6. Zusammenfassung

↓336

Aufgrund von Leistungssteigerungen im Milchviehbereich haben die Rinderbestände in den letzten Jahren stetig abgenommen, die Mutterkuhplafonds sind zu hundert Prozent ausgeschöpft und die Einnahmen der Schafhaltung decken trotz der Zahlung einer Mutterschafprämie kaum die Kosten. Dieses sind die derzeitigen agrarpolitischen Rahmenbedingungen für ein landwirtschaftliches Unternehmen in Thüringen mit einem hohen Grünlandanteil und einer Tierproduktion.

↓337

Die Förderung über das KULAP-Programm lässt für die Wiesen und Weiden nur noch eine extensive Bewirtschaftung mit vielen Auflagen in Bezug auf Düngung, Pflanzenschutz und Neuansaaten zu. Folge sind immer schlechter werdende Grasbestände in Qualität und Quantität, welche eine intensive Milchproduktion, einschließlich deren Reproduktion, kaum noch zulassen.

Eine Alternative stellt die Weidehaltung weiblicher Jungrinder zur Eigenbestandsergänzung dar. Die gesundheits- und fruchtbarkeitsfördernden natürlichen Bedingungen der Weidehalt-ung für das Wohlbefinden und die Kondition der Jungrinder sind unstrittig.

In den vergleichenden Untersuchungen zur Stall- und Weidehaltung während der Aufzucht-phase von weiblichen Jungrindern sollten deren Wirkung in Bezug auf das spätere Wachstum, die Fruchtbarkeit, die Gesundheit, die Milchleistungen und die Nutzungsdauer der Tiere analysiert werden.

Wachstum

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Die Lebendmasseentwicklung der weidenden Jungrinder gestaltete sich im Vergleich zu den Stalltieren in der Aufzuchtphase während des Zeitraumes verschiedener Haltungseinflüsse hoch signifikant negativ. Speziell in den ersten 50 Weidetagen bis zum erfolgreichen Bedeck-ungstermin verzeichneten diese einen starken Lebendmasseverlust. Nach der Phase der Lebendmassereduzierung bis zum 100.Weidetag begann um den 540.Lebenstag der Weide-tiere eine leichte sukzessive Lebendmassezunahme. Im Zeitraum 540.-630.Lebenstag war eine leichte Annäherung der durchschnittlichen Lebendmasseentwicklungen zwischen Stall- und Weidegruppe erkennbar. Über den gesamten Zeitraum verschiedener Haltungseinflüsse hatte die Stallgruppe 110 kg und die Weidegruppe gerade 18 kg Lebendmassezunahme realisiert.

Nach dem Weideabtrieb, um den 630.Lebenstag setzte das kompensatorische Wachstum bei den Weidetieren mit 1.100 g Zunahme je Tier und Tag ein.

Die Differenz in den Lebendmassen p.p. zwischen der Stallgruppe (557 kg) und der Weidegruppe (508 kg) war hoch signifikant.

↓339

Am 100. Laktationstag der 1.Laktation hatten die Lebendmassen der Stall- (515 kg) und der Weidegruppe (510 kg) fast gleiches Niveau erreicht.

Die ausschließlich im Stall aufgezogenen Tiere hatten im 1.Laktationsdrittel der 1.Laktation durchschnittlich 42 kg Lebendmasse verloren, währenddessen die Weidetiere eine Lebend-massezunahme von 2 kg erzielten.

Im Zeitraum verschiedener Haltungseinflüsse besaßen die Stallgruppen „schwer“ und „leicht“ (112 und 108 kg) im Vergleich zu den Weidegruppen „schwer“ und „leicht“ (8 und 29 kg) eindeutige Vorteile in der Lebendmasseentwicklung. Die leichten Weidetiere hatten sich besser an die herrschenden Weidebedingungen adaptiert.

↓340

Die Lebendmasseentwicklungen während der Phase des kompensatorischen Wachstums unterschieden sich zwischen Weidegruppe „schwer“ und „leicht“ (109 und 104 kg) nur geringfügig.

