funktionalistischen und systemtheoretischen Theorietradition hervorgehobene Modell der Homöostase, das über kausale Korrekturschleifen blind funktioniert; das Modell der Selbststeuerung durch Rückkopplung wie auch der Prozess einer reflexiven Selbststeuerung.

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Giddens’ Reformulierung der Relation von System- und Sozialintegration, in deren Mittelpunkt die über Raum und Zeit variierende Reziprozität der sozialen Prozesse steht, stellt in Bezug auf die Lösung des Problems sozialer Ordnung somit eine grundsätzliche Neufassung dar. Insbesondere durch seine Betonung der in der sozialwissenschaftlichen Literatur bisher nur rudimentär mit aufgenommenen Konzepte von Raum und Zeit ist es ihm möglich, den Grundgedanken seiner Strukturierungstheorie, die Leitdifferenz von Handlung und Struktur, in ein duales, sich wechselseitig bedingendes Konzept der ‚Strukturierung‘ zu überführen.

Wichtig erscheint daher nicht, wie soziale Ordnung zu schaffen ist, sondern sie unter der oben ausgearbeiteten Reformulierung des Verhältnisses von Handlung und Struktur neu zu betrachten. Insofern stellt Giddens’ Neufassung der Integrationsproblematik auf der Basis des Konzepts der ‚Strukturierung‘ meines Erachtens einen wichtigen theoretischen Anstoß für die gesamte Theoriebildung dar, da sie insbesondere den Einfluss räumlich-zeitlich divergierender Prozesse für die Konstitution sozialer Ordnung auf der Grundlage der sozialtheoretisch begründeten Relationalität der Konzepte ‚Struktur‘ und ‚Handeln‘ hervorhebt.

Wie gezeigt, steht Giddens’ Abgrenzung des Systembegriffs von dem der Struktur im Kontext seines Versuchs, den theoretischen Fallstricken des Funktionalismus zu entgehen, der über die Koppelung dieser beiden Kategorien deren unabhängigen Beitrag zur Analyse von Gesellschaften nivelliert. Unter der Annahme, dass Systemstabilität weitgehend als funktionaler Strukturzusammenhang zu interpretieren ist und das bestehende gesellschaftliche Institutionengefüge als Ausdruck der vorherrschenden kulturellen Muster und Überzeugungen die Struktur des Sozialsystems repräsentiert und aufrechterhält, wurde der Prozess gesellschaftlicher Integration lange Zeit zur konstitutiven Notwendigkeit der Systemerhaltung erhoben. Das gesellschaftliche Normen- und Wertesystem bezeichnet demzufolge die zentrale Integrationsdimension, die über den Prozess der Sozialisation und Internalisierung die individuellen Akteure in das Sozialsystem integriert und gleichzeitig, im Zuge der Kooperation und Koordination der institutionalisierten Verhaltensmuster, die gesellschaftliche Ordnung stabilisiert.

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Versucht man stattdessen, die soziale Praxis im Sinne Giddens’ als einen offenen und kontingenten historischen Prozess zu bestimmen, in dem Handlungsbedingungen und Handlungsfolgen chronisch miteinander verschränkt sind, und verzichtet darauf, die Befriedigung sozialtheoretisch schwer zu begründender Systembedürfnisse als Motor der gesellschaftlichen Integrationsdynamik zu kennzeichnen, dann bietet gerade die grundbegriffliche Trennung von Struktur und System die Chance, Handlungen, die unter den Bedingungen der Kopräsenz ablaufen, als Ausgangspunkt soziologischer Analysen zu bestimmen. Soziale Systeme als die stabilisierten und reproduzierten Interaktionen und sozialen Beziehungen zwischen Akteuren und Kollektiven sind in Raum und Zeit verortet und umfassen eine Vielzahl sozialer Konfigurationen, die sich nach der Art und Weise, wie die jeweiligen Interaktionen koordiniert und reproduziert werden, unterscheiden. Der Grad der ‚Systemhaftigkeit‘ (systemness) von Interaktionsbeziehungen variiert und hängt von der Reichweite derjenigen Mechanismen ab, die die Systemreproduktion steuern und für die Integration sozialer Systeme verantwortlich sind.

Durch diese Reformulierung der Relation von System- und Sozialintegration, in deren Mittelpunkt die über Raum und Zeit variierende Reziprozität der sozialen Prozesse steht, ist es Giddens möglich, auch in Bezug auf die Lösung des Problems sozialer Ordnung seine theoretische Konzeption weiterzuentwickeln, die sich von den klassischen utilitaristischen wie normativen Integrationstheorien radikal unterscheidet.226 Die Schwierigkeit liegt nicht mehr darin aufzuklären, wie Gesellschaften intern zusammenhängen und Stabilität erreichen, sondern hängt von der Art und Weise ab, wie weit die geregelten Verbindungen, Vermittlungen oder Reziprozitäten zwischen Akteuren oder Kollektiven wirken. Nicht Werte und Normen bestimmen den Grad sozialer Kohäsion, sondern „how form occurs in social relations, or (put in another fashion) how social systems ‚bind‘ time and space“ (Giddens 1981c: 30), wie Gesellschaften über Raum und Zeit ‚spannen‘, d.h., wie sie räumlich und zeitlich konstituiert und rekonstituiert werden.

Gerade da der faktische Integrationsverlauf ein vielfältiger und dynamischer Prozess ist, in den nicht nur ökonomische, politische, kulturelle oder systemische Aspekte mit eingehen, sondern der sich darüber hinaus auch dadurch auszeichnet, dass er in verschiedenartigen Formen227 gesellschaftliche Relevanz erlangt, bedarf es nach Giddens in theoretischer Perspektive der Kennzeichnung eines zentralen und gleichzeitig allgemein gültigen Mechanismus. Mit Hilfe seiner Umstellung der Begriffsbildung auf die Kategorien von Raum und Zeit sowie der damit vollzogenen Unterscheidung zwischen den Beziehungen unter Anwesenden und den indirekten, vermittelten Beziehungen, zielt er darauf ab, die analytische Unterscheidung zwischen intentendierten sozialen Beziehungen und nicht intendierten Interdependenzen zu überwinden. Denn schon seine Kritik an den klassischen Handlungstheorien legt nahe, den Intentionalitätsbegriff zu modifizieren und insbesondere die nicht intendierten Handlungsfolgen, wie auch die nicht bewussten Handlungsbedingungen als konstitutive Elemente in die Erklärung gesellschaftlicher Prozesse mit aufzunehmen. Da erst die Wechselwirkungen zwischen intendierten und nicht intendierten Handlungsaspekten innerhalb der konkreten gesellschaftlichen Praxis zur Verstetigung bzw. strukturellen Verfestigung einzelner Handlungsmuster und damit zur Stabilisierung und Integration sozialer Ordnungsgefüge führen, bedarf es auch nicht mehr einer analytischen Unterscheidung zwischen Intentionen und Handlungsfolgen bei der Erklärung gesellschaftlicher Integrationsprozesse, sondern stattdessen der Einsicht in die Zentralität eines realitätsnahen Gesellschaftsbegriffs, der die konkreten Wechselwirkungen zwischen den Akteuren und die hierfür konstitutiven Bedingungen in den Blick nimmt. Strukturierungstheoretisch gewendet bedeutet dies meines Erachtens, die Reziprozität zwischen den Akteuren als zentralen Mechanismus aller Integrationsprozesse auszuzeichnen228 und die Differenzen, die sich hinsichtlich der jeweiligen Bindungsqualität ergeben können, erst in einem zweiten analytischen Schritt zu untersuchen. Die genaue Bestimmung eines Systems unterliegt nach diesem Verständnis immer einer empirischen Überprüfung; es bedarf konkreter Analysen der ‚structural properties‘, um die graduellen Unterschiede zwischen sozialen Systemen, d.h. den regelmäßig organisierten sozialen Praktiken zwischen Akteuren oder Kollektiven, auszeichnen zu können.229 Analytisch ausgewiesene soziale Systeme dürfen insoweit auch niemals essenzialistisch gefasst werden, wie es etwa die Logik der Unterscheidung von Sozial- und Systemintegration nahe legt, sondern sie konstituieren und transformieren sich kontinuierlich im Prozess der gesellschaftlichen Praxis, so dass die Kategorien Raum und Zeit als zentrale handlungsermöglichende bzw. handlungsbeschränkende Aspekte notwendig in die Analyse mit eingehen.230 Für das theoretische Verständnis gesellschaftlicher Integrationsprozesse wie auch für die Analyse konkreter sozialer Ordnungsgefüge macht es einen Unterschied, ob soziale Interaktionen vorwiegend unter Bedingungen der An- oder Abwesenheit stattfinden und wie soziale Systeme untereinander verflochten sind bzw. Raum und Zeit überbrücken. Raum und Zeit sind konstitutive Elemente sozialer Beziehungen und strukturieren gesellschaftliche Handlungsfelder ebenso wie ökonomische und politische Ressourcen oder normativ-kulturelle Vorgaben. Sie müssen demnach als soziale Phänomene bestimmt werden.

3.2  Die Konstitution sozialer Ordnung: Raum und Zeit

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Welche Veränderungen müssen jetzt eintreten in unserer Anschauungsweise und in unseren Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden.
Heinrich Heine

Anthony Giddens’ Reformulierung der Gesellschaftstheorie auf der Basis seiner sozialtheoretischen Kritik an den herkömmlichen Handlungs- und Strukturkonzeptionen ist untrennbar verknüpft mit der gesellschaftstheoretischen These, dass die Konzepte von Raum und Zeit konstitutiv für die soziale Praxis sind und deshalb notwendigerweise in die Analyse sozialer Ordnungsbildungsprozesse mit eingehen müssen. Strukturen sind ebenso wie soziale Praktiken und Interaktionen räumlich und zeitlich geprägt, soziale Ordnungsgefüge sind die Folge historischer Prozesse und Konfigurationen, so dass eine strukturierungstheoretische Analyse immer deren zeitliche und räumliche Genese und Veränderung mit in den Blick nehmen muss: „... social theory must acknowledge, as it has not done previously, time-space intersections are essentially involved in social existence.“ (Giddens 1979: 54) Die Strukturierungstheorie postuliert, dass die Verbindungen zwischen Handeln und Struktur nur in spezifischen historischen Perioden und unter besondern räumlichen Kontexten aufzuklären sind und folgt damit der theoretischen Prämisse, dass die Akteure und sozialen Einheiten nicht nur von den räumlichen und zeitlichen Kontextbedingungen geprägt werden, sondern diese auch sozial konstituieren.

