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1 Einleitung

Diese Untersuchung der „Konstruktion der Frau“ versteht sich als ein Beitrag zur Frauen- und Geschlechtergeschichte. Sie beschäftigt sich mit einer Reihe von Texten, die dem Strukturmuster der „unschuldig verfolgten und später rehabilitierten Ehefrau“ folgen, und die zu diesem Zweck zusammengestellt wurde. Dabei werden die Texte der Crescentia-Textreihe, die zwischen 1150 und 1460 entstanden sind, im Hinblick auf ihre anhaltende lebendige Rezeption und Überlieferung im 15. Jahrhundert interpretiert, ebenso wie die Texte der Gruppe der Sibillen-Erzählungen, die alle im 15. Jahrhundert in deutscher Sprache bearbeitet worden sind. Der historische Bezugsrahmen dieser Arbeit ist die Konstruktion der Frau im 15. Jahrhundert.

Die vorliegende Arbeit setzt sich in diesem Kapitel zunächst mit den Vorgehensweisen altgermanistischer Frauenforschung auseinander. Dabei werden die Differenzen zwischen dieser Zugangsweise und einem auf neueren Erkenntnissen der Genderforschung basierenden literaturwissenschaftlichen Frageansatzes konturiert und dessen möglicher Nutzen und Erkenntnisgewinn herausgearbeitet. Anschließend werden die in dieser Arbeit zugrunde gelegten theoretischen und methodischen Überlegungen dargestellt und die Fragestellung der Arbeit entwickelt; abschließend wird die strukturelle Nähe der einzelnen literarischen Texte beschrieben, ihre Auswahl begründet und auf die für die Interpretation relevanten Strukturmerkmale und Handlungsabschnitte eingegangen.

1.1 Frauenforschung in der Altgermanistik

Feministische Literaturwissenschaft hat unter verschiedenen Aspekten mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen und Fragestellungen inzwischen auch in der Germanistik eine Geschichte ansehnlicher Länge. Eine Darstellung der Geschichte des feministischen Forschungsansatzes kann hier nicht geleistet werden, doch sind einige Aspekte der jüngeren Entwicklung von Interesse, auf die im folgenden eingegangen wird, weil sich das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit an ihnen orientiert.1

Die feministischen Arbeiten im Bereich der Literaturwissenschaft haben sich seit den späten sechziger Jahren erheblich verändert und sind von intensiven Diskussionen um den Gegenstand wie die Methode geprägt. Der Altgermanistik kommt in diesem Zusammenhang eine bis heute eher bescheidene Rolle zu. Da es nicht gelungen ist, eine feministische Frauenforschung mit kontinuierlichen Arbeitsmöglichkeiten zu etablieren, setzten die Forschungen eher spät und zögerlich ein.2 Eine offensive Auseinandersetzung über die methodischen Grundlagen feministischer Literaturwissenschaft hat innerhalb der Altgemanistik ebenso wenig stattgefunden, wie eine Klärung des Verhältnisses zu den traditionellen Forschungsfragen und Erkenntnisinteressen des Faches.3 Dennoch lassen sich im wesentlichen drei unterschiedliche methodische Zugänge beschreiben, die im folgenden in ihren Ergebnissen und Problemen kurz skizziert werden sollen:

1. Eine verhältnismäßig lange Tradition haben Arbeiten zur Darstellung der Frau. Sie reichen [Seite 9↓]zurück bis in die Zeit vor der Frauenbewegung der sechziger Jahre4 und widmen sich der sehr genauen Beschreibung der Darstellungen von Frauen in literarischen Texten.

Die Qualität dieser Forschungsarbeiten lag insbesondere in der detaillierten Aufarbeitung des literarischen Materials. Dabei blieb jedoch das Verhältnis der gewonnen konkreten Beschreibungen literarischer Frauengestalten und -entwürfe zur historischen Wirklichkeit häufig offen und wurde nur selten problematisiert. Auch der Stellenwert der gewonnenen Beschreibungen innerhalb eines Horizontes weiblicher Geschichte wurde nicht näher bestimmt.5 Weder hinsichtlich allgemeiner Bezüge von Literatur und Geschichte noch im Hinblick auf konkrete historische Erkenntnismöglichkeiten zu weiblichen Lebensentwürfen wurden die Ergebnisse historisch reflektiert. Besonders problematisch war es, daß eine Diskussion des zentralen Begriffs und Gegenstandes „Frau“ ausblieb. Die Referenz dieser Kategorie diente gleichermaßen der Bezeichnung einzelner historischer Individuen und sozialer Gruppen, den Figurationen literarischer Entwürfe, analytisch herausgearbeiteten weiblichen Geschlechterrollen und Bereichen weiblicher Erfahrung und changierte zwischen diesen. Aufgrund der unklaren Definition dieser zentralen Kategorie konnten weder diese selbst, noch das jeweils zugrunde liegende Frageinteresse ausreichend historisiert werden.6 So erscheinen diese Arbeiten zusammenhanglos. Für ihre Schwächen gibt es sicherlich viele einleuchtende Gründe. Es schien angesichts der mangelnden wissenschaftlichen Akzeptanz, die feministischen Ansätzen und Fragestellungen überhaupt entgegengebracht wurde, verläßlicher, sich eng an den Rahmen der Figurendarstellung der Texte zu halten und die eigenen Erkenntnisinteressen unausgesprochen und unreflektiert zu lassen. Eine andere Ursache lag sicherlich am Ausmaß der Forschungsdefizite und in mangelnder Vernetzung. Dies führte dazu, daß die eigene Textbasis als einzige Basis aufgefaßt wurde, um im Meer von nicht geleisteter Forschungsarbeit, mangelnder kategorialer Klarheit, angezweifelter Legitimation und Hoffnung auf eine Änderung dieses Zustandes überhaupt mit eigener Forschungsarbeit beginnen zu können. Bald sahen sich solche Arbeiten zudem einer innerfeministischen Kritik ausgesetzt, weil sie sich den Vorwurf gefallen lassen mußten, sich immer nur mit männlichen Entwürfen zu beschäftigen, die gar nichts Verläßliches mit historischen oder gegenwärtigen Dimensionen der Erfahrung weiblicher Lebenszusammenhänge gemein hätten.

Daraufhin einsetzende avancierte Bemühungen waren jedoch weit entfernt davon die unterstellte Repression angemessen, d. h. als historische zu verstehen.7 Texte, in denen die Produktion repressiver Geschlechter-Rollen vermutet wurde, wurden aufgesucht, um die darin enthaltenen Frauenbilder zu beschreiben und mit Hinweis auf männliche Wunschbilder und Projektionen zu kritisieren. So politisch folgerichtig diese Bemühungen gewesen sein mögen, hatten sie doch bezogen auf den Erkenntnishorizont entscheidende Nachteile. Solche Versuche

“„[...] brachten es mit sich, daß die »faktische Repression und ihre Legitimation [...] häufig zur leitenden Hypothese für die Untersuchung der Diskurse über die Frau [wurden]«. Aufgrund dieser Prämisse wurde Frauenforschung leicht zur »Klage über die ewig-gleichbleibende Unbelehrbarkeit der Männer.« Was von vielen dieser Untersuchungen nicht genügend beachtet wurde, war der Umstand, daß bestimmte unter höchst unterschiedlichen sozialen Bedingungen und theoretischen Voraussetzungen entstandene Weiblichkeitsentwürfe nicht anhand eines statischen Konzepts von Emanzipation bewertet werden konnten.“” 8


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Obwohl diese Arbeiten mit Schwierigkeiten behaftet waren, ließen sie doch weitreichendere Perspektiven für die Frauenforschung erkennen und waren erfolgversprechender als der Versuch, eine eigene Literaturgeschichte der Frau (wieder-) zu finden.9