Im 1.Laktationsdrittel der 1.Laktation konnte nur die Weidegruppe „leicht“ eine Lebend-massezunahme (8 kg) verzeichnen. Die Stallgruppen „schwer“ und „leicht“ realisierten mittlere Lebendmasseverluste von 42 und 40 kg.

Fruchtbarkeit

Im Erstkalbealter gab es nur geringfügige Unterschiede zwischen Stall- und Weidegruppe (26,2 bzw. 25,9 Monate) trotz der unterschiedlichen Form der Besamung/Bedeckung durch künstliche Besamung bzw. Deckbulle und der unterschiedlichen Lebendmasseentwicklungen im Zeitraum 450.Lebenstag bis 1.Besamung/ erfolgreiche Bedeckung.

↓341

Gering waren die Unterschiede im Kalbeverlauf zur 1.Laktation mit 1,3 (Stallgruppe) und mit 1,4 (Weidegruppe). Die Abkalberate der Weidegruppe war mit 93,2 % im Vergleich zur Stallgruppe mit 87,8 % aufgrund der unterschiedlichen Form der Besamung/Bedeckung durch Deckbulle bzw. künstliche Besamung höher.

Der Anteil an Totgeburten zur 1.Abkalbung lag in der Weidegruppe mit 14,5 % bedeutend höher als in der Stallgruppe mit 10,8 %. Mögliche Ursachen können der Einsatz des betrieblichen Deckbullen, die extreme Lebendmassezunahme der Färsen im letzten Trächtigkeitsdrittel und die daraus resultierende hohe Geburtsmasse der Kälber sein.

Bedingt durch das niedrigere Abkalbegewicht und den bestehenden Antagonismus zwischen Milchleistung und Fruchtbarkeit erreichten die Weidetiere im Vergleich zu den Stalltieren während der 1.Laktation eine signifikant schlechtere mittlere Rast- und Zwischentragezeit sowie zur 2.Laktation eine signifikant höhere Zwischenkalbezeit.

↓342

Auch die Abkalberate zur 2.Laktation war bei den Stalltieren mit 67,9 % im Vergleich zu den Weidetieren mit 61,7 % höher. In der Totgeburtenrate zur 2.Abkalbung gab es geringe Differenzen zwischen Weide-und Stallgruppe mit 10,8 bzw.10,5 %.

Keine oder nur geringe Unterschiede zwischen den beiden Gruppen bestanden im Besam-ungsindex und beim Kalbeverlauf zur 2.Laktation.

Nicht signifikant waren Fruchtbarkeitsparameter in der 2.Laktation zwischen beiden Gruppen.

↓343

Mit 25,3 Monaten erreichte die Weidegruppe „leicht“ das niedrigste Erstkalbealter. Zwischen der Stallgruppe „schwer“ und „leicht“ (26,3 und 26,2 Monate) und der Weidegruppe „schwer“ (26,4 Monate) differierte das Erstkalbealter nur gering.

Die Unterschiede im Kalbeverlauf zur 1.Laktation waren mit 1,4 (Stallgruppe „schwer“), mit 1,3 (Stall- und Weidegruppe „leicht“) und mit 1,5 (Weidegruppe „schwer“) gering.

Die Abkalberate der Weidegruppe „schwer“ (97,3 %) war im Vergleich zur Weide- und Stallgruppe „leicht“ (89,2 %) und der Stallgruppe „schwer“ (86,5 %) am höchsten. Der Anteil an Totgeburten zur 1.Abkalbung lag in der Weidegruppe „leicht“ mit 21,2 % extrem hoch. Mögliche Ursachen können die geringen Körpermaße, die niedrigen Lebendmassen p.p. und die hohe Lebendmassezunahmen der Färsen im letzten Trächtigkeitsdrittel mit zu großen und schweren Kälbern sein.

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Die Stallgruppen „schwer“ und „leicht“ erreichten im Vergleich zu den Weidegruppen „schwer“ und „leicht“ während der 1.Laktation niedrigere mittlere Rast- und Zwischentrage-zeiten, sowie zur 2.Laktation niedrigere Zwischenkalbezeiten. Die schweren Tiere schnitten im jeweiligen Vergleich innerhalb der Gesamtgruppe am besten ab.

