[Seite 49↓]

4  WH-Scrambling

In diesem Kapitel wird das WH-Scrambling (W-Scrambling) im D. und K. vergleichend behandelt.

In Abschnitt 4. 1 wird der Unterschied der WH-Phrasen (W-Phrasen) und der WH-Frageform beider Sprachen erläutert. Die WH-Phrasen tragen nominale Merkmale, d.h. sie haben das Paar-Merkmal ,,Topik und Fokus‘‘. Im D. erscheint im Vorfeld nur eine W-Phrase, die in der overten Syntax das W-Frage-auslösende Merkmal [WH] (W-Merkmal) des funktionalen linksstehenden Kopfes C identifiziert. Das W-Merkmal auf der rechtsköpfigen C-Kategorie im K. wird durch deren Frageendung sichtbar. Es ist also gleichgültig, ob sich eine oder mehrere W-Phrasen in einem Satz befinden. Das Scrambling macht es möglich, mehrere W-Phrasen gleichzeitig in einem Satz umzustellen, während dies im D. nur beschränkt möglich ist. Das W-Scrambling in beiden Sprachen ist folglich eine syntaktische Bewegung der nominalen Elemente, die durch das Topik-/Fokus-Merkmal der nominalen grammatischen Kategorie ausgelöst wird.

In Abschnitt 4. 2 wird die lexikalische Kondition des W-Scramblings gezeigt: Das nominale Merkmal ,,Topik und Fokus‘‘ [Topi] der W-Phrase ist zu erfüllen. Im D. steht ein nicht-nominales Element, d.h. ein finites Verb oder eine Konjunktion als Barriere in der kontinuierlichen Graduierung von ,,Topik und Fokus‘‘ zwischen den nominalen Elementen. Im K. aber kommt es am Satzende vor. Das Paar-Merkmal lässt sich so allen Satzgliedern ohne Unterbrechung zuordnen. Kasusmorpheme (z.B. Artikel) im D. sind morphologisch nicht-topikal und nicht-fokal, aber im K. topikal und fokal. Im D. zeigen W-Phrasen keine topikalen oder fokalen Eigenschaften, aber durchaus im K. Das (Multi-)W-Scrambling im D. ist also zwar schwer möglich, aber im K. zur Identifizierung des Paarbegriffes ,,Topik und Fokus‘‘ üblich.

In Abschnitt 4. 3 wird das Multi-W-Scrambling mit der strukturellen Kondition Topik-Fokus-Graduierung illustriert.


[Seite 50↓]

4.1  WH-Phrasen1

4.1.1 Frageendung und WH-Phrase

Durch das Benutzen einer W-Phrase (oder mehrerer) kann ein W-Fragesatz in beiden Sprachen gebildet werden. Im D. erscheint im Vorfeld nur eine W-Phrase, aber im Mittelfeld können mehrere W-Phrasen auftreten. Im K. wird der W-Fragesatz durch den Einsatz einer W-Phrase (oder mehrerer) kombiniert mit einer Frageendung geformt 2,3.

Der Bewegungsgrund einer W-Phrase ins Vorfeld im D. liegt in der phonetischen Realisierung des W-Merkmales der C-Kategorie. Die notwendige syntaktische Forderung des [WH]-Merkmales dieser Kategorie im D.4 wird im K. durch die Frageendungen erfüllt. Diese und die W-Phrasen im D. formen den W-Fragesatz syntaktisch.

Die W-Phrasen als Fragewörter oder Indefinitpronomina im D. und K. tragen nominale Merkmale. Damit sind sie Scramblingobjekte, deren nominales Merkmal ,,Topik und Fokus‘‘ [Topi] graduiert werden kann. Die W-Phrasen im D. und K. haben also das relative Topik- und Fokus-Merkmal, das syntaktisch als Scrambling-Ursache wirkt.

