4 Geschichte der (geschlossenen) Heimunterbringung – die Entwicklung einer „Fürsorge“ für Jugendliche zu einer „Hilfe“ im Rahmen einer Jugendhilfe

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In einer historischen Darstellung geschlossener Heimunterbringung vom Mittelalter bis hin zur heutigen Diskussion sollen Entstehungsbedingungen und Entwicklungslinien des institutionellen Umgangs mit Kindern und Jugendlichen beschrieben werden, die aus den jeweils geltenden gesellschaftlichen Normen herausfallen.

Ein historischer Blick macht Projektionen und Annahmen über geschlossene Unterbringung, wie sie heute praktiziert wird, sowie Vorbehalte gegen geschlossene Einrichtungen versteh- und erklärbar (Pankofer 1997; 18). Ziel der hiesigen Analyse der historischen Entwicklung der Fürsorge- und Heimerziehung hinsichtlich der geschlossenen Unterbringung ist eine Betrachtung der Bedingungen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Gesellschaftsform zur Einführung bestimmter Regeln und Institutionsformen geführt haben. In anderen Worten: In welchem politischen und ökonomischen Kontext wird innerhalb der Heimerziehung das Strukturmerkmal Geschlossenheit herausgebildet ? Wie und für wen wurden ausgrenzende institutionelle Räume entwickelt ? Dabei zeigt sich, dass die Geschichte der (geschlossenen) Heimerziehung nicht selbstverständlich in Form einer fortlaufenden Verbesserung der Situation „vom finsteren Waisenhaus des Mittelalters bis zur strahlenden Jugendhilfestation der Moderne“ (Arbeitsgruppe „Geschlossene Unterbringung“ 1990; 10) verläuft.

Die ältesten Einrichtungen der Kinderfürsorge in unserem Kulturkreis können auf das 12. Jahrhundert datiert werden. Insbesondere der „Orden zum heiligen Geist“ (Scherpner 1979; 20) nimmt sich zur damaligen Zeit in Südfrankreich der Fürsorge für Findelkinder an und gründet neue Findelhäuser, z. T. auch Dependancen in Deutschland. Findel- und Waisenhäuser sehen sich im Mittelalter für verlassene, d. h. familienlose Kinder zuständig. In Deutschland werden selbige im Hospital aufgenommen, einer Fürsorgeeinrichtung für alle Hilfsbedürftigen, die (körperlich) nicht in der Lage sind zu betteln. Eine (Berufs-)Ausbildung erfolgt in diesen Einrichtungen nicht.

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Gegen Ende des 15. Jahrhunderts nimmt die Anzahl der Waisenhausinsassen stark zu, entsprechend groß ist die Säuglingssterblichkeit in den Anstalten. Kleinkinder werden daraufhin zu Ammen - meist auf dem Land – gebracht; sie kehren zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr in die Anstalt zurück. Die Erziehung entspricht der in den Familien der unteren Schichten: Hausarbeit, religiöse Unterrichtung, Bettelei vor Kirchen. Ziel ist die Versorgung, nicht Erziehung (Mummenhoff 1917).

Im Zeitalter der Reformation wird im Zusammenhang mit humanistischem Gedankengut die Arbeit als solche deutlich höher bewertet. Die Erziehung der Armen zur Arbeit wird zur Leitlinie. Nicht durch Almosen, sondern durch eigene Arbeit sollen sich mittellose Kinder ernähren (s. Nürnberger Armenordnung von 1522). Die Idee der Arbeitspflicht für Arme korrespondiert mit dem deutlich erhöhten Bedarf nach (billigen) Arbeitskräften der damaligen Produktionsweise und merkantilistischen Wirtschaftspolitik des damaligen Staates, insbesondere in England und Niederlande. Mitte des 16. Jahrhunderts entsteht in London die erste Zwangsarbeitsanstalt für Arme, in welcher viele Kinder und Jugendliche beschäftigt sind.