2. Ein solcher Anspruch, die Ausgrenzung von Texten weiblicher Autorinnen aus dem Kanon der Literaturgeschichte rückgängig zu machen und diese dem Vergessen zu entreißen, erschien durch das fast völlige Fehlen von Frauen im Kanon ausreichend begründet und führte zu Rekonstruktionsbemühungen mit dem Ziel, die männliche Literaturgeschichte um eine weibliche zu ergänzen. Dabei stellten sich verschiedene historische und methodische Probleme: Der Anteil weiblicher Autorinnen an der Literatur der großen narrativen Gattungen bis ins 15. Jahrhundert hinein erwies sich als gering, und so konnte wenig Befriedigendes gefunden werden. Dennoch brachten diese Forschungsbemühungen Autorinnen des 15. Jahrhunderts stärker ins Bewußtsein der Forschung. Vor allem im Bereich der Frauenmystik konnten erhebliche Erkenntnisforschritte erzielt werden, auch wenn die Einschätzung des spezifisch weiblichen Schreibens der Mystikerinnen bis heute differiert.10

Eine solche Herangehensweise war aus zwei Gründen problematisch, es lag nicht nur ein Mangel an überlieferten Texten von Autorinnen vor,11 sondern eine zweifelhafte und eigentlich unhistorische Annahme. Es wurde davon ausgegangen, daß in fernen historischen Zeiten literarische Produktionsverhältnisse geherrscht haben könnten, die Frauen eine angemessenere Teilhabe am literarischen Diskurs ermöglicht hätten. Lediglich durch die ausgrenzende Überlieferungsselektion, so die Argumentation, seien später literarische Texte von Frauen vernachlässigt und ausgegrenzt worden. Einer solchen Vorstellung lag aber die implizite Annahme zugrunde, es habe Zeiten ohne geschlechtliche Zuschreibungen und Reglementierungen gegeben,12 und damit ein in die Vergangenheit projizierter Erlösungswunsch. Dem unbefriedigenden Ergebnis dieser Bemühungen gaben die Forscherinnen auf zweierlei Weise Ausdruck: Entweder wurde Enttäuschung über mangelnde emanzipatorische Qualitäten der historischen Autorinnen geäußert,13 oder es wurde an der Bedingung weiblicher Autorinnenschaft für feministische Forschung um jeden Preis festgehalten. Dafür aber mußte eine Konzentration auf bestimmte Gattungen erfolgen. Es wurde mit der Aufgabe der narrativen Gattungen bezahlt, zugunsten der Erforschung privater oder bestenfalls halböffentlicher Kommunikation und damit nicht gleichermaßen diskursbildender, wenn auch vielleicht hoch reflexiver Kommunikation z.B. in der Briefkultur.14

3. Jenseits dieser beiden grundsätzlich verschiedenen Herangehensweisen gibt es etliche Bemühungen, den methodischen Problemen durch Konzenration des Erkenntnisinteresses auf die Erforschung einzelner sozialer Praxen, Kommunikationsformen und Institutionen zu entkommen. Dadurch wurde es möglich, zu kontextgebundenen Erkenntnissen über „die Frau“ zu gelangen, ohne daß eine Lösung für die kategorialen Probleme gesucht werden mußte. Auf diese Weise sind die wegweisenden und wichtigsten Forschungen innerhalb der Literaturwissenschaft entstanden, häufig im Austausch mit der amerikanischen Germanistik. Indem das Sprechen in literarischen und vor allem pragmatischen Texten über Fragen der Sexualität, der Ehe und Liebe meist in der [Seite 11↓]Frühen Neuzeit in den Blick genommen wurde, gelang es, die Materialbasis für mögliche Rekonstruktionen diskursiver Bewegungen zu erweitern und die Verengung des Blicks auf den Einzeltext zu überwinden.15 Dabei blieb jedoch zum Teil das Verhältnis von literarischem Diskurs und historischer Realität ungeklärt.16 Dies hatte nicht zuletzt damit zu tun, daß diese Ansätze mit dem Begriff der Geschlechterrolle arbeiteten und davon ausgingen, daß biologische Weiblichkeit die Grundlage sei, auf der gesellschaftliche Geschlechterrollen sich einschrieben: Die kulturellen Anteile bei der Produktion von Geschlechtsidentitäten wurden dabei nicht ausreichend berücksichtigt.17


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1.2  Erkenntnisse der Genderforschung

1.2.1 Aspekte der Gendertheorie

Die Überlegungen der modernen Geschlechterforschung beinhalten auch für die Altgermanistik neue und interessante Anwendungsmöglichkeiten, die helfen können, das Frageinteresse genauer zu formulieren, die Kategorie „Frau“ zu reflektieren und das Verhältnis von literarischem Diskurs und historischer Wirklichkeit klarer zu fassen.

Der wichtigste Unterschied der neueren Forschung zu Sex und Gender im Vergleich zu vorausgegangenem Nachdenken über die „Ordnung der Geschlechter“ besteht in der Grundthese, daß die Geschlechtsidentität in ihrer Gesamtheit als Ergebnis kultureller Produktion gelten muß. Diese Überzeugung ist am deutlichsten von der amerikanischen Philosophin Judith Butler formuliert worden.18

Butler überdenkt die geschlechtlichen Kategorien unter Einbeziehung der herkömmlichen Trennung von anatomischem Geschlecht (sex) und Geschlechtsidentität (gender) neu, indem sie zuerst nach dem Zustandekommen und der Logik dieser Trennung fragt:

“Gibt es eine Geschichte, wie diese Dualität der Geschlechter (duality of sex) errichtet wurde, eine Genealogie, die die binären Optionen möglicherweise als veränderbare Konstruktion offenbart? Werden die angeblich natürlichen Sachverhalte nicht in Wirklichkeit diskursiv produziert, nämlich durch verschiedene wissenschaftliche Diskurse, die im Dienste anderer politischer und gesellschaftlicher Interessen stehen? Wenn man den unveränderlichen Charakter der Geschlechter bestreitet, erweist sich dieses Konstrukt namens Geschlecht vielleicht als ebenso kulturell hervorgebracht wie die Geschlechtsidentität. Ja, möglicherweise ist das Geschlecht (sex) immer schon Geschlechtsidentität (gender) gewesen, so daß sich herausstellt, daß die Unterscheidung zwischen Geschlecht und Geschlechtsidentität letztlich gar keine Unterscheidung ist.“19

Wenn aber das Geschlecht ebenso kulturell produziert ist, wie die Geschlechtsidentität, dann ist es sinnlos, die Geschlechtsidentität als kulturelle Interpretation des Geschlechts zu bestimmen; vielmehr wird das Geschlecht damit Teil der Geschlechtsidentität:

“Demnach gehört die Geschlechtsidentität (gender) nicht zur Kultur wie das Geschlecht (sex) zur Natur. Die Geschlechtsidentität umfaßt auch jene diskursiven / kulturellen Mittel durch die eine geschlechtliche »Natur« oder ein »natürliches« Geschlecht als »vordiskursiv«, d. h. als der Kultur vorgelagert oder als politisch neutrale Oberfläche, auf der sich die Kultur einschreibt, hergestellt und etabliert wird.”20

Bereits früheren feministischen Arbeiten lag ein Konzept von sex und gender zugrunde, in dem jedoch die Grenze zwischen den Kategorien anders gezogen wurde: Die frühe Unterscheidung meinte mit sex das biologische und anatomische Geschlecht und bezeichnete mit gender das soziale Geschlecht. Deutliche Beispiele für eine solche Konzeption sind jene Arbeiten, die den [Seite 13↓]Begriff der Geschlechterrolle verwenden.21 Dabei wurde davon ausgegangen, daß es eine reale Existenz biologischer Phänomene gibt, die Männer und Frauen immer voneinander unterscheiden, bezeichnet mit dem Begriff sex, sowie eine Reihe von Unterschieden zwischen Männern und Frauen, die mit diesem Phänomen überhaupt nicht oder zumindest nicht unmittelbar im Zusammenhang stehen und kulturell hervorgebracht werden, bezeichnet als gender.

