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1  Einleitung

Thema meiner Arbeit ist die vergleichende Analyse von Scrambling im Deutschen (D.) und Koreanischen (K.). Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, die Eigenschaften von Scrambling im D. und K. vergleichend darzustellen und eine Lösung der sich ergebenden Probleme vorzuschlagen.

Der Abschnitt 1.1 führt zunächst die grundlegende Fragestellung dieser Arbeit näher aus. Die für die Erklärung der Eigenschaften von Scrambling nötigen Annahmen folgen in Abschnitt 1.2. Die theoretischen Begriffe, auf denen die Analyse von Scrambling im D. und K. basiert, werden in Abschnitt 1.3 behandelt. Die Struktur dieser Arbeit erläutert Abschnitt 1.4.

1.1 Fragestellung

In dieser Arbeit wird hauptsächlich die Frage untersucht, ob Topik und Fokus als morphologische Merkmale lexikalischer Elemente betrachtet werden können. Allgemein werden Topik und Fokus aus pragmatischer Sicht1 als kontext- bzw. informationsstrukturelle Merkmale angesehen. Mit Bezug auf Scrambling im D. und K. wird - der lexikalischen Sicht (vgl. Bierwisch 1970, 87, 88, 90, 96, 97) folgend - diese Frage beantwortet und festgestellt, dass Topik und Fokus grammatische Merkmale lexikalischer Elemente bedeuten. Die nominalen Satzglieder erscheinen, vereinfachend erklärt, als Träger von Topik und Fokus. Als Beispiele für die Topik- oder Fokus-Träger im Satz dienen die folgenden Sätze.

(1)

a.

Ich habe ihm das gezeigt.

.

b.

Ich habe das ihm gezeigt

Die Pronomina ich, ihm und das haben lexikalisch nominaleMerkmale, die in dieser Arbeit morphologische Topik- und Fokusmerkmale genannt werden, inne. Die morphologischen Topik- und Fokusmerkmale der Phrasen bezeichnen die Lokalität zum Prädikat; z.B. erscheint das Nominal-Merkmal einer Phrase als Topikmerkmal an einer möglichen höheren bzw. vom Prädikat entfernteren Position oder als Fokusmerkmal an einer möglichen niedrigeren bzw. dem Prädikat näheren Position vor. In Basisstellung in Satz (1) a steht das vom Prädikat gezeigt am weitesten entfernte Pronomen ich als topikalstes Element, das dem Prädikat nächste Pronomen das als fokalstes; in Satz (1) b steht es als topikalstes Element, das dazu nächste ihm als fokalstes, wodurch der Kontrast darauf gelegt wird. Die nominalen Merkmale [Seite 2↓]der Pronomina in Satz (1) erscheinen also als Topik- oder Fokus-Merkmale, wobei Topik und Fokus durch die Entfernung des Satzgliedes vom Prädikat bestimmt werden.

Im K. gilt das Gleiche. Aufgrund der Kasusmorpheme, die dem Artikel im D. entsprechen können2, werden die Nomina als Topik- oder Fokus-Träger verstanden. Als Beispiele dafür sollen die folgenden Sätze angegeben werden.

(2) a.

chinkwu-ka

chayk-ul

sa-ss-ta.

 

Freund-NOM

Buch-ACC

kauf-PAST-DECL

 

´Der/Ein Freund hat das/ein Buch gekauft.`

  

b.

chayk-ul

chinkwu-ka

sa-ss-ta.

 

Buch-ACC

Freund-NOM

kauf-PAST-DECL

 

´Das/ein Buch hat der/ein Freund gekauft.`

In Satz (2) a werden das erste Argument chinkwu-ka (‚der/ein Freund‘), das weit vom Prädikat sa-ss-ta (,gekauft hat‘) entfernt steht, als Topik und das zweite Argument chayk-ul (‚das/ein Buch‘), das in der Nähe des Prädikates auftritt, als Fokus verstanden. Hingegen erscheint in (2) b die davon entfernteste DP chayk-ul (‚das/ein Buch‘) als Topik und das dazu nahe gelegene Element chinkwu-ka (‚der/ein Freund‘) als Fokus.


