Stephan, Jens-Armin : Gibt es eine erhöhte Asthma-Mortalität Deutschlands im internationalen Vergleich ?

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Kapitel 3. Der Tod durch Asthma bronchiale

Der akute Asthmatod ist nach Illig (1978) folgendermaßen definiert: es ist ein Erstickungstod, der unter den Zeichen zunehmender Atemwegsobstruktion, klinisch durch Unruhe, krampfhafte Atmung unter Anspannung der Atemhilfsmuskulatur, zunehmende Zyanose und finale Bewußtlosigkeit gekennzeichnet, mehr oder minder rasch eintritt (Tabb&Guerrant 1968). Der Pathologe findet Schleimpfröpfe in den Bronchien und Bronchiolen, ein Volumen pulmonum auctum, eine dilatierte rechte Herzkammer und oftmals Erstickungsblutungen (Otto 1972).

Pathophysiologisch führt der Anfall über eine Atemwegsobstruktion zum Abfall der O2-Sättigung des Blutes und damit zur Asphyxie. Gleichzeitig kommt es durch eine Lungenüberblähung zur Widerstandserhöhung im kleinen Kreislauf und weiterer Belastung des eventuell aufgrund früherer Anfälle bereits bestehenden chronischen Cor pulmonale und zu einer Hypoxie der Herzmuskelfasern. Die Angst während des Anfalls führt zum Anstieg des Adrenalinspiegels, der Arrhythmien bedingen kann.

3.1 Faktoren, die potentiell zum Asthmatod beitragen

Es können zwei Todesarten als Folge von Asthmaanfällen unterschieden werden (Benatar 1986): einerseits der sehr schnelle unerwartete Tod, dem entweder ein nur kurze Zeit dauernder heftiger Anfall vorausging oder sogar während der Erholungsphase nach einem Anfall eintritt. Auf der anderen Seite sterben Patienten an Asthma bronchiale nach einer sich sehr lange hinziehenden Attacke. Letztere Patienten wurden oft nur unzureichend behandelt und ihre Erkrankung ist häufig nur mangelhaft diagnostiziert und kontrolliert worden.

Patienten mit einem schnellen Tod litten oft an großen Tagesschwankungen der Atemwegsobstruktion. Nach einer Studie der British thoracic association (1982) von 90 Todesfällen in England dauerten die tödlichen Attacken bei 23 Verstorbenen weniger als eine Stunde, bei weiteren 34 weniger als zwölf Stunden und bei den restlichen 33 länger als zwölf Stunden. Demgegenüber haben Untersuchungen in England und den


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USA ergeben, dass die meisten Tode der 5-34jährigen plötzlich und außerhalb des Krankenhauses geschehen (Woolcock 1986).

In einer Studie aus den USA waren Patienten, die jünger als 55 Jahre waren, überwiegend plötzlich und unerwartet verstorben, während ältere Patienten durch einen eher prolongierten Verlauf bei weniger aggressiver Behandlung gekennzeichnet waren (Barger et al. 1988).

Eine andere Differenzierung unterscheidet zwischen vermeidbaren und nicht vermeidbaren Todesfällen (Woolcock 1986): vermeidbare Sterbefälle geschehen trotz potentiell reversibler Attacke, nicht vermeidbare resultieren aus einer Entwicklung von irreversibler Atemwegsobstruktion und folgender Asphyxie.

Nach einer Untersuchung von 35 Todesfällen in England durch Eason (1987) waren 16 vermeidbar (46%). Bei der oben erwähnten Studie der British thoracic association (1982) wären nach Ansicht der Autoren 86% (77 von 90 Sterbefällen) zu verhindern gewesen. Sutherland (1988) geht sogar davon aus, dass jeder Tod an Asthma bronchiale potentiell vermeidbar ist, und an Asthma verstorbene Patienten nur unzureichend behandelt waren.

Eine Unterbehandlung stellten auch die Untersucher der British thoracic association (1982) fest: bei nur 25% der Verstorbenen fanden sie eine zufriedenstellende Langzeitbehandlung - die Notfallbehandlung war sogar bei 69% unbefriedigend. Insbesondere eine Untertherapie mit Kortikosteroiden und Bronchodilatatoren wurde aufgedeckt. 55 von 90 Asthmatikern benötigten diese Medikamente häufiger oder in einer höheren Dosierung. Über die Hälfte (48 von 90) der Fälle war nicht compliant, entweder in Bezug auf die Inanspruchnahme medizinischer Hilfe oder der Einnnahme von Medikamenten.

Im folgenden sollen die in der Literatur am häufigsten genannten Faktoren aufgeführt werden, die zum Tod an Asthma bronchiale potentiell beitragen :

Fehlverhalten des Arztes :

Fehlverhalten des Patienten (Niggemann 1991):

3.2 Geschlechtsverteilung

Einige Studien beschrieben eine höhere Mortalitätsrate bei Männern (Oberbeck et al. 1993), in anderen Studien war die Sterberate bei Frauen höher (Burney 1986, Eason 1987), wiederum andere fanden keine Geschlechtsunterschiede. Letztlich besteht kein signifikanter Unterschied der Geschlechter bezüglich der Mortalitätsrate (Niggemann 1991).

3.3 Zeitpunkt des Todes

Die überwiegende Anzahl der Patienten verstirbt in den Nachtstunden (Niggemann 1991). Mehreren Studien zufolge versterben ungefähr 60-70% der Patienten zwischen 20 Uhr und 8 Uhr (Sears 1989; Oberbeck 1993).

Saisonale Schwankungen von Asthma-Todesfällen gibt es in der Mehrheit der Studien nicht (Barger et al. 1988, Kinnula et al. 1988). Dagegen wurde in einer Untersuchung in England eine deutliche Häufung der Todesfälle im dritten Quartal registriert, während


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im ersten Quartal eine unterdurchschnittliche Mortalitätsrate zu verzeichnen war (Khot&Burn 1984). Oberbeck (1993) fand eine gewisse Häufung für die Winter- und Hochsommermonate.


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Mon Sep 30 15:15:39 2002