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Vorwort

Die vorliegende Arbeit zum schriftlichen Erzählen von Erlebnissen im jüngeren Schulalter wurde 1988 mit schulpraktischer Zielsetzung im Rahmen eines Qualifizierungsvorhabens unter den in der DDR üblichen Forschungsbedingungen, ministeriellen Genehmigungsverfahren und bekanntlich erschwerten Zugängen zur bundesdeutschen und internationalen Literatur konzipiert. Sie stellte sich das Ziel, methodenkritisch vorhandene und anhand von Texten geübter Schreiberinnen und Schreiber erprobte Analyseverfahren auf schriftliche Erlebniserzählungen jüngerer Schulkinder (d.h. Kinder der Klassenstufen 1 bis 4) anzuwenden. Die Erzähltexte waren inhaltlich, textstrukturell und sprachlich zu untersuchen. Im Unterschied zu den Vergleichsarbeiten wurden zusätzlich Entstehungsbedingungen der schriftlich verfassten Texte vor dem Hintergrund der sich erst entwickelnden Schreibkompetenz der kindlichen Schreiberinnen und Schreiber thematisiert und untersucht, um einer ausschließlich defizitären Betrachtungsweise konzeptionell entgegenzuwirken.

Aus den Untersuchungen erworbene Erkenntnisse sollten in der DDR vor allem zur gezielten und entwicklungsgerechten Einflussnahme der Schule auf die Ausbildung des Erzählkönnens im jüngeren Schulalter beitragen.

In der DDR wurde die Schulpraxis in ihrer landesweiten Realisierung verbindlicher Konzepte erforscht. Auch meine Untersuchungen waren ein Beitrag dazu, so dass meine Literaturrecherche, meine Fragestellungen und Untersuchungsergebnisse zum Zeitpunkt der Anlage meiner Arbeit schulpraktische Relevanz für die DDR-Sprachdidaktik hatten und erklären, weshalb ich stets den schulpraktischen Bezug suchte und herausstellte. Dieser schulpraktische Bezug war somit ein anderer als in der BRD-Didaktik und für Forschungen in der BRD, deren unterschiedliche Konzepte eine gewisse Unverbindlichkeit für die landesweite Schulpraxis hatten.

Die empirische Datenerhebung erfolgte in unteren Klassen von Zehnklassigen allgemeinbildenden polytechnischen Oberschulen der DDR in der 2. Hälfte des Schuljahres 1989 / 90 kurz vor dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland.

Im ersten Teil der Arbeit (Kapitel 1, S. 10ff.) werden die theoretischen Grundlagen meiner Untersuchungen dargelegt. Zunächst sollen dazu in der DDR vorherrschende Auffassungen zum Erzählen sowie die für meine Untersuchungen relevanten Begriffe erörtert werden (vgl. Kapitel 1.1, S. 10ff.). Es folgt die Darstellung entsprechender theoretischer und empirischer Forschungsansätze in der DDR unter besonderer Berücksichtigung des jüngeren Schulalters und derenBedeutung für die Schulpraxis (vgl. Kapitel 1.2, S. 12). Ein Überblick über die in der DDR zum schriftlichen Erzählen von Erlebnissen schulpraktisch relevante Literatur ist eingebettet in die Erläuterung des didaktischen Konzepts zum schriftlichen Erzählen für die unteren Klassen des DDR-Schulsystems am Ende der 80er-Jahre (vgl. Kapitel 1.3, S. 35).

Der Literaturüberblick beschränkt sich auf Literatur, die nach 1945 auf dem Gebiet der ehemaligen DDR erschienen war bzw. mir dort zur Verfügung stand. Ein Zugriff auf so genannte „BRD-Literatur“ war im Rahmen meiner Untersuchungen nur bedingt möglich. Die unzureichende [Seite 8↓]Berücksichtigung von BRD-Literatur bei der Anlage meiner Untersuchungen erweist sich aus heutiger Sicht als Mangel. Deshalb fügte ich - meine Arbeit einordnend - ein Kapitel zur Forschungssituation und Literatur in der BRD seit meiner Datenerhebung Ende der 80er-Jahre ein (vgl. Kapitel 1.4, S. 54ff.). Dadurch soll deutlich werden, dass ich meinen Fragestellungen und Untersuchungsergebnissen auch für die gegenwärtige Erzähl- und Schreibforschung Bedeutung zumesse.

Wie mir eine erste Übersicht über empirische Untersuchungen der DDR zeigte, bezogen sich Forschungsarbeiten mit schulpraktischer Zielsetzung zum Erzählen vor allem auf Entwicklungen im mündlichen Sprachgebrauch. Die wenigen Arbeiten zum schriftlichen Erzählen betrafen meist nicht das jüngere Schulalter, d.h. Kinder zwischen 6 und ca. 10 Jahre. Eine wesentliche Ursache hierfür sah ich in der Tatsache, dass schriftliche Erlebniserzählungen jüngerer Schulkinder zugleich Texte von ungeübten Schreiberinnen und Schreibern im Anfangsstadium des schulischen Schriftspracherwerbs sind und folglich forschungsmethodisch eine doppelte Herausforderung darstellten.

Es fiel auf, dass kaum eine Untersuchung an die wenigen bereits vorliegenden Arbeiten thematisch anknüpfte. Zwei Untersuchungen zu Stand und Entwicklungstendenzen des (schriftlichen) Erzählkönnens von Kindern im mittleren Schulalter (WILKE 1982) bzw. von Jugendlichen im Alter bis zu 22 Jahren (SEIDEL 1988) zeigten diese inhaltliche Verknüpfung jedoch und weckten daher mein besonderes Interesse. Sie können nun, ergänzt durch meine Arbeit, als Untersuchungsreihe dazu beitragen, die Bemühungen der DDR-Schulpraxis bei der Entwicklung von Erzählkompetenz Lernender wissenschaftlich belegt zu würdigen, mögliche Entwicklungslinien der Ausbildung schriftlichen Erzählens von Erlebnissen bei jüngeren und älteren Schulkindern sowie bei Jugendlichen in der DDR Ende der 80er-Jahre aufzuzeigen und die angewandten Untersuchungsinstrumentarien kritisch zu hinterfragen.

Die Arbeiten von WILKE (1982) und SEIDEL (1988) trugen wesentlich zur Bestimmung des Gegenstandes und der Konzeption meiner Untersuchungen bei und dienten mir als Vergleichsarbeiten.

Ich konzipierte meine Arbeit als ein methodenkritisches Nachvollziehen der Untersuchungsinstrumentarien von WILKE (1982) und SEIDEL (1988) anhand von schriftlich vorliegenden Erlebniserzählungen der bisher in derartigen Untersuchungen ausgesparten Altersgruppe der jüngeren Schulkinder, um die Brauchbarkeit der Instrumentarien für diese Altersgruppe zu prüfen und ggf. zu modifizieren.

Weil eine Aufgabe zum schriftlichen Erzählen von Erlebnissen nicht nur Erzähl-, sondern zugleich auch Schreibanforderungen stellt und diese von jüngeren Schulkindern (d.h. von Schreibanfängerinnen und -anfängern) noch schwer zu bewältigen sind, besteht meiner Ansicht nach ein Zusammenhang zwischen der Qualität von Erzähl- und Schreibleistungen. Deshalb sollte im zweiten Teil meiner Arbeit mit dem Kapitel 4, S. 145ff., (nicht der entstandene Text bzw. das Resultat des Schreibens ins Blickfeld der Betrachtung gerückt, sondern) versucht werden, zusätzlich das bisher in der DDR kaum untersuchte Schreibverhalten von jüngeren Schulkindern [Seite 9↓]beim Entstehen ihres Textes als Erklärungsrahmen für schriftliche Erzählleistungen in dieser Altergruppe zusätzlich zu den Vergleicharbeiten einzuführen. Mit dem Begriff Schreibverhalten fasste ich solche beobachtbaren und auffälligen Aktivitäten der Kinder, die unmittelbar vor, während und nach dem Verfassen ihres Textes feststellbar waren und einen Zusammenhang mit dem Schreibprozess vermuten ließen.

Meine Beobachtungen und Befragungen der kindlichen Schreiberinnen und Schreiber sollten dazu beitragen, das Schreibverhalten jüngerer Schulkinder aspekthaft zu erhellen.

Die Schwerpunkte der Arbeit sind somit Fragen der Erzähl- und Schreibforschung. Daneben wurden Befunde und Überlegungen aus Bezugswissenschaften (d.h. der Didaktik, Methodik, der allgemeinen und germanistischen Linguistik, Psychologie, Soziologie, Ethnologie u.a.) einbezogen, wie sie meinem Erkenntnisstand in der DDR entsprachen. Dem lag jedoch kein umfassender interdisziplinärer Ansatz zu Grunde. Somit beanspruchte die Arbeit auch keine vollständige Rezeption und Diskussion dieser Bezugswissenschaften.

Bedingt durch ein anderes Tätigkeitsfeld musste ich nach dem Beitritt der DDR zur BRD die Arbeit an der Dissertationsschrift für einige Jahre unterbrechen. Bei der Fortsetzung der Arbeit ergab sich daraus unbeabsichtigt und zusätzlich für sie eine historische und systemvergleichende Dimension. Deshalb hielt ich es für erforderlich, nachträglich erläuternde, überschauende und wertende Anmerkungen zu vielen untersuchungsrelevanten Aspekten in den Text einzufügen.

Meine Arbeit wurde ursprünglich von Frau Dozentin Dr. sc. Beate FRIEDRICH † betreut. Ihr und Herrn Prof. Dr. sc. Bodo FRIEDRICH verdanke ich wesentliche Anregungen für die Grundlegung meiner Untersuchungen. Für die Mithilfe bei den empirischen Erhebungen danke ich Frau Eva TOSCH und Frau Ilse NOACK.

Mein Dank gilt außerdem Frau Prof. Dr. Renate VALTIN, die mich zur Fortsetzung meiner Arbeit nach der Wende bewegte, und insbesondere Frau Prof. Dr. Marion BERGK, die die Weiterbetreuung der Arbeit bis zu ihrem Abschluss übernahm.


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16.02.2004