6 Darstellung und Interpretationen der Ergebnisse

6.1 Klientelbeschreibung

↓104

Die vorliegende Studie umfasst Daten, die für den Zeitraum vom 01. Januar 1991 bis zum 31. Dezember 2000 erhoben wurden. Es wurden Angaben von insgesamt 260 Kindern und Jugendlichen, die innerhalb dieser 10 Jahre stationär in vier Gruppen6 des Mädchenheims Gauting aufgenommen wurden, ausgewertet.

↓105

Der lange Zeitraum sowie die sehr große Stichprobe (n = 260) lassen dabei auf repräsentative Ergebnisse für das Mädchenheim Gauting schließen.

6.1.1 Soziographische Merkmale

6.1.1.1 Anzahl der Aufnahmen im Erhebungszeitraum

Tab. 15 Anzahl der Aufnahmen im Erhebungszeitraum

Im Durchschnitt flossen aus jedem Jahr die Daten von 26 Jugendlichen (M = 26) in die hiesige Studie ein. Dabei zeigt die Anzahl pro Jahr aufgenommener Mädchen insgesamt eine steigende Tendenz. Dies kann dahingehend interpretiert werden, dass die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in den 90-Jahren fast stetig abgenommen hat. Gerade im Hinblick auf den Kostenaspekt stationärer erzieherischer Hilfen ist dieser Rückgang sicherlich bedeutsam. Er spiegelt eine allgemeine Entwicklung in der stationären Erziehungshilfe wider, die allerdings auch vor dem Hintergrund der Finanzknappheit der Kommunen betrachtet werden sollte.

↓106

Für die Verkürzung der durchschnittlichen Hilfedauer könnten aber auch strukturelle Veränderungen im Mädchenheim Gauting verantwortlich sein (Qualifizierung des Personals, Schaffung neuer Angebote wie Intensivtherapeutisch-offene Gruppen, Qualifizierung des Hilfeplangespräches etc.). Allerdings ist die Erhebung von Aspekten der Strukturqualität kein Ziel der vorliegenden Untersuchung.

6.1.1.2 Aufnahmealter, Verweildauer und Entlassalter

Die Mädchen der hiesigen Untersuchungsstudie (n = 260) sind im Durchschnitt bei ihrer Aufnahme 14,8 Jahre alt. Dabei war die Jüngste bei ihrer Aufnahme 12,10, die älteste 17,24 Jahre alt.

Zur besseren Übersicht sind die Jugendlichen in Abbildung 16 in Altersgruppen zusammengefasst. Dabei wurden Gruppen nach dem jeweiligen Lebensalter gebildet.

↓107

Tab. 16 Aufnahmealter der Untersuchungsprobandinnen

4 % der aufgenommenen Jugendlichen waren 12 Jahre
14 % → 13 Jahre
36 % → 14 Jahre
31 % → 15 Jahre
14 % → 16 Jahre
1 % (aufgerundet) 17 Jahre

Die Altersverteilung bildet die Struktur des Mädchenheims Gauting als eine intensivtherapeutische Einrichtung mit heiminterner Schule zur Erziehungshilfe ab – die Aufnahme ist auf Jugendliche mit Schülerstatus ab Klasse 6 beschränkt. An Hand der Altersdaten wird deutlich, dass auffällige Mädchen im Schulalter – im Ggs. zu Jungen - oft erst relativ spät eine stationäre Hilfe individuell geschlossener Art erhalten, obwohl meist bereits eine frühe Chronifizierung vorhanden ist. Nicht zutreffend wäre eine Hypothese, die besagt, dass die vom Jugendamt im Mädchenheim Gauting angefragte Klientel mit schwer dissozialer Symptomatik – was ihr Lebensalter betrifft – immer jünger werde. Faktisch liegt die Zunahme jüngerer Mädchen in der hiesigen Einrichtung am entsprechenden Auswahlverfahren: Insgesamt scheint gemäß subjektiver Einschätzung die Erfolgsquote bei 12 bis 15-jährigen höher zu sein als bei 16- bis 17-jährigen.

Verweildauer

Die individuell geschlossenen Gruppen 1 bis 4 hatten im Berichtszeitraum 76501 Belegtage registriert (Datensatz = 226 Mädchen). Daraus errechnet sich eine durchschnittliche Aufenthaltsdauer jeder Jugendlichen von 322,65 Tage, was ein knappes Jahr (in der Regel: Schuljahr) bedeutet. Der niedrigste Wert betrug dabei 15 Tage, der höchste Wert 785 Tage.

↓108

Zur besseren Übersicht ist in Tabelle 17 die durchschnittliche Verweildauer der Jugendlichen in der geschlossenen Unterbringung in Halbjahresintervallen dargestellt.

Tab. 17 Durchschnittliche Verweildauer in geschlossener Unterbringung nach Halbjahresintervallen (n = 226)

29 % der Jugendlichen verweilten maximal ein halbes Jahr, 37 % maximal ein Jahr, 21 % höchstens 18 Monate, 9 % maximal zwei Jahre, schließlich 4 % mehr als zwei Jahre auf einer der individuell-geschlossenen Gruppen.

Entlassalter

↓109

Im Berichtszeitraum 1991 bis 2001 betrug das durchschnittliche Entlassalter 15,82 Jahre. Der unterste Wert lag dabei bei 13,13 Jahren, der oberste bei 18,0 Jahren.

6.1.1.3 Nationalität und Konfession

232 der 260 Untersuchten sind deutscher Nationalität. Von den 28 Ausländerinnen waren 24 EU-Bürgerinnen, drei hatten eine außereuropäische Nationalität und eine war staatenlos. Damit entspricht der Ausländerinnenanteil im Mädchenheim Gauting mit 10,4 % genau dem Durchschnitt in offenen Heimeinrichtungen, beispielsweise in Baden 1998 von ca. 10,5 % 7.

Der Wert von 23,6 % nicht-deutschen Kindern/Jugendlichen in der Untersuchungspopulation des BMFSF 8 (1998; 118) übersteigt deutlich die beiden vorweg genannten Vergleichsangaben. Diese hohe Abweichung (keine signifikanten Geschlechtsunterschiede) wird auf den hohen Ausländeranteil in den untersuchten Hilfen der beteiligten Großstadtjugendämter zurückgeführt.

↓110

Tab. 18 Nationalität der in der geschlossenen Unterbringung aufgenommenen Mädchen

Die meisten Jugendlichen waren bei Heimaufnahme römisch-katholisch (48 %), was darauf zurückgeführt werden kann, dass der überwiegende Anteil der Klientel aus Bayern kommt. 25 % waren evangelisch und 3 % moslemisch. Ein relativ hoher Mädchenanteil war konfessionslos (18 %): Die meisten von ihnen kamen aus den neuen Bundesländern.

Tab. 19 Konfession

6.1.1.4 Ort vor der geschlossenen Heimunterbringung und Wohnort

↓111

Unmittelbar vor Aufnahmen in hiesiger Einrichtung „wohnten“ 13 % der Jugendlichen zu Hause bei ihren Eltern, 3,5 % beim alleinerziehenden Vater, 16 % bei der alleinerziehenden Mutter, 1,3 % bei den Großeltern, 2 % bei ihren Adoptiveltern, 2 % bei ihren Pflegeeltern. 18 % kamen direkt aus der Psychiatrie ins Mädchenheim Gauting. 6 % wechselten aus den hiesigen therapeutisch offenen Gruppen in den individuell geschlossenen Bereich: Nach Aktenstudium nimmt das Mädchenheim Gauting im Zweifelsfall eine Jugendliche eher in eine seiner offenen Gruppen auf; eine Entscheidung, die gelegentlich zu einem späteren Zeitpunkt in Richtung geschlossener Unterbringung korrigiert werden muss.

8 % kamen aus einer anderen Jugendhilfeeinrichtung, 5 % kamen direkt von einer Jugendschutzstelle. 17 % waren im Vorfeld auf Trebegang. Eine Jugendliche wechselte aus der Haft in das hiesige Setting. Bei 7 % der Klientinnen konnte der Ort vor der Aufnahme nicht ausfindig gemacht werden.

Tab. 20 Ort vor der geschlossenen Unterbringung (n = 220)

↓112

Insgesamt ca. 38 % der untersuchten Personen lebten kurz vor ihrer Aufnahme in das geschlossene Heim in einem familiären Umfeld (leibliche Eltern, alleinerziehende Eltern, Großeltern sowie Pflege- und Adoptivfamilien). 38 % der Probandinnen kamen aus Institutionen wie offenes Heim, Jugendschutzstelle, Psychiatrie, Haft. Weitere 17 % waren unmittelbar zuvor auf Trebegang.

Im Vergleich dazu nennt das offen geführte Christopherus-Jugendwerk (Landeswohlfahrtsverband Baden, 2000; 27) folgende Zahlen: 66 % in einem familiären Umfeld, 27 % aus anderen Heimen, 7 % in Settings wie Klinik, Internat, etc.

Kennzeichnend für das (örtliche) Vorfeld `geschlossene Unterbringung´ sind somit ein vergleichsweise geringes familiäres Umfeld, eine hohe Frequenz an Psychiatrieaufenthalten sowie Trebegang.

Wohnort

↓113

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Mehrzahl der untersuchten Klientel aus Groß- bzw. Kleinstädten kommt (s. Abb. 21). 37 % der betroffenen Mädchen lebten in einer Großstadt, 38 % in einer Kleinstadt. Nur 12 % kamen aus dem ländlichen Bereich. 13 % der Jugendlichen wuchsen teils auf dem Land, teils in einer Stadt auf. Die Ergebnisse überraschen nicht sonderlich: Subjektiv hätte der Verfasser dieser Studie allerdings die Prozentzahl der Jugendlichen, die in Großstädten aufgewachsen sind, etwas höher eingeschätzt.

Tab. 21 Wohnort der geschlossen aufgenommenen Jugendlichen

6.1.1.5 Bundesland

Das Mädchenheim Gauting nimmt Mädchen aus der gesamten Bundesrepublik auf. Anfragen kommen auch von Jugendämtern aus Bundesländern, die selber keine geschlossenen Heime vorhalten. Oftmals ist es dabei für die betroffenen Jugendämter wichtig, dass die angefragte Jugendliche – räumlich gesehen – weit weg von ihrem (Drogen-, Prostitutions-) Milieu untergebracht wird. Immer wieder werden auch Anfragen aus Bundesländern gestellt, die geschlossene Heimunterbringung explizit ablehnen. Als ein „eleganter“ Weg zur Unterbringung in das Mädchenheim Gauting erweist sich dabei der Umweg über die geschlossene Jugendpsychiatrie: Weil schließlich letztere um Aufnahme des betreffenden Mädchens bittet, kann die Jugendhilfe entsprechender Länder von sich behaupten, dass sie selbst nicht auf geschlossene Heimunterbringung zurückgreifen musste.

↓114

In der vorliegenden Studie betreffend den 10-Jahreszeitraum von 1991 bis 2001 kamen die meisten Mädchen aus Bayern: 61 %. Die restlichen 39 % betreffen die anderen Bundesländer. Der relativ hohe Prozentsatz der aus Bayern stammenden Mädchen erklärt sich dadurch, dass das Mädchenheim Gauting bevorzugt bayerische Anfragen bearbeitet.

Tab. 22 Herkunft nach Bundesland

Junge Menschen aus außerbayerischen Bundesländern waren im 10-Jahreszeitraum wie folgt vertreten:

↓115

Exkurs:Länderanfragen im Jahr 2000

Im Kalenderjahr 2000 hatte das Mädchenheim Gauting insgesamt 185 bundesweite Anfragen für den geschlossenen Bereich. Vage bzw. unverbindliche Voranfragen von Seiten der Jugendämter sind hier nicht berücksichtigt. Bei Erstanfragen wurde darum gebeten, schriftliches Material über das Mädchen zuzusenden in Form von Anamnesen, evtl. Psychiatriegutachten, Heimberichten und nach Möglichkeit eines aktuellen Hilfeplanes mit eindeutiger Indikation „geschlossene Heimunterbringung“.

↓116

Im Leitungsteam (Heimleiter, Schulleiterin und vier Psychologen) wurden die Anfragen diskutiert und überprüft, ob in Einzelfällen eine Aufnahme im Intensivtherapeutisch-offenen Bereich des Mädchenheims Gauting zu verantworten wäre. Des weiteren wurde je nach aktueller Gruppenzusammensetzung darauf geachtet, dass Jugendliche mit entsprechend „geeigneter“ Problemlage in die jeweilige Gruppe aufgenommen wurden.

Von den 185 angefragten Mädchen wurden im Kalenderjahr 2000 49 im individuell-geschlossenen Bereich der hiesigen Einrichtung (= sechs Gruppen) aufgenommen (Vollbelegung). Die angefragten Jugendlichen verteilen sich auf folgende Bundesländer:

Tab. 23 Aufnahmeanfragen 2000 nach Bundesländern

Anzahl der Anfragen

6.1.1.6 Wohnortwechsel

↓117

Häufig erfahrener/erlebter Wohnortwechsel scheint ein Charakteristikum geschlossen untergebrachter Mädchen zu sein. Als Hauptgründe gelten Scheidung der Eltern, Partnerwechsel, Kündigung wegen Mietrückstände etc.

Immerhin entgehen 20 % der Minderjährigen einem Wohnort-, Schul- und damit Freundes-kreiswechsel. 14 % erleben einen, 12 % zwei, 18 % drei, 13 % vier, 5 % fünf, weitere 5 % sechs und 12 % mehr als sechs Wohnortwechsel (davon mehr als 4 % zehn Umzüge und mehr).

Tab. 24 Wohnortwechsel vor Aufnahme (n = 226)

↓118

Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte der hiesigen jungen Menschen bereits drei oder mehr Wohnortwechsel – meist verbunden mit Schulwechsel – hinter sich hat. Erschwert wird dadurch der Aufbau eines konstanten Bezugssystems im schulischen Klassenverband sowie im Freundeskreis am Wohnort, was gerade in jungen Jahren stabilisierend für die eigene Persönlichkeit sein dürfte.

6.1.1.7 Heimaufenthalte vor Aufnahme

Vor Aufnahme im individuell-geschlossenen Bereich hat der Großteil der Jugendlichen eine Heimkarriere mit offenem Setting hinter sich. Von 211 überprüften Mädchen haben lediglich 22 keinerlei Heimerfahrung. 90 waren im Vorfeld in einem, 46 in zwei, 22 in drei, 16 in vier, schließlich 15 in fünf oder mehreren offen geführten Heimgruppen. Aus diesen Daten wird ersichtlich, dass Jugendämter nicht vorschnell in geschlossenen Einrichtungen anfragen, sondern häufig Einrichtungswechsel qualitativ gleicher Art (offenes Heimsetting) favorisieren. Betroffene Jugendliche werden dann nicht selten – mittlerweile völlig heim- und schulmüde – im Alter von (knapp) 17 Jahren im geschlossenen Setting angefragt. Als trauriges Beispiel darf ein Mädchen mit 13 verschiedenen mehr oder weniger langen Heimaufenthalten mit offenem Setting gelten, die schließlich im geschlossenen Bereich angefragt und aufgenommen wurde.

Nicht verifizierbar ist aus eben Gesagtem die Hypothese von Pankofer (1998; 126), dass geschlossene Unterbringung von Jugendämtern häufig im Sinne von „short sharp shocks“ eingesetzt würde. Pankofer meint, dass „endlose Ketten“ von Jugendhilfemaßnahmen, an deren Ende die geschlossene Unterbringung steht, seltener sind als sogenannte „short sharp shocks“ – Maßnahmen (mit keinen langen institutionellen Vorerfahrungen), die für die Jugendlichen selbst abschreckend wirken sollen, aber auch einen positiven Aspekt beinhalten, der darin liegt, ihnen die belastende Erfahrung, durch verschiedene Institutionen durchgereicht zu werden, zu ersparen.

↓119

Tab. 25 Heimaufenthalte vor Aufnahme (n = 211)

6.1.2 Familienkonstellation

Zur Familienstruktur zählen Daten zur Herkunftsfamilie, Anzahl der Geschwister, die Lebenssituation unmittelbar bei Aufnahme und die Personensorge (Klessinger 2000; 25).

6.1.2.1 Geburtsstatus

170 Heimbewohnerinnen waren ehelich geboren, 62 unehelich. Bei 28 weiteren war der Geburtsstatus nachträglich aus Aktenstudien nicht mehr zu eruieren. Der relativ hohe Prozentsatz ehelich geborener Klientinnen mag darauf zurückzuführen sein, dass die überwiegende Zahl der Betroffenen (61 %) aus dem eher als „konservativ“ geltenden Bayern stammen.

↓120

Tab. 26 Geburtsstatus der Jugendlichen (n = 232)

6.1.2.2 Geschwisteranzahl und -konstellation

In einem Heim zu leben, bedeutet für die Jugendlichen das Zusammenleben mit anderen und das Erleben von sozialer Anpassung an eine Gruppe. Interessant ist, welche Vorerfahrungen die Jugendlichen bei ihrer Aufnahme im Mädchenheim mitbringen. Berücksichtigt werden in dieser Studie nur (Stief- und Halb-)Geschwister, mit denen die hiesigen Mädchen tatsächlich einen mehr oder weniger großen Zeitraum ihres Lebens zusammengewohnt haben.

Von 243 untersuchten Jugendlichen sind 37 Einzelkinder. 71 haben ein, 72 zwei Geschwister. Drei Geschwister haben immerhin noch 26, vier Geschwister 9, fünf Geschwister 10 und schließlich mehr als fünf Geschwister 8 Jugendliche.

↓121

Tab. 27 Anzahl der Geschwister (n = 243)

In der Vergleichsstudie des BMFS (1998; 123) bzgl. stationär untergebrachter Kinder und Jugendlichen waren mehr als doppelt so viele der Untersuchten ohne Geschwister (32 %), 17 % hatten vier oder mehr Geschwister.

Ungeachtet der 37 Einzelkinder sind 83 Mädchen mit Geschwistern Erstgeborene und 44 Letztgeborene („Nesthäkchen“).

↓122

Interpretation : Die überwiegende Mehrzahl der im Mädchenheim Gauting aufgenommenen Jugendlichen ist mit Geschwistern aufgewachsen. Verglichen mit den Zahlen aus einer Veröffentlichung des BMFSFJ (1998) über die Leistungen und Grenzen der Heimerziehung ist der Anteil an Kindern, die ohne Geschwister aufwachsen, deutlich geringer (15 % vs. 32 %), der Anteil an Kindern mit einem Geschwister in etwa gleich (29 % vs. 32,7 %) und der mit zwei oder mehr Geschwister deutlich höher (52 % vs. 35,3 %). Im Bundesdurchschnitt wachsen etwa 50,3 % der Kinder ohne Geschwister auf und in 11,8 % aller Familien/Le-bensgemeinschaften/Alleinerziehende leben drei und mehr Kinder (BMFSFJ 1997; 41). Im individuell-geschlossenen Bereich des Mädchenheims Gauting kommen die Jugendlichen aus kinderreichen Familien. Kinderreichtum scheint heutzutage in Deutschland nicht nur ein Armutsrisiko, sondern auch ein erhöhtes Risiko für Heimunterbringung zu sein.

6.1.2.3 Personensorge

Mit 78 % lag die Personensorge bei den Befragten entweder bei den Eltern oder zumindest bei einem Elternteil. Bei 19 % lag das Sorgerecht bei einem Amt, in den meisten Fällen bei einem Jugendamtsmitarbeiter.

Das bedeutet, dass der Großteil der geschlossen untergebrachten Kinder und Jugendlichen ein Elternhaus mit zumindest einem leiblichen Elternteil im Hintergrund hat und dass Jugendämter selbst bei hoher Dissozialität beim Jugendlichen sehr vorsichtig (zum Teil zu vorsichtig?) mit Sorgerechtsentzug (insbesondere seit 1991 mit dem Inkrafttreten des neuen Kinder- und Jugendhilfegesetztes) umgehen.

↓123

Tab. 28 Verteilung der Personensorge zum Zeitpunkt der Aufnahme (n = 248)

6.1.2.4 ozioökonomischer Status der Eltern

Beruflicher Status/Erwerbstätigkeit

Bzgl. der Erwerbstätigkeit der Eltern liegen auswertbare Daten von insgesamt 203 Müttern und 154 Vätern vor, d.h. es fehlen Daten von 12 % der Mütter und ca. 40 % der Väter. Daraus lässt sich schließen, dass die betreffenden Jugendämter in diesem Punkt in ihrer Datenweitergabe mangelhaft recherchierten bzw. dass wegen häufig wechselnder Berufstätigkeit – insbesondere des Vaters – bisweilen keine genauen Angaben möglich waren. Zunächst zum beruflichen Status der Mutter:

↓124

Tab. 29 Beruflicher Status/Erwerbstätigkeit der Mütter (n = 203)

Erstaunlich ist der relativ hohe Prozentsatz der Angestellten/Beamtinnen im Vergleich zu den Arbeiterinnen. Möglicherweise verhindert ein berufliches Karrieredenken der Angestellten entsprechende Zeitreserven für eine adäquate Kindererziehung. Im Gegensatz dazu ist anzunehmen, dass für die Berufstätigkeit der Arbeiterinnen allein finanzielle Motive ausschlaggebend sind. Angestellte mit einem in der Regel höheren Bildungsgrad kennen auch eher ihre Rechte, Kinder in entsprechender Notlage in der Jugendhilfe unterzubringen – und setzen diese Rechte auch vehementer durch.

Tab. 30 Beruflicher Status/Erwerbstätigkeit der Väter (n = 154)

↓125

Bei den Vätern ergibt sich folgender Berufsstatus bei der Aufnahme ihres Kindes im Mädchenheim Gauting: Mit 34 % liegt wie bei den Müttern ein gleich hoher Anteil an Angestellten/Beamten vor.

Im Vergleich dazu die BMFSF-Untersuchungspopulation (S. 125): 71,4 % Arbeiter bzw. 58,3 % Arbeiterinnen; 18 % männliche und 34 % weibliche Angestellte.

Interpretation: Da der Prozentsatz der Angestellten/Beamten in hiesiger Studie höher als der der Arbeiter ist, kann kein Zusammenhang zwischen niedrigem beruflichen Status der Eltern und geschlossener Unterbringung hergestellt werden. Der Faktor "Erwerbslosigkeit" ist jedoch im Vergleich zur Arbeitslosenstatistik in Gesamtdeutschland deutlich erhöht.

Lebensunterhalt der Eltern

↓126

Zum Lebensunterhalt liegen auswertbare Daten von insgesamt 197 Müttern und 157 Vätern vor.

Tab. 31 Lebensunterhalt der Mütter (n = 197)

54 % der Mütter verfügen über ein geregeltes Einkommen aus ihrer Erwerbstätigkeit. Nur 1 % erzielt Arbeitslosengeld/-hilfe. Immerhin 17 % der Mütter müssen von Sozialhilfe leben.

↓127

Bei den Vätern ergibt sich folgendes Bild: Ein regelmäßiges Einkommen haben 72 %, 10 % leben von Sozialhilfe.

Tab. 32 Lebensunterhalt der Väter (n = 157)

Zusammengefasst zeigt sich bei der Betrachtung des Lebensunterhaltes ein ähnliches Bild wie bei der Erwerbstätigkeit/beruflicher Status: Die Eltern der Jugendlichen im Mädchenheim Gauting sind keine typische "Unterschicht" 9. Die sog. "Mittelschicht" ist in etwa genau so vertreten. Immer wieder kommt es im individuell-geschlossenen Bereich des Mädchenheims Gauting auch zu einer Aufnahme von "Oberschicht"-Klientel, häufig - populär gesprochen - mit der Diagnose "Wohlstandsverwahrlosung". Allerdings kann es sich diese Schicht finanziell eher leisten, ihre Kinder in entsprechend "verschwiegene" Privatinternate z.B. in der Schweiz unterzubringen.

↓128

Die Quintessenz dieser Untersuchung: Es gibt keine Zusammenhänge zwischen Schichtzugehörigkeit und spezifischen Störungsbildern allgemein, d.h. konkret auch keinen Zusammenhang zwischen Schichtzugehörigkeit und Dissozialität in Verbindung mit geschlossener Heimunterbringung.

Zwar kommen jugendliche Intensivtäter fast durchgängig aus sozial bedrängenden und sehr belastenden Verhältnissen. Typisch für den sozialen Kontext, dem sie entstammen, ist ihr Verhalten dennoch nicht (Ahrbeck 2000; 10).

6.1.2.5 Familienform vor Aufnahme

Unter dieser Überschrift soll erfasst werden, aus welcher Familienform die Jugendlichen direkt vor der Aufnahme in das Mädchenheim Gauting kommen. Bezüglich dieser Fragestellung wurden aus arbeitstechnischen Gründen von den vorhandenen 260 Probandinnen nach dem Zufallsprinzip 100 ausgewählt.

↓129

Tab. 33 Familienform bei Aufnahme (n = 100)

Der überwiegende Teil (71 %) der Jugendlichen kommt aus einer familiären Konstellation mit zwei Bezugspersonen. Im Einzelnen stammen 14 % aus vollständigen, leiblichen Familien, 49 % aus Stief- bzw. "Patchworkfamilien" (Mütter oder Väter mit Partnern bzw. Partnerinnen). 29 % der Mädchen leben bei alleinerziehenden Müttern oder Vätern.

8 % stammen aus Adoptiv- und Pflegefamilien. Auch wenn Pflege- bzw. Adoptivkinder ihre leiblichen Eltern nie kennengelernt haben oder seit mehr als zehn Jahren nicht gesehen haben, so erraten sie doch aus Kleinigkeiten, wie diese gelebt haben und was diese dazu gebracht hat, sie (zur Adoption) freizugeben. Dieser den Kindern häufig unbewusste Ideenkern, beginnt zumeist zu Beginn der Pubertät mit elf/zwölf Jahren virulent zu werden, häufig nach zehn Jahren eines guten Zusammenlebens, in der durchaus als „eigen“ und „gut“ erlebten (Pflege- oder Adoptiv-)Familie und prägt dann das Verhalten des Kindes mehr und mehr; in gut situierten, bürgerlichen Adoptionsfamilien, die einen „guten Ruf“ zu verlieren haben, agieren diese Kinder besonders heftig: Es scheint ihnen darum zu gehen, die „eigene leibseelische (Familien)Identität aus der fürsorglichen Belagerung und manchmal Umklammerung der fremden Familie freizusprengen“ (Schwabe 2002; 40). Die Ersatzfamilien sind mit solchen Phänomenen pädagogisch völlig überfordert, die betreffenden Jugendlichen z.T. nur mehr mit einer befristeten verbindlichen Heimunterbringung beziehungsmäßig und pädagogisch erreichbar.

↓130

Im Vergleich dazu leben in der Untersuchungspopulation des BMFSF (1998; 121) 37 % der Kinder/Jugendlichen vor der ersten Heimaufnahme bei ihrer vollständigen Ursprungsfamilie, 14,5 % der jungen Menschen stammen aus neu zusammengesetzten Familien und 40,6 % leben bei der alleinerziehenden Mutter.

Auf die Anzahl von Trennungen und Scheidungen wird im Zusammenhang mit psychosozialen Belastungen in der Familie (s. Kap. 6.2.1) eingegangen.

6.2 Außergewöhnliche Belastungen und Indikationsfaktoren zur geschlossenen Heimunterbringung

Für den allgemeinen Entwicklungsprozess mitbestimmend sind das Auftreten bestimmter Risikofaktoren, aber auch die Existenz und der Erwerb von protektiven oder Schutzfaktoren (Würzburger Jugendhilfe - Evaluationsstudie 2000; 40 f). Einige Entwicklungsmodelle gehen davon aus, dass eine Störung mit erhöhter Wahrscheinlichkeit dann auftritt, wenn bestimmte Risiken in sogenannten „sensiblen Perioden“ auftreten, wenn diese sich im Entwicklungsverlauf summieren und wenn keine zusätzlich erworbenen Schutzfaktoren mildernd auf den aktuellen Bewältigungsprozess einwirken (Nash/Hay 1993; Rutter 1989; Antonovsky 1997; Raithel 2002). Unter Belastungen und Krisen werden alle Stressoren verstanden, die Jugendliche verunsichern, bedrohen und auch überfordern. Dies können Ereignisse wie plötzlich auftretende Verluste, Trennungserlebnisse, Freundschaftsabbrüche und enttäuschende Liebeserlebnisse, aber auch chronische Anspannungen, Krankheiten oder länger andauernde Rollenkonflikte sein (Mansel/Hurrelmann 1994; Raithel 2002). Belastungen müssen nicht objektiv gegeben sein, sie werden jedoch von den jungen Menschen als solche empfunden und können im Extremfall unverhofft und unbemerkt von anderen Personen suizidale Handlungen auslösen.

↓131

Resiliente Jugendliche sind durch eine bestimmte Einstellung bzw. kognitive Überzeugung gekennzeichnet, die mit dem Begriff „Kohärenzgefühl“ bezeichnet werden kann und sich in die Komponenten der „Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit“ (Antonovsky 1997; 34) aufteilt.

So gehen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen oft einher mit zusätzlichen Belastungen in den Familien, und die Störungen selber haben wiederum Auswirkungen auf z.B. die schulische Entwicklung und den familiären Alltag (Kusch/Petermann 1994). Andererseits sind familiäre psychosoziale Belastungen Risikofaktoren für verschiedenste klinische Störungen, besonders im sozial-emotionalen Bereich.

In der vorliegenden Untersuchung sind unter außergewöhnlichen Belastungen emotionale Belastungen wie häufige Auseinandersetzungen oder Trennung der Eltern und Misshandlung oder Vernachlässigung der Kinder sowie materielle Schwierigkeiten wie Überschuldung, Arbeitslosigkeit der Eltern und beengte Wohnverhältnisse zusammengefasst.

↓132

Von den 1991 bis zum Jahr 2001 untersuchten 260 Probandinnen wurden aus arbeitsökonomischen Gründen nach dem Zufallsprinzip 100 ausgewählt und hinsichtlich ihrer Akten auf chronische Belastungen hin untersucht.

6.2.1 Chronische und aktuelle Belastungen

Insgesamt werden 16 in den Akten am häufigsten genannte psychosoziale Belastungsfaktoren erfasst: chron i sche, die länger als sechs Monate wirkten und aktuelle psychosoziale Belastungen mit nachhaltigen Auswirkungen. In Tabelle 34 sind diese Faktoren in absteigenden Häufigkeiten dargestellt.

Tab. 34 Anzahl und Häufigkeit chronischer und aktueller Belastungsfaktoren zum Zeitpunkt der
Heimaufnahme

Belastungsfaktoren

Anzahl = Häufigkeit N =%

Scheidung der Eltern

63

Partnerschaftskonflikte

53

Körperlicher Missbrauch

51

Sexueller Missbrauch/Vergewaltigung

43

Alkoholabhängigkeit eines/beider Elternteile

40

Probleme bei der Geburt

23

Lernbehinderung der Mädchen

21

Eltern psychisch krank

21

Beengte Wohnverhältnisse/Armut

15

Erleben des Sterbens/Tod eines Elternteils

15

Unerwünschtes Kind

10

Minderjährigkeit der Mutter

10

Inhaftierung eines Elternteils

10

Körperliche Krankheit eines Elternteils

8

Irrtümliche Vatergewissheit

7

Drogenabhängigkeit eines/beider Eltern(teile)

3

↓133

Bei oben erfassten Belastungsfaktoren handelt es sich um gesicherte Daten/Informationen von Seiten der Jugendämter bzw. aus Aktenmaterial. Lediglich Verdachtsmomente diesbezüglich wurden nicht in der Tabelle aufgenommen. Da bzgl. nicht weniger Akten in einigen Punkten nur ungenaue Recherchen vorliegen, diese aber nicht berücksichtigt wurden, dürften die einzelnen Belastungsfaktoren z.T. in Wirklichkeit deutlich höher liegen.

Sicher ist, dass bei etwa zwei Drittel unserer Jugendlichen eine durch Scheidung belastete Beziehung der Eltern vorliegt. Die Trennung der Eltern muss nicht per se ein Belastungsfaktor mit längerfristigen Folgen sein, sondern kann nur als Belastung gewertet werden, wenn die „Konsolidierungsphase“ noch nicht beendet ist. Zusätzlich ist das Alter des Kindes bei der Trennung von Bedeutung. Das heißt: Trennung ist nicht unbedingt identisch mit Belastung, Konflikthaftigkeit der Elternbeziehung (53 % in der vorliegenden Studie) hingegen doch.

Als dritthäufigste länger dauernde Belastung gelten hier mit 51 % die schwere körperliche Misshandlung. Im Vergleich dazu findet sich für die stationären Erziehungshilfen insgesamt (BMFSF; 1998; 24) ein Prozentsatz von ca. 40 % von Gewalterfahrungen innerhalb der Familie.

↓134

Als vierthäufigster Belastungsfaktor gilt in der geschlossenen Heimunterbringung der sexuelle Missbrauch bzw. eine erfahrene Vergewaltigung (43 %). In der Untersuchung vom BMFSF (1998; 27) wird von 15,8 % der Fälle berichtet im Zusammenhang mit sexueller Gewalterfahrung. Ca. jedes vierte Mädchen und jeder 15. Junge wird dort in den untersuchten Akten als (vermutetes) Opfer sexueller Gewalthandlungen benannt. Dabei fällt auf, dass erzieherische Hilfen von den Jugendlichen selbst initiiert werden (33 %). Aufenthalte in der Kinder-/Jugend-psychiatrie kommen bei Mädchen mit sexuellen Gewalterfahrungen überdurchschnittlich häufig vor (17,8 % im Mädchenheim Gauting; BMFSF-Gesamtstichprobe: 9,2 %).

Junge Menschen mit vermuteten oder bekannten sexuellen Gewalterfahrungen können deutlich weniger als die Gesamtpopulation von (den stationären) Hilfeangeboten profitieren. In den Fällen, in denen es den Fachkräften nicht gelingt, das Thema offen anzugehen und als solches zu benennen, es also bei bloßen Vermutungen bleibt, verlaufen nur 22,2 % der Hilfen positiv (Gesamtstichprobe: 57,2 % positiver Verlauf).

