8 Zusammenfassung und Ausblick

8.1 Zusammenfassung

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Die Ergebnisse der vorliegenden Studie liefern eine umfangreiche Bestandsaufnahme über die Situation der Mädchen, die sich im Zeitraum von 1991 bis 2001 in den individuell-geschlossenen Gruppen im Mädchenheim Gauting befanden. Damit leistet sie sowohl einen wichtigen Beitrag zur Qualitätsentwicklung der Einrichtung selbst als auch zur Qualitätsentwicklung in der Jugendhilfe im Bereich geschlossener stationärer Hilfen. Dabei ist dem Autor bewusst, dass ein grundlegendes Problem einer Evaluation immer darin besteht, dass keine Maßnahme abschließend bewertet werden kann (Wottowa/Thierau 1990; 15). Besonders die Frage der Nachhaltigkeit von Effekten kann nicht erschöpfend bestimmt werden, da auch noch lange nach Beendigung einer konkreten Maßnahme (hier der geschlossenen Heimunterbringung) hilfebezogene Veränderungen auftreten können.

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a) Klientelbeschreibung

Ein erklärtes Ziel der vorliegenden Studie ist eine umfassende Beschreibung der in den 90-er Jahren in den geschlossen geführten Gruppen des Mädchenheims Gauting behandelten Klientel.

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Einen eineindeutigen Indikationskriterienkatalog für geschlossene Heimunterbringung konnte die vorliegende Studie nicht erarbeiten. Ein derartiger Katalog müsste an der Komplexität der individuellen Problemlagen von Kindern und Jugendlichen scheitern.

b) Prozess- und Ergebnisqualität

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Im Zusammenhang mit einer positiven Ergebnisqualität (Erfolg) sollte auch auf die Grenzen pädagogisch-therapeutischer Interventionen hingewiesen werden. Die Untersuchung zeigt - gerade im Hinblick auf die Störungsverläufe - Bereiche mit wenig Entwicklungspotential (z.B. sexuelle Auffälligkeiten), auch Stagnationen in der positiven Entwicklung und in Einzelfällen auch Verschlechterungen. Gleiches gilt für die Effekte bei Eltern und in den Familien. Gründe dafür könnten neben massiven und komplexen Störungsbildern der betroffenen Mädchen auch motivationaler Art sein (WJE 2000; 99): Die Bereitschaft der Kinder und Jugendlichen und ihrer Eltern zur Kooperation ist ein mitentscheidender Faktor für einen positiven Hilfeverlauf. Ist diese nicht oder nicht mehr vorhanden und kann sie auch nicht mehr hergestellt werden, reduziert sich die Chance eines positiven Hilfeverlaufs.

Unter Beachtung des explorativen und z.T. selbstevaluativen Charakters der hiesigen Studie zeigt sich insgesamt eine positiv zu bewertende Ergebnis- und Prozessqualität befristet geschlossener Hilfen im Mädchenheim Gauting. Zusammenhänge beider Qualitätsdimensionen finden in den vorgelegten Daten ihre empirische Entsprechung. Die in der Konzeption des Mädchenheims Gauting benannten Ziele stationärer erzieherischer Hilfen (Förderung von Ressourcen, strukturierender Tagesablauf und Vermittlung der adäquaten Schulform) werden zu einem sehr hohen Prozentsatz erreicht.

8.2 Ausblick

Die immer wieder aufflammende Diskussion um Sinn oder Unsinn, um Indikation oder Kontraindikation sogenannter ´geschlossener Heimerziehung` tangiert Fragen, die zwischen dem angesiedelt sind, was „jugendhilfeideologisch für viele nicht sein darf, was aber jugendhilfepraktisch dennoch unübersehbar ist“ (Flosdorf; P.; 2001; 58). Werden sog. als unlösbar erscheinende Aufgaben oder Probleme von Hilfeform zu Hilfeform, von Institution zu Institution einfach weiter gereicht ? Überlässt die Jugendhilfe die betroffenen jungen Menschen dann schließlich dem Strafvollzug oder der Psychiatrie ? Gibt es eine regelrechte Konkurrenz über Nichtzuständigkeit bei negativ bewerteten pädagogischen Aufgaben, ein „Vorbeireden, Vorbeihandeln, Vorbeischweigen, wenn es um Intervention geht“ (Hartmann, K.; 1996; 26) ?

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Ist geschlossene Heimerziehung ein Symptom struktureller Defizite der Jugendhilfe ? Verhindert sie sogar den Ausbau offener Hilfen ? Dies ist nicht eingetreten. Das KJHG hat den offenen Hilfen einen sicheren Platz im System der Jugendhilfe geschaffen – der Markt alternativer Hilfen blüht seit den 90-er Jahren: Einzelbetreuungen, Segeltörns, erlebnispädagogische Projekte in der Sahara oder Kanada - und hat unter dem Kostendruck längst dazu geführt, in der (geschlossenen) Heimerziehung das letzte Mittel der Wahl zu sehen. Warum wird sie dann weiterhin von der pädagogischen Fachwelt misstrauisch beäugt und immer noch zum großen Teil abgelehnt ?

Bei der Frage nach einer verbindlichen Unterbringung geht es nicht darum, eine größere Anzahl schwieriger Kinder wegzuschließen. Eine solche Forderung, sofern sie überhaupt erhoben wird, ist aus fachlich-inhaltlichen Gründen nicht vertretbar und deshalb zurückzuweisen. Zu klären ist vielmehr, „ob in jedem noch so extremen Einzelfall, in massiv zugespitzten, langanhaltenden Krisen- und Gefährdungssituationen auf eine verbindliche Unterbringung verzichtet werden kann. Das ist die Grundsatzentscheidung, zu der Stellung genommen werden muss. Dabei stehen sich zwei hohe Werte gegenüber: Auf der einen Seite die Freiheitsrechte der Kinder und Jugendlichen, andererseits eine Fürsorgepflicht der Gesellschaft, die eine umfassende Schutzfunktion dann zu übernehmen hat, wenn die Betroffenen dies selbst nicht mehr tun können. Der Konflikt zwischen diesen beiden Werten lässt sich grundsätzlich nicht auflösen, weder bei einem vollständigen Verzicht auf eine verbindliche Unterbringung noch bei der Anerkennung ihrer Notwendigkeit“ (Bericht der Enquete-Kommission 2000; 19f20).

Handelt es sich bei der (ideologisch) strikten Ablehnung von geschlossener Unterbringung - tiefenpsychologisch gesehen – um eine Abwehr von Schuldgefühlen ? In Verbindung damit – fällt es leichter, das „sog. Böse“ in den Kindern und Jugendlichen zu belassen, indem man sie achselzuckend als „unerziehbar“ bzw. „unerreichbar“ stigmatisiert ? Die das Ideal der Freiheit, Eigenmotivation und Kundenzufriedenheit favorisierende Jugendhilfe hat somit zumindest eine „weiße Weste“.

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Handelt es sich bei der Gegenposition, die die betroffenen Kinder und Jugendlichen als gefährlich-destruktive Täter von der Gesellschaft möglichst rasch absondern und wegsperren will, nicht ebenso um eine Abwehr von Schuldgefühlen ? Beide Positionen erheben für sich den Anspruch, für die Gesellschaft und die Kinder „das Beste“ zu wollen. Schuldig macht sich nur die Gegenpartei. „Der intrapsychische Gewinn einer solchen projektiven Entlastung liegt auf der Hand. Kritisch wird es dann, wenn eine solche Schuldproblematik nicht bewusst werden darf, so dass wesentliche Aspekte bei der in Frage stehenden Thematik unreflektiert bleiben. Die fachliche wie auch die öffentliche Diskussion wird deshalb so lange stagnieren, wie sie durch eine unerkannte Schuldproblematik und Schuldabwehr geprägt wird“ (Ahrbeck 1997; 45 f).

Ergebnisse aus Studien wie z.B. der JES-Studie weisen darauf hin, dass bestimmte Störungsbilder durch zeitlich enger befristete oder ambulante Maßnahmen nicht angehbar sind (Flosdorf/Hohm/Macsenaere 2000). Schon verfestigte Verhaltensmuster, besonders bei reaktiven aggressiven, dissozialen Karrieren, bei zugleich vorhandenen Ausgrenzungseinstellungen und weniger ausgeprägten erzieherischen Kompetenzen in den betroffenen Familien verlangen längerfristige stationäre und im Ausnahmefall auch befristet geschlossene Hilfen, die den Bedürfnissen der jungen Menschen angepasst sind. Es wird darauf hingewiesen, dass eine Folge von Hilfen mit geringem Erfolg schon mittelfristig Kosten summiert, die den rechtzeitigen Einsatz einer vielleicht zunächst kostenintersiveren Hilfe übersteigen können (WJE 2000; 95).

In kritischen und zugespitzten (Lebens-)Situationen der Jugendlichen gibt es nie nur eine Hilfe, die „geeignet und notwendig“ ist, sondern immer mehrere Optionen, die Chancen aber auch Risiken und (unerwünschte) Nebenwirkungen in sich bergen. „Das `richtige´ Setting lässt sich nicht ableiten, sondern muss begründet entschieden werden“ (Schwabe 2002;58). Entscheidend ist, ob im konkreten Einzelfall eine offene Erziehung oder eine geschlossene Unterbringung „Beziehungserfahrungen ermöglicht, die die beeinträchtigten Kinder und Jugendlichen für ihre intrapsychische und interpersonelle Weiterentwicklung dringend benötigen. Dabei geht es um eine genuin pädagogische Frage. Der institutionelle Ort erweist sich demgegenüber als sekundär“ (Ahrbeck, 1997;53).

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Die durch die vorliegende Studie geschaffene Datenbasis ist noch keineswegs erschöpfend ausgewertet. Viele Detailfragen, die für die hiesige Studie von geringerer Relevanz waren, bleiben noch offen oder entstehen unter Umständen erst nach einer intensiven Beschäftigung mit den vorliegenden Ergebnissen.

Insgesamt dürfte es der hiesigen Studie jedoch gelungen sein, eine fundierte Grundlage für zukünftige und evtl. fortlaufende Erhebungen im Mädchenheim Gauting zu schaffen. Zukünftige Forschung im Bereich `Erziehungshilfe´ allgemein und speziell für geschlossene Heimunterbringung sollte sich auf folgende Punkte konzentrieren:


Fußnoten und Endnoten

19  Komorbidität: gleichzeitige Diagnose zweier oder mehrer verschiedener Störungen

20  Das Zitat bezieht sich auf eines von zwei Voten der Kommission.



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30.03.2006