Der auffällige Unterschied des W-Scramblings stammt von dem Merkmal [WH], das alle W-Phrasen im D. inne haben und weshalb diese einheitlich als W-Phrasen kategorisiert werden. Im K. aber tragen sie keine Uni-Form als W-Form, sondern eine unterschiedliche morphologische Form. Sie sind normale nominale lexikalische Elemente, wobei es kein gemeinsames Kennzeichen WH- für die dem D. entsprechenden W-Phrasen gibt. Sie sind also nicht mit dem morphologischen W-Merkmal gekennzeichnet, das auf das gleiche W-Merkmal der C-Kategorie reagieren kann. Sie bewegen sich wegen diesem Merkmal nicht, und darum kann dies in situ-Bewegung bzw. morphologische Bildung der W-Fragesätze genannt werden. Das universelle Merkmal [WH] der C-Kategorie wird im K. mit einer Frageendung erfüllt. Es können folglich die Fragewörter nicht wegen des [WH]-Merkmales, sondern wegen des topikalen und fokalen Merkmales der Phrase scrambeln: Ihr overter Bewegungsgrund liegt also in der Ausführung des Paar-Merkmales der Phrasen. In den deutschen W-Phrasen sind sowohl das Merkmal [Topi] für Scrambling als auch das Merkmal [WH] für W-Frage vorhanden. Aus diesem Grund entsteht der Akzeptabilitätsunterschied des Scramblings der W-Phrasen in beiden Sprachen.


[Seite 51↓]

4.1.2  Unterschied der WH-Satzform

Es gibt noch einen Unterschied in Bezug auf W-Fragesätze. Dieser liegt in der Korrespondenz des morphologischen Merkmales [WH] auf der grammatischen Kategorie C mit der W-Phrase. Die Realisierungsweisen für das Merkmal [WH] der Kategorie sind jeweils verschieden. Im D. trifft eine W-Phrase den Kopf C: ein morphologisches Merkmal [WH] der C-Kategorie steht in Eins-zu-Eins-Korrespondenz mit einer lokalen W-Phrase.

Im Gegensatz dazu setzt sich im K. eine Fragesatz-Endung in die C-Position, und die W-Phrase bleibt wegen dem W-Merkmal der Kategorie unbeweglich. Das morphologische Merkmal [WH] der C-Kategorie wird bereits durch morphologische Mittel sichtbar.

Die folgenden Daten5 betreffen den Unterschied, der durch das Auftreten als syntaktischer W-Fragesatz im D. und als morphologischer im K. bedingt wird.

Im D. stellt das W-Adverb wie und im K. die Frageendung - ni die phonetische Form des morphologischen [WH]-Merkmales der C-Kategorie dar. Das zweite W-Wort was im D. und mues-ul (,was‘) im K. bleiben in situ.

Für die folgenden Sätze der Multi-W-Frage gilt das Gleiche.

(2) Wer hat wem was gegeben?

In Satz (3) erscheint die Frageendung - ni . Dies kennzeichnet im K. einen W-Fragesatz. Wenn man aber auf diese mehrfache Frage eine Antwort geben möchte, dann sollte man die den drei Fragewörtern entsprechenden Informationen übergeben. Ohne syntaktische W-Bewegungen identifiziert sich der Skopus aller drei W-Phrasen durch die Frageendung - ni , die das [Seite 52↓]betreffende Merkmal [WH] der C-Kategorie realisiert. Im deutschen Satz (2) erfüllt die W-Phrase wer anstelle des Ersetzens einer Frageendung in der C-Position des K. die Funktion, dem morphologischen Merkmal [WH] der C-Kategorie ein lexikalisches Morphem zuzuweisen.

Der Unterschied der W-Frageformen bewirkt das Verhalten der W-Phrase hinsichtlich des Scramblings6. In einem Satz bewegen sich im D. mehrere W-Phrasen beschränkt, aber im K. unbeschränkt.

Die folgenden Sätze zeigen den Unterschied zwischen dem D. und dem K. in der Grammatikalität der Bewegung mehrerer W-Phrasen.

Im Gegensatz zum W-Scrambling im koreanischen Satz (4) b wird es in den deutschen Sätzen (4) a, a´ grammatisch nicht akzeptiert.

Es ist also im D. beschränkt und im K. uneingeschränkt möglich, mehrere W-Phrasen zu scrambeln, wie folgt.


[Seite 53↓]

Durch die W-Phrase wer im D. und die Frageendung –ni im K. wird das morphologische W-Merkmal der C-Kategorie identifiziert. Die anderen W-Phrasen können im D. innerhalb des Mittelfeldes umgestellt werden, wie der Satz (5) a zeigt. Es ist in Satz (5) b nicht möglich, die übrigen W-Phrasen ins Vorfeld zu bewegen. Die koreanischen Sätze (6) a, b scrambeln sie im Gesamtsatz aber grammatisch völlig richtig.