1596 wird in Amsterdam das erste Zuchthaus eröffnet, eine Erziehungsanstalt für „zuchtlose Jugend“ (Scherpner 1979; 46). Eine gerichtliche Einweisung hierfür ist notwendig. Das Erlernen eines Handwerks ist möglich, Unterricht und religiöse Erziehung sind obligatorisch. Die hygienischen Bedingungen sind für die damalige Zeit erstaunlich hoch. Parallel zu dieser Einrichtung wird in Amsterdam ein geschlossenes Spinnhaus für Diebinnen, Trinkerinnen und Dirnen eröffnet: Trotz der strafcharakteristischen Intention ist eine Ausbildung möglich. Anfang des 17. Jahrhunderts entstehen ähnlich Werk- und Zuchthäuser in Deutschland: Sie gelten als ein Anfang einer gesonderten Anstaltsbehandlung der verwahrlosten und kriminellen Jugendlichen mit dem Ziel, sie zu bessern.

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Im und nach dem 30-jährigen Krieg kommt es aus Kostengründen zu einem Rückgang der Findelhäuser und Pflegestellen, die Kindersterblichkeit nimmt deutlich zu. In Deutschland werden Zwangsarbeitseinrichtungen für Erwachsene und verwahrloste und verbrecherische Jugendliche nach holländischem Vorbild geschaffen, die von einigen Unternehmen mit Aufträgen versorgt und entsprechend ausgebeutet werden (Scherpner 1952; 19).

Ende des 17. Jahrhunderts sieht der aufkommende Pietismus seine Aufgabe in der Sorge für den Hilfebedürftigen, vor allem in seiner seelischen und religiösen Rettung. P. Jacob Spener ist entscheidend an der Reform des Armenwesens und in Zusammenhang damit an der Gründung des Armen-, Waisen- und Arbeitshauses beteiligt (Schäffer 1842). Hierbei handelt es sich um unversorgte, z. T. verwahrloste und bettelnde Kinder. Nachdem Betteln mittlerweile in vielen Städten verboten ist, erhalten Bettler und Vaganten in diesen Häusern angemessene Arbeit. In Frankfurt entsteht ein „Verbesserungshaus zur Aufnahme unartiger Jugend und anderer in liederliches Tun und Wesen geratenen Personen“ wie Spieler, Dirnen, Kriminelle.

August Hermann Francke gründet das „Hallesche Waisenhaus“: ein neuer Impuls für eine Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendfürsorge. Er investiert in eine Armenschule mit armen Studenten als Lehrer und ein dazugehöriges Waisenhaus. Kinderfürsorge wird unter dem Einfluss des Erziehungsgedankens zum wesentlichen Bestandteil der Armenpflege. Francke baut sein Werk nach seinen wachsenden Bedürfnissen und Erfordernissen aus, finanziert auf Gottvertrauen, d. h. auf den Kredit hin, den die Gemeinschaft der Glaubensgenossen gewährt (Beyreuther 1957). Francke gibt pädagogische Standards vor, will aber keine Zuchtmeister. Nach seinem Tod 1727 breiten sich viele Waisenhäuser nach seinem Modell in ganz Deutschland aus. In vielen Häusern ist jedoch mangels Hygiene die Kindersterblichkeit hoch. Im Laufe der Jahrzehnte werden die Einrichtungen mehr und mehr zu einem Mittel merkantilistischer Wirtschaftspolitik (z. B. Strumpf- und Lederfabrikation), so dass es Ende des Jahrhunderts zum sog. „Waisenhausstreit“ kommt, in welchem dafür plädiert wird, die Kinder in ländliche Pflegestellen zu verteilen.

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Gegen Ende des 18. Jahrhunderts werden ein großer Teil der Waisenhäuser wegen inhumaner Behandlung und schlechter Hygiene aufgelöst und in (billigere) Einrichtungen zur Familienpflege der Waisenkinder umgewandelt.

Im Zeitalter der Aufklärung werden neue Arbeitsanstalten für die Armen errichtet. Anstelle von Zwangsarbeit soll jedoch die freiwillige Arbeitserziehung treten. Gemäß der Hamburger Armenreform (1788) werden arbeitsfähige Arme in entsprechenden Arbeitsstellen zur selbständigen Berufsarbeit erzogen; arbeitsunfähige Arme werden weiter versorgt. Hier kann erstmals von einer differenzierten und persönlichen Armenfürsorge gesprochen werden. Kinderarbeit ist aber weiterhin nicht verpönt.