“Das sex / gender System beschreibt somit eine Gruppe von Übereinkünften, auf deren Grundlage eine Gesellschaft die biologische Sexualität in Produkte menschlicher Aktivität transformiert und diese transformierte Sexualität befriedigt.”22

Eine solche Unterscheidung zwischen sex und gender erschien zuerst einmal sehr produktiv, weil sich damit die Differenz sozialer Normen für Männer und Frauen sowie spezielle Formen sozialer Praxis beschreiben und kritisieren ließen. Außerdem wurden auch Sozialisationserfahrungen thematisierbar, die mit der Festlegung eines biologischen Geschlechts einer Person als männlich oder weiblich einhergehen, obwohl sie nicht zwangsläufig daraus resultieren. Die Unterscheidung und Abgrenzung von sex und gender hatte den Vorteil, daß durch die Abtrennung der als fix gedachten biologischen Voraussetzungen des sex, Überlegungen zum von der Kultur bedingten Zustandekommen der sozialen Geschlechtsidentität und zu der Art und Weise ihrer Stabilisierung innerhalb einer Kultur, erst möglich wurden:

“’Sex’ is a word that refers to the biological differences between male and female [...] ‘gender’ [...] is a matter of culture: it refers to the social classification into ‘masculine’ and ‘feminine’. The constancy of sex must be admitted, but also must the variability of gender.“23

Eine solche Vorstellung unterstellte den Körper als vorkulturelle Basis, auf der dann die Einschreibungen vorgenommen werden konnten:

„Solange gender als »soziale Konstruktion von Sexualität« verstanden wurde, richtete sich die Kritik vor allem darauf, diese Konstruktion als eine Fehlrepräsentation sichtbar zu machen, sie zu korrigieren. Die mit der Vorstellung eines sex/gender-Systems einhergehende Dichotomie von Natur und Kultur blieb dabei unangetastet.“24

Doch genau diese Unterscheidung von sex und gender, die in dieser Weise zwischen biologischer Basis als Ergebnis des Wirkens von Natur und sozialer Einschreibung als Ergebnis des Wirkens von Kultur, ist in den Reflexionen der neueren Genderforschung nicht mehr aufrechterhalten worden.

Butlers Überlegungen, deren Verständnis vom Zustandekommen geschlechtlicher Identitäten im Anschluß an Foucault diskurstheoretisch geprägt ist, basieren darauf, daß es keine Wahrheiten außerhalb der Sprache gibt. Die menschliche Aneignung der Welt geschieht mit und in der Sprache. Wann immer von einer Kategorie behauptet wird, sie sei natürlich oder vordiskursiv, verweist dies bereits auf einen ontologischen Anspruch, der Teil der sprachlichen und kulturellen Konstruktion der Kategorie ist. Das Unbehagen, das angesichts einer solchen Argumentation entsteht, läßt sich verringern, wenn der Status der Sprache deutlich wird: Sprache produziert Wahrheiten, sie werden in der Sprache kulturell hervorgebracht. Da es aber nichts jenseits des sprachlich Hervorgebrachten gibt, entsteht der Anschein, das in der Sprache Produzierte sei irgendwie künstlich, weniger wahr, zu Unrecht. Der Eindruck entsteht dadurch, daß das von der Sprache Hervorgebrachte zwar den Platz des Realen beansprucht, aber in der Sprache das Reale niemals als hervorgebracht bezeichnet wird, sondern als das immer schon vorhandene, der Sprache Vorgängige ontologisiert oder als Metaphysik verschleiert wird.


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Im Fall des Geschlechts (sex) ist der Ausweis dieser Kategorie als einer biologischen oder natürlichen bereits ein Hinweis darauf, daß die Etablierung der binären Struktur Geschlecht ihre Entstehung in der Sprache verschleiert. Deshalb ist es notwendig, die ebenso kulturell erzeugte, aber in der Sprache als natürlich ontologisierte Kategorie des Geschlechts (sex) als Teil der Geschlechtsidentität (gender) zu begreifen und ihr Zustandekommen und ihren Status im diskursiven Gefüge zu beschreiben.

Für die Definition der Kategorie » Frau« bedeutet dies, daß die binäre Struktur, deren einen Pol der Begriff »Frau« bezeichnet, Resultat kultureller Prozesse ist. Somit haftet der Kategorie Frau in der Vergangenheit bereits eine Ontologisierung an, die jenseits ihrer Etablierung in den Zuschreibungen von Attributen zu fassen ist, die sie stabilisieren.

Damit aber rückt die Ausbildung der Geschlechtsidentität ins Zentrum, da sie sowohl die Bedingung der Konstitution der »Person« als auch der »Identität« zu sein scheint. Alle drei Kategorien stabilisieren sich gegenseitig:

“Diese Konzeption der Geschlechtsidentität setzt nicht nur eine kausale Beziehung zwischen anatomischem Geschlecht (sex), Geschlechtsidentität (gender) und Begehren voraus, sondern legt außerdem nahe, daß das Begehren die Geschlechtsidentität widerspiegelt und zum Ausdruck bringt – ebenso wie umgekehrt die Geschlechtsidentität das Begehren. Die metaphysische Einheit dieser Drei soll in einem differenzierendem Begehren nach dem entgegengesetzten Geschlecht wahrheitsgetreu erkennbar werden und zum Ausdruck kommen, d.h. also in Form der gegensätzlich strukturierten Heterosexualität. Gleichgültig ob als naturalistischen Paradigma, das eine ursächliche Kontinuität zwischen Geschlecht (sex), Geschlechtsidentität (gender) und Begehren errichtet, oder als authentisch-expressives Paradigma, dem zufolge sich das wahre Selbst gleichzeitig oder nacheinander im Geschlecht, Geschlechtsidentität und Begehren offenbaren soll, wird hier nach den Worten Irigarays der “alte Traum von Symmetrie“ vorausgesetzt, verdinglicht und rational gerechtfertigt.“25

Damit gelangt Butler zur Definition der Geschlechtsidentität:

“Hinter den Äußerungen der Geschlechtsidentität (gender) liegt keine geschlechtlich bestimmte Identität (gender identity). Vielmehr wird diese Identität gerade performativ durch diese “Äußerungen“ konstituiert, die angeblich ihr Resultat sind.“ 26

Die Geschlechtsidentität konstituiert sich selbst als Identität, die substantivischen Zuschreibungen des Geschlechts Mann/ Frau werden folglich durch Attribute produziert, wobei diese Attribute gleichzeitig den Status der »Äußerung« der Geschlechtsidentität wie auch den des Resultats haben:

“Innerhalb des überlieferten Diskurses der Metaphysik der Substanz erweist sich also die Geschlechtsidentität als performativ, d.h., sie selbst konstituiert die Identität, die sie angeblich ist.“27

Wenn aber die Geschlechtsidentität durch den Schein der Substanz erzeugt wird, so geht es darum, diesen Schein zu zerstören:

“Vielmehr ist die Geschlechtsidentität die wiederholte Stilisierung des Körpers, ein Ensemble von Akten, die innerhalb eines äußert rigiden regulierenden Rahmens wiederholt werden, dann mit der Zeit erstarren und so den Schein der Substanz bzw. eines natürlichen Schicksals des Seienden hervorbringen. Eine politische Genealogie der Geschlechter-Ontologie wird also - wenn sie erfolgreich ist - den substantivischen Schein der [Seite 15↓]Geschlechtsidentität in die konstitutiven Akte dekonstruieren, diese Akte innerhalb des Zwangsrahmens verorten und durch die verschiedenen Kräfte erklären, die das gesellschaftliche Erscheinungsbild der Geschlechtsidentität kontrollieren. Die Aufgabe der kontingenten Akte, die den Schein einer natürlichen Notwendigkeit hervorbringen, zu enthüllen - ein Schritt, der mindestens seit Marx zur Kulturkritik gehört - nimmt nun allerdings eine zusätzliche Bürde auf sich. Denn es geht auch darum zu zeigen, wie gerade der Begriff des Subjekts, das nur durch seine Erscheinung als geschlechtlich bestimmtes intelligibel ist, jene Möglichkeiten zuläßt, die durch die verschiedenen Verdinglichungen der Geschlechtsidentität, die die kontingenten Geschlechter-Ontologien begründet haben, gewaltsam verhindert worden sind.“ 28

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen sind wesentlich weniger theoretisch orientierte Arbeiten gelangt. So ließen sich diese philosophischen Überlegungen, die davon ausgehen, die Geschlechter seien kulturell hervorgebracht, mit den Ergebnissen der historischen Forschung der letzten Jahre rechtfertigen: Diese Forschungen haben gezeigt, daß die Konstruktion der Geschlechter historisch eine so starke Varianz aufweist, daß es funktional erscheint, von der kulturellen Produziertheit der Vorstel­lungen von Geschlechtsidentität auszugehen. So hat Laqueur ausführlich gezeigt, daß im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit ein Verständnis von nur einem, Männern und Frauen gemeinsamen Geschlecht dominierte.29 Duden hat deutlich gemacht, daß eine Reihe nach unserem Verständnis höchst beunruhigender Körpersekretionen in der Frühen Neuzeit als Ausdruck funktionierender Körperflüsse und damit als Zeichen der lebendigen Bewegung des Körpers verstanden worden sind.30 Walker-Bynum interpretiert mittelalterliche Christusdarstellungen als unseren Vorstellungen von Geschlechtsidentität zuwiderlaufend und weist einen außergewöhnlichen Zusammenhang von religiöser Praxis und weiblichen Körper im Spätmittelalter nach.31

Dennoch soll nicht unterschlagen werden, daß um die Thesen Butlers eine heftige, kontroverse Auseinandersetzung geführt wird, die wesentlich um zwei miteinander in Beziehung stehende Argumente kreist: Einerseits ist die Annahme der kulturellen Produziertheit der Geschlechter selbst und damit die Leugnung einer fundierenden biologischen Gegebenheit bestritten oder problematisiert worden.