Im Mädchenheim Gauting wurden in den Jahren 2000 und 2001 pädagogische Mitarbeiterinnen bzgl. 22 sexuell missbrauchter Mädchen befragt, ob eine pädagogische Aufarbeitung des Missbrauchs im Laufe der Maßnahme möglich gewesen sei (s. Tab. 69). Als Ergebnis konnte festgehalten werden, dass in 59 % der Fälle eine positive und in 41 % der Fälle keine Veränderung stattgefunden hat. In keinem einzigen Fall wurde eine negative Veränderung festgestellt. Im Vergleich zur oben genannten Gesamtstichprobe ein deutlich besseres Ergebnis. Als Gründe dafür mögen Fachlichkeit und hohe Personalintensität gelten. So bot beispielsweise im Jahr 2003 ein renommiertes Fortbildungsinstitut ein dreitägiges Seminar zum Thema „Umgang mit sexuellem Missbrauch“ in den Räumlichkeiten des Mädchenheims Gauting an, an welchem ein Drittel des gesamten pädagogischen Personals teilgenommen hat.

↓135

Mögliche Verdachtsmomente hinsichtlich sexuellem Missbrauch bzw. Fakten bzgl. einer versuchten Vergewaltigung sind in diesen Daten nicht berücksichtigt. 43 % scheint im ersten Moment eine überraschend hohe Prozentzahl zu sein. Zu berücksichtigen ist, dass sich in der Untersuchungsgruppe nur Mädchen befinden. Selbst bei diesem Ergebnis kann noch von einer gewissen Dunkelziffer ausgegangen werden, Fälle von Missbrauch, die – wenn überhaupt - erst in einem noch späteren Alter aufgedeckt werden.

Vier von zehn Eltern(teilen) sind manifest alkoholkrank (40 %). In der stationäre Jugendhilfe insgesamt liegt dieser Wert bei 35 % (BMFSF 1998; 24).

Immerhin knapp ein Viertel der Geburten (24 %) verlief problematisch: Zangengeburt, Sauerstoffprobleme sowie Frühgeburten waren dabei die häufigsten Faktoren. Auch hier dürfte die wirkliche Rate noch um einiges höher liegen. Ein häufiger Standardsatz in den Akten liest sich so: „Über Schwangerschaft und Geburt ist nichts bekannt“.

↓136

Ungewöhnlich hoch (21 %) ist die Rate psychischer/psychiatrischer Erkrankungen eines oder beider Eltern(teile): Berücksichtigt wurden nur Fälle, gemäß welchen mindestens ein stationärer psychiatrischer Klinikaufenthalt eines Elternteils notwendig war. Gewalt- und Drogendelikte waren dabei die häufigsten Indikationen.

Die Anzahl der Lernbehinderungen der geschlossen untergebrachten Klientel liegt bei mindestens 21 %. Grenzfälle sind in dieser Zahl nicht berücksichtigt. Rüth (1999) vermutet, dass „verwahrloste“ Jugendliche, die geschlossen untergebracht werden müssen, nicht selten grenzwertig begabt bzw. lernbehindert sind. Denn eine gute Intelligenz eröffnet den sozialverhaltensauffälligen Jugendlichen eher die Möglichkeit, sich auf Reaktionen der Umgebung einzustellen und durch Anpassung eine Zwangsmaßnahme gegen sich zu umgehen.

Weitere relevante Belastungsfaktoren (mindestens 17 %) sind beengte Wohnverhältnisse, Armut und Verschuldung.

↓137

Immerhin 14 % der Kinder und Jugendlichen haben das Sterben/den Tod eines Elternteils/Sorgeberechtigten in z.T. traumatisierender Weise über unterschiedlich lange Zeiträume mitverfolgen müssen.

Jedes zehnte Kind (10 %) war von Seiten der Eltern nicht nur ungeplant, sondern zugegebenermaßen unerwünscht, was das Kind mehr oder weniger sein ganzes bisheriges Leben zu „spüren“ bekam.

Die Minderjährigkeit der Mutter (10 %) kann im Sinne einer (permanenten) erzieherischen Überforderung als ein chronischer Belastungsfaktor gewertet werden.

↓138

Ebenfalls 10 % der Jugendlichen erlebten die Inhaftierung eines Elternteils, was möglicherweise zu Stigmatisierungen im sozialen Umfeld und daraus folgend zu Scham-/Minder-wertigkeitsgefühlen führte.

Körperlich ernsthaft erkrankt waren mindestens 8 % eines Elternteils (3 % davon waren Epileptiker).

Ein interessantes Ergebnis zeigt sich darin, dass 7 % der später geschlossen untergebrachten Jugendlichen in der Regel jahrelang irrtümlich davon ausgegangen sind, dass ihr „Vater“ auch tatsächlich ihr leiblicher Vater sei. Oft durch einen „dummen Zufall“ erfahren diese Kinder von dieser Täuschung, was in Verbindung mit der sensiblen Pubertätsphase und anderen aktuellen bzw. chronischen Belastungsfaktoren zur Folge hat, dass ihr gesamtes Lebenskonzept völlig durcheinander gerät, sie in die Dissozialität abgleiten und jegliche ambulante bzw. offen-stationäre Hilfsangebote von Seiten der Erwachsenen ablehnen.

↓139

Überraschenderweise sind nur 3 % der Eltern (bzw. ein Elternteil) von illegalen Drogen abhängig. Zusammen mit dem Faktor Alkoholabhängigkeit ergibt sich jedoch ein Prozentsatz von 43. Diese Rate ist verglichen z.B. mit den Daten aus der Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die für 35 % der Eltern von Kindern mit stationärer erzieherischer Hilfe eine Suchtproblematik feststellt, (BMFSF 1998, 208) nur etwas erhöht.

Bewertung:

Insgesamt entsteht bei einer Gesamtschau der Daten der Eindruck, dass die Gründe für eine Inanspruchnahme stationärer (geschlossener) Jugendhilfe in einer massiven psychosozialen Problematik in Verbindung mit schwierigen, belasteten und benachteiligten Familienverhältnissen und Familienbeziehungen zu suchen sind.

Summe chronischer und/oder aktueller psychosozialer Belastungen

Nach Auswertung der Akten wurden nur bei 2 % der Jugendlichen in ihrer familiären Umwelt bei Aufnahme in unserer Einrichtung kein chronischer bzw. aktueller psychosozialer Belastungsfaktor konstatiert. Möglicherweise sind in diesem Fall die vorliegenden Akten ungenau geführt worden.

↓140

In 7 % der Fälle liegt ein, in 14 % zwei und in 26 % drei Belastungsfaktoren vor. In leicht absteigender Form sind 16 % der Mädchen mit vier, 13 % mit fünf und 12 % mit sechs Belastungsfaktoren konfrontiert. Immerhin 10 % der untersuchten Probandinnen waren im Vorfeld mit sieben und mehr psychosozialen Belastungsfaktoren konfrontiert.

Im Durchschnitt hatten die geschlossen angefragten Mädchen (s. Tab. 35) drei bis fünf der eben genannten Belastungsfaktoren zu verarbeiten.

Tab. 35 Summe chronischer und aktueller psychosozialer Belastungsfaktoren (n = 100)

↓141

Diesbezüglich mögen vergleichbare Daten eines überregionalen Beratungs- und Behandlungszentrums in Würzburg interessant sein (WJE; 43):

Tab. 36 Summe chronischer und aktueller psychosozialer Belastungsfaktoren

Hier wurde nur etwas mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen (52 %) in ihrer familiären Umwelt bei Aufnahme ins Heim mit mindestens einem psychosozialen Belastungsfaktor konfrontiert. Es ist davon auszugehen, dass Jugendliche, für die später geschlossene Unterbringung in Frage kommt, in der Regel deutlich höhere familiäre Belastungsfaktoren erfahren.

↓142

In Ergänzung seien noch genannt, dass bei den 100 untersuchten Akten in vier Fällen die Mutter nachweislich der Prostitution nachgegangen ist.

Immerhin in acht Fällen hat ein Umzug aus Ostdeutschland (ehemalige DDR) nach Westdeutschland stattgefunden: Nicht nur der räumliche Wechsel, sondern damit verbunden eine ideologische Entwurzelung und Neuorientierung scheinen nicht ohne weiteres zu verkraften sein.

6.2.2 Indikationsfaktoren für die geschlossene Unterbringung

Die Frage der Indikation von Heimerziehung ist bis heute weder für die offene noch für die geschlossene Unterbringung eindeutig geklärt. Bei der verbindlichen Unterbringung stellt sich die Indikationsfrage in besonderer Schärfe, da hier zwei hohe Güter gegeneinander abzuwägen sind: Freiheitsentzug vs. pädagogische Notwendigkeit unter erschwerten Bedingungen.

↓143

Anhand der Aktenauswertung von 100 zufällig ausgewählten Mädchen (s.o.) ergaben sich zehn Indikatoren, die maßgeblich für eine geschlossene Heimunterbringung waren (s. Tab. 37):

Tab. 37 Indikationsfaktoren für geschlossene Unterbringung (n=100)

Trebegang bzw. häufiges/permanentes Entweichen ist in 99 % aller Fälle anzutreffen. Weglaufen kann im Rahmen von vier zentralen Bedeutungsdimensionen betrachtet werden (vgl. Elger et al. In: Trauernicht 1989; 67): Weglaufen als Spannungsreduktion als Signal als Ausdruck von Ausstoßungsprozessenund als Ausdruck einer Alternativorientierung. Während letztere Dimension im engeren Sinn nur in einem einzigen Fall nachzuweisen war (Loslösung von der Zeugen Jehovas-Religion), kann die Gültigkeit der anderen drei Dimensionen für alle anderen untersuchten Fälle bestätigt werden.

↓144

Zweithäufigstes Kriterium sind mit 95 % massive Schulschwierigkeiten: (un)regelmäßiges Schule schwänzen (über den Zeitraum eines kompletten Schuljahres ist dabei nicht ungewöhnlich), massive soziale Schwierigkeiten im Klassenverband (Handgreiflichkeiten gegenüber Mitschülrinnen und Lehrern), massive Leistungsprobleme sowie in nicht wenigen Fällen (befristeter) Schulausschluss.

Immerhin 2/3 der Klientel sind deutlich drogen- bzw. alkoholgefährdet. Einmaliges Probieren bzw. seltene Exzesse sind in dieser Zahl nicht berücksichtigt. D.h., 65 % der untersuchten Probandinnen nehmen regelmäßig Drogen/Alkohol zu sich, in nicht wenigen Fällen in Kombination (je nach Beschaffungsmöglichkeiten). Nachdem akute Drogenabhängigkeit für die hiesige Einrichtung ein Ausschlusskriterium ist, kann man bei oben genannten Mädchen im weitesten Sinn noch von einer `Probierphase´ sprechen (inclusive Heroin rauchen und spritzen sowie „erste“ Entzüge im Krankenhaus). Auffallend ist die Beobachtung, dass intelligentere Mädchen Drogen bevorzugen, Lernbehinderte dagegen Alkohol.

Diese hohe Zahl an Drogen- und Alkoholgefährdung korreliert maßgeblich mit den massiven Schulschwierigkeiten (s.o.).

↓145

In 62 % der Fälle wird von häufigem Lügen und Diebstähle zu Hause (in der Regel Geld) berichtet, typische Zeichen für Dissozialität.

In mehr als der Hälfte der Fälle (53 %) sind regelmäßige Gewalttätigkeiten, Schlägereien und verbale Aggressionen kennzeichnendes Merkmal für die im geschlossenen Setting angefragten Jugendlichen.

Fast ebenso häufig (52 %) wird laut Akte von wiederholten ernsthaften Suizidäußerungen bzw. –versuchen berichtet.

↓146

In 39 % aller Fälle wird von stark sexualisiertem Verhalten gesprochen im Sinne von Promiskuitivität bzw. regelmäßigem Sexualverkehr mit in der Regel deutlich älteren Männern.

Mehr als ein Drittel der untersuchten Mädchen (38 %) ist delinquent. Kriterium dafür ist mindestens eine Anzeige bei der Polizei bzw. eine bereits stattgefundene oder noch zu erwartende Gerichtsverhandlung wegen Kaufhausdiebstahl, Sachbeschädigung, Schlägerei, Raub etc.

16 % der Klientinnen haben nachweislich Prostitutionserfahrungen.

↓147

Lediglich eine Probandin hat (eine längere) Gefängniserfahrung (1 %)10. Jugendarrest gleich welcher Dauer berücksichtigt die letzte Aussage nicht.

Ergänzend sei angemerkt – auch wenn es kein alleiniges Kriterium für geschlossene Unterbringung ist – dass genau zwei Drittel der untersuchten Probandinnen (66 %) zumindest einmal stationär wegen Fremd- bzw. Eigengefährdung in psychiatrischer Behandlung waren. In der Mehrzahl der Fälle waren mehrere, in der Regel geschlossen geführte Psychiatrieaufenthalte notwendig.

Bewertung:

In der Zusammenschau obiger Tabelle lässt sich festhalten, dass die Trias „Trebegang“, „massive Schulschwierigkeiten“ und „Drogen/Alkohol“ in Verbindung mit mannigfaltigen chronischen und aktuellen familiären Belastungsfaktoren die Hauptgründe für eine (befristete) Unterbringung in einem geschlossenen Heim ausmachen. Die Beeinträchtigungen, um die es hier geht, sind überaus massiv. Zahlreiche ambulante bzw. stationäre Vorinterventionen im offenen Bereich erwiesen sich dabei als nicht erfolgversprechend. Hausbauer ist zuzustimmen, dass der Aspekt sexueller oder anderer Formen von Gewalt gegen weibliche Jugendliche einen zusätzlichen Verschärfungszusammenhang darstellt, der die Mädchen zum Weglaufen motivieren kann (1996; 49). Trauernicht (1989; 40) muss jedoch widersprochen werden, wenn sie behauptet, dass „Verwahrlosungssymptome bei Mädchen wesentlich ... über Sexualität und mangelnde Triebkontrolle“ bestimmt werden; ebenso ist in der hiesigen Untersuchung nicht zu bestätigen, dass „sozial abweichendes Verhalten ... bei Mädchen überwiegend im sexuellen Bereich festgemacht“ wird (Schäfter 1995; 39). Trauernicht engt das Phänomen zu sehr ein und trivialisiert es in Hinblick auf die sexuelle Seite.

↓148

Die Verletzung von Rechtsnormen (Aggressivität, Delinquenz) ist in der hiesigen Untersuchung deutlich höher als die Bewertung des „sittlichen“ Zustandes bzw. des geschlechtsspezifischen Verhaltens. Geschlechtsspezifische Unterschiede für geschlossene Unterbringung scheinen demnach an Bedeutung zu verlieren.

Die folgende Tabelle zeigt die Summe einzelner Indikationsfaktoren, die in dieser Untersuchung für die einzelnen Mädchen zutreffen.

Tab. 38 Summe einzelner Indikationsfaktoren 11 pro Mädchen (n = 100)

↓149

Bei mehr als zwei Drittel der jungen Menschen lagen von den oben genannten zehn möglichen Indikationsfaktoren fünf bzw. mehr Faktoren gleichzeitig vor - als Anlass für eine geschlossene Unterbringung.

Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle angemerkt, dass das zuständige Jugendamt in acht der hundert Fälle im Vorfeld ein Auslands-ISE-Projekt angedacht bzw. bereits eingeleitet hatte, das jeweilige Mädchen aber die Teilnahme entweder strikt abgelehnt hat bzw. das laufende Projekt aus welchen Gründen auch immer gescheitert ist. In diesem Zusammenhang berichtet Fegert (2001; 181) dass die Abbrecherquote vor allem jugendpsychiatrisch vorbehandelter Jugendlicher in der Erlebnispädagogik hoch ist. Dabei hält er es für erstaunlich, dass zu den häufigsten Anlässen für erlebnispädagogische Maßnahmen im Ausland bei Mädchen selbstverletzendes Verhalten und wiederholte Suizidversuche gehören. Hier sind also Zweifel bzgl. einer klaren Indikationsdiagnose angebracht. Kinder- und Jugendpsychiater sind – anders als bei einer geschlossenen Unterbringung - selten bei Entscheidungen zu erlebnispädagogischen Maßnahmen miteinbezogen.

Die pädagogische Fachwelt verlangt immer wieder nach klaren Indikationskriterien für eine Heimunterbringung (z.B. Pankofer 1998; 125); die kann und wird es pauschal nie geben, weder für die Heimunterbringung im allgemeinen, noch für die geschlossene Heimunterbringung im speziellen. Letztlich scheitert die Indikationsstellung an der Komplexität der individuellen Problemlagen von Jugendlichen (Pankofer 1997; 101). Es geht immer um eine durchaus schwierige Abwägung im Einzelfall. Hilfreicher als die oft ideologisch verhärtete Fragestellung „Geschlossene Unterbringung – ja oder nein ?„ zu verfolgen ist es, ganz individuell die Frage zu stellen, welchen Rahmen braucht ein betreffender Jugendlicher und welche Art von therapeutisch-pädagogischer Hilfe. Als zentrale Leitfrage muss dabei gelten, „ob die Jugendlichen von dem besonders intensiven pädagogisch-therapeutischen Setting profitieren können, das verdichtete Beziehungs- und Erziehungserfahrungen beinhaltet“. Anderenfalls ist eine Aufnahme nicht sinnvoll (Bericht der Enquete-Kommission „Jugendkriminalität und ihre gesellschaftlichen Ursachen“ vom 11.5.2000; 23).

↓150

Bei Gutachten von Jugendpsychiatern zur geschlossenen Unterbringung sollte auf die Beantwortung der folgenden Fragen besonderes Gewicht gelegt werden (Baving/Schmidt 2003; 145):

Das BFSFJ (1998; 237) bilanziert u.a. folgende Funktionen stationärer Erziehungshilfen im Rückblick:

↓151

Wenn ein multidisziplinäres Team zu dem Schluss kommen sollte, eine stationäre Erziehungshilfe sei angezeigt im Sinne einer längerfristigen Krisenintervention sowie als intensive therapeutische Hilfe und Aufarbeitung belastender Erfahrungen, darüber hinaus als die Bereitstellung stabiler Strukturen und eines Schutz- und Schonraumes zur Verhinderung eigen- und fremdgefährdender Impulse, so kann im Einzelfall nach Einschätzung des Verfassers dieser Studie durchaus eine befristet freiheitseinschränkende Maßnahme sinnvoll sein.

Je nach ihren persönlichen Möglichkeiten benötigen dissoziale Jugendliche bei schweren psychosozialen Belastungen in ihrer Vorgeschichte einen haltenden, bewahrenden und klar strukturierten Rahmen. Auf „psychodynamischer Ebene wird durch das Festhalten in der Einrichtung häufig erst ein pädagogischer Rahmen geschaffen, welcher wiederum Anpassungs-, aber insbesondere auch Reifungsprozesse bei den Jugendlichen ermöglicht. Gefährdeten, z.T. auch delinquenten Jugendlichen wird eine pädagogische Hilfe gegeben, die sich im Rahmen einer offenen Erziehung nicht mehr realisieren lässt. Das heißt, dass die Geschlossenheit als ein notwendiger äußerer Rahmen verstanden wird, der Erziehungsprozesse erst wieder ermöglicht“ (Bericht der Enquetekommission vom 11.5.2000; 13, 22f). Im Gegensatz zu den bisherigen Erfahrungen der jungen Menschen wird Konflikten an entscheidender Stelle nicht ausgewichen. „Normverdeutlichende Grenzsetzungen erfolgen ebenso wie Konfrontationen mit der inneren und äußeren Realität. Die Bedeutung einer verbindlichen Institution besteht darin, dass sie ein Hilfsmittel darstellt, das intensive Beziehungserfahrungen ermöglicht, einen äußeren Rahmen dafür, dass pädagogische und therapeutische Prozesse gelingen können. Es kommt vor allem darauf an, dass verlässliche und intensive Beziehungsstrukturen entstehen und aufrechterhalten werden. Nur unter dieser Voraussetzung ist die Bearbeitung der psychosozialen Problematik der Betroffenen möglich" (s.o.).

↓152

An dieser Stelle sind die Klientelbeschreibung sowie die Analyse wichtiger Belastungs- und Indikationsfaktoren für eine befristet geschlossene Heimunterbringung abgeschlossen. Das nächste Kapitel befasst sich mit Effekten der Prozess- und Ergebnisqualität.

6.3 Prozess- und Ergebnisqualität – Effekte

Über den schon erwähnten Ansatz zur Indikationsstellung hinaus ist ein erklärtes Ziel der vorliegenden Untersuchung die Abbildung von Veränderungsverläufen während der Dauer der Hilfemaßnahme im individuell geschlossenen Bereich des Mädchenheims Gauting. Gleichzeitig können solche Veränderungen als ein „wichtiger Bestandteil der Erfassung und Beurteilung von Ergebnisqualität in der Jugendhilfe betrachtet werden“ (WJE; 50).

Ganz allgemein versteht man unter Prozessqualität das „Vorhandensein und die Beschaffenheit solcher Aktivitäten, die geeignet und notwendig sind, ein bestimmtes Ziel der Leistung zu erreichen“ (Merchel 1999; 29). Dazu zählen allgemein alle Formen therapeutisch-pädagogischer Interventionen.

↓153

Als Kriterien von Prozess- und Ergebnisqualität geschlossener Heimunterbringung werden im Folgenden dargestellt:

Die hierbei gewonnenen Ergebnisse können bedauerlicherweise nicht mit anderen Daten den Untersuchungsgegenstand betreffend verglichen werden, sie stellen vielmehr selbst eine Referenz und Bezugnahme für spätere evaluative Untersuchungen dar.

6.3.1 Fremd- und Eigeneinschätzung der (Lern-) Erfahrungen bzgl. der geschlossenen Unterbringung

6.3.1.1 Eigeneinschätzung

↓154

Anhand standardisierter Interviews wurden 59 Mädchen im Zeitraum von 1999 bis 2001 (Mindestaufenthaltsdauer ≥ halbes Jahr) kurz vor ihrer Entlassung aus der geschlossenen Heimunterbringung (in der Regel 14 Tage vorher) gebeten, eine subjektive Beurteilung ihres Aufenthaltes abzugeben. Sie sollten schriftlich und auf Nachfrage mündlich mitteilen, welche Bedeutung die im geschlossenen Rahmen verbrachte Lebenszeit für sie hat. Der Interviewleitfaden (siehe Anhang 2) orientiert sich dabei weitgehend an dem Fragenkatalog der ersten Interviewphase von Frau Pankofer (1997). Durch genaue Kenntnis der inneren Struktur der Einrichtung und des Alltags war es dem Verfasser dieser Studie in besonderer Weise möglich, die Informationen von Seiten der Jugendlichen im Kontext ihres Lebens, aber auch im Kontext der Einrichtung einzuschätzen. Dabei wird davon ausgegangen, dass gültige Informationen nur im natürlichen Lebensraum der Untersuchungspersonen gewonnen werden können.

Anhand einer Rating-Skala (siehe Anhang 1) schätzten die Mädchen auf fünf Dimensionen im Sinne einer Differenzierung ein, welche Elemente, Methoden und Fakten innerhalb des individuell-geschlossenen Alltags besonders bzw. wenig hilfreich gewesen sind. Bewertet werden sollen dabei die unterschiedliche Gewichtung und Effektivität der pädagogisch-therapeutischen Interventionen.

Rating-Skala

Auf die Frage: "War für dich der Aufenthalt in der geschlossenen Gruppe in Gauting hilfreich ?" antworteten die Angesprochenen wie folgt (n = 59):

↓155

Drei Jugendliche waren der Ansicht, dass der Aufenthalt in keinerlei Hinsicht für sie hilfreich war, zwei weitere Mädchen schätzten ihre geschlossene Heimunterbringung als wenig hilfreich ein.

17 Befragte waren bzgl. der Fragestellung ambivalent: Sie urteilten mit "teils-teils", was ihren persönlichen Nutzen bzgl. der geschlossenen Unterbringung betrifft. Weitere 19 Probandinnen waren davon überzeugt, dass ihr Aufenthalt in der geschlossenen Gruppe ziemlich hilfreich war. Schließlich beurteilten 18 junge Menschen ihre geschlossene Unterbringung als völlig hilfreich.

Das Ergebnis mag erstaunen, zumal die wenigsten Mädchen anfänglich freiwillig eine individuell-geschlossene Maßnahme befürworten. Das heißt, dass die Geschlossenheit als ein notwendiger äußerer Rahmen gesehen wird, der Erziehungsprozesse überhaupt erst wieder ermöglicht. Insofern reagieren die Jugendlichen auf einen solchen Einschluss nicht nur ablehnend: Es wird anerkannt, dass sich die Betreuer den Jugendlichen in der Beziehung stellen und sich intensiv um sie kümmern. Die Betroffenen merken, dass sie von dem besonders intensiven pädagogisch-therapeutischen Setting profitieren können, das verdichtete Beziehungs- und Erziehungserfahrungen beinhaltet. Dabei kann natürlich nie ganz ausgeschlossen werden, dass sich einzelne aus Bequemlichkeit, Angst oder anderen Motiven diesem Setting nur unterwerfen bzw. die Frage aus Gefälligkeit dem Untersucher gegenüber unwahr beantworten.

↓156

Tab. 39 War für dich der Aufenthalt in der geschlossenen Unterbringung hilfreich ? (n = 59)

Im Sinne einer Differenzierung der ersten Frage wurde im Folgenden nach den Heimalltag dominierenden strukturellen bzw. pädagogischen Details gefragt, die als (nicht) hilfreich während der geschlossenen Unterbringung angesehen wurden.

Die erste Teilfrage bezieht sich auf den baulich-geschlossenen Rahmen, d.h. Mauern und verschlossene Türen, die eine Entweichung zumindest deutlich erschwert haben (n = 58).

↓157

21 % der Mädchen betonten, dass der baulich geschlossene Rahmen in keinster Weise für ihre Weiterentwicklung (zumindest als herausragendes Moment) unterstützend war; 9 % der Befragten antworteten mit "Hilfe ja, aber nur ein wenig"; 26 % der Jugendlichen hatten eine ambivalente Einstellung: "teils-teils"; 22 % der jungen Menschen meinten, dass der bauliche Rahmen für sie ziemlich hilfreich war; ebenfalls 22 % waren davon überzeugt, dass die versperrten Türen für ihre Entwicklung sehr hilfreich waren. Das heißt: 44 % aller Mädchen, also fast die Hälfte der Befragten, waren der Ansicht, dass der baulich geschlossene Rahmen für ihre persönliche Entwicklung eine positiv wirksame Variable darstellte; ein weiteres Viertel der Jugendlichen (26 %) hatte diesbezüglich zumindest eine ambivalente Haltung. 70 % der Befragten sehen somit in den `Mauern´ einen wenigstens bedingt positiven Effekt für sich selbst. Sie ahnen zumindest, dass ihr zuletzt geführter Lebenswandel in einem zumeist bedenklichen sozialen Milieu durchaus Gefahren birgt.

Weiterhin wurde nach den verschiedenen Formen des Gruppengespräches (z.B. gemeinsame Tagesplanung, gemeinsame abendliche Tagesreflexion, das wöchentlich stattfindende thematisch orientierte Gruppengespräch) und ihrer individuellen Bedeutung gefragt (n = 56).

27 % der Jugendlichen meinten, es hätte ihnen überhaupt nicht in ihrer Entwicklung geholfen; weitere 20 % maßen dieser Form der Gespräche nur eine geringe persönliche Bedeutung zu; 27 % konnten keine eindeutige Antwort geben, indem sie mit "teils-teils" stimmten; lediglich 14 % erlebten das Gruppengespräch für sich selbst als ziemlich hilfreich, 12 % erlebten diese Gesprächsform für sich als sehr bedeutsam.

↓158

Woher kommt die relativ deutliche Abwertung des Gruppengespräches? Für Klientinnen, die überwiegend mit der Diagnose "Störung des Sozialverhaltens" in unsere Einrichtung kommen, scheint diese oftmals auch konfrontative Form des Gespräches, die zudem zeitliches Ausharren und Disziplin erfordert, angstbesetzt zu sein. Zudem kennen sie diese Form des Gespräches von ihrer sozialen Herkunft kaum, sind insofern darin ungeübt. Auch ist ihnen fremd, dass durch argumentativen Meinungsaustausch Konflikte gelöst werden können: Schweigen und `Aussitzen´, Brachialgewalt und `aus-dem-Feld-gehen´ sind Muster, die ihnen eher bekannt sind. Trotz vielfältiger Ablehnung des Gruppengespräches dürfte diese Methode unentbehrlich und unersetzbar für das Einüben von Frustrationstoleranz, Toleranz gegenüber anderen und Konfliktfähigkeit sein.

Weitaus akzeptierter war bei den Mädchen (n = 59) das regelmäßige Einzelgespräch mit ihren Betreuerinnen. Nur 5 % der Jugendlichen äußerten, dass diese Form des Gesprächs für sie selbst überhaupt keinen Nutzen hatte; 7 % erlebten das "Vieraugengespräch" als nur wenig hilfreich; 18 % konnten sich nicht klar entscheiden ("teils-teils"); 29 % der Mädchen glaubten, dass sie ziemlich vom Einzelgespräch profitiert hatten; die meisten (41 %) waren der Ansicht, dass das Gespräch mir ihren Betreuern für sie sehr hilfreich war.

Das Ergebnis dieser Teilfrage dürfte wohl demonstrieren, dass eines der Hauptargumente der Gegner der geschlossenen Unterbringung, „Geschlossenheit und Beziehungsarbeit seien miteinander nicht vereinbar“, für Gauting nicht zutrifft.

↓159

Die nächste Teilfrage (n = 57) betraf die Mädchengruppe, in der die jeweils Befragte gelebt hatte bzw. die freundschaftliche Beziehung zu einem Mädchen dieser Gruppe: In welchem Ausmaß wurde selbiges als hilfreich in der persönlichen Entwicklung erlebt ?

5 % der Jugendlichen gingen keine Freundschaft zu einem anderen Gruppenmitglied ein und lehnten ihre Gruppe insgesamt ab; 7 % profitierten wenig vom Umgang mit ihren Gleichaltrigen; 21 % konnten sich bzgl. dieser Fragestellung nicht klar entscheiden ("teils-teils"); 30 % sprachen davon, dass ihnen die Gruppe bzw. eine Freundschaft ziemlich hilfreich, 37 % meinten sogar sehr hilfreich war.

Beobachtungen des Heimpersonals zufolge gibt es bzgl. Subkulturen und "Hackordnungen" in der Gruppe einerseits sowie individuellen Freundschaften und positivem Gruppenzusammenhalt auf der anderen Seite keine Unterschiede zwischen offen und geschlossen geführten Gruppen.

↓160

11 % der Jugendlichen erlebten den sicherlich stark geregelten Tagesablauf (n = 54) in der individuell-geschlossenen Gruppe für sich selbst als gar nicht hilfreich; für 13 % war er nur wenig hilfreich; 26 % wollten/konnten diesbezüglich nicht klar Stellung nehmen ("teils-teils"); 26 % zogen einen guten Nutzen aus dieser Tagesreglementierung; für ein knappes Viertel (24 %) war sie eine sehr große Hilfe.

Immer wieder macht das pädagogische Personal in Gauting die Erfahrung, dass schwer Dissoziale in ihrer "inneren Zerrissenheit" einen sehr klar strukturierten Rahmen und Tagesablauf benötigen, der im Laufe ihres Hierseins mit Erweiterung ihrer Ausgangsmöglichkeiten an Bedeutung abnimmt. Diese Einschätzung wird durch die Hälfte der Befragten (50 %) eindeutig bestätigt und durch ein weiteres Viertel (26 %) zumindest ansatzweise zugegeben.

Die nächste Teilfrage (n = 56) betraf die interne Heimschule mit kleinen Klassen (vier bis acht Mädchen pro Klasse) und individuellen Möglichkeiten der Lernförderung.

↓161

9 % der Jugendlichen konnten daraus keinen Nutzen ziehen, 3 % immerhin ein wenig. 18 % der Befragten legten sich nicht fest ("teils-teils"), 28 % äußerten, dass die Heimschule für sie ziemlich hilfreich war; 41 % waren sehr überzeugt von der hiesigen heiminternen Schule zur Erziehungshilfe.

Diese hohe Wertschätzung der Schule deckt sich mit der Beobachtung der Pädagogen. In der Regel gehen die Mädchen, die z.T. jahrelang aus welchen Motiven auch immer keine Schule (mehr) besucht hatten, hier gerne in ihre Schulklasse.

Was die Freizeitangebote im individuell-geschlossenen Bereich des Mädchenheims betraf (n = 58), so äußerten sich nur 5 % dahingehend, dass sie davon überhaupt nicht profitierten. 17 % erlebten sie als nur wenig hilfreich für die persönliche Weiterentwicklung, 27 % waren unentschieden ("teils-teils"); 26 % zogen guten, 24 % sogar sehr guten Nutzen aus den Freizeitangeboten im Heim.

↓162

Neben einem geregelten Tagesablauf scheinen auch Freizeitangebote im musischen, kreativen und sportlichen Bereich für geschlossen untergebrachte Mädchen wichtig zu sein. Nicht selten ist eine Beziehungsaufnahme bzw. –vertiefung über gemeinsame Aktivitäten erfolgreicher als über das Gespräch allein.

Standardisierte Interviews

Insgesamt 59 Mädchen wurden in einem 3-Jahreszeitraum bzgl. 23 Items befragt. Den Klientinnen wurde es freigestellt, die mündliche bzw. schriftliche Interviewform zu wählen. Es bestand kein Zwang, alle Fragen zu beantworten. Bei einigen wenigen Items waren Mehrfachantworten möglich.

Auf die Frage "warum glaubst du, bist du in ein geschlossenes Heim gekommen“antworteten (Mehrfachantworten waren möglich) 30 Mädchen wegen „häufigem Entweichen bzw. Trebegang“.

↓163

20 gaben als Hauptgrund "häufiges bzw. regelmäßiges Schule schwänzen" an.

14 beantworteten die Frage indifferent mit "wegen vieler Probleme" bzw. "habe viel Scheiße gebaut".

Zehn Jugendliche glaubten, dass der Haupteinweisungsgrund "regelmäßiger Alkohol- und/oder Drogenabusus" war.

↓164

Neun Befragte gaben an, dass sie nicht "auf ihre Eltern gehört hätten" bzw. "zu Hause keine Grenzen gesetzt bekommen hätten", so dass ihr Verhalten eskaliert sei.

Drei Mädchen sahen ihre Unterbringung in ein geschlossenes Heim in engem Zusammenhang mit "ihrem schlechten Freundeskreis".

Zwei betonten explizit, dass sie freiwillig sich für die verbindliche Unterbringung entschieden hätten, zwei weitere nannten Diebstähle als eine wichtige Indikation für ihre geschlossene Unterbringung.

