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4  Kontextualisierung der Forschungsergebnisse

Das folgende Kapitel gliedert sich in drei Teile. In einem ersten Schritt werden methodische Probleme von Kontextualisierung und Historisierung bezogen auf Geschlechterkonstruktionen reflektiert, mit dem Ziel die besonderen Schwierigkeiten zu verdeutlichen, die dabei auftreten können. In einem zweiten Schritt werden die Ergebnisse der Textarbeit in beiden Textreihen diskutiert und zusammengefaßt. In einem dritten Schritt werden die im zweiten Teil dargestellten Ergebnisse auf der Grundlage der im ersten Teil gewonnenen Erkenntnisse in mögliche historische Diskurskontexte gestellt und so vorsichtig verortet.

4.1 Methodische Probleme der Kontextualisierung und Historisierung

Die Ergebnisse der Textinterpretation bedürfen der Einbettung in den jeweiligen historischen Kontext. Bei einem solchen Versuch stellen sich jedoch aufgrund der Forschungslage zumindest zwei grundlegende Probleme, auf die im folgenden kurz eingegangen wird. Einerseits ist die Untersuchung der Geschlechterverhältnisse – und nicht nur sie – im hier untersuchten Zeitraum von der „Periodengrenze“ zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit geprägt, die häufig eine wertende Trennung hervorruft, in der alles Neue im 16. Jahrhundert verortet wird, alles Überkommene dagegen aus dem diffusen Fundus eines konstanten Mittelalters zu stammen scheint. In einer Gegenbewegung zu dieser Praxis entlang der „Periodengrenze“ zu polarisieren versuchen MediävistInnen häufig, alles Neue als im Mittelalter bereits vorhanden zu deklarieren. Diese Schwierigkeit bezogen auf die Rekonstruktion von Geschlechterverhältnissen wird im folgenden als Problem von „Konstanz und Wandel im Geschlechterverhältnis“ diskutiert.

Andererseits läßt sich durch einen kurzen Blick auf die in den letzten Jahren erschienene Forschungsliteratur feststellen, daß das Verständnis des Gegenstandes der Geschlechterforschung häufig differiert. Dabei läßt sich der Eindruck gewinnen, daß das Geschlechterverhältnis weder in den unterschiedlichen Begründungen für seine Existenz, noch mit den Strategien, die Inferiorität herstellen, ausreichend unter dem Gesichtspunkt historisch spezifischer Formen der Machtausübung berücksichtigt wird. Diese Schwierigkeit wird unter der Überschrift „Historische Geschlechterverhältnisse beurteilen und bewerten“ diskutiert.

4.1.1 Probleme der Historisierung: Konstanz und Wandel im Geschlechterverhältnis

Das die Debatte um Periodisierungen und Epochenschwellen keineswegs überholt ist, zeigt die neue Aufsatzsammlung mit dem Titel „Text und Geschlecht“.1 Dort beginnt ein Aufsatz über die Traktatliteratur der Hexenverfolgung mit der folgenden Aussage:

„Das 16. Jahrhundert war das Jahrhundert der Frau. Nie zuvor und - abgesehen von den letzten Jahrzehnten - nie danach standen weibliche Sexualität (sexuality) und Geschlechtlichkeit (gender) und die Probleme des Zusammenlebens derart im Zentrum wissenschaftlicher, theologischer und politischer Diskussionen, kaum jemals waren die Resultate dieser Diskussionen so zerstörerisch wie in diesem Jahrhundert.“2

Scholz Williams erkennt im 16. Jahrhundert eine besonders intensive Diskussion um die Belange der Frau, eine heftige Auseinandersetzung mit ihrer Geschlechtlichkeit und Sexualität sowie eine ausgiebige Diskussion des Zusammenlebens der Geschlechter, deren verheerende Resultate zur Hexenverfolgung geführt hätten. Es wird also für das 16. Jahrhundert eine außerordentliche Dynamik angenommen, welche die schnelle Veränderung und Entwicklung eines Frauenbildes mit sich gebracht hätte, dessen Entwurf im Malleus maleficarum sich dann zweihundert Jahre lang kaum verändert habe: „Mit diesem Traktat war das Bild der Frau als Hexe in der theologischen und juristischen Literatur der folgenden zwei Jahrhunderte festgeschrieben.“3 Grundsätzlich geht diese These also bereits von der zweifelhaften Vorstellung besonders bewegter und [Seite 172↓]veränderungsintensiver Zeiten und Phasen vorausgehenden und darauffolgenden relativen Stillstandes aus, die sich ja für den historischen Prozeß gar nicht unbedingt feststellen lassen, sondern immer nur Ausdruck davon sind, wie die Geschichtsschreibung historische Prozesse wahrnimmt.4

