7 Therapeutisch-offene vs. Therapeutisch-geschlossene Heimgruppe: eine Einzelfallanalyse

↓355

Das Mädchenheim Gauting verfügt über intensivtherapeutisch offene und geschlossene Gruppen. Gruppengröße und Betreuungsintensität sind in beiden Settings identisch. Der Fall eines zufällig ausgewählten Mädchens, das in beiden Settings "zu Hause" war, soll die Möglichkeiten bzw. Grenzen dieser unterschiedlichen Betreuungsangebote illustrieren. U.a. soll auch der Frage nachgegangen werden, ob – wie Gegner von geschlossener Heimunterbringung postulieren – ein offenes Intensivangebot in jedem Fall verbindliche Unterbringung ersetzen kann.

7.1 Definition von Einzelfallanalyse

↓356

Häufig gelingt es in der klinischen Praxis erst mit detaillierten Einzelfalldiagnosen klinische Phänomene zu beschreiben. Solche Ergebnisse bilden die Grundlage dafür, die Effekte einer klinischen Intervention (Prävention, Psychotherapie, Rehabilitation etc.) gezielt anzugehen (Baumann 1991).

Eine Aussage über Einzelpersonen ist nur möglich, wenn gewährleistet ist, dass eine ausreichende und objektivierbare Datenbasis vorliegt, die es gestattet, detailliert die Entstehungsbedingungen, Erscheinungsformen und das prozesshafte Geschehen abzubilden. Objektivierbar ist dabei nicht gleichbedeutend mit dem Anliegen, objektiv Realität zu erfassen. Von Objektivierbarkeit kann man auch dann noch sprechen, wenn die von Patienten subjektiv empfundene Realität für Dritte nachvollziehbar wird (Petermann 1992;10).

Bei der Erstellung einer Einzelfalldiagnose sollten unterschiedlich standardisierte Informationen einbezogen werden. Das Vorgehen umfasst eine Eingangs- und Verlaufsdiagnose; die Eingangsdiagnose dient im hiesigen Fall der Beschreibung des Erscheinungsbildes eines problematischen Verhaltens im Rahmen der Indikationsstellung und die Verlaufsdiagnose kennzeichnet das Veränderungsprofil eines Fehlverhaltens unter der Einwirkung zweier verschiedener pädagogischen Interventionen.

↓357

Neben einer prozessbegleitenden Testung der Klientin und Interviews mit ihr, ihren Eltern, ihrem Erziehungspersonal in Heim und Schule ist die qualitative Beobachtung ein wichtiges Merkmal der Einzelfalldiagnostik. Letztere ist durch folgende Merkmale bzw. Zielsetzungen gekennzeichnet (Adler 1994; 378):

Ziel jeder Wissenschaft ist es, generalisierbare Aussagen zu treffen, die über den singulären Fall hinausgehen (Bortz/Döring 1995; 298). Inwieweit kann aber von Einzelfällen auf Populationen generalisiert werden? Wie "repräsentativ" ein Einzelfall für die Population ist, hängt von der Art des Einzelfalles (Normalfall, Ausnahmefall, Extremfall) ab.

↓358

Im folgenden wird ein für das Mädchenheim Gauting "typisch" angefragtes Mädchen vorgestellt, das bzgl. dieser schwierigen Klientel durchaus als ein "Normalfall" gelten kann. Verglichen mit der Gesamtpopulation junger Menschen in Deutschland handelt es sich hierbei allerdings um einen Extremfall. Hypothesenübergreifende Einzelfallanalysen arbeiten mit Untersuchungsplänen, mit denen Hypothesen über die Wirksamkeit eines Treatments für eine oder mehrere abhängige Variablen überprüft werden können (Bortz/Döring 1995; 544). Allen Untersuchungsplänen gemeinsam ist die wiederholte Erhebung von Messungen an einem Einzelfall, wobei zwischen Erhebungsphasen ohne Interventionen (A-Phasen) und Erhebungsphasen mit Interventionen (B-Phasen) unterschieden wird. In der Einzelfallforschung kommt der "A-B-A-B-Plan" am häufigsten zur Anwendung. Auch im hiesigen Fall handelt es sich um einen "A-B1-A-B2-Plan". Auf ein stabiles Verhaltensmuster der Klientin erfolgt die Intervention B1 (=therapeutisch-offene Gruppe), nach Abbruch dieser Intervention durch die Klientin (= erneut Phase A) erfolgt eine modifizierte neue Intervention B2 (= therapeutisch geschlossene Gruppe).