Die Abkalberate zur 2.Laktation war in der Stallgruppe „leicht“ (82,8 %) im Vergleich zu der Weidegruppe „leicht“ und „schwer“ (69,0 % und 54,8 %), sowie der Stallgruppe „schwer“ (51,9 %) am höchsten. Die Totgeburtenraten zur 2.Abkalbung variierten zwischen den Stall- und Weidegruppen „schwer“ (21,4 bzw.17,6 %) und den Stall- und Weidegruppen „leicht“ (4,2 bzw.5,0 %) sehr stark.

Zwischen den 4 Untergruppen bestanden nur geringe Unterschiede im Besamungsindex und beim Kalbeverlauf zur 2.Laktation.

Gesundheit

↓345

Unterschiede in den Erkrankungsraten bezogen auf den Anfangsbestand der Stallgruppe

(39,2 %) und der Weidegruppe (18,9 %) während der Aufzuchtphase weisen eindeutig auf die gesundheitsfördernde Wirkung der Weidehaltung hin. Den größten Anteil nehmen mit 86,1 % (Stallgruppe) und 75,0 % (Weidegruppe) die Klauen- und Gliedmaßenerkrankungen ein.

Im Verlauf der 1. und 2.Laktation war kein Einfluss der unterschiedlichen Haltungssysteme während der Aufzuchtphase auf das Erkrankungsgeschehen der Versuchstiere erkennbar.

↓346

Bezogen auf den Anfangsbestand zur 1.Laktation variierte die Erkrankungsrate zwischen

55,2 % (Stallgruppe) und 69,2 % (Weidegruppe). Erkrankungsschwerpunkte in der 1.Laktation bildeten die Klauen- und Gliedmaßenerkrankungen (42,1 bzw. 48,1 %), gefolgt von den Eutererkrankungen (29,5 bzw. 29,6 %) und den Fruchtbarkeits- und Stoffwechselstörungen (2,6 bzw. 18,4 % und 17,9 bzw. 6,4 %).

Auf den Anfangsbestand zur 2.Laktation bezogen differierte die Erkrankungsrate zwischen 48,8 % (Stallgruppe) und 68,4 % (Weidegruppe). Schwerpunktmäßig traten Eutererkrankungen mit 31,7 bzw. 42,9 % und Klauen- und Gliedmaßenerkrankungen mit 31,7 bzw. 37,7 % in der Stall- bzw. Weidegruppe auf.

↓347

Während der Aufzuchtphase weisen Unterschiede in den Erkrankungsraten bezogen auf den Anfangsbestand der Stallgruppen „schwer“ und „leicht“ (45,9 und 32,4 %) und der Weidegruppen „schwer“ und „leicht“ (18,9 %) eindeutig auf die gesundheitsfördernde Wirkung der Weidehaltung hin. Die Klauen- und Gliedmaßenerkrankungen nehmen mit 88,5 bzw. 88,2 % (Stallgruppe „schwer“ bzw. „leicht“) und 81,8 bzw. 57,1 % (Weidegruppe „schwer“ und „leicht“) den größten Anteil ein.

Bezogen auf den Anfangsbestand zur 1.Laktation differierte die Erkrankungsrate zwischen 61,8 bzw. 32,4 % (Stallgruppe „schwer“ bzw. „leicht“) und 69,4 bzw. 69,7 % (Weidegruppe „schwer“ bzw. „leicht“). Erkrankungsschwerpunkte in der 1.Laktation waren Eutererkrank-ungen mit 45,8 bzw. 23,3 % (Stallgruppe „schwer“ bzw. „leicht“) und 25,0 bzw. 42,6 % (Weidegruppe „schwer“ bzw. „leicht“) sowie Klauen- und Gliedmaßenerkrankungen mit 29,2 bzw. 43,3 % (Stallgruppe „schwer“ bzw. „leicht“).

Milchleistung

Auf die Milchleistung in der 1.und 2.Laktation hatten die unterschiedlichen Haltungssysteme während der Aufzucht keinen Einfluss. Betriebliche Faktoren wie Fütterung, Haltung und Managements während der Laktationszeiträume entschieden über die Höhe der Milchleistung.