In demselben Band beschäftigt sich Schnell in einer Fallstudie mit mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ehepredigten.5 Er resümiert dabei „die Position der Frau im 15. und 16. Jahrhundert (in der Renaissance)“6 und benutzt damit nur eine andere Chiffre für denselben Zeitraum.7 Er möchte zeigen, daß sich ein „widerspruchsvolles Bild“ bietet, da unentscheidbar bleibe, ob sich die Position der Frau „zum Guten oder zum Schlechten gewendet“8 habe. Und „ob die reformatorische Diskussion um die Ehe zu einer Aufwertung der Frau geführt“9 hat, bleibe problematisch:

„Wo die einen von Fortschritt sprechen, reden andere von Traditionalität oder gar von Rückschritt. Dies gilt für den anglo-amerikanischen, den romanischen wie für den deutschsprachigen Forschungsstand.“10

Schnell führt diese Unentscheidbarkeit auf eine Reihe methodischer Mängel zurück, deren größte fehlende Kenntnis des mittelalterlichen Ehediskurses und die unzulässige Vermischung unterschiedlicher Textsorten bei der Rekonstruktion des Diskurses seien.11 Schnell versucht diese in seiner eigenen Fallstudie zu vermeiden, indem er sich auf Ehepredigten beschränkt und außerdem den Wechsel des Gebrauchszusammenhanges mitreflektiert. Aufgrund der konstatierten Defizite der Geschlechterforschung formuliert Schnell am Ende seiner Studie dann aber keine These mit diachronem Bezug, sondern will nur noch das Augenmerk darauf lenken, daß man es mit „unterschiedlichen Diskursivierungen der Ehe“12 zu tun habe. Die Positionen Scholz Williams und Schnells, so erklärlich ihr Zustandekommen jeweils ist, lösen jedoch das Dilemma nicht: Weder die große These von der riesigen mehr oder weniger plötzlichen Veränderung im 16. Jahrhundert, noch die Aufarbeitung synchroner Tendenzen kann Vorschläge dafür machen, wie denn die Anteile vorgängiger und sich verändernder Positionen in diskursiven Prozessen historisch zu bestimmen sind.

Selbstverständlich sollen hier vorschnelle Totalisierungen vermieden werden, nicht nur weil sie nicht greifen, sondern weil es sich verbietet, einen einzelnen Ausschnitt aus dem diskursiven Feld der Geschlechterdiskurse zur Bestimmung des Ge­schlechterverhältnisses generell heranzuziehen und zu verallgemeinern. Dennoch sollen die Interpretationsergebnisse auch nicht einfach immanent, nur auf das Erzählmuster der unschuldig verfolgten und später rehabilitierten Ehefrau bezogen, stehen bleiben. Erschwert wird ein Versuch der Historisierung jedoch dadurch, daß die Forschung sich sehr stark auf das direkte Umfeld der Reformation konzentriert hat und alle [Seite 173↓]sichtbaren Veränderungen im 16. Jahrhundert fast immer darauf bezogen wurden. Gerade im Zusammenhang mit einer angeblichen grundsätzlichen Veränderung des Geschlechterverhältnisses durch das protestantische Eheverständnis ist es schwierig geworden, Veränderungen innerhalb des Zeitraums zwischen dem späten 13. und 16. Jahrhundert überhaupt zu kontextualisieren, ohne daß diese sofort vom Bezug zur Reformation „vereinnahmt“ werden.13 In dieser Hinsicht ist Schnell zu zustimmen, wenn er auf die Vielfältigkeit unterschiedlicher Diskurse über Frauen, Männer und Geschlechterverhältnisse verweist. Darüber hinaus wird für die hier anstehende historische Kontextualisierung der Schluß gezogen, daß von diskursiven Prozessen auszugehen ist, die die Geschlechterkonstruktionen und -verhältnisse zwischen dem späten 13. und dem 16. Jahrhundert bestimmen. Obwohl dieses diskursive Feld keineswegs erforscht ist, lassen sich darin diskursive Bewegungen und die Position einzelner Standpunkte über eine pure Gleichzeitigkeit hinaus beschreiben und ins Verhältnis zu anderen Bewegungen setzen. Es wird dabei vorgeschlagen, an das von Butler angedeutete Modell anzuschließen, das solche Prozesse im diskursiven Feld in den Kategorien von Wiederholung beziehungsweise Variation versteht und darin stabilisierende und destabilisierende bzw. verändernde, diskursive Strategien sieht.14 Dieses Modell hat neben der Offenheit des Feldbegriffs die Vorteile, einzelne Positionen innerhalb des Feldes beschreibbar zu machen und neben der Veränderung auch die Akte der Wiederholung als eminent produktiv, weil stabilisierend, kenntlich zu machen.