Dudens Kritik richtet sich dabei gegen den bloßen Versuch, so sichere Konstrukte wie »Leibhaftigkeit«, »Individuum« und »ich« zu diskutieren.32


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Landweer sieht die Grenzen der kulturellen Produziertheit der Geschlechtsidentität durch die allen Kulturen gemeinsame Kategorisierung von Geschlecht im Moment der Generativität gegeben 33 und Maihofer sieht Butlers Theorie als ein Problem für den Umgang mit Selbst-Wahrnehmungen historischer Subjekte an.34 Von anderer Seite ist die Dekonstruktion des Subjektes in Butlers Theorie immer im Zusammenhang mit dem damit einhergehenden Verlust der Handlungsfähigkeit und Möglichkeit des Subjektes kritisiert worden.35

1.2.2 Gewinn für die historische Literaturwissenschaft

Jenseits der verschiedenen Begründungen für Butlers These, die Geschlechtsidentität sei vollständig kulturell hervorgebracht, kann diese Argumentation Butlers für eine historische Literaturwissenschaft in verschiedener Hinsicht sehr nützlich sein. So öffnet ihre These den Blick, indem sie nicht mehr die Identität der pro­duzierten Zuschreibungen von Geschlechtsidentität in der Zeit nahelegt, sondern statt dessen auf ein Zusammenspiel von Konstanz und Variation, [Seite 17↓]Wiederholung und Stabilisierung, aber auch Wandel der Konzeptionen als Zielpunkt analytischer Fragen verweist.36

Ein weiterer nützlicher Aspekt dieser Argumentation ist der ermittelte Ort der Hervorbringung von Identität: Was als ontologisch erscheint, ist statt dessen in der Sprache37 produziert, so muß auch die Produktion von Geschlechtsidentität in der Sprache und durch die Sprache erfolgt sein. Dann aber existieren Geschlechtsidentitäten nur in der Sprache, Ort ihrer Produktion, Reproduktion und Veränderung ist der Diskurs.38 Literarische Entwürfe, Geschlechterbilder und in Literatur auffindbare Stereotype sind dann Teil eben dieser Herstellung von Geschlechtsidentität und ihrer Verfahren.

Auf der Grundlage einer solchen Definition von Geschlecht in der Literaturwissenschaft Geschlechterforschung zu betreiben, heißt ganz allgemein danach zu fragen, in welcher Form, mittels welcher diskursiver Strategien, mit welchen Interessen und in was für Konstellationen von Macht, die geschlechtsspezifische Identität von Individuen historisch erzeugt wird.

Wenn die Geschlechtsidentität kulturell hervorgebracht wird, d.h. zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlicher Weise produziert worden ist, bzw. sich ausdifferenziert hat, dann wird die Beschreibung dieser Prozesse zur Herausforderung einer historisch-orientierten Literaturwissenschaft. Sie ist gehalten nach Geschlechterkonstruktionen, die in bewußten und nicht bewußten, politischen und individuellen Reflexionsbewegungen, der Herstellung von Wirklichkeit dienen.39 Dabei ist das Verhältnis zwischen normativem Diskurs und literarischer Reflexion nicht wesentlich anders vorzustellen, als für andere Bereiche gesellschaftlicher Wahrheitsproduktion auch: Literatur reflektiert, affirmiert, unterläuft oder literarisiert Diskurselemente und diskursive Formationen. Sie ist dadurch in besonderer Weise in der Lage, Diskurse und Diskurselemente aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen in sich aufzunehmen.40 Diese „Tätigkeit“ der Transformation vorhandener Diskurse ist der spezifische Beitrag von Literatur zu Formierung und Entwicklung der Diskurse.

Aufgrund der theoretischen Annahme einer vollständig kulturell produzierten Geschlechteridentität ergibt sich eine Veränderung im Verlauf der Grenze zwischen fiktionalem Text und historischer Wirklichkeit. Jeder Text wird unter dieser theoretischen Prämisse als an der Produktion von Wirklichkeit beteiligt verstanden, fiktionale wie nichtfiktionale Texte sind Orte, an denen unter anderem Geschlechteridentitäten produziert und stabilisiert werden. Damit entfällt die Nachzeitigkeit von Literatur, die allen Modellen zugrunde lag, die Literatur als Reflexion erfahrener Wirklichkeit zu fassen versuchten.

Die Grenze zwischen Fiktion und historischer Wirklichkeit soll dadurch keineswegs eingeebnet oder geleugnet werden. Doch weder unterliegt das Verhältnis einer so strikten Trennung, wie oft angenommen, noch geht es dabei um eine Unterscheidung zwischen dem Leben eines historischen Individuums und einer literarischen Figur, sondern um unterschiedliche Redeweisen und Diskurse, die ein Subjekt „Frau“ konstitutieren. Dies ist eine Bewegung, die sowohl innerhalb [Seite 18↓]wie außerhalb von Literatur stattfindet, bei der jedoch Literatur eine bestimmte, oben bereits angedeutete Funktion zukommt, die darin besteht, ganz unterschiedliche gesellschaftliche Diskurse und Redeweisen in sich aufzunehmen. Werden die theoretischen Implikationen ernst genommen, so läßt sich auf der Ebene des Diskurses nicht mehr generell zwischen einem diskursiven Subjekt, das als literarischer Figurenentwurf „Frau“ hergestellt wird, und außerliterarischen Diskursen unterscheiden.

Die theoretischen Implikationen so verstanden, leistet diese Arbeit einen Beitrag zu einer notwendigen umfassenderen archäologischen Arbeit an literarischen und nichtliterarischen Texten, mit dem Ziel, die diskursiven Strategien der Weiblichkeitskonstruktion zu erforschen. Diese Forschung kann dazu beitragen, die Zwänge der Geschlechterkonstruktion für Frauen in der Gegenwart wie in der Geschichte als diskursiv produzierte sichtbar zu machen. Über eine Aufarbeitung der Geschichte der Geschlechterkonstruktion könnte die Kategorie Geschlecht nämlich in keinem Sinne mehr als irgendwie wahre, überhistorische, natürliche oder sonst in irgendeiner Weise transzendentale behauptet werden. Statt dessen könnte sie als kulturell und sozial produzierte verstehbar werden und damit möglicherweise neu und veränderbar hergestellt werden.

Das Erzählmodell der unschuldig verfolgten und später rehabilitierten Ehefrau ist für eine solche Arbeit geeignet, weil es in unterschiedlichen Genres, in ganz unterschiedliche textliche Zusammenhänge integriert worden ist und auf diese Weise immer wieder an der Produktion der Konstruktion Frau beteiligt worden ist. Die spezifischen Fragestellungen, die den Blick auf diesen Gegenstand leiten sollen im Folgenden dargestellt werden.


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1.3  Fragestellung

Neben den theoretischen Überlegungen haben auch einige Spezifika der Textgruppe die Entwicklung der Fragestellung beeinflußt.