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1.2  Grundannahme

1.2.1 Definition und Ursache von Scrambling

Scrambling ist eine Beschreibung des als Strukturbegriff anzusehenden relativen Paarbegriffes „Topik und Fokus“ durch alle nominalen Satzglieder. Er existiert in Bezug auf die Satzpositionlinear und kontinuierlichund im Hinblick auf die Satzstruktur hierarchisch: „Topik und Fokus“ stellt einen strukturellen Distanz- bzw. Lokalitätsbegriff das Prädikat betreffend her. Er wird als mehrdimensionales Konzept angesehen, das ununterbrochen relativiert bzw. graduiert werden kann, wobei die beiden voneinander abhängigen Begriffe Topik und Fokus miteinander verbunden bleiben. Eine Variation des störungsfreien Relativierungseffektes von „Topik und Fokus“ bei Satzgliedern wird mittels Scrambling erzielt. Scrambling wird in dieser Arbeit also als Ausprägung des relativen Paarbegriffes „Topik und Fokus“ durch die nominalen Satzglieder definiert: im Allgemein trittTopik weit entfernt vom Prädikat auf; Fokus befindet sich in der Nähe dazu - anders formuliert, je entfernter vom Prädikat die Satzglieder stehen, desto topikaler wirken sie im Wesentlichen; je näher sie auftreten, umso fokaler.

Allerdings können Topik und Fokus auch durch phonetische Akzentuierung und ausführlichen pragmatischen Diskurs gekennzeichnet werden. Diese Arbeit betrachtet das Scrambling im D. und K. aus lexikalischer Sicht, d.h. im Hinblick auf den morphologischen und syntaktischen Charakter lexikalischer Einheiten.

In Zusammenhang mit dieser Definition werden die nominalen Merkmale als Ursache für Scrambling angenommen: als grammatische Kategorie sind sie topikale und fokale Merkmale, die sich durch Scrambling strukturell realisieren. Das nominale Merkmal, das vom Prädikat entfernt im Satz erscheint; fungiert normalerweise als topikales Element; dasjenige, welches in der Nähe des Prädikates steht, als fokales. Mit Hilfe von Scrambling werden diese nominalen Merkmale der Satzglieder in den verschiedenen Positionen relativ zum Prädikat (nah bzw. fokal oder fern bzw. topikal) erkennbar.


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1.2.2  Das Scramblingobjekt

Merkmale, die Scrambling auslösen, liegen morphosyntaktisch auf nominalen Phrasen, die z.B. Artikel des D. und Kasusmorpheme des K. aufweisen können. Die nominalen Satzglieder, d.h. Argumente und Adjunkte eines Prädikates bzw. die Satzglieder mit Kasus stellen also Scramblingobjekte dar. Die Argumente bilden die nominalen Phrasen, die stark von der Lokalität zum Prädikat in einem Satz abhängen. Die Adjunkte gehören ebenfalls zu den nominalen Satzgliedern und können darum überall im Satz umgestellt werden. Die beteiligten Satzglieder des durch ein Prädikat bezogenen Ereignisses können syntaktisch als Topik- oder Fokus-Träger fungieren. Die verbalen Einheiten, z.B. Konjunktionen, Tempus-morpheme und Prädikate (Hilfsverben und finite Verben)3, bleiben vom Scrambling ausgeschlossen.

1.3 Theoretische Begriffe

1.3.1 Lexikalische Formata

Die theoretische Grundlage für die Analyse von Scrambling im D. und K. bildet die lexikalische Sicht von M. Bierwisch (1970, 87, 88, 90, 96, 97). Um die unterschiedlichen lexikalischen Merkmale und ihre Funktionen bei Scrambling im D. und K. zu zeigen, wird diese Betrachtungsweise genutzt, insbesondere das lexikalische Format des Lexikalischen Systems (LS, Bierwisch 1990, 96, 97). Lexikalische Einheiten im LS sind als Datenstrukturen systematisch organisiert, die kombinatorisch und redundanzfrei sind. Sie enthalten vier Arten von miteinander verbundenen minimalen Informationen, die komplexe Strukturen determinieren, vgl. (3):

(3) a.

PF: Die Phonetische Form PF (E) der Einheit E

b.

GF: Die Grammatische Form GF (E) der Einheit E

c.