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Wenngleich schon in den klassischen Ansätzen immer wieder als wichtige Dimension sozialwissenschaftlicher Analyse benannt,231 kam es bislang nicht zu einer systematischen Bestimmung von Raum und Zeit als einer eigenständigen soziologischen Kategorie. So rezipiert Giddens bei seinem Versuch, den Integrationsmechanismus moderner Gesellschaften entlang der Dimensionen von Raum und Zeit zu bestimmen, zwar eine Vielzahl unterschiedlichster Konzepte, reflektiert hierbei aber weniger auf die bestehenden soziologischen Bestimmungen als vielmehr auf philosophische, historische und geographische Ansätze. Dies scheint zum einen darin begründet, dass der Strukturfunktionalismus lange dominierte, demzufolge Zeit sich objektivieren lasse und die gesellschaftliche Organisation von Zeitsystemen und -regimen primär als Funktion für die Stabilisierung und Kontinuierung sozialer Systeme zu analysieren sei. Zeitlichkeit, soziale Zeit und Geschichtlichkeit wurde, wie Hermito Martins (1974) hervorhob, als konkretes Thema oder Problem primär auf der Ebene metatheoretischer Reflexionen behandelt („thematic temporalism“) mit der Folge, dass Wandel, Temporalität und Diachronie nicht als methodologisch vorrangige Aspekte oder ontologische Grundlagen („substantive temporalism“) des soziokulturellen Lebens in den soziologischen Blick genommen wurden. D.h., das zeittheoretische Defizit innerhalb der Soziologie war nicht „in der Problematisierung des Zeitbegriffs durch die Theorie“ (Friese 1993: 325) begründet, sondern durch den Mangel an theoretischer Aufmerksamkeit für die Bedeutung differenter und teilweise widersprüchlicher sozialer Zeiten, und es bedurfte demnach primär einer theoretischen Erweiterung dahingehend, dass die „Pluralitäten der sozial hergestellten Zeiten“ (ebd.) in der Theorie mitreflektiert werden konnten.232

Auf die grundlegende Bedeutung der Temporalität für die soziologische Analyse wird Giddens zunächst im Zuge seiner Auseinandersetzung mit der Phänomenologie und dem Versuch einer Neubestimmung der Handlungskategorie aufmerksam. Er macht deutlich, dass sich weder die Intentionalität des Handelns noch dessen Zweckorientierung ohne eine systematische Bezugnahme auf historisch genetische Prozesse problematisieren lässt. Denn zwischen Handeln und Zeit besteht eine konstitutive relationale Beziehung; Handlungen sind zwar intentional ausgerichtet, dies ist aber nur dann angemessen zu analysieren, wenn man sich der zeitlichen Einbettung der Handlung theoretisch bewusst ist. Zeit ist keineswegs eine objektive, dem sozialen Leben äußerliche oder vorgängige Kategorie im Sinne einer bloßen „Umwelt“, eines „containers“ oder einer „Bewusstseinskategorie“, sondern unmittelbar in den Prozess der sozialen Reproduktion eingebunden, sie ist gleichermaßen subjektive Zeit und wird durch die Handlungen auch sozial geschaffen, so dass man Giddens zufolge drei differente Formen der Zeitlichkeit unterscheiden muss, die für die soziologische Analyse relevant, sind:233 

1. Die ‚durée of day-to-day experience‘, d.h. die reversible Zeit der chronischen Wiederholung der Alltagsroutinen im zeitlichen Ablauf, auf die etwa Alfred Schütz als andauernde Aktivitäten verwies.

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2. Die Zeitlichkeit des Daseins, d.h. die irreversible Zeit der individuellen Lebensspanne, die mit dem Tode endet und die menschliche Biographie umschreibt.

3. Die ‚longue durée’ der institutionellen Zeit im Sinne F. Braudels, mit der die generationenübergreifende Reproduktion und Stabilität von institutionellen Arrangements bezeichnet wird.

Alle drei Aspekte der Zeitlichkeit sind konstitutiv für jede soziale Interaktion und gehen in das Dasein der Menschen in grundsätzlicher Weise mit ein, markieren somit auch eine zentrale Differenz zu allen materiellen Objekten.234 Zum einen sind sich die Menschen der Endlichkeit ihrer Existenz bewusst, und diese chronische Konfrontation mit der Erfahrung lebenszeitlicher Begrenztheit hat unmittelbar Einfluss auf die sozialen Aktivitäten. Zum anderen sind die Akteure fähig, die Unmittelbarkeit ihrer sensorischen Erfahrungen zu transzendieren. Das Gedächtnis erlaubt den Menschen im Zusammenhang mit dem Besitz einer syntaktisch und semiotisch ausgearbeiteten Sprache eine weitgehende Überwindung der unmittelbaren Gegenwart, indem es die Erfahrungen der Individuen speichert — Giddens spricht in diesem Zusammenhang auch von der Speicherkapazität (storage capacity) der Menschen. Daneben besitzen Gesellschaften aber auch institutionalisierte Formen der Erinnerung, die über Generationen hinweg bestehen und die individuelle Lebensspanne überschreiten.235 Drittens betont Giddens, dass sich die Menschen ihrer Historizität bewusst sind, wie sie insbesondere in den sozialen Institutionen verankert ist. Hierbei ist es jedoch wichtig darauf zu verweisen, dass dieses Bewusstsein der Historizität in Abhängigkeit zu den kulturellen Formen der Zeitwahrnehmung — linear vs. reversibel — steht. Viertens zeigt sich, dass die Zeiterfahrung der Individuen nicht nur auf der Ebene der Intentionalität des Bewusstseins von zentraler Bedeutung ist, sondern darüber hinaus auch konstitutiv für den Akteur selbst ist. Folgt man Giddens’ Stratifikationsmodell des Akteurs, dann wird deutlich, dass die gespeicherten Erfahrungen nicht permanent aktualisiert werden müssen. Jeder Persönlichkeit sind spezifische Speicherkapazitäten eigen, die von den abrufbaren Elementen des Gedächtnisses zu unterscheiden sind und die sich in erster Linie in der Routinisierung des alltäglichen Lebens manifestieren, wobei viele der am tiefsten ‚abgelagerten’ Erfahrungen den Individuen nicht notwendigerweise bewusst sind. So bleiben insbesondere die auf der Ebene des ‚basic security system’ angelegten Grunderfahrungen der Menschen in der Regel unbewusst, wenngleich auch sie, in Form von Routinehandlungen, in die alltägliche Praxis eingebunden sind, Vergangenheit und Gegenwart verknüpfen und immer wieder handlungsrelevant werden.

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An dieser Stelle zeigen sich auffallende und weitreichende Parallelen zu den zeittheoretischen Überlegungen George Herbert Meads (1969)236 und Niklas Luhmanns (1979). Auch diese setzen in ihren zeittheoretischen Überlegungen beim Handlungsbegriff an und versuchen, den Zusammenhang von Handlung und Zeit im Gegensatz zu dem in der soziologischen Handlungstheorie dominanten Zweck-Mittel-Schema zu bestimmen. Handlungen sind nicht primär als Prozesse im Zeitverlauf zu fassen, sondern verklammern permanent Vergangenheit und Zukunft, womit sie gleichzeitig die Gegenwart konstituieren. Die jeweilige Handlung bezeichnet somit eine spezifische Ereignisform, in der „Erfahrungsraum“ und „Erwartungshorizont“ (Koselleck 1979) des Individuums verschmelzen. So betont Mead, dass durch die besondere Struktur der menschlichen Handlung in der Reflexionsphase die Übernahme der Zeitperspektiven anderer möglich ist und sich damit die Chance der Konstitution einer sozialen Zeit eröffnet.237 

„Die Frage nach der Zeit berührt“, wie Luhmann (1980: 32f.) betont, „grundbegriffliche Dispositionen der soziologischen Theorie“, und es scheint in Abhängigkeit zu theoretischen Entscheidungen über den Handlungs- und Systembegriff zu stehen, „mit welcher Tiefenschärfe soziologische Theorie das Phänomen der Zeit zu Gesicht bekommt“. Obgleich die strukturierungstheoretische Reformulierung des Handlungs- und Strukturbegriffs und die Betonung der Relationalität dieser beiden Dimensionen dem Luhmann’schen Anspruch nach theoretischer ‚Tiefenschärfe’ sehr wohl gerecht werden kann, versäumt es Giddens meines Erachtens, seine weitreichenden Überlegungen zum Zusammenhang von Zeit und Handeln/Struktur genauer auszuarbeiten und belässt es bei der allgemeinen These, dass „mit dem Begriff der ‚Strukturierung’ (S.S.) Temporalität zum zentralen Bestandteil der Sozialtheorie wird“ (Giddens 1995b: 151). Statt das Programm einer ‚Zeit-Soziologie’ innerhalb des strukturierungstheoretischen Ansatzes systematisch in dieser Richtung weiter zu verfolgen und die in das Handeln eingebundene Reflexivität und Zeitlichkeit als Folge von Interaktionsprozessen auszuweisen, verweist er mit Blick auf anthropologische und ontologische Implikationen auf eine Vielzahl von Aspekten, die die Notwendigkeit aufzeigen, die konstitutive Bedeutung der Zeitdimension für die Sozialtheorie fruchtbar zu machen.