Das Fallbeispiel Anna Kitz18, geboren am 13.03.1981

7.2 Eigen- und Familienanamnese

Zu den ersten 4,5 Lebensjahren von Anna ist sehr wenig bekannt. Sie habe diese Zeit überwiegend beim Vater in einer mitteldeutschen Großstadt verbracht, der alkohol- und drogenabhängig gewesen sei. Die leiblichen Eltern hätten sich im ersten Lebensjahr von Anna bereits getrennt – die leibliche Mutter, Alkoholikerin, habe sich mit der Versorgung des Kindes überfordert gefühlt. Der Vater habe dann das Sorgerecht erhalten. Dieser habe nach den Berichten der (späteren) Pflegeeltern das Kind nicht adäquat versorgen können. Beispielsweise sei Anna mit ihm zusammen ziellos nachts durch die Straßen gelaufen. Sie sei bei wechselnden Bezugspersonen gewesen, sei zeitweilig auch mit Nahrung nur unzureichend versorgt gewesen.

Seit 1986 lebt Anna bei den Pflegeeltern F.. Nach Angaben der Pflegemutter habe Anna bei Aufnahme in die Pflegefamilie eine Alkoholentzugssymptomatik gezeigt, da sie offensichtlich vom Vater gelegentlich Alkohol erhalten habe. Ihre leibliche Mutter sowie ihren Vater wird Anna nie mehr sehen. Sie wird erfahren, dass ihr Vater 1995 an Aids verstorben ist.

↓359

Die Pflegefamilie hat zwei eigene Kinder, die altersbedingt (34 und 23 Jahre) nicht mehr zu Hause leben. Mit im Haushalt existiert ein 14-jähriger, geistig und körperlich behinderter Junge, der seit neun Jahren in dieser Familie lebt. Nach Angaben der Pflegeeltern (59 und 60 Jahre alt) habe Anna bei Aufnahme in die Familie erhebliche Kindersymptome gezeigt: Es hätten Jaktationen und Nägelbeißen bestanden, sie sei sehr schmerzunempfindlich gewesen und insgesamt sehr haltlos. Zur Selbststimulation habe sie sich häufig Taschentücher und ähnliche Gegenstände in die Scheide gesteckt. Sexueller Missbrauch durch den leiblichen Vater ist laut Psychiatrie zu vermuten.

Schon der Besuch des Kindergartens sei nahezu unmöglich gewesen, da Anna sich in das Gruppengeschehen nicht habe integrieren können. Bereits fünfjährig – nach Aufnahme in die Pflegefamilie – habe sie eine Spieltherapie bei einer Psychotherapeutin erhalten, diese habe sich bis zur 5. Klasse erstreckt, sei dann ausgesetzt worden, da Anna nicht mehr mitgearbeitet habe. In der Grundschule gab es ähnliche Probleme wie im Kindergarten, wobei Anna die ersten vier Grundschuljahre von einer geduldigen Lehrerin mitgezogen worden sei. Die schulischen Leistungen verschlechterten sich von Jahr zu Jahr, so dass Anna in der 7. Klasse (sie hat im Zwischenzeugnis acht Mal die Note 5, einmal die Note 6) in eine heilpädagogische Schule auf anthroposophischer Grundlage wechselt. Gleichzeitig wird Anna immer aggressiver, läuft erstmals von zu Hause weg. Sie bestiehlt Pflegeeltern und Geschwister, z.T. hortet sie Lebensmittel in ihrem Zimmer und lässt diese verschimmeln. Die Entweichungen häufen sich, manchmal bleibt sie tageweise weg und hält sich u.a. in Männerwohnheimen auf. Sie schwänzt anfangs tageweise, schließlich über Wochen die Schule: Dort fallen Konzentrationsschwäche im Unterricht, unruhiges Verhalten sowie inadäquates Mittelpunktstreben im Klassenverband auf.

Mit 15 Jahren trinkt sie erstmalig Alkohol, darüber hinaus raucht sie gelegentlich Hasch und konsumiert Ecstasy-Pillen. Januar 1996 will der Pflegevater sie am Entweichen hindern, daraufhin beschimpft sie ihn in vulgärer Weise und bedroht ihn mit einem Messer. Anlässlich dieser Situation wendet sich die Pflegefamilie an das zuständige Jugendamt und stimmt übergangsweise der Unterbringung in einer Inobhutnahmestelle zu. Die Vormundschaft verbleibt weiterhin bei der Pflegefamilie. Ende April 1996 kehrt Anna in die Pflegefamilie zurück. Sie äußert massive Suizidgedanken, sollte sie von der Pflegefamilie abgelehnt werden. Eine erneute Inobhutnahme wird Juli 1996 erforderlich, nachdem Anna mehrfach nachts weggeblieben war und sich dann weigert, in die Pflegefamilie zurückzukehren. Auf Antrag der Pflegeeltern wird Anna am 31.1.96 stationär in der regional zuständigen Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgenommen.