4.1.2 Probleme der Kontextualisierung: Geschlechterverhältnisse beurteilen und bewerten

Genauso problematisch wie die Bewertung der Periodisierungen, Prozesse und Entwicklungen im Bereich der Geschlechterforschung ist es, Kategorien und Be­wertungsmaßstäbe zu finden, mit denen sich Geschlechterkonstruktionen unter Berücksichtigung ihrer verschiedenen Aspekte beschreiben lassen, und eine Position innerhalb des diskursiven Feldes als wiederholende oder variierende erkannt werden kann. Diese Schwierigkeit kann anhand der Arbeit über didaktische Eheliteratur der Frühen Neuzeit von Schnell15 plausibel gemacht werden. Darin relativiert Schnell den misogynen Charakter des lateinisch-klerikalen Frauendiskurses mit dem Argu­ment, es habe sich hierbei nur um rhetorische Übungen gehandelt:

„Daß die lateinischen misogynen Schriften in einer gesonderten literarischen Welt zuhause waren und oft lediglich die rhetorische Kompetenz eines Gelehrten demonstrieren sollten, läßt sich daran ablesen, daß sich volkssprachliche Übersetzer lateinischer Texte, die lange misogyne bzw. ehefeindliche Passagen enthielten, gegenüber Frauen dieser Misogynie wegen entschuldigten.”16

In diesem Zusammenhang ist Schnell zu widersprechen und festzuhalten, daß ein Reden nicht nur dann misogyn ist, wenn es den Frauen „böse Sachen ins Gesicht sagt“, sondern durch seine Praxis, Wiederholung und Etablierung der Verbreitung und Stabilisierung frauenfeindlicher Diskurse Vorschub leistet. Die misogyne Dimension des scholastischen Frauendiskurses besteht also gerade darin, daß zur rhetorischen Übung die Schmährede auf Frauen benutzt wird. Diese Funktion der Rede ist in jedem Fall misogyn, unabhängig davon, welche Gebrauchsfunktion diesen Texten in der konkreten Situation zukommt. Entscheidend ist allein die Konstruktion der Geschlechter, in diesem Fall der misogyne Charakter der Texte. Die Entschuldigungen dieses misogynen Diskurses, die gegebenenfalls solchen Texten vorangestellt worden sind, wenn solche Texte in die Volkssprache übersetzt worden sind und damit Laien zugänglich wurden, verhindern übrigens nicht, daß das misogyne Reden sein diskursives Potential entfalten kann.17 Vielmehr [Seite 174↓]wäre hingegen zu fragen, welche misogynen Stereotype denn aus diesem Diskurs, ob nun kommentiert oder nicht, den Weg in die Geschlechterdiskurse der Volkssprache finden und dort dann eben ausgesprochen produktiv werden. Gerade eine solche Überlegung könnte hilfreich sein, um die Verschärfung der Diskussion um die Frau in Spätmittelalter und Früher Neuzeit erklären zu können. An dieser Stelle wird bereits deutlich, daß eine einheitliche Vorstellung davon, was ein Diskurs ist und wann diskursive Positionen Bedeutung gewinnen, innerhalb der Geschlechterfoschung fehlt. Dies aber erschwert die Bezugnahme auf andere Forschungsergebnisse erheblich.

Ein weiteres methodisches Problem in der Forschung ist das kategoriale Verständnis von Geschlechterverhältnissen. Dabei wird davon ausgegangen, die Bewertung bemesse sich daran, ob Männer und Frauen in Texten gleich oder ungleich behandelt werden. Die unausgesprochene Forderung lautet: Männer und Frauen müßten in den Texten gleich behandelt werden, damit von Misogynie nicht mehr die Rede sein könne.18 Diese Gleichbehandlung ist jedoch keineswegs gegeben, wenn innerhalb des von Schnell so genannten „Ehediskurses“ 19 auf beide Geschlechter nur irgendwie ermahnend eingegangen wird. Denn gerade das „Wie“ nicht das „Ob“ der Ermahnung, und zwar im Verhältnis zur Macht, die spricht, produziert erst das spezifische Profil des Geschlechterdiskurses.