↓348

Signifikante Unterschiede gab es bei der 100-Tageleistung der 1.Laktation zwischen den beiden Gruppen zugunsten der Stallgruppe.

Dagegen konnten keine signifikanten Unterschiede mehr zwischen Stall- und Weidegruppe bei der 305-Tageleistung der 1.Laktation ermittelt werden.

Auch die hochgerechnete 305-Tageleistung der 2.Laktation brachte bei 7.400 und 7.625 kg keine signifikanten Unterschiede zwischen Stall- und Weidegruppe.

↓349

Zwischen den Stall- und Weidegruppen „schwer“ und „leicht“ bestehen nur geringe Unterschiede bei der 305-Tageleistung der 1.Laktation. Die Stallgruppe „leicht“ hatte während der 1.Laktation bis auf den Milcheiweißgehalt in % die besten Milchleistungspara-meter der 4 Untergruppen. Die Weidegruppe „leicht“ erreichte eine höhere Milchfett- und –eiweißmenge im Vergleich zur Stall- und Weidegruppe „schwer“.

Nutzungsdauer

Über den gesamten Untersuchungszeitraum wurde in der Stallgruppe eine etwas geringere Abgangsrate von 36,5 % im Vergleich zur Weidegruppe mit 39,2 % ermittelt.

Unterschiede gibt es in den Untersuchungszeiträumen. So betrug die Abgangsrate zum Anfangsbestand während der Aufzucht in der Stall- 9,5 % und in der Weidegruppe 6,8 %.

↓350

In den folgenden Haltungsabschnitten wurde der Einfluss der Weidehaltung durch die Haltungs-, Fütterungs- und Managementbedingungen im Stall überdeckt.

Das geringe Abkalbegewicht der Weidetiere hatte jedoch indirekten Einfluss auf die Abgangsrate während der 1.Laktation. So entfielen in der Stallgruppe 55,6 % der Gesamtab-gänge auf die 1.Laktation, während es in der Weidegruppe 75,9 % waren.

Hingegen wurden in der 2.Laktation 18,5 % der Gesamtabgänge der Stallgruppe und 6,9 % in der Weidegruppe registriert.

↓351

Als Hauptabgangsursachen wurden die Klauen- und Gliedmaßenerkrankungen, die Mastitis, Fruchtbarkeits- und Stoffwechselstörungen ermittelt.

Während der Aufzucht hatte die Abgangsrate zum Anfangsbestand in der Stallgruppe „schwer“ bzw. „leicht“ 8,1 bzw. 10,8 % und in der Weidegruppe „schwer“ bzw. „leicht“ 2,7 bzw. 10,8 % betragen.

Bezogen auf den Anfangsbestand wurden innerhalb der 1.Laktation eine Abgangsrate in der Stallgruppe „schwer“ bzw. „leicht“ von 29,4 bzw. 15,2 % und in der Weidegruppe „schwer“ bzw. „leicht“ von 38,9 bzw. 24,2 % ermittelt.

↓352

Aus den Untersuchungsergebnisse ist abzuleiten, dass die Weidehaltung während der Aufzuchtphase keinen negativen Einfluss auf die spätere Leistungsfähigkeit der Milchkühe in der 1. und 2.Laktation hat.

Zu beobachten waren jedoch Auswirkungen einer ungenügenden Lebendmasseentwicklung während der Weideperiode auf die Fruchtbarkeit, die Gesundheit und die Nutzungsdauer in der 1.Laktation. Mit der 2.Laktation konnten sich die Milchkühe aus der Weidegruppe stabilisieren und erreichten eine höhere Milchleistung, bessere Fruchtbarkeitsparameter und ein geringeres Abgangsgeschehen im Vergleich zu den Kühen aus der Stallgruppe.

Entscheidend für eine effiziente und intensive Milchproduktion sind aber die betrieblichen Bedingungen und Voraussetzungen inbezug auf die Haltung, Fütterung und das Management der Hochleistungskühe während der Laktationen, einschließlich der Trockenstehphasen.


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17.11.2006