Insofern begründet sich auch, dass Giddens in seiner Bestimmung der Zeit als zentraler Dimension der sozialen Praxis große Aufmerksamkeit auf die Heideggersche Zeitphilosophie legt, die die zentrale Bedeutung der Zeit für das menschliche Sein herausstellt. In der Absicht, hierüber die Kantsche These, wonach Raum und Zeit nur ordnende Dimensionen der Realität sind — reine Kategorien der Anschauung, die nur über den individuellen Erkenntnisakt miteinander verknüpft sind —, überwinden zu können, und, um somit den in den Sozialwissenschaften vorherrschenden Beschränkungen der Bewusstseinsphilosophie zu entgehen, fasst Heidegger Zeit weder als Umwelt, in der die Objekte existieren, noch als Resultat der menschlichen Erkenntnis auf. Vielmehr existieren die gesellschaftlichen Entitäten nicht in der Zeit, sondern die Zeit ist unmittelbar in die Objekte eingelagert, d.h., die Identität der Objekte ist nur dann gegeben, wenn sie in der Zeit existieren und Kontinuität besitzen. Heideggers Philosophie, die letztlich auf ontologische Bestimmungen gerichtet ist, stellt das menschliche Sein in den Horizont der Zeit und betont, dass das Dasein seine Bedeutung erst in der Zeitlichkeit findet. Die menschliche Existenz ist bestimmt durch ihre Geschichtlichkeit, so dass „Zeit“ die ontologische Voraussetzung allen Seins ist. Das Dasein wird zum Akt der „Vergegenwärtigung“, d.h. der Bewusstmachung bzw. Aktualisierung der ‚Historizität‘ der menschlichen Subjekte in ihrem sozialen Verhalten. Heidegger überwindet demnach auch den für die Bestimmung der Zeit grundlegenden analytischen Dreischritt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und ergänzt ihn um die vierte Dimension der Vergegenwärtigung (‚presencing’ ).

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Die soziale Praxis bzw. das soziale Handeln konstituiert sich erst im Prozess einer kontinuierlichen Vernetzung von An- und Abwesenheitsbeziehungen238 der sozialen Akteure: Die ontologische Bestimmung der Zeit ist nach Giddens insofern von fundamentaler Bedeutung für die Sozialtheorie, da sie sowohl die Vorstellung von Zeit als einem Ereignisfluss als auch den Gedanken, demzufolge Raum und Zeit unabhängig von den menschlichen Aktivitäten zu bestimmen sei, überwindet. Und sie kann auf dieser Grundlage dann gesellschaftstheoretisch, wie gesehen, für eine Neufassung des Ordnungsproblems genutzt werden, ohne die insbesondere im Strukturalismus und Funktionalismus vorherrschende Gleichsetzung der Zeit mit Wandel und dyachroner Entwicklung notwendigerweise fortführen zu müssen. Giddens kritisiert diese Positionen und hält es für einen grundlegenden Fehler, Zeit mit sozialem Wandel zu identifizieren (vgl. Giddens 1980, 1995b), da Zeit sowohl für die Stabilität wie für die Dynamik sozialer Systeme bedeutsam ist. „Soziale Zeit ist nicht gleichzusetzen mit sozialem Prozeß, sondern meint die normative und symbolische Ordnung von Bewegung und nicht die Bewegung selbst“ (Bergmann 1983: 493).

Giddens wirft dem Strukturalismus und Funktionalismus vor, mit der Identifizierung von Zeit und Wandel die Zeit aus den synchronischen Strukturanalysen ausgeschlossen zu haben. Dies ist aus zwei Gründen unmöglich: 1. Die Erforschung sozialer Handlungen schließt Vergänglichkeit ein, ebenso wie die beobachtenden Handlungen selbst; 2. Stabilität lässt sich nur als Stabilität über die Zeit bestimmen: „For social systems only have structural properties in and through their 'functioning' over time: the patterning of social relations is inseparable from their continual reproduction across time“ (Giddens 1980: 91). Giddens’ strukturierungstheoretischer Vorschlag zielt stattdessen auf die Temporalisierung von Strukturen ab: Sie lassen sich nicht mehr als statische Beziehungen zwischen dauerhaften Elementen der sozialen Systeme fassen, sondern werden kontinuierlich in Zeit und Raum produziert und reproduziert. Die soziologische Thematisierung von sozialem Wandel wird insofern komplizierter, wenn Zeit nicht mehr als eine feststehende ontologische Kategorie gefasst werden kann, sondern als Variable zu modellieren ist, die in unterschiedlicher Ausprägung Einfluss auf die Reichweite und den Verlauf sozialer Wandlungsprozesse nimmt.239 Giddens’ Betonung unterschiedlicher Formen der ‚durée’ weist meines Erachtens in diese Richtung, indem es möglich wird, die alltägliche Praxis der sozialen Beziehungen mit der Strukturierung des Lebenslaufs und historisch variablen gesellschaftlichen und institutionellen Konstellationen zu verknüpfen. Es sind differente soziale Zeiten, die sich teilweise ergänzen oder widersprechen, die unterschiedlichen Logiken folgen und sich verändern und spezifische soziale Ordnungsgefüge prägen. Eine strukturierungstheoretische Analyse von Wandlungsprozessen muss demnach Zeit als konstitutives Element der sozialen Realitätskonstruktion, wie es etwa auch Luhmann und Mead vorschlagen, ernst nehmen und von Chronologie240 als zentralem Vergleichsschema mit unterschiedlichen Wirkungen trennen.

Diese Betonung der zeitlichen Einbettung der sozialen Praxis und der Verweis darauf, dass soziale Systeme sowohl durch Stabilität wie auch durch radikalen Wandel charakterisiert sind, hat nun zwangsläufig zur Folge, auch die räumliche Bestimmung von Handeln und Struktur zu thematisieren. Denn Gesellschaft und Individuen sind immer in spezifische historische Konfigurationen von Zeit und Raum eingebettet, die selbst wiederum Ergebnisse von Geschichte, gesellschaftlichen Prozessen und sozialem Handeln sind. Insofern erweitert Giddens seinen strukturierungstheoretischen Ansatz dahingehend, nicht nur Zeit als zentrale Dimension für die Reformulierung der Sozialtheorie anzuerkennen, sondern auch den Raum als konstitutive Kategorie mit in die Analyse sozialer Ordnungsgefüge aufzunehmen.241 „In jedem Fall behauptet mein Argument eine enge Verbindung zwischen Zeit, Raum und dem sich wiederholenden Verlauf des sozialen Lebens“ (ders. 1995b: 160).

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Die integrationstheoretische Fragestellung, wie soziale Systeme über Raum und Zeit spannen und damit zusammenhängend, wie soziale Wandelungsprozesse zu untersuchen und zu konzeptualisieren sind, verweist nach Giddens nicht nur allgemein darauf, die sozialen Voraussetzungen und Bedingungen, die für die Kontinuität oder den Bruch der Handlungen verantwortlich sind, genauer zu analysieren, sondern gleichzeitig auch darauf, Handlungsroutinen und deren ordnungsstabilisierende Bedeutung stärker hervozuheben: „Routinen sind konstitutiv sowohl für die kontinuierliche Reproduktion der Persönlichkeitsstrukturen der Akteure in ihrem Alltagshandeln wie auch für die sozialen Institutionen” (ders. 1988a: 111f.). Ähnlich wie Pierre Bourdieu (1976) oder Charles Camic (1986) hebt Giddens die zentrale Bedeutung von Habitualisierungen und Handlungsroutinen für die Reproduktion des sozialen Lebens hervor und transformiert somit seine Reformulierung des Ordnungsproblems in die Fragestellung, warum die Akteure ihren jeweiligen Routinen faktisch folgen. Routinen sind nun zum einen eng mit den in Gesellschaften vorherrschenden Traditionen verknüpft in dem Sinne, dass sie die Kontinuität von Handlungspraktiken stützen, wobei jedoch gleichzeitig eine Reihe von Prozessen analytisch beachtet werden müssen, die zur Auflösung von Routinen und damit zu sozialem Wandel führen können.242 Zum anderen sind sie immer auch räumlich geprägt. In diesem Zusammenhang nimmt Giddens unmittelbar Bezug auf die zeit-geographischen Arbeiten Torstein Hägarstrands243, in denen dieser hauptsächlich darauf abzielt, die kontinuierlichen Einflüsse auf das menschliche Handeln zu bestimmen, die damit zusammenhängen, dass der menschliche Körper untrennbar mit der jeweiligen physischen Umwelt, in der er sich befindet, verbunden ist.244 Der physische Kontext prägt die menschlichen Aktivitäten unmittelbar, die menschlichen Alltagsroutinen sind eingebunden in spezifische Raum-Zeit-Pfade, die sie täglich, wöchentlich oder auch über ihr ganzes Leben hinweg verfolgen. So zeigt sich in modernen Industriegesellschaften, dass sich die zeitliche und räumliche Überschneidung von Arbeiten und Wohnen zunehmend verändert hat, in dessen Folge sich der individuelle Tagesablauf in ein zeitliches Nacheinander auflöst, das mit unterschiedlichen räumlichen Settings (Wohnen — Weg zur Arbeit — Arbeitsplatz — Freizeit — Wohnen) verknüpft ist. Hierdurch wird deutlich, dass die individuellen Handlungen nicht nur durch physische oder geographische Bedingungen eingegrenzt sind, sondern „Raum-Zeit-Wände an allen Seiten“ (Giddens 1988a: 165) besitzen, die sich jedoch immer wieder durch technologisch bedingte Raum-Zeit-Konvergenzen verändern können, wie beispielsweise die Abnahme räumlicher Distanzen im Sinne unterschiedlicher Überwindungsgeschwindigkeiten verdeutlicht.245 Benötigte man im letzten Jahrhundert noch ca. zwei Jahre, um zu Fuß von der amerikanischen West- an die Ostküste zu gelangen, so reduzierte sich diese Zeit mit der mit der Entstehung und Durchsetzung der Eisenbahnen auf einige Tage bzw. mit den Flugzeugen auf einige Stunden. Also, die räumlichen Bezüge der individuellen Handlungen schrumpfen mit der Einführung neuer technischer Möglichkeiten ständig. Raum, Zeit und soziale Phänomene sind demzufolge unmittelbar miteinander verwoben und müssen als konstitutive Elemente sozialer Beziehungen in die Sozialtheorie integriert werden; ihnen kommt, wie mit Blick auf die Neufassung des Ordnungsproblems schon deutlich gezeigt, eine vergleichbare Bedeutung wie normativ-kulturellen Aspekten innerhalb der soziologischen Theoriebildung zu.