4.2 Strukturen und Kondition

Die oben gezeigte unterschiedliche Grammatikalität des (Multi-)W-Scramblings im D. und K. betrifft die strukturelle Kondition [Topi] (Topik-Fokus-Graduierung) in den jeweiligen Satzstrukturen mit der unterschiedlichen Position des funktionalen Kopfes C, die in (7) gezeigt werden.

Die Kategorie C im D. ist links-, im K. rechtsköpfig. Lexikalisch wird sie als nicht-nominales bzw. verbales Element betrachtet. Auf dem linksstehenden Kopf C kommen im D. ein finites Verb in Hauptsätzen und im K. die entsprechenden verbalen Endungen uniform rechts vor. In der gezeigten koreanischen Satzstruktur kann man feststellen, dass die verbalen funktionalen Kategorien C/T/v rechtsköpfig sind. Es gibt kein verbales funktionales Element zwischen nominalen Elementen.

Die lexikalische verbale funktionale Kategorie C verhindert darum im D., aber nicht im K. in nominalen Ausdrücken die voneinander untrennbare Verbindung von ,,Topik und Fokus‘‘.

W-Phrasen des D. und des K. sind lexikalisch nominal. Sie gehören also zum Scramblingobjekt, das die nominalen Elemente darstellen. Sie tragen das relative Topik- und Fokus-Merkmal, welches sich kontinuierlich ausdrückt: Die Topik-Fokus-Graduierung der Phrasen wird ohne Unterbrechung durch andere nicht-verbale Elemente erfüllt. Die deutsche linksköpfige C-Kategorie, die zwischen Vor- und Mittelfeld steht, stört die Topik-Fokus-Graduierung in den gescrambelten und den übrigen W-Phrasen. Die koreanische Kategorie C erscheint am Ende des Satzes. Sie kann die Graduierung positionell nicht unterbrechen. Das Multi-W-Scrambling wird schließlich im K. freier als im D. erzeugt., wobei es nur im [Seite 54↓]Mittelfeld entsteht. Die Verb-Zweit-Stellung, die es im K. nicht gibt, begrenzt also die kontinuierliche Topik-Fokus-Graduierung zwischen den nominalen Satzgliedern.

Die deutsche nominale funktionale Kategorie D ist morphologisch nicht-topikal und nicht-fokal. Sie kann nicht anzeigen, ob die W-Phrasen im Satz scramblingfähig (topikal oder fokal bzw. nach vorn oder hinten beweglich) sind. Die koreanische funktionale Kategorie NK ist topikal und fokal. Sie kann den Charakter der Phrasen durch Scrambling deutlich als topikal oder fokal festlegen.

Die unterschiedliche Eigenschaft der nominalen funktionalen Kategorie NK bzw. D, die die Artikel/Kasusmorpheme im D./K. betrifft, ist damit für die Möglichkeit des Multi-W-Scramblings entscheidend. Die deutschen Artikel kennzeichnen Nomina nicht als topikal oder fokal. Man kann normalerweise positionell Subjekt/ Objekt (bzw. Akzentuierung und Kontexte) als topikal/fokal erkennen7. Im K. markieren Kasusmorpheme ihre Nomina als topikal und fokal. Die kasusmarkierten Elemente können darum frei scramblen: Man kann die Elemente als topikal und/oder fokal erkennen, obwohl mehrere W-Phrasen gescrambelt werden.

Ein weiterer lexikalischer Unterschied, der auf das Multi-W-Scrambling wirkt, liegt in dem jeweilig nicht-/vorhandenen formalen WH-Merkmal der Fragewörter des K./D. Das in den deutschen Fragewörtern einheitlich erscheinende Merkmal beeinträchtigt das Multi-W-Scrambling. Da es in den koreanischen Entsprechungen nicht auftaucht, stört es dort das mehrfache W-Scrambling nicht.


[Seite 55↓]

4.3  Multi-WH-Scrambling

In diesem Abschnitt wird das durch die strukturelle Kondition Topik-Fokus-Graduierung, verursachte W-Scrambling vergleichend im D. und K. untersucht. Es werden wiederum die Beispielsätze aus Abschnitt 4. 1 herangezogen.

(Die Linie ,-----‘ bedeutet die Kontinuität von ,,Topik und Fokus‘‘)

Durch die gleichzeitige Umstellung der Satzglieder wie und was in Satz (8) a kann die Relativierung von ,,Topik und Fokus‘‘ nicht in allen nicht-verbalen Satzgliedern erfasst werden.

Die kontinuierliche Graduierung von ,,Topik und Fokus‘‘ der Satzglieder wie, was und der Fritz ist unterbrochen, was durch die getrennte Linie gezeigt wird: Wegen der Verb-Zweit-Stellung lässt sich die relative Topikalität bzw. Fokalität dieser Worte nicht angeben. Die kontinuierliche Graduierung von ,,Topik und Fokus‘‘ trifft nicht auf die nominalen Elemente was, der Fritz im Mittelfeld zu, weil die beiden Konstituenten morphologischverschieden sind, d.h.das Wort was nicht nur als Scramblingobjekt mit dem betreffenden nominalen Merkmal ,,Topik und Fokus‘‘, sondern zusätzlich auch als W-Fragewort mit dem Merkmal [WH] für die C-Kategorie betrachtet werden kann. Das morphologische WH-Merkmal der C-Kategorie verhindert also in einem Satz die mehrfache Umstellung der WH-Phrasen, weil es nur eine einzige lokale WH-Phrase fordert. Wenn Multi-W-Scrambling auftritt, dann stört es die Relativierung von ,,Topik und Fokus‘‘ der Satzglieder. Der gewünschte Effekt des Scramblings, d.h. die Graduierung der nicht-verbalen Satzteile durch die Entfernung vom Prädikat, ist folglich nicht gelungen.

Das Gleiche gilt für den folgenden Satz.


[Seite 56↓]

Das nicht-nominale Element hat trennt positionell die fortgesetzte Relativierung des Paarbegriffes ,,Topik und Fokus‘‘ in den nicht-verbalen Satzgliedern wie, was und der Fritz. Der lexikalische nominaleCharakter, das Merkmal [Topi] der Satzglieder, ist nicht erfüllt. Welches der Worte wie, was und der Fritz als topikal oder fokal verstanden wird, lässt sich nicht erkennen. Es wird z.B. nicht verständlich, dass das unbewegte Subjekt der Fritz relativ zu den bewegten Elementen wie, was als fokal aufzufassen ist.

Die gleiche Bedingung für kontinuierliche Topik-Fokus-Graduierung gilt für den folgenden koreanischen Satz.

In diesem Fall werden die beiden Fragewörter ettehkey (‚wie‘) und mues-ul (‚was‘) gescrambelt. Die drei nominalen Ausdrücke ettehkey (‚wie‘), mues-ul (‚was‘) und Chelswu-ka können relativ zueinander als topikal oder fokal verstanden werden: Dazwischen stehen keine verbalen Einheiten, die wie im D. die kontinuierliche Topik-Fokus-Graduierung verhindern würden. In den koreanischen Fragewörtern ettehkey (‚wie‘) und mues-ul (‚was‘) befindet sich kein WH-Merkmal, dass im D. uniform vorhanden ist und das Scrambling der Fragewörter abwenden würde. Die nominalen kasustragenden Elemente ettehkey (‚wie‘), mues-ul (‚was‘) und Chelswu-ka sind also als relativ topikal oder fokal zu verstehen, wie die Topik-Fokus-Struktur8 unter dem Satz zeigt.

Bei dem folgenden Scrambling der W-Phrasen im Nebensatz des D.9 werden die Satzglieder als topikal oder fokal bestimmt.

Man kann deutlich erfassen, welches der Elemente wann, wem, was und Trude topikal oder fokal ist, da es kein verbales Element zwischen diesen Satzgliedern gibt. Es besteht eine Kontinuität der Graduierung bei der Zuordnung von topikalen oder fokalen Eigenschaften der Elemente. Die gescrambelten W-Wörter wann, wem, was stehen direkt nebeneinander und [Seite 57↓]sind mit dem nicht-gescrambelten Wort Trude relativ zueinander als topikal oder fokal zu verstehen, wie die nummerierte Topik-Fokus-Struktur (10) zeigt. Das Gleiche erkennt man im folgenden Satz (11), der nach Rosengren eine geringere Akzeptabilität als der vorige (10) hat.

Hier stellt es sich als möglich heraus, die Relativität von ,,Topik und Fokus‘‘ unter den bewegten Elementen wann, wen und den nicht-bewegten Elementen Trude, welcher Tante zu erfassen. Die drei W-Wörter sind durch das Subjekt Trude, das kein morphologisches WH-Merkmal inne hat, getrennt. Der Satz (11) wird darum anders als Satz (10) aufgefasst.

Im folgenden koreanischen Satz (12) gilt die gleiche Bedingung für kontinuierliche Topik-Fokus-Graduierung wie bei dem deutschen Satz (10).

Zwischen den nominalen Elementen erscheint kein verbales Element und anders als bei den deutschen WH-Wörtern gibt es kein morphologisches WH-Merkmal in den Fragewörtern encey (‚wann‘), nwukwu-eykey (‚wem‘), mwues (‚was‘). Die gescrambelten Wörter und das unbewegte Subjekt ku-ka (‚er‘) stellen sich darum relativ zueinander als topikal oder fokal dar.

An den folgenden Sätzen kann auch die unterschiedliche Grammatikalität im D. und K. festgestellt werden.


[Seite 58↓]

Der Satz (13) a ist akzeptabel. Im Satz entsteht die Kontinuität von ,,Topik und Fokus‘‘ unter den nominalen Elementen was und wem im Mittelfeld, obwohl sie im gesamten Satz (= im Vor- und Mittelfeld) wegen der Zweit-Stellung des finiten Verbes hat unterbricht: Die beiden Konstituenten des Mittelfeldes sind morphologisch gleich unddas Wort wer im Vorfeld drückt kein Scrambling-Element, sondern als ein W-Wort das Merkmal [WH] der C-Kategorie aus. Der Satz (13) b mit dem Scrambling des Fragewortes was führt nicht die kontinuierliche Graduierung von ,,Topik und Fokus‘‘aus, da das finite Verb hat diese zwischen was bzw. wer und wem unterbricht. Das WH-Merkmal der zweiten bewegten WH-Phrase stört zusätzlich die topikale und fokale Relativierung der Satzglieder, die sich folglich in diesem Satz nicht bestimmen lässt.

Für den folgenden koreanischen Satz gilt die gleiche Erklärung mit Hilfe der kontinuierlichen Topik-Fokus-Graduierung der kasusbetroffenen Elemente.

In Satz (14) bilden alle Fragewörter die nominalen kasustragenden Elemente, die als Scramblingobjekte fungieren und kein morphologisches WH-Merkmal aufweisen, das in entsprechenden deutschen Wörtern vorhanden ist und die Umstellung der Fragewörter verhindern würde. Die kontinuierliche Topik-Fokus-Graduierung wird von ihnen erfüllt, da keine verbalen Elemente vorkommen.

Die W-Phrasen können schließlich als mehr oder weniger topikales oder fokales Wort im Vor-/Mittelfeld des D. und im Gesamtsatz des K. auftreten. Bei ersterem stört aber das zweigeteilte finite Verb die Darstellung des topikalen und fokalenMerkmales, das für die Relativierung des Paarbegriffes ,,Topik und Fokus‘‘ zwischen den nominalen nominalen Elementen zuständig ist. Es bildet lexikalisch ein nicht-nominales Element, das Vor- und [Seite 59↓]Mittelfeld teilt und die Kontinuität von ,,Topik und Fokus‘‘ der Satzglieder unterbricht. Innerhalb des Mittelfeldes können sich die W-Phrasen bewegen, weil zwischen den Elementen keine verbalen Einheiten vorkommen. Genauso verhält sich die Konstellation im Gesamtsatz des K. Die dem D. entsprechenden rechtsstehenden verbalen Elemente blockieren demzufolge nicht die Erfüllung des lexikalischen Topik-/Fokus-Merkmales in den nominalen Satzgliedern bei Scrambling. Ein weiterer Unterschied des Multi-W-Scramblings beider Sprachen liegt im lexikalischen (morphologischen) Charakter der Fragewörter, bei denen anders als im D. kein morphologisches WH-Merkmal existiert, das das Multi-W-Scrambling stört. Im D. darf man ins Vorfeld keine W-Wörter scrambeln, weil das WH-Merkmal der C-Kategorie die lokale Beziehung nur mit einer W-Phrase fordert.