↓360

In der ersten Zeit der Behandlung auf der Jugendlichenstation ist ein Kontakt- und Beziehungsaufbau mit Anna kaum möglich, da sie ständig ausreißt (s. Jugendpsychiatrischer Bericht vom 2.4.1997). Dabei kommt es zu einer räuberischen Erpressung gegenüber einer erwachsenen Frau. Zusammen mit den sorgeberechtigten Pflegeeltern wird eine geschlossene psychiatrische Unterbringung eingerichtet, was im nachhinein von der Patientin selbst als positiv und entlastend erlebt wurde. In der folgenden Zeit gelingt dann ein tragfähiger Beziehungsaufbau zur Therapeutin und auch zum medizinischen Betreuungsteam. Anna benötigt über längere Zeit einen äußerst eng strukturierten Rahmen, was z.B. eine Ergotherapeutische Behandlung nur direkt auf der Station bedeutet. Mit zunehmendem Beziehungsaufbau gelingt es ihr, mit Freiheiten (Alleinausgängen) in Ansätzen zurechtzukommen und Zuverlässigkeit zu trainieren. In den begleitenden psychotherapeutischen Einzelgesprächen kann sie beschreiben, dass ein unbeschreiblicher Drang nach Aufregung sie nach "draußen" treibt. Eine erhebliche Selbstunsicherheit und mangelndes Selbstwerterleben versucht Anna mit distanzlosem und wahllosem, sich anbiederndem Verhalten zu kompensieren.

Interpretation:

Augenscheinlich ist hier die fast durchgängig zu beobachtende massive innere Konflikthaftigkeit der Betro f fenen, die an anderer Stelle sehr plastisch von Rauchfleisch (1981) und Ahrbeck (1997; 47) beschrieben und analysiert werden: "Die Wahrnehmung der inneren und äußeren Realität gelingt häufig nur eing e schränkt. Die Gefahren des eigenen Handelns können nicht richtig eingeschätzt, längerfristige Folgen des Tuns nicht antizipiert werden. Ein sorgendes Verhältnis zu sich selbst fehlt weitgehend. Hinzu kommt fast regelhaft eine massive Selbstwertproblematik, mit einem besonderen Wunsch nach Anerkennung und B e wunderung. Die Idealvorstellungen von sich selbst sind häufig erheblich überhöht und können in der L e benspraxis nicht eingelöst werden. Untergründig dominieren Gefühle der eigenen Wertlosigkeit".

↓361

In den begleitenden Elterngesprächen haben sich diese mittlerweile – angesichts eigener Überforderung – für eine Fremdplatzierung des Mädchens entschieden. Von jugend-psychiatrischer Seite erscheint dieses Vorhaben sehr unterstützungswürdig, da nur in einer gut strukturierten, intensivpädagogischen Einrichtung eine "letzte Chance" für eine positive Entwicklung gesehen wird. Ein entsprechendes Beziehungs- und Strukturangebot, mit integrierter Schul- und Berufsausbildung sei dafür dem Klinikpersonal zufolge notwendig.

7.3 Entwicklungsverlauf von Anna in der offenen Intensivgruppe

Am 28.4.1997 findet in der intensivtherapeutisch-offenen Abteilung des Mädchenheims Gauting ein Vorstellungsgespräch statt. An diesem Gespräch beteiligt sind Anna, ihre Pflegemutter, die zuständige Sachbearbeiterin des Jugendamtes und der Leiter des offenen Bereichs, Herr M.. Die Pflegemutter dominiert das Gespräch: Anna würde häufig wechselnden Geschlechtsverkehr haben, was für sie als Mutter ein Vertrauensbruch bedeutet. Sie sei sich sicher, dass Anna der Prostitution nachginge, sie habe überhaupt kein sinnvolles Hobby. Ihre Frustrationstoleranz sei gering, sie neige schnell zu Wutausbrüchen und Zerstörung von Eigentum. Darüber hinaus würde sie sehr viel klauen. Anna wirkt bei diesem Gespräch verlegen, äußert sich nur einsilbig, betont aber klar ihre Bereitschaft, in hiesiger Gruppe leben und von hier aus die heiminterne Schule besuchen zu wollen.

Am 22.5.1997 wird Anna in der intensivtherapeutisch-offenen Gruppe des Mädchenheims Gauting aufgenommen. Als zeitlicher Rahmen der Hilfe wird der Hauptschulabschluss Juli 1998 festgesetzt. Zwischen Anna und Pflegeeltern sollen regelmäßige briefliche und telefonische Kontakte stattfinden, bei Verhaltensfortschritten auch monatliche Wochenendheimfahrten.