↓165

Je einmal wurden folgende Gründe genannt:

Nur ein einziges Mädchen war überzeugt davon, dass sein Verhalten keinerlei Rechtfertigung für eine geschlossene Unterbringung abgegeben habe, d.h., dass hier eine Fehlentscheidung von Seiten des Jugendamtes vorliegen würde.

↓166

Die Aussagen zu o.g. Frage decken sich weitgehend mit den aus den Akten erhobenen Indikationsfaktoren für geschlossene Unterbringung (s. 6.2.2). Auch dort stehen Trebegang an erster, Schulschwierigkeiten an zweiter und Drogen/Alkohol an dritter Stelle für die Einleitung einer freiheitsentziehenden Heimunterbringung.

Auf die Frage: "Findest Du, dass die geschlossene Heimunterbringung eine richtige Entscheidung für Dich war",antworteten zum Zeitpunkt ihrer Entlassung zwei Mädchen mit "ja, total", 29 mit einem eindeutigen "ja", sieben mit "anfänglich nein, jetzt rückblickend ja", sechs mit einem klaren "nein", neun konnten sich nicht eindeutig entscheiden ("teils-teils"), zwei hatten keine Meinung zu dieser Fragestellung.

Tab. 40 Geschlossene Unterbringung: eine richtige Entscheidung für dich ? (n = 55)

↓167

Die Frage, ob es "dir zu Hause gut ging oder ob es schwierig war"(n = 53),beantworteten 9 % der Mädchen mit „eindeutig gut“ und 4 % mit "eher gut". 2 % der Jugendlichen differenzierten im Sinne von "bis zur Pubertät gut".

53 % waren der Ansicht, es wäre schwierig gewesen zu Hause bzw. es sei ihnen nicht gut gegangen; 32 % konnten die Frage nicht eindeutig beantworten: „teils-teils“.

Auf die Nachfrage, "wo, wann und mit wem es Probleme gab"(n = 55),äußerten zwei Drittel der Mädchen (65 %), dass sie mit ihren Eltern Probleme gehabt hätten. Davon nannten jedoch nur 14 % beide Elternteile, die Übrigen hätten nur mit einem Elternteil Probleme gehabt. Dabei wurden etwa gleich häufig Vater bzw. Mutter genannt.

↓168

11 % nannten explizit Stiefvater bzw. –mutter als größtes Problem, 4 % den Bruder, 2 % die Großmutter, 11 % die Lehrkräfte in der Schule, 8 % Freunde (allgemein) als einen dominierenden Konfliktherd.

Die Frage,"ob die Betreffende, weil sie geschlossen untergebracht war, ihrer Meinung nach weniger/seltener entwichen ist" (n = 48),wurde überwiegend mit einem klaren „ja“ beantwortet: Zwei Drittel der Mädchen ( 66 %) waren sich diesbezüglich sicher. Von ihnen äußerten 4 %, der geschlossene Rahmen hätte sie erst explizit zum „Nachdenken“ gebracht.

Im Gegensatz dazu antworteten 31 % der Jugendlichen mit einem „nein“. Von ihnen betonte allerdings jede Dritte, dass nicht die Mauern, sondern ihr eigener fester Wille für ihren Verbleib in der Einrichtung verantwortlich war. 2 % aller Befragten meinten, dass nicht die versperrten Türen, sondern ein Versprechen ihrer Mutter gegenüber für ihr Hierbleiben maßgeblich war.

↓169

Auf die Frage, „wie es war, eingesperrt zu sein, nicht raus zu können, wann und wie lange man möchte“ (n = 55),äußerten 54 % der Mädchen Missbehagen: Dabei verwendeten die meisten den Ausdruck „schlimm“ bzw. „schwierig“, einige sprachen frei heraus von „Scheiße“. 38 % der Jugendlichen differenzierten: anfänglich (z.B. vier Wochen Eingewöhnungsphase) schlimm, zu einem späteren Zeitpunkt (im Ausgangsmodell) war es für sie jedoch in Ordnung. 4 % der Befragten meinten, das „Eingesperrtsein“ tat ihnen gut, 2 % erlebten es als nicht schlimm, da sie im Vorfeld ein Vorstellungsgespräch hatten, in welchem sie über alle Regeln/Ausgänge aufgeklärt worden waren. Schließlich äußerten weitere 2 %, „es sei ihnen egal gewesen“.

Das Ausgangsmodell im individuell-geschlossenen Bereich (n = 54) wird von den meisten Betroffenen als sinnvoll, wenn auch streng erachtet. 59 % der Jugendlichen hielten die Ausgangsregeln für angemessen, 33 % für zu streng. 9 % lehnten sie als „schlecht“ ab.

Das Ausgangsmodell wurde insgesamt als gerecht erlebt. Nicht wenige der Mädchen würden bei Fehlverhaltensweisen – müssten sie selber entscheiden - sogar strenger reglementieren (im Sinne einer Ausgangsrückstufung), als es das Modell vorsieht.

↓170

Auf die Frage, „wie die Mädchen mit ihren Betreuern zurechtgekommen seien“ (n = 54) antworteten zwei Drittel (65 %) mit „gut“ bzw. „sehr gut“. Trotz gelegentlichem Streit und Problemen mit dem Betreuungspersonal wurde gesehen, dass letztere „helfen wollen“, dass man mit ihnen „gut reden“ könne. 30 % der Mädchen hatten eine ambivalente Einstellung („teils-teils“);

4 % meinten, anfänglich mit ihren Betreuerinnen Schwierigkeiten gehabt zu haben, was sich aber im Laufe ihres Hierseins änderte. 2 % äußerten, dass sie nur mit den weiblichen, nicht mit ihren männlichen Betreuern zurecht kamen. 4 % waren der Ansicht, dass sie eine durchgängig schlechte Beziehung zum Erziehungspersonal hatten.

„Ob es möglich gewesen sei, hier eine Freundin zu finden“(n = 45), beantworteten wiederum zwei Drittel (66 %) mit einem „ja“. Weitere 26 % differenzierten, indem sie behaupteten: „nicht nur eine, sondern mehrere Freundinnen“. 2 % der Befragten unterschieden im Sinne „tiefergehend-oberflächlich“: Sie seien während ihres Hierseins nur oberflächliche Freundschaften eingegangen. Schließlich bekundeten 4 % der Jugendlichen, dass sie hier keine Freundinnen gehabt hätten.

↓171

Die Gruppengemeinschaft (n = 48) wurde von den meisten als positiv erlebt: Die Hälfte (50 %) behauptete, dass trotz gelegentlichen Stresses sie insgesamt schöne Erfahrungen in und mit der Gruppe hatte. Weitere 28 % erlebten unterschiedliche Gruppenphasen bzw. –zusammen-stellungen: teils schön, teils weniger angenehm. 10 % erlebten ihre Gruppe zeitübergreifend ambivalent („teils-teils“), 8 % waren zu keinem Zeitpunkt mit ihrer Gleichaltrigengemeinschaft zufrieden. Je 4 % hatten keine eigene Meinung bzw. erlebten ihre Gruppe durchgängig als zu „langweilig“.

Viele Mädchen wollen nach ihrer Entlassung aus dem geschlossenen Bereich mit Heim und Mädchen weiterhin Kontakt halten (n = 49). Zum Teil wurde dabei nur ein Mädchenname bzw. Name einer Betreuerin oder Lehrerin genannt. Insgesamt bejahten 80 % der Mädchen diese Frage mit einem allgemeinen „ja“, weitere 10 % meinten, sie wollen auf jeden Fall mit mehreren Personen in Kontakt bleiben. 2 % der Befragten hatten vor, mit dem Heim, nicht aber mit Mädchen weiterhin zu kontaktieren. 8 % wollten im nachhinein jeglichen Bezug abbrechen.

30 % der Befragten äußerten, sie hätten bei Eintritt in die geschlossen Gruppe keinen festen Freund (n = 53) gehabt. 24 % hatten einen Freund und konnten diese Freundschaft die ganze Zeit ihres Hierseins aufrechterhalten. 45 % der Mädchen hatten einen Freund, die Beziehung ging aber während der verbindlichen Unterbringung auseinander. Als Hauptgründe wurden die große räumliche Entfernung und das Aufkündigen der Freundschaft von Seiten des Jungen genannt.

↓172

Auf die Frage nach der Veränderung alter Freundschaften (n = 52) überhaupt antworteten 46 %, sie hätten keinen Kontakt mehr zu ihrem alten Freundeskreis. Hauptgrund sei dabei ein bewusstes sich Entfernthalten von alten Cliquen, die einen schlechten Einfluss auf die Befragten gehabt hätten. 13 % meinten, es hätte größere Veränderungen bzgl. ihres alten Freundeskreises gegeben, aber zu einzelnen wäre nach wie vor Kontakt vorhanden. Weitere 21 % gaben an, bis auf geringe Veränderungen sei der Kontakt zu den heimatlichen Kumpels nach wie vor da; 13 % waren der Ansicht, es hätte überhaupt keine Veränderungen bzw. Kontaktabbruch gegeben. 6 % äußerten sich ambivalent („teils-teils“).

Angesprochen auf Veränderungen der eigenen Einstellung gegenüber der eigenen Familie (n = 53) antworteten 81 % mit einem „ja“: Ein Drittel dieser Gruppe glaubte, dass sie jetzt mit ihrer Familie besser auskäme; 2 % machten sich jetzt deutlich mehr Sorgen um ihre Angehörigen, weitere 4 % erwähnten für sich selbst positiv, dass sich die Beziehung aufgrund eigener Reflexionen verschlechtert habe. 17 % der Mädchen dachten am Ende des freiheitsentziehenden Aufenthaltes nicht anders über ihre Familie als anfänglich.

„Was hast Du hier im geschlossenen Heim gelernt ?“

↓173

Mehrfachantworten waren möglich.

Diese Frage beantworteten 15 Jugendliche unspezifisch: „einiges/viel“ (im positiven Sinn ohne nähere Konkretisierung).

13 meinten, bzgl. ihrer Konfliktfähigkeit hätten sie die größten Lernfortschritte gemacht: Sie könnten jetzt deutlich besser Kritik annehmen und sachlicher austeilen, ohne gleich „ausrasten“ zu müssen.

↓174

Elf waren der Ansicht, sie hätten gelernt, nicht mehr vor Problemen wegzulaufen.

Sechs Mädchen ist die Bedeutung der Schule bewusst geworden: Durch den regelmäßigen Schulbesuch seien ihre Schulleistungen/Noten deutlich besser geworden.

Vier zählten Offenheit zu ihren größten Lernerfolgen im Mädchenheim Gauting.

↓175

Drei Jugendliche waren stolz, Kontrolle über ihre Aggressionen erlernt zu haben.

Drei sahen es als ihren persönlichen Fortschritt, jetzt Regeln einhalten zu können.

Drei bekundeten, im Laufe ihres Hierseins gelernt zu haben, mit ihren Ängsten, Problemen und Komplexen adäquat umzugehen.

↓176

Drei äußerten, sie hätten jetzt ihre Drogen-/Alkoholgefährdung unter Kontrolle.

Je zwei Mädchen sahen deutliche Lernfortschritte in folgenden Bereichen:

↓177

Jeweils einmal wurde als Lernerfolg genannt:

Auf die Frage, ob das Mädchen sich vorstellen könne, dass "auch eine andere Maßnahme der Jugendhilfe ihr geholfen hätte" (n = 52), antworteten 71 % der Betroffenen mit einem „nein“. Zum Teil wurden Äußerungen gemacht wie „leider nein“, „bei jeder anderen Maßnahme wäre ich entwichen“, auch Aussagen wie: „dann würde ich heute nicht mehr leben“.

↓178

21 % der Jugendlichen glaubten, dass auch andere Maßnahmen der Jugendhilfe hilfreich hätten sein können. Die wenigsten konkretisierten diese Frage im Sinne von:

8 % der Mädchen waren ambivalent („eventuell“) bzw. hatten diesbezüglich keine Meinung.

↓179

Von Seiten der Mädchen wurden folgende Anregungen gegeben, "was im Mädchenheim Gauting geändert werden sollte" (Mehrfachantworten waren möglich):

Am häufigsten (15 Mal) wurden die Ausgangsregeln moniert: man sollte schneller und insgesamt mehr Ausgang auf den individuell-geschlossenen Gruppen haben.

Elf Jugendliche meinten, dass das Reglement allgemein weniger streng sein sollte; fünf weitere wollten, dass in der Eingewöhnungsphase (die ersten vier Wochen) nicht nur brieflicher, sondern auch telefonischer und Besuchskontakt möglich sei. Drei Befragte äußerten pauschal, es müsste „alles“geändert werden, drei weitere waren der Ansicht, dass die Raucherregelung zu streng sei. Je zwei plädierten für: mehr Freizeitangebote im Heim; freiwilligen Schulbesuch; die Abschaffung der Isolierzelle.

↓180

Je einmal genannt wurde: die Einstellung netterer Betreuer, mehr Betreuerinnenzeit für die Mädchen, mehr Privatleben auf der Gruppe, häufigere Ausnahmen von der Regel, strengere Regeln, spätere Bettruhe, schöneres Mobiliar, weniger Putzdienste, geschlechtsgemischte geschlossene Gruppen, die Qualität des Mittagessens.

Am zweithäufigsten (14 Mal) wurde überraschenderweise genannt, es sollte nichts verändert werden. Mögliche Interpretation: Viele Mädchen erkennen rasch und nachhaltig, dass die klare Tagesstruktur und das strenge Reglement für sie hilfreich ist. Sie erleben, dass Enttäuschendes und Befriedigendes in diesem grenzsetzenden Setting nebeneinander bestehen kann und dennoch eine im wesentlichen befriedigende Beziehung zum Erziehungspersonal erhalten bleibt. Sie lernen, dass „sie selbst aggressive und libidinöse Bedürfnisse auf eine Person richten können, die dies aushält und der Beziehung nicht ausweicht. Eine Integration archaisch-destruktiver Impulse wird so möglich. Spaltungen und Projektionen vermindern sich, die äußere Realität lässt sich besser bewältigen“ (Ahrbeck 1997; 53).

Bezüglich der Frage, "was die betreffende Jugendliche noch lernen müsse, um selbständig zu sein" (Mehrfachantworten waren möglich), antwortete die Mehrzahl (17) selbstbewusst mit „nichts“. Wenngleich viele der Befragten während ihres Heimaufenthaltes gute Fortschritte im Verhaltensbereich gemacht haben, zeugt diese Antworttendenz von Selbstüberschätzung. Schwer Dissoziale haben in der Regel eine massive Selbstwertproblematik mit einem „besonderen Wunsch nach Anerkennung und narzisstischer Spiegelung. An der Oberfläche dominieren häufig massive Größenphantasien. Die Idealvorstellungen von sich selbst sind erheblich überhöht“ (Ahrbeck/Stadler 2000; 23).

↓181

Zehn weitere hatten keine eigene Meinung zu dieser Frage („weiß nicht“). Elf meldeten Lernbedarf bzgl. Selbstsicherheit/Selbstvertrauen an. Je drei Mal genannt wurden: Organisationstalent, Umgang mit Drogen/Alkohol, Fähigkeiten im lebenspraktischen/hauswirtschaftlichen Bereich und allgemein „alles“ bzw. „viel“. Zwei Befragte wünschten sich mehr Geduld. Weitere Einzelantworten waren: Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit, Toleranz, Beziehungsfähigkeit, Selbständigkeit, Willensstärke und Ordnungsverhalten.

Auf zum Zeitpunkt der Entlassung aus dem geschlossenen Bereich vorherrschende Sorgen und Schwierigkeiten angesprochen (n = 56), antworteten 21 % der Befragten mit „nichts“. Auch hier dürfte die im letzten Abschnitt genannte Hypothese gelten. Euphorie über einen positiv bewältigten Lebensabschnitt sowie Verdrängung von Angst bzgl. der weiteren Zukunft mögen als weitere Deutungen gelten.

19 % der Mädchen gaben Ängste bzgl. ihrer Zukunft an und meinten damit überwiegend „Schule, Job und Elternhaus“. Weitere 14 % berichteten von augenblicklichen innerfamiliären Sorgen. 7 % bedrückten ihr derzeitiges Verhältnis zu ihrem Freund; weitere 7 % befürchteten, dass der geplante Wechsel in eine offene Betreuungsform aus eigenen oder fremden Gründen scheitern könnte. Ebenfalls 7 % litten allein darunter, derzeit immer noch auf der geschlossenen Gruppe zu leben. Im Gegensatz dazu bedrückten 5 % der Abschiedsschmerz von der geschlossenen Gruppe. Ebenfalls 5 % sorgten sich um ein anderes Mädchen in der Gruppe. Je 3 % fühlten sich belastet durch ihre persönliche Vergangenheit bzw. ängstigten sich konkret vor anstehenden Gerichtsverhandlungen. 2 % antworteten vage mit „vieles“, weitere 2 % mit „zwischenzeitlichen Veränderungen“ bzw. „mit Zukunftsängsten“ bzw. von ihrer „Drogenvergangenheit wieder eingeholt“ zu werden.

↓182

Die Frage, "ob das Mädchen das Gefühl hat, im Mädchenheim Gauting Hilfe bekommen zu haben" (n = 55), beantwortete die überwältigende Mehrheit mit einem klaren „ja“: insgesamt 78 % der Jugendlichen. Einige von ihnen erläuterten zusätzlich, dass sie sogar „sehr große Hilfe“ erfahren hatten. Im folgenden das amüsante Zitat einer Befragten: „ja, ziemlich viel; mehr als man gebraucht hat“.

13 % waren sich sicher, im Mädchenheim Gauting keine Hilfe bekommen zu haben. Weitere 9 % waren diesbezüglich unschlüssig („teils-teils“).

Bezüglich ihrer ferneren Zukunft („arbeiten, Kinder kriegen, heiraten, gar nix tun..?“ Mehrfachantworten waren möglich) waren 26 Jugendliche überzeugt, dass sie später arbeiten werden. 19 wollten als nächsten Schritt weiterhin die Schule besuchen bzw. eine Ausbildung anfangen. 15 wollten auf jeden Fall später eigene Kinder haben, im Vorfeld heiraten jedoch nur sechs. Sechs weitere wollten auf keinen Fall später eigene Kinder. Fünf träumten von Wohneigentum. Zwei Befragte wollten eine Psychotherapie beginnen, zwei weitere einfach „ihr Leben genießen“. Eine wollte „gar nichts tun“, eine andere nur „glücklich sein“, schließlich hatte eine "keinen Plan".

↓183

Das heißt, Mädchen, die resigniert und mit einer „Null Bock“-Haltung in das Mädchenheim Gauting kommen, lernen es im Laufe ihres Hierseins durchaus, (wieder) konkrete Zukunftshoffnungen und –wünsche zu äußern, was als ein Zeichen eines real gesteigerten Selbstwertgefühles gedeutet werden könnte.

Was wurde subjektiv als das Schlimmste hier im Heim erlebt ?

Mehrfachantworten waren möglich.

↓184

15 nannten die Time-out-Methoden (Zimmerarrest, Isolierzelle).

Am zweithäufigsten (zwölf Mal) wurde die Eingewöhnungszeit (die ersten vier Wochen) genannt: Der Wechsel von der oft „grenzenlosen Freiheit“ in ein stark reglementiertes Setting wurde häufig als Schock erlebt, insbesondere wenn kein Vorstellungsgespräch vorausgegangen war.

Acht empfanden Streitigkeiten mit anderen Mädchen als besonders belastend; für sechs Betroffene war das allgemeine Gefühl, geschlossen untergebracht zu sein, das schlimmste Erlebnis. Fünf litten am meisten unter den strengen Regeln, für vier war der Kontakt mit einem bestimmten Betreuer oder Lehrer das vorherrschende Negativerlebnis. Drei Klientinnen bezeichneten die (auto-)aggressive Grundstimmung, zwei weitere schikanöses Vorgehen von Seiten der Erwachsenen, wiederum zwei andere die Ausgangsbeschränkungen und schließlich zwei die Abschiedsphase und Entlassung als die für sie negativsten Impressionen.

↓185

Am traumatischsten empfand ein Mädchen die Telefonregelung, eine die Neid- und Lügenkultur auf der Gruppe, eine ihre Briefkontaktsperre zu ihrem Freund, schließlich eine ihren eigenen körperlichen Übergriff auf ein anderes Mädchen.

Die schönste Erinnerung an die geschlossene Unterbringung ?

Mehrfachantworten waren möglich.

↓186

Für elf Jugendliche war es das schönste, zu sehen, wie sich ihr Leben im Laufe ihres Hierseins positiv verändert hat.

Neun favorisierten ihre Beziehungen zu Mädchen und Betreuerinnen: Formulierungen wie „Familienersatz“, „wieder Vertrauen zu Erwachsenen haben zu können“ wurden mehrfach genannt.

Ebenfalls neun Mal wurden Gruppenunternehmungen mit der eigenen Gruppe als ein "Highlight“ aufgezählt.

↓187

Sieben antworteten auf abstraktem Niveau: „(sehr) vieles“ !

Sechs äußerten, intensive Freundschaften im Heim, sechs andere lustige Erlebnisse bzw. Spaß mit der Gruppe würden ihnen am nachhaltigsten positiv in Erinnerung bleiben.

Vier nannten explizit eine Freundschaft mit einem Mädchen im Heim, vier andere ihre Heimfahrten als schönstes Erlebnis.

↓188

Je dreimal genannt wurden: Gespräche mit Betreuerinnen und vom Heim aus durchgeführte Ferienfreizeiten.

Je zwei erinnerten sich am Liebsten an das Springen auf dem heiminternen großen Trampolin, an die Weihnachts- bzw. Silvesterfeier sowie an die Ausgänge im Ort Gauting (z.B. Jugendzentrum). Zwei weitere meinten, es gab rein gar nichts Schönes in Gauting.

Hochgeschätzt wurde einmal das gemeinsame Abendessen, einmal der deutlich verbesserte Elternkontakt, ein weiteres Mal die Hilfsbereitschaft unter den Mädchen. Ebenfalls je einmal genannt wurden als schönstes Erlebnis die Erfahrungen während einer Entweichung, die Entlassung selber sowie der treue Freund in der Heimat.

↓189

Diskussion der Ergebnisse in puncto Eigeneinschätzung der Erfahrungen bzgl. ihrer freiheitsentziehenden Unterbringung:

Nahezu zwei Drittel der befragten Probandinnen erlebten ihren geschlossenen Aufenthalt im Mädchenheim Gauting als hilfreich für ihre persönliche Weiterentwicklung. Sie bewerten die Maßnahme ihrer Sorgeberechtigten bzw. ihres zuständigen Jugendamtes, sie verbindlich untergebracht zu haben, - zumindest nachträglich - als eine richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt.

Jede fünfte aller Befragten war allerdings der Ansicht, dass auch eine andere Jugendhilfemaßnahme hilfreich hätte sein können. Und etwa jedes zehnte Mädchen hielt die Entscheidung für eine geschlossene Unterbringung für kontraindiziert, jedes achte Mädchen war der Überzeugung, in diesem Intensivsetting keine Hilfe erhalten zu haben. In diesen Fällen müsste untersucht werden, welche Motive in den jeweiligen Hilfeplangesprächen vorlagen, die Jugendliche trotz ihres permanenten Protestes weiterhin im geschlossenen Setting zu belassen. Ein Mangel an sinnvollen Alternativmaßnahmen oder mangelnde Phantasie diesbezüglich ?

↓190

Nahezu jedes sechste Mädchen kann für sich nicht klar definieren, ob der Freiheitsentzug für es selbst eine richtige Entscheidung gewesen war; ein Zeichen dafür, dass bei einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von jungen Menschen Ambivalenzgefühle gegenüber der geschlossenen Maßnahme bis zuletzt vorhanden waren: einerseits die „stillschweigende Einsicht“ dass der vorangegangene Lebenswandel eine reale Gefährdung darstellte, andererseits Nichtakzeptanz der Konsequenz einer massiven Freiheitseinschränkung.

Ihre subjektiven Einschätzungen dazu, warum sie in einem geschlossenen Heim untergebracht wurden, decken sich weitgehend mit der Sichtweise der für sie verantwortlichen Erwachsenen. Diese jungen Menschen in extremen Lebenslagen reflektieren ihre Situation somit selbstkritisch und realistisch. 90 % von ihnen erkennen ihre mehr oder weniger belasteten Familienverhältnisse an und neigen hier nicht zu Idealisierungen.

Zwei Drittel der Mädchen sahen die `Mauern´ für sich selbst als hilfreich an; möglicherweise sind sie sich ihrer Impulskontrollstörungen bzw. ihrer unüberlegten Spontanhandlungen in Krisen- und Anforderungssituationen bewusst. Dass `Mauern´ vielfach als hilfreich erlebt wurden, kann aber trotzdem mit dem unangenehmen Gefühl des Eingesperrtseins korrelieren, das zumindest jedes zweite Mädchen mehr oder weniger intensiv bzw. lange verspürte.

↓191

Als unangenehm wurden starre strukturelle Gegebenheiten erlebt: Time-out-Methoden, Eingewöhnungszeit, strenge Regeln. Schöne Erinnerungen verbinden sich dagegen mit (erlebten) Beziehungserfahrungen und positiv erlebten persönlichen Verhaltensveränderungen. Letztere könnten z.T. aber auch durch biologische Reifungsprozesse entstanden sein.

Geschlossene Heimunterbringung impliziert häufig Veränderungen bzgl. der Außenkontakte: das Aufgaben eines intimen Kontaktes zu einem räumlich entfernt lebenden Jungen, reduzierte und oftmals veränderte Kontakte zum alten Freundeskreis und Einstellungsveränderungen gegenüber Familienmitgliedern. Die Mädchen äußerten in der Zeit ihres Hierseins nicht selten Bedauern über solche Entwicklungen. Anders zu einem späteren Zeitpunkt (z.B. Ehemaligentreff, Telefonate): Fast durchwegs wurden oben genannte Veränderungen als positiv und sinnvoll interpretiert.

Der Entlassungszeitpunkt wird durchgängig als ambivalent erlebt: Freude/Stolz über die Entlassung selbst gepaart mit (z.T. massiven) Zukunftsängsten; Verlassen eines Schutz- und Schonraumes, in welchem viele Entscheidungen von Erwachsenen abgenommen wurden vs. Angst, einem neuen Lebensabschnitt mit größerer Autonomie (noch) nicht gerecht werden zu können.

↓192

Als Lernerfolg wurde am häufigsten „Konfliktfähigkeit“ genannt: Die Mehrzahl der Mädchen empfand dabei den baulich geschlossenen Rahmen als hilfreich, vor Problemen nicht – wie bisher gewohnt – davon zu laufen. Das Erlernen von Konfliktfähigkeit bedarf darüber hinaus eines kontinuierlichen Gruppensettings wie es das Modell der „therapeutischen Gemeinschaft“ bietet. Die regelmäßige Reflektion aller Vorgänge im Beziehungsgefüge der Gemeinschaft ist Grundlage der therapeutischen Intervention und bildet die Basis für soziales Lernen. Modelle wie „Einzelbetreutes Wohnen“ und andere niederschwellige Angebote wie sie heute von der Jugendhilfe im Sinne von „Flexibilisierung“ und „Individualisierung“ favorisiert werden, sind in puncto „soziales Lernen“ und „Konfliktfähigkeit“ wenig geeignete Maßnahmen. Die „innere und äußere Lebensrealität schwer beeinträchtigter Jugendlicher“ kann nur durch einen pädagogischen Zugang wesentlich verbessert werden, der „neben einem schützenden Rahmen auch einen therapeutischen Raum für intensive persönliche Auseinandersetzungen bereit stellt. Dazu gehören u.a. ein strukturierter Tagesablauf, normverdeutlichende Grenzsetzungen und Konfrontation mit der inneren und äußeren Realität. Die pädagogisch-therapeutischen Interventionen orientieren sich dabei an der inneren Entwicklungslogik der Betroffenen und gleichermaßen an unerlässliche Anforderungen der äußeren Realität“ (Ahrbeck/Stadler 2000; 26).

6.3.1.2 Fremdeinschätzung

Betreuerinnen und Lehrer wurden gebeten, eine Fremdeinschätzung erzielter (bzw. nicht erzielter) Verhaltensfortschritte geschlossen untergebrachter Jugendlicher abzugeben. Dazu wurde ein für jede Zielgruppe eigens entwickelter Fragebogen mit Rating-Skalen (s. Anhang 3a, 3b und 4) ausgegeben.

Ähnlich dem Mädchen-Fragebogen sollten die Heimpädagogen am Ende des Heimaufenthalts einer Jugendlicher Elemente, Methoden und pädagogische Techniken bewerten, die besonders bzw. wenig hilfreich bezüglich des Werdegangs des jungen Menschen waren. Darüber hinaus sollten zu Beginn des Heimaufenthaltes und in der Entlassphase typische soziale Verhaltensauffälligkeiten und –defizite beurteilt werden.

↓193

Im schulischen Bereich wurden die Lehrer gebeten, anfänglich und in der Entlassungsphase typische Parameter wie Leistung, Arbeitsverhalten, Unterrichtsstörung, Schulangst u.ä. zu bewerten.

Fremdeinschätzung Heimpädagogen, 1. Teil

Das Mädchenheim Gauting arbeitet nach den „Bezugsbetreuer-System“. Das heißt, bei einem Pädagogen/Mädchen-Schlüssel von 1 : 1 ist es möglich, dass jedes Mädchen eine eigene Bezugsbetreuerin hat. Diese Pädagogin kümmert sich um alle organisatorischen (z.B. Kleidergeld, Heimfahrten) und pädagogische Belange (z.B. Entwicklungsberichte ans Jugendamt) des jeweiligen Mädchens. Nicht selten entwickelt sich dabei eine besondere Nähe bzw. Vertrauensbasis zwischen den beiden Bezogenen.

Insgesamt wurden 64 Mädchen im Zeitraum von 1999 bis 2001 von verschiedenen Gruppenpädagoginnen (in der Regel die „Bezugsbetreuerin“ bzw. ersatzweise die zuständige Gruppenleiterin) beurteilt. Bei 39 dieser Bewertungen liegen bzgl. acht Fragestellungen sowohl Auskünfte von den Mädchen wie den Betreuerinnen vor, so dass hier unmittelbare Vergleiche möglich sind.

↓194

Frage 1, „ob der Aufenthalt in der geschlossenen Gruppe in Gauting für die Betreffende sinnvoll war“beantworteten 19 Pädagogen mit „stimmt völlig“ und 30 mit „stimmt ziemlich“. Zehn Betreuer waren sich unschlüssig („teils-teils“), vier weitere antworteten mit „stimmt ein wenig“, schließlich einer mit „stimmt gar nicht“.

Tab. 41 War der Aufenthalt in der geschlossenen Gruppe sinnvoll ? (n = 64)

Ein überraschend positives Ergebnis, was von dem zumeist selbstkritischen und oftmals hohe Ansprüche an sich selbst stellenden pädagogischen Personal nicht unbedingt zu erwarten gewesen wäre.

↓195

Im folgenden wurde Frage 1 differenziert:

„Ob insbesondere der baulich-geschlossene Rahmen, der Entweichungen deutlich erschwert, hilfreich war“ (n = 64) beantworteten 20 % der Erwachsenen mit „stimmt völlig“ und 38 % mit „stimmt ziemlich“. 19 % waren zwiegespalten („teils-teils“), ebenso viele sprachen von „wenig hilfreich“, 4 % stimmten mit „gar nicht“.

Gegner der geschlossenen Unterbringung behaupten zu Recht, dass der baulich-geschlossene Bereich allein (´Mauern`) eine reine Verwahrung darstellen würde. ´Mauern` können allein in Verbindung mit intensiver und therapeutischer Beziehungsarbeit „Sinn“ machen. Hier ein klares Votum vom Erziehungspersonal, dass Beziehungsarbeit allein („Menschen statt Mauern“) nicht ausreicht: Ein sehr kleiner Personenkreis schwer dissozialer/delinquenter Jugendlicher braucht zusätzlich zu intensiver Beziehungsarbeit einen baulichen Schutzraum, der sie hindert, in Krisensituationen zu entweichen.

↓196

Das Gruppen- bzw. das gemeinsame Tagesgespräch (n = 64) wurde nur von 11 % der Pädagoginnen als „sehr hilfreich“ gewertet. 38 % schätzten es als „ziemlich hilfreich“ ein, 30 % waren ambivalent („teils-teils“), 15 % beurteilten es als wenig und 6 % sogar als gar nicht hilfreich.

Das Gruppengespräch ist auch beim pädagogischen Fachpersonal bisweilen eine wenig beliebte (angstbesetzte ?) Methode, die zu einem guten Gelingen Berufserfahrung und auch eine theoretische Auseinandersetzung mit gruppendynamischen Prozessen erfordert.

Bessere Noten erhielt das Einzelgespräch (n=64) mit dem Erziehungspersonal: 28 % der Betreuer hielten es für sehr wichtig, 36 % für ziemlich wichtig. 28 % waren sich nicht ganz sicher („teils-teils“). Nur 6 % beurteilten es als wenig, 1 % sogar als überhaupt nicht effektiv.

↓197

Insbesondere für (deutlich) lernbehinderte Mädchen stellten das Einzel- und Gruppengespräch nicht selten eine Überforderung dar. Für diese Klientel müssen die Gesprächsstandards – sollen sie hilfreich sein – noch weiter modifiziert werden bzw. sinnvolle Alternativen im Aktivitätenbereich gefunden werden.

Die Mädchengruppe als Ganzes bzw. Koalitionen innerhalb der Gruppe (n = 64) sahen nur 4 % der Erwachsenen als ein sehr förderliches Element bzgl. des positiven Werdegangs einer Jugendlichen. 26 % schätzten die Gruppengemeinschaft als ziemlich hilfreich ein. 28 % waren unschlüssig („teils-teils“), ebenfalls 28 % erlebten die Gruppe als wenig, 12 % sogar als gar nicht förderlich.

Die Pädagogen sind der Ansicht, dass nur selten sich gegenseitig befruchtende echte Freundschaften zwischen Mädchen einer Gruppengemeinschaft entstehen. Meist sind es rasch wechselnde „Zweckfreundschaften“ von Motiven wie Eifersucht, Missgunst und Konkurrenz geprägt. Insofern wird in der Mädchengruppe per se – ohne zusätzliche pädagogische Steuerung bzw. Beeinflussung von Seiten der Erwachsenenwelt – wenig Entwicklungspotential gesehen.