So diskutiert Schnell die Predigt Meffrets20 über die Hochzeit von Kana und geht da­bei auf deren zweiten Gliederungspunkt, „die emotionale Harmonie in der Ehe“,21 besonders ein, denn dort wird zuerst dem Mann und dann der Frau die Aufgabe zugewiesen, für den Lebenswandel des Ehepartners Sorge zu tragen:

„Mache sich eine Frau eines unmoralischen Lebenswandels schuldig, so sei sie vom Mann auf drei Arten von ihren Untugenden abzubringen: durch Belehrung gemäß dem Wort Gottes; wenn dies nichts nütze, durch Schmähung, die einer Beschämung gleichkomme (das Schamgefühl zügle oft die Laster); fruchte auch dies nichts, sei die Frau körperlich zu züchtigen.“ 22

Auch der Frau werden Mittel, nur eben ganz andere, an die Hand gegeben, ihren Mann zu rechtem Lebenswandel anzuhalten:

„...und zwar auf vierfache Art: durch Ermahnen, durch Schelten, falls die liebevollen Ermahnungen keinen Erfolg zeigten; drittens, falls ein energisches Schelten nichts nutze, durch Anrufen der Kirchenoberen, vor allem dann, wenn das sündhafte Tun des Mannes bereits bekannt geworden sei; als letztes Mittel bleibt nur das Beten zu Gott.“23

Nicht die krasse Ungleichheit der Zuschreibung von Macht an die Geschlechter, sondern die Betonung ihrer Gleichheit findet Schnell hier bemerkenswert, denn dieser Abschnitt scheint ihm ein Beispiel für die Gleichbehandlung von Männern und Frauen innerhalb des Ehediskurses:

„In dieser Passage erscheint ein Männerbild, das sich funktional nicht von dem unterscheidet wie die Frau vorgestellt wird: Mann und Frau werden als potentielle Vertreter eines schlechten Lebenswandels erwähnt; beiden Geschlechtern wird deshalb in gleicher Weise die Aufgabe zugewiesen, den Ehepartner durch Ermahnungen und scharfen Tadel [Seite 175↓]moralisch zu bessern. Statt Schlägen, die dem Mann vorbehalten sind, steht der Frau allerdings nur der Weg zu den Kirchenoberen offen: Auf den letzten beiden Stufen ihrer Kritik am Mann bedarf sie der Unterstützung durch die patriarchalen Autoritäten (Kirche und Gott). Doch davon, daß die Männer moralischer vernünftiger oder selbstbeherrschter sind, ist hier nicht mehr die Rede. In der Institution Ehe sind, sobald der eheliche Alltag angesprochen wird, beide Geschlechter hinsichtlich ihrer sittlichen Qualität und moralischen Verantwortung gleichgestellt. Dies zieht beiderseitige Kritik nach sich.“24

Die Möglichkeiten, den Lebenswandel des Ehepartners zu korrigieren, stellen sich in diesem Beispiel völlig verschieden dar: Während der Mann in klarer Steigerung eine Reihe von Strafen bis zur körperlichen Züchtigungzur Verfügung hat, die für die Frau schwere Mißhandlung bedeuten kann, steht der Frau als letzes Mittel Beten zu Gott zur Verfügung. Lediglich für den Fall, daß der sündhafte Lebenswandel des Gatten sichtbare Folgen zeitige, also eventuell andere zur Sünde angespornt werden könnten, steht ihr der Weg zu anderen Männern, den Kirchenoberen offen. Soll das tatsächlich als Gleichheit einleuchten? – Dies ist ein gutes Beispiel dafür wie Schnells Diskursbegriff daran scheitert, wenn es darum geht die jeweilige Machtkonstellation in den Diskursen mit zu berücksichtigen, und daher zu falschen Einschätzungen führt.

Statt dessen bieten sich zwei mögliche Bedeutungen der zitierten Passage an: Die formale Parallelisierung ist ein rhetorischer Versuch des mittelalterlichen Autors, die eklatante Machtdifferenz der Geschlechter in der Ehe zu verschleiern. Oder aber diese Passage ist ein Zeugnis dermaßen stark internalisierter Geschlechterdifferenz, daß diese nicht einmal innerhalb einer formalen Parallelisierung problematisch wird. Damit wäre der Text Ausdruck der gelungenen Etablierung einer Geschlechterdifferenz, die bereits so stabil ist, daß sogar der neuzeitliche Interpret nicht vor ihrer Wirkmacht sicher scheint. Seine These von der Parallelität des Frauendiskurses und des Ehediskurs25 wäre dann so zu lesen, daß der Ehediskurs seine Funktion in der Etablierung der Geschlechterdifferenz gerade dadurch übernimmt, daß er die Geschlechterhierarchie unter der pragmatischen Ehe-Perspektive nur implizit herstellt und durch Wiederholung stabilisiert, während explizit und formal sogar beide Geschlechter angesprochen sein können, wodurch der Anschein der Herstellung von Gleichheit der Geschlechter erweckt wird. An der Hervorbringung dieser Differenz zwischen explizit und implizit geschlechterpolarisierenden Diskursen könnte wiederum der klerikal-misogyne Diskurs beteiligt gewesen sein. Das die vorgenommene Trennung einzelner Diskurse bei Schnell nicht zu der Rekonstruktion einzelner Bewegungen innerhalb des diskursiven Feldes dienen, möchte ich an einem weiteren Beispiel illustrieren, das der von Schnell als Frauendiskurs bezeichneten Textgruppe angehört.