↓362

Der sichere und klare Rahmen der therapeutischen Gruppe sollte Grundlage für Entwicklung, Aufbau von Beziehungen und Schulabschluss in der heiminternen Schule zur Erziehungshilfe sein (in eine Regelschule war Anna nicht integrierbar).

Die ersten 14 Tage verhält sich Anna angepasst und ist um eine gute Mitarbeit bemüht. An den täglich stattfindenden Einzel- und Gruppengesprächen sowie den gemeinsamen Freizeitaktivitäten beteiligt sie sich aktiv. Ihre zunächst reduzierten Ausgangsmöglichkeiten in der Eingewöhnungsphase akzeptiert sie bereitwillig. Auffallend in dieser Zeit ist gelegentliches Ritzen an den Unterarmen ("das habe ich schon in der Psychiatrie gemacht"). Mit ihren sechs anderen Gruppenkameradinnen hat sie von Anfang an Probleme. Ihre Phantasie- und Renommiergeschichten will niemand glauben, des weiteren wird sie mehrmals des Lügens überführt. Sie ist sehr leicht beeinflussbar, extrem distanzlos und überschreitet schließlich mehrmals Regeln und Grenzen, um anderen zu imponieren. Schließlich entweicht sie vom 4. bis 7.6.1997. Ein nachvollziehbares Motiv ist für das Betreuungspersonal nicht ersichtlich. In dieser Zeit hält sie sich im Münchener Bahnhofsmilieu auf. Es kommt zu sexuellen Kontakten. Wieder zurück äußert sie in die Entweichung reflektierenden Gesprächen, sie "müsse ab und zu einfach mal für ein paar Tage weg, um machen zu können, was sie will". Bis zum 26.6. zeigt sie ein angepasstes Verhalten; am selbigen Tag entweicht sie überraschend, fährt per Autostopp in ihre Heimatstadt, taucht am 29.6. abends bei ihrer Pflegemutter auf, die sie am 1.7. in die hiesige Einrichtung zurückbringt. Anna erfährt in Folge sehr viel Einzelzuwendung von ihren Betreuerinnen (Spaziergänge, Gespräche, Brettspiele etc.), was sie durchaus genießen kann. Am 6.7. entweicht sie erneut, hält sich in München auf, wird am 9.7. bei einer polizeilichen Kontrolle in die Jugendschutzstelle gebracht, von wo sie eine Stunde später erneut entweicht und am 12.7. bei ihrer Pflegemutter auftaucht. Das pädagogische Team der intensivtherapeutischen Gruppe sieht nunmehr keine Handhabe mehr für eine förderliche Zusammenarbeit mit Anna und plädiert für eine geschlossene Unterbringung. Zu diesem Zwecke erfolgt am 15.7. (Anna ist seit 14.7. wieder in ihrer Gruppe und ihrerseits nicht mehr willens, hier zu verbleiben) eine Begutachtung Annas durch eine Jugendpsychiaterin aus München. Sie plädiert für eine geschlossene Heimunterbringung.

Am 16.7. kann eine versuchte Entweichung Annas verhindert werden.

↓363

Am 17.7.1997 wechselt Anna im Rahmen der HzE mit vormundschaftsrichterlicher Genehmigung in eine der intensivtherapeutisch-geschlossen geführten Gruppen des Mädchenheims Gauting. Hier lebt sie in einer Gruppe mit sechs anderen Mädchen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren zusammen. Betreut wird sie von einem Team bestehend aus sechs Sozial- und Dipl.-Pädagoginnen in enger Zusammenarbeit mit einem Dipl.-Psychologen.

Bei der Anhörung durch den zuständigen Vormundschaftsrichter äußert Anna: "Ich finde es eigentlich gut, dass jetzt ein Beschluss gemacht wurde, ich finde es besser hier. Ich fand es in der offenen Abteilung einfach beschissen, weil dort nicht die Struktur, die ich mir vorstelle, gewesen ist. Ich meine damit, dass sich die Erzieher dort nicht so sehr um mich gekümmert haben, wie sie das hier tun". Danach gefragt, erklärt die Betroffene: "Ich glaube nicht, dass man das alles macht, um mich zu ärgern, sondern ich sehe schon ein, dass man mir hier Hilfe gewähren möchte. Ich möchte eigentlich auf jeden Fall hier bleiben. Ich würde gerne meinen Qualifizierenden Hauptschulabschluss machen und wenn es irgendwie geht, kann ich ja dann versuchen, evtl. auch einen Realschulabschluss zu erreichen" (Anhörungsprotokoll des Amtsgerichtes X).

Interpretation:

↓364

Freiwilligkeit und Selbstbestimmung sind die zentrale Devise der heutigen Jugendhilfe verbunden mit einem entsprechenden Vertrauen in die Selbstheilungskräfte der Jugendlichen. Kinder und Jugendliche gelten dabei als "Experten ihres Lebens" (Peters 1990), die weitestgehend verantwortlich über sich selbst entscheiden können.