↓198

Der geregelte Tagesablauf im Heimalltag (n = 64) wurde von 23 % der Betreuerinnen als sehr und von 59 % als ziemlich wichtig angesehen. 11 % hatten keine eindeutige Meinung dazu („teils-teils“); für 6 % hatte er keine entscheidende Bedeutung. Keine einzige bewertete den strukturierten Tagesablauf als unwichtig.

Das Erziehungspersonal sieht hier die Geschlossenheit in Verbindung mit einem klar und streng strukturierten Tagesablauf als einen notwendigen äußeren Rahmen, der pädagogische Prozesse überhaupt erst wieder ermöglicht. Offensichtlich kann „die innere und äußere Lebensrealität schwer beeinträchtigter Jugendlicher durch einen pädagogischen Zugang wesentlich gebessert werden, der neben einem schützenden Rahmen auch einen therapeutischen Raum für intensive persönliche Auseinandersetzungen bereitstellt. Dazu gehören u.a. ein strukturierter Tagesablauf, normverdeutlichende Grenzsetzungen und Konfrontationen mit der inneren und äußeren Realität. Die pädagogisch-therapeutischen Interventionen orientieren sich dabei an der inneren Entwicklungslogik der Betroffenen und gleichermaßen an unerlässlichen Anforderungen der äußeren Realität“ (Ahrbeck/Stadler 2000; 26).

Aus Sicht des pädagogischen Fachpersonals ist die heiminterne Schule (n = 62) eine unabdingbare Notwendigkeit für das Gelingen einer erfolgreichen geschlossenen Unterbringung: 47 % der Pädagogen hielten den regelmäßigen Schulbesuch unserer Klientel für sehr, 28 % für ziemlich hilfreich. 15 % hatten Schwierigkeiten, die Frage eindeutig zu beantworten („teils-teils“). Lediglich 6 % waren der Ansicht, dass die Heimschule nur wenig förderlich für die betreffende Jugendliche war. Niemand bezeichnete die heiminterne Schule als unwichtig.

↓199

Am ambivalentesten äußerte sich das Fachpersonal bzgl. der internen und externen Freizeitaktivitäten des Heimes (n = 64): 41 % konnten hier den Stellenwert für die Weiterentwicklung der Mädchen nicht klar bestimmen („teils-teils“). In 6 % der Fälle wurde von einer sehr hohen, in 17 % der Fälle von einer ziemlichen Bedeutung gesprochen. 45 % waren skeptisch und sprachen von „wenig hilfreich“, 6 % von „gar nicht hilfreich“.

Die individuell-geschlossenen Gruppen in Gauting verfügen heimintern über eine Vielzahl von Möglichkeiten einer sinnvollen Freizeitgestaltung: Schwimmbad, Sauna, Turnhalle, Fitnessraum, Tennisplatz, zwei große Trampoline; weiterhin Räumlichkeiten für Basteln, Töpfern, Billard, Meditation und Musizieren (Heimband); Internetcafe. Heimextern werden für Jugendliche mit entsprechendem Ausgang kulturelle Angebote (Kino, Ausstellungen, Konzerte etc.) genutzt. Darüber hinaus bietet die Umgebung ringsum viele sportliche Möglichkeiten: Reiterhöfe, Joggen, Radtouren um einen See, Ski fahren etc.

Hauptschwerpunkte der Freizeitgestaltung liegen im Mädchenheim Gauting im sportlich-motorischen Bereich. Dass nur etwa ein Viertel der befragten Pädagogen diesem Item eine Bedeutung zumessen, lässt die Frage zu, ob nicht für Mädchen eine Freizeitgestaltung mehr Gewichtung in Richtung musischer-meditativer-gestalterischer (kreativer) Bereich erfahren sollte.

↓200

Eine Zusammenfassung und Interpretation dieser Einschätzungsergebnisse von Seiten der Erwachsenen ist am Ende des folgenden Kapitels zu finden.

Vergleichsstudie Eigen – vs. Fremdeinschätzung durch die Heimpädagogen

Im folgenden soll ein Vergleich von 38 Beurteilungen erfolgen, von welchen gleichzeitig eine Eigeneinschätzung (=Mädchen) und Fremdeinschätzung (=Betreuer) vorliegen (siehe Anhang 1 und 3a). Dabei sollen je Frage in einer Graphik Eigen- und Fremdeinschätzung kenntlich gemacht werden.

Tab. 42 Aufenthalt in der geschlossenen Gruppe hilfreich ? (n=38)

↓201

Aus der Tab. 42 wird ersichtlich, dass bei der Fragestellung nach der Effektivität der geschlossenen Unterbringung nur geringfügige Abweichungen zwischen Fremd- und Eigeneinschätzung bestehen.

Nicht nur Betreuerinnen, auch die Jugendlichen erkennen, dass sie selbst von dem besonders intensiven pädagogisch-therapeutischen Setting profitieren können, das „verdichtete Beziehungs- und Erziehungserfahrungen“ (Ahrbeck 1997) beinhaltet. Gleichzeitig machen die Mädchen in den meisten Fällen die Erfahrung, dass für junge Menschen, für die dieses Setting sich als nicht hilfreich erweist, baldmöglichst in einem Hilfeplangespräch nach einer sinnvollen Alternative zur geschlossenen Unterbringung gesucht wird. Die „initiale Beziehung der jungen Menschen zur Einrichtung ist durch eine hohe Ambivalenz gekennzeichnet: Einerseits wird die freiheitsentziehende Struktur gefürchtet, sie ist angstbesetzt. Andererseits sind die Jugendlichen erleichtert, dass sie eine zugespitzte, kaum noch erträgliche Lebenssituation hinter sich lassen können“ (Ahrbeck/Stadler 2000; 25). Die dissozialen und delinquenten Mädchen erleben die geschlossene Unterbringung in den meisten Fällen bereits nach wenigen Wochen als einen Schutz- und Schonraum, der sie „von gefährlichen Außeneinflüssen fernhält und eigene unkontrollierte Impulshandlungen reduziert“ (s.o.)

Im folgenden die Frage nach dem baulich-geschlossenen Rahmen:

↓202

Tab. 43 War der baulich-geschlossene Rahmen hilfreich ? (n=38)

Bei dieser Fragestellung gab es sichtbar deutlichere Differenzen bzgl. Fremd- und Eigeneinschätzung, insbesondere bei der Bewertung von „ziemlichen“, „wenigen“ und „gar keinen“ Effekten. Etwa die Hälfte der Mädchen und ein Drittel der pädagogischen Betreuer sind sich unschlüssig bzw. sind nicht ernsthaft davon überzeugt, dass der baulich geschlossene Rahmen ein dominierender Effekt für positive Fortschritte war. Bereits an anderer Stelle ist erwähnt, dass einige Mädchen der Ansicht sind, dass es ihre feste Willenskraft, nicht die verschlossene Tür war, die sie am Entweichen hinderte.

Die Frage nach dem Nutzen des Gruppengespräches:

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Tab. 44 War das Gruppengespräch hilfreich ? (n=38)

Hier zwei größere Abweichungen bzgl. „ziemlich“ und „gar nicht“: Die Betreuer schätzten insgesamt die positiven Effekte des Gruppengespräches höher ein als die Mädchen selbst. Für nicht wenige Mädchen ist das Gruppengespräch angstbesetzt; zumindest erfordert es in hohem Maße Disziplin und Ausdauer. Von ihrem Herkunftsmilieu kennen sie in der Regel diese Form des Gespräches nicht.

Dito die Frage nach dem Nutzen des Einzelgespräches mit dem Betreuer:

↓204

Tab. 45 War das Einzelgespräch hilfreich ? (n=38)

Bei dieser Fragestellung waren summarisch keine größeren Differenzen ersichtlich. Interessanterweise waren die Pädagogen bei der Beantwortung dieser Frage deutlich unschlüssiger als die Mädchen selbst. Nicht immer ist für die Betreuerin (sofort) ersichtlich, ob und wenn, welche Inhalte/Appelle eines Einzelgespräches das Gegenüber akzeptiert, verinnerlicht und umsetzt. Insbesondere bei lernbehinderten Mädchen bedarf es einer Gesprächsführung, die sich durch Anschaulichkeit der Inhalte und Geduld auszeichnet.

Im folgenden die Fragestellung nach den Effekten der Gruppe(ngemeinschaft):

↓205

Tab. 46 War die Gruppe hilfreich ?

Hier gab es eine deutlich unterschiedliche Betrachtungsweise. Das pädagogische Personal zweifelte mehr an positiven Lerneffekten durch die Gruppe (im Sinne einer Ansammlung von Dissozialen) als die Betroffenen selber. Gründe dafür sind weiter oben bereits genannt (s. 6.3.1.2.1). Fühlen sich Dissoziale unter ihresgleichen besonders wohl ? Ist die Sichtweise der Betreuerinnen zu kritisch ? Möglicherweise hätte diese Fragestellung besser differenziert bzw. spezifiziert werden sollen !

Die Fragestellung nach dem geregelten Tagesablauf im Heimalltag:

↓206

Tab. 47 War der strukturierte Tagesablauf hilfreich ?

Im Unterschied zur vorherigen Frage sahen die Erwachsenen den geregelten Tagesablauf nutzbringender als die Jugendlichen selber, die in diesem Fall wohl überwiegend an negativ konnotierte Verpflichtungen wie Putzdienste, Einkäufe für die Gruppe etc. dachten. So wichtig ein stark strukturierter Tagesablauf für Dissoziale ist, sie selber erleben ihn – zumindest anfänglich nach im Vorfeld erlebter „grenzenloser Freiheit“ auf Trebe – als durch und durch anstrengend. Jahre nach ihrer Entlassung, beispielsweise bei den jährlich stattfindenden Ehemaligentreffen, bestätigen sie jedoch die damalige Wichtigkeit gerade dieses Strukturelementes.

Die Frage nach dem Nutzen der Heimschule:

↓207

Tab. 48 War die Heimschule hilfreich ?

Abgesehen von vier Mädchen, die überhaupt keinen positiven Nutzen für sich aus der Heimschule ziehen konnten, war eine erstaunliche Übereinstimmung bei dieser Fragestellung festzustellen: Der hiesige Schulbesuch wurde überwiegend als positiv betrachtet. Das im eigenen Besitz befindliche Dokument eines (Zwischen-)Zeugnisses ist sichtbarer und zumeist stolzer Ausdruck eines erfolgreichen Lebensabschnittes.

Die Frage nach den Freizeitangeboten des Heimes:

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Tab. 49 Waren die Freizeitangebote des Heimes hilfreich ?

Die betroffenen Jugendlichen schätzten die Freizeitangebote des Heimes Gauting durchwegs positiver, d.h. für sich selbst gewinnbringender ein, als es die Betreuerinnen taten. Eine Erklärung für die Skepsis letzterer ist schwierig. Vermutlich wird der Effektivität der Gesprächskultur im Mädchenheim Gauting eine höhere Wertigkeit als der von (Freizeit-)Aktivitäten beigemessen. Andererseits scheint sich hier die Hypothese so mancher Pädagogen dieser Einrichtung zu bestätigen, dass Beziehungsaufbau zu Dissozialen besonders leicht über (gemeinsame) Aktivitäten zu erreichen ist.

Zusammenfassung:

↓209

Was die Elemente, Methoden und pädagogischen Techniken im Heimalltag betrifft, gibt es in der Einschätzung ihrer Wichtigkeit für positive Verhaltensfortschritte der Klientel unterschiedliche Sichtweisen zwischen pädagogischem Fachpersonal und Mädchen.

Die Erwachsenen messen dem baulich-geschlossenen Rahmen, dem geregelten Tagesablauf im Heim sowie dem Gruppengespräch eine höhere Gewichtung bei als die Jugendlichen. Letztere glauben, aus ihrer Mädchengruppe, aus Einzelgesprächen mit Betreuerinnen sowie aus Freizeitaktivitäten den meisten Gewinn gezogen zu haben. Die spezifische Baulichkeit und die sich stets wiederholende Tagesstruktur wird von vielen rasch als eine selbstverständliche Gegebenheit angesehen, so manches Einzelgespräch und so manche erlebnispädagogische Aktion dagegen als ein nachhaltig in Erinnerung bleibendes „Highlight“ gewertet. Anders ausgedrückt: Die z.T. unterschiedlichen Sichtweisen spiegeln keinen wirklichen Widerspruch: Die Betreuer sehen die Wichtigkeit äußerer Rahmenbedingungen, die die Mädchen bei Aufnahme im Heim als gegeben bzw. selbstverständlich vorfinden und somit – prozessorientiert – Erfolgsfaktoren anders bewerten.

Insgesamt gesehen liegen die Einschätzungen zwischen den beiden Gruppierungen jedoch nicht eklatant auseinander. Auffallend ist, dass sich die jungen Menschen deutlich leichter tun, klare Stellung zu den Fragen zu beziehen, die Erwachsenen dagegen öfters Mal die Verlegenheitsantwort „teils-teils“ ankreuzen. Die Mädchen können für sich unmittelbar bestimmen, was sie im konkreten Heimalltag als hilfreich erleben; die sie betreuenden Pädagogen können oftmals nur mittelbar bzw. mit Zeitverzögerung erschließen, welche pädagogische Interventionen wirksam waren.

↓210

Interessanterweise verändern sich die Einschätzungen im Lauf der Jahre und auf Grund der jeweils aktuellen Lebenssituation und Zufriedenheit der jungen Menschen mit sich und der Zukunft (BMFSF 1998; 31). Tendenziell werten die Jugendlichen einzelne Anstöße der Hilfe zu späteren Zeitpunkten als hilfreicher, als sie dies im Rückblick in der Bewertung der Hilfe zum Zeitpunkt der Beendigung tun. In der Erinnerung wandeln sich die Erfahrungen und gewinnen vor dem Hintergrund aktueller Anforderungen eine jeweils neue Bedeutung. Gerade mit wachsender (zeitlicher) Distanz wird das Heim dann oft – wie viele Ehemalige bei Telefonaten oder Ehemaligentreffen berichten - als ein zweites und neues Zuhause, als Anerkennung und Bestärkung für ihre Person und ihren weiteren Lebensweg, aber auch Unterstützung in wichtigen Lebensthemen gesehen.

Fremdeinschätzung Heimpädagogen, 2. Teil

Des weiteren wurde das pädagogische Personal gebeten, charakteristische Verhaltensweisen bzw. Einstellungen ihrer Zöglinge zu zwei verschiedenen Zeitpunkten (Aufnahme- und Entlasszeitpunkt) zu beurteilen. Voraussetzung für die Aufnahme einer Beurteilung in die hiesige Studie war, dass der Bezugsbetreuer das geschlossen untergebrachte Mädchen von Anfang an betreut hatte. Anhand von Rating-Skalen (s. Anhang 3b) sollten jeweils aktuell gezeigte(s) Verhalten/Einstellungen bewertet werden. Verhaltensweisen, die für die zu Beurteilenden nicht zutrafen, sollten durch Nicht-Ausfüllen der betreffenden Frage gekennzeichnet werden. Um in die hiesige Studie aufgenommen zu werden, musste das Mädchen mindestens vier Monate im geschlossenen Setting gelebt haben; in den meisten Fällen handelt es sich um einen 1-Jahres-zeitraum.

Insgesamt wurden 64 Jugendliche von ihren Gruppenerziehern beurteilt.

↓211

Im folgenden seien die Ergebnisse zu den einzelnen Items genannt:

Tab. 50 Aggressives Verhalten (n = 55)

Konkret verbesserten sich nach Angaben der Betreuerinnen zehn Mädchen um 1, neun Mädchen um 2, acht Mädchen um 3, drei Mädchen um 4 und eine sogar um 5 Punkte bzgl. ihres aggressiven Verhaltens. Sechs Klientinnen verschlechterten sich um 1, zwei um 2, ebenso zwei um 3 und je eine um 4 bzw. 5 Punkte. Bei zwölf Jugendlichen gab es keine Veränderung.

↓212

Somit gibt das pädagogische Personal an, dass sich 56 % der Mädchen bzgl. ihrer Aggressivität verbesserten und 22 % verschlechterten. Ebenfalls 22 % zeigten keine Änderung. 14 % aller Probandinnen wurden als grundsätzlich nicht aggressiv beschrieben.

Tab. 51 Autoaggression (n=47)

Vierzehn Jugendliche konnten sich um 1, sechs um 2, sieben um 3 und drei um 4 Punkte verbessern. Sieben verschlechterten sich um 1 und je eine um 2 bzw. 3 Punkte. Bei vierundzwanzig Mädchen trat keine Änderung ein.

↓213

Etwa zwei Drittel der Probandinnen zeigten nach Einschätzung der Erwachsenen weniger autoaggressives Verhalten, jedes fünfte Mädchen jedoch mehr. 17 % hatten keine Veränderung; gut ein Viertel der Befragten (26,5 %) wurde prinzipiell als nicht autoaggressiv beurteilt.

Tab. 52 Depressives Verhalten (n = 50)

Acht Klientinnen konnten sich nach Angaben der Betreuer um 1, zwölf um 2, sieben um 3, zwei um 4 und eine sogar um 5 Punkte verbessern. Fünf verschlechterten sich um 1 Punkt. Bei fünfzehn Jugendlichen gab es keine Veränderung.

↓214

Das heißt: Dieser Einschätzung zufolge konnten 60 % der Mädchen depressives Verhalten abbauen, 30 % blieben ohne Änderung, 10 % wurden im Laufe ihres Hierseins depressiver. 22 % aller Befragten wurden von vornherein als nicht depressiv bezeichnet.

Tab. 53 Selbstmordgedanken (n = 39)

Elf Mädchen verbesserten sich gemäß Erziehereinschätzung um 1, sieben um 2, fünf um 3, drei um 4 und eine um 5 Punkte. Ein einziges Mädchen verschlechterte sich um 1 Punkt. Bei zehn Mädchen trat keine Veränderung ein.

↓215

Das heißt: Mehr als zwei Drittel der jungen Menschen (69 %) hatten am Ende ihres Heimaufenthaltes nach Angaben ihrer Betreuerinnen eine geringere Suizidgefährdung und lediglich 2 % diesbezüglich einen erhöhten Faktor. Bei 28 % der Betroffenen gab es keine Änderung. 39 % der beurteilten Mädchen wurden prinzipiell als nicht suizidgefährdet eingeschätzt.

Tab. 54 Ängstliches Verhalten (n = 58)

Neun Jugendliche verbesserten sich nach Einschätzung der Bezugsbetreuer um 1, fünfzehn um 2, sechzehn um 3 und je eine um 4 bzw. 5 Punkte. Drei Mädchen verschlechterten sich um 1, eine um 2 Punkte. Bei zwölf Jugendlichen trat keine Veränderung ein.

↓216

Das heißt: Annähernd von drei Viertel der Mädchen (72 %) wurde vermutet, dass sie ihr ängstliches Verhalten abbauen konnten; bei 7 % nahm die Angst zu, 21 % hatten diesbezüglich keine Verhaltensänderung. 9 % aller Mädchen wurden generell als nicht ängstlich eingeschätzt.

Tab. 55 Distanzloses Verhalten (n = 35)

Die Betreuerinnen schätzten sieben Mädchen um 1, acht um 2 und fünf um 3 Punkte verbessert bzgl. ihres distanzlosen Verhaltens ein; vier Mädchen verschlechterten sich um 1 Punkt. Bei elf Mädchen gab es keine Änderung.

↓217

Das heißt: Gemäß der Einschätzung der Erwachsenen machten hier 57 % der Mädchen positive und 11 % negative Fortschritte. 31 % blieben unverändert. 45 % aller an der Stichprobe teilgenommenen jungen Menschen wurden als nicht distanzlos beurteilt.

Tab. 56 Sexuelle Auffälligkeiten (n = 34)

Dreizehn Jugendliche konnten sich nach Einschätzung der Pädagogen um 1, drei um 2 und eine um 3 Punkte verbessern. Fünf Jugendliche verschlechterten sich um 1, zwei um 2 und je eine um 3 bzw. 4 Punkte. Bei dreizehn Mädchen trat keine Änderung ein.

↓218

Das heißt: Das Betreuungspersonal beurteilte in puncto sexuelle Auffälligkeiten eine positive Veränderung von 50 % und eine negative von 26 %. 23 % der Mädchen blieben unverändert. 45 % aller beurteilten Jugendlichen wurde kein sexualisiertes Verhalten attestiert.

Tab. 57 Alkohol-/Drogenkonsum (n = 54)

Das pädagogische Personal sah bei zehn Mädchen 1, bei neun 2, bei drei 3, bei sechs 4 und bei zwei sogar 5 Verbesserungspunkte. Vier Mädchen verschlechterten sich um 1, eine um 3 Punkte. Bei neunzehn Mädchen gab es keine Veränderung.

↓219

Das heißt: 56 % der Mädchen konnten Auffälligkeiten im Drogenbereich reduzieren, bei 9 % kam es zu einer Verschlechterung, 35 % blieben unverändert. Bei 16 % aller Jugendlichen sah man in diesem Bereich keine Problematik.

Tab. 58 Körperliche/Psychosomatische Beschwerden (n = 53)

Zehn Jugendliche konnten sich gemäß Einschätzung der pädagogischen Mitarbeiter um 1, elf um 2, drei um 3 und drei um 4 Punkte verbessern. Drei Jugendliche verschlechterten sich um 1, zwei um 2 Punkte. Bei einundzwanzig Mädchen gab es keine Veränderung.

↓220

Das heißt: Nach dem Urteil der Bezugsbetreuerinnen konnte die Hälfte der Mädchen (51 %) ihre körperlichen/psychosomatischen Beschwerden minimieren bzw. ablegen. Bei 9 % nahmen die Beschwerden eher noch zu, bei 40 % blieben sie unverändert. 17 % der untersuchten Population hatten diesbezüglich keine Beschwerden.

Tab. 59 Impulsivität (n = 53)

Neunzehn Mädchen verbesserten sich nach Meinung ihrer Betreuer um 1, neun um 2 und fünf um 3 Punkte. Vier Mädchen verschlechterten sich um 1, sieben um 2 und je ein Mädchen um 3 bzw. 4 Punkte. Bei sieben Mädchen gab es keine Veränderung.

↓221

Das heißt: Knapp zwei Drittel der Probandinnen (62 %) verhielten sich in der Beurteilung der Erwachsenen am Ende ihres Heimaufenthaltes weniger impulsiv. Ein Viertel (25 %) dagegen mehr. In 13 % der Fälle gab es keine Veränderung. Insgesamt wurden 17 % als nicht impulsiv eingeschätzt.

Tab. 60 Entweichgedanken (n = 64)

Elf Jugendliche verbesserten sich gemäß dem Urteil der Pädagogen um 1, fünf um 2, neun um 3, sechs um 4, siebzehn gar um 5 und drei um die Maximalzahl 6 Punkte. Zwei Jugendliche verschlechterten sich um 1, eine um 3 und eine weitere um 6 Punkte. Bei sechs Jugendlichen gab es keine Veränderung.

↓222

Das heißt: Bei vier Fünftel der Mädchen (81 %) nahmen die Entweichgedanken ab und bei 6 % zu. Bei weiteren 12 % wurden keine Änderung konstatiert. Kein einziges Mal wurde die Antwort „trifft nicht zu“ gegeben: Der Schluss liegt nahe, dass alle Mädchen zumindest zu irgend einem Zeitpunkt ihres Hierseins Entweichgedanken hatten.

Tab. 61 Eigentumsdelikte (n = 40)

Sieben Mädchen verbesserten sich nach dem Urteil ihrer Betreuer um 1, acht um 2, zwei um 3 und vier um 4 Punkte. Drei Mädchen verschlechterten sich um jeweils 1 Punkt. Bei sechzehn zeigten sich keine Veränderungen.

↓223

Das heißt: Bei gut der Hälfte der Mädchen (52 %) nahmen Eigentumsdelikte ab, bei 8 % eher zu. Bei 40 % gab es keine Veränderung. 38 % aller Mädchen hatten laut Betreuer keine Probleme mit Eigentumsdelikten.

Tab. 62 Lebenszufriedenheit (n = 64)

Zweiundzwanzig Mädchen konnten sich laut Einschätzung ihrer Erzieherinnen um 1 Punkt, zehn um 2, dreizehn um 3, acht um 4 und eine um 5 Punkte verbessern. Vier Mädchen verschlechterten sich um 1 und je eine um 2 bzw. 3 Punkte.

↓224

Das heißt: 85 % der Mädchen waren am Ende ihres geschlossenen Heimaufenthaltes insgesamt zufriedener als in der Anfangszeit, 9 % weniger zufrieden. Bei 6 % gab es bei diesem Item keine Änderung.

Tab. 63 Emotionale Stabilität/Ich-Stärke (n = 64)

Siebzehn Klientinnen verbesserten sich nach Einschätzung ihrer Betreuer um 1, neun um 2, zweiundzwanzig um 3, drei um 4 und eine um 5 Punkte. Zwei Klientinnen verschlechterten sich um 1, eine weitere um 2 Punkte. Bei neun Mädchen gab es keine Veränderung.

↓225

Das heißt: Vier Fünftel der Mädchen (81 %) fühlten sich am Ende ihres Heimaufenthaltes emotional stabiler, 4 % weniger stabil. Bei 14 % gab es diesbezüglich keine Veränderung.

Tab. 64 Über-Ich-Stärke (n = 64)

Dreiundzwanzig Jugendliche konnten sich dem Urteil ihrer Erzieher zufolge um 1, acht um 2, neun um 3 und je eine um 4 bzw. 5 Punkte verbessern. Drei Jugendliche verschlechterten sich um 1, eine um 2 und zwei um 4 Punkte. Bei sechzehn Jugendlichen gab es keine Änderung.

↓226

Das heißt: Bei zwei Drittel der Klientinnen (66 %) nahm die Über-Ich-Stärke zu, bei 9 % dagegen ab. Bei einem Viertel der Beurteilten (16 %) gab es keine Änderung.

Tab. 65 Selbständigkeit (n = 64)

Sechsundzwanzig Mädchen konnten sich nach Einschätzung der pädagogischen Mitarbeiter um 1, zwölf um 2 und elf um 3, fünf um 4 und zwei um 5 Punkte verbessern. Nur ein einziges Mädchen verschlechterte sich um 3 Punkte. Bei sieben Mädchen gab es keine Änderung.

↓227

Das heißt: 88 % der jungen Menschen wurden zum Zeitpunkt ihrer Entlassung als selbständiger, 2 % als unselbständiger bezeichnet. In 11 % der Fälle gab es keine Veränderung.

Tab. 66 Selbst- und Willenskontrolle (n = 64)

Fünfundzwanzig junge Menschen verbesserten sich gemäß Betreuerurteil um 1, dreizehn um 2, neun um 3 und drei um 4 Punkte. Eine einzige verschlechterte sich um 2 Punkte. Dreizehn junge Menschen blieben unverändert.

↓228

Das heißt: 78 % der Mädchen hatten mehr, 2 % weniger Selbst- und Willenskontrolle zum Zeitpunkt ihrer Entlassung. Bei jedem fünften Mädchen (20 %) gab es keine Änderung.

Tab. 67 Selbstbewusstsein (n = 64)

Vierzehn Jugendliche verbesserten sich nach Einschätzung der Erwachsenen um 1, achtzehn um 2, vierzehn um drei, fünf um 4 und eine um 5 Punkte. Zwei Jugendliche verschlechterten sich um je 2 Punkte. Zehn Jugendliche blieben unverändert.

↓229

Das heißt: Vier Fünftel der Mädchen (81 %) konnten ihr Selbstbewusstsein im Laufe des Hierseins steigern, bei 3 % war das Gegenteil der Fall. 16 % blieben diesbezüglich unverändert.

Tab. 68 Gesundheitsbewusstsein (n = 64)

Zwanzig Mädchen verbesserten sich laut Erzieherurteil um 1, neun um 2, drei um 3, zwei um 4, eine sogar um 6 Punkte. Ein Mädchen verschlechterte sich um 1 Punkt. Achtundzwanzig Mädchen blieben unverändert.

↓230

Das heißt: Etwas mehr als die Hälfte der Mädchen (55 %) entwickelte während ihres Hierseins Gesundheitsbewusstsein, 1 % der Mädchen verschlechterte sich in diesem Bereich. Keine sichtbaren Änderungen gab es in 44 % der Fälle.

Tab. 69 Verarbeitung des sexuellen Missbrauchs (n = 21)

In je sechs Fällen wurde vom Erziehungspersonal angenommen, dass eine geringfügige (+ 1 Punkt) bzw. eine etwas bessere (+ 2 Punkte) und einmal eine relativ gute (+ 3 Punkte) qualitative therapeutische Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs stattgefunden hat. Diesbezüglich gab es in keinem Falle eine Verschlechterung. Bei acht Mädchen gelang keine Verbesserung in der Aufarbeitung ihrer Traumatisierung.

↓231

Das heißt: 62 % der betroffenen Mädchen konnten ihr Trauma (ansatzweise) aufarbeiten, 38 % dagegen nicht. Eine Retraumatisierung bzw. Verschlechterung der Symptomatik wurde nicht gemeldet.

Tab. 70 Qualitative/quantitative Verbesserung des Freizeitverhaltens (n = 54)

Neunzehn Mädchen verbesserten sich im Erzieherurteil um 1, sieben um 2, acht um 3, fünf um 4 und eine um 5 Punkte. Ein Mädchen verschlechterte sich um 1, zwei andere um 2 Punkte. Elf Mädchen blieben unverändert.

↓232

Das heißt: Knapp drei Viertel der Jugendlichen (74 %) erlernten während des Hierseins eine sinnvollere Freizeitbeschäftigung. Für 6 % galt das Gegenteil. 20 % änderten ihr Freizeitverhalten nicht. Für 12 % galt, dass sie von Anfang an in diesem Bereich kein Defizit hatten.

Tab. 71 Realistische Entwicklung von Zukunftsperspektiven (n = 64)

Dreizehn Jugendliche verbesserten sich in der Beschreibung der Erzieher um 1, zehn um 2 fünfzehn um 3, acht um 4 und vier um 5 Punkte. Eine Jugendliche verschlechterte sich um 2 und eine weitere um 3 Punkte. Zwölf Jugendliche blieben unverändert.

↓233

Das heißt: Drei Viertel der Mädchen (78 %) konnten im Laufe ihres Hierseins eine realistischere Zukunftsperspektive entwickeln, bei 3 % der Untersuchten war das Gegenteil der Fall.

Tab. 72 Kontakte zu Eltern/Angehörigen (n = 64)

Zehn Klientinnen verbesserten sich nach Einschätzung der Pädagogen um 1, sechs um 2, neun um 3, zehn um 4 und eine um 5 Punkte. Drei Klientinnen verschlechterten sich um 1, drei um 2, ebenfalls drei um 3 und eine um 4 Punkte. Achtzehn Mal blieb der Kontakt unverändert.

↓234

Das heißt: In 56 % der Fälle entwickelte sich der Kontakt zu den Angehörigen positiv, in 16 % der Fälle eher negativ. Bei 28 % der Mädchen blieb der Kontakt unverändert.

Die beiden letzten Items „Zimmerordnung“ und „Hygiene“ werden an dieser Stelle wegen ihrer vergleichsweise geringeren Bedeutung nicht eigens tabellarisch aufgeführt. Bei beiden Fragestellungen verschlechterte sich niemand während des geschlossenen Aufenthaltes. Was die „Zimmerordnung“ (n = 60) betrifft, verbesserten sich 36 Mädchen (24 blieben unverändert); was die „Hygiene“ (n = 56) betrifft, verbesserten sich 30 Mädchen (26 blieben unverändert).

Zusammenfassung:

↓235

Wenn die subjektiven Einschätzungen des pädagogischen Betreuungspersonals in der Anfangs- und später dann in der Entlassphase der Klientel zutreffen, dann entwickelten sich die beurteilten Mädchen, die im Durchschnitt ein knappes Jahr individuell-geschlossen untergebracht waren, in allen Verhaltensweisen/Einstellungen überwiegend positiv.

Es gab keine Verhaltensweisen/Persönlichkeitsmerkmale, bei welchen die beurteilten Werte bzgl. einer Stagnation bzw. einer Verschlechterung – selbst in Addition beider Werte (s. jeweils die rechte Tabelle) – die einer allgemeinen Verbesserung übertroffen hätten. Nichtsdestotrotz fielen die Verbesserungs- bzw. Verschlechterungswerte unterschiedlich hoch aus.

Die möglicherweise geringsten positiven Fortschritte waren bei den für Dissoziale typischen Charakteristika „Aggression“, „Impulsivität“ und „sexuelle Auffälligkeiten“ zu verzeichnen.

↓236

Die dissozialen und oft delinquenten Jugendlichen bringen bei Eintritt in das geschlossene Setting in der Regel ein großes Maß an Aggressivität mit. Die befristet geschlossene Unterbringung „steigert die Aggressionsbereitschaft der Minderjährigen zunächst noch, zumal der Wechsel von der `grenzenlosen Freiheit´ auf Trebegang zum streng strukturierten Tagesablauf enorme Anforderungen stellt“ (Ahrbeck/Stadler 2000). Das neue Setting erschwert es den Jugendlichen, bei Konflikten sich wie bisher zu entziehen (z.B. durch Entweichen), sodass (Auto-)Aggression zunächst als einzige Konfliktlösung bleibt. Das Mädchenheim Gauting, das mit seinem Setting in erster Linie auf Verhaltensmodifikation zielt, kann in einer relativ kurzen Zeitspanne bei einem relativ stabilen Persönlichkeitsmerkmal wie „Aggressivität“ nur bedingt Veränderungen herbeiführen.

Impulsivität in der Wahrnehmung und im Handeln tritt nicht selten in Kombination mit Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität auf (Loeber 1990). Bei vorliegender Impulsivität lernen Kinder schlecht aus Erfahrungen, und sie können Konsequenzen ihres Handelns nur ungenügend vorhersehen (Petermann 2002; 237). Insbesondere hyperkinetisch-impulsives Verhalten unterliegt deutlich genetischen Einflüssen (Schmidt 2001; 133). Das bedeutet, dass ähnlich wie Aggressivität auch Impulsivität relativ verhaltensresistent, also kaum in kurzer Zeit positiv verändert werden kann.

Auch bei somatoformen Störungen wird neuesten Forschungen zufolge von nicht unerheblichen genetischen Dispositionen ausgegangen (Schmidt 2001; 134). Dissoziale haben im Vorfeld der geschlossenen Heimunterbringung oft lange Zeit ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit auf der Straße gelebt. Im Schutzraum des geschlossenen Settings `hören´ die Betroffenen erstmals wieder auf ihre körperlichen Symptome. (Zahn-)Ärztliche Behandlung z.T. auch über einen längeren Zeitraum bestimmt während ihres Hierseins nicht unwesentlich das Tagesgeschehen, so dass bei den Betreuerinnen durchaus der Eindruck entstehen kann, dass körperliche/somatoforme Beschwerden sich z.T. nur wenig verändern. Ein möglicher Krankheitsgewinn für die Jugendlichen liegt hier in der Einzelzuwendung des Erziehers (z.B. letzterer begleitet das Mädchen zum Arzt etc.)

↓237

Die geringsten positiven Fortschritte sind bei „sexuellen Auffälligkeiten“ zu verzeichnen. Von den im Mädchenheim Gauting Aufgenommenen sind etwa die Hälfte der Klientinnen sexuell missbraucht. In Konsequenz des sexuellen Übergriffes wurden sie häufig in ihrer Peer-Gruppe promiskuitiv und sexualisierten in unangebrachter Form viele ihrer sozialen Beziehungen: Sexualität im Austausch für (soziale) Zuwendung und Aufmerksamkeit: Emotionalität wird gemäß ihrer Lernerfahrungen stark in Zusammenhang mit Sexualität gesehen. Kontaktdefizite zum anderen Geschlecht werden durch wechselnde sexuelle Kontakte ausgeglichen, in der Annahme, dass nur in dieser Form ihr männliches Gegenüber sich mit ihnen beschäftigt und über Sexualität können sie das andere Geschlecht manipulieren. Nicht selten versuchen die Jugendlichen im Sinne von „Angriff ist die beste Verteidigung“, den „Übergriff unter ihre Kontrolle zu bekommen, indem sie die sexuelle Initiative ergreifen“ (Trepper/Barrett 1992; 316). Die oben erwähnten, relativ gering eingeschätzten Fortschritte in diesem Bereich lassen vermuten, dass in vielen Fällen sexualisiertem Verhalten ein stark internalisiertes Lebensprogramm zugrunde liegt, das in relativ kurzer Zeit und ohne zusätzliche Einzelpsychotherapie nur graduell bzw. nur in Einzelfällen positiv verändert werden kann. Dennoch ist das Ergebnis bemerkenswert.

Überraschend hoch schätzen dagegen die Betreuer Erfolge freiheitsentziehender Maßnahmen beim depressiven bzw. neurotischen Störungsbild ein (depressives Verhalten, Suizidgedanken und -handlungen – vor allem aber ängstliches Verhalten). Schmidt (2001; 133 f) führt aus, dass (reaktive) Depressionen, spezifische Phobien, vor allem aber suizidales Verhalten weitgehend umweltabhängig, also psychische Störungen ohne wesentliche genetische Mitursache sind. Somit greift in diesen Bereichen das verhaltenstherapeutisch orientierte Konzept des Mädchenheims Gauting sichtbarer bzw. deutlicher. In dem beziehungsmäßig dichten Setting sind die Mädchen wenig sich selbst überlassen, zusätzlich lässt der stark strukturierte Tagesablauf ihnen wenig Zeit für depressive bzw. suizidale Gedanken. Intensivbetreuung scheint Sicherheit zu vermitteln.

Alkohol- und Drogengefährdung nimmt in der Zeit der geschlossenen Heimunterbringung deutlich ab, was sicherlich nicht nur auf eine Einstellungsveränderung, sondern auch auf Mangel an Gelegenheiten zu einem entsprechenden Konsum zurückzuführen ist. Ein Mangel an entsprechenden Reizen (wie z.B. im Bahnhofsmilieu) lässt erfahrungsgemäß rasch das Bedürfnis nach Suchtstoffen verschwinden, zumal die jungen Menschen im Vorfeld der geschlossenen Unterbringung in der Regel lediglich im Probierstadium waren. Möglicherweise schreckt die Jugendlichen trotz entsprechender Alleinausgänge und damit Möglichkeiten zu (heimlichem) Alkohol/Drogengenuss auch die Angst vor Drogentests und daraus resultierende negative Konsequenzen. So werden stichprobenartig bzw. bei Verdacht die Jugendlichen kontrolliert, ob sie im Besitz entsprechender Waren sind, was – wenn es zutrifft – zu Ausgangsreduzierungen führt.

↓238

Auch Gedanken an Entweichungen/Trebegang nehmen deutlich ab: ein Indiz dafür, dass geschlossene Heimunterbringung Weglaufgedanken als Konfliktlösungsmuster erheblich reduziert? Oder einfach eine Anpassungsleistung bzw. ein Unterwerfungsakt von Seiten der Mädchen unter das hiesige Setting? Letzteres muss ersteres nicht ausschließen; zumal dann, wenn Gauting für so manches Mädchen im Laufe seines Hierseins zu einer Art `zweiter Heimat´ geworden ist.

Emotionale Stabilisierung (`Ich´-Stärkung) gelingt sichtbar und etwas besser als `Über-Ich´-Stärkung: Gewissensbildung braucht anscheinend mehr Zeit.

Erfreulich ist der hohe Zugewinn an Lebenszufriedenheit, Selbst- und Willenskontrolle, Selbstbewusstsein und Selbständigkeit: Einstellungen bzw. Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft nicht unbedingt mit Heimzöglingen assoziert werden.

↓239

Sexuell missbrauchte Mädchen erleben in den meisten Fällen – oft bereits von Anfang an - ihre geschlossene Heimunterbringung als einen angstfreien Schutz- und Schonraum, in welchem sie erstmals ihr ihnen zugefügtes Leid thematisieren können. Geschlossene Unterbringung kann hier als eine persönliche Stabilisierung und Vorbereitung auf eine spätere psychotherapeutische Aufarbeitung des Missbrauchs gesehen werden.

Freizeit-/Erlebnispädagogik stellt einen wichtigen Bereich im Mädchenheim Gauting dar. Durch die Fülle der Angebote in diesem Bereich verbessert sich das bisher zumeist konsumorientierte Freizeitverhalten in sichtbarer Weise qualitativ wie quantitativ.

Anfänglich unrealistische Zukunfts- und Berufswünsche und –perspektiven der Mädchen können in vielen Einzelgesprächen, durch mehrfache Berufsberatung im Heim und durch das Absolvieren von (Berufs-)Praktikas in verschiedenen Bereichen positiv korrigiert werden.

↓240

In den meisten Fällen verbessert sich während des Heimaufenthaltes der Kontakt der Mädchen zu ihren Eltern/Angehörigen. Regelmäßige Elterngespräche und durch den Bezugsbetreuer begleitete Heimfahrten „entschärfen“ oftmals die bis dato angespannte und belastete Beziehung zwischen Tochter und Eltern. Aber auch eine Verschlechterung des Kontaktes muss per se nichts Negatives bedeuten. Eine Reflexion der eigenen Elternbeziehung kann u.U. aus rationalen Erwägungen heraus zu mehr Distanz zu den Angehörigen führen.

Um die Stichhaltigkeit der eben geführten Interpretationen zu überprüfen bzw. abzusichern, wurden die Betreuereinschätzungen (s. Tab. 50–72) Varianzanalysen unterzogen. Eine Varianzanalyse ist ein Verfahren zur Überprüfung von Mittelwertsunterschieden zwischen Gruppen. Im folgenden Kapitel handelt es sich um ein univariates, unifaktorielles varianzanalytisches Verfahren, d.h. beliebig viele unabhängige Variablen werden in Hinblick auf nur eine abhängige Variable untersucht (= univariate Varianzanalyse), darüber hinaus werden die Stufen einer kategorialen unabhängigen Variablen auf eine intervallskalierte abhängige Variable verglichen (= unifaktorielle Varianzanalyse).

Es ergaben sich folgende Ergebnisse:

Varianzanalytische Berechnungen der Betreuer-Ratings mit dem Faktor Zeit, in Abhängigkeit von der Aufenthaltsdauer und in Abhängigkeit vom Alter der Mädchen

↓241

• Berechnungen mit dem Faktor Zeit

Die Überprüfung der Fragestellung, ob und wenn in welchen Bereichen die Mädchen aus Sicht des Betreuungspersonals über die Dauer ihres Heimaufenthaltes hinweg Verbesserungen zeigten, erfolgte durch univariate, unifaktorielle Varianzanalysen mit dem Faktor Zeit als Messwiederholungsfaktor.

Tab. 73 Varianzanalytische Berechnungen mit dem Faktor Zeit

 

N

M (t1)

SD (t1)

M (t2)

SD (t2)

F

p

Eta2

Aggressives Verhalten

63

.11

2.19

-.57

1.77

7.88

.007

.11

Autoaggression

62

-.16

2.11

-.87

1.88

15.16

.000

.20

Depressives Verhalten

60

.45

1.82

-.58

1.46

31.97

.000

.36

Selbstmordgedanken

57

-.60

2.07

-1.54

1.58

26.32

.000

.32

Ängstliches Verhalten

59

.90

1.77

-.54

1.44

63.34

.000

.53

Distanzloses Verhalten

58

-.12

2.01

-.67

1.65

15.53

.000

.28

Sexuelle Auffälligkeiten

59

-.32

2.21

-.45

1.85

.81

.363

.01

Alkohol- und Drogenkonsum

59

.64

2.16

-.44

1.77

16.08

.000

.31

Körperliche und/bzw. psychosomatische Beschwerden

59

.85

1.88

.02

1.67

21.14

.000

.27

Impulsivität

61

.89

1.91

.44

1.58

5.10

.028

.08

Entweichgedanken

62

1.40

1.89

-1.00

1.99

53.05

.000

.47

Eigentumsdelikte

54

-.22

2.20

-1.04

1.78

23.77

.000

.31

Lebenszufriedenheit

62

-1.50

1.42

.26

1.34

74.03

.000

.55

Emotionale Stabilität (Ich-Stärke)

61

-1.72

1.44

.03

1.52

92.45

.000

.61

Über-Ich-Stärke (Achten von Normen, soziales Denken und Handeln)

62

-.81

1.67

.23

1.56

25.07

.000

.30

Selbständigkeit

62

-.31

1.66

1.42

1.21

103.13

.000

.63

Selbst- und Willenskontrolle

62

-1.29

1.56

.08

1.59

83.65

.000

.58

Selbstbewusstsein

62

-1.37

1.54

.45

1.43

113.71

.000

.66

Gesundheitsbewusstsein

61

-.74

1.67

.13

1.47

29.86

.000

.34

Verarbeitung des sexuellen Missbrauchs

22

-2.55

.85

-1.64

1.36

18.85

.000

.49

Qualitative und quantitative Verbesserung des Freizeitverhaltens

58

-.90

1.22

.57

1.35

61.23

.000

.52

Realistische Entwicklung von Zukunftsperspektiven

20

-1.70

1.25

.22

1.53

87.08

.000

.65

Kontakte zu Eltern bzw. Angehörigen

62

-.24

1.89

.85

1.67

16.61

.000

.22

↓242

Wie in obiger Tabelle ersichtlich, ergaben sich für fast alle der hier erfragten Verhaltens/Einstellungsbereiche signifikant positive Veränderungen. Einzige Ausnahme bilden die sexuellen Auffälligkeiten, hier war keine Veränderung über die Zeit zu verzeichnen.

Betrachtet man neben den Signifikanzen auch die Effektgröße Eta-Quadrat, so zeigt sich, dass es sich bei den beobachteten Mittelwertsunterschieden zwischen Prä- und Posttest durchgehend um mittlere bis starke Effekte handelt. Die stärksten Verbesserungen ergaben sich für die Bereiche emotionale Stabilität, Selbständigkeit, Selbstbewusstsein und die Entwicklung von Zukunftsperspektiven, die vergleichsweise geringsten Fortschritte zeigten die Mädchen in den Bereichen aggressives Verhalten, Autoaggression und Impulsivität.

• Ergebnisse in Abhängigkeit von der Dauer des Aufenthaltes

↓243

Im folgenden wurden die Fortschritte der Mädchen in Abhängigkeit von der Dauer der geschlossenen Heimunterbringung untersucht. Wie in der Tabelle ersichtlich befanden sich die Mädchen durchschnittlich etwa ein Jahr (370,44) Tage in der geschlossenen Heimunterbringung, wobei die Aufenthaltsdauer zwischen vier Monaten (125 Tage) und knapp 22 Monaten (652 Tage) variierte.

Tab. 74 Deskriptive Statistik

 

N

Minimum

Maximum

Mittelwert

Standardabweichung

 

Aufenthaltsdauer (in Tagen)

64

125,00

652,00

370,44

107,56

 

Korrelative Befunde

↓244

In einem ersten Auswertungsschritt wurden die Einschätzungen der Betreuer zu Beginn und zu Ende des Aufenthaltes mit der Dauer der Heimunterbringung (in Tagen) korreliert.

Tab. 75 Korrelation nach Pearson:

 

Dauer der Heimunterbringung

 

Einschätzung der Betreuer t1

Einschätzung der Betreuer t2

Aggressives Verhalten

.349**

.233+

Autoaggression

.104

-.046

Depressives Verhalten

.044

.136

Selbstmordgedanken

-.077

-.110

Ängstliches Verhalten

.191

.005

Distanzloses Verhalten

.079

-.009

Sexuelle Auffälligkeiten

.188

.268*

Alkohol- und Drogenkonsum

.365**

.256+

Körperliche u. bzw. psychosomatische Beschwerden

.102

-.061

Impulsivität

.436***

.287*

Entweichgedanken

.092

.061

Eigentumsdelikte

.231+

.120

Lebenszufriedenheit

.056

-.100

Emotionale Stabilität (Ich-Stärke)

-.007

-.077

Über-Ich-Stärke (Achten von Normen, soziales Denken und Handeln)

-.206

-.143

Selbständigkeit

-.232+

-.004

Selbst- und Willenskontrolle

-.251*

-.046

Selbstbewusstsein

-.190

-.014

Gesundheitsbewusstsein

-.356**

-.214+

Verarbeitung des sexuellen Missbrauchs

-.139

.005

Qualitative und quantitative Verbesserung des Freizeitverhaltens

-.281**

-.133

Realistische Entwicklung von Zukunftsperspektiven

-.230

.065

Kontakte zu Eltern bzw. Angehörigen

-.095

-.043

* p<.05
** p<.01
*** p<.001
+ p< 0.10

Interpretation :

↓245

Signifikante Zusammenhänge gab es in folgenden Bereichen: Wer zu Beginn des Heimaufenthaltes aggressiveres Verhalten (r=.35, p<.01) und/oder höheren Alkohol- und Drogenkonsum (r=.37, p<.01) und/oder höhere Impulsivität (r=.44, p<.001) und/oder niedrigere Selbst- und Willenskontrolle (r=-.25, p<.05) und/oder weniger Gesundheitsbewusstsein (r=-.36, p<.01) und/oder weniger positives Freizeitverhalten (r=-.28, p<.01) zeigte, musste eine längere Dauer im geschlossenen Setting hinnehmen

Darüber hinaus ergaben sich tendenziell signifikante Zusammenhänge für die Einschätzung der Betreuer in Bezug auf Eigentumsdelikte (r=.23, p<.10) sowie in Hinblick auf die Selbständigkeit der Mädchen (r=-.23, p<.10). Insgesamt scheint vor allem stärker ausgeprägtes externalisierendes Problemverhalten in Zusammenhang mit einer längeren Aufenthaltsdauer zu stehen.

Betrachtet man im Gegensatz dazu nun die Korrelationen zum Zeitpunkt der Entlassung, so ergeben sich durchwegs geringere (wenn auch zum Teil noch signifikante) Zusammenhänge, was als erster Hinweis darauf gewertet werden kann, dass sich eine längere Aufenthaltsdauer für Mädchen mit stärkeren Auffälligkeiten in den genannten Bereichen durchaus auszahlen kann. Bzgl. Eigentumsdelikte, Selbständigkeit und Freizeitverhalten war der Zusammenhang mit der Aufenthaltsdauer nicht mehr signifikant. Tendenziell signifikante Zusammenhänge ergaben sich für aggressives Verhalten (r=.23, p<.10), Alkohol- und Drogenkonsum (r=.26, p<.10) sowie Gesundheitsbewusstsein (r=-.21, p<.10). In Bezug auf die Impulsivität der Mädchen zeigte sich auch zum Zeitpunkt der Entlassung ein signifikant positiver Zusammenhang (r=.29, p<.05). Ein weiterer signifikant positiver Zusammenhang ergab sich zwischen den sexuellen Auffälligkeiten zum Zeitpunkt der Entlassung und den sexuellen Auffälligkeiten der Mädchen (r=.27, p<.05).

Varianzanalytische Auswertungen mit der Aufenthaltsdauer als zweitem Faktor

↓246

Um nun zu überprüfen, ob eine längere Aufenthaltsdauer in der Tat mit positiven Effekten insbesondere für schwerer gestörte Mädchen verbunden ist, wurden für alle Bereiche univariate Varianzanalysen mit der Zeit als Messwiederholungsfaktor und der Aufenthaltsdauer als Zwischensubjektfaktor durchgeführt. Hierfür wurden die Mädchen per Mediansplit (um in etwa gleich große Gruppen zu erhalten) nach Länge der Aufenthaltsdauer in zwei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe (kürzere Aufenthaltsdauer, n=32) umfasst Mädchen mit Aufenthaltsdauer bis zu 349 Tagen (also gut 11 Monate), alle Mädchen mit einer längeren Aufenthaltsdauer wurden der zweiten Gruppe (n=31) zugeordnet.

Im folgenden werden nur signifikante Ergebnisse berichtet. Die Befunde für Verhaltens- / Einstellungsbereiche, in denen nur der Haupteffekt Zeit signifikant ist, nicht aber der Haupteffekt Dauer oder der Interaktionseffekt, werden hier nicht nochmals aufgeführt, da diese Befunde schon weiter oben berichtet wurden.

Aggressives Verhalten:

Tab. 76

↓247

In Bezug auf das aggressive Verhalten ergab sich neben dem oben berichteten signifikanten Haupteffekt für die Zeit (F=7,88; p=.007, Eta2=.11), ein tendenziell signifikanter Haupteffekt für die Dauer (F=3,49; p=.067; Eta2=.054). Dies bedeutet, dass die Gruppe der Mädchen mit langer Aufenthaltsdauer insgesamt als aggressiver beurteilt wurde (M=.18) als die mit kürzerer Aufenthaltsdauer (M=-.63). Wie in der Abbildung ersichtlich geht dieser Effekt allerdings in erster Linie auf die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen zu Beginn des Aufenthalts zurück (T=-1,95; p=.056; M=-.41 bei langer Dauer vs. .65 bei kurzer Dauer), zum Zeitpunkt der Entlassung ist der Unterschied zwischen den Gruppen zwar noch vorhanden, aber nicht mehr signifikant (T=-1,25, p=.22; M=-.29 bei langer Dauer vs. -.84 bei kurzer Dauer). Dies entspricht dem Ergebnis der Korrelationsanalysen mit der kontinuierlichen Variable. Mädchen, die zum Zeitpunkt der Aufnahme vermehrt aggressive Verhaltensweisen zeigten, wurden zwar im Durchschnitt länger im Heim untergebracht, profitierten aber auch von der längeren Aufenthaltsdauer insofern als sich bei ihnen ein stärkerer Rückgang an aggressiven Verhaltensweisen zeigte. Der Interaktionseffekt war zwar nicht signifikant, dies mag aber an der relativ geringen Stichprobengröße liegen. Somit ist Vorsicht bei der Beurteilung angebracht.

Ängstliches Verhalten

Tab. 77

 

N

 

M

SD

 

Gruppe mit kurzer Aufenthaltsdauer

29

t1
t2

.55
-.48

1.80
1.62

 

Gruppe mit langer Aufenthaltsdauer

30

t1
t2

1.23
-.60

1.72
1.28

 

↓248

In Bezug auf das ängstliche Verhalten erwies sich neben dem signifikanten Haupteffekt der Zeit (F=63.34; p=.000, Eta2=.53, Mittelwerte s.o.) auch der Interaktionseffekt als signifikant (F=.49; p=.032; Eta2=.08). Mädchen mit längerer Verweildauer, die zum Zeitpunkt der Aufnahme ein höheres Ausmaß an ängstlichem Verhalten aufwiesen, zeigten einen stärkeren Rückgang in ihrem ängstlichen Verhalten als Mädchen mit kürzerer Verweildauer (Mittelwerte s. Tabelle). Die Mittelwertsunterschiede zwischen den beiden Gruppen waren weder für den Zeitpunkt der Aufnahme noch für den Zeitpunkt der Entlassung signifikant.

Alkohol- und Drogenkonsum:

Tab. 78

 

N

 

M

SD

 

Gruppe mit kurzer Aufenthaltsdauer

30

t1
t2

.17
-.53

2.28
2.16

 

Gruppe mit langer Aufenthaltsdauer

29

t1
t2

1.13
-.34

1.94
1.67

 

Beim Alkohol- und Drogenkonsum ergab sich ein ähnliches Bild: Neben dem Haupteffekt der Zeit (F=16.08; p=.000; Eta2=.31), erwies sich auch der Interaktionseffekt als tendenziell signifikant (F=3.35; p=.072; Eta2=.06). Die Gruppe der Mädchen mit der längeren Aufenthaltsdauer konsumierte nach Einschätzung des Betreuungspersonals bei Aufnahme tendenziell mehr Alkohol und Drogen als die Gruppe derjenigen mit kürzerer Aufenthaltsdauer (T=-1,76; p=.086), zeigte aber zugleich auch einen stärkeren Rückgang in diesen Verhaltensweisen, so dass sich zum Zeitpunkt der Entlassung kein Unterschied zwischen diesen Gruppen mehr nachweisen ließ (T=-.41; p=.69; Mittelwerte s. Tabelle). Auch hier bestätigt sich das Muster, welches sich bereits in den korrelativen Befunden mit der kontinuierlichen Variable abzeichnete.

Impulsivität:

↓249

Tab. 79

Für die Impulsivität ergab sich neben dem Haupteffekt der Zeit (F=5.10; p=.028; Eta2=.08) auch ein Haupteffekt der Dauer (F=7.28; p=.009; Eta2=.11). Die Mädchen mit längerer Aufenthaltsdauer (M=1.21) wurden von ihren Betreuern als impulsiver eingestuft als die Mädchen mit kürzerer Aufenthaltsdauer (M=.17). Dies traf sowohl für den Zeitpunkt der Aufnahme (T=-2.56; p=.013; M=1.52 bei langer Aufenthaltsdauer vs. M=.31 bei kurzer Aufenthaltsdauer) als auch für den Zeitpunkt der Entlassung (T=-2.56; p=.013; M=.90 bei langer Aufenthaltsdauer vs. M=.03 bei kurzer Aufenthaltsdauer) zu. Der Interaktionseffekt war nicht signifikant (F=.72; p=.40; Eta2=.01).

Eigentumsdelikte:

Tab. 80

 

N

 

M

SD

 

Gruppe mit kurzer Aufenthaltsdauer

29

t1
t2

-.59
-1.03

2.18
1.88

 

Gruppe mit langer Aufenthaltsdauer

25

t1
t2

.20
-1.04

2.20
1.70

 

↓250

Neben dem Haupteffekt der Zeit (F=23.77; p=.000; Eta2=.31) war bei Eigentumsdelikten auch der Interaktionseffekt signifikant (F=5.23; p=.026; Eta2=.09). Die Gruppe der Mädchen mit langer Aufenthaltsdauer zeigte einen stärkeren Rückgang von Eigentumsdelikten, allerdings war in dieser Gruppe auch das Anfangsniveau höher. Die Mittelwertsunterschiede zwischen den Gruppen waren sowohl bei Aufnahme als auch bei Entlassung nicht signifikant.

Selbständigkeit:

Tab. 81

 

N

 

M

SD

 

Gruppe mit kurzer Aufenthaltsdauer

32

t1
t2

.13
1.44

1.52
1.22

 

Gruppe mit langer Aufenthaltsdauer

30

t1
t2

-.77
1.40

1.70
1.22

 

Auch in Hinblick auf die Selbständigkeitsentwicklung der Mädchen ergab sich neben dem Haupteffekt für die Zeit (F=103.13; p=.000; Eta2=.63) ein signifikanter Interaktionseffekt (F=6.22; p=.015; Eta2=.09). Während die Mädchen mit langer Aufenthaltsdauer zu Beginn noch als signifikant weniger selbständig eingestuft wurden (T=.22; p=.03), war dieser Unterschied bei der Entlassung nicht mehr vorhanden. Die längere Aufenthaltsdauer führte also in dieser Gruppe zu einem größeren Zugewinn an Selbständigkeit; dies entspricht den Ergebnissen der Korrelationsanalysen.

↓251

Ergebnisse in Abhängigkeit vom Alter

Im nächsten Auswertungsschritt wurde die Frage untersucht, ob sich Unterschiede hinsichtlich des Alters der Mädchen ausmachen lassen.

Tab. 82 Deskriptive Statistik

 

N

Minimum

Maximum

Mittelwert

Standardabweichung

 

Alter

64

13,10

17,80

15,91

1,15

 

↓252

Auch hier wurden zunächst die korrelativen Befunde betrachtet:

Tab. 83

 

Alter

 

Einschätzung
der Betreuer t1

Einschätzung
der Betreuer t2

Aggressives Verhalten

.064

-.019

Autoaggression

.109

.023

Depressives Verhalten

.058

-.051

Selbstmordgedanken

.186

-.081

Ängstliches Verhalten

.249+

.352**

Distanzloses Verhalten

-.018

-.087

Sexuelle Auffälligkeiten

.423**

.310*

Alkohol- und Drogenkonsum

.320**

.258*

Körperliche u. bzw. psychosomatische Beschwerden

.013

-.029

Impulsivität

.028

-.069

Entweichgedanken

-.055

-.019

Eigentumsdelikte

-.084

.010

Lebenszufriedenheit

-.093

-.235+

Emotionale Stabilität (Ich-Stärke)

-.190

-.352**

Über-Ich-Stärke (Achten von Normen, soziales Denken und Handeln)

-.021

-.007

Selbständigkeit

.083

.008

Selbst- und Willenskontrolle

-.320**

-.290*

Selbstbewusstsein

-.286*

-.355**

Gesundheitsbewusstsein

-.076

.070

Verarbeitung des sexuellen Missbrauchs

-.380+

-.317

Qualitative und quantitative Verbesserung des Freizeitverhaltens

-.263*

-.079

Realistische Entwicklung von Zukunftsperspektiven

-.063

-.095

Kontakte zu Eltern bzw. Angehörigen

.100

-.111

Varianzanalytische Befunde mit dem Alter als zweitem Faktor

Hierzu wurden nach dem Alter zum Zeitpunkt der Aufnahme zwei Gruppen gebildet: jüngere Mädchen (unter 16 Jahre, n=30), ältere Mädchen (ab 16 Jahre, n=33). Hinsichtlich der Aufenthaltsdauer unterschieden sich die Gruppen nicht signifikant.

↓253

Berichtet werden wiederum nur signifikante Haupteffekte des Alters und signifikante Interaktionseffekte Zeit x Alter.

Depressives Verhalten:

Tab. 84

 

N

 

M

SD

Jüngere Mädchen (bis 16 Jahre)

28

t1
t2

.25
-.46

1.69
1.55

Ältere Mädchen (ab 16 Jahre)

32

t1
t2

.63
-.69

1.95
1.40

In Bezug auf depressive Verhaltensweisen ergab sich ein tendenziell signifikanter Interaktionseffekt Zeit x Alter (F=2.80; p=.099; Eta2=.05). Ältere Mädchen zeigten einen stärkeren Rückgang depressiven Verhaltens als jüngere Mädchen. Die Mittelwertsunterschiede zwischen den Gruppen waren weder in der Anfangs- noch in der Endphase des Aufenthaltes signifikant.

Selbstmordgedanken:

↓254

Tab. 85

 

N

 

M

SD

 

Jüngere Mädchen (bis 16 Jahre)

27

t1
t2

-1.07
-1.41

2.04
1.89

 

Ältere Mädchen (ab 16 Jahre)

30

t1
t2

-.17
-1.67

2.04
1.27

 

Der Interaktionseffekt Zeit x Alter war bei Suizidgedanken signifikant (F=12.16; p=.001; Eta2=.18). Ältere Mädchen zeigten einen stärkeren Rückgang von Selbstmordgedanken als jüngere. Während die älteren Mädchen zu Beginn der Heimunterbringung tendenziell mehr Selbstmordgedanken hatten (T=-1,68; p=.099), gab es zum Zeitpunkt der Entlassung keinen signifikanten Unterschied mehr zwischen den beiden Gruppen.

Ängstliches Verhalten:

Tab. 86

↓255

Beim ängstlichen Verhalten erwies sich der Haupteffekt Alter als signifikant (F=8.12; p=.006; Eta2=.13). Ältere Mädchen zeigten nach Einschätzung der Betreuer mehr ängstliches Verhalten als jüngere (M=.66 für die ältere Gruppe vs. M=-.36 für die jüngere Gruppe). Die Unterschiede zwischen den Gruppen erwiesen sich sowohl bei Aufnahme (T=-2.14; p=.037; M=1.35 vs. M=.40) als auch bei Entlassung ((T=-3.06; p=.003; M=-.03 vs. M=.-1.11) als signifikant.

Sexuelle Auffälligkeiten:

Tab. 87

 

N

 

M

SD

 

Jüngere Mädchen (bis 16 Jahre)

26

t1
t2

-1.58
-1,35

1.98
1.62

 

Ältere Mädchen (ab 16 Jahre)

33

t1
t2

.67
.24

1.87
1.73

 

Für die sexuellen Auffälligkeiten gab es einen signifikanten Haupteffekt Alter (F=18.02; p=.000; Eta2=.24). Ältere Mädchen zeigten mehr sexuelle Auffälligkeiten als Jüngere (M=.46 vs. M=-1.46) und zwar sowohl zu Beginn (T=-4.46; p=.000) als auch gegen Ende der Heimunterbringung (T=-3.59; p=.001). Darüber hinaus erwies sich auch der Interaktionseffekt Zeit x Alter als signifikant (F=5.15; p=.027; Eta2=.08). Ältere Mädchen zeigten über die Zeit einen leichten Rückgang in ihren sexuellen Auffälligkeiten, während bei den jüngeren eine leichte Zunahme zu verzeichnen war. Dieses Ergebnis dürfte pubertätsbedingt zu interpretieren sein.

Eigentumsdelikte:

↓256

Tab. 88

 

N

 

M

SD

 

Jüngere Mädchen (bis 16 Jahre)

26

t1
t2

.08
-1,08

2.04
1.68

 

Ältere Mädchen (ab 16 Jahre)

33

t1
t2

-.48
1.00

2.34
1.89

 

Der Interaktionseffekt Zeit x Alter erwies sich bei Eigentumsdelikten als tendenziell signifikant (F=3.31; p=.079; Eta2=.06). Jüngere Mädchen begingen zu Beginn der Heimunterbringung häufiger Eigentumsdelikte als ältere (n.s.), sie zeigten aber im Verlauf der Zeit auch einen stärkeren Rückgang, so dass sich die beiden Gruppen in der Zeit der Entlassung nicht mehr unterschieden.

Emotionale Stabilität::

Tab. 89

 

N

 

M

SD

 

Jüngere Mädchen (bis 16 Jahre)

29

t1
t2

-1.45
.55

1.48
1.43

 

Ältere Mädchen (ab 16 Jahre)

32

t1
t2

-1.97
-.43

1.15
1.48

 

↓257

In Hinblick auf die emotionale Stabilität der Mädchen ergab sich ein signifikanter Haupteffekt Alter (F=5.46; p=.023; Eta2=.09). Jüngere Mädchen (M=-.45) waren emotional stabiler als ältere (M=-1.46). Signifikant war dieser Unterschied nur zum Zeitpunkt der Entlassung (T=2.65; p=.010). Der Interaktionseffekt Zeit x Alter war nicht signifikant.

Selbst- und Willenskontrolle:

Tab. 90

 

N

 

M

SD

 

Jüngere Mädchen (bis 16 Jahre)

30

t1
t2

-.87
.63

1.80
1.57

 

Ältere Mädchen (ab 16 Jahre)

32

t1
t2

-1.69
-.44

1.59
1.59

 

Bezüglich der Selbst- und Willenskontrolle ergab sich ein signifikanter Haup t effektdes Alters (F=7.75; p=.010; Eta2=.11). Ältere Mädchen zeigten eine niedrigere Selbst- und Willenskontrolle als jüngere. Der Unterschied zwischen den Gruppen war zu beiden Zeitpunkten signifikant (t1: T=2.13, p=.038; t2: T=2.79, p=.007).

Selbstbewusstsein:

↓258

Tab. 91

 

N

 

M

SD

 

Jüngere Mädchen (bis 16 Jahre)

30

t1
t2

-.97
1.00

1.71
1.11

 

Ältere Mädchen (ab 16 Jahre)

32

t1
t2

-1.75
-.06

1.30
1.52

 

Für das Selbstbewusstsein der Mädchen ergab sich ebenfalls ein signifikanter Haupteffekt (F=8.33; p=.005; Eta2=.12). Jüngere Mädchen zeigten mehr Selbstbewusstsein als ältere. Der Unterschied war zu beiden Messzeitpunkten signifikant (t1: T=2.04, p=.046; t2: T=3.11; p=.003).

Freizeitverhalten:

Tab. 92

 

N

 

M

SD

 

Jüngere Mädchen (bis 16 Jahre)

28

t1
t2

-.54
,96

1.29
1.20

 

Ältere Mädchen (ab 16 Jahre)

30

t1
t2

-1.23
.20

1.07
1.40

 

↓259

Auch was das Freizeitverhalten betrifft ergab sich ein signifikanter Haupteffekt des Alters (F=7.54; p=.008; Eta2=.12). Jüngere Mädchen zeigten ein positiveres Freizeitverhalten als ältere (t1: T=2.25, p=.029; t2: T=2.22; p=.030)

Kontakt zu Eltern bzw. Angehörigen:

Tab. 93

 

N

 

M

SD

 

Jüngere Mädchen (bis 16 Jahre)

29
33

t1
t2

-.59
1.10

1.94
1.40

 

Ältere Mädchen (ab 16 Jahre)

29
33

t1
t2

.06
.63

1.82
1.87

 

Die Einschätzung der Betreuer hinsichtlich des Kontakts zu Eltern bzw. Angehörigen ergab einen signifikanten Interaktionseffekt (F=4.59; p=.036; Eta2=.07). Jüngere Mädchen hatten zwar zu Beginn des Aufenthalts ein schlechteres Verhältnis zu den Eltern bzw. Angehörigen, zeigten aber eine stärkere Verbesserung, so dass der Kontakt zum Zeitpunkt der Entlassung besser war als in der Gruppe der älteren Mädchen. Die Unterschiede zwischen den Gruppen waren zu beiden Zeitpunkten nicht signifikant.

Zusammenfassung:

↓260

Die statistischen Berechnungen ergaben mit Ausnahme von sexuellen Auffälligkeiten in allen anderen Verhaltens-/Einstellungsbereichen signifikant positive Veränderungen. Mögliche psychische Gründe, die einen Abbau von sexuellen Auffälligkeiten erschweren, sind weiter oben (S. 117) benannt. Aber auch (biologische) Reifungsprozesse können hier möglicherweise eine Rolle spielen. Es dürfte allemal schwierig sein, eindeutige Gründe zu benennen, da es sich hier um eine Erkundungsstudie mit in jeglicher Hinsicht fehlenden Vergleichsgruppen handelt, Interpretationen also einen gewissen spekulativen Charakter einnehmen müssen.

Mädchen mit einer durchschnittlich längeren Aufenthaltsdauer im geschlossenen Bereich werden in ihrer Anfangszeit als

↓261

als Mädchen mit kürzerer Aufenthaltsdauer beschrieben. Das verweist darauf, dass die Verweildauer wesentlich durch bestimmte Ausgangsvoraussetzungen seitens der Mädchen mitbestimmt ist.

Ein längerer Heimaufenthalt bewirkte vergleichsweise zu einer kürzeren Verweildauer signifikante Verbesserungen im Abbau von ängstlichem Verhalten und von Eigentumsdelikten sowie im Zugewinn von Selbständigkeit; tendenziell signifikant waren bei einer längeren Aufenthaltsdauer das Abnehmen von Aggressivität und Drogengenuss.

Keine signifikanten bzw. (tendenziell signifikanten) positiven Veränderungen konnten in Abhängigkeit von der Dauer der geschlossenen Unterbringung in den folgenden Bereichen erzielt werden

↓262

Mögliche Erklärungen hierzu sind weiter oben (S. 117) zu finden.

Alle anderen untersuchten Bereiche konnten mit Zunahme der geschlossenen Aufenthaltsdauer positiv beeinflusst werden. D.h., eine längere (geschlossene) Aufenthaltsdauer für Mädchen mit stärkeren Auffälligkeiten/Defizite zeigt kontinuierlich positive Wirkung.

↓263

Die Frage, ob eine eher ältere oder jüngere Klientel vom geschlossenen Setting profitiert, lässt sich allgemein nicht eindeutig beantworten. Ältere Mädchen erzielten mit zunehmender Aufenthaltsdauer vergleichsweise größere Fortschritte im Abbau von Depressivität, Suizidgedanken und sexuellen Auffälligkeiten.

Jüngere Mädchen profitierten dagegen bei einer längeren Unterbringung mehr in den Bereichen Abbau von Eigentumsdelikten, emotionale Stabilisierung und Verbesserung der Angehörigenkontakte.

Ältere Mädchen erwiesen sich insgesamt als ängstlicher, weniger selbstbewusst, willensschwächer und ideenloser bzgl. ihres Freizeitverhaltens als jüngere Mädchen – sowohl bei Eintritt wie in der Entlassphase. Möglicherweise ein Plädoyer dafür, bei entsprechender Indikation eine verbindliche Unterbringung nicht zu lange hinauszuzögern.

↓264

Allerdings erlauben die oben genannten altersspezifisch ausgeprägten Erfolgszielerreichungen keine eindeutige Aussage in Richtung größerer Effektivität geschlossener Unterbringung zu(un)gunsten einer jüngeren oder älteren Altersgruppe.

Fremdeinschätzung von Seiten der Lehrpädagogen

Exkurs 1: Beschreibung des Personenkreises, für welchen eine geschlossen geführte Schule notwendig wird

Es handelt sich hier um Kinder und Jugendliche, deren Verhaltensstörungen mit einer massiven Schulproblematik verbunden sind:

↓265

Störungsbilder:

Differenzialdiagnostisch können Typisierungen von Lern- und Leistungsstörungen und Störungen der Leistungsmotivation erstellt werden:

↓266

Im Mädchenheim Gauting liegen in den meisten Fällen mehrere dieser Störungsbilder gleichzeitig vor.

Exkurs 2: Die Heimschule des Mädchenheims Gauting

↓267

Die Schule ist in einem separaten Trakt auf dem Gelände untergebracht. Damit ist eine räumliche Trennung vom Wohnbereich des Heimes gegeben. Der Schulweg für die geschlossen untergebrachten Mädchen führt über einen Innenhof, für die offenen Gruppen über einen Außeneingang.

Es stehen insgesamt acht Klassenzimmer a` 50 qm zur Verfügung, drei kleine Gruppenräume a` 8 qm, für den Fachunterricht eine Schulküche, ein Musikraum, ein PC-Raum, ein Werkraum und ein Verkaufsübungsraum. Mit dem Heim gemeinsam benutzt werden eine Einfachsporthalle, das Schwimmbad und die Außensportanlage.

Das Lehrerkollegium setzt sich zusammen aus Sonderpädagogen (mit Schwerpunkt Verhaltensgestörten-Pädagogik, Lernbehinderten-Pädagogik), Hauptschullehrer, Berufsschullehrer, Fachlehrer und Heilpädagogen.

↓268

In der Hauptschule und Berufsschule können insgesamt acht Lerngruppen gebildet werden. In einer Lerngruppe sind ähnlich den Heimgruppen bis zu acht Schülerinnen.

Unterrichtet wird in der Hauptschule schwerpunktmäßig nach den Lehrplänen der Jahrgangsstufen 6 – 9. Zusätzlich steht eine Fördergruppe zur Verfügung; sie ist für Schülerinnen aus Schulen zur individuellen Lernförderung und sehr schwachen Hauptschülerinnen der Jahrgangsstufe 5 und 6 konzipiert.

In der Berufsschule werden zwei BVJ-Klassen (Berufsvorbereitendes Jahr, Form F und B) angeboten. Die Schülerinnen können wählen zwischen der Fachrichtung Hauswirtschaft und Verkauf.

↓269

Etwa ein Drittel des Unterrichts findet bei Doppelbesetzung der Lerngruppe statt (Lehrerin und Heilpädagogin), wodurch eine weitere Differenzierungsmöglichkeit und spezifische Förderung einzelner Schülerinnen möglich ist.

Es können die allgemein anerkannten Schulabschlüsse erreicht werden:

↓270

In der Berufsschule haben die Schülerinnen nach einem Jahr BVJ die Berufsschulpflicht erfüllt; bei entsprechend guter Leistung und Vorbildung kann dieses Zeugnis dem erfolgreichen Hauptschulabschluss entsprechen.

Die Schülerinnen haben mit wenigen Ausnahmen eine sehr bewegte Schulbiographie hinter sich. Häufig gab es mehrere Schulwechsel, neben der Hauptschule wurden auch Gymnasien oder Realschulen besucht – immer mit entsprechenden Abbrüchen und Rückstufungen. Eine große Anzahl der Schülerinnen war bereits in anderen Schulen zur Erziehungshilfe, in Schulen zur individuellen Lernförderung oder in Schulen für Behinderte und Kranke.

In all diesen schulischen Angeboten konnten diese Schülerinnen nicht aufgefangen und unterrichtet werden. Sie sind durchwegs durch das Netz der Regelschulen gefallen und haben entsprechend demotivierende und belastende (Versagens-) Erfahrungen hinter sich.

↓271

Die Zielsetzung der Schule besteht darin, die Schülerinnen an schulische Arbeit wieder heranzuführen, in weiteren Schritten sie zu einem ordentlichen Schulabschluss zu befähigen, bzw. ihnen mit der Heimentlassung die Rückführung an eine Regelschule oder in eine Ausbildung zu ermöglichen.

Die Grundlagen des Unterrichts sind die amtlichen Lehrpläne der öffentlichen Schulen. Bei der Stundenplanung werden Differenzierungsmöglichkeiten sowie die Rhythmisierung des Unterrichts berücksichtigt. Strukturierte Arbeits- und Erholungsphasen, theoretische und praktische, leistungsbezogene und kreative Phasen wechseln sich ab.

Die Anforderungen sind auf den Leistungsstand der Persönlichkeitsentwicklung der Schülerin abgestimmt. In intensiven Lern- und Übungsphasen können die jungen Menschen einen neuen Zugang zum Lernen aufbauen. Die Lernschritte sind so aufgebaut, dass die Schülerinnen Erfolgserlebnisse haben können und ihre Fähigkeiten sowohl einschätzen als auch schätzen lernen.

↓272

Neben dem Unterricht in den Lerngruppen wird auch je nach Situation und Notwendigkeit Einzelbetreuung bzw. –förderung in der Schule angeboten.

Schülerinnen, die die Schule noch nicht oder phasenweise nicht besuchen können, werden in einer „Klasse für Kranke“ stundenweise in den Wohngruppen betreut und unterrichtet.

Als Förderschule zur Erziehungshilfe nimmt die pädagogische Arbeit einen großen Raum ein. Neben der reinen Wissensvermittlung wird zum einen inhaltlich Bezug genommen auf alle Themenbereiche, die den Mädchen bei einer späteren selbständigen Lebensführung nützlich sind. Zum anderen werden alle Situationen genützt, die das soziale Lernen unterstützen.

Beurteilungsergebnisse von Seiten der Lehrer

↓273

Insgesamt wird in der Schule für eine freundliche Atmosphäre gesorgt, die den Schülerinnen die Angst vor dem System „Schule und Ausbildung“ nimmt und den Aufbau von Vertrauen und neuen Erfahrungen ermöglicht.

Die Klassenlehrerinnen wurden gebeten, ihre Schülerinnen jeweils zu Beginn des Schuleintritts und zum Zeitpunkt des Schulaustritts an Hand einer Rating-Skala bzgl. neun Items zu beurteilen (s. Anhang 4).

Die durchschnittliche schulische Aufenthaltsdauer der beurteilten Mädchen betrug 9,5 Monate (die kürzeste 7, die längste 16 Monate). Erst- und Endbeurteilung erfolgte zumeist durch die gleiche Lehrkraft, nur in wenigen Fällen (z.B. bei Klassenwechsel während des Schuljahrs) durch verschiedene Pädagogen. Zusätzlich zu den schriftlichen Bewertungen führte der Verfasser dieser Studie mit den jeweiligen Lehrkräften ein nicht standardisiertes Interview zu den einzelnen Mädchen und zum Klassen- bzw. Schulsetting durch (jeweils ca. 30 Minuten).

↓274

64 Jugendliche wurden beurteilt.

Im folgenden seien die Ergebnisse zu den einzelnen Items genannt:

Tab. 94 Schulleistungen (n=64)

↓275

Konkret konnten sich nach Einschätzung des Lehrpersonals zwölf Schülerinnen um 1, neun um 2, vier um 3, zwei um 4 und eine um 5 Punkte bzgl. ihrer allgemeinen Schulleistungen verbessern. Sieben Schülerinnen verschlechterten sich um 1, zwei um 2 und eine um 3 Punkte. Bei sechsundzwanzig Mädchen gab es keine Veränderung.

Das heißt: 44 % der Mädchen steigerten ihre Schulleistungen im Laufe ihres Hierseins. Bei 16 % gab es diesbezüglich eine Abwärtsentwicklung. Dafür mag es unterschiedliche Motive geben: Beispielsweise konnte die hohe anfängliche Leistungsmotivation nicht durchgehalten werden oder Motive wie `Zukunftsängste´ oder `aktuelle familiäre Belastungen´ konnten hierbei in der Abschiedsphase eine Rolle gespielt haben. 40 % blieben in ihren Leistungen unverändert. Dieser letzte Wert ist nur bedingt aussagekräftig, da keine Differenzierung auf das jeweilige anfängliche Leistungsniveau vorliegt.

Tab. 95 Schulischer Ehrgeiz (n=63)

↓276

Zwölf Schülerinnen konnten sich laut Lehrerurteil um 1, neun um 2, fünf um 3, drei um 7 und eine um 5 Punkte hinsichtlich schulischen Ehrgeizes verbessern. Elf verschlechterten sich um einen, eine um 2 und vier um drei Punkte. Bei siebzehn Mädchen gab es keine Veränderung.

Das heißt: Knapp die Hälfte der Probandinnen (48 %) entwickelte während des hiesigen Aufenthaltes schulischen Ehrgeiz, bei genau einem Viertel (25 %) ließ das anfänglich gezeigte Ehrgeizniveau nach. Ebenfalls ein Viertel (27 %) blieb diesbezüglich unverändert.

Tab. 96 Selbständiges Arbeiten (n=63)

↓277

Vierzehn Jugendliche konnten sich gemäß der Einschätzung ihrer Lehrkräfte um 1, zehn um 2, zwei um 3, fünf um 4 und eine um 5 Punkte hinsichtlich „selbständigen Arbeitens“ verbessern. Fünf verschlechterten sich um 1, je drei um 2 bzw. 3 und eine um 4 Punkte. Unverändert blieben neunzehn Klientinnen.

Das heißt: Die Hälfte der Beurteilten (51 %) lernte im schulischen Bereich zunehmend selbständiger zu arbeiten, bei einem Fünftel (19 %) war das Gegenteil der Fall. 30 % blieben unverändert.

Tab. 97 Zeitliches Durchhaltevermögen (n=63)

↓278

Zwölf Schülerinnen konnten sich nach Meinung des Lehrpersonals um 1, acht um 2, sieben um 3 und eine um 4 Punkte hinsichtlich `zeitlichen Durchhaltevermögens´ verbessern. Sechs verschlechterten sich um 1, drei um 2 und zwei um 3 Punkte. Vierundzwanzig Jugendliche blieben unverändert.

Das heißt: Knapp die Hälfte der untersuchten Population (44 %) profitierte in puncto `zeitliches Durchhaltevermögen´, 17 % bauten diesbezüglich ab. Bei 38 % gab es keine Änderung.

Tab. 98 Mündliche Mitarbeit (n=64)

↓279

Zwölf Klientinnen verbesserten sich laut Lehrerurteil um 1, neun um 2, fünf um 3, drei um 4, und je eine um 5 bzw. sogar 6 Punkte bzgl. `mündlicher Mitarbeit´ im Unterricht. Zwei verschlechterten sich um 1 und je drei um 2 bzw. 3 Punkte. Bei fünfundzwanzig Schülerinnen gab es keine Veränderung.

Das heißt: Etwa die Hälfte (48 %) steigerte im Laufe ihres Hierseins die mündliche Mitarbeit im Unterricht, bei 12 % nahm sie eher ab. 39 % blieben diesbezüglich unverändert.

Tab. 99 Aushalten von Leistungsdruck (n=64)

↓280

Zweiundzwanzig Mädchen konnten sich gemäß der Einschätzung ihrer Lehrerinnen um 1, sieben um 2, sechs um 3, zwei um 4 und eine um 5 Punkte hinsichtlich des Aushaltens von schulischem Leistungsdruck verbessern. Fünf verschlechterten sich um 1, vier um 2 und eine um 3 Punkte. Sechzehn Mädchen blieben unverändert.

Das heißt: Knapp zwei Drittel der Mädchen (59 %) lernten es zunehmend mehr Leistungsdruck in der Schule auszuhalten, bei 16 % war das Gegenteil der Fall. Ein Viertel der Beurteilten (25 %) änderte sich nicht.

Tab. 100 Aktive Unterrichtsstörung (n=64)

↓281

Zehn Jugendliche verbesserten sich nach Meinung ihrer Lehrer um 1, neun um 2, vier um 3, zwei um 4 und vier sogar um 5 Punkte hinsichtlich des Items „aktive Unterrichtsstörung“. Sechs verschlechterten sich um 1, vier um 2 und zwei um 3 Punkte. Dreiundzwanzig junge Menschen blieben unverändert.

Das heißt: 45 % der Untersuchten zeigten sich im Unterrichtsgeschehen zunehmend weniger (aktiv) renitent, ein Fünftel (19 %) dagegen mehr. Ein Drittel (36 %) blieb unverändert.

Tab. 101 Passive Unterrichtsstörung (n=64)

↓282

Dreizehn Schülerinnen verbesserten sich gemäß Lehrerurteil um 1, zehn um 2, sieben um 3, drei um 4 und eine um 5 Punkte. Sieben verschlechterten sich um 1, fünf um 2 und zwei um 3 Punkte. Sechzehn Zöglinge blieben unverändert.

Das heißt: Gut die Hälfte (53 %) der untersuchten Probandinnen störte im Laufe ihres Hierseins – zumindest im passiven Sinne – weniger den Schulunterricht, bei knapp einem Viertel (22 %) war jedoch eine Störungszunahme zu verzeichnen. Jede Vierte (25 %) blieb unverändert.

Tab. 102 Schulangst (n=61)

↓283

Zehn Klientinnen verbesserten sich in der Einschätzung des Lehrpersonals um 1, fünf um 2, acht um 3, vier um 4 und zwei um 5 Punkte hinsichtlich Schulangst. Fünf verschlechterten sich um 1 und zwei um 2 Punkte. Fünfundzwanzig Schülerinnen blieben unverändert.

Das heißt: Die Hälfte der Mädchen (48 %) baute ihre anfängliche Schulangst ab, bei jeder zehnten (11 %) nahm sie dagegen zu. Diesbezüglich unverändert blieben 41 %.

Zusammenfassung:

↓284

Vergleichbar den Einschätzungen des pädagogischen Heimpersonals gab es auch bei den Lehrerbeurteilten summarisch kein Item, bei welchem der Wert einer Stagnation bzw. Verschlechterung in einem Verhaltensbereich dem einer Verbesserung gleichgekommen bzw. gar übertroffen hätte.

Für etwa die Hälfte der geschlossen untergebrachten Mädchen war die kleine Klassengröße und im Vergleich zur normalen Hauptschule die intensive Zuwendung von Seiten der Klassenlehrerinnen hilfreich, so dass sich im Laufe ihres Hierseins ihre Schulleistungen und ihr schulischer Ehrgeiz steigern konnten. Diesbezüglich konnte kein Unterschied zwischen Lernbehinderten und durchschnittlich begabte Schülerinnen festgestellt werden. Ein beachtlicher Erfolg, zumal man annehmen darf, dass Dissozialität und schulischer Ehrgeiz sich in der Regel weitgehend ausschließen.

Fortschritte während eines knapp durchschnittlichen Schuljahres gab es hinsichtlich „selbständigen Arbeitens“ (positiv korrelierend mit den Einschätzungen der Heimpädagoginnen, siehe Tab. 65), bei „Abbau von Schulangst“ und bei der Zunahme von „mündlicher Mitarbeit“. Neben einem erhöhten zeitlichen Durchhaltevermögen steigert sich auch das Aushalten von Leistungsdruck. Aktive und insbesondere passive Unterrichtsstörung nehmen vielfach mit der Aufenthaltsdauer ab.

↓285

Insgesamt kann festgehalten werden, dass eine oftmals manifeste Misserfolgsorientierung und eine intrinsische negative Selbstzuschreibung von schlechten Leistungen im schulischen Bereich überwiegend abgebaut werden konnten. Letzteres dürfte jedoch nicht an der geschlossenen Heimschule per se, sondern allein bereits an einem regelmäßigen Schulbesuch gelegen haben.

Individuell in negativer Richtung beurteilte Veränderungen sind wohl überwiegend darauf zurückzuführen, dass am Schuljahresende – zumeist auch der Zeitpunkt der Entlassung aus der geschlossenen Gruppe – die Leistungsmotivation abnimmt, zum Teil überlagert von Ängsten vor der weiteren persönlichen Zukunft (neue Wohngruppe, schulische/berufliche Veränderungen).

Die eben erfolgten Interpretationen sollen im Folgendem durch statistische Berechnungen überprüft werden.

Varianzanalytische Auswertung der Lehrerfragebogen

↓286

Zur Beantwortung der Frage, ob sich die Mädchen nach Einschätzung der Lehrer in einer Reihe von schulbezogenen Verhaltensweisen über die Dauer des Aufenthalts hinweg verändert haben, wurden zunächst einfaktorielle univariate Varianzanalysen mit dem Faktor Zeit als Messwiederholungsfaktor gerechnet. In allen Bereichen waren signifikante Verbesserungen zu verzeichnen.

Tab. 103

  

t1

 

t2

    
 

(n)

M

SD

M

SD

F

p

Eta2

Schulische Leistung

63

-.03

1.99

.62

1.65

11.34

.001

.16

Schulischer Ehrgeiz

62

.19

2.03

.80

1.64

8.24

.006

.12

Selbständiges Arbeitsverhalten

63

.40

1.86

.89

1.61

4.53

.037

.07

Zeitliches Durchhaltevermögen

62

.10

1.93

.68

1.73

10.32

.002

.15

Mündliche Mitarbeit im Unterricht

63

-.21

3.23

.91

1.44

8.38

.005

.12

Aushalten von Leistungsdruck

63

-.44

1.81

.33

1.62

15.62

.000

.20

Aktive Unterrichtsstörung

63

.19

1.92

1.06

1.57

12.74

.001

.17

Passive Unterrichtsverweigerung

63

.03

1.86

.92

1.48

14.48

.000

.19

Schulangst

60

.30

1.92

1.38

1.46

17.26

.000

.23

Aggressives Verhalten

60

.32

1.82

1.07

1.46

8.92

.004

.13

Distanzloses Verhalten

56

.30

2.03

.86

1.75

6.33

.015

.11

Auswertungen unter Berücksichtigung der Aufenthaltsdauer

Die Aufenthaltsdauer der hier erfassten Mädchen betrug im Durchschnitt etwa 13 Monate.

↓287

Tab. 104 Deskriptive Statistik

 

N

Minimum

Maximum

Mittelwert

Standardabweichung

 

DAUER

63

131,00

707,00

392,81

130,86

 

Die Korrelationen zwischen der Aufenthaltsdauer erbrachten nur ein einziges signifikantes Ergebnis: Je schlechter die mündliche Mitarbeit zum Zeitpunkt der Aufnahme, desto länger die Aufenthaltsdauer (r=-.28; p<.05).

Varianzanalytische Auswertungen mit der Aufenthaltsdauer als zweitem Faktor

In einem nächsten Auswertungsschritt wurden für jeden der Bereiche univariate zweifaktorielle Varianzanalysen gerechnet, mit dem Faktor Zeit als Messwiederholungsfaktor und der Aufenthaltsdauer als Zwischensubjektfaktor. Hierfür wurden in Abhängigkeit der Aufenthaltsdauer zwei Gruppen gebildet, wobei die erste Gruppe Mädchen mit einer Aufenthaltsdauer unter einem Jahr umfasst (n=30), die zweite Gruppe Mädchen mit einer Aufenthaltsdauer von über einem Jahr (n=33). Es gab keinen signifikanten Haupteffekt Dauer und keinen signifikanten Interaktionseffekt Zeit x Dauer.

Zusammenfassung:

↓288

Bezüglich aller abgefragten Items konnte die Mehrzahl der Mädchen laut Lehrerurteil signifikant positive Fortschritte erzielen. Viele von ihnen zeigten aber auch keine Veränderungen in Hinblick auf das anfänglich gezeigte Verhaltensmuster. Keine Rolle spielten dabei das jeweilige Alter der Mädchen bzw. die Aufenthaltsdauer der Betroffenen.

Abschließend seien noch einige subjektive Aussagen aus Lehrer-Interviews 12 mit zusätzlichem Informationswert zitiert:

Im Wissen darum, dass sie an ihrer Heimschule optimale strukturelle und materielle Bedingungen vorfinden, können die befragten Lehrer folgende von Optimismus geprägte Aussagen abgeben:

• Alle Mädchen, die im Mädchenheim Gauting ihr 9. Schulbesuchsjahr bis zum Ende absolviert haben, haben den normalen Hauptschulabschluss erfolgreich bestanden.

↓289

Zahl der erreichten Abschlüsse anhand dreier Jahrgänge:

Tab. 105

Schuljahr

Sonderschul-
abschluss

Hauptschul-
abschluss

Davon mit Qualif. HS

BVJ-Abschluss

Davon mit HS-Abschl.

Insgesamt

1999/2000

2

12

3

6

2

20

2000/2001

2

8

2

4

0

14

2001/2002

3

8

2

9

5

20

• Mehr als 50 junge Menschen haben seit 1982, dem Existenzbeginn der hiesigen Einrichtung, den Qualifizierenden Hauptschulabschluss absolviert.

↓290

Im Folgenden eine genauere Übersicht für den Zeitraum 1990 bis 2000:

Tab. 106

Jahr

Klassenstärke

bestandener „Quali“

89/90

5

3

90/91

4

2

91/92

2

1

92/93

7

7

93/94

10

7

94/95

4

3

95/96

6

2

96/97

6

2

97/98

6

2

98/99

9

3

99/00

5

3

 

n = 64

n = 35 ( ~ 54 %)

Das heißt, mehr als die Hälfte der Schülerinnen der „Quali-Klasse“ (54 %) war in Jahresabschlussprüfungen erfolgreich, die zum Schuljahresende extern an einer Hauptschule im Ort abgehalten und von externen Lehrern durchgeführt wurden.

↓291

Schülerinnen, die wegen vorgeblicher Unbeschulbarkeit vom Unterricht öffentlicher Schulen ausgeschlossen wurden, können in den allermeisten Fällen im Mädchenheim Gauting wieder in einen regelmäßigen Schulbetrieb eingegliedert werden. Dabei handelt es sich um Kinder und Jugendliche, die über Monate keine Schule mehr von innen gesehen haben, die Lehrer und Mitschüler dauerhaft störten, ärgerten und quälten, die wegen ihrer Verhaltensweisen keine Leistungen mehr erbrachten und teilweise schon mehrfach von Schulen (auch über längere Zeiten) ausgeschlossen wurden.

Wenn dem Wert schulischer Bildung (die nach politischem Willen allen jungen Menschen in gleicher Weise zukommen soll) entsprochen werden soll, so erfordert das in hohem Maße die Möglichkeit zur Binnendifferenzierung, zur Bildung von Kleinklassen und den Einsatz von ausreichend Lehrkräften. Nur so sind angestrebte Lernfortschritte und Lernerfolge zu vermitteln, und nur so kann Integration im Gegensatz zu bisher erlebtem Schulausschluss dauerhaft ermöglicht werden (Zapf 1995).

↓292

Im Mädchenheim Gauting bildet Schule einen unverzichtbaren Schwerpunkt. Die Frage nach dem Stellenwert schulischer Bildung, der Notwendigkeit zur Beseitigung bestehender erheblicher Lern- und Leistungsdefizite stellt sich dabei nicht: Die hiesige Einrichtung ist der Meinung, dass erreichte und anerkannte Abschlüsse nach wie vor einen wichtigen Stellenwert in der Perspektivenfindung junger Menschen haben.

In einem weiteren Kapitel zum Thema Prozess- und Ergebnisqualität sollen als nächstes Ergebnisse von Persönlichkeitsverfahren vorgestellt werden, die an einer kleineren Stichprobe geschlossen untergebrachter Mädchen durchgeführt wurden. Hintergrund dieser Testung ist u.a. zu eruieren, ob relativ stabile Persönlichkeitsmerkmale sich innerhalb eines knappen Jahres unter freiheitsentziehenden Rahmenbedingungen signifikant verändern können – aber auch die Überprüfung der Hypothese, ob geschlossene Heimunterbringung vergleichbar einem Gefängnisaufenthalt zu einer Deformierung der Persönlichkeit junger Menschen führt.

6.3.2 Prä-/Posttestung geschlossen untergebrachter Mädchen mittels zweier unterschiedlicher Persönlichkeitsverfahren

Im Sinne einer Längsschnittuntersuchung (ca. 10 Monate) wurde(n) jeweils zu Beginn der geschlossenen Unterbringung wie bei der Entlassung (ein) Persönlichkeitstest(s) durchgeführt, um evtl. Fortschritte (bzw. auch Rückschritte oder Stagnation) im Erziehungsprozess objektiver feststellen zu können. Die vorliegende Untersuchung basiert auf Daten von 71 Mädchen, die den „Deutschen HSPQ“ einmal, und 33 Mädchen, die ihn insgesamt zweimal beantwortet haben. Zwölf beantworteten zu zwei verschiedenen Zeitpunkten den „Mehrdimensionalen Persönlichkeitstest für Jugendliche“. Ergebnisse hiervon flossen ebenfalls in die hiesige Studie mit ein.

↓293

Die Stichprobe ist relativ gering, die Ergebnisse sind deshalb entsprechend vorsichtig zu interpretieren. Da die Testung auf Freiwilligkeit basierte, war es zwar leichter, die für manche dissoziale Jugendliche z.T. „langweiligen“ bzw. „verschrobenen“ Fragen einmal (d.h. anfänglich) zu präsentieren; schwieriger war es, einige von den Mädchen zu motivieren, das gleiche Fragenmaterial kurz vor der Entlassung nochmals zu bearbeiten. Außerdem kamen in einigen Fällen Endauswertungen nicht (mehr) zustande, weil der Verfasser dieser Studie sich auf Fortbildungen bzw. im Urlaub befand und so nach seiner Rückkehr keinen Zugriff mehr auf entsprechende Daten hatte.

6.3.2.1 Deutscher HSPQ

Der Deutsche HSPQ (High School Personality Questionnaire) ist ein mehrdimensionaler Test der Persönlichkeitsstruktur und ihrer Störungen für Zwölf- bis Achtzehnjährige. Die 14 Persönlichkeitsfaktoren des HSPQ (s. Anhang 7) scheinen eine umfassende Information über die bedeutsamen Bereiche und deren Beziehungen untereinander in der funktionalen Einheit der Persönlichkeit zu ermöglichen. Wie bei jedem Test sollten auch die Untersuchungsergebnisse des HSPQ im ergänzenden Rahmen von Anamnese, Verhaltensbeobachtung und geeigneten anderen Tests interpretiert werden.

Ein Fragebogentest kann wie jede andere psychologische Untersuchung ad absurdum geführt werden, wenn die Versuchsperson bewusst sabotiert. In der hiesigen Praxis hat es sich jedoch gezeigt, dass viele Mädchen freiwillig die Fragen beantworten. Als mögliche Motive dafür mögen momentane Langeweile und Neugierde auf die Auswertung gelten. Insofern kann von einer Motivation, die Fragen ehrlich zu beantworten, ausgegangen werden.

↓294

Aus Unkenntnis der eigenen Persönlichkeit schildern sich einige wenige Probandinnen nicht entsprechend der Wirklichkeit, sondern entsprechend dem eigenen Wunschbild. Darüber hinaus besteht bei Verhaltensgestörten häufig eine Diskrepanz zwischen verbal wohl vorhandenem Wissen über gesellschaftlich erwünschtes Rollenverhalten und tatsächlich geäußertem Verhalten. Solche unerwünschten Antworttendenzen bedingen jedoch nur einen geringen Varianzanteil (Rover 1965).

Durchführungs-, Auswertungs- und Interpretationsobjektivität sind beim Deutschen HSPQ gegeben. Die Test-Retest-Reliabilität liegt beim HSPQ ziemlich gut zwischen 0,70 und 0,91 für die Dependibilität. Eine gute inhaltliche Validität lässt sich für den HSPQ annehmen aus seiner hochsignifikanten Kongruenz mit ähnlichen Kulturen (Schumacher/Cattel 1974; 621-636).

6.3.2.2 MPT-J

Der Mehrdimensionale Persönlichkeits-Test (MPT-J) von Hartmut Schmidt (1981) entsprang dem Bestreben, einen objektiven Persönlichkeitstest für Jugendliche in Schule und Ausbildung zu entwickeln, der neben den üblichen Kriterien eines psychologischen Tests im Wesentlichen den folgenden Anforderungen genügen soll:

↓295

Insgesamt misst der MPT-J sieben Skalen (s. Anhang 8):

↓296

Die Reliabilitätsdaten sind als sehr zufriedenstellend anzusehen (Berechnungsverfahren nach Spearman-Brown: zwischen 0.49 und 0.86) .

6.3.2.3 Testauswertung

Den Angaben im Manual des HSPQ entsprechend wurden Sekundärfaktoren gebildet. Die Globalskalen betreffen „Extraversion“, „Angst“ und „Neurotizismus“ (s. Anhang 5).

Deskripitive Befunde

Für alle Teilnehmerinnen wurden auch Schiefe- und Curtosis-Werte überprüft 13. Es liegen keine Abweichungen vor. Die Mittelwerte wie Standardabweichungen können im Folgenden eingesehen werden.

↓297

Tab. 107 Deskriptive Statistik

   

t 1

  

t 2

 

N

Mittelwert

Standard-
abweichung

N

Mittelwert

Standard-
abweichung

TEILNAHME

71

1.4865

(.5032)

   

DAUER der Heimunterbringung in Monaten

35

10.43

(3.27)

   

ALTER

36

14.1944

(1.0907)

   

Affektothymie (HSPQ)

71

5.17

(1.89)

33

5.91

(1.84)

Intelligenz (HSPQ)

71

5.61

(1.34)

33

6.12

(1.43)

Ichstärke (HSPQ)

71

4.99

(2.08)

33

5.00

(2.18)

Erregbarkeit (HSPQ)

71

5.97

(2.17)

33

6.00

(2.05)

Dominanz (HSPQ)

71

4.97

(2.06)

32

5.28

(1.76)

Gefühlsüberschwänglichkeit (HSPQ)

71

5.92

(2.19)

33

6.48

(2.22)

Überich-Stärke (HSPQ)

71

4.35

(2.02)

33

4.33

(2.15)

Soziale Initiative (HSPQ)

71

5.49

(2.04)

33

5.94

(1.48)

Feinfühligkeit (HSPQ)

71

5.99

(2.07)

33

6.09

(1.96)

Individualismus (HSPQ)

71

5.76

(2.00)

33

6.06

(1.54)

Schuldgefühle (HSPQ)

71

5.31

(2.16)

33

5.27

(2.18)

Eigenständigkeit (HSPQ)

71

5.08

(1.85)

33

4.88

(1.83)

Selbstkontrolle (HSPQ)

71

4.14

(1.95)

33

4.21

(1.88)

Antriebsspannung (HSPQ)

71

5.83

(1.92)

33

6.30

(2.08)

Angst (HSPQ)

71

2.493

(8.318)

33

2.424

(8.314)

Extraversion (HSPQ)

71

4.465

(2.824)

32

4.900

(2.748)

Neurotizismus (HSPQ)

71

-2.408

(9.590)

32

-2.906

(9.573)

Unkorrekte Testbearbeitung (MPT-J )

12

2.17

(1.19)

11

1.82

(1.54)

Dissimulation (MPT-J )

12

5.25

(3.08)

11

4.55

(2.54)

Ich-Schwäche (MPT-J )

12

16.75

(6.08)

11

15.00

(6.83)

Hohe Antriebsspannung (MPT-J )

12

11.92

(2.61)

11

13.45

(3.01)

Hohe Leistungsmotiviertheit (MPT-J )

12

4.25

(2.63)

11

5.73

(3.58)

Soziale Zurückhaltung (MPT-J)

12

5.67

(2.77)

11

4.64

(2.98)

Aggressivität (MPT-J)

12

7.50

(3.26)

11

6.45

(2.42)

Anzahl auffälliger Bereich

71

1.5915

(1.3047)

33

1.6970

(1.4467)

Gesamtpunktwerte in den auffälligen Bereichen

71

2.6761

(2.5172)

33

2.7879

(2.6191)

Gültige Werte (Listenweise)

   

8

  

Persönlichkeitsprofile

Als durchschnittliches HSPQ-Profil und als durchschnittliches MPT-J/Profil für unsere Klientel ergeben sich folgende Bilder:

↓298

Varianzanalytische Befunde:

Um die Frage zu beantworten, auf welchen Skalen bzw. in welchen Maßen sich die geschlossen untergebrachten Mädchen zum Zeitpunkt der Entlassung verbessert oder verschlechtert haben, wurde eine multivariate unifaktorielle Varianzanalyse 14 mit dem Faktor Zeit als Messwiederholungsfaktor durchgeführt.

Insgesamt ergaben sich keine signifikanten Unterschiede in den HSPQ-Variablen bei Aufnahme und Entlassung der Gesamtstichprobe ( F (14,18) = .59, n.s.).

Prä-Post-Vergleiche der HPSQ-Variablen (n = 32)
Multivariate unifaktorielle Varianzanalyse mit dem Faktor Zeit als Messwiederholungsfaktor

↓299

Tab. 110 Deskriptive Statistik

  

t 1

 

t 2

 

Mittelwert

Standard-
abweichung

Mittelwert

Standard-
abweichung

Affektothymie

5.59

(1.85

5.84

(1.83)

Intelligenz

5.81

(1.28)

6.25

(1.24)

Ichstärke

4.97

(2.21)

4.94

(2.18)

Erregbarkeit

5.88

(2.15)

6.03

(2.07)

Dominanz

5.25

(2.03)

5.28

(1.76)

Gefühlsüberschwänglichkeit

6.03

(2.38)

6.50

(2.26)

Überich-Stärke

4.84

(2.14)

4.37

(2.17)

Soziale Initiative

5.63

(1.95)

5.94

(1.50)

Feinfühligkeit

6.03

(2.28)

6.06

(1.98)

Individualismus

5.63

(2.03)

6.03

(1.56)

Schuldgefühle

5.22

(1.84)

5.38

(2.14)

Eigenständigkeit

5.06

(1.63)

4.91

(1.86)

Selbstkontrolle

4.00

(2.05)

4.13

(1.84)

Antriebsspannung

6.19

(1.75)

6.41

(2.03)

Angst

2.688

(8.102)

2.813

(8.138)

Extraversion

4.712

(2.485)

4.900

(2.748)

Neurotizismus

-2.563

(9.186

-2.906

(9.573)

Tab. 111 Multivariate Tests c

Effekt

  

Wert

F

Hypothese df

Fehler df

Signifikanz

Partielles Eta-Quadrat

Nichtzentralität s-Parameter

Beobachtete Schärfea

Zwischen den Subjekten

Intercept

Pillai-Spur

.997

376.288b

14.000

18.000

.000

.997

5268.032

1.000

  

Wilks-Lambda

.003

376.288b

14.000

18.000

.000

.997

5268.032

1.000

  

Hotelling-Spur

292.668

376.288b

14.000

18.000

.000

.997

5268.032

1.000

  

Größte charakteristische Wurzel nach Roy

292.668

376.288b

14.000

18.000

.000

.997

5268.032

1.000

Innerhalb der Subjekte

ZEIT

Pillai-Spur

.313

.585 b

14.000

18.000

.844

.313

8.187

.225

  

Wilks-Lambda

.687

.585b

14.000

18.000

.844

.313

8.187

.225

  

Hotelling-Spur

.455

.585b

14.000

18.000

.844

.313

8.187

.225

  

Größte charakteristische Wurzel nach Roy

.455

.585b

14.000

18.000

.844

.313

8.187

.225

a. Unter Verwendung von Alpha = .05 berechnet
b. Exakte Statistik
c. Design: Intercept
Innersubjekt-Design: ZEIT

Nicht signifikante Verbesserungen zeigten sich am Ende des Heimaufenthaltes bzgl. einer Zunahme an Affektothymie, Intelligenz, Gefühlsüberschwänglichkeit, Eigenständigkeit und Selbstkontrolle. Auch die Antriebsspannung nahm etwas zu.

↓300

Keine signifikanten Unterschiede ergaben sich auch in den MPT-J-Variablen bei Aufnahme und Entlassung der Gesamtstichprobe (F (8,1) =1.36, n.s.).

Prä-Post-Vergleiche der MPT-Variablen (n = 9)
Multivariate unifaktorielle Varianzanalyse mit dem Faktor Zeit als Messwiederholungsfaktor

Tab. 112 Deskriptive Statistik

 

t 1

 

t 2

 
 

Mittelwert

Standard-
abweichung

Mittelwert

Standard-
abweichung

Unkorrekte Testbearbeitung

1.89

(1.17)

1.33

(1.12)

Dissimulation

5.33

(2.78)

4.67

(2.78)

Ich-Schwäche

15.89

(6.51)

13.33

(6.28)

Hohe Antriebsspannung

11.89

(2.47)

13.33

(3.20)

Hohe Leistungsmotiviertheit

4.33

(3.04)

5.00

(3.54)

Soziale Zurückhaltung

6.00

(2.92)

4.11

(2.89)

Aggressivität

7.00

(3.67)

6.00

(2.45)

Anzahl auffälliger Bereich

1.6667

(1.6583)

2.2222

(1.7159)

Gesamtpunktwerte in den auffälligen Bereichen

2.8889

(3.4075)

3.7778

(3.1535)

Tab. 113

↓301

Im MPT-J nimmt mit Dauer des Aufenthaltes die emotionale Stabilität (Ich-Stärke), die Leistungsmotiviertheit und die soziale Initiative etwas zu. Umgekehrt nehmen die Aggressivität und die Dissimulation etwas ab. Alle Werte neigen jedoch zu Tendenzen, die keine statistische Signifikanz erreichen. Aufgrund der geringen Fallzahl sind hier die Ergebnisse mit Vorsicht zu betrachten.

Stabilitäten der Skalen (vorher-nachher)

Besonders bei den Globalskalen, aber auch beim Punktwert auffälliger Bereiche lässt sich eine beträchtliche zeitliche Stabilität (r>.50) festmachen. Erwartungsgemäß weisen Primärskalen wie „Ich-Stärke“ eine höhere Stabilität auf als veränderungssensiblere Bereiche wie Skala O (`Schuldgefühle´).

Die MPT-Befunde sind aufgrund des geringen Stichprobenumfangs wiederum mit Vorsicht zu interpretieren. Hier weist vor allem die Skala Aggressivität ein beträchtliches Ausmaß an Stabilität auf (p<.01).

Stabilitäten der HSPQ-Skalen
Korrelationen bei gepaarten Stichproben (n=33)

↓302

Tab. 114

 

Korrelation

Signifikanz

Affektothymie

.05

.80

Intelligenz

.11

.53

Ichstärke

.50

.00

Erregbarkeit

.31

.08

Dominanz

.21

.24

Gefühlsüberschwänglichkeit

.38

.03

Überich-Stärke

.42

.01

Soziale Initiative

.46

.01

Feinfühligkeit

.24

.18

Individualismus

.26

.14

Schuldgefühle

.35

.05

Eigenständigkeit

.17

.34

Selbstkontrolle

.35

.04

Antriebsspannung

.39

.02

Angst

.57

.00

Extraversion

.54

.00

Neurotizismus

.36

.04

Anzahl auffälliger Bereiche

.37

.03

Gesamtpunktwerte in den auffälligen Bereichen

.52

.00

Stabilitäten der MPT-Skalen
Korrelation bei gepaarten Stichproben (n = 11)

Tab. 115

 

Korrelation

Signifikanz

Unkorrekte Testbearbeitung

.54

.09

Dissimulation

.57

.07

Ich-Schwäche

.59

.06

Hohe Antriebsspannung

.70

.02

Hohe Leistungsmotiviertheit

.55

.08

Soziale Zurückhaltung

.50

.12

Aggressivität

.81

.00

Anzahl auffälliger Bereiche

.37

.03

Gesamtpunktwerte in den auffälligen Bereichen

.52

.00

Ergebnisse in Abhängigkeit von der Dauer des Aufenthaltes

In Ergänzung zu den unifaktoriellen Varianzanalysen (Prä-Postvergleichen zwischen verschiedenen Subjekten und innerhalb der Subjekte) lag ein weiteres Augenmerk auf evt. korrelative Befunde in Abhängigkeit von der Dauer des Aufenthaltes.

Korrelation nach Pearson

↓303

Tab. 116

 

Dauer der Heimunterbringung in Monaten

 

t1

t2

Affektothymie

.04

-.07

Intelligenz

-.03

-.21

Ichstärke

-.15

.00

Erregbarkeit

.44*

.09

Dominanz

-.48**

-.21

Gefühlsüberschwänglichkeit

-.06

.02

Überich-Stärke

-.13

-.31

Soziale Initiative

-.23

-.10

Feinfühligkeit

-.11

-.23

Individualismus

-.01

.07

Schuldgefühle

.21

.21

Eigenständigkeit

.07

-.10

Selbstkontrolle

-.05

-.33

Antriebsspannung

.22

-.03

Angst

.31

.16

Extraversion

-.30

-.27

Neurotizismus

.38*

.12

Unkorrekte Testbearbeitung

-.60*

-.51

Dissimulation

-.02

-.21

Ich-Schwäche

.20

-.21

Hohe Antriebsspannung

-.26

.05

Hohe Leistungsmotiviertheit

-.13

-.51

Soziale Zurückhaltung

.09

-.14

Aggressivität

-.05

-.20

Anzahl auffälliger Bereiche

.03

.37*

Gesamtpunktwerte in den auffälligen Bereichen

.14

.35*

* Die Korrelation ist auf dem Niveau von 0,05 (2-seitig) signifikant.
** Die Korrelation ist auf dem Niveau von 0,01 (2-seitig) signifikant

Tab. 117

Deskriptive Statistik

 

N

Minimum

Maximum

Mittelwert

Standardabweichung

DAUER der Heimunterbringung in Monaten

35

6

17

10,43

3,27

Der geschlossene Aufenthalt der Probandinnen dauerte im Schnitt 10 Monate.

↓304

Die statistisch signifikanten bzw. hochsignifikanten korrelative Befunde lassen sich so zusammenfassen:

Veränderungen der Befunde mit der Dauer als zweitem Faktor

Dichotomisiert wird hier nach kurzer (bis 10 Monate) und langer Verweildauer (11 und mehr Monate).

↓305

Entsprechend den zuvor vorgestellten Befunden gab es keinen Haupteffekt Dauer (F = 1, n.s.) und keinen Haupteffekt Zeit (vorher-nachher; F = .48, n.s.). Darüber hinaus gab es keinen Interaktionseffekt (F = .57, n.s.). Die Varianz der multivariaten Tests ist im Anhang 6 ersichtlich.

Im univariaten Modell ergab sich jedoch tendenziell (mit 10 % Irrtumswahrscheinlichkeit) ein Interaktionseffekt Zeit x Dauer für die Skala D "Erregbarkeit" des HSPQ (F=3.353, p=.077, Eta2 = .10): Die Mädchen mit langer Aufenthaltsdauer scheinen zunächst ein höheres Maß an Erregbarkeit aufzuweisen, das sich im Laufe des Aufenthaltes reduziert; dagegen sind Mädchen mit kurzem Aufenthalt zunehmend stärker erregt. Anders formuliert: Ein Absinken der Erregbarkeit ergibt sich nur bei langer Aufenthaltsdauer. Insofern kann Dauer als eine Moderatorvariable begriffen werden. Dieser Befund ist zwar mit Vorsicht zu interpretieren, da im multivariaten Modell nicht gleichermaßen ersichtlich, aber plausibel. In der Regel ist in einem multivariaten Design bei einer kleinen Stichprobe zu erwarten, dass Effekte übersehen werden. Die Vermutung liegt nahe, dass bei einer größeren Stichprobe als der hiesigen auch bei einem multivariaten Design Effekte zu verzeichnen wären.

Erregbarkeit bei Aufnahme und Entlassung in Abhängigkeit von der Verweildauer

Tab. 118

 

N

M

SD

Gruppe mit kurzer Verweildauer

16

6,25

1,95

Gruppe mit langer Verweildauer

17

4,35

1,62

↓306

Tab. 119

Zudem gibt es für die Skala E des HPSQ (s. Anhang 6) einen Haupteffekt für die Dauer des Aufenthaltes (F=8.658, p=.006, Eta2 =.22): Mädchen mit längerer Verweildauer sind zum Zeitpunkt der Aufnahme in die geschlossene Gruppe weniger durchsetzungsfähig als Mädchen mit kürzerer Verweildauer. Können dominantere Jugendliche es leichter durchsetzen, dass sie zu einem durchschnittlich früheren Zeitpunkt entlassen werden ? Dieses Muster zeigte sich auch schon in den Korrelationsanalysen mit der kontinuierlichen Dauer-Variable.

Dominanz bei Aufnahme und Entlassung in Abhängigkeit von der Verweildauer

Tab. 120

 

N

M

SD

Gruppe mit kurzer Verweildauer

16

6,25

1,95

Gruppe mit langer Verweildauer

17

4,35

1,62

↓307

Tab. 121

Zusammenfassung

Auf den Skalen der beiden angewendeten Persönlichkeitsverfahren gab es für die Gesamtstichprobe der untersuchten Mädchen keine signifikanten Verbesserungen oder Verschlechterungen während des Heimaufenthaltes. Warum kam es zu keinen bedeutsamen Veränderungen bei den gemessenen Persönlichkeitsfaktoren?

Der Deutsche HSPQ und der MPT-J sind mehrdimensionale Tests der Persönlichkeitsstruktur. Der Begriff "Persönlichkeit" bezeichnet per definitionem in zeitlicher wie situativer Hinsicht überdauernde Eigenschaften, also relativ stabile Merkmale. Von Persönlichkeitstests sind insofern – zumal wenn es um eine Wiederholungstestung nach einer relativ kurzen Zeitspanne geht – keine wirklichen gravierenden Veränderungen zu erwarten. Es scheint somit nicht sinnvoll zu sein, davon auszugehen, dass in einem durchschnittlichen Zeitrahmen von zehn Monaten sich Persönlichkeitsvariablen deutlich verändern können. Die zielgerichtete Aktivierung der Jugendlichen ist ein Essential der pädagogisch-therapeutischen Arbeit im Mädchenheim Gauting. In diesem Sinne wird in hiesigem Setting eher verhaltensorientiert als in Hinblick auf Veränderungen von Persönlichkeitsstrukturen gearbeitet. Effekte in Richtung einer Persönlichkeitsveränderung (siehe Persönlichkeitsfaktoren der beiden oben genannten Tests) ließen sich – wenn überhaupt – nur in einem Heim mit tiefenpsychologisch orientiertem Konzept in Verbindung mit einer sehr langen Aufenthaltsdauer der jungen Menschen erzielen. Das Mädchenheim Gauting mit seinen verhaltensorientierten Interventionen hat diesbezüglich eine andere Zielsetzung. In dieser Zeitspanne scheinen lediglich sichtbare Veränderungen auf Verhaltensebene, nicht aber im Persönlichkeitsbereich möglich zu sein.

↓308

Als ein Ergebnis in Abhängigkeit von der Dauer der geschlossenen Unterbringung kann jedoch festgehalten werden: je länger die Aufenthaltsdauer, desto eher verringert sich die Anzahl auffälliger Bereiche. Die Aufenthaltsdauer scheint somit einen Einfluss auf das Ausmaß der Veränderungen der Klientinnen zu haben. Insbesondere das Persönlichkeitsmerkmal „(hohe) Erregbarkeit“ verringert sich nur bei einer längeren Aufenthaltsdauer. Dauer ist damit eine Moderatorvariable.

So berechtigt das Anliegen ist, dass die geschlossene Unterbringung für die Betroffenen so kurz wie nur irgendwie möglich sein soll, so zeigen doch die letzten Ergebnisse auf, dass die Dauer der geschlossenen Unterbringung – sollen positive Effekte im Verhaltensbereich entstehen, nicht ins Beliebige reduziert werden kann. Im Mädchenheim Gauting hat sich über einen längeren Zeitraum hinweg ein Mittelwert von einem Jahr als „sinnvolle“ Aufenthaltsdauer herauskristallisiert: Diese Zeitspanne braucht es in der Regel, um die Mädchen auf Verhaltensebene soweit zu stabilisieren, dass sie dann in einem offenen Rahmen (offenes Heim, Elternhaus etc.) reelle Chancen haben zu bestehen.

Seligman (1995 und 1998) kommt in seinen Studien zu dem Schluss, dass eine therapeutische Langzeitbehandlung für Klienten deutlich nutzbringender als eine Kurzzeittherapie ist, darüber hinaus dass Psychotherapie alleine den gleichen Effekt wie eine Psychotherapie in Kombination mit Medikamenten hat. Psychologen, Psychiater und Sozialarbeiter differieren dabei nicht in der Effektivität der Behandlung. Seligman (1995) kommt weiterhin zu dem Ergebnis, dass es unabhängig vom spezifischen Krankheitsbild keine besser bzw. weniger geeigneten Therapieformen gibt. Diesen Tatsachenbefund bekräftigt die Studie von Koch/Schulz (1999), die längerfristige Effekte einer stationären psychosomatischen Behandlung in einer Klinik untersuchen, in der eine differentielle Zuweisung entweder zu einer psychoanalytischen oder verhaltensorientierten Behandlung erfolgte. Als Ergebnis konnte festgehalten werden, dass für beide Therapieformen deutliche Verbesserungen auch noch ein Jahr nach Verlassen der Klinik im Vergleich zum Zeitpunkt der Aufnahme nachgewiesen wurden. Ein Vergleich zwischen den Therapierichtungen ergab jedoch nur wenige Unterschiede.

↓309

Das Mädchenheim Gauting arbeitet überwiegend nach einem verhaltenstherapeutischen Konzept. Verstärkerprogramme unterschiedlicher Art (z.B. "Token"-Systeme) versuchen direkt das Verhalten von Dissozialen zu beeinflussen. Konsequenzen auf Fehlverhalten müssen klar und deutlich ausgesprochen und rasch erfolgen. Schnelle Reaktionen von Seiten der Pädagoginnen sorgen auch dafür, dass sich die aggressiv aufgeladene Erlebniswelt der Jugendlichen nicht noch weiter aufheizt (Redl/Wineman 1984). Erforderlich ist das Einüben neuer Handlungsmöglichkeiten. Ein Kommunikations- und soziales Kompetenztraining gehört ebenso dazu wie ein Training in Problemlösungsstrategien (Ahrbeck/Stadler 2000; 25). Darüber hinaus sorgen Anleitungen im lebenspraktischen und hauswirtschaftlichen Bereich, Nachhilfe bei schulischen Problemen, Spiel- und Beschäftigungstherapie sowie eine erlebnisorientierte Freizeitpädagogik für einen stark strukturierten Tagesablauf.

Festzuhalten gilt, dass innerhalb eines knappen Jahres die untersuchten Persönlichkeitsvariablen geschlossen untergebrachter Mädchen sich vielfach nur geringfügig, d.h. nicht signifikant verbessert haben. Andererseits waren keine Stagnation oder gar Verschlechterungen zu konstatieren (mit Ausnahme der `erhöhten Antriebsspannung´, die wohl hinsichtlich einer zeitnahen Entlassung verbunden mit Zukunftsängsten zu interpretieren ist), so dass das Argument von Gegnern der geschlossenen Heime als nicht stichhaltig überführt werden kann, geschlossene Heimunterbringung führt ähnlich dem Gefängnisaufenthalt zu einer Deformation der Persönlichkeitsstruktur.

Zur Ergebnisqualität sollen nunmehr noch einige heiminterne Entlassungsdaten bzgl. im Mädchenheim Gauting untergebrachter Mädchen veröffentlicht werden. Dabei handelt es sich wiederum um die Komplettstichprobe im Zeitraum 1991 bis 2001, somit um durchaus für das Mädchenheim Gauting repräsentative Aussagen.

6.3.3 Entlassungsdaten geschlossen untergebrachter junger Menschen

↓310

Ein im Mädchenheim Gauting erstellter Statistikpool für den Zeitraum 1991 bis 2001 erfasst 230 Jugendliche15 hinsichtlich der Faktoren

Bei dieser großen Stichprobe handelt es sich um eine Vollerfassung aller vier im 10-Jahreszeitraum untersuchten geschlossener Gruppen.

6.3.3.1 Art der Beendigung

↓311

Bei 53 % der Jugendlichen kann von einer geplanten Entlassung zu einem im Hilfeplangespräch festgesetzten Termin mit Zustimmung des betreffenden Jugendamtes, des Sorgeberechtigten, des Betreuungspersonals und natürlich des betreffenden Mädchens selbst gesprochen werden.

In 6 % der Fälle wird die geschlossene Unterbringung von Seiten der Eltern bzw. Sorgeberechtigten vorzeitig abgebrochen. Hauptgründe dafür sind, dass letztere eine – allerdings in den meisten Fällen noch nicht tragfähige – psychische Stabilisierung ihres Kindes konstatieren und in Folge vorschnell auf Wunsch der Betreuten oder aufgrund anderer Motive die Maßnahme beenden.

In 21 % der Fälle beendet das zuständige Jugendamt vorzeitig die individuell geschlossene Unterbringung, in der Regel nach einer längeren Entweichung der Jugendlichen. Wenngleich eine länger andauernde Entweichung für die geschlossene Unterbringung im Gegensatz zu offenen Heimeinrichtungen nie einen Grund für eine Entlassung darstellt, so sind doch Jugendämter häufig nicht bereit, Platzfreihaltegebühr (= 80 % des Tagessatzes) über einen längeren Zeitraum als ca. vier Wochen zu bezahlen und melden deshalb die Betroffene aus der Einrichtung ab.

↓312

- Exkurs: Entweichungen aus der geschlossenen Unterbringung

Bzgl. des Zeitraumes Januar 1991 bis Dezember 2000 waren 6 % der gesamten Pflegetage sog. „Entweichtage“. Die im ersten Moment hoch anmutende Prozentzahl ergibt sich aus folgendem Tatbestand: Von allen 260 untersuchten Mädchen hatten zweiundzwanzig (entspricht 8,4 %) zwischen 60 und 110, fünfzig (entspricht 19 %) zwischen 30 und 60 Entweichtage während ihres Gesamtaufenthaltes im geschlossenen Bereich. Zumeist handelte es sich hierbei um eine einzige bzw. wenige Entweichung(en) mit langer Zeitdauer. 21 % aller Mädchen entwichen zu keinem Zeitpunkt.

Im Laufe der letzten Jahre sind die `Entweichtage´ kontinuierlich zurückgegangen, was vermutlich seine Ursache weniger in der baulichen Geschlossenheit, sondern in weiteren Qualifizierungsmaßnahmen des pädagogischen Betreuungspersonals hat. So waren im Gesamtjahr 2003 4,91 % der gesamten Pflegetage sog. `Entweichtage´: Ein immer noch relativ hoher Prozentsatz, der wohl so zu erklären ist, dass neben Fremd- und Eigengefährdung permanenter Trebegang im Vorfeld zu den häufigsten Indikationsgründen für eine freiheitsentziehende Maßnahme zählt und „individuelle Geschlossenheit“ zahlreiche Möglichkeiten zur Flucht bietet.

↓313

Etwa 50 % aller entwichenen Jugendlichen kehren freiwillig von ihrer Entweichung in ihre geschlossene Gruppe zurück (= subjektive Einschätzung des Betreuerteams, diesbezüglich gibt es keine auswertbare Statistik).

In 12 % der Fälle beendet das Mädchenheim Gauting selbst vorzeitig die Maßnahme. Zu den Gründen hierfür zählen zweierlei:

  1. Die Indikationskriterien verschieben sich im Laufe der Heimunterbringung in Richtung (Langzeit-)Psychiatrie.
  2. Im Hilfeplan wird erkannt, dass es für das betreffende Mädchen eine sinnvollere Alternative zu einer geschlossenen Heimunterbringung gibt (z.B. Auslandsprojekt, ISE-Standprojekt etc.).

↓314

Wegen ungenauer Statistikerhebung war bei 8 % unserer Klientel die Art der Beendigung nicht mehr einwandfrei eruierbar.

Tab. 122 Art der Beendigung der geschlossenen Unterbringung ( n = 226)

6.3.3.2 Ort der Entlassung

Im Untersuchungszeitraum wurden 27 % der Jugendlichen nach Beendigung der freiheitsentziehenden Maßnahme zu ihren (Adoptiv-, Pflege-)Eltern(teilen) bzw. Sorgeberechtigten entlassen. Dieser Prozentsatz scheint auf den ersten Blick gering zu sein. Eine Rückkehr in die Familie als ein mögliches anzustrebendes Ziel macht aber erst dann Sinn, wenn chronische und aktuelle psychosoziale Belastungen in den betroffenen Familien erheblich reduziert sind und darüber hinaus über die Entfaltung vorhandener Ressourcen protektive Faktoren für eventuell neu auftretende Belastungen aufgebaut sind. Leider zeigen nur wenige Eltern(teile)/Sorgeberechtigte Interesse, während der geschlossenen Unterbringung ihres Kindes selbst therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, so dass für die typische Klientel des Mädchenheims Gauting primär nicht Rückführung ins Elternhaus – wie vom neuen KJHG favorisiert – sondern Verselbständigung Zielsetzung ist.

↓315

Folgerichtig wechselt ein weiteres Viertel der Mädchen (25 %) in eine der offen geführten Gruppen innerhalb der Betreuungskette des Mädchenheims Gauting: je nach Verhaltensfortschritten in unterschiedlich intensiv betreute Gruppen.

8 % der Entlassenen ziehen in eine andere Einrichtung der Jugendhilfe, zumeist in Heimatnähe, was beispielsweise Wochenendbeurlaubungen zu den Angehörigen erleichtert.

4% schaffen den Sprung von der geschlossenen Unterbringung direkt in das Betreute Einzel- oder Gruppenwohnen.

↓316

Für 1 % der entlassenen Mädchen folgt eine ISE-Maßnahme.

4% müssen im Anschluss an die geschlossene Unterbringung einen länger währenden Aufenthalt in der Psychiatrie in Kauf nehmen.

Schließlich ist in 30 % der Fälle der exakte Ort der Entlassung nicht bekannt bzw. wurde in der heimeigenen Statistik nicht ordentlich recherchiert.

↓317

Tab. 123 Entlassung nach geschlossener Unterbringung wohin ? ( n = 226)

6.3.3.3 Zukunftsplanung

10 % der ehemals geschlossen untergebrachten Mädchen beginnen nach ihrer Entlassung eine reguläre Lehre.

14 % nehmen eine schulische Berufsausbildung in Angriff.

↓318

33 % der vor allem jüngeren Klientel besuchen nach ihrer Entlassung weiterhin eine allgemeinbildende Schule.

5 % beginnen eine berufliche Fördermaßnahme nach dem AFG.

Weitere 2 % ergreifen im Anschluss direkt einen Anlernberuf.

↓319

In 36 % der Fälle liegen uns keine auswertbaren Daten vor bzw. sind unmittelbar nach Entlassung keine weiteren konkreten schulischen/beruflichen Maßnahmen bekannt. Gründe für letzteres können sein: Heirat, Schwangerschaft, eheähnliches Zusammenleben mit Freund; Psychiatrieaufenthalt; Auslandsprojekt/ISE-Maßnahme ohne schulische Begleitung o.ä.

Tab. 124 Berufliche/schulische Zukunftsplanung ( n = 230)

6.3.3.4 Behandlungserfolg

Im Untersuchungszeitraum 1991 bis 2001 wurde das Betreuungspersonal des geschlossenen Bereichs gebeten, bei Entlassung ihrer Betreuten aus der geschlossenen Unterbringung den individuellen Behandlungserfolg subjektiv einzuschätzen gemäß dreier Kategorien: „deutlicher Erfolg“ – „geringer Erfolg“ – „kein Erfolg“. Die folgende Tabelle zeigt das Ergebnis:

↓320

Tab. 125 Geschätzter Behandlungserfolg ( n = 230)

Bei knapp der Hälfte der geschlossen untergebrachten Klientel (44 %) spricht das jeweilige Betreuerteam von einem sichtbaren, deutlichen Erfolg.

Bei 33 % der Mädchen lautet die Einschätzung: Es kann lediglich von geringen Verhaltensfortschritten im charakterlichen, psychischen und/oder schulischen Bereich gesprochen werden.

↓321

Bei weiteren 17 % sehen die Betreuerinnen keinen Erfolg bzgl. der geschlossenen Heimunterbringung.

In 6 % der Fälle ist keine (eindeutige) Aussage erfolgt.

Im Vergleich dazu spricht das BMFSF (1998; 141) von einem 75,4 % positiven bzw. in Ansätzen positiven Behandlungserfolg und in 24,7 % von keiner maßgeblichen Veränderung bzw. einem negativen Behandlungserfolg für Heimunterbringung allgemein (bundesweit).

6.3.3.5 Prognose

↓322

Darüber hinaus wurde das Erziehungspersonal gebeten, eine allgemeine Prognose über die aus der geschlossenen Unterbringung Entlassenen abzugeben nach den Kriterien: „positiv“ – „negativ“ – „keine Aussage möglich“. Das Ergebnis veranschaulicht folgende Tabelle:

Tab. 126 Subjektive Prognose ( n = 226)

Bei 29 % der aus der Geschlossenheit entlassenen Mädchen wird eine eindeutig positive Prognose gestellt.

↓323

Bei jeder fünften Jugendlichen (20 %) fällt die Prognose negativ aus.

In 34 % aller Fälle wagen die pädagogischen Betreuerinnen keine eindeutige Prognose: Zu unwägbar scheinen die zukünftigen Einflüsse auf die ehemals Betreute zu sein.

In 20 % der Fälle fehlt eine Beantwortung der Prognose.

Zusammenfassung:

↓324

Mehr als die Hälfte der geschlossen untergebrachten Mädchen werden nach Absprache aller Beteiligten im Hilfeplangespräch regulär entlassen; die meisten in eine heiminterne bzw. –externe offene Wohngruppe, etwa jedes vierte Mädchen zu den Angehörigen nach Hause. Der Großteil der entlassenen jungen Menschen besucht weiterhin eine Schule bzw. beginnt eine Lehre. Bezüglich mehr als drei Viertel der Heimabgängerinnen spricht das pädagogische Personal von einem positiven Behandlungserfolg. Neben den zahlreich besuchten jährlichen Ehemaligentreffs und vielen telefonischen Kontakten/Besuchen nach ihrer Entlassung sprechen diese Daten eindeutig für eine Legitimation einer individuell geschlossenen Heimunterbringung in extrem zugespitzten Lebenslagen junger Menschen. Eine Entscheidung für dieses Setting bedeutet keinen Automatismus: Mädchen, die von diesem Setting nicht profitieren können, erleben häufig, dass unter Einbeziehung ihrer Person in einem Hilfeplangespräch eine sinnvolle Alternative gesucht und eingeleitet wird.

Oben genannte Entlassdaten bezeugen aber auch, dass Freiheitsentzug in der Jugendhilfe kein Wunder- und Allheilmittel für alle schwierigen pädagogischen Grenzfälle ist; er stellt jedoch ein wichtiges Element einer vielfältigen Jugendhilfelandschaft dar. Nötig ist dabei eine „ideologiefreie“ differenzierte Betrachtung aller Jugendhilfepotentiale; zu wissen, dass es keine Patentrezepte gibt, sondern dass von Fall zu Fall neu verhandelt und entschieden werden muss.

An dieser Stelle enden die vom Verfasser dieser Studie durchgeführten heiminternen Interviews, Testdurchführungen und Datenpoolauswertungen.

↓325

Im nächsten Kapitel soll eine externe Evaluationsstudie, EVAS, an deren Entwicklung das Mädchenheim Gauting maßgeblich beteiligt war und an deren Studie die hiesige Einrichtung seit Anbeginn partizipiert, vorgestellt werden. Dabei soll überprüft werden, ob die in eigener Regie ermittelten Ergebnisse mit den Fremdergebnissen tendenziell übereinstimmen oder aber im Widerspruch stehen. Interessant an dieser Studie sind insbesondere ihre empirischen Ergebnisse bzgl. geschlossen untergebrachter junger Menschen im Vergleich zu offenen Intensivgruppen und anderen offenen Heimgruppen.

6.3.4 EVAS (Evaluationsstudie erzieherischer Hilfen)

Seit 1984 werden im Mädchenheim Gauting statistische Daten, die die Klientel der Einrichtung beschreiben, systematisch erhoben. Diese Basisdokumentation umfasst einen Aufnahme- und einen Entlassbogen.

1996 bildet der „Arbeitskreis Jugendheime“ der Arbeitsgemeinschaft katholischer Einrichtungen der Heim- und Heilpädagogik in der Erzdiözese München und Freising (AGH) unter maßgeblicher Beteiligung der Heimleitung des Mädchenheims Gauting einen Unterarbeitskreis zur Entwicklung einer gemeinsamen Basisdokumentation. Dieser beschließt, dass das zu entwickelnde Dokumentationssystem einen breiteren Anwendungsbereich als den der Jugendheime und eine professionelle wissenschaftliche Basis haben soll.

↓326

1997 wird das Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) in Mainz, ein Forschungsinstitut des Bundesverbandes katholischer Einrichtungen der Heim- und Heilpädagogik, mit der Entwicklung des Dokumentationssystems beauftragt. Die ursprüngliche Arbeitsgruppe `EVAS´ besteht bis heute und begleitet die Arbeit des IKJ.