Eine Gruppe unterschiedlicher Erzähltexte, denen gemeinsam ist, daß sie alle dem Strukturschema der zu Unrecht verfolgten und später rehabilitierten Ehefrau angehören, bilden den Gegenstand dieser Arbeit. Die Texte zeichnen sich dadurch aus, daß sie ins Zentrum der Handlung eine weibliche Figur stellen. Sie sind daher besonders geeignet, um an ihnen die Konstruktion „Frau“ zu untersuchen, da sie zu differenzierten Entwürfen weiblicher Figuren gezwungen sind. Für alle Texte dieses Forschungsvorhabens gilt, daß sie bisher nicht unter der Forschungsperspektive ihres Beitrags zur Entwicklung der Kategorie „Frau“ untersucht worden sind, weil Untersuchungen mit einer solchen Fragestellung an fiktionalen Texten dieses Zeitraums, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bisher überhaupt nicht vorgenommen wurden.41 Zu den meisten Einzeltexten des Vorhabens liegen nicht einmal Interpretationen vor. Im folgenden werden die Fragestellungen erläutert, die sich für die Untersuchung dieser mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texte anbieten.

1. Welche Zuschreibungen bestimmen die diskursive Kategorie „Frau“?

Dabei soll untersucht werden, welche Tugenden oder Wesenszüge den literarischen Entwürfen zugeschrieben werden. Diese Frage ist nicht rein induktiv gewonnen, denn es liegt ihr bereits die Erkenntnis zugrunde, daß an Entwürfen von Weiblichkeit immer reglementierende Systeme wie Tugendkonzeptionen etc. beteiligt sind.42 Obwohl weibliche Identität in unterschiedlichen historischen Zusammenhängen je verschieden hergestellt wurde und dabei zum Teil ganz disparate Annahmen zu mehr oder weniger geschlossenen Systemen aus Wesenszügen und Eigenarten zusammengefaßt werden, existiert fast durchgängig ein Set aus Zuschreibungen, das als basal gedacht wird. In historischer Perspektive kann dabei fälschlicherweise der Eindruck entstehen, als würde damit die Inferiorität der Frau in einem überhistorischen Sinne nahezu biologisch begründet.43 Deshalb soll das Augenmerk gerade auch auf solche Zuschreibungen scheinbar wesenhafter Veranlagungen der Frau mit dem Ziel gerichtet werden, die unterschiedlichen Kontexte in denen die Texte stehen und die verschiedenen Argumentationen, Begründungen und Akzentuierungen, die in ihnen hergestellt und variiert werden, sichtbar zu machen.

2. Welche Formen von Begehren und Sexualität produzieren die Texte und in wel­cher Weise sind diese mit Geschlechtsidentität verbunden?

Obwohl der Frau häufig eine sündiger Charakter zugeschrieben wurde, sind gegenläufig dazu Entwürfe von Frauenfiguren stets auch im Hinblick auf eine enge Bindung an männliches Begehren produziert. Die Existenz dieses Begehrens wird dadurch legitimiert, daß die Frau als verantwortende Instanz dieses Begehrens hergestellt wird. Die Frage nach dem Begehren zielt daher auf die Begründungen für dieses Begehren, die Bedeutung der Realisationsformen und -versuche sowie eine mögliche geschlechtspezifische Zuschreibung von Begehren an Frauen oder [Seite 20↓]Männer.

3. Welche Imaginationen und Entwürfe weiblicher Körper werden in den Texten hergestellt?

Eine weitere Perspektive der Arbeit wird aus der Frage nach möglichen Zuschreibungen und Konstruktionen weiblicher Körper gewonnen. Beispielsweise hat die scholastisch misogyne Tradition den weiblichen Körper als Ort der Produktion von Lust, Verführung und Verderben hergestellt.44 Aber innerhalb des höfischen Diskurses lassen sich gleichermaßen meist auch ideale Entwürfe weiblicher Schönheit finden. Gefragt wird nach den Einflüssen unterschiedlicher Traditionen in den Texten sowie den Bedeutungen und Funktionen, die weibliche Körperbilder in den Texten gewinnen.

Weiblicher Sexualität kam im Zusammenhang mit der starken genealogischen Bedeutung in der feudalen Gesellschaft eine zentrale Stellung zu. Dennoch wurde ihr oftmals ein sündiger Charakter zugeschrieben, christlicher Lebenswandel daher häufig als Aufforderung zum Zölibat gefaßt, eheliche Sexualität nur bedingt und reglementiert zugestanden.45

Es wird davon ausgegangen, daß diese Traditionen in den Texten reflektiert und bearbeitet werden. Dabei wird in Rechnung gestellt, daß diese Diskurse möglicherweise innerhalb der hier behandelten weltlichen Erzähltexte nur von geringer Bedeutung sein könnten, wie es auch für die epische Tradition des Hochmittelalters keinen Hinweis auf die Dominanz einer liebes- oder sexualfeindlichen Konzeption gibt.46 Aus dieser Tradition aber stammt ein höchst komplexes Arsenal von Körperentwürfen, die Zeichenarsenalen gleich, bedeutungstragend sind. Es wird deshalb nach den Konstruktionen der weiblichen Körper innerhalb der Konstruktion der Texte gefragt.

4. Welche Zuschreibung des richtigen weiblichen Umgangs mit männlichem Begehren entwerfen die Texte?

Weibliche Figurenentwürfe in literarischen Texten entstehen auch dann als Entwürfe männlichen Begehrens, wenn es die Funktion der weiblichen Figuren ist, dieses abzuwehren und gerade nicht zu seiner Erfüllung beizutragen. Der Entwurf weiblicher Figuren bleibt so auf das männliche Begehren bezogen, seine Zuschreibungen kommunizieren mit diesem Begehren. Dabei lassen sich unterschiedliche Modi gesellschaftlicher Zustimmung und Kritik hinsichtlich der Realisationsformen männlichen Begehrens unterscheiden. Ihr Zielpunkt bleibt jedoch immer die Frau, wobei in der kategorialen Bestimmung der „Frau“ die Kontrolle dieses Begehrens in den Bereich ihrer Verantwortung verschoben werden kann.47 In den untersuchten Texten ist männliches Begehren immer wieder Auslöser der Handlung und bewegt die weibliche Figur in allen Texten dadurch, daß männliches Begehren die Grundlage der Verleumdung und Verbannung bildet. In der Analyse wird unter männlichem Begehren der in unterschiedlichen Formen geäußerte Wunsch nach sowie der versuchte oder durchgesetzte Vollzug des Geschlechtsaktes mit der weiblichen Protagonistin verstanden. Die Präsenz dieses Begehrens macht den Umgang mit ihm unausweichlich und erzwingt Reaktionen der Protagonistin. Es wird deshalb nach den unterschiedlichen Formen dieses Umganges und der Bewertung weiblichen Umganges mit männlichem Begehren gefragt.

5. Welche Handlungsspielräume eröffnen sich den literarischen Frauenfiguren innerhalb der je spezifischen Entwürfe? Wie verhalten sich diese Handlungsspielräume im Rahmen des [Seite 21↓]literarischen Feldes der zu vergleichenden Texte?

Zur spezifischen Funktion von Literatur zählt die Möglichkeit der Kombination unterschiedlicher Diskurse, ihre Erprobung in einer entworfenen Welt sowie die Möglichkeit, sich innerhalb dieser Entwürfe von herkömmlichen Mustern zu lösen. In diesem Kontext stellt sich die Frage, inwiefern dem in Auseinandersetzung mit den diskursiven Mustern hervorgebrachten literarischen Subjekt eine Handlungsfähigkeit zugesprochen werden kann. Dabei wird unter Handlungsspielraum zunächst nur die Möglichkeit verstanden, am Geschehen aktiv zu partizipieren, zur Entscheidungsfindung beizutragen und Möglichkeiten zur Realisierung eigener Interessen zu erhalten. Innerhalb des Horizontes der Texte werden die Frauen aus ihren sozialen Beziehungen und vertrauten Kontexten gelöst und in Isolation, Fremde und Krise entworfen. An diesem Bruch mit dem entworfenen sozialen Bezugsrahmen wird eine Bewältigungskompetenz notwendig, eigenes Handeln für die Figuren möglicherweise existentiell.