Übersehen wird dabei, dass Jugendliche in Krisen- und Grenzsituationen vorhandene Hilfeangebote freiwillig nicht annehmen können, weil sie in ihrem Unglück aufgrund situativer Gegebenheiten oder ihres psychischen Entwicklungsstandes keine verantwortlichen Entscheidungen für sich treffen können. Die fast durchgängig zu beobachtende massive innere Konflikthaftigkeit der Betroffenen (Rauchfleisch 1999) wird hier vielfach ignoriert.

Hypothese 1:

↓365

Anna „bedankt“ sich nach ihrem Übertritt in die geschlossene Abteilung für die Intensivierung einer Struktur: Sie versteht die Geschlossenheit als einen notwendigen äußeren Rahmen, der Erziehungsprozesse überhaupt erst wieder ermöglicht.

Hypothese 2:

Möglicherweise liegt hier aber auch ein „Identifikationsprozess mit dem Aggressor“ (geschlossene Heimgruppe) vor.

↓366

Beide Hypothesen müssen sich gegenseitig nicht ausschließen.

7.4 Entwicklungsverlauf von Anna im geschlossenen Bereich:

Zu Beginn ihres Aufenthaltes in der geschlossenen Abteilung fällt Anna vor allem durch ständige Streitereien mit anderen Mädchen auf. Sie bringt noch etliche ungeklärte Konflikte von der offenen Gruppe mit, die sie am liebsten von Betreuern lösen lassen will. In dieser Anfangsphase übertritt Anna viele Grenzen, intrigiert und provoziert andere Mädchen, ohne dabei jedoch eigene Anteile wahrzunehmen. Beziehungen zur Mädchengruppe scheint sie lediglich über Konflikte einzugehen. Dabei zeigt sie wenig Problemeinsicht bzw. führt vieles auf ihre schlimme Kindheit zurück.

Interpretation:

↓367

Das heißt, typische Verhaltens- und Problemmuster, die sie im offenen Bereich gezeigt hat, wiederholen sich. Im geschlossenen Setting kann sie jedoch auf ihre bis dato gezeigten Problemlösungsmuster in Form von Weglaufen nicht ausweichen; sie muss sich erstmalig der Konfrontation mit ihrer Umwelt bewusst stellen.

Seit Oktober 1997 zeichnet sich langsam eine andere Entwicklungstendenz ab, die jedoch immer wieder von Rückschlägen unterbrochen wird. Anna verlässt ihre Außenseiterinposition und integriert sich mehr und mehr in die Gruppengemeinschaft. Mittlerweile (s. Zwischenbericht vom 9.2.1998 von Herrn J., Dipl.-Päd.) ist es ihr teilweise möglich, Konfliktsituationen selbständig zu klären. Ihre Aufgaben und Pflichten in der Gruppe erledigt sie meist selbständig und problemlos.

Gegenüber Erwachsenen verhält sich Anna meist überangepasst und gefällig. In therapeutischen Einzel- und Gruppengesprächen zeigt sie sich als "übervernünftig" und sehr kopfgesteuert. Per Lippenbekenntnis viele gute Vorsätze, die sie anschließend nicht verwirklichen kann. Anna will immer sehr viel bekommen, ohne jedoch etwas dafür zu leisten. Ihre Überangepasstheit wird immer wieder von einer Verweigerungshaltung unterbrochen, die sie jedoch nicht lange durchhalten kann.

↓368

Im Gefühlsbereich, in dem sich auch ihre frühkindlichen Erfahrungen zu manifestieren scheinen, ist Anna sehr gehemmt. Überwiegend äußert sie Gefühle über Aggressionen: In solchen Situationen wirkt sie sehr authentisch.

Anna ist interessiert am Schachspiel, Hauswirtschaft und Musik. Vor allem Einzelunternehmungen mit ihren Betreuern nimmt sie gerne wahr. Besonders beim Tanzen im Gruppenraum kann sich Anna "auspowern" und Aggressionen abbauen. Auch das Musikzimmer bietet sich gut an, um Anna in ihrer Entwicklung zu fördern und ihr Selbstwertgefühl zu steigern.