Über die emanzipatorischen und feministischen Qualitäten der Texte Christine de Pizans ist in der Forschung ausgiebig kontrovers diskutiert worden, wobei Positionen, die keinerlei feministischen Wert feststellen konnten,26 starker Kritik von verschiedenen Seiten ausgesetzt waren.27 Doch blieb es für eine feministische Lektüre ein wesentliches Problem der Texte Christines, daß sich ganz ähnliche Verhaltensvorschriften für Frauen, wie die von ihr entworfenen, auch in didaktischen Texten von Männern finden lassen.28 Doch wird im Livre des Trois Vertus deutlich, daß Pizan einen explizit anderen Umgang mit den für Ehefrauen geforderten Tugenden vorschlägt. Betrachtet man die dort referierten Vorschläge Pizans für den angemessenen Umgang mit einem offensichtlich im Unrecht befindlichen Ehemann, so wird deutlich, daß sich der vorgeschlagene [Seite 176↓]Umgang auf den ersten Blick nur minimal von den oben zitierten Empfehlungen Meffrets unterscheiden:

“Die Frau solle sich der Sanftmut bedienen, aber auch vor allem ihrer Intelligenz. Es wird nahegelegt, „den Ehemann, auch wenn er offensichtlich im Unrecht ist, nur à part, doulcement et benignement anzusprechen. [...] Wenn dies nichts nützt, können vertrauenswürdige Bekannte oder der Beichtvater als Fürsprecher gewonnen werden, aber niemals dürfen die Probleme an die Öffentlichkeit dringen, [...] Wenn alle Mittel versagen, wird die Frau so gut es geht, in Frieden zu leben versuchen und nicht weiter auf ihren Mann einwirken. Ihre letzte Zuflucht ist Gott, der angesichts ihres stummen Leidens vielleicht noch bewirken wird, daß dem Mann das Gewissen schlägt.“29

Die aus diesen Anweisungen resultierenden, äußerlich sichtbaren Formen des Verhaltens lassen keinen Unterschied zu Meffret deutlich werden, was jedoch nicht dessen Frauenfreundlichkeit bezeugt, sondern vielmehr die Schwierigkeit der Beurteilung historischer diskursiver Positionen noch einmal verdeutlicht. Denn die Differenz in Pizans Verhaltensanweisung besteht in einer anderen inneren Legitimierung des unterwürfigen Verhaltens: Es erfolgt nicht aus der Überzeugung von der eigenen Minderwertigkeit, sondern aus der Einsicht in die hierarchischen gesellschaftlichen Machtverhältnisse. So wird eine Haltung der Discrete dissimulacion empfohlen, um der Frau wenigstens minimale Handlungsspielräume zu garantieren.30

Die emanzipatorische Qualität läge dann in der Möglichkeit innerer Distanz zum geforderten Verhalten. Hinsichtlich der Hervorbringung und Etablierung der Geschlechterkonstruktion wird ein hohes Maß der Stabilität der Geschlechterkonstruktion sichtbar, wenn diese nur noch implizit unterlaufen werden kann. Der emanzipatorische Standpunkt Pizans, der die bloße Inszenierung normgerechten Verhaltens empfiehlt, läuft jedoch immer Gefahr, zur Internalisierung solchen Verhaltens beizutragen.31

Zusammenfassend ist festzustellen, der Versuch der Beschreibung der Geschlechterkonstruktion allein nach Gebrauchsfunktionen, formalem Aufbau und ähnlichen äußeren Kennzeichen in die Irre führt. Nur die differenzierte Interpretation einzelner diskursiver Positionen erlaubt eine ausreichend differenzierte Kontextualisierung innerhalb des literarischen Feldes. In Anbetracht der hier vorgenommenen anderen Lektüre der von Schnell interpretierten Passage wird aber deutlich, daß es sich dort in der Tat um ein auf besondere Weise organisiertes Sprechen über Männer und Frauen handