1 Einführung: Ziel und Relevanz der Studie

1.1 Ausgangsbedingungen für Heimerziehung im allgemeinen

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Forschung in der Heimerziehung steht vor dem Problem, dass ihr Gegenstand nicht auf einen überschaubaren Objektbereich reduziert werden kann. Ein Forscher, der „diese Komplexität negiert, würde eher zu unzulässigen Vereinfachungen und Trivialisierungen des Forschungsgegenstandes beitragen, als zu neuen Erkenntnissen“ (Gabriel 1999; 1085 ff.). Die Situation der deutschen Forschung zur Heimerziehung stellt sich unbefriedigend dar:

Die Diskussion um erzieherische Hilfen und deren Leistungen ist auch deshalb schwierig, weil keine Einigkeit darüber besteht, was eine gute Hilfe ausmacht und wann die Entwicklung eines jungen Menschen als eine gelungene oder erfolgreiche bezeichnet werden kann.

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Erziehung ist kontingent. Von eindeutigen Zusammenhängen zwischen eingesetzten Mitteln und den Wirkungen kann nicht ausgegangen werden. Vielmehr bestimmen und prägen vielfältige und auch objektiv nicht fassbare Bedingungen die Entwicklungen der jungen Menschen. Der Einfluss oder das Gewicht der Erziehung im Verhältnis von Sozialisation und Erziehung lässt sich generalisierend nicht messen oder festlegen. Dementsprechend stellt sich die Frage, inwieweit Entwicklungsprozesse von Kindern/Jugendlichen tatsächlich als Erfolg eines Hilfeangebotes „verbucht“ werden können, wenn zugleich die Möglichkeit der Gegenüberstellung einer Vergleichsgruppe junger Menschen, die keine Betreuung erfahren haben, nicht gegeben ist.

Die Problematik der Operationalisierbarkeit von Qualitätskriterien für Hilfeleistungen erschwert die Konzeption und Durchführung von Leistungsbeurteilungen. Gerade soziale Dienstleistungen, die sich stark auf die individuelle Gestaltung der Beziehungen beziehen, auf individuelle Angebote und gemeinsames Aushandeln, machen eine objektive Überprüfung des Geleisteten nahezu unmöglich (vgl. Heiner 1996).

In der Bewertung der Qualität und Aussagekraft der Forschungsergebnisse zur Heimerziehung spiegelt sich entsprechend der Methodenstreit zwischen quantitativen und qualitativen empirischen Forschungsmethoden wider. Qualitativen Studien wird in der deutschen Diskussion zur Forschung in der Heimerziehung ein größeres kritisches Potential attestiert als quantitativen Studien (Trede 1996; 126). Die übliche Trennung quantitativer und qualitativer Methoden und Forschungen in bewertender Absicht („harte“ vs. „weiche“ Forschung) erscheint dabei fragwürdig. Sie ist das Ergebnis einer Wissenschaftsgeschichte, in der die normativen und erkenntnistheoretischen Kontroversen zunächst zu einer Konstruktion und anschließend zu einer Praxis des Gegeneinanders von quantitativer und qualitativer Forschung geführt haben (von Kardoff 1995).

1.2 Ausgangsbedingungen für geschlossene Heimerziehung im Besonderen

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Die bisherige empirische Forschung hat geschlossene Heimunterbringungsformen nicht evaluiert – weder in Deutschland noch in anderen Ländern. Es gibt keinerlei Vernetzungsstrukturen geschlossener Heime über Deutschland hinaus, ja nicht einmal genauere Kenntnisse über Existenz, Häufigkeit und pädagogische Konzeptionen solcher Institutionen im Ausland. Trotz intensiver Recherche im Internet und bundesweiter Nachfragen bei überregionalen Behörden im Erziehungswesen waren diesbezüglich keinerlei verwertbare Ergebnisse zu erzielen. Empirische Befunde zur geschlossenen Heimunterbringung waren nicht einmal in Form von Kleinstartikeln in entsprechenden pädagogischen bzw. ärztlichen Fachzeitschriften auffindbar.

Zwar sind in den verschiedensten theoretischen Ansätzen klare Aussagen hinsichtlich der Ineffektivität und der negativen Folgen institutioneller Erziehung zu finden (Goffman 1970; von Wolffersdorf/Sprau-Kuhlen 1996 u.v.a.), diese Aussagen sind aber in keiner Weise empirisch abgesichert und zeichnen insgesamt ein äußerst widersprüchliches Bild (Garrett 1985). Auch gibt es zwei umfangreichere Untersuchungen zur geschlossenen Heimunterbringung. Die eine beschreibt bauliche und konzeptionelle Eigenheiten geschlossener Heime im Kontext mit dem subjektiven Erleben von „Geschlossenheit“ der betroffenen Jugendlichen (Pankofer 1997). Die Fallzahl der Betroffenen ist dabei gering und nicht repräsentativ. Darüber hinaus fehlt eine systematische Untersuchung der Indikation für und Diagnose zur geschlossenen Unterbringung.

Die bekannteste und wohl repräsentativste Studie zum Themenbereich „Geschlossene Unterbringung in Heimen“ stammt von Wolffersdorff/Sprau-Kuhlen aus dem Jahr 1990. Diese Untersuchung bezog sich auf eine Heimlandschaft im Umbruch: eine Vielzahl geschlossener Einrichtungen, die junge Menschen verwahrten im Sinne eines Wegschlusses aus der Gesellschaft, auf der anderen Seite zwei Heime (Rummelsberg, Gauting), die seinerzeit begannen, neue pädagogisch-therapeutische Konzepte zu erproben wie beispielsweise „individuelle Geschlossenheit“. Diese Konzepte wurden im letzten Jahrzehnt vielfach erweitert, differenziert und von allen geschlossenen Heimen in Deutschland übernommen. Daraus folgt, dass die Studie von Wolffersdorff den therapeutischen Standards zeitgemäßer geschlossener Einrichtungen nicht mehr gerecht wird.

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Insofern besteht hier eine bedeutende Forschungslücke, die mit der vorliegenden Arbeit geschlossen werden soll. Als Diplom-Psychologe, der 13 Jahre lang zwei individuell-geschlossene Gruppen des Mädchenheims Gauting leitete, kann der Verfasser dieser Studie auf eine breite Erfahrung im Themenbereich zurückgreifen.

1.3 Die Studie

1.3.1 Untersuchungsgegenstand

1.3.2 Einrichtung

Mädchenheim Gauting
Therapeutisches Zentrum der Jugendhilfe
Starnberger Str. 42, 82131 Gauting
Träger: Caritas München/Freising

1.3.3 Erfassungsbereich

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Vier geschlossen geführte Gruppen des Mädchenheims Gauting

(§ 34 KJHG in Verbindung mit § 27 KJHG, § 35a KJHG; ohne Ausnahme mit familienrichterlichem Beschluss nach § 1631 b BGB)

Alle Mädchen, die in den Jahren 1991 bis 2001 in den oben genannten vier individuell-geschlossenen Gruppen aufgenommen und sozialpädagogisch-therapeutisch betreut wurden (n = 260 Kinder und Jugendliche).

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1991-2001

Alle 260 Jugendlichen dieser vier Gruppen im 10-Jahreszeitraum vom 01.01.1991 bis zum 31.12.2000 wurden in Teilen dieser Untersuchung berücksichtigt. Dies gilt auch für Daten der 27 Mädchen, die zum 31.12.2000 noch nicht entlassen worden waren. Andere, erst im Jahr 2001 neu aufgenommene Klientinnen fanden dagegen keinen Eingang mehr in diese Untersuchung.

In den Tabellen zur Probandinnenbeschreibung ist n < 260 dann der Fall, wenn Daten der oben genannten 27 Mädchen noch nicht ausgewertet werden konnten oder wenn auf Grund mangelnder Jugendamt- bzw. Aktenauskünfte keine brauchbaren Ergebnisse vorlagen.

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Bzgl. der Fragestellungen `Familienform vor Aufnahme´, `chronische Belastungen´ und `Indikationsfaktoren für eine geschlossene Unterbringung´ wurden aus arbeitstechnischen Gründen von den möglichen 260 Klientinnen nach dem Zufallsprinzip 100 ausgewählt.

1999-2001

Aus dem Gesamtpool von 260 Mädchen nahmen im Sinne einer Teilstichprobe 59 an einer persönlichen Eigeneinschätzung der (Lern-)Erfahrungen bzgl. der geschlossenen Unterbringung im Zeitrahmen von 1999 bis 2001 teil. Bedingungen hierfür waren zweierlei: Freiwilligkeit und Mindestaufenthalt von einem halben Jahr.

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Die Fremdeinschätzung von Seiten Schule und Heim (gleicher Zeitraum 1999-2001) ist eine Verlaufsstudie und ergab eine Teilstichprobe von je n = 64 zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten. 38 dieser fremd beurteilten Mädchen beteiligten sich an der Eigeneinschätzung.

Ebenfalls zwischen 1999 und 2001 partizipierten als Teilstichprobe von n = 260 – einmalig in der Anfangszeit – 56 Mädchen am Testverfahren 1 (HPSQ) und 26 am Testverfahren 2 (MPT-J). Zu einer Testwiederholung in der Entlassphase waren dann noch 33 (Test 1) bzw. 13 Klientinnen (Test 2) bereit.

Die in einem weiteren Kapitel vorgestellten Ergebnisse der EVAS-Studie betreffen den Zeitraum vom 1.01.1999 bis 30.06.2001, berücksichtigen somit alle in eigener Regie befragten und getesteten Mädchen (s.o.). Die höhere Stichprobenzahl ergibt sich daraus, dass zusätzlich zu den vom Verfasser der Studie explorierten vier geschlossenen Gruppen zwei weitere geschlossene Gruppen des Mädchenheims Gauting sowie neun im Zeitraum 1.1.2001 bis 30.6.2001 neu aufgenommene Klientinnen in die Evaluation mit einbezogen wurden.

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Schließlich wird eine Einzelfallstudie vorgestellt – nach dem Zufallsprinzip ausgewählt aus dem sehr geringen Pool der Mädchen, die zunächst in einer der offenen therapeutischen Gruppen lebten, dort scheiterten und in Folge in eine der geschlossenen Gruppen des Mädchenheims Gauting wechselten.

1.3.4 Ziele der Forschungsstudie

Die vorliegende Studie kann mangels jeglicher empirischer Datenlage keine Evaluationsstudie im engeren Sinn sein, vielmehr handelt es sich um eine Forschungs- bzw. Erkundungsstudie, die wichtige Daten für eine Evaluation das entsprechende Sujet betreffend liefern kann. Die Studie eröffnet sozusagen ein komplettes `Neuland´. Der lange Zeitraum der Auswertung von bis zu zehn Jahren sowie eine bis zu 260 Mädchen umfassende große Stichprobe garantieren hierbei repräsentative Ergebnisse für das Mädchenheim Gauting.

Als Ziele der hiesigen Dissertation gelten:

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I.

II.

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Im besonderen Maße gilt es zunächst die Klientel möglichst genau zu beschreiben, weil es hierzu immer wieder widersprüchliche Mutmaßungen und Phantasien gibt: Ist es primär Delinquenz, ist es die klassisch „schwere Verwahrlosung“ oder ist es ein grenzpsychiatrisches Syndrom mit oftmals schweren Traumatisierungen im (früh-)kindlichen Hintergrund, was letztendlich zu einer geschlossenen Heimunterbringung führt ?

- Klientelbeschreibung

Berücksichtigt werden soziographische Dimensionen (z.B. Alter bei Aufnahme, Nationalität, Personensorge, Familienstruktur, Wohnortgröße) bzgl. aller 260 jungen Frauen, die im Zeitraum von 1991 bis 2001 in vier Gruppen des Mädchenheims Gauting geschlossen untergebracht waren.

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- Indikationsfaktoren für eine geschlossene Unterbringung

Herausgearbeitet werden sollen typische außergewöhnliche Belastungen und Indikationsfaktoren, die zu einer geschlossenen Unterbringung führen. Als Forschungsmethode wurde hierbei die Aktenanalyse angewendet. Das Auswertungsmaterial umfasst 100 Akten von Kindern und Jugendlichen, die im Zeitraum 1991 bis 2001 in vier geschlossen geführten, intensivtherapeutischen Gruppen des Mädchenheims Gauting aufgenommen wurden. Als Untersuchungsmaterialien wurden folgende Dokumente aus diesen Akten berücksichtigt:

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III.

Die Frage, welche Faktoren einer Einrichtung eigentlich die entscheidenden für den Erfolg oder Misserfolg einer Maßnahme sind, eher äußere Rahmenbedingungen oder eher pädagogische Abläufe, die hier verändernd auf den Jugendlichen einwirken, soll in der hiesigen Forschungsarbeit untersucht werden; eine Frage, die bisher im deutschsprachigen Raum so nicht erörtert wurde (Weiss 1999; 889):

- Darstellung der Prozessqualität

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Eigen- und Fremdeinschätzung der (Lern-)Erfahrungen bzgl. der geschlossenen Unterbringung wird mittels Ratingskalen abgefragt: 59 Mädchen geben eigene Einschätzungen ab und werden von Gruppenpädagogen und Lehrern beurteilt. Die Interventionen, die die Befragten in Anspruch genommen haben, werden einzelfallbezogen erfasst. Zudem werden Aussagen zur Zufriedenheit mit Hilfedurchführenden und Interventionen aus Sicht der kurz vor der Entlassung aus der Einrichtung stehenden Klientinnen gemacht.

Eine Prä-/Posttestung von 33 bzw. 13 geschlossen untergebrachten Mädchen mittels zweier unterschiedlicher Persönlichkeitsverfahren wird durchgeführt und ausgewertet.

- Dokumentation der Ergebnisqualität

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Die Effekte der erzieherischen Hilfe werden durch objektive (Legalbewährung während des Heimaufenthaltes, Fortschritte in der schulischen Ausbildung etc.) wie auch subjektive Maße (Zufriedenheit der Befragten mit ihrer derzeitigen Situation und insgesamt, der Anteil der Jugendhilfeeinrichtung an ihrem Werdegang etc.) beschrieben. Damit sollen Erfolgs- und Misserfolgskriterien von Heimpädagogik im geschlossenen Bereich herausgearbeitet werden.

- Extraktion der Wirkfaktoren

Die für den Hilfeerfolg fördernden bzw. hemmenden Faktoren sollen ermittelt werden. Es wird überprüft, welcher Zusammenhang zwischen ausgewählten Aspekten der Prozessqualität (z.B. Verweildauer, Inanspruchnahme von Interventionen) und der Ergebnisqualität (dem Erfolg bzw. Misserfolg der Hilfe) besteht.

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IV.

Die unter II. und III. ermittelten Ergebnisse sollen abgesichert werden durch ein externes EVAS-Institut und eine ausführlichere Einzelfalluntersuchung.

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V.

Die gewonnenen Daten dieser Untersuchung sollen Grundlagen für zukünftige und fortlaufende Erhebungen in der (geschlossenen) Jugendhilfe schaffen (Qualitätssicherung).

Zusammenfassung:

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Die hiesige Erkundungsstudie will folgende (Grund-)Thesen überprüfen, die sich in der pädagogischen Praxis sowie in einer theoretischen Auseinandersetzung vor Beginn und im Verlauf dieser Untersuchung entwickelt haben.

Im Sinne einer Leitfrage soll überprüft werden, ob geschlossene Heimunterbringung heutzutage ihrem Anspruch gerecht wird, keine Verwahrung/Bestrafung, sondern eine pädagogische Intensivmaßnahme zu sein, die wirkungsvolle therapeutische Prozesse bei schwerer Dissozialität in Gang bringen kann.

Im Sinne der Indikationsfrage soll u.a. empirisch möglichst exakt überprüft werden,

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Im Sinne von Prozess- und Ergebnisqualität soll erstmals empirisch überprüft werden,

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Obige Fragestellungen sollen in den folgenden Kapiteln überprüft und ggf. evaluiert werden. Eine empirisch höhere Validierung würde sicherlich eine Vergleichsgruppe (Intensivmaßnahme unter nicht geschlossenen Bedingungen) und eine `Follow-up´-Studie (Langzeituntersuchung der hiesigen Klientel) erbringen. Bedauerlicherweise ist beides aus strukturellen, zeitlichen und finanziellen Gründen für den Verfasser dieser Studie nicht möglich.


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30.03.2006