Anna ist während ihres siebenmonatigen Aufenthaltes im geschlossenen Bereich zweimal bei Ausgängen mit einer Betreuerin entwichen (8.12.-12.12.1997, 30.12.1997). Bei der zweiten Entweichung kehrt sie am selben Tag freiwillig zurück. Annas Verhältnis zu ihrer Pflegefamilie kann als sehr ambivalent beschrieben werden. Sie glorifiziert ihre Pflegefamilie ("Mama, nur du kannst mich verstehen, daheim wird alles gut") und würde gerne den oft inkonsequenten Erziehungsstil ihrer Pflegeeltern zu ihren Gunsten ausnutzen. Immer wieder sucht Anna Anlässe, sich in Gauting nicht einlassen zu müssen. Diese Tendenz wird durch die "double-bind"-Botschaften der Pflegeeltern unterstützt und erschwert die Arbeit in Gauting. Einerseits befehlen sie dem pädagogischen Personal Strenge und Konsequenz gegenüber Annas Verfehlungen, andererseits stellen sie das hiesige pädagogische Konzept grundsätzlich – auch vor Anna – in Frage. Die beiden geplanten Heimfahrten Juni und Dezember 1997 können nicht stattfinden, da Anna Tage zuvor randaliert. Es stellt sich für das pädagogische Team allerdings die Frage, ob Anna überhaupt heimfahren will bzw. warum immer kurz vor den Heimfahrten sie sie selbst zunichte macht.

↓369

In der Schule fällt es ihr schwerer, die Rolle der Außenseiterin abzustreifen: Sie ist unruhig und nervt permanent ihre Klassenkameradinnen, indem sie sich beispielsweise ungebeten in ihre Angelegenheiten einmischt. Ihr Lernverhalten wirkt planlos und ist extrem langsam. Kontrolle der Hausaufgabenerledigung ist stets notwendig.

Thema der regelmäßigen Gespräche mit dem Psychologen sind ihre Gefühle der Angst und Verzweiflung, ihre häufigen Albträume, denen zu Folge sie immer "in ein tiefes Loch fallen" würde. Weiterhin werden hier ihr pedantisch-rechthaberisches Verhalten reflektiert, Rollenspiele zur Verbesserung ihres Konfliktverhaltens und ihrer Kritikfähigkeit durchgeführt sowie Verstärkerprogramme für Verhaltensaktiva (Kochen, Tanzen, Sport, Klavierspiel, Seidenmalerei, Textilarbeit etc.) eingesetzt.

Ergebnisse der testpsychologischen Untersuchung:

Intelligenz:

↓370

Im HAWIK-R erreicht Anna einen IQ-Wert von 86, was auf ein gerade noch durchschnittliches intellektuelles Vermögen hinweist (Verbalteil: IQ 81; Handlungsteil: IQ = 94). Das schlechteste Ergebnis erzielt sie im Untertest "Allgemeines Verständnis", mit dem das Verständnis sozialer Normen erfasst wird: ein Hinweis auf Annas große Probleme in ihrer Gruppengemeinschaft. Weiterhin erzielt sie unterdurchschnittliche Werte in den Untertests "Rechnerisches Denken" und "Wortschatztest".

Persönlichkeit:

Im MPT-J (Mehrdimensionaler Persönlichkeitstest für Jugendliche) lässt Anna eine schwache Normorientierung und geringe Leistungsmotiviertheit und starke Selbstunsicherhit erkennen. Im Satzergänzungstest zeigt sie depressive Tendenzen, deren Ursache wohl traumatisierende Erlebnisse in der Kindheit gewesen zu sein scheinen. Diese Erlebnisse und jetzige Probleme mit den Pflegeeltern verleugnet sie und zeigt eine Neigung, ihre aktuellen Verhältnisse in einer harmonisierenden Weise zu beschreiben. Sie hält sich selbst für "aggressiv, deprimiert, einsam", aber auch für "wertvoll und hübsch". Ihr Hauptveränderungswunsch bezieht sich auf ihre (ungesteuerten) Aggressionen.

↓371

Im projektiven Testverfahren "Die verzauberte Familie" fällt zunächst auf, dass Anna nicht ihre Ursprungs-, sondern ihre Pflegefamilie malt. Gleichzeitig erscheint sie als Symbol nicht auf dem Bild, sondern benötigt für sich alleine ein extra Blatt. Dies könnte bedeuten, dass sie zum Einen keinerlei Bezug mehr zu ihrer Ursprungsfamilie hat, sich getrennt von ihrer aktuellen Pflegefamilie fühlt und gleichzeitig für sich das Bedürfnis verspürt, den gleichen Raum einzunehmen wie die gesamte Pflegefamilie. Möglicherweise liegt hier ein Integrationsproblem vor. Sowohl die Bäume und Sträucher (Symbol für Pflegefamilie), als auch der Sonnenuntergang (Symbol für sich selbst) wirken trostlos. Dass sie zu dem Sonnenuntergang hinzufügt: "Ich vielleicht", dürfte zum Ausdruck bringen, dass sie sich ihrer selbst sehr unsicher ist.

7.5 Abschiedsphase im geschlossenen Setting

In der Fortschreibung des Hilfeplanes nach § 36 KJHG, an welchem Anna, ihre Pflegeeltern sowie das zuständige Jugendamt beteiligt sind, wird der weitere Aufenthalt Annas auf ihrer individuell-geschlossen geführten Gruppe bis Schuljahresende (Juli 1998) vereinbart. Alle Beteiligten sind sich einig, dass bzgl. einer weiteren psychischen und charakterlichen Stabilisierung sowie zur Erreichung eines Hauptschulabschlusses ein Verbleib im geschlossenen Setting sinnvoll und notwendig ist. Eine Berufsberatung soll in naher Zukunft erfolgen.

Als pädagogisch-therapeutische Ziele bis zum Schuljahresende werden festgelegt:

↓372

In den folgenden drei Monaten macht Anna Fortschritte bzgl. des hiesigen Ausgangsmodells. Im Arbeitsamt absolviert sie einen psychologischen Eignungstest. Von zwei Wochenendbeurlaubungen zu ihrer Pflegefamilie kehrt sie pünktlich zurück. Ihren Betreuerinnen gegenüber äußert sie, dass sie im Sommer zwar gerne in ihre Heimatstadt in eine heilpädagogische Wohngruppe, nicht aber zu ihren Pflegeeltern zurückkehren wolle. Sie hätte aber große Angst, selbiges ihnen mitzuteilen, aus Angst sie zu verletzen. Das Pädagogenteam sichert ihr diesbezüglich Unterstützung zu. Wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz während einer früheren Entweichung wird sie zu Arbeitsstunden verurteilt, die sie regelmäßig in einem nahen Kinderhort absolviert. Ihre unrealistischen Zukunftsvorstellungen (Realschule, Stewardess) werden behutsam konfrontiert. In ihrem Verhalten ist Anna mittlerweile zuverlässiger und reflektierter. Konflikte mit anderen Mädchen haben deutlich abgenommen.

Im Hilfeplangespräch Ende Mai 98 lehnen die Pflegeeltern überraschend eine Heimkehr Annas zu sich ab. Sie befürchten einen Rückfall Annas in alte Verhaltensweisen, stimmen aber einer Unterbringung in einer ganztägig betreuten Wohnform in ihrer Heimatstadt zu. Anna schaut sich in Folge in Begleitung eines Betreuers zwei Einrichtungen an, das betreute Jugendwohnen und die Wohngruppe H.; sie entscheidet sich für letzteres. Nahegelegen ist eine Schule, in welcher sie das Berufsvorbereitungsjahr im Bereich Gesundheit absolvieren will.

↓373

In der Abschiedsphase in Gauting zeigt sich Anna überwiegend freundlich. Ihre Aufgaben und Pflichten in der Gruppe erledigt sie selbständig und problemlos. Gelegentlich äußert sie Angst vor der Zukunft, was zweimal zu Kurzschlusshandlungen (zwei eintägige Entweichungen in den letzten Wochen ihres Hierseins mit freiwilliger Rückkehr) führt. Das Verhältnis zu ihrer Pflegefamilie ist zuletzt distanzierter, kritischer, aber insgesamt auch viel ehrlicher und stimmiger geworden.

Anna wird am 23.8.1998 mit dem erfolgreichen Hauptschulabschluss heimatnah in eine Wohngruppe entlassen.

Anna gibt im Abschlussgespräch an, dass sie den Aufenthalt in der geschlossenen Gruppe in Gauting als hilfreich erlebte, insbesondere den baulich-geschlossenen Rahmen, der es ihr erschwert hat zu entweichen. Hilfreich bezeichnete sie die täglichen Gruppengespräche, als sehr hilfreich den geregelten Tagesablauf im Heim, die Einzelgespräche mit ihren Betreuern sowie die Mädchengruppe, mit der sie zusammengelebt hatte.

↓374

Weiterer Werdegang von Anna K. (Telefonate mit Anna, mit Jugendamt und Pflegeeltern):

Anna muss nach ca. 10 Wochen Wohngruppenaufenthalt und Besuch der BVJ-Schule die Wohngruppe verlassen, da sie schwanger geworden war; für schwangere Mädchen ist die Wohngruppe konzeptionell nicht ausgerichtet. Erst im letzten Moment entscheidet sich Anna zu einem Schwangerschaftsabbruch. In Folge wohnt sie einige Wochen bei ihren Pflegeeltern. Bald sucht sie von sich aus nach Jobs und Anlerntätigkeiten. Dabei wechselt sie im Laufe zweier Jahre mehrmals die Arbeitsstelle.

Juli 1999 kommt sie zu unserem jährlich stattfindenden Ehemaligentreffen nach Gauting. Sie wirkt äußerlich gepflegt und ausgeglichen-heiter. Ein Jahr später (November 2000) wohnt sie in einer Sozialwohnung, arbeitet regelmäßig und wird von einer Sozialpädagogin stundenweise nachbetreut.

7.6 Zusammenfassung und Interpretation

↓375

Das eben geschilderte Fallbeispiel Anna K. demonstriert, dass es im Überschneidungsbereich von Justiz, Psychiatrie und Jugendhilfe einen sehr kleinen Personenkreis gibt, den herkömmliche Angebote, auch heilpädagogische Intensivgruppen, individualpädagogische Maßnahmen oder andere vielfältige Sonderbetreuungsformen nicht erreichen können, sondern für welchen eine befristet freiheitseinschränkende Maßnahme hilfreich und sinnvoll ist. Dabei handelt es sich um Kinder und Jugendliche, die

Günder (2000; 339 f) nennt als gemeinsame Symptombereiche der Betroffenen, die auch in einer Kombination auftreten können, das Weglaufen bzw. Entweichen, die Bindungsunfähigkeit und Perspektivlosigkeit in Hinblick auf defizitäre Zukunftschancen.

↓376

Bei Anna dürfte es sich um ein narzisstisch frühgestörtes Kind handeln, welches aufgrund seiner familiären Vorgeschichte keine innere Stabilität entwickeln konnte. Anna konnte aufgrund dessen die schwierigen Aufgaben der pubertären Entwicklung nicht adäquat bewältigen und geriet zunehmend auf den Weg in die Dissozialität mit Entlaufen, Drogengefährdung sowie Schuleschwänzen und sexueller Gefährdung.

Das Leben in der individuell-geschlossenen Abteilung ist von Anfang an auf ein Leben in einer offenen Gruppe ausgerichtet. Die Geschlossenheit stellt für diese Jugendlichen eine unumgängliche Rahmenbedingung dar, damit Beziehungen hergestellt und pädagogische Prozesse überhaupt erst wieder in Gang kommen können. Denn "dass eine Freiheit im äußeren Sinne nicht heilt, ist durch die Lebensgeschichte der betroffenen Mädchen hinreichend belegt. Sie brauchen Menschen, die fürsorglich über sie verfügen, und sie bedürfen auch eines Schutzes vor sich selbst. Die verbindliche Unterbringung nimmt den Jugendlichen für eine Zeit äußere Freiräume, aber nur, um sie einem veränderten Jugendlichen in anderer Form wiederzugeben“ (Ahrbeck 2000; 23 ff).

Die Erfahrung im Mädchenheim Gauting zeigt, dass diese Jugendlichen die bauliche Geschlossenheit in den meisten Fällen bereits nach wenigen Wochen überwiegend als einen Schutz- und Schonraum erleben, der von gefährlichen Außeneinflüssen fernhält und eigene unkontrollierte Impulshandlungen reduziert. Die Mädchen lernen schnell, dass die betreuenden Erwachsenen keine Feinde sind. Die intensive personelle Betreuung wird durchaus genossen.

↓377

Gegner und Kritiker der geschlossenen Heimunterbringung können für diesen spezifischen Personenkreis keine klaren, pädagogischen Alternativmaßnahmen angeben. Eher hilflos und lakonisch postulieren sie "Menschen statt Mauern" bzw. empfehlen eine Probe aufs Exempel: "Die betreffenden Einrichtungen sollten ihre Arbeit für einen bestimmten Zeitraum einmal unter konsequentem Verzicht auf jegliche Sicherheitstechnologie leisten: ohne verschlossene Türen, Gitter, Stacheldraht, Hochzäune, Fensterschließvorrichtungen – und auch ohne mehrwöchige Ausgangsverbote. Dies sollte ohne Veränderungen des sonstigen, auf Beziehungen und auf vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Jugendlichen angelegten Konzeptes erfolgen – bei gleicher Gruppengröße, gleichem Personalschlüssel und ohne Kürzung von Pflegesätzen (Wolfersdorff v. 1996; 346; Pankofer 1997; 228; Trenczek 1994; 292).

Das Mädchenheim Gauting verfügt seit vielen Jahren über diese von den Kritikern empfohlene Alternative eines offenen Angebots. Die hiesige Einzelfallanalyse soll beispielhaft Aufschluss darüber geben, dass dieses Alternativmodell für einen sehr kleinen Personenkreis nicht hinreichend und hilfreich ist. Die Erfahrungen einer langjährigen Praxis im Mädchenheim Gauting legen den Schluss nahe, dass ein Festhalten an dieser Alternatividee nicht einer gewissen "Sozialromantik" entbehrt.


Fußnoten und Endnoten

18  Aus Datenschutzgründen ist Vor- und Hauptname geändert.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
30.03.2006