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1.4  Textgrundlage

Unter dem Eintrag „Die verleumdete Gattin“ sind in Frenzels „Motive der Weltliteratur“ Ausführungen zu einem Motiv verzeichnet, auf dessen „außerordentliche Verbreitung“48 hingewiesen wird. Die Texte, die im folgenden unter der Bezeichnung „Die zu Unrecht vertriebene und später rehabilitierte Ehefrau“ analysiert werden, gehören der Motivgruppe der „verleumdete Gattin“ an, sind aber in ihren Motivübereinstimmungen enger. So gehört zu allen Erzählungen immer auch eine Phase, in der sich die Frau in Exil, Fremde und Verbannung befindet. Dadurch werden beispielsweise alle Erzählungen ausgeschlossen, in denen sich die Unschuld der Gattin direkt nach dem Ehebruch durch ein Gottesurteil erweist. Innerhalb der beiden unter­suchten Gruppen von Texten gibt es einen Strukturunterschied, der darin besteht, daß in der Crescentia-Textgruppe der erste Verleumder der Frau immer ihr Schwager ist. Motivisch bildet diese Gruppe daher die Untergruppe der „durch ihren Schwager verleumdeten Gattin“.

Bei der Auswahl der Texte wurde auf die Arbeit von Wallensköld zurückgegriffen, der die Texte unter dem Gesichtspunkt motivischer Übereinstimmungen und der historischen Entwicklung des Motivs zusammengetragen und untersucht hat.49 Die Auswahl innerhalb dieser Gruppe erfolgte neben der Beschränkung auf deutsche Texte einerseits durch die Festlegung auf Erzähltexte, wodurch Fastnachtsspiele ebenso wie Liedbearbeitungen ausgeschlossen wurden, und durch die Beschränkung auf die Entwicklung bis zum Ende des 15. Jahrhunderts andererseits, wodurch alle zur Textgruppe der Hildegarde-Erzählung gehörenden Texte ausgeschlossen wurden.50

Die so konstituierte Textgruppe der Crescentia-Texte umfaßt neun Bearbeitungen: Die Bearbeitung in der Kaiserchronik (Kchr)51 von 1150, die nicht die älteste Entwicklung des Stoffes, aber die älteste Bearbeitung in deutscher Sprache ist. Der Name der weiblichen Protagonistin der Erzählung, ist in Anlehnung an Baasch52 für alle Erzählungen dieser Gruppe verwendet worden. Der zweite Text ist eine Märenbearbeitung des 13. Jahrhunderts (Cr). Der dritte zugrunde gelegte Text ist die Crescentia-Erzählung, die mit Heinrich dem Teichner verbunden wird (T). Der vierte Text ist die Fassung der Crescentia-Erzählung in der Redaktion C der Sächsischen Weltchronik (Swchr). Der fünfte Text ist die Prosafassung der Erzählung, die in der Leipziger Handschrift 1279 (C. L. Hs.) enthalten ist. Der sechste Text ist die Bearbeitung der Erzählung in der erweiterten Redaktion von Der Heiligen Leben (C.HLR). Der siebente ist die Crescentia Erzählung der deutschen Gesta Romanorum (C. GR) aus dem 15. Jahrhundert. Der achte Text ist die Erzählung im Großen Seelentrost (C. ST.), einem Erbauungsbuch aus dem 14. Jahrhundert. Der neunte Text ist schließlich die Bearbeitung der Crescentia-Erzählung, die Rosenplüt zugeschrieben wird, ebenfalls aus dem 15. Jahrhundert (KvR).

Die zweite Textreihe wird durch die drei Erzählungen gebildet, welche zur Gruppe der Sibillen-Erzählungen gehören. Auswahlkriterium ist, wie bei der ersten Textreihe, neben der deutsch Sprachigkeit, die Zugehörigkeit zur narrativen Gattung, wodurch auch hier Fastnachtsspiele und Lieder ausgegrenzt wurden. Alle Texte stammen aus dem 15. Jahrhundert. Der erste Text ist das im Spätmittelalter außerordentlich verbreitete Märe Königin von Frankreich (KvF), das einem Autor namens Schondoch zugeschrieben wird und wahrscheinlich vom Beginn des 15. Jahrhunderts [Seite 23↓]stammt. Der zweite Text ist die anonym überlieferte Prosafassung, die den Titel trägt:Das ist eyne cronica von eynem herczogin von osterreych und von seynir swester und von eyme konige von franckreich wy is den irging. (P), die aus den ersten Jahrzehnten der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammt. Der dritte Text ist der durch Elisabeth von Nassau-Saarbrücken übersetzte Roman Königin Sibille (Sib) von 1430 - 1437.

Allen diesen Texten ist gemeinsam, daß sie nicht nur Motivübereinstimmungen zeigen, sondern sich in ihnen ein Erzählmodell erkennen läßt, das durch Übereinstimmungen im Aufbau gekennzeichnet ist. Konstitutiv für das Erzählmodell in beiden Textreihen ist eine Unterteilung der Handlung in drei Abschnitte, die sich hinsichtlich ihrer Funktion für die Handlung bestimmen lassen. Im folgenden wird eine solche Bestimmung hinsichtlich des Erkenntnisinteresses der Arbeit versucht:

1. Gegenstand des ersten Abschnittes ist die Einführung der Figuren sowie alle Handlungen, einschließlich der Verleumdung und Bestrafung der Figur. Erzählt wird, wie es dazu kommt, daß eine Ehefrau fälschlich beim Ehebruch überrascht oder eines Ehebruchs bezichtigt und dieses Vergehens für schuldig befunden wird. Grundlage des vorgeblichen Ehebruchs ist immer eine Verleumdung.

2. Gegenstand des zweiten Abschnittes ist die Verbannung. Ohne eigenes Verschulden ist die Protagonistin in allen Texten gezwungen, ihren angestammten Lebensraum zu verlassen und sich zunächst allein ein Überleben in der Fremde zu sichern.

3. Gegenstand des dritten Abschnittes ist die Rehabilitierung oder Rücknahme der weiblichen Figur. Bereits in dieser Doppelbezeichnung des Endes der Erzählung wird die große Disparatheit unterschiedlicher Entwürfe deutlich.


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1.5  Methode und Aufbau der Arbeit

Die oben ausgeführten Fragen markieren das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit, das an den Texten systematisch realisiert werden soll. Dennoch hat sich bei der Untersuchung gezeigt, daß es sinnvoll ist, das Erzählganze als geschlossenen Entwurf zu analysieren. Dann erst kann die Analyse zeigen, wie einzelne Strukturierungen und Konzeptionen innerhalb der ästhetischen Konzeption miteinander in Verbindung stehen und zusammenwirken. Deshalb ist auf eine Einzelinterpretation zu Gunsten der Fragestellungen nicht verzichtet worden, dem Aufbau der Arbeit liegt so eine Doppelstruktur zugrunde: Die Einzelanalysen werden anhand der innerhalb der drei Abschnitte umrissenen möglichen Aspekte als geschlossene Untersuchung der Einzeltexte konzipiert. Der Vergleich der einzelnen Bearbeitungen ist hingegen ausschließlich an den systematischen Fragestellungen ausgerichtet.

Daraus ergibt sich folgender Aufbau der Arbeit: Neben der Einleitung enthält die Arbeit drei Kapitel. Zur Crescentia-Textreihe das erste und zur Sibillen-Textreihe das zweite. In diesen Kapiteln werden die einzelnen Texte mit der hier relevanten Forschung, den Entstehungsdaten und dem Überlieferungszusammenhang eingeführt und anschließend analysiert. In einem zweiten Schritt werden im jeweils letzten Abschnitt beider Kapitel die Ergebnisse des Textvergleichs in ihrer Bedeutung für die systematischen Fragestellungen mit Bezug auf die untersuchte Textreihe herausgearbeitet. Im letzten Kapitel werden die Ergebnisse der Analyse beider Textreihen zusammengefaßt. Abschließend werden Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion des diskursiven Feldes des Redens über Geschlechter im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit reflektiert, die Entwicklungen innerhalb der untersuchten Textreihen mit anderen Veränderungen in diesem Feld historisiert sowie die Arbeit resümiert.


Fußnoten und Endnoten

1 Es existieren verschiedene neue Überblicksdarstellungen, welche die Geschichte feministischer Literaturwissenschaft differenziert beschreiben. Besonders interessant erscheint die Darstellung der Geschichte feministischer Forschung bei Hof,1995, da dort einzelne Problembereiche unterschieden werden und zwischen einer Ebene politisch-feministischer Entwicklung und der damit in Beziehung stehenden literaturwissenschaftlichen Theorieprodukttion und Entwicklung differenziert wird. Siehe auch die knappe jedoch teilweise sehr polemische Einführung von Osinski, die sich leider nicht ausführlich mit den theoretischen Implikationen einzelner literaturwissenschaftlicher Theorieansätze befassen mag, Osinski, 1998.