Der religiöse Unterricht tritt etwas in den Hintergrund, intendiert ist ein Wechsel von Lehr- und Arbeitsunterricht im Sinne einer Industrieschule: Für geleistete Arbeit (überwiegend Flachs- und Baumwollspinnen) gibt es Lohn. Alle Arbeiten sollten schnell zu einem Verdienst führen. Johann H. Pestalozzis Grundanschauung, dass auch die Berufserziehung „dem allgemeinen Zweck der Menschenerziehung untergeordnet sein müsse “(Pestalozzi 1780; 318), hat sich nur langsam durchgesetzt: Die Arbeitsschulen waren auf Erwerb abgestellt. Novitäten wie Sonntags- und Abendschule werden mit wechselndem Erfolg ausprobiert. In Hamburg wird erstmals versucht, die Kinder- und Jugendfürsorge aus der Armenpflege herauszulösen und sie als ein eigenes Gebiet gesellschaftlicher Hilfestellung zu organisieren (Scherpner 1979; 110). Caspar Voght fasst alle Kinder der Armen unter der Leitung der Schuldeputation zusammen. Schulpfleger besuchen die Kinder regelmäßig zu Hause. Schwererziehbare kommen nicht mehr automatisch ins Zuchthaus, man sucht für sie geeignete Lehr- und Dienststellen. Der Grundgedanke des aufklärerischen Glaubens ist demnach, durch vorbeugende Arbeit, d. h. durch die Erziehung der Armenkinder, die Armut verhindern zu können.

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In der Zeit nach dem Napoleonkrieg gewinnt das Gedankengut von Robert Matthus starken Einfluss, demzufolge Kinderfürsorge kontraindiziert sei, da es das Verantwortungsbewusstsein der Eltern schwäche und leichtsinnige Eheschließungen begünstige. Die Geburtenzahl dürfe nicht weiter erhöht werden, moralische Enthaltsamkeit der Armen sei unbedingt notwendig.

Als Gegenbewegung hat die süddeutsche Rettungshausbewegung, deren Wurzeln auf Pestalozzi zurückgehen, ihre Arbeit bzgl. verlassener und verwahrloster Kinder begonnen und damit die neue „private Fürsorge“ eingeleitet. Als geistiger Träger der Rettungshäuser gilt die „Erweckungsbewegung“, eine christliche Reaktion gegen Rationalismus und Aufklärung. Das ursprüngliche Erlebnis-Christentum sollte wieder gefördert werden, die sog. „Reich Gottes-Idee“ (Ruth 1927). Ziel ist die Erziehung zur Gottseligkeit in Verbindung mit einer Erziehung zu praktischer Tüchtigkeit. Die Rettungshäuser sind Hauseltern, nicht einem Verwalter, unterstellt; es findet eine gemeinsame Erziehung von Knaben und Mädchen statt. Die Anstalten gelten als eine große Familie mit Raum für das kindliche Bedürfnis nach Freude. Die Unterbringung basiert auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Staatliche Finanzbeihilfen werden prinzipiell abgelehnt.

Der Pfarrer Bräm in Ulm sieht 1835 Anstalt und Pflegefamilie nicht mehr als Gegenpol, sondern als sich ergänzende Typen in der Erziehung Verwahrloster und Gefährdeter, ein Grundschema für die spätere Durchführung der Fürsorgeerziehung (Neumobel 1930). Johann Hinrich Wichern gründet 1833 die Rettungsanstalt „Rauhes Haus“ in Hamburg mit kleinen Familiengruppen (maximal 12 Kinder); Leiter sind jüngere, unverheiratete Mitarbeiter mit erzieherischer Ausbildung. Über jedes Kind gibt es schriftliche Erziehungsberichte. Täglich wechseln drei Stunden Schule mit drei Stunden Arbeit ab. Feste und Feiern werden groß geschrieben. Entlassene Jugendliche werden nach Möglichkeit nachbetreut.

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Die gesamte Kinderfürsorge wird vermehrt überörtlich geplant; neben Neugründungen von Rettungshäusern und –vereinen in Deutschland entstehen auch zahlreiche Diakonissenhäuser (Scherpner 1979; 149), die den weiblichen Einfluss in der Kinderfürsorge erheblich verstärken. Die Entwicklung der Kindergärten beginnt 1840 in Blankenburg am Harz (Friedrich Fröbel in Fortführung der Pestalozzischen Ideen). 1838 entsteht die erste kleine Anstalt für schwachsinnige Kinder, bald folgen weitere für Blinde, Taubstumme und Verkrüppelte. Alle diese privaten Einrichtungen der Kinderfürsorge existieren bewusst unabhängig vom Staat.

Der Staat steht all diesen privaten Bestrebungen wohlwollend gegenüber. Mitte des 19. Jahrhunderts sieht er sich gezwungen, seine Zurückhaltung aufzugeben und eine Reihe von Schutzvorschriften zu erlassen. Gründe hierfür sind eher polizeiliche als erzieherische Motive:

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Angriffe auf die gemeinsame Unterbringung von straffälligen Kindern und Erwachsenen nehmen zu: 1851 wird im Preußischen Strafgesetzbuch das bereits in Frankreich bestehende Jugendstrafrecht übernommen, demzufolge Kinder bis zum vollendeten 12. Lebensjahr nicht strafmündig sind. 1876 ergänzt eine Novelle das Reichsstrafgesetzbuch, gemäß welcher – in Ergänzung zum § 55 – strafunmündige Kinder unter 12 Jahren über eine Vormundschaftsbehörde in einer Erziehungs- oder Besserungsanstalt untergebracht werden können. Hiermit ist eine Grundlage für die sog. Zwangserziehung geschaffen, aus der die Fürsorgeerziehung des 20. Jahrhunderts hervorgeht. Über die Vormundschaftsbehörde tritt der Staat unmittelbar in das Gebiet der Jugendfürsorge und der Erziehung der verwahrlosten Jugend ein.

Das bürgerliche Gesetzbuch, das am 1.1.1900 in Kraft tritt, definiert Elternrecht als ein autonomes Recht und beschränkt staatliche Eingriffe bei Gefährdung von Kindern auf ein Minimum. Anstelle von Zwangserziehung tritt Fürsorgeerziehung, welche auf öffentliche Kosten zu erfolgen hat. Die wirtschaftliche und soziale Lage der unehelichen Kinder und ihrer Mütter wird über das System des Generalvormundes deutlich verbessert (Rechtsansprüche des Kindes gegen den Erzeuger, Überwachung von Pflege und Erziehung). Gegen die behördliche Zersplitterung der Jugendfürsorge setzt Anfang des neuen Jahrhunderts eine Reformbewegung ein, überzeugt davon, dass alle Fürsorge für Kinder und Jugendliche ihrem Wesen nach Erziehung sein müsse.

Die Armenpflege für Kinder wird aus den Armenämtern herausgelöst und mit der neuen Form der Berufsvormundschaft verbunden. Die Idee der selbständigen örtlichen Behörde, die die gesamte Jugendfürsorge in allen ihren Zweigen unter dem Gesichtspunkt Erziehung zusammenfasst, ist geboren (Klunker 1931).

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In vielen Städten entstehen Vereinsvormundschaften. 1910 wird in Hamburg die erste selbständige Jugendbehörde gegründet, kurz darauf in Mainz das „Jugendamt“. Erste Jugendgerichte (für 12 – 16-jährige) treten in Aktion: Eine Personalunion von Jugend- und Vormundschaftsrichter ermöglicht unter Hinzuziehung der Jugendgerichtshilfe eine intensive Befassung mit der individuellen Persönlichkeit des Jugendlichen. Heime werden differenziert in Aufnahme- und Beobachtungsheime; Heilerziehungsheime stehen unter ärztlicher Leitung. Psychologisch geleitete Erziehungsberatungsstellen werden für ein möglichst frühzeitiges, fürsorgliches Eingreifen bei gefährdeten Kindern errichtet. Fürsorgeerziehung wird jedoch weiterhin geprägt von Repressalien und unzureichenden Erziehungsbedingungen. Das Erziehungspersonal ist schlecht ausgebildet. Die Kinder müssen in den Anstalten oft schwere Arbeit leisten, da das Kinderschutzgesetz um 1903 nicht für Fürsorgeerziehungsanstalten gilt (Röper 1974; 214). ‚Resistent schwierige‘ und ‚unverbesserliche‘ Kinder und Jugendliche werden in geschlossenen Abteilungen untergebracht. Erziehungsmethoden sind Ordnung, Zucht und scharfe Strafpraxis.

Mit dem Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (1924) entsteht in Deutschland erstmals eine einheitliche Jugendgesetzgebung. Das RJWG enthält die Regelungen der Freiwilligen Erziehungshilfe und der Fürsorgeerziehung, die bis zum Ende der 80er Jahre gültig sein sollten. Wesentlicher Inhalt ist:

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Der Begriff „Anstalt“ wird durch „Erziehungsheim“ ersetzt. Eine Neuerung des Jugendgerichtsgesetzes hat die Anhebung der Strafunmündigkeitsgrenze auf 14 Jahre zur Folge. Bei der Anordnung von Fürsorgeerziehung muss neuerdings auf Grund des § 63 Abs. 2 RJWG an Hand psychiatrischer Gutachten durch den Richter geprüft werden, ob erzieherischer Erfolg zu erwarten ist oder ob ‚medizinische oder pädagogische Unerziehbarkeit´ vorliegt. In letzterem Fall sind diese Kinder in psychiatrische Anstalten zu überweisen.

Im Nationalsozialismus orientiert sich die Pädagogik am völkisch-nationalen Gedankengut und wird durch Theorien der Führerpersönlichkeit, des Deutschtums, der Verherrlichung der Familienideologie und der Gemeinsamkeit bestimmt. Nur ‚erbgesunde‘ Kinder bleiben in der öffentlichen Erziehung, andere werden wegen ‚pathologischer Veranlagung‘ als ‚unerziehbar‘ in herkömmlichen Fürsorgeerziehungsanstalten oder in Jugend-KZ’s, sog. Jugendschutzlagern für 16 bis 19jährige eingeschlossen (Hartwig 1990; 397). Die medizinischen Kategorien von Pathologie und Unerziehbarkeit führen ‚verwahrloste‘ Kinder und Jugendliche in den Tod. Die Psychiatrie ist Entscheidungsinstanz für die Selektion. 1943 senkt ein neues Jugendgerichtsgesetz die Grenze der Strafmündigkeit auf 12 Jahre; gleichzeitig wird die Todesstrafe für kriminelle Jugendliche eingeführt.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit liegt die Heimerziehung völlig brach. Die wieder auflebenden freien Wohlfahrtsverbände übernehmen die Fürsorgeeinrichtungen bzw. Heime. Organisatorische Probleme und schlechte materielle Ausstattung sind an der Tagesordnung. An qualifiziertem Personal mangelt es stark. 1950 wird auf dem 1. Weltkongress der Psychiatrie der Be-griff ‚ Verhaltensstörung‘ in die psychiatrische Nosologie aufgenommen, quasi als Ersatz für den stigmatisierenden Begriff ‚Verwahrlosung‘. Die Betreuung von verhaltensgestörten Jugendlichen bleibt jedoch primär in den Händen der Fürsorgeerziehung. 1953 hebt das Jugendgerichtsgesetz (JGG) die Strafmündigkeitsgrenze wieder auf 14 Jahre.

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Die Heimkampagne in den 70er Jahren – ausgelöst durch die Deinstitutionalisierungsbewegung in den USA und die antiautoritäre Erziehung nach Neill – kritisiert die gängige Praxis geschlossener Heimunterbringung und plädiert für alternative offene Unterbringungsformen.

Ausgangspunkt sind studentische Aktionen um das Landeserziehungsheim Staffelberg (später: Birkenhof): Angeprangert werden menschenunwürdige Verhältnisse und repressive pädagogische Konzepte. Folgende Vorwürfe werden gegen die Heimerziehung erhoben (Brosch 1971):

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Diese Kritikpunkte ähneln der Kritik an der Heimerziehung in den 20er Jahren. In Folge der Diskussion flüchten 30 Jugendliche aus dem Heim in Richtung Frankfurt, um bei den Studenten zu wohnen. Jugendliche aus anderen Heimen in Hessen folgen. Alternativ gründen Studenten und Heiminsassen die Jugendwohnkollektive, welche jedoch bald an unterschiedlichen Utopien und Lebensstilen scheitern. Eine Integration der Jugendlichen in die Arbeitswelt gelingt nicht, da die Jugendlichen nicht mehr an Leistung gewöhnt sind bzw. sich dem Jargon der Studenten angepasst haben. So wollen sie sich beispielsweise bei der Arbeit nicht ausbeuten lassen. Durch die Probleme in den Kollektiven – viele Jugendliche sind inzwischen drogenabhängig – werden alle Wohnkollektive in Frankfurt im Februar 1970 geschlossen (Wortmann 1978).

Auf dem 4. Jugendhilfetag in Nürnberg 1970 werden skandalöse Zustände in Heimen aufgedeckt und Geschlossenheit als Strukturelement explizit kritisiert. Insbesondere seit 1976 nehmen kritische Veröffentlichungen zur geschlossenen Unterbringung in der Fachpresse deutlich zu. In Hessen wird 1973 die geschlossene Unterbringung abgeschafft, gleichzeitig wird aber in anderen Bundesländern geschlossen untergebracht (Möllhof 1979;11). Ebenfalls im Jahr 1973 wird die geschlossene Heimunterbringung in Schleswig-Holstein und Berlin wieder eingeführt. In Bayern nimmt Juni 1977 das bis heute tätige Jugendhilfezentrum der Rummelsberger Anstalten den Betrieb einer individuell-geschlossenen Abteilung für männliche Jugendliche auf.

1979 spricht sich das Bundesjugendkuratorium in seinem Votum gegen die geschlossene Unterbringung aus, während der AFET im Sinne einer ‚ultima ratio‘ dafür plädiert. Die Diskussion eskaliert zusehends. Wolffersdorf (1995; 50) schreibt hierzu: „Allzu viele moralisch dauererregte Stellvertretungsbetroffene, therapiegläubige Behandlungsoptimisten und zwängliche Bürokraten trugen seinerzeit dazu bei, dass sich die notwendige Sachauseinandersetzung in einem endlosen Prinzipienstreit mit ritualisierten Schuldzuweisungen verlor. Durch den ständigen Zwang zur Formulierung von Grundsatzpositionen hatte sich die Debatte vom Boden der Tatsachen bald abgelöst und kreiste in sich selbst“.

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1981 schafft Hamburg die geschlossene Unterbringung ab. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen jedoch auf, dass in den Folgejahren keine Verbesserung der bestehenden Probleme stattfindet, sondern eine Verschiebung des Problems in andere Institutionen bzw. eine von allen unerwünschte ‚Psychiatrisierung‘ der betroffenen Kinder und Jugendlichen (Kowerk 1990). Zu Hamburgs Grundsatz in der Heimerziehung wird der Slogan ‚Menschen statt Mauern‘. Im Gegensatz zu Hessen plant Hamburg keine Alternativeinrichtungen, sondern will mit einer grundlegenden Reform der Heime die Unterbringung dieser Jugendlichen in Regeleinrichtungen erreichen, um eine weitere Spezialisierung und Stigmatisierung zu vermeiden. Hamburg entwickelt die ‚Reisepädagogik‘ als eine der ersten erlebnispädagogischen Projekte (Wolf 1993; 66 ff.).

Die 80er Jahre können als die Zeit der Entwicklung und Prüfung von Alternativen zur geschlossenen Unterbringung bezeichnet werden Die Diskussionen um verbliebene geschlossene Einrichtungen werden häufig wenig sachlich geführt. Letztere reagieren durch interne Veränderungen mittels verbesserter pädagogischer Standards. In Rummelsberg und Gauting übernehmen zwei christliche freie Träger, die es aus einem kritischen Verständnis von Freiheit und ethischem Verantwortungsbewusstsein heraus für unverantwortlich und nicht vertretbar halten, zuzuschauen, wie junge Menschen sich ins totale soziale und persönliche ‚Aus‘ manövrieren, die Trägerschaft für zwei neue pädagogisch-therapeutische Einrichtungen mit individuell-geschlossenen Gruppen. Durch ihre flexiblen Sicherheitsvorkehrungen, Einbeziehung der Außenwelt, hohe fachliche Qualifikation des Personals, möglichst freies pädagogisches Arbeiten in möglichst kleinen Gruppen und Einbettung in ein System unterschiedlicher Anschlusshilfen mit offenen Konzepten – unterscheiden sie sich deutlich von der traditionellen Fürsorgeerziehung.

Ende der 80er Jahre schließt sich die DDR an das Bundesgebiet an. Vom 2. Weltkrieg bis zum Ende der 80er Jahre entwickelten sich im Osten und Westen Deutschlands unterschiedliche Formen der Jugendhilfe (Seidenstücker/Münder 1990). Alle Heime in der DDR weisen Strukturen der Geschlossenheit auf. Als Höchstmaß der Geschlossenheit gelten dabei die Werkhöfe, die mit Ausnahme des Jugendwerkhofes Torgau nicht als geschlossen gelten. In Werkhöfen – fernab von Städten gelegen – können Jugendliche gegen ihren Willen zur „Umerziehung“ eingewiesen werden. Die Werkhöfe sind dabei permanent geschlossen. Das bedeutet, dass die Freiheitsentziehung während des gesamten Aufenthaltes besteht (Bauer/Bösenberg 1979). Der Aufenthalt im Werkhof dauert 2 Jahre. Diese Zeit ist starr vorgegeben. Möglichkeiten der Verkürzung oder der Verlegung gibt es nicht. Das entspricht nicht dem Ziel einer Umerziehung.

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Am 1.1.1991 tritt nach 20-jähriger Diskussion – wohl auch beschleunigt durch die inzwischen erfolgte Vereinigung der beiden deutschen Staaten und der damit verbundenen Neuordnung der Jugendhilfe in den neuen Bundesländern – das präventiv orientierte Kinder- und Jugendhilfegesetz in Kraft. Damit werden das eingriffsorientierte Jugendwohlfahrtsgesetz und somit auch die Freiwillige Erziehungshilfe und die Fürsorgeerziehung abgeschafft.

Der Verband katholischer Einrichtungen der Heim- und Heilpädagogik e.V. verabschiedet im März 1995 zusammen mit drei andern ‚Heimverbänden‘ (EREV; IGfH; AFET) eine Stellungnahme zur sogenannten geschlossenen Unterbringung in der Jugendhilfe, die für die Zukunft geschlossene Unterbringung in der Jugendhilfe grundsätzlich ablehnt und öffentliche wie freie Träger der Jugendhilfe auffordert, „Einrichtungen mit Formen geschlossener Unterbringung alsbald im Sinne einer Öffnung umzustrukturieren“ (Jugendwohl 1998, 79. Jahr, Heft 10).

Die Zahl der geschlossenen Plätze vermindert sich weiterhin kontinuierlich, immer mehr Bundesländer verzichten gänzlich auf geschlossene Unterbringung, so dass 1996 nur noch in fünf Bundesländern mit insgesamt 122 Plätzen geschlossen untergebracht wird. Anfang der 90er Jahre sind es noch ca. 400 Plätze (Schmitt 1996; 28). Eine Eskalation der Geschlossenheit hat nicht stattgefunden. Die offenen Hilfen sind in den letzten zwei Jahrzehnten massiv ausgebaut worden. Der Markt alternativer Hilfen für „besonders Schwierige“ blüht: Einzelbetreuungen, Segeltörns, erlebnispädagogische Projekte in der Sahara oder in Kanada. Doch die Kinder- und Jugendhilfe kann von sich nicht behaupten, eine Antwort auf die sogenannten ‚schwierigen Kinder und Jugendlichen‘ gefunden zu haben, die nun nicht mehr von Heim zu Heim, sondern nicht selten von „Maßnahme zu Maßnahme hin- und hergeschoben werden, bis es nicht mehr geht“ (Flosdorf 2000; 10). Oft verbirgt sich hinter all diesen Bemühungen ein „administratives Management, damit das Problem erst mal vom Tisch ist“ (Flosdorf 2000; 9). So stellt Fegert 1998 fest, dass die Abbruchquote von Jugendlichen, die vorher Patienten der Jugendpsychiatrie waren, in der Erlebnispädagogik überproportional hoch ist, ca. die Hälfte. Dabei ist erstaunlich, dass zu den häufigsten Anlässen für erlebnispädagogische Maßnahmen im Ausland bei Mädchen selbstverletzendes Verhalten und wiederholte Suizidversuche gehören.

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Der 11. Kinder- und Jugendbericht aus dem Jahr 2002 bringt eine neue Dynamik in die Auseinandersetzung über Pro und Kontra geschlossener Unterbringung und Freiheitsentzug in der Jugendhilfe. Der Bericht spricht sich zwar entschieden gegen Freiheitsentzug als Antwort auf strafbare Handlungen von Kindern und Jugendlichen aus, gleichwohl schließt die Berichtskommission jedoch die Anwendung freiheitsentziehender Maßnahmen nicht völlig aus. Der Grund hierfür ist, dass nach ihrer Ansicht „in wenigen, sehr seltenen Konstellationen die zeitweilige pädagogische Betreuung in einer geschlossenen Gruppe eine dem jeweiligen Fall angemessene Form der Intervention sein kann“ (240).

Zusammenfassung:

Zwangsarbeit bleibt bis Mitte des 20. Jahrhunderts das konstituierende Merkmal von Fürsorgeeinrichtungen und Heimen mit dem Nebeneffekt, den Heimbetrieb kostengünstig aufrechtzuerhalten. (Zwangs-)Arbeit ist neben wirtschaftlichen Faktoren das bestimmende Element der Bestrafung und Disziplinierung von Armen innerhalb dieser Institutionen. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts werden die religiösen Motive weniger wichtig und die wirtschaftlichen Motive nehmen an Bedeutung zu. Im 19. Jahrhundert wird die Fürsorge „medizinisiert“ (Castel 1983; 63 ff): Dissozialität wird als Symptom einer dahinterliegenden Krankheit gesehen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts macht der Staat die Erziehung verwahrloster Jugendlicher durch Gesetze zu seiner öffentlichen Aufgabe (Flosdorf 1988; 24).

In der Gesamtschau lässt sich sagen, dass die Fürsorge/Heimerziehung immer dann von einem Reformschub erfasst wird, wenn gesellschaftliche Probleme überhand nehmen und die bereits bestehenden Lösungen für nicht ausreichend erachtet werden (Pankofer 1997; 51 f). Ökonomische und kulturelle Faktoren (z.B. Industrialisierung und Technologisierung) sind wichtige Einflussfaktoren hinsichtlich der Entstehung von Institutionen. Neben Motiven der Versorgung, Rettung und Heilung besteht auch das Bedürfnis, die Gesellschaft zu schützen. Die sogenannten „bösen Anteile“ von Zwang, Ausgrenzung und Einschließung können dabei nicht nur an Außengegnern (z.B. Justiz oder Psychiatrie) festgemacht werden, sondern sind auch innerhalb des Jugendhilfesystems mitproduziert und werden dabei nach Kräften abgespalten (Wolfersdorf 1995; 50). Der Konflikt zwischen den beiden Werten `Freiheitsrechte der Kinder und Jugendlichen´ und `Fürsorgepflicht der Gesellschaft für schwerst dissoziale junge Menschen´ lässt sich „grundsätzlich nicht auflösen, weder bei einem vollständigen Verzicht auf eine verbindliche Unterbringung noch bei der Anerkennung ihrer Notwendigkeit“ (Bericht der Enquete-Kommission 2000; 19).

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Im nächsten Kapitel sollen die juristischen Grundlagen der geschlossenen Heimunterbringung aufgezeigt werden sowie kritische Einwände an dieser Unterbringungsform aus rechtlicher Sicht benannt werden.


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30.03.2006