Die Variationssätze sind nicht gleichbedeutend (im Sinne der Veränderung der Topik-/ Fokusgrade der Satzglieder), obwohl die Basisbedeutung der Argumentstruktur gleich ist10. Das angemessene Verständnis und die richtige Kommunikation ergeben sich durch die Erfüllung des Topik- und Fokus-Merkmales in der overten Syntax. Außer mit dem normalen Satz kann sich die Veränderung des Topik- und Fokusgrades, d.h. die Verstärkung bzw. die Abschwächung der Interessen an den Referenzen durch das Scrambling der Satzglieder ausdrücken.

4.4 Schluss

In diesem Kapitel wurde W-Scrambling im D. und K. vergleichend behandelt.

Die W-Phrasen sind als nominale (bzw. kasustragende) Ausdrücke klassifiziert. Sie stellen Scramblingobjekte dar und besitzen das Merkmal [Topi], das für die Graduierung des Paarbegriffes ,,Topik und Fokus‘‘ der Elemente gilt. Das Merkmal [WH] der C-Kategorie ist durch eine W-Phrase im D. und eine Frageendung im K. erfüllt. An dieser Stelle entsteht der Unterschied zwischen den W-Fragesatz-Formen beider Sprachen: Im D. steht bedingt durch eine notwendige syntaktische W-Bewegung eine W-Phrase am Anfang des Satzes, während im K. durch Suffigierung eine Frageendung am Ende des Satzes lokalisiert ist. Das Anhängen der Frageendung ist keine syntaktische W-Bewegung, sondern die morphologische Bildung der Fragesatz-Form mit den in situ-Fragewörtern.

Auf die Realisierung des Multi-Scramblings der W-Phrasen sind drei Faktoren wirksam. Der Erste besteht darin, dass die Verb-Zweit-Stellung im D. die kontinuierliche Topik-Fokus-Graduierung in nominalen(bzw.kasusbezogenen) Satzgliedern zwischen Vor- und Mittelfeld [Seite 60↓]unterbindet, weil das finite Verb auf dem verbalen Kopf C lexikalisch nicht-nominal ist und strukturell links steht. Im K. hingegen befindet sich der Kopf C am Satzende, wodurch er die Kontinuität nicht behindert. Es ist darum im D. grammatisch falsch, im K. aber richtig, wenn mehrere W-Wörter im Vorfeld bzw. am Anfang eines Satzes vorhanden sind. Im Mittelfeld, das in der Satzstruktur ein Analogon des koreanischen Gesamtsatzes bildet, können mehrere W-Phrasen gescrambelt werden. Im D. und K. ist es folglich im Mittelfeld/Gesamtsatz möglich, mehrere W-Phrasen zu bewegen, weil keine verbalen Elemente zwischen den nominalen W-Phrasen erscheinen.

Der Zweite wird davon gebildet, dass im D. und K. alle nominalen Satzglieder, die durch ein morphologisches Kennzeichen (z.B. Artikel/Kasusmorphem) erkennbar sind, gescrambelt werden können. Im K. stellen Kasus-Morpheme bei Nomina sowohl Kasus als auch größere oder geringere Scramblingfähigkeit (= topikale und fokale Funktion) dar. Im D. weisen sie nur aufdie syntaktische Rolle der Nomina hin: Sie sind morphologisch nicht-topikal und nicht-fokal. Die syntaktische Lokalität11 zum Verb (= der topikale und fokale Charakter bzw. vom Prädikat entfernte und dazu nahe Position der Phrasen) kann daher durch Scrambling der Satzglieder identifiziert werden.

Der Dritte liegt in dem unterschiedlichen morphologischen Charakter der Fragewörter. Das W-Merkmal respektiert die lokale Eins-zu-Eins-Korrespondenz der C-Kategorie mit einem Fragewort im Satz. In den koreanischen Fragewörtern befindet sich kein morphologisches W-Merkmal, das in den entsprechenden deutschen Wörtern uniform erscheint. Im D. stört also das W-Merkmal der W-Phrasen ihr Multi-Scrambling, weil das W-Merkmal des Satzkopfes C die lokale Beziehung mit nur einer W-Phrase fordert. Es ist darum im Gegensatz zum K. grammatisch falsch, mehrere Fragewörter zu scrambeln.


[Seite 61↓]

4.5  Anmerkungen

1. Watanabe (1991) hat behauptet, dass es bezüglich der WH in situ keine parametrische Variation gibt und sprachliche Unterschiede aus der Morphologie kommen. In diesem Fall sollte man daran denken, dass die innere lexikalische Form der WH-Phrase im D. und K. unterschiedlich ist. Beispielsweise kann man die koreanischen Fragewörter (= χ ein Symbol für die WH-Wörter) wie folgt klassifizieren:

Die allgemeine Annahme in der generativen Grammatik besagt, dass die C-Kategorie das WH-Merkmal als Operatormerkmal besitzt und dieses das lexikalische Merkmal ist, das dem der WH-Phrase gleicht. Der Grund, dass sich diese WH-Phrase in der overten Syntax bewegt, liegt in der Notwendigkeit der lexikalischen Form des WH-Merkmales der C-Kategorie. Im K. lässt sich aber in den Fragewörtern kein morphologisches WH-Merkmal finden, wie die Klassifizierung der Wörter zeigt.

2. Die folgenden Endungen werden im K. als Morpheme für den Entscheidungs-/Ergänzungs-Fragesatz benutzt.

Diese Frageendungen werden gemäß der Höflichkeitstufe dem Gesprächspartner gegenüber ausgewählt, und sie beenden einen Satz in Frageform. Sie werden darum in der C-Kategorie positioniert, die die Formen am Satzende bestimmt.


[Seite 62↓]

3. Die Bildung des W-Fragesatzes im K. wird durch die folgenden Bedingungen beschränkt.

(1.) Ein Satz endet mit einem Fragemorphem.

(2.) Es erscheint mindestens ein Fragewort im Satz.

(3.) Die Satzintonation und das Fragezeichen stehen am Satzende.

Es ist schwer zu bestimmen, welche davon die wichtigste darstellt, weil diese 3 Faktoren gemeinsam wirken.

4. Im D. werden die Charakteristika der Fragesätze und der Frageintonation wie folgt erklärt (vgl. Bierwisch (1966, S.165, 169, 196-97)).

„Eigenschaften, die die Struktur deutscher Fragesätze kennzeichnen, sind das Auftreten von Fragewörtern, die Spitzenstellung des Verbs und die Frageintonation. Diese drei Charakteristika sind in zunächst schwer durchschaubarer Weise miteinander kombiniert. Die Verhältnisse komplizieren sich noch etwas mehr, wenn man die für bestimmte Fragen wichtige Eigenschaft einbezieht, dass sie Alternativen enthalten können wie etwa Hast du Klaus oder Sabine getroffen aber nicht *Wer hat Klaus getroffen oder nicht (S. 165). ... Wir haben oben bemerkt, dass Fragesätze generell die Basisstruktur Q + Nukleus haben, wobei Nukleus der dominierende Knoten für alle übrigen Konstituenten des Satzes ist. Die interne Sturktur des Nukleus muß demnach die Art des Fragesatzes determinieren. ... Jede Frage involviert eine gewisse Voraussetzung, deren Struktur linguistisch genau charakterisiert werden kann (S. 169). ... Offensichtlich besteht zwischen dem Begriff der Fragevoraussetzung und der Kontextvoraussetzung für Thematisierung, Kontrast und Emphase eine enge Beziehung. Mindestens die Voraussetzung für die Emphase kann mit den gleichen Mitteln präzisiert werden, die Katz und Postal zur Definition der Fragevoraussetzung benützt haben. Dennoch sind hier wesentliche Unterscheidungen nötig. Heidolph (1966) hat gezeigt, dass für bestimmte Probleme der Thematisierung aktueller Kontext angenommen werden muß, nicht nur eine involvierte Voraussetzung, die für Frage und Emphase ausreicht (S. 196-97, Anmerkung 57).“

Die Grundidee des Zusammenhanges zwischen Fragesätzen und Satzintonation besteht also darin, dass die syntaktischen Faktoren, die Fragemorpheme Q und Emphasemorpheme E, die Struktureigenschaften der Intonation in Fragesätzen bedingen.

5. Die Beispielsätze (3) a und (6) a sind entnommen aus G. Müller (1997, S. 122-123) und der Satz (4) aus J. Lenerz (1977, S. 33).

6. Im D. kann man mit dem normalen Satz ´Peter schenkt dem Bruder zu Weihnachten ein Buch.` insgesamt 24 Scramblingsätze für die vier Glieder außer dem Verb bilden (Bierwisch 1966, S. 31). Alle 24 Scramblingsätze können aber nicht in gleichem Maße grammatisch normal sein, sondern unter besonderen Bedingungen, z.B. Satzintonation, Betonungen von Kontrast und Emphase, Artikelformen und Pronominalisierung muss dafür die Grammatikalität der Scramblingsätze berücksichtigt werden. Solche Faktoren haben also großen Einfluss auf die Stellungsmöglichkeiten der Satzglieder im D. Im K. ist der entscheidende Faktor für die Umstellungsmöglichkeit der Satzglieder zunächst die Argumentstruktur des Verbs, wobei die grammatischen Rollen der Argumente determiniert werden, d.h. keine Veränderung der θ-Struktur des Verbs erfolgt. Die Kasusmorpheme müssen dann während des Scramblings der Satzglieder die grammatischen Rollen klar kennzeichnen können. Wenn die [Seite 63↓]grundlegende θ-Struktur des Verbs durch das Scrambling nicht verändert wird, und die syntaktischen Rollen der Satzglieder trotz der Umstellung eindeutig identifiziert werden können, dann kann das Scrambling im K. ausgelöst werden.

7. Bei Chomsky (1965, S. 221) wird z.B. erwähnt, dass die Topik und das Subjekt übereinstimmen.

„ It might be suggested that Topic-Comment is the basic grammatical relation of surface structure corresponding (roughly) to the fundamental Subject-Predicate relation of deep structure. Thus we might define the Topic-of the Sentence as the leftmost NP immediately dominated by S in the surface structure, and the Comment-of the Sentence so the rest of the string. Often, of course, Topic and Subject will coincide, but not in the examples discussed. This proposal, which seems plausible, was suggested to me by Paul Kiparsky. One might refine it in various ways, for example, by defining the Topic-of the Sentence as the leftmost NP that is immediately dominated by S in the surface structure and that is, furthermore, a major category (cf. p. 74 - this will make John the Topic in the cleft sentence ´´it was John who I saw`` ). Other elaborations also come to mind, but I shall not go into the question any more fully here.“

8. Bei overtem W-Scrambling werden die lexikalischen Topik-/Fokus-Merkmale der Satzglieder erfüllt. Die semantische Interpretation der Topik-Fokus-Struktur kann sich im LF/C-I Interface ereignen. In der overten Syntax bei Scrambling wird die Form von Topik-Fokus aufgrund der Notwendigkeit der PF und LF, d.h. der aktuellen Wortstellung und der angemessenen Struktur der semantischen Interpretation für die Oberflächenform gebildet. Damit wird die Änderung der Topik- und Fokusgrade der Satzglieder ausgedrückt. Nicht nur die Interpretation der θ-Struktur des Scramblingsatzes, sondern auch die oberflächlichen semantischen Interpretationen durch die Topik-Fokus-Struktur werden im LF/C-I Interface gefordert.

9. Die Beispielsätze sind entnommen aus I. Rosengren (1994, S. 185).

10. In dieser Arbeit wird die Struktur des Scramblings als eine Substitution-Struktur im D. und K. vorgeschlagen. Substitution-Transformation bewirkt im Satz die phonetische und semantische Änderung hinsichtlich des Paarbegriffes ,,Topik und Fokus‘‘, aber Adjunktion-Transformation nicht. Scrambling ist ein overt-syntaktisches Phänomen. Es variiert die lineare Wortstellung und die Bedeutung eines Satzes.

11. Die Ursache für die entscheidende Rolle des Begriffes ´Lokalität` des Verbes und seines Argumentes in der syntaktischen Struktur ist wie folgt erwähnt worden (Bierwisch, 1966, S. 37).

„ Außer der Zusammengehörigkeit der Konstituenten zu größeren Komplexen gibt es komplizierte Regularitäten, die die Selektion der verschiedenen möglichen Klassen von Konstituenten in Abhängigkeit vor allem vom Verb bestimmen. So hängen z.B. das Auftreten verschiedener Objekte und Adverbialbestimmungen oder die Möglichkeit abstrakter, konkreter, belebter Subjekte und Objekte von Regularitäten ab, die grammatischer Natur sind und in denen die Verbalklassifikation eine entscheidende Rolle spielt.“

Unter Beachtung dieser Argumentstruktur des Verbs, wobei sich die enge Beziehung der Argument-Prädikat-Struktur, d.h. die Lokalität des Verbs zu seinen Argumenten realisiert, vollzieht sich Scrambling im D. und K.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 3.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
20.11.2003