Seit 1999 wird in der Kinder- und Jugendhilfe bundesweit und trägerübergreifend das Verfahren EVAS (Knab/Macsenaere 2002) eingesetzt: Es gestattet den beteiligten Einrichtungen und Diensten auf der Basis einer einzelfallbezogenen Leistungs- und Entwicklungsdiagnostik eine mehrstufige Qualitätsanalyse und in der Folge Qualitätsentwicklung. Im Sinne der psychosozialen Diagnostik nach Heiner (2001) ist EVAS weder eine reine Selektions- und Klassifikationsdiagnostik noch ausschließlich eine Modifikationsdiagnostik, sondern stellt eine an den Zielsetzungen des Verfahrens ausgerichtete Mischung dar.

Ziel ist es, im Hinblick auf die gesetzlichen Änderungen des SGB VIII (§78b) (Wiesner 1999) ein Instrumentarium zu schaffen, das Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen eine systematische Qualitätsentwicklung ermöglicht. Nach einer Pilotphase in Bayern im Jahr 1999 nutzen mittlerweile trägerübergreifend ca. 150 Einrichtungen und Dienste in 13 Bundesländern EVAS. Zudem wird Interesse aus Luxemburg, Belgien, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz bekundet.

6.3.4.1 Zielsetzungen von EVAS

↓327

EVAS dient der systematischen und vergleichbaren Erfassung der Arbeit in der Jugendhilfe, d.h. der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität der verschiedenen Hilfearten. Bisher liegt der Schwerpunkt auf der Erfassung von Prozess- und Ergebnisqualität.

Das IKJ nennt folgende Zielsetzungen von EVAS:

6.3.4.2 Untersuchungsdesign und Erhebungsinstrumente

↓328

Die Ausgangserhebung für jede/n Klientin/en erfolgt mit dem Aufnahmebogen (grün), s.u.

Tab. 127 EVAS-Aufnahmebogen

Im Abstand von jeweils einem halben Jahr wird für jede/n Klientin/en ein Verlaufsbogen (gelb) ausgefüllt, bei der Entlassung der Abschlussbogen (rot). Letzterer erhält über die Items des Verlaufsbogens hinaus noch solche, die die Entlassung betreffen.

↓329

Tab. 128 Interventionsbedürftige psychische Symptome (= Item 35 von EVAS)

Die Auswertung der Daten durch das IKJ erfolgt halbjährlich und wird an die teilnehmenden Einrichtungen rückgemeldet. Jede Einrichtung erhält die Auswertung der eigenen Daten und die Auswertung der Gesamtstichprobe. Stichtage für die Auswertung sind jeweils der 01.01. und der 01.07. eines Jahres.

EVAS ist ein lernendes Verfahren, d.h. es werden fortlaufend Verbesserungen der Items und des Glossars vorgenommen. So werden auch seit 01.01.2000 Module für die verschiedenen Hilfearten angeboten, die neben den allgemeinen Items auch hilfeartspezifische enthalten.

↓330

Folgende Module stehen zur Verfügung:

6.3.4.3 EVAS Ergebnisse 1999

Die vorgestellten Ergebnisse beziehen sich auf alle Aufnahmebögen, die vom 1.1.99 bis 31.12.99 beim IKJ ausgewertet wurden. Drei Populationen sollen im Vergleich vorgestellt werden:

↓331

Im Folgenden werden die Ergebnisse der wichtigsten Items in Tabellen- oder Diagrammform wiedergegeben:

Mannheimer Beurteilungsskala des psychosozialen Funktionsniveaus

↓332

Für jede(s) Kind/Jugendliche wurde das Niveau der Bewältigung entwicklungsspezifischer Aufgaben mit der Mannheimer Beurteilungsskala des Funktionsniveaus (MFB) erhoben (Hösch 1994). Die MFB ist ein mehrdimensionaler Ansatz, um das Funktionsniveau in fünf Bereichen differenziert zu beschreiben. Diese gliedern sich in:

Die Einstufungen erfolgen auf siebenstufigen Skalen, wobei Ankerbeispiele vorgegeben sind (Hösch 1994).

↓333

Ergebnisse für das Mädchenheim Gauting im Vergleich zur Gesamtheimlan d schaft: :

Tab. 129 Ressourcen (= Item 33 von EVAS)

Ressourcen

Gesamt
x

MHG offen
x

MHG
geschlossen
x

Funktion in der Familie

3.31

3.09

2.24

Erbrachte Leistungen

3.67

3.78

3.73

Beziehungen zu Gleichaltrigen

3.90

3.75

3.80

Interessen und Freizeitbeschäftigungen

3.61

3.50

3.18

Autonomie

4.17

4.09

4.28

Skala:
1= extrem unterdurchschnittlicher Entwicklungsstand
7 = weit überdurchschnittlicher Entwicklungsstand
4 = Mittlerer Wert

Geschlossen untergebrachte Mädchen zeigen im Vergleich zu Jugendlichen in offenen Heimgruppen geringere Ressourcen im Bereich „Funktion in der Familie“ und „Interessen- und Freizeitbeschäftigungen“. Geringere Ressourcen im Familienbereich können nicht auf die betroffenen Jugendlichen allein abgewälzt werden, sondern hängen sicherlich mit einer besonders problematischen Familienkonstellation (körperliche Misshandlung/sexueller Missbrauch, Drogenabhängigkeit der Eltern etc.) zusammen.

↓334

Bezüglich Schulleistungen und soziale Beziehungen zu Gleichaltrigen gibt es dagegen kaum Unterschiede zwischen beiden Gruppierungen. Wie im vorherigen Kapitel bereits ausgeführt, sind geschlossen untergebrachte Mädchen – sind sie erst einmal angehalten, täglich die Schule zu besuchen – durchaus motiviert, schulische Leistungen zu erbringen.

Die höheren Werte der verbindlich untergebrachten jungen Menschen auf der Skala „Autonomie“ lassen sich wohl dadurch erklären, dass Trebegang, d.h. das Leben auf der Straße erhöhte Mobilität und eine bestimmte Fähigkeit zur Selbststeuerung erfordert, so z.B. Grundbedürfnisse wie einen Schlafplatz für die Nacht und eine einigermaßen regelmäßige Nahrungszufuhr zu organisieren.

Globalbeurteilung der psychosozialen Anpassung

↓335

Tab. 130 Globalbeurteilung der psychosozialen Anpassung (= ITEM 34 von EVAS)

Wert

Gesamt

MHG
offen
%

MHG
geschlossen
%

0

0

0

0

1

6

0

0

2

7

9

0

3

16

15

8

4

29

48

22

5

18

18

27

6

12

3

29

7

4

0

8

8

3

0

6

%-Summen der Spalten = 100 entstehen durch Rundungsfehler und/oder Weglassen
der Kategorien „fehlende Angaben“ und „unbekannt“
Skala:
0 = Hervorragende oder gute soziale Anpassung auf allen Gebieten
8 = Braucht ständige Betreuung (24-Stunden-Versorgung)

Oben genannte Tabelle zeigt recht deutlich, dass im heilpädagogisch orientierten offenen Setting untergebrachte junge Menschen einen durchschnittlichen Wert (3-4), in offenen Intensivgruppen untergebrachte Zöglinge einen etwas schlechteren Wert (4-5) und im geschlossenen Bereich lebende Jugendliche einen noch geringeren Wert (5-6) hinsichtlich psychosozialer Anpassungsfähigkeit aufweisen.

Symptomhäufigkeit

↓336

Tab. 131 Symptomhäufigkeit in unterschiedlichen Stichproben

Symptome

Gesamt
% (RP)*

MHG
offen
% (RP)*

MHG
geschlossen
% (RP)*

Relative Leistungsschwäche in der Schule

45.5 (1)

54.5 (2.5)

21.6 (8)

Aggressives Verhalten

41.1 (2)

48.5 (4)

43.1 (5)

Soziale Unsicherheit

40.4 (3)

36.4 (7)

27.5 (7)

Aufmerksamkeitsstörung

29.8 (4)

9.1 (14.5)

9.8 (13.5)

Schulschwänzen

25.4 (6)

54.5 (2.5)

86.3 (1)

Bindungsstörung

25.2 (6)

21.2 (10)

64.7 (2)

Delinquenz

24.5 (7)

66.7 (1)

62.7 (3)

Alkohol-/Drogen-/Medikamentenabusus

13.9 (10)

39.4 (6)

49.0 (4)

Selbstverletzung/-beschädigung

12.0 (13)

27.3 (8)

35.3 (6)

Suizidale Handlungen

7.1 (19)

21.2 (10)

17.6 (10)

*: Rangplatz innerhalb der jeweiligen Population, 1= häufigste Nennung, insgesamt 29 Symptom-Kategorien
%-Summen der Spalten > 100, da Mehrfachnennungen möglich

Obige Tabelle veranschaulicht, dass Aggressivität nicht zwangsläufig ein Kriterium für geschlossene Heimunterbringung bedeuten muss. Die in offenen Intensivgruppen untergebrachten Mädchen werden summarisch als etwas aggressiver beschrieben. Dieser Befund unterstützt die These, dass bei geschlossen untergebrachten Jugendlichen zwar zunächst die Aggressionsbereitschaft anwächst, zumal Ausweichverhalten unterbunden wird. Die Aggressivität lässt in der Regel jedoch rasch nach, da das „therapeutische Milieu den Mädchen eine einmalige Möglichkeit bietet, in einem beschützten Rahmen intensive Beziehungen einzugehen“ (Ahrbeck/Stadler 2000; 25).

Wie an anderer Stelle (s. 6.2) bereits ausgeführt werden auch hier Bindungsstörung, Schule schwänzen, Delinquenz, Drogenabusus sowie Eigengefährdung (selbstverletzende Handlungen) als Hauptsymptomatiken herausgearbeitet, die im Einzelfall zu einer geschlossenen Heimunterbringung führen können.

↓337

Schweregrad der Störung

Tab. 132 Schweregrad der Störung (Item 37 von EVAS) in unterschiedlichen Stichproben

Schweregrad

Gesamt
%

MHG
offen %

MHG
geschlossen %

Keine Störung

4.4

0

0

Leicht

16.7

9.4

0

Mittel

56.8

71.9

64

Schwer

20.9

18.8

36

Unbekannt

1.1

0

0

%-Summen der Spalten ≠ 100 resultieren aus Rundungsfehlern

Es befand sich keine Jugendliche mit einem leichten oder gar keinen Störungsgrad in einem geschlossen geführten Setting: Vielmehr lebten hier nahezu doppelt so viele „schwer gestörte“ junge Menschen wie in der offenen Heimunterbringung (selbst in offenen Intensivgruppen).

↓338

# Kindbezogene Hilfeplanziele

(In jeder Population wurden die sechs am häufigsten genannten Symptome ausgewählt.)

Tab. 133 Kindbezogene Hilfeplanziele (= Item 38 von EVAS) in unterschiedlichen Stichproben

Hilfeplanziele

Gesamt % (RP)*

MHG
offen
% (RP)

MHG
geschlossen % (RP)*

Probleme des Sozialverhaltens

37.7 (1)

40.6 (2)

16.0 (5)

Aggressiv-oppositionelles Verhalten

28.8 (2)

34.4 (3)

40.0 (2)

Delinquentes Verhalten

24.9 (3)

71.9 (1)

88.0 (1)

Mangelnde Lern-/Leistungsmotivation

19.0 (4)

0

12.0 (6)

Soziale Ängstlichkeit und Unsicherheit, soz. Rückzug

16.1 (5)

15.6 (6.5)

6.0 (7)

Lern-/Leistungsprobleme

15.2 (6)

15.6 (6.5)

2.0 (16)

Mangelndes und undifferenziertes Bindungsverhalten

15.0 (7)

15.6 (6.5)

38.0 (3)

Depressiv-traurige Verstimmung, Unglücklichsein

9.5 (10)

15.6 (6.5)

20.0 (4)

*: Rangplatz in der jeweiligen Population, 1 = häufigste Nennung, insgesamt 32 Hilfeplan-Ziel-Kategorien
%-Summen der Spalten > 100, da Mehrfachnennungen (max. 3) möglich

↓339

Als typische kindbezogene Hilfeplanziele für geschlossen untergebrachte junge Menschen werden folgende genannt: Bearbeitung des Delinquenzverhaltens, des mangelnden Bindungsverhaltens und des Oppositionsverhaltens. Auffällig ist, dass alle genannten Hilfeplanziele die für Dissozialität symptomatischen Bereiche „Sozial-, Kommunikations- und Interaktionsverhalten“ betreffen. Im Vergleich dazu sind andere Bereiche wie „subjektives Befinden“ oder „Lernen/Leistung“ vernachlässigbar.

Schwerpunktziele für offen untergebrachte Jugendliche sind dagegen allgemein Probleme des Sozialverhaltens, insbesondere soziale Unsicherheit sowie Lern- und Leistungsprobleme. Diese jeweiligen Zielsetzungen korrelieren mit der zuletzt genannten Skala „Schweregrad der Störung“.

6.3.4.4 EVAS-Ergebnisse I/2001

Im folgenden werden EVAS-Ergebnisse des Jahres 2001 mitberücksichtigt. Es handelt sich dabei um folgende Stichproben:

↓340

Tab. 134 Umfang (n) der verschiedenen Stichproben

 

Aufnahmebogen *

Aufnahme-/Abschlussbogen **

Gesamtstichprobe (hilfeartübergreifend)

N = 4.725

N = 1.399

Gesamtstichprobe § 34

N = 1.399

N = 1.062

Gesamtstichprobe geschlossen

N = 164

N = 92

Mädchenheim Gauting offen

N = 54

N = 39

Mädchenheim Gauting geschlossen

N = 116

N = 74

Indices

Um die in den einzelnen EVAS-Items erfassten Informationen zu bündeln und damit aussagekräftiger zu machen, werden in dieser Auswertung erstmals sog. Indices verwendet. Dabei handelt es sich um aus mehreren, u.U. gewichteten Items zum selben Themen- bzw. Konstruktkomplex gebildete Messwerte. Diese Indices stellen eine Komprimierung vieler verschiedener Informationen dar. Anhand dieser Maße können Sachverhalte schneller erkannt und übergreifend diskutiert werden.

Diese Indices sind der

↓341

In einer ersten Fragestellung soll geklärt werden, welche Jugendhilfekarriere (s.o. erster Index) junge Menschen, die unterschiedliche Formen von Fremdunterbringung in Anspruch genommen haben, bereits durchlaufen haben.

Fragestellung: Welche Jugendhilfekarriere hat die aufgenommene Klientel bereits hinter sich ?

↓342

Ergebnisse, die auf den Informationen des Aufnahme- und Abschlussbogens basieren:

Fragestellung: Unterscheiden sich die Effekte beendeter von denen abgebrochener Hilfen ?

↓343

Auswertung:

Verbesserungen sind überwiegend bei planmäßig entlassener Klientel zu erreichen. Bei abgebrochenen Hilfen sind durchschnittlich Verschlechterungen hinsichtlich Ressourcen- und Defizit-Index festzustellen.

Fragestellung: Sind bei geringer Verweildauer der Klientel überhaupt positive Effekte möglich ?

↓344

Auswertung:

Die Effekte der Hilfen sind signifikant von deren Dauer abhängig (s. Tab. 135). Dieses Ergebnis stimmt überein mit der Testung unserer Klientel mittels Persönlichkeitsverfahren (s. 6.3.2.3) und der varianzanalytischen Berechnung der Betreuer-Fragebögen (6.3.1.2.4).

Mit Ausnahme von zwei Bereichen (sexuelle Auffälligkeiten und Impulsivität) konnten alle anderen untersuchten Bereiche während des geschlossenen Heimaufenthaltes positiv beeinflusst werden und zwar in Abhängigkeit von der Dauer der geschlossenen Unterbringung. Eine längere geschlossene Aufenthaltsdauer wirkte sich besonders in folgenden Bereichen positiv aus: Aggressivität, ängstliches Verhalten, Drogenkonsum, Eigentumsdelikte und Selbständigkeit.

↓345

Tab. 135

Differenz der Ressourcen- und Defizit-Indizes bei Aufnahme- und Verlaufserhebung in Abhängigkeit von der Verweildauer (Gesamtstichprobe)

Die stärksten (signifikanten) Effekte zeigen sich bei der Hilfeart `geschlossene Unterbringung´ (s. Tab. 136 und 137). Das zeigt, dass geschlossene Heimunterbringung in der Lage ist Defizite zu mindern und insbesondere Ressourcen auszubauen, so dass ihre Klientel letztendlich der durchschnittlichen Heimklientel im offenen Setting entspricht. Allerdings ist hier zu berücksichtigen, dass junge Menschen im geschlossenen Bereich die schlechtesten Ausgangsbedingungen haben, insofern starke (positive) Effekte leichter möglich sind als bei Klientinnen in weniger intensiv betreuten Jugendhilfemaßnahmen.

Tab. 136

Ressourcen-Index bezogen auf Aufnahme- und Abschlusserhebung

↓346

Tab. 137

Defizit-Index bezogen auf Aufnahme- und Abschlusserhebung

6.3.4.5 EVAS-Ergebnisse II/2000

Schließlich seien an dieser Stelle noch einige EVAS-Ergebnisse aus dem 2. Halbjahr 2000 genannt, die speziell das Modul „geschlossene Heimunterbringung“ betreffen. Das erste Ergebnis (s. Tab. 138) bezieht sich auf die Mannheimer Beurteilungsskalen des Funktionsniveaus (MBF):

Tab. 138

MBF = Mannheimer Beurteilungsskalen des Funktionsniveaus
Ein Anstieg der Geraden kann generell als positive Entwicklung interpretiert werden.

↓347

Interpretation: Zum Zeitpunkt der ersten Verlaufserhebung (ca. nach sechs Monaten) sind in allen fünf Bereichen sichtbare positive Fortschritte zu verzeichnen; die meisten im Bereich „Funktion in der Familie“ (bzw. in diesem Fall „Heimgruppe“), d.h. bei der altersgerechten Erfüllung von Anforderungen und dem Einhalten wichtiger Gruppenregeln. Deutlich weniger fällt im Vergleich der Erfolg bei der Zunahme schulischer Leistungen aus. Dies entspricht auch den Ergebnissen der eigenen Recherchen des Verfassers dieser Dissertation (s. Tab. 91). Insbesondere gegen Ende des Heimaufenthaltes spielen andere Faktoren (z.B. Zukunftsängste) eine größere Rolle als schulische Leistungen oder auch soziale Beziehungen zu Gleichaltrigen.

Die Schlussfolgerung aus dem letztgenannten Ergebnis lautet, dass die psychosoziale Anpassung geschlossen untergebrachter Jugendlicher während des Heimaufenthaltes zu- (s. Tab. 139) und der Schweregrad des individuellen Störungsbildes abnimmt (s. Tab. 140). Dass in beiden Fällen im ersten Erhebungszeitraum die positiven Fortschritte höher ausfallen als im zweiten Erhebungszeitraum – welcher in der Regel bei einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von etwas weniger als einem Jahr der Letzte ist – dürfte wohl nicht weiter überraschen: Die zweite Phase des Heimaufenthaltes gilt in der Regel als eine Konsolidierungs- bzw. Stabilisierungsphase, die – soll geschlossene Unterbringung erfolgreich sein – keineswegs zeitlich kürzer ausfallen darf.

Tab. 139 Globalbeurteilung der psychosozialen Anpassung

Da niedrigere Werte für eine bessere psychosoziale Anpassung sprechen, ist ein Abfallen der Geraden generell positiv zu bewerten.

↓348

Tab. 140 Schweregrad der Störungen des Kindes bezogen auf den Interventionsbedarf

Ein Abfallen der Gerade kann generell als Verbesserung des Schweregrades der Störungen des Kindes angesehen werden.

Auf einer weiteren Skala werden Aussagen bzgl. individueller Veränderungen einer psychischen Symptombelastung geschlossen untergebrachter Mädchen gemacht. Geprüft wird,

↓349

ob eine entsprechende Belastung im Laufe des Heimaufenthaltes zu- oder abnimmt bzw. stagniert.

Psychische Symptombelastung im Vergleich zwischen Aufnahme- und zweitem Verlaufsbogen

Tab. 141

  

Anzahl

%

Psychische
Symptombelastung

Verbessert

8

57,1

Unverändert

2

14,3

Verschlechtert

4

28,6

Gesamt

14

100,0

↓350

Die Symptombelastung gilt dann als unverändert, wenn das Kind/die Jugendliche bei der 2. Verlaufserhebung dieselbe Anzahl interventionsbedürftiger psychischer Symptome aufweist, wie bei der Aufnahmeerhebung.

Im Mädchenheim Gauting ist es Usus, dass – sollte sich eine psychische Symptomatik einer Jugendlichen während ihres Hierseins sichtbar verschlechtern oder über eine lange Zeit stagnieren – so rasch wie möglich ein Hilfeplangespräch mit Jugendamt und Sorgeberechtigten einberufen wird, um die entsprechenden Ursachen zu klären und ggf. sinnvolle Alternativen zur geschlossenen Unterbringung in Erwägung zu ziehen.

Tab. 142 Veränderung der psychischen Symptombelastung

↓351

Die Mehrheit der untersuchten Probandinnen (57 %) konnte vom geschlossenen Setting insoweit profitieren, dass ihre psychische Symptombelastung geringer wurde. Eine Zunahme bzgl. der individuellen psychischen Symptomatik (28 %) lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass zu Beginn der Erhebung vielfach eine psychische Problematik nicht erkannt/beobachtet und somit auch nicht schriftlich benannt wurde. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass für einen (kleineren) Teil der geschlossen untergebrachten Mädchen der hoch strukturierte Tagesablauf und die verdichteten Beziehungserfahrungen eine erhebliche psychische Belastung darstellen.

Abschließend seien noch drei EVAS-Ergebnisse (II/2000) angeführt, die bei den soziographischen Merkmalen der Klientelbeschreibung der heimeigenen Statistik von 1991 bis 2001 unter Punkt 6.1.1 nicht bzw. nur teilweise erfasst worden sind. Zum einen handelt es sich um eine qualitative und quantitative Auflistung begangener Straffälligkeiten geschlossen untergebrachter Mädchen vor der Aufnahme. Die beiden anderen Items betreffen die bisher in Anspruch genommenen Jugendhilfemaßnahmen der verbindlich untergebrachten jungen Frauen im Vergleich zur Gesamtstichprobe im Heim lebender Jugendlicher und im Vergleich zu den im offenen Setting des Mädchenheims Gauting befindlichen Mädchen; in gleicher Weise wird die jeweils letzte Jugendhilfemaßnahme für die betreffenden Stichproben verglichen.

Tab. 143 Straffälligkeiten vor der Aufnahme

↓352

Tab. 144 Straffälligkeiten vor der Aufnahme nach Hauptdeliktsgruppen

 

Liegt vor

Durchschnittliche Anzahl

Körperverletzung

14

2,6

Mord, Totschlag

0

 

Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung

0

 

Andere Straftat gegen die Person

6

2,2

Diebstahl, Unterschlagung

24

8,5

Raub, Erpressung

6

3,7

Andere Vermögensdelikte

5

2,4

Straftat im Straßenverkehr

4

26,3

Straftat gegen die öffentliche Ordnung

11

2,9

Straftat gegen das Betäubungsmittelgesetz

0

 

Sonstige

3

1,3

Die durchschnittliche Anzahl bezieht sich auf jene Fälle, in denen die Straftat tatsächlich begangen wurde.

Genau die Hälfte der im Mädchenheim Gauting geschlossen untergebrachten Mädchen war vor der Aufnahme straffällig geworden. Die Hauptdeliktgruppen waren dabei Diebstahl/Unterschlagung (durchschnittlich etwa in acht Fällen begangen), Körperverletzung (durchschnittlich etwa in zwei bis drei Fällen) und Straftaten gegen die öffentliche Ordnung (ebenfalls durchschnittlich in zwei bis drei Fällen, z.B. „Schwarzfahren“ in öffentlichen Verkehrsmitteln). Entsprechend häufig stehen während der Zeit im Mädchenheim Gauting Gerichtsverhandlungen an. Dennoch: Hier scheint es (noch) deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede zu geben. Die im Vorfeld begangenen Straftaten sind bei geschlossen untergebrachten Jungen deutlich höher. Bei Mädchen handelt es sich nach wie vor in der Mehrzahl um sog. „Kavaliersdelikte“ wie Kaufhausdiebstähle, Beschädigung öffentlichen Eigentums etc.

Tab. 145 Bisherige Jugendhilfemaßnahmen, die in Anspruch genommen werden

Gesamt

 

Liegt vor

%

Keine

201

17,4

Hort

112

9,7

Erziehungsberatung

207

6

Soziale Gruppenarbeit

7

8

Erziehungsbeistand

93

6

Sozialpädagogische Familienhilfe

124

10,7

Erziehung in Tagesgruppen (HPT)

168

14,5

Tages-/Kurzzeitpflege

16

1,4

Bereitschaftspflege

13

1,1

Vollzeitpflege

106

9,2

Heimerziehung

392

33,9

Betreutes Wohnen

23

2,0

Intensiv-sozialpädagogische Einzelbetreuung

33

2,9

Psychiatrie

283

24,5

Inobhutnahme

101

8, 7

Mutter-/Vater-/Kind-Einrichtung

26

2,2

Sonstige betreute Wohnformen

40

3,5

Sonstige

83

7,2

Unbekannt

18

1,6

Gesamt

1157

100

↓353

Offen (MHG)

 

Liegt vor

%

Keine

2

6,1

Hort

6

18,2

Erziehungsberatung

4

12,1

Soziale Gruppenarbeit

0

0

Erziehungsbeistand

5

15,2

Sozialpädagogische Familienhilfe

2

6,1

Erziehung in Tagesgruppen (HPT)

0

0

Tages-/Kurzzeitpflege

0

0

Bereitschaftspflege

1

3

Vollzeitpflege

3

9,1

Heimerziehung

23

69,7

Betreutes Wohnen

1

3

Intensiv-sozialpädagogische Einzelbetreuung

0

0

Psychiatrie

10

30,3

Inobhutnahme

6

15,2

Mutter-/Vater-Kind-Einrichtung

0

0

Sonstige betreute Wohnform

0

0

Sonstige

0

0

Unbekannt

0

0

Geschlossen (MHG)

 

Liegt vor

%

Keine

1

2,0

Hort

19

37,3

Erziehungsberatung

14

27,5

Soziale Gruppenarbeit

0

0

Erziehungsbeistand

10

19,6

Sozialpädagogische Familienhilfe

12

23,5

Erziehung in Tagesgruppen (HPT)

2

3,9

Tages-/Kurzzeitpflege

1

2,0

Bereitschaftspflege

0

0

Vollzeitpflege

8

15,7

Heimerziehung

35

68,6

Betreutes Wohnen

4

7,8

Intensiv-sozialpädagogische Einzelbetreuung

6

11,8

Psychiatrie

29

56,9

Inobhutnahme

15

29,4

Mutter-/Vater-Kind-Einrichtung

0

0

Sonstige betreute Wohnformen

8

15,7

Sonstige

1

2

Unbekannt

0

0

Gesamt

51

100

Während in der Gesamtstichprobe aller Heimzöglinge im Vorfeld nur vier von fünf jungen Menschen (82,6 %) eine Jugendhilfemaßnahme in Anspruch genommen hatten, haben geschlossen untergebrachte Mädchen (mit Ausnahme von 2 %) alle bereits eine andere und in der Regel mehrere Jugendhilfemaßnahmen durchlaufen: Mehr als 2/3 der Mädchen (68 %) waren im Vorfeld in anderen offenen Heimen, mehr als die Hälfte (57 %) hatte psychiatrische Vorerfahrung. Die im Mädchenheim Gauting offen untergebrachten Mädchen „durchliefen“ im Vorfeld nahezu gleich viele andere offene Heimgruppen wie ihre Altersgenossinnen im geschlossenen Bereich, hatten jedoch nur halb soviel psychiatrische Erfahrung (15 %). Ein Beleg dafür, dass im geschlossenen Setting angefragte Heranwachsende neben delinquenten und dissozialen Verhaltensweisen „eine Fülle von psychischen, sprich grenzpsychiatrischen Beeinträchtigungen aufweisen, die sich heute sehr viel genauer bestimmen lassen, als dies vor einigen Jahren möglich war“ (Ahrbeck/Stadler 2000; 22).

↓354

Tab. 146 Letzte Jugendhilfemaßnahme vor der Aufnahme

  

Liegt vor

%

Gesamt

Hort

38

3,3

Erziehungsberatung

66

5,7

Soziale Gruppenarbeit

2

2

Erziehungsbeistand

54

4,7

Sozial-pädagogische Familienhilfe

67

5,8

Erziehung in Tagesgruppen (HPT)

102

8,8

Tages-/Kurzzeitpflege

8

6

Bereitschaftspflege

10

9

Vollzeitpflege

48

4,1

Heimerziehung

251

21,7

Betreutes Wohnen

14

1,2

Intensiv-sozialpädagogische Einzelbetreuung

15

1,3

Psychiatrie

167

14,4

Inobhutnahme (§ 42 KJHG)

52

4,5

Mutter-/Vater-Kind-Einrichtung

9

8

Sonst. Betreute Wohnformen

16

1,4

Sonstige

58

5

Entfällt

222

19,2

Unbekannt

28

2,4

Gesamt

1157

100

Offen (MHG)

 

Liegt vor

%

Hort

2

6,1

Erziehungsberatung

1

3

Soziale Gruppenarbeit

0

0

Erziehungsbeistand

1

3

Sozialpädagogische Familienhilfe

0

0

Erziehung in Tagesgruppen (HPT)

0

0

Tages-/Kurzzeitpflege

0

0

Bereitschaftspflege

0

0

Vollzeitpflege

0

0

Heimerziehung

21

63,6

Betreutes Wohnen

0

0

Intensiv-sozialpädagogische Einzelbetreuung

0

0

Psychiatrie

5

15,2

Inobhutnahme (§ 52 KJHG)

2

6,1

Mutter-/Vater-Kind-Einrichtung

0

0

Sonstige betreute Wohnformen

0

0

Sonstige

0

0

Entfällt

1

3

Unbekannt

0

0

Gesamt

33

100

Geschlossen (MHG)

 

Liegt vor

%

Hort

1

2

Erziehungsberatung

0

0

Soziale Gruppenarbeit

0

0

Erziehungsbeistand

3

5,9

Sozialpädagogische Familienhilfe

6

11,8

Erziehung in Tagesgruppen (HPT)

0

0

Tages-/Kurzzeitpflege

1

2

Bereitschaftspflege

0

0

Vollzeitpflege

0

0

Heimerziehung

16

31,4

Betreutes Wohnen

0

0

Intensiv-sozialpädagogische Einzelbetreuung

1

2

Psychiatrie

17

33,3

Inobhutnahme (§ 42 KJHG)

4

7,8

Mutter-/Vater-Kind-Einrichtung

0

0

Sonstige betreute Wohnformen

3

5,9

Sonstige

2

3,9

Entfällt

1

2,0

Unbekannt

0

0

Gesamt

51

100

↓355

Jedes dritte geschlossen untergebrachte Mädchen (33,3 %) war im unmittelbaren Vorfeld stationär in einer jugendpsychiatrischen Klinik. In den beiden Vergleichsstichproben wurde diese Prozentzahl nicht einmal zur Hälfte erreicht. Wie nicht anders zu erwarten, sind in der Gesamtstichprobe niederschwellige Jugendhilfemaßnahmen im Vorfeld deutlich mehr in Anspruch genommen als bei den beiden untersuchten Modulen des Mädchenheims Gauting.

An dieser Stelle schließt das Kapitel über ausgewählte EVAS-Ergebnisse zu einer geschlossen untergebrachten Klientel - teilweise im Vergleich zu anderen Stichproben. Geschlossen untergebrachte Mädchen verfügen über geringere Ressourcen und insgesamt mehr Defizite als die untersuchten Vergleichsgruppen. Die von einem externen Institut ausgewählten Ergebnisse decken sich weitgehend mit den eigenen Recherchen des Verfassers dieser Studie. Damit enden die Ausführungen über die im Mädchenheim Gauting erhobenen (Gesamt)Daten zur Prozess- und Ergebnisqualität. Im nächsten und abschließenden Kapitel dieser Untersuchungsstudie soll an Hand einer Einzelfallanalyse zwischen den Möglichkeiten einer offenen und geschlossenen Heimgruppe innerhalb derselben Einrichtung unterschieden werden.


Fußnoten und Endnoten

6  Die vier Gruppen wurden während des gesamten Zeitraums individuell-geschlossen geführt. Das Mädchenheim Gauting verfügt über zwei weitere individuell geschlossene Gruppen, die aber in den 90-Jahren zeitweise auch unter offenen Bedingungen geführt wurden, insofern in dieser Studie einfachheitshalber nicht berücksichtigt werden.

7  Berechnungen des LWW Baden; Datenbasis: Jahresbericht der Erziehungshilfen in Baden, Belegungen zum Stichtag 31.12.1998

8  Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

9  Auf eine Definition des „Schichtbegriffes“ wird an dieser Stelle nicht näher eingegangen. Diesbezüglich wird verwiesen auf die Schriften von Hanke (1974)), Gottschalch (1971) und Decker (2002)

10  Insgesamt (n=260) waren allerdings acht Mädchen im Gefängnis.

11 

Die auf Seite 76 genannten Indikationsfaktoren lauten:

Trebegang

Massive Schulschwierigkeiten

Drogen/Alkohol

Diebstähle/Lügen

Aggressionen/Schlägereien

Suizidäußerungen/-versuche

Sexualisiertes Verhalten

Delinquenz

Prostitution

Gefängnis

12  Interviewt wurden acht nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Lehrerinnen und Lehrer, was 50 % des Lehrpersonals entspricht.

13  Dabei handelt es sich um Maße zur Bestimmung der Verteilung (deskriptive Kennwerte und Abweichung von der Normalverteilung)

14  In einfaktoriellen Varianzanalysen werden die Stufen einer kategorialen unabhängigen Variable in Bezug auf eine intervallskalierte abhängige Variable verglichen. Multivariat bedeutet hier, dass beliebig viele unabhängige Variablen bzw. Gruppen in Hinblick auf mehrere abhängige Variablen untersucht werden.

15  In den folgenden Tabellen ist n max. 230, da 30 Mädchen ihre Karriere im geschlossenen Setting zum Erhebungszeitpunkt noch nicht abgeschlossen hatten.

16  MHG=Mädchenheim Gauting. Es handelt sich um die identische Population des Jahrgangs 1999 der in den vorhergegangenen Kapiteln untersuchten Klientinnen. Die höhere Anzahl (n=51) datiert daher, dass in EVAS sechs (anstelle vier) geschlossen geführter Gruppen untersucht wurden.



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30.03.2006