AS: Die Argument-Struktur AS (E) der Einheit E

d.

SF: Die Semantische Form SF (E) der Einheit E


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PF (E) bezeichnet eine Menge der phonologischen Merkmale, die die PF-Repräsentation der Einheit betrifft. GF (E) spezifiziert die syntaktischen kategorialen Merkmale wie [±N, ±V], die grammatischen Merkmale, z.B. Person, Numerus, Genus, Kasus, und die morphologischen Merkmale, z.B. die Flexionsklasse. AS (E) zeigt die mit einem Lambda-Abstraktor bezeichnete Thetastruktur und die syntaktische Rolle der Einheit an. SF (E) umfasst eine abstrakte Bedeutung der Einheit, die die konzeptionelle Interpretation bzw. Struktur (CS) der Einheit steuert. Diese Form markiert eine Funktor-Argument-Struktur, die als Ausdruck der Kategorie 0 im kategorialen System dargestellt wird, wobei die Kategorie der Propositionen 0 und die Kategorie der Entitäten 1 ist.

Zu einem rein grammatischen Typ lexikalischer Einheiten gehören die funktionalen Köpfe bzw. Kategorien, auf die sich die Variation des Lexikons in den Einzelsprachen beschränkt. Diese funktionalen Kategorien beinhalten T, D und C, welche auchsemantische Eigenschaften aufweisen. T besitzt [Tempus] als semantisches Merkmal, D ist die Kategorie der Referenzialität und C der Indikator des Modus. Es gibt eine leere V-Kategorie „v“. Sie wird „leichtes Verb“ genannt, das zwar keine phonetischen Merkmale hat, aber formale Merkmale tragen kann und als eine funktionale Kategorie betrachtet wird. In den funktionalen Köpfen C, T, D und v treten die Kategorien C, T und v lexikalisch gesehen verbal auf; D nominal.

Abschnitt 1.2.1 formuliert folgende Annahme: Scrambling führt verschiedene Darstellungen des relativen mehrdimensionalen Paarbegriffes „Topik und Fokus“ aus. Mit Blick auf die Definition verursachen die nominalen Merkmale zur Kennzeichnung des Paares „Topik und Fokus“ das Scrambling. Die Merkmale, die Scrambling im D. und K. auslösen, werden morphologisch nominal grammatikalisiert.

Das folgende Beispiel demonstriert die generelle Form der nominalen Phrasen im D. und K. (bzw. der nominalen funktionalen Kategorien NK oder des Determinators D)4 im lexikalischen Eintrag gemäß dem LS:


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(4) Das lexikalische Format der nominalen Phrasen im D. und K. (bzw. des nominalen funktionalen Kopfes oder Determinators D)

Im Deutschen könnendie nominalen funktionalen Elemente bzw. Kasusträger, z.B. Artikel, lexikalisch (morphologisch) nicht als Topik- und/oder Fokusmarker fungieren, sehr wohl aber die koreanische Entsprechung der deutschen Artikel: Die an dieNomina angehängten Kasusmorpheme werden als Topik- und/oder Fokusmarker dieser Nomina verwendet. Die Kasusmorpheme sind als Grundlage der Scrambling-Fähigkeit zu verstehen, d.h. kasus-markierte Elemente können als Topik vom Prädikat entfernt stehen, oder als Fokus dem Prädikat angenähert werden. Übersicht (5) zeigt Beispiele für entsprechende Topik- und/ oder Fokusmarker der Kasusmorpheme (vgl. Jo 1986, Cho 1991, Kim 1993, Choi 1996).

  

(5)

Beispiele für Topik- und Fokusmarker der Kasusmorpheme im K.

a.

cha-nun

Chelswu-ka

masi-n-ta

Tee-TOP

Chelswu-NOM

trink-PRES-DECL

 

´Tee trinkt Chelswu.`

  

b.

Chelswu-ka

cha-nun

masi-n-ta.

 

Chelswu-NOM

Tee-FOC

trink-PRES-DECL

 

´Chelswu trinkt Tee (nicht Kaffee).`

 

c.

cha-ka

Chelswu-ka

masi-nun

umlyosu-ita.

 

Tee-FOC

Chelswu-NOM

trink-REL

Getränk-sein

 

´Tee ist das Getränk, das Chelswu trinkt.`

d.

Chelswu-ka

cha-lul

twu can-ul

masi-n-ta.

 

Chelswu-NOM

Tee-ACC

zwei Tasse-FOC

trink-PRES-DECL

 

´Chelswu trinkt zwei Tassen Tee.`

  

Das neutrale Kasusmorphem –nun ist der morphologische Topikmarker in (5) a. Wenn es in der Satzmitte oder am Ende des Satzes vor dem Prädikat wie in (5) b vorkommt, dann wirkt es als Fokusmarker. Die NOM- und AKK-Kasusmarker –ka und ul werden auch häufig als Topik- oder Fokusmarker benutzt, so wie in den Beispielen (5) c und d. Im K. deuten also Kasusmorpheme auf die Scramblingfähigkeit der Nomina, d.h. die kasusaffigierten Satzglieder können als topikales Element nach vorne bzw. hoch oder als ein fokales nach hinten bzw. unten umgestellt werden.

Die deutschen Artikel kennzeichnen aber morphologisch ihre Nomina nicht als topikal und/ oder fokal. Sie bezeichnen also lexikalisch nur die syntaktische Rolle der Nomina. Im K. charakterisieren die Kasusmorpheme zusätzlich „Topik und Fokus“ ihrer Nomina; also stellen die mit Kasusmarkern versehenen Satzglieder die Scramblingmöglichkeit aufgrund des morphologischen Charakters dar.

Als morphologisches Topik oder Fokus wird folglich das Markieren der Nomina durch ihre Kasusmorpheme angesehen. Im D. wird das Topik- oder Fokusmerkmal für Scrambling nicht

morphologisch durch Kasus bezeichnet, d.h. durch morphologische Kasus können Nomina nicht hinsichtlich Topikalität (= Entfernung vom Prädikat) oder Fokalität (= Annäherung an das Prädikat) geprägt werden. Durch die syntaktische Methode kann man das Topik und den Fokus klar zum Ausdruck bringen.


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1.3.2  Der Scramblingraum

Der morphologische Unterschied der funktionalen Köpfe C, T, v und D bedingt den jeweiligen Spielraum für Scrambling im D. und K. Im Hinblick auf den lexikalischen Charakter dieser Einheiten erkennt man, dass dieser strukturell verschieden ist. Im D. werden durch das syntaktische Phänomen „Verb-Zweitstellung“ das Vorfeld und das Mittelfeld strukturell aufgeteilt. Im Vorfeld entsteht Topikalisierung und im Mittelfeld5 Scrambling, d.h. man nennt die Umstellung der Satzglieder mit der finiten Verb-Zweitstellung Topikalisierung und die Satzgliedumstellung ohne sie innerhalb des Mittelfeldes Scrambling. Der Unterschied dieser Umstellungen liegt also in der Art des Anschlusses an das finite Verb. Im K. gibt es das dem D. entsprechende Phänomen nicht, und Topikalisierung ist kein syntaktisches Phänomen, sondern ein morphologisches. In dieser Arbeit entsprichtder Scramblingraum also dem Gesamtsatz, wie folgende Beispielstrukturen verdeutlichen sollen:

Wie dem Strukturvergleich zu entnehmen ist, besteht der einzige Unterschied im Auftreten der C-Kategorie, die im D. links und im K. rechts auftaucht. Die strukturelle Entsprechung des deutschen Mittelfeldes formt im K. der Bereich, den die Köpfe v/T beherrschen. Die Elemente C/T/v kommen lexikalisch gesehen verbal und nicht innerhalb des Mittelfeldes des [Seite 9↓]D. und des entsprechenden Bereiches des K. vor. Im K. stehen die drei verbalen funktionalen Köpfe C/T/v uniform rechts, aber im D. trennt die C-Kategorie positionell die nominalen Elemente des Vor- und Mittelfeldes aufgrund ihres verbalen lexikalischen Charakters. Scrambling im D. und K. ereignet sich folglich in unterschiedlichen Bereichen innerhalb eines Satzes: Im D. geschieht es im Mittelfeld. Im K. findet es sowohl in der Entsprechung des deutschen Mittelfeldes wie auch im Gesamtsatz statt.

Als Beispiel für den Spielraum des Scramblings im D. und K. werden hier Satz (7) und (8) angegeben6.

(7) Dem Studenten verkauft ein Buch der Mann.

Die Relativierung von „Topik und Fokus“ unter den drei Satzgliedern des Vor- und Mittelfeldes entsteht durch die Zweitstellung des finiten Verbes verkauft. Im Hinblick auf die Lokalität bzw. Distanz zum Prädikat in Grundwortstellung erscheinen beim Scramblingz.B. das davon entfernte ein Buch als topikales Satzglied und das dazu nächste Element der Mann als fokales. Das folgende Beispiel im K. entspricht der Wortfolge des Mittelfeldes im D. mit Ausnahme der unterschiedlichen Stellung der verbalen funktionalen Kategorie C, die im D. links- und im K. rechtsköpfig ist.

Anders als im D., wo der linksstehende Satzkopf C eine strukturelle Markierung für die Kontinuität von „Topik und Fokus“ bei den nominalen Elementen darstellt, befinden sich im K. alle verbalen Elemente rechts. Der Scramblingsatz (8) weist also in den Argumenten keine Verb-Zweitstellung auf.

Es folgt eine Erläuterung der Scrambling-Kondition, unter der sich das morphosyntaktische

Paarmerkmal [Topi] der nominalen Satzglieder syntaktisch realisieren lässt.


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1.3.3  Die Scrambling-Kondition

Scrambling ist die aktuelle Charakterisierung des relativen Paarbegriffs „Topik und Fokus“, der dabei als strukturell kontinuierliche Graduierungs-Eigenschaft [Topi] angesehen wird, durch die nominalen Satzglieder. Das relative Paarmerkmal eines Satzgliedes drückt also eine Graduierungs-Eigenschaft aus, die durch die grammatischen Morpheme ‚Artikel/ Kasusaffixe‘ im D./K. markiert werden kann. Der dimensionale Grad(uierungs)-Charakter, d.h. die „Topik- und Fokus-Graduierbarkeit“ des nominalen Merkmales kann durch eine nummerierte Graduierung bzw. Relativierung gezeigt werden. Diese für das Scrambling relevante Kondition, die in dieser Arbeit „Topik-Fokus-Graduierung7 genannt wird, spiegelt also die diskrete Eigenschaft „Graduierung von Topik und Fokus“ in den nominalen Satzgliedern wider.

Sie kann folgendermaßen formuliert werden:

(9) Topik-Fokus-Graduierung :

[Topi] (i Є N, 0 ≤ i ≤ n-1, n – Anzahl der betrachteten Satzglieder)

Ziel der Einführung dieser nummerierten Graduierung des Topik- und Fokusmerkmales der Satzglieder ist das Verdeutlichen des kontinuierlichen ineinander Übergehens und der untrennbaren Verknüpfung der relativen Paareigenschaften „Topik und Fokus“ der Satzglieder.

Die Nummerierung stellt eine relative Dimensionierung des Topik-Fokus-Grades der Satzglieder dar. In dieser Arbeit wird zur Kennzeichnung der Graduierung aller betrachteten Satzglieder mit Ausnahme des Prädikates8 eine natürliche Zahl einschließlich 0 verwendet.

Wenn ein Satz z.B.außer dem Prädikat zwei weitere betrachtete Satzglieder besitzt, dann beginnt der Topikgrad mit der Anfangsnummer 0 des fokalen Elementes vor dem Prädikat und endet mit 1 für das gegenüber dem Prädikat höchste Element. Beim Fokusgrad erhält umgekehrt das zum Prädikat positionell höchste topikale Element die Anfangsnummer 0 und das fokale Element vor dem Prädikat die 1. Das folgende Schema (10) repräsentiert beispielsweise die Topik-Fokus-Struktur von Satzgliedern in Grundwortstellung9 und mit Scrambling gemäß der Topik-Fokus-Graduierung (9).

In der Grundwortstellung, d.h. in der nicht verschobenen Struktur bzw. SOV-Wortfolge, erscheint das Subjekt mit dem Topik-/Fokusgrad (1, 0) und das Objekt mit dem Grad (0, 1). Bei Objekt-Scrambling ändert sich der Topik-/Fokusgrad des gescrambelten Objektes auf (1, 0). Das nicht gescrambelte Subjekt bekommt den zu dem gescrambelten Objekt niedrigeren Topik- und höheren Fokusgrad. Wenn ein Element gescrambelt wird, dann werden folglich als Auswirkung des Scramblings den gescrambelten und den übrigen Elementen neue Topik-/ Fokusgrade zugewiesen. Als Beispiel für die Topik-Fokus-Graduierung werden die Sätze (1) folgendermaßen wiederholt:

Wie schon erwähnt, wird die Topik-Fokus-Graduierung mit der unter dem Satz angegebenen Nummerierung benutzt, um das Zusammenspiel der Satzglieder mit den
Topik-/Fokusmerkmalen zu illustrieren. In der Topik-Fokus-Graduierung in (11) kann festgestellt werden, dass die DP das in fokaler Position (die Position mit Topikgrad 0 und Fokusgrad 1) realisiert wird. Im folgenden Beispielsatz für AKK-Scrambling wird die Relativierung des topikalen Elementes das zum fokalen ihm deutlich gemacht.

Durch Scrambling des direkten Objektes das als topikales Element erzielt das indirekte Objekt ihm den Effekt der Fokussierung bzw. der Annäherung an das Prädikat, d.h. wegen des Scramblings des direkten Objektes das erhöht sich der Fokusgrad des indirekten Objektes ihm (0→1).


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Die Umstrukturierung der graduierbaren Topik- und Fokusmerkmale der nominalen Satzglieder durch Scrambling hat zwei Effekte, nicht nur die Bildung der aktuellen Wortstellungen gegenüber der Grundwortstellung, sondern auch die Bedeutungsänderung im Sinne der Topik-/Fokusgrade der Satzglieder; die Scramblingsätze sind trotz der gemeinsamen θ-Struktur des Prädikates nicht von gleicher Bedeutung, und zwar aufgrund der verschiedenen Topik-Fokus-Grade aller Satzglieder. Die Bedeutungsdifferenzierung der Sätze zeigt sich in Form der nummerierten Topik-Fokus-Graduierung.

1.3.4 Die Argument- und Scramblingstruktur

Scrambling hängt von der Argumentstruktur (AS: θ-Struktur bzw. syntaktische Rolle der Argumente) des Lexikons ab. Es liegt keine Abweichung bzw. Ambiguität der AS vor. Wenn

z.B. ein Satzglied über die Satzgrenze hinweg scrambelt, differiert die θ-Struktur des Prädikates, und der Satz klingt ambig: die AS des gescrambelten Elementes bleibt nicht eindeutig. Die Bewahrung der AS muss während des Scramblings gewährleistet sein. Die folgenden Sätze illustrieren die Abhängigkeit des Scramblings von der AS:

(13) *dass Maria Hans Peter gesagt hat [s dass tdieses Buch besitzt]

Das untergeordnete Element Maria wird über die Satzgrenze hinaus in den Obersatz gescrambelt, wobei nicht deutlich wird, welche syntaktische Rolle es spielt. Für das folgende koreanische Beispiel gilt das Gleiche.

    

(14)

*Yengi-ka

Chelswu-ka [s tchinkwu-lul man-ass-ta-ko]

malha-yess-ta.

 

Yengi-NOM

Chelswu-NOM

Freund-ACC

treff-PAST-DECL-COMP

sag-PAST-DECL

 

´Chelswu hat gesagt, dass Yengi einen Freund getroffen hat.`

  

Es ist unklar, welche Rolle im Hauptsatz das gescrambelte Element Yengi-ka spielt, weil das folgende Element Chelswu-ka die gleiche syntaktische Subjekt-Rolle zeigt: Man kann nicht erkennen, welches das echte Subjekt im Hauptsatz ist. Das lange Scrambling in (14) zerstört demzufolge die AS.


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Scrambling im D. und K. ist folglich ein von der klaren syntaktischen Rolle der zu scrambelnden Phrase abhängiges Phänomen. Obwohl langes Scrambling entsteht, kann man den Scramblingsatz akzeptieren, wenn er die AS klar einhält. Bei lokalem Scrambling kann der Scramblingsatz unakzeptabel bzw. ambig sein, wenn die AS nicht eingehalten oder unklar wird10.

1.4 Überblick

Aus lexikalischer Sicht, wie sie für diese vergleichende Untersuchung des Scramblings im D. und K. benutzt wird, erweist sich dieses als syntaktisches Phänomen, das durch ein relatives Paarmerkmal der nominalenSatzgliederverursacht wird. Von seinem lexikalischen nominalenCharakter her stellt es ein durch Artikel/Kasusmorpheme im D./K. kodiertes kontinuierliches Graduierungsmerkmal dar. Die nominalen Einheiten sind also Topik- und Fokusträger bei Scrambling.

Die Struktur dieser Arbeit wird im folgenden kleinen Überblick beschrieben. In Kapitel 2 werden generelle Probleme bei Scrambling und Lösungsvorschläge kurz erwähnt und die für Scrambling zuständigen morphologischen und syntaktischen Eigenschaften im D. und K. erörtert. ‚Kasusaffixe‘ (z.B. Artikel im D. und Kasusmorpheme im K.) sind in beiden Sprachen in Zahl und Funktion unterschiedlich vorhanden. Die zahlreichen Kasusmorpheme des K. bezeichnen die grammatische Funktion der einzelnen Satzglieder und ergänzen deren Bedeutung, während die Kasusmorpheme des D. rein syntaktisch wirken. Beide Sprachen weisen als gemeinsame syntaktische Eigenschaften die Grundwortstellung SOV und kurzes Scrambling zur Wortstellungsvariation auf. Die spezifischen Unterschiede im Scrambling beider Sprachen werden in Kapitel 3 analysiert. Langes Scrambling im finiten Satz ist im K. mit seiner uniform rechtsköpfigen Satzstruktur möglich, im D. aber nicht aufgrund der gemischtköpfigen Struktur. Die folgenden Kapitel beschäftigen sich mit den Beziehungen des Scramblings zur WH-Bewegung (Kapitel 4), zur Topikalisierung (Kapitel 5), zur Artikelfunktion (Kapitel 6) und zur Wortstellung (Kapitel 7). In Kapitel 4 und 5 werden besonders die Möglichkeiten der Multi-Bewegung in der WH-/Topikphrase verglichen. Wegen des morphologisch differierenden Charakters der lexikalischen Einheiten und der strukturell verschiedenen Satzform ist das Multi-Scrambling einer solchen Phrase im K. möglich, im D. jedoch kaum. In Kapitel 6 wird der Versuch unternommen, die koreanischen Entsprechungen für die Artikel des D. zu finden. Die Artikel im D. korrelieren mit den neutralen Kasusmorphemen {(n)un, i/ka, (l)ul} aufgrund der semantischen Merkmale


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[(-)Definitheit]. Die Artikel/Kasusmorpheme beider Sprachen besitzen gemeinsam die semantischen Merkmale [(-)Definitheit], die als Topik bzw. Fokus syntaktisch realisiert werden können. In Kapitel 7 werden die zwei Wortstellungsprinzipien C-Kommando und Topik vor Fokus vorgeschlagen, denen Scrambling im D. und K. folgt. In Kapitel 8 wird zusätzlich die lexikalische Eigenschaft der typischen morphosyntaktischen Morpheme einschließlich der Fokusmorpheme im K. gezeigt.


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1.5  Anmerkungen

1. W. Abraham (1982) und P. Sgall (1982).

2. Um die Kasusmorpheme des K. mit dem Artikel des D. korrelieren zu lassen, muss man zunächst den Charakter aller Kasusmorpheme präzise bestimmen. Besonders die Kasusmorpheme (n)un und i/ka, (l)ul des K. entsprechen dem Artikel des D. im Sinne semantischer Definitheit und Indefinitheit: in den drei Kasusmorphemen des K. kann man die semantischen Merkmale vermuten. Die im D. exakte Differenzierung von bestimmtem und unbestimmtem Artikel ist jedoch bei den Morphemen des K. nicht genau erkennbar; sie sind also meiner Meinung nach semantisch mehrdeutig bzw. ambig. Ein wörtliches Übersetzungsäquivalent des K. reicht daher als Wiedergabe eines deutschen Satzes nicht aus. In Kapitel 6 experimentiere ich mit der Klassifizierung der semantischen Merkmale des Artikels von M. Bierwisch (1970), um die koreanische Entsprechung der deutschen Artikel zu finden und un-/bestimmte Artikel dabei zu differenzieren. Im Vergleich entsprechen die Kasusmorpheme des K. recht gut dem Artikel des D., und zwar aufgrund der neutralen Kasusfunktion des Artikels. Insbesondere im Sinne der Vergleichsmerkmale [Definitheit] und [-Definitheit] kann das für [Definitheit] charakteristische Kasusmorphem (n)un im K. dem bestimmten Artikel im D., können die das Merkmal [-Definitheit] ausdrückenden Kasusmorpheme i/ka und (l)ul dem unbestimmten Artikel entsprechen.

3. In dieser Arbeit wird Scrambling auf ein Umstellungsphänomen von Argumenten und Adjunkten, d.h. nominalen Satzgliedern eines Prädikates eingeschränkt. Scrambling ist die aktuelle Wortstellung und Struktur, hervorgegangen aus der grundlegenden Wortstellung und Struktur, um den kontinuierlichen Relativbegriff „Topik und Fokus“ darzustellen. Das Prädikat ist lexikalisch nicht als nominal klassifiziert, und es ist in der Grundwortstellung/-struktur der beiden Sprachen bereits in der Endposition fixiert. Das Prädikat als Basiskopf eines Satzes scrambelt nicht, damit die Grundwortstellung/-struktur eingehalten werden kann.

4. Die nominalen funktionalen Kategorien zeigen sich im D. sowohl beim un-/bestimmten Artikel als auch in Determinator-Phrasen (= DPs), z.B. bei den Pronomina ihm/wem, weil beide eine flektierte Kasusform aufweisen.

5. Das unterschiedliche Verhalten zwischen Topikalisierung im Vorfeld und Scrambling im Mittelfeld des D. wird in der Arbeit von I. Rosengren (1994) behandelt.

6. Entnommen aus Ute Hofmann (1994, S. 26-27).

7. Der Topik-Fokus-Grad kennzeichnet die kontinuierliche Graduierungs-Eigenschaft des nominalen Merkmales, die sich in einem Zahlenwert ausdrücken lässt. Der relative Kontinuitätsbegriff „Topik und Fokus“ wird als linearer und hierarchischer Strukturbegriff angesehen, der z.B. der entsprechenden Kondition „Topik vorne und hoch, Fokus hinten und unten“ folgt, und der durch ein kontinuierliches Mehrdimensions-Konzept beschrieben wird. Seine lexikalischen Träger sind z.B. die Artikel (= D)/Kasusmorpheme im D./K. Er stellt also ein grammatisches Paarmerkmal der Topik-Fokus-Graduierung dar, das die Artikel/Kasusmorpheme im D./K. [Seite 16↓]inne haben. Die Scramblingobjekte sind nominale Elemente, die als lexikalische Idiosynkrasie über Topik-Fokus-Grad(uierungs)charakter verfügen. Die Topik-/Fokus-Gradeigenschaft der Elemente des Scramblingsatzes kann durch Zahlen dargestellt werden, d.h. mit diesen Werten kann man sie graduieren, um sie explizit zu erfassen (vgl. M. Bierwisch 1987, 88). Die Topik-Fokus-Grade bzw. ihre Graduierung und Differenzierung sind somit eine vorläufige Methode, um den relativen Effekt von Topikalisierung und Fokussierung durch Scrambling auf alle Satzglieder deutlich zu machen.

8. Vgl. Anmerkung 3.

9. In Kapitel 2 wird die gemeinsame Grundwortstellung SOV im D. und K. diskutiert.

10. Innerhalb eines Satzes im K. darf man Satzglieder nicht scrambeln, wenn ihre syntaktische Rolle als nicht eindeutig oder ambig aufgefasst wird. Werden sie gescrambelt, dann entsteht eine neue Argumentstruktur (vgl. Cho 1994, Lee 1999).


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20.11.2003