Trotz dieser wichtigen Bedeutung der zeit-geographischen Arbeiten Hägarstrands für die Betonung des Einflusses von Raum und Zeit auf die alltäglichen Handlungsweisen bleibt eine Reihe von theoretischen Einwänden, die nach Giddens die unmittelbare Übertragung dieses Ansatzes in ein strukturierungstheoretisches Modell behindern.246 Stattdessen führt er eine Reihe weiterführender Konzepte ein – „sensibilisierende Behelfsmittel für mannigfaltige Forschungszwecke” (ebd.: 383) —, mit deren Hilfe er versucht, unter Beibehaltung der zentralen Einsicht in die raum-zeitliche Bestimmung der sozialen Praxis der engen Verknüpfung zwischen den Handlungsweisen der Individuen und der ‚longue durée’ sozialer Institutionen theoretisch gerecht zu werden:

1. ‚Locales’ oder Orte beziehen sich auf den Raum als dem zentralen Bezugsrahmen sozialer Interaktionen, wobei neben den physischen Eigenschaften der „Locales“ entscheidend ist, wie sie von den Akteuren genutzt werden können. Als ‚Locales’ können sowohl Zimmer oder Geschäftsräume wie auch größere Landschaften oder Nationalstaaten gelten.

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2. Mit Regionalisierungsweisen bezeichnet Giddens die „Aufteilung von Raum und Zeit in Zonen, im Verhältnis zu den routinisierten sozialen Praktiken” (ebd.: 171). Zu denken ist hierbei beispielsweise an die interne Aufteilung der Räume in Gebäuden nach bestimmten Funktionen, wie Zerubavel (1981) in Bezug auf die raum-zeitliche Organisation von Krankenhäusern zeigte. Aber auch die Ausbildung von Suburbs oder spezieller industrieller Bereiche am Rande von Städten ist Ausdruck bestimmter Regionalisierungsweisen. Der Begriff der Region soll deshalb nicht primär in seinem geographischen Bedeutungsgehalt gebraucht werden, da er auch eine Reihe sozialer Charakterzüge beschreibt, die unmittelbaren Einfluss auf die Strukturierung des Verhaltens besitzen.247 

3. Das Konzept der Anwesenheitsverfügbarkeit rekurriert neben dem der Kopräsenz auf die Mittel, die den Akteuren zur Verfügung stehen, um miteinander in Beziehung zu treten. Wie schon Hägarstrands Zeitgeographie verdeutlichte, hängen die sozialen Interaktionen und Kommunikationen unmittelbar von den Voraussetzungen der Mobilität und den Möglichkeiten zur Überwindung räumlicher und zeitlicher Distanzen ab. Hierbei spielen jedoch nicht nur technische Entwicklungen eine zentrale Rolle. Daneben führt auch die Entstehung spezifischer Interaktionsmedien, wie Simmel (1900) am Beispiel des Geldes eindrucksvoll aufgezeigt hat, zu einer räumlichen und zeitlichen Erweiterung der sozialen Verkehrskreise und damit zu einer grundlegenden Veränderung der Interaktionsstruktur in der Moderne.

4. Neben den Mitteln, die zur Herstellung von Interaktionen genutzt werden können, spielen auch die tatsächliche, körperliche und gestische Positionierung, die Aufteilung in vorder- und rückseitige Regionen der Akteure, eine wichtige Rolle für die Strukturierung der sozialen Praxis. „Die Aufrechterhaltung der räumlichen Unterschiede zwischen ‚vorn’ und ‚hinten’ ist ein wichtiges Merkmal der reflexiven Kontrolle des Handelns im Rahmen diskursiver und praktischer Konsequenzen.“ (Giddens 1995b: 163)

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Raum und Zeit gehen nicht nur konstitutiv in die unmittelbaren Interaktionsbeziehungen mit ein, sie prägen darüber hinaus auch die Bestandsbedingungen sozialer Ordnungsgefüge und beeinflussen potentielle Wandlungsprozesse.

5. So verweist Giddens, wie gesehen, mit Hilfe des Konzepts der Raum-Zeit-Ausdehnung auf den Prozess der Integration gesellschaftlicher Einheiten über differente räumliche und zeitliche Bereiche hinweg. Denn die grundlegenden Veränderungen der raum-zeitlichen Organisation der Interaktionen in der Moderne werfen die Frage nach den Mechanismen auf, wie trotz zunehmender raum-zeitlicher Abwesenheit der Teilnehmer eine Kontinuität sozialer Interaktionen möglich ist und sich soziale Systeme stabiliseren können. Es lassen sich eine Reihe von Faktoren identifizieren, die Einfluss auf die Formen der Raum-Zeit-Ausdehnung besitzen,248 wobei er insbesondere hervorhebt, dass die gesellschaftliche Ausdehnung über Raum und Zeit mit der Möglichkeit, über allokative und autoritative Ressourcen zu verfügen, zusammenhängt bzw. mit der Art und Weise, wie diese in spezifischer Form gebündelt werden. In unterschiedlichen Gesellschaftsformationen lassen sich differente Bereiche identifizieren, an denen die Macht konzentriert ist. So sind in klassengeteilten Gesellschaften in erster Linie die Städte die zentralen ‚power container’, während in modernen Gesellschaften der Nationalstaat diese Funktion übernimmt. Die Raum-Zeit-Ausdehnung hängt jedoch nicht nur von der Verfügbarkeit über Machtressourcen ab, sondern sie stellt gleichzeitig eine zentrale, machterzeugende Leistung dar: „...power is generated by the transformation/mediation relations inherent in the allocative and authoritative ressources comprised in structures of domination. These two types of ressource may be connected in different ways in different forms of society. It certainly is a mistake to suggest, as at least some interpretations of Marx’s ‘materialist conception of history‘ would have us believe, that the accumulation of allocative ressources, is the driving principle of all major processes of social change. On the contrary, in non-capitalist societies it seems generally to be the case that the co-ordination of authoritative ressources is the more fundamental level of change. This is because (...) authoritative ressources are the prime carriers of time-space distanciation” (ders. 1981b: 92).

6. Schließlich kennzeichnet das Konzept der Raum-Zeit-Schwellen die „Beziehung (...) zwischen Gesellschaften unterschiedlichen Strukturtyps” (ders. 1988a: 431). Entgegen den vorherrschenden, meist endogen argumentierenden Wandlungsmodellen in der Soziologie ist es nach Giddens notwendig, zwischengesellschaftliche Systeme zu untersuchen. Soziale Systeme erstrecken sich also über unterschiedliche gesellschaftliche Totalitäten hinweg, deren Kontakt sich an spezifischen Raum-Zeit-Schwellen manifestiert.

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Strukturierungstheoretisch bedeutet dies, dass Raum und Zeit als handlungsermöglichende und handlungsbegrenzende Ressourcen immer unmittelbar in die soziale Praxis eingebunden sind, von dieser gleichzeitig verändert werden können und demzufolge unmittelbar Einfluss auf den Konstitutionsprozess von Gesellschaften ausüben. Der Prämisse folgend, dass die soziale Praxis auf face-to-face-Interaktionen aufbaut, die in räumlichen und zeitlichen Kontexten eingebettet sind, zeigt es sich, dass die Akteure innerhalb ihrer Alltagsroutinen nicht nur die Orte der Interaktionen prägen, sondern ebenso ihre physische – zu denken ist hierbei an die von Gofmann immer wieder betonte Bedeutung von Front- und Backstage-Positionen für die Interaktionen –, wie auch soziale Position innerhalb des jeweiligen Settings immer wieder verändern. Denn im Verlauf der Alltagsroutinen wechseln die Akteure die jeweiligen Orte oder ‚Locales’ ihrer Interaktionen weitgehend routinemäßig, beschreiben hierüber spezifische, sich zwar chronisch wiederholende, aber doch veränderbare Raum-Zeit Pfade und greifen in ihrem Handeln immer auf bestimmte Elemente des ‚Settings’ zurück. Dieses komplexe Netz an räumlichen und zeitlichen Aspekten des Alltagshandelns und der damit einhergehende Wandlungsprozess der Muster räumlicher Beziehungen, die Art und Weise, in der die Akteure die Raum-Zeit-Organisation zwischen verschiedenen Orten der Interaktion innerhalb von umfassenderen sozialen Systemen ordnen und wieder herstellen, lässt sich als Regionalisierung umschreiben und ist in ordnungstheoretischer Hinsicht verantwortlich für das jeweils vorherrschende Integrationsmuster moderner Gesellschaften. Giddens sucht hierbei insbesondere die sozialen Praktiken, anhand derer die Akteure konkret die Beziehungen in Raum und Zeit miteinander verbinden, in den Blick zu nehmen. Regionen bezeichnen somit nicht primär materiale, physisch zu bestimmende Räume, sondern vielmehr Handlungsfelder, in denen die sozialen Praktiken raum-zeitlich strukturiert sind. Regionen sind sowohl Territorien wie insbesondere auch sinnhaft strukturierte Handlungskontexte, und deren spezifische Reichweite und strukturierende Kraft ist unmittelbar verantwortlich für den Grad und den dominierenden Modus der gesellschaftlichen Integration (vgl. Schaubild 13).

Schaubild 12: Bedeutung der Dimensionen von Raum und Zeit für die Konstitution sozialer Systeme249

Diese Überlegungen verdeutlichen, dass Giddens, ähnlich wie in Bezug auf die Kategorie der Zeit, beabsichtigt, den Einfluss des Raumes auf die gesellschaftliche Praxis zu problematisieren, und dies weist ihn als einen der wenigen zeitgenössischen Sozialtheoretiker aus, der versucht, der „offensichtlichen Raumblindheit der dominanten Gesellschaftswissenschaften“ (Läpple 1991: 163) konstruktiv zu begegnen. Gleichzeitig fällt aber auch auf, dass er es versäumt, diese Kategorie über einen Verweis auf eine Reihe von zentralen Aspekten hinaus grundlegend für die Gesellschaftstheorie fruchtbar zu machen. Er betont zwar, ähnlich wie dies auch Georg Simmel in seiner Arbeit „Der Raum und die räumliche Ordnung der Gesellschaft“ eindrucksvoll herausgearbeitet hat, „die Bedeutung, die die Raumbedingungen einer Vergesellschaftung für ihre sonstige Bestimmtheit und Entwicklungen in soziologischer Hinsicht besitzt“ (Simmel 1908: 617) und verweist in diesem Zusammenhang ebenso auf Raumqualitäten wie auf Raumgebilde. Er bleibt jedoch weitgehend, so meine These, der Vorstellung von Raum als einem Behälter verhaftet,250 wie insbesondere seine Bestimmung der Stadt bzw. des Nationalstaates als ‚Power-Container’ nahe legt, und versäumt es, diese Unterscheidung in ein relationales Raumkonzept zu überführen, wie es seinem strukturierungstheoretischen Ansatz entsprechen würde.

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Denn erst eine Erweiterung des Raumkonzepts um seine gesellschaftlichen Funktions- und Entwicklungszusammenhänge ermöglicht es, eine Verknüpfung räumlicher und zeitlicher Entwicklungsformen der Gesellschaft angemessen zu problematisieren, wie es Giddens’ ordnungs- und wandlungstheoretischen Prämissen entspricht. Ein möglicher Anknüpfungspunkt ist in dem von D. Läpple (1991: 196ff.) in Anlehnung an Poulantzas entwickelten Konzept des „Matrix-Raumes“ zu sehen, das versucht, vier konstitutive Komponenten des Raumes miteinander in Beziehung zu setzen: 1. Das materiell-physische Substrat gesellschaftlicher Verhältnisse als die materielle Erscheinungsform des gesellschaftlichen Raumes; 2. die gesellschaftlichen Interaktions- und Handlungsstrukturen der in praktischer Auseinandersetzung mit dem Raum stehenden Individuen; 3. ein institutionalisiertes und normatives Regulationssystem, das zwischen materiellem Substrat und gesellschaftlicher Praxis vermittelt; 4. ein Zeichen-, Symbol- und Repräsentationssystem, das mit den materiellen räumlichen Gegebenheiten verbunden ist. „Ein gesellschaftlicher Raum ist dementsprechend aus dem gesellschaftlichen Herstellungs-, Verwendungs- und Aneignungszusammenhang seines materiellen Substrats zu erklären, in dem diese vier schematisch unterschiedenen Komponenten miteinander in Beziehung gesetzt werden. Als Resultat der materiellen Aneignung der Natur ist ein gesellschaftlicher Raum zunächst ein gesellschaftlich produzierter Raum. Seinen gesellschaftlichen Charakter entfaltet er allerdings erst im Kontext der gesellschaftlichen Praxis der Menschen, die in ihm leben, ihn nutzen und ihn reproduzieren“ (ebd.: 197).

Aus zweierlei Gründen scheint eine grundlegende Ausarbeitung sowohl eines strukturierungstheoretischen Zeit- wie auch Raumbegriffs durch Giddens immer noch ein Desideratum darzustellen: Einerseits zeigt sich in theoriekonstruktiver Perspektive, dass sein Rekurs auf die Dimensionen von Raum und Zeit in erster Linie im Zusammenhang mit seinem systematischen Anliegen einer Neuformulierung des Problems sozialer Ordnung steht. Obgleich er in erster Linie philosophische und geographische Arbeiten zur Begründung seiner Bestimmung der Begriffe von Raum und Zeit heranzieht, versäumt er es, diese auf der Ebene einer grundlagentheoretischen Reflexion, die im Zusammenhang mit der Kernidee der Dualität der Struktur stehen müsste, zu thematisieren, sondern entwickelt sie primär im Hinblick auf ihren Einfluss auf die Integration und den Wandel moderner Gesellschaften. Dies leitet sich andererseits aus seinem theoriepolitischen Motiv ab, ein Alternativmodell zu der dominanten strukturfunktionalistischen Theorieposition und deren normativistischer Bestimmung des Ordnungsproblems auszuarbeiten. Und gerade in diesem Versuch, Raum und Zeit als konstitutive Elemente sozialer Praxis und sozialer Beziehungen in die Sozialtheorie einzuführen, wird aber auch das gesellschaftstheoretische Potenzial des strukturierungstheoretischen Ansatzes deutlich, da hierüber sowohl normativistischen wie auch materialistischen Konzepten eine weitere wichtige Dimension zur Bestimmung sozialer Ordnungsbildungsprozesse hinzugefügt werden kann, die darüber hinaus aufschlussreich für die Aufklärung sozialer Wandlungsprozesse sind.

Insofern gilt es im Folgenden weiter aufzuklären, welchen Beitrag die gesellschaftstheoretische Verwendungsweise der Kategorien von Raum und Zeit, wie sie Giddens vorgeschlagen hat, für die Analyse des Bestands bzw. des Wandels sozialer Konfigurationen leisten kann.

3.3 Der Wandel sozialer Ordnung: Widerspruch und Konflikt

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Immer aber liegt in sozialen Konflikten eine hervorragende schöpferische Kraft von Gesellschaften. Gerade weil sie über bestehende Zustände hinausweisen, sind Konflikte ein Lebenselement der Gesellschaft.
Ralf Dahrendorf

Für die Untersuchung konkreter sozialer Ordnungskonfigurationen gewinnt die Koppelung des Integrationsmechanismus an die Kategorien von Raum und Zeit eine weitreichende Bedeutung, da sich meines Erachtens hierüber ein Unterscheidungskriterium gewinnen lässt, unter dessen Bezugnahme es in strukturierungstheoretischer Perspektive möglich wird, soziale Systeme entlang unterschiedlicher analytischer Ebenen auszudifferenzieren. Ähnlich der Luhmannschen (1975a) Trennung in Interaktionssysteme, Organisationssysteme und Gesellschaftssysteme lässt sich auch Giddens’ Ausdifferenzierung der ‚Structural Properties’ sozialer Systeme in Strukturprinzipien, ‚Structural Sets’ und Elemente der Strukturierung als die kategoriale Bestimmung eigenständiger Ordnungsniveaus interpretieren, die unmittelbar für den Konstitutionsprozess von Gesellschaften bedeutsam sind.

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Darüber hinaus ermöglicht diese Binnendifferenzierung des Konzepts der ‚Structural properties’, den theoretischen Ort gesellschaftlicher Wandlungsprozesse wie auch deren Wirkung auf die ‚Systemness’ sozialer Konfigurationen präziser zu bestimmen, und eröffnet die Chance, sowohl der Gleichzeitigkeit mehrerer sozialer Konfliktarenen als auch den gesellschaftlichen Konsequenzen dieser Konflikte analytisch gerecht zu werden. Entgegen Giddens’ eigenem Urteil, wonach der Strukturierungstheorie keine Theorie sozialen Wandels inhärent sei,251 bietet meines Erachtens diese analytische Ausdifferenzierung der ‚Structural properties’ den kategorialen und systematischen Ausgangspunkt für eine strukturierungstheoretisch angeleitete Untersuchung der Variabilität gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse.

Hierfür ist es instruktiv, an Wolfgang Schluchters (1979) systematische Bestimmung differenter gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse anzuschließen, die er aus der Identifikation unterschiedlicher sozialer Ordnungsniveaus gewinnt. Führen Veränderungen auf der Interaktionsebene primär zu einem Wechsel der Rollenstruktur und damit zu einem personellen Wandel, ohne dass sich das Verhältnis zwischen den bestehenden Teilordnungen bzw. die Ordnungskonfiguration insgesamt ändern muss, dann liegt demgegenüber sozialer Wandel im Falle der Transformation einer Strukturform oder Ordnungskonfiguration vor, wobei der basale Bezugspunkt gesellschaftlicher Integration, die gesamtgesellschaftlich geltenden Strukturprinzipien, aber noch unverändert bleiben. Erst eine Veränderung auf der grundlegenden Ebene der Strukturprinzipien, die konstitutiv für die jeweilige soziale Ordnungskonfiguration sind, indiziert nach Schluchter den Prozess gesellschaftlicher Entwicklung.252 

Diese systematische Ausdifferenzierung ermöglicht eine präzisere Untersuchung sozialer Veränderungsprozesse unter Beibehaltung der analytischen Konzentration auf die konstitutive Bedeutung sozialer Strukturen für den Bestand sozialer Systeme253 und ermöglicht nicht nur, Spannungen sowohl innerhalb als auch zwischen den Ebenen in den Blick zu nehmen, sondern auch die Wechselwirkungen zwischen den Strukturkonstellationen und den Handlungsbedingungen zu thematisieren.

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Vor dem Hintergrund dieser typologischen Kennzeichnung eines gesellschaftsgeschichtlichen Programms lässt sich im Folgenden das implizite wandlungstheoretische Potenzial der Theorie der Strukturierung schärfer konturieren.

Und dies macht schließlich auch deutlich, dass die Analyse gesamtgesellschaftlicher Wandlungsprozesse angesichts der Multikausalität, Nichtlinearität und Interferenz historisch-sozialer Ereignisse, auf die etwa R. Mayntz (1995) im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus nachdrücklich hingewiesen hat, eine Reihe von Fragen aufwirft, die das methodische Problem der scharfen Abgrenzung der Analyseeinheit Gesellschaft deutlich vor Augen führt.254

Denn die weitgehende Kompatibilität der Ansätze in Bezug auf die Ausdifferenzierung der zentralen Untersuchungsebenen sozialer Systeme verdeutlicht, dass erst auf der Basis dieses kategorialen Modells der unterschiedlichen Wirkungen sozialer Entwicklungsdynamiken eine angemessene Analyse sozialen Wandels möglich wird. Die Bestimmung gesellschaftlicher Entwicklung als eines eindimensionalen, unilinearen oder gar allumfassenden Prozesses, der auf einem zentralen, gesamtgesellschaftlich wirksamen Mechanismus fußt, wie ihn etwa Marx vorschlug, ist theoretisch unterkomplex, da Brüche und Schwankungen des nach Form und Reichweite zu differenzierenden Prozesses ausgeblendet bleiben.

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Erst ein multidimensionales Modell sozialer Entwicklungsdynamiken, wie es eine wandlungstheoretisch angeleitete Lesart der Unterscheidung der „structural properties“ sozialer Systeme ermöglicht, schafft somit die konzeptionelle Grundlage, mit der sich dann auch Giddens’ These von der „Diskontinuität der neuzeitlichen Gesellschaftsentwicklung“ (Giddens 1995a: 11) analytisch einlösen lässt.

Sucht man die gesellschaftsgeschichtliche Perspektive im strukturierungstheoretischen Ansatz herauszuarbeiten, so ist es primär notwendig, die Ebene der Strukturprinzipien genauer aufzuklären, da diese nach Giddens die Sphäre der „basalen Organisationsprinzipien gesellschaftlicher Totalitäten“ (Giddens 1988a: 432) bezeichnet. Strukturprinzipien sind verantwortlich für die „Existenz erkennbar konsistenter Formen der Raum-Zeit-Ausdehnung“ (ebd.: 235) und konstitutiv in den Prozess der gesellschaftlichen Reproduktion eingelassen. Sie umfassen diejenigen sozialen Mechanismen, die die Relationierung der unterschiedlichen institutionellen Teilbereiche von Gesellschaften steuern, wobei Giddens nicht von einer homogenen, voll integrierten sozialen Entität ausgeht, sondern stattdessen die historische Variabilität gesellschaftlicher Einheiten betont und diese als Folge des Prozesses der Vermittlung zwischen institutionellen Teilordnungen fasst.

Zentral für die Bestimmung der sich im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess durchgesetzten Muster der institutionellen Binnenorganisation von Gesellschaften ist nach Giddens das Konzept des Widerspruchs. Hierdurch werden im Kontext der Theorie der Strukturierung nicht Störungen im gesellschaftlichen Reproduktionskreislauf bzw. funktionale Inkompatibilitäten bezeichnet, sondern der „Gegensatz von Strukturprinzipien, und zwar so, daß diese aufeinander angewiesen sind, sich aber doch wechselseitig negieren“ (ebd.: 432).

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Diese Fassung des Widerspruchsbegriffs schließt unmittelbar an entwicklungstheoretische Konnotationen aus der Marx’schen Tradition an, wonach Widersprüche als Triebkräfte sozialer Transformationsprozesse wirken. Zwar lehnt er sowohl die quasi objektivistische kausale Verknüpfung mit dem Konzept von (Klassen-)Konflikten wie auch die evolutionistischen Implikationen dieser Perspektive ab und verweist darauf, dass Widersprüche sowohl progressive wie regressive Entwicklungen anstoßen können,255 doch gleichzeitig hält er daran fest, dass gesellschaftliche Totalitäten durch Widersprüche strukturiert werden und führt zu diesem Zwecke die basale Unterscheidung zwischen existentiellen und strukturellen Widersprüchen256 ein.

Existentielle Widersprüche bezeichnen die grundlegenden Aspekte der menschlichen Existenz in Relation zur Natur und zur materiellen Welt. Der Mensch ist Teil der natürlichen und biologischen Umwelt und bleibt in seiner organischen Existenz bis zu einem gewissen Grad immer darauf bezogen; der universelle Ausdruck hiervon ist die (biologische) Endlichkeit seines Daseins. Seine Besonderheit bildet er aber erst in Abgrenzung zur Natur aus. Die conditio humana ist dem zufolge charakterisiert durch den Widerspruch zwischen biologischer und sozialer Natur, der immer durch die Gesellschaft bzw. die jeweiligen institutionellen Arrangements, die sich in unmittelbarer Übereinstimmung mit den Rhythmen der Natur ausbilden, vermittelt.

Mit strukturellen Widersprüchen kennzeichnet Giddens demgegenüber gesellschaftliche Organisationsprinzipien, denen zufolge an die Stelle der Relationierung des Antagonismus zwischen natürlicher und sozialer Existenz des Menschen die Vermittlung zwischen divergierenden institutionellen Arrangements tritt, die wiederum konstitutive Bedeutung für den raum-zeitlichen Bestand gesellschaftlicher Totalitäten besitzen.

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Über den engen Zusammenhang mit den Strukturprinzipien geht die Unterscheidung in unterschiedliche Widerspruchsformen nicht nur in die Bestimmung differenter Gesellschaftstypen ein, sondern verdeutlicht gleichzeitig die im Strukturierungsansatz angelegte entwicklungsgeschichtliche Perspektive.

So lassen sich Stammesgesellschaften durch existentielle Widersprüche charakterisieren. Sie sind weitgehend an die Rhythmen der Natur angepasst; die die Widersprüche vermittelnden zentralen Institutionen, wie Religion, Magie oder Mythen, werden nicht primär sozial konstituiert, sondern sind Folge der Fortschreibung natürlicher Verhältnisse. Dies drückt sich auch in der räumlichen Organisation dieses Gesellschaftstyps aus, der kein überregionales Zentrum kennt und deshalb auch nicht die Notwendigkeit einer allgemeinen politischen Organisationsform impliziert.

Die Entstehung von Städten als früher Form geschaffener Natur und die damit verbundene Notwendigkeit der Ausbildung einer ‚überregionalen‘ Instanz der Vermittlung des Widerspruchs zwischen städtischen Institutionen und ländlicher Gemeinschaft führt zur Genese des Staates als dem zentralen gesellschaftlichen Organisationsprinzip klassengeteilter G e sellschaften. Die existentiellen Widersprüche werden aus dem Alltagsleben externalisiert, wenngleich sie in symbolischer Form noch lange Zeit wirksam bleiben, wie beispielsweise die enge Koppelung der staatlichen Macht an die Religion zeigt. Von zentraler Bedeutung für diesen Gesellschaftstypus ist der strukturelle Widerspruch zwischen Stadt und Land, da die in den Städten lokalisierte administrative Macht und die entsprechenden Institutionen in dauerndem Antagonismus zu den traditionalen ländlichen Prinzipien des Gemeinschaftslebens stehen und die vorherrschende Staatsform dauerhaft prägen.

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Mit der Durchsetzung des Kapitalismus ändert sich die Beziehung zwischen Mensch und Natur nun nochmals grundsätzlich, da die zunehmende Verdinglichung von Raum und Zeit zu einem rein instrumentellen Naturverhältnis führt und der Einfluss existentieller Widersprüche auf die gesellschaftliche Reproduktion weitgehend zurückgedrängt wird. Der Widerspruch zwischen privater Aneignung und gesellschaftlicher Produktion ist das Ergebnis des dominanten Strukturprinzips der Klasseng e sellschaften und steht in besonderem Zusammenhang mit der herausgehobenen Rolle des Staates in modernen Gesellschaften. Der Nationalstaat, der als das politische und rechtliche Machtzentrum (Power-Container) an die Stelle der Städte tritt, prägt nicht nur über eine Vielzahl institutioneller Regelungen die Binnenorganisation kapitalistischer Gesellschaften, sondern erweitert gleichzeitig deren externen Wirkungsbereich über sein unmittelbares Verfügungsterritorium hinaus, so dass es zu einer Reihe zwischenstaatlicher Beziehungen kommt.

Fragt man vor dem Hintergrund dieser historisch-systematischen Einteilung von Gesellschaftsformen nach dem dynamischen Kern des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses, so verweist diese entlang der Auszeichnung zentraler Widerspruchsachsen gewonnene Typologie darauf, dass auf der Ebene der Strukturprinzipien nur wenig Varianz festzustellen ist. Die bestehenden primären Widersprüche wie Mensch — Natur, Stadt — Land, private Aneignung — gesellschaftliche Produktion konstituieren das soziale Ordnungsgefüge und sind unauflöslich in die Systemreproduktion eingebunden.257 Es zeigt sich jedoch, dass diese prägenden institutionellen Regelungen oftmals paradoxe Effekte hervorbringen, die Giddens als sekundäre Widersprüche kennzeichnet258 und die sich, obgleich sie unmittelbar mit den vorherrschenden primären Widersprüchen in Zusammenhang stehen und sich in gewissen historischen Phasen auch mit diesen überschneiden können, nicht auf der Ebene grundlegender gesellschaftlicher Organisationsprinzipien, sondern im Kontext der sozialen Praxis konkreter institutioneller Vermittlungsprozesse finden lassen. Auf der Basis der Bestimmung der gesellschaftlichen Widersprüche lassen sich somit die zentralen Störungszonen (Fault-Lines) sozialer Ordnungsgefüge identifizieren, an denen sich ‚Cluster’ (Giddens 1981b: 238) potentieller Konflikte ausbilden, die die Veränderung des Verhältnisses der Institutionen zur Folge haben können.

Widerspruch und Konflikt sind somit aufeinander bezogene Konzepte, ohne dass sie einem gesetzesgleichen Ableitungsschema folgten; sie sind nach Giddens zwar konzeptionell zu unterscheiden, stehen jedoch empirisch in engem Bezug zueinander. Bezeichnet das Widerspruchskonzept strukturelle Aspekte, die konstitutiv in den Reproduktionsprozess sozialer Systeme eingehen, so sind Konflikte auf die soziale Praxis bezogen und bringen „den Kampf zwischen Akteuren oder Gemeinschaften ... zum Ausdruck“ (Giddens 1988a: 254).

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Wenngleich Giddens das Verhältnis zwischen Widerspruch und Konflikt als kontingent fasst, verweist er doch darauf, dass gerade die im Zusammenhang mit sekundären Widersprüchen auftretenden paradoxen Effekte „ein fruchtbarer Boden für die Untersuchung der Ursprünge von Konflikten“ (ebd.: 373) darstellen. Denn Widersprüche konstituieren Handlungssituationen, deren Konsequenzen offen sind. Gerade die Varianz möglicher nicht beabsichtigter Handlungsfolgen impliziert, dass potenzielle Interessenunterschiede zwischen Akteuren oder Kollektiven entlang der grundlegenden gesellschaftlichen Störungszonen dramatisiert werden und dann in offene Konflikte münden können, aber nicht müssen. Allgemein lassen sich drei Handlungskontexte bestimmen, die für Giddens von grundsätzlicher Bedeutung für die Aufklärung des Zusammenhangs von Widersprüchen und Konflikten sind:259

1. Die Undurchsichtigkeit des Handelns, d.h. das Maß an Einsicht, das die Akteure in die widersprüchlichen Eigenschaften des Systems haben. Zwar stellt dieses Wissen einen potenziellen Handlungsgrund dar, den Widerspruch zu überwinden, diese Einsicht kann aber ebenso statt auf Wandel auf Stabilität verweisen, indem die Störungszonen, innerhalb derer sich Konflikte ausbilden können, stabilisiert werden, wie es insbesondere im Zuge von Institutionalisierungsprozessen zu beobachten ist.

2. Die Zersplitterung und Fusion von Widersprüchen. Hier wird darauf verwiesen, dass im Zusammenhang mit spezifischen Raum-Zeit-Kontexten Situationen entstehen können, innerhalb derer eine Anhäufung von Widersprüchen und paradoxen Effekten wahrscheinlich wird. Demgegenüber können alternative Formen der Regionalisierung eine Diffusion von Widersprüchen zur Folge haben, und sich überschneidende Konflikte aufheben.

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3. Direkte Unterdrückung. Die Anwendung von Gewalt bringt in der Regel das Auftreten von Konflikten zum Ausdruck. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass die Androhung von Sanktionen oder von physischer Stärke oftmals den offenen Ausbruch potenzieller Antagonismen verhindert.

In Weiterführung der von Giddens im Zusammenhang mit der Bestimmung der ‚Structural pProperties’ sozialer Systeme eingeführten konzeptionellen Unterscheidungen lässt sich somit ein Modell entwickeln (vgl. Schaubild 14), das das wandlungstheoretische Potenzial einer strukturierungstheoretischen Perspektive deutlich macht und für zeitdiagnostische Fragestellungen öffnet.

Schaubild 13: Dimensionen des Aufbaus und potentieller Wandlungsdynamiken sozialer Systeme

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Folgt man der hier ausgearbeiteten Interpretation, dass die Unterscheidung der „structural properties“ in Strukturprinzipien, Strukturkomplexe und Elemente der Strukturierung nicht nur differente Ordnungsniveaus sozialer Systeme bezeichnet, und verbindet sie mit der Trennung in existentielle oder strukturelle Widersprüche, sekundäre Widersprüche und Konflikte als den konstitutiven Mechanismen der gesellschaftlichen Einheiten, die den Reproduktionsprozess auf den jeweiligen Ebenen steuern, eröffnet dies die Chance, die Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung nach Ort, Form und Reichweite analytisch zu differenzieren.260 Das Konzept der Widersprüche ermöglicht nicht nur die Typologisierung unterschiedlicher Gesellschaftsformen entlang ihrer allgemeinen Strukturprinzipien, sondern weist gleichzeitig die zentralen gesellschaftlichen Störungszonen aus, die konstitutiv in den Verlauf der gesellschaftlichen Reproduktion eingebunden sind. Gesellschaften sind keine dauerhaft stabilen Entitäten, sondern permanent Wandlungsprozessen unterworfen, die Folge sowohl inter- wie intragesellschaftlicher Antagonismen sein können, wobei ihr Wirkungsgrad abhängt von der Reichweite der institutionalisierten Muster, in die sie jeweils involviert sind. Analytisch von zentraler Bedeutung sind hierbei Widersprüche im Bereich institutioneller Arrangements, da diese sowohl Konflikte zwischen den Akteuren auf der Ebene der konkreten sozialen Praxen bzw. Interaktionen verursachen, wie sie gleichfalls prinzipielle Änderungen bei der Dominanz einzelner Strukturprinzipien zur Folge haben können.

Auf der Grundlage dieser Lesart des Giddens’schen Ansatzes rücken die konkreten institutionellen Strukturmuster von Gesellschaften in den Mittelpunkt der Analyse, so dass die Konflikte zwischen ihnen als ein entscheidender Faktor der sozialen Entwicklungsdynamik zu interpretieren ist.261 Der Logik der Dualität der Struktur folgend, entwickelt Giddens seinen Institutionenbegriff über die Relationierung von Interaktion und Struktur, wie sie sich im Strukturierungsprozess ergibt. So verweisen die Modalitäten der Strukturierung darauf, dass die Konstitution sozialer Interaktionen immer an die Strukturkategorie rückgebunden bleibt. Insofern ermöglicht der Anschluss an den Regelbegriff eine systematische Thematisierung symbolischer und normativer Dimensionen der Interaktion, während der Begriff der Ressourcen auf die hierin wirkenden allokativen und autoritativen Aspekte der Herrschaft bezogen ist. Nach Giddens besteht jede Interaktion aus den drei Komponenten Kommunikation, Macht und Sanktion, die im konkreten Interaktionsprozess stets ineinander verwoben und nur analytisch zu trennen sind. Gleichzeitig greifen die Interaktionsteilnehmer auf interpretative Schemata zur Kommunikation von Bedeutung, Machtmittel zur Durchsetzung von Interessen und Normen zur Sanktionierung zurück. Als strukturelle Parameter der Interaktion sind damit Prozesse der Signifikation (S), Domination (D) und Legitimation (L) verbunden. Auf der Grundlage dieser strukturellen Dimensionen lassen sich vier mögliche institutionelle Ordnungen unterscheiden: symbolische Ordnungen oder Diskurssphären, politische, ökonomische und legale Institutionen. Da alle vier Institutionen strukturelle Eigenschaften sozialer Systeme auf sich vereinigen müssen, unterscheiden sie sich lediglich nach ihrer vorherrschenden Kombination: S-D-L für symbolische Ordnungen, D(autoritativ)-S-L für politische Institutionen, D(allokativ)-S-L für ökonomische Institutionen und L-D-S für Rechtsinstitutionen. Diese Klassifikation verweist zwar auf universelle, in allen Gesellschaftsformen vorhandene Implikationen von Interaktionen, doch ist sie explizit „antisubstantivistisch“ (1988a: 86f.) angelegt, so dass sie es ermöglicht, den historisch je spezifischen Ausprägungen von Institutionen analytisch gerecht zu werden. Denn Giddens’ Fassung der vier grundlegenden Institutionentypen (symbolische, politische, ökonomische und legale) beansprucht zwar, dass diese sich in allen Gesellschaften finden lassen, es bleibt jedoch eine historisch-empirische Frage, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Denn trotz der vermeintlichen Parallelen zu Parsons’ AGIL-Schema folgt die institutionelle Differenzierung von Gesellschaften im Rahmen des strukturierungstheoretischen Ansatzes gerade nicht funktionalen Erfordernissen, sondern muss — wie gezeigt — in Abhängigkeit von konkreten Widerspruchsformen und Konfliktfeldern interpretiert werden. Gesellschaften sind raum-zeitlich variable, in ihrer Entwicklung offene, soziale Systeme, deren Konstitution historisch immer auf die durchgesetzten Muster der institutionellen Binnenorganisation262 bezogen bleibt.


Fußnoten und Endnoten

213  Stattdessen bleibt Giddens selbst auch auf gesellschaftstheoretischer Ebene seiner methodischen Forderung nach einer „multiplicity of readings“ (1982b: 73) treu; er kontextualisiert in erster Linie die theoretischen Grundkonzepte, ohne die analytischen Implikationen seines Ansatzes weiter zu verfolgen.

214  „The structured properties of society, the study of which is basic to explaining the long-term development of institutions” (Giddens 1981b: 171).

215  Vgl. hierzu A. Giddens (1990a: 302).

216  Vgl. hierzu A. Giddens (1990a: 303, Schaubild 22.3).

217  Der Prozess der europäischen Integration, insbesondere aufgrund der zunehmenden ökonomischen Verflechtungen und der damit verbundenen Chance, auf dem Weltmarkt ‚besser‘ konkurrieren zu können, verdeutlicht dies aktuell. Aber auch die im Zuge der Versuche einer religiösen Homogenisierung zu beobachtenden Auseinandersetzungen, wie sie spätestens seit dem 30-jährigen Krieg zur Tagesordnung internationaler Politik gehören, sind meines Erachtens augenfällige Beispiele dafür, dass spezifische (hier: religiöse) Interaktionsbeziehungen und soziale Beziehungen über einzelne Gesellschaften hinaus wirksam sind.

218  Vgl. insbesondere R. Collins (1981, 2000).

219  Vgl. H. Willke (1987: 262f). Darüber hinaus, die klassische soziologische Diskussion resümierend, H. Tyrell (1998). Allgemein hierzu: H.-P. Müller (1983: 105-115), B. Peters (1993) oder R. Münch (1995).

220  Er selbst verweist darauf, dass beide Integrationsdimensionen ausdrücklich miteinander verbunden sind und ihre Differenzierung eine rein analytische ist, wenn sie auch auf Grund des in ihr enthaltenen Zeitelements faktisch unterscheidbar sind. Vgl. D. Lockwood (1979: 129ff.).

221  Vgl. etwa die grundlegenden Kritiken bei N. Mouzelis (1974) und R. Mishra (1982).

222  Vgl. die spätere Weiterentwicklung von D. Lockwood (1981) selbst. Gegenwärtig nimmt diese Begriffsdifferenzierung systematisch wieder auf: M. Archer (1995, 1996), N. Mouzelis (1994, 1997) oder J.M. Domingues (2000).

223  Entgegen der Verwendung der Begriffe durch J. Habermas (1981b), die für ihn gerade Kennzeichen der Ausdifferenzierung von System und Lebenswelt sind.

224  Er selbst weist an anderer Stelle darauf hin (Lockwood 1981), dass die Hauptverbindung zwischen Sozial- und Systemintegration mit Hilfe eines utilitaristischen Handlungsbegriffs hergestellt wurde, der jedoch eine Reihe von Problemen und Verkürzungen beinhaltet, so dass eine angemessene handlungstheoretische Grundlegung der Theorie fehlt. Dies verweist auf ein Grundproblem in Lockwoods Ansatz, da er zwar richtigerweise den Zusammenhang von Handlungs- und Strukturebene postuliert, es jedoch unterlässt, diesen theoretisch so neu zu konzipieren, dass die gegenseitige Beeinflussung sowohl für den Handlungs- wie auch für den Strukturbegriff konstitutiv wird. Somit bleibt die Gefahr der Reifikation dieses Verhältnisses bestehen, da unklar ist, wie die Akteur-System-Beziehung faktisch konzeptualisiert wird, ohne der einen oder anderen Seite ein Primat auszusprechen.

225  „Die Sozialintegration hat mit der Interaktion in Kontexten der Kopräsenz zu tun. Die Verbindungen zwischen Sozial- und Systemintegration kann man zur Darstellung bringen, wenn man die Regionalisierungsweisen untersucht, welche die Raum-Zeit-Wege, denen die Mitglieder einer Gemeinschaft oder Gesellschaft in ihren alltäglichen Aktivitäten folgen, lenken oder gelenkt werden. Diese Wege sind weitgehend von grundlegenden institutionellen Parametern der entsprechenden sozialen Systeme beeinflusst und reproduzieren sie gleichermaßen“ (Giddens 1988a: 196).

226  Ähnlich mittlerweile auch R. Collins (1987) und C. Calhoun (1992).

227  So finden sich neben der Eingliederung von Individuen oder Gruppen in größere soziale Ordnungsgefüge auch Probleme der Koordination von Regelstrukturen, die sich in inter- bzw. intrainstitutionellen Integrationsprozessen manifestieren, oder Fragen, inwieweit variierende Verteilungsstrukturen innerhalb einer Gesellschaft aufeinander abgestimmt werden können.

228  Für eine weiterführende Bestimmung der sozialtheoretischen Relevanz des Reziprozitätskonzepts zur Analyse von Konstitutionsprozessen sozialer Einheiten ließe sich produktiv an A. Gouldner (1984) und M. Sahlins (1999) anschließen. Mit Blick auf die Analyse einer besonderen Handlungsform, dem stifterischen Handeln und seinem Einfluss auf die Ausbildung zivilgesellschaftlicher Ordnungsgefüge habe ich dies in Ansätzen versucht (Vgl. Sigmund 2000, 2001).

229  Klassisch, obwohl vergessen, für diese Perspektive immer noch A. Etzionis’ Werk: Die aktive Gesellschaft (1975).

230  Wenngleich mit einer völlig anderen Zielsetzung und dem Fokus auf die Dimension der Zeit verweist schon N. Luhmann (1970) im Zusammenhang mit seiner frühen Kritik am sozialwissenschaftlichen Funktionsbegriff darauf, dass soziologische Analysen sozialer Systeme sich nicht mehr primär auf das Bestandsproblem konzentrieren dürften, sondern stattdessen den Wandel und die Entstehung sozialer Strukturen reflektieren müssten, d.h. diese zu temporalisieren.

231  Mit Blick auf die Kategorie des Raumes etwa E. Durkheim (1976), G. Simmel (1992: 687-790), M. Halbwachs (1985) oder R.E. Park (1974). Mit Bezug auf die Kategorie der Zeit insbesondere E. Durkheim (1981), P. Sorokin/R.K. Merton (1937), G.H. Mead (1936, 1959) oder N. Elias (1984).

232  Vgl. hierzu auch H. Nowotny (1992: 484), die in Analogie zu Martins Begriffsbildung von „pluritemporalism“ spricht: „This is an acknowledgement of the existence of a plurality of different modes of social time(s) that may exist side by side and yet are to be distinguished from the time of physics or biology.”

233  Vgl. hierzu insbesondere A. Giddens (1981b: 19f. und 1988a: 89).

234  Vgl. zum Folgenden A. Giddens (1981b: 34ff.).

235  Zu Problemen kollektiver Erinnerung und institutionalisierter Formen des Gedächtnisses finden sich in den letzten Jahren eine Vielzahl von Arbeiten. Klassisch hierzu immer noch M. Halbwachs (1985).

236  Wie schon im Zusammenhang mit seiner Rekonstruktion des soziologischen Handlungsbegriffs erwähnt, wird auch hier eine auffallende Nichtrezeption der soziologischen Tradition des amerikanischen Pragmatismus durch Giddens deutlich, obgleich sich doch vielfältige Übereinstimmungen und produktive Anschlüsse finden ließen.

237  Vgl. zur Zeittheorie Meads insbesondere W. Bergmann (1981), darüber hinaus zum Phasenmodell des Mead’schen Handlungskonzepts U.P. Krämer (1992: 46ff.).

238 Zeit ist zentral für die Etablierung und Durchsetzung sozialer Einheiten, bleibt jedoch so lange abstrakt und vage, solange es nicht gelingt, auch deren räumliche An- und Abwesenheit aufzuklären. Vgl. zur Bedeutung von An- und Abwesenheitsbezügen sozialen Handelns insbesondere P.A. Berger (1995a).

239  Vgl. hierzu auch W. Bergmann (1983: 493ff.).

240  So auch die These von M. Elchardus (1988: 36), derzufolge ein „ renewed interest in what I would like to call Chronos“ (zu beobachten ist), „i.e. in time as a possibility for creation and destruction, and as a source of uncertainty and choice.“

241  Diesen unmittelbaren Zusammenhang von Raum und Zeit betont auch N. Elias: „Jede Veränderung im Raum ist auch eine Veränderung in der Zeit, jede Veränderung in der Zeit ist auch eine Veränderung im Raum“ (Elias 1984: 74).

242  A. Giddens unterscheidet hierbei drei Prozesse: 1. Der Einfluss von Naturkatastrophen oder der Zusammenprall zwischen unterschiedlichen Gesellschaftsformationen kann eine Veränderung/Anpassung der sozialen Praktiken zur Folge haben. 2. Die Entstehung neuer Interpretationen der vorherrschenden Normen kann zu divergierenden Traditionsdeutungen führen und deshalb auch die Grundlagen der Routinen erodieren. Und schließlich 3. kann es zu einer fundamentalen Hinterfragung der Legitimationsbasis der Traditionen kommen, wie sie beispielsweise im Prozess der Säkularisierung für den Westen zu beobachten war und zu einem Traditionsverlust im Zuge des Aufkommens der ‚Historizität’ als einer Form historischen Bewusstseins, das aktiv die bestehenden sozialen Institutionen problematisiert und zunehmend auflöst, führen (vgl. hierzu Giddens 1995b: 177ff.).

243  Vgl. hierzu A. Giddens (1988a: 161 ff.). Kritisch hierzu insbesondere T. Carlstein (1981), N. Gregson (1986).

244  Vgl. etwa T. Hägarstrand (1970, 1974).

245  Vgl. P.A. Berger (1995a: 108ff.) oder allgemein W. Schivelbusch (1977).

246  Vgl. zur Kritik an T. Hägarstrand A. Giddens (1988a: 167ff.).

247  Vgl. etwa die Studie von M.R. Lepsius’ (1990) zum ‚Immobilismus in Süditalien‘, die, wenngleich mit anderer Zielsetzung, den Zusammenhang einer klar umgrenzten Region und die dortigen sozialen Praktiken deutlich aufzeigt.

248  Vgl. hierzu insbesondere A. Giddens (1981b: ch. 4, ch. 6).

249  Vgl. ähnlich auch D. Gregory (1994: 98).

250  Vgl. zu einer aufschlussreichen Kritik an Modellen, die Raum über die Metapher eines Behälters konzeptualisieren, D. Läpple (1991: 188ff.), wenngleich er nicht auf die Arbeiten von A. Giddens eingeht.

251  „How is social change handled in structuration theory? One thing to make clear is that it does not offer a theory of social change“ (Giddens 1990a: 303).

252  Vgl. mit ähnlicher Stoßrichtung auch J. Habermas (1976: 168).

253  Dies ist auch nach R. Bendix (1990: 280) zentrale Voraussetzung für die Analyse sozialen Wandels: „...studies of social change are not possible without a ‚before-and-after‘ model of the social structure in question“.

254  Vgl. hierzu auch F. Ettrich (1999).

255  „I do not wish to question — and I accept as a basic theorem — the Marxian position that contradiction underlies the possibility of progressive movement in history. (...) But I do propose to interject also a concept of system degeneration: in other words, if we accept in full the contingency of history, we have to accept the possibility that contradiction can underlie or stimulate retrograde movements of historical change“ (Giddens 1979: 142 f.).

256  Vgl. zum Folgenden: Giddens (1979: 161ff., 1981b: 236ff., 1988a: 248ff.).

257  Dies verdeutlichen Beispiele, die zeigen, dass die institutionelle Verfasstheit des modernen Staates einerseits darauf verweist, die einzelnen Sphären voneinander zu trennen; weite Teile der Wirtschaft unterliegen nicht mehr der politischen Steuerung. Andererseits ist der Staat wiederum abhängig von den Prozessen innerhalb der ökonomischen Entwicklung (Stichwort: Steuern), die er nicht mehr selbst kontrollieren kann. Insofern ist eine Politik zu erwarten, derzufolge die staatlichen Akteure wirtschaftlich fördernde Handlungen ausführen. Die Widerspruchsform zeigt sich darin, dass gerade die Bedingungen, die die Existenz des Staates ermöglichen, Mechanismen entstehen lassen, die seiner Macht entgegenwirken.

258  So wurden in den USA Versicherungsleistungen eingeführt, um die Situation alter Menschen mit geringem Einkommen zu verbessern. Hierdurch kam es jedoch zu einer Erhöhung ihres Einkommensniveaus, so dass Teile von ihnen knapp über dem Satz lagen, der ihnen die Gewährung staatlicher Gesundheitshilfe ermöglichte. Im Effekt ging es dann einer Reihe von Personen faktisch schlechter als vor der antizipierten ‚Unterstützung‘ (vgl. Giddens 1988a: 372).

259  Vgl. hierzu insbesondere Giddens (1979: 144ff. , 1988a: 374ff.).

260  So formuliert Giddens (1979: 158) selbst, wenngleich begrifflich undifferenziert, „ ... the idea of analyzing social change in terms of a fusion of contradictions is an important one.“

261  Um aufzuklären, ob die raum-zeitlich zu spezifizierenden Kontakte gesellschaftliche Entwicklungsprozesse nach sich ziehen, ist es notwendig, diese als Episoden zu kennzeichnen, die die Grundlage für eine historisch komparative Strukturierungsanalyse der Moderne darstellt. „Wenn ich von umfassenden Episoden spreche, meine ich identifizierbare Sequenzen des Wandels, welche die Hauptinstitutionen innerhalb einer gesellschaftlichen Gesamtheit betreffen oder zu Übergängen zwischen gesamtgesellschaftlichen Formen führen“ (Giddens 1988a: 301).

262  Insofern stellt gerade die Entwicklung nordafrikanischer Gesellschaften ein äußerst interessantes Untersuchungsfeld für eine strukturierungstheoretische Untersuchung in der hier vorgelegten Perspektive dar, da die im Zusammenhang mit der Entstehung fundamentalistischer Bewegungen beobachtbaren Konflikte eventuell Veränderungen im Bereich des institutionellen Aufbaus der Gesellschaft zur Folge haben, die dann auch einen anderen Gesellschaftstyp prägen könnten.



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16.01.2008