2 Zur Geschichte der Frauenforschung in der Altgermanistik siehe Bennewitz, 1989, 1991, 1992 und 1993.

3 So auch Bennewitz, 1989, S. I.

4 Vgl. dazu Stephan, 1983, S. 15.

5 Vgl. die Kritik von Stephan, 1983, die von Bennewitz, 1992, explizit auf altgermanistische Fragestellungen bezogen wird.

6 Für viele auch relativ junge Arbeiten gilt, daß sie ihr Erkenntnisinteresse nicht klar zu formulieren vermögen, die Historizität der Kategorien nicht in den Blick nehmen oder z.T. keinen Erkenntnishorizont für ihre Fragestellung entwerfen. So auch Miklautsch,1991, und Keller, 1992.

7 Dabei wurde dann eine trügerische Kontinuität der Lebensumstände von Frauen hergestellt, statt sie in ihrer historischen Diversität sichtbar zu machen, weil der historisch Bezugsrahmen zu grob war, z.B. Bennewitz 1988 u.1989.

8 Hof,1995, S. 90; Zitat im Zitat mit allen Auslassungen nach Hof: Steinbrügge 1987, S. 121 und 147.

9 Hierher gehört auch die Mehrzahl der Beiträge des von Lundt,1991, herausgegebenen Bandes.

10 Vgl. dazu die unterschiedlichen Auffassungen bei Bennewitz 1992 und 1993, die Frauenmystik als Ausdruck und Umsetzung weiblicher Erfahrung und weiblichen Schreibens versteht. Dagegen Peters 1988, S. 35-51, bes. S. 50, die die These vom Fehlen einer vox feminae in der Frauenmystik vertritt.

11 Daß dieser Mangel das eigentliche Problem gewesen sei, behauptet auch z.B. Bennewitz, 1993.

12 Allen historischen Subjekten und Individuen liegen geschlechtliche Zuschreibungen und Reglementierungen zugrunde, nur werden die Ausschlüsse nicht immer auf die dieselbe Weise und nicht in den denselben diskursiven Mustern produziert.

13 Liebertz-Grün, 1989, S. 33.

14 So z.B. Classen, 1994.

15 Siehe hier Müller,1988, Bachorski, 1991, und besonders Tatlock,1994, zuletzt auch Schnell, 1997 und 1998.

16 Dies problematisiert z.B. Schnell,1994, S. 115-120.

17 Zum Problem des biologistischen Weltbildes in der Geschlechterrollen-Theorie siehe Hof, 1995, und Nicholson, 1994. Durch die Annahme, das Verständnis der biologischen Geschlechtsunterschiede sei historisch und in allen patriarchalen Kulturen weitgehend konstant und produziere unabhängig von der Kultur oder Epoche bestimmte psychologische Effekte, erscheint der Anteil der Kultur sehr klein und der Anteil der Biologie sehr hoch. So die Argumentation bei Nicholson, 1994, S. 203-208.

18 In ihrem 1990 erschienenen Buch “Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity“ (Der Titel der deutschen Ausgabe lautet: Das Unbehagen der Geschlechter,1991. Ich zitiere im folgenden nach der deutschen Ausgabe.) stellt Butler sich die Aufgabe, in einer “genealogischen Kritik [...] die grundlegenden Kategorien des Geschlechts, der Geschlechtsidentität und des Begehrens als Effekte einer spezifischen Machtformation zu enthüllen“ (Butler, 1991, S.9.) Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht eine Neuformulierung der feministischen Theorie und ihrer analytischen Aufgaben. Die gegenwärtigen Prämissen feministischer Politik und Theorie werden einer Kritik unterzogen und Butler versucht, neue Wege einer feministischen Politik aufzuzeigen. Ihr Interesse richtet sich also nicht in erster Linie auf eine historische feministische Arbeit oder die historisch-genealogische Arbeit selbst: „Die politischen Verfahrensweisen nachzuzeichnen, die das produzieren und verschleiern, was als Rechtssubjekt des Feminismus bezeichnet werden kann, ist genau die Aufgabe einer feministischen Genealogie der Ka­tegorie ‘Frau(en)’.“(Butler, 1991, S. 21).

19 Butler, 1991, S. 23-24.

20 Butler, 1991, S. 24.

21 Dieser Begriff repräsentiert die Vorstellung von einer Basis biologischer Art und einer Rolle, die sich sozial bestimmen läßt, besonders deutlich und ist deshalb in den letzten Jahren aus dem Sprachgebrauch fast gänzlich verschwunden. Zur differenzierten Kritik vgl. Hof, S. 100-101. Osinski,1998, S. 105, verwischt jedoch diese wichtige methodische Unterscheidung und bestimmt nicht ganz zu­treffend Gender als „bestimmtes soziales Rollenmuster“.

22 Diese Definition wird von Rubin, 1975, S. 159, vorgenommen, zitiert nach Nicholson, 1994, S. 200.

23 Oakeley, 1972, S. 16.

24 Hof, 1995, S. 120.

25 Butler, 1991, S. 46.

26 Butler, 1991, S. 49.

27 Butler, 1991, S. 49.

28 Butler, 1991, S. 60-61.

29 Laqueur, 1996.

30 Duden, 1987.

31 Walker-Bynum,1996, besonders S. 61-108, sowie S. 148-225.

32 Duden, 1993, erscheint bereits der Begriff des Diskurses selbst problematisch, zu dessen grauen­haftem Merkmal sie die empfundene »Stimmlosigkeit« des historischen Subjektes (Duden, 1993, S. 27.) erklärt. Nun geht es Butler überhaupt nicht darum, die Konstrukte als sozial erfahrbare und verbindliche zu leugnen oder zu behaupten Frauen seien historisch nicht mit diesen Kategorien konfrontiert gewesen. Ganz im Gegenteil, macht sie, indem sie sich an der Metaphysik der Natürlichen als einem Konstrukt abarbeitet, dieses gerade einer historischen Forschung als „etwas Gewordenes“, das in seiner Entstehung und seiner Wirkung beschrieben werden kann, zugänglich. Letztendlich scheint Dudens größtes Problem mit Butlers Argumentation zu sein, daß tatsächlich keine Welt hinter der Sprache existiert und der Diskurs auch die scheinbar nichtsprachlichen Wahrnehmungen konstruiert. Wenn man dies jedoch akzeptiert, dann verweist Butler ihre Leserinnen keineswegs dahin, “daß die Welt der Show die einzige Wirklichkeit ist, in der sie Frauen sein dürfen.“(Duden, 1993, S. 26.) Noch weniger versucht sie jemandem, “meine Leibhaftigkeit aus[zu]reden“ (Duden, 1993, S. 28.). Ganz im Gegenteil scheint Butlers Konzeption eher eine Möglichkeit für die historische Arbeit zu liegen: Indem die Kategorie des Geschlechts von den Legitimationen als Natur, Ontologie oder Materialität beraubt, als etwas diskursiv produziertes und damit als grundsätzlich anders diskursiv produzierbare Zuschreibung vorgeführt wird, eröffnet sich eine Distanz zu der oft als drückend und jedenfalls unterdrückend wahrgenommenen kategorialen Zuschreibung, die diese reflektierbar, analytisch beschreibbar und historisch erforschbar macht.

33 Landweer, 1993, setzt sich mit Butlers Thesen im Rahmen in einer Diskussion von feministischen Theorieansätzen auseinander, denen gemeinsam sei, daß sie an die prinzipielle Konsturierbarkeit aller sozialen Kategorien glauben (S.35). Landweer dagegen geht davon aus, daß die “Generativität in jeder Kultur zu Kategorisierungen von »Geschlecht« führt“. „Die Verfassung dieser Kategorien ist im Prinzip offen, nicht aber, das es zwei Kernkategorien gibt, die sich auf die Individuen beziehen, die an dem Vorgang des Geborenwerdens in der charakteristischen Weise beteiligt sind.“ (Landweer, 1993, S. 36). Sie begreift als wesentlich für die menschliche Symboltätigkeit, daß zwischen Symbol und Objekt Vorstellungen bzw. zunächst die Vorstellungsbilder geschaltet sind und behauptet, daß in diesen Vorstellungsbildern, die angeblich vorsprachlich sind, die Anzeichen für etwas nicht vollständig beliebig arrangiert und kombiniert werden können, in dem Sinne daß bestimmte Zeichen für den männlichen (Penis, Erektion) und weiblichen (Brüste, Menstruation) Körper zwar in verschiedenen Kontexten neutralisiert, aber niemals als Zeichen für das jeweils andere Geschlecht gelesen werden könnten. Eben diese Formen seien einerseits nicht beliebig und andererseits nicht diskursiv erzeugt. “Alltägliche Interaktionen der Geschlechtswahrnehmung“ sieht Landweer als “Mischtypus aus leiblich-affektiver Betroffenheit und Gestaltwahrehmungen, die mehr oder weniger interpretiert sind, in prä­sentativen symbolischen Formen“ (Landweer, 1993, S. 40). Jedoch steuert Sprache auch diese Formen und indem diese Formen Teil einer Beschreibung werden, in denen eine Geschlechtsidentität durch die Zuordnung von Attributen in kohärenten Reihen erzeugt wird, so ist diese als diskursiv hervorgebracht zu betrachten. Selbst wenn es möglich sein sollte zu behaupten, es gebe eine Wahrnehmung vor der Sprache und nicht alle Wahrnehmung existiere nur durch die Sprache und in der Sprache, so läßt die Sprache von dieser Ebene der Wahrnehmung doch nichts übrig, weil sie nur noch in ihrer Formulierung in der Sprache thematisierbar ist.

34 Maihofer, 1994, S. 168-188, sieht für Butlers Verständnis die Gefahr, daß damit lediglich das Imaginäre als real erklärt würde, der geschlechtliche Körper bzw. Geschlecht gilt überhaupt in Wirklichkeit nur als eine Fiktion oder Illusion. Von einem solchen Vorgehen setzt Maihofer sich durch eigene Vorschläge ab, die versuchen zwischen den Oppositionen (Natur/ Körper/ Materie) einereits und (Kultur/Geist/ Bewußtsein) zu vermitteln. Sie versteht “»Geschlecht« als eine historisch bestimmte gesellschaftlich-kulturelle Existenzweise “ (Maihofer, 1994, S. 180). Dabei ist von Bedeutung, daß »Geschlecht« zwar eine historische Erfindung sei und keine natürliche Gegebenheit, zugleich aber sei es die Art und Weise wie heute Individuen existieren bzw. wie sie zu solchen werden. “Ich denke, wir begreifen »Geschlecht«, »Frau« oder »Mann« sein nur, wenn wir einen Begriff entwickeln, der sowohl das Imaginäre dieser Existenzweise, also Geschlechtlichkeit, Subjektivität, Identität und Körperlichkeit als gesellschaftlich-kulturell produzierte historisch bestimmte Selbstverhältnisse reflektiert, als auch die Realität der Existenzweise als gelebte Denk-, Gefühls- und Körperpraxen.“ (Maihofer, 1994, S. 185, Hervorhebungen im Original). Ich finde diese Vorschläge richtig und für eine historische Be­trachtung der Kategorie Geschlecht unerläßlich. Dennoch sehe ich nicht, warum sie nicht eine andere Seite der theoretischen Überlegungen Butlers darstellen.

35 Zum Problem der Handlungsfähigkeit des Subjekts siehe Benhabib, 1993, S. 9-30.

36 Dabei ist der wichtigste Unterschied, zu traditioneller Frauenforschung die Einschließung der ge­samten Geschlechtsidentität in den Prozeß historischer Hervorbringung, die eine Annahme substantiellen Restes verunmöglicht. Damit wird die Idee biologistischer Konstanten, die in soziale Geschlechterrollen hineinwirken, aufgelöst. Deren Verhältnis, um ein schräges Bild zu wählen, verhielt sich nämlich wie das Spielbein zum biologischen Rest Standbein, was implizit einerseits die Annahme von etwas unverbindlichem voraussetzte und sich andererseits einem möglichen argumentativen Rückzug auf die biologische Basis jederzeit öffnete, vgl. Hof, 1995, S. 100-101.

37 Damit ist nicht Sprache im engeren Sinne gemeint, sondern in der weiten, dem Diskursbegriff Foucaults nahestehenden Definition von kulturell hervorgebrachten, bedeutungstragenden Zeichensystemen. Gesten, Körperpraxen und andere nichtsprachliche Codes sind eingeschlossen.

38 Hier wird an Foucaults Diskursbegriff angschlossen, der auch Körperpraxen und nichtsprachliche Codes beeinhaltet.

39 Innerhalb der Mentalitätsgeschichtsforschung ist für die Form, in der handlungsleitendes Wissen tradiert und weitergegeben wurde, der Begriff des Deutungsmusters entwickelt worden. Zur Mentalitätsgeschichtsforschung und ihrem Frageinteresse vgl. Jöckel, 1987.

40 Zu dieser spezifischen Möglichkeit von Literatur vgl. Röcke, 1992, hier S. 640.

41 Vergleichsweise ausführlich wurde hingegen zu den nichtfiktionalen Texten gearbeitet, so zu ehedidaktischen Texten Müller, 1988, Bachorski, 1991, Kartschoke,1996, Schnell, 1997.

42 Diese Schwerpunktsetzung kann durchaus durch die Konzentration der Forschung auf bisher vor allem die reglementierenden Erziehungssysteme verschuldet sein. Wegen der aus der feministischen Bewegung hervorgegangenen Kritik an Verhaltenskonzeptionen für Mädchen und Frauen war das Interesse häufig auf die Analyse solcher Verhaltensregeln konzentriert, zumal diese Konzepte in didaktischer Literatur auch leicht zugänglich schienen. Eventuell ist ihre Gültigkeit dabei gelegentlich überinterpretiert worden.

43 Darunter fallen Behauptungen der übermäßigen Triebhaftigkeit aller Frauen wie die Annahme, diese seien besonders geschwätzig genauso, wie wissenschaftliche Ergebnisse zur geringeren Geisteskraft des Weibes. Solche generalisierenden Annahmen existieren in unterschiedlichen Epochen in allen möglichen Diskursen (z.B. theologisch, juristisch, medizinisch).

44 Vgl. Brietzmann 1912, vor allem aber Bloch 1987,1991 und Fenster 1989.

45 Zur zölibatären und sexualfeindlichen christlichen Tradition vgl. Ranke-Heinemann 1988.

46 Zur Geschlechterkonzeption z.B. der Artusepik vgl. z.B. Wolfzettel, 1995.

47 Dabei läßt sich eine große Bandbreite des sich am weiblichen Körper realisierenden Begehrens aufzeigen. Wie Kosofsky-Sedgwick, 1985, gezeigt hat, wird eben auch homosoziales männliches Be­gehren über den weiblichen Körper im Triangel ausagiert.

48 Frenzel, 1980, S.238.

49 Wichtige Forschungsergebnisse liegen jedoch inzwischen zu einzelnen Texten vor, die in den entsprechenden Kapiteln vor der Analyse der Einzeltexte jeweils diskutiert und referiert werden. So handelt es sich z.B. bei der Crescentia-Erzählung, die Wallensköld, 1907, S. 27, im Mißverständnis der in der Ausgabe von Bodmer / Breitinger im 18. Jahrhundert gemachten Angabe als Werk Ulrich Boners (Bonerius) bestimmt, in Wirklichkeit um eine anonyme Erzählung der deutschen Gesta Romanorum Tradition (Vgl. „Überlieferung und Forschung der Crescentia-Erzählung der deutschen Gesta Romanorum“ in dieser Arbeit).

50 Zur Hildegarde-Erzählung siehe Wallensköld, 1917, S. 65-79.

51 In Klammern wird hinter jedem Text das Kürzel genannt, das zum Zitatnachweis in den Fußnoten verwendet wird.

52 Baasch, 1968, verbindet allerdings mit der Verwendung des Namens „Crescentia“ für die gesamte Überlieferung auch eine Zuordnung aller Texte zur Gattung Legende, die hier nicht geteilt wird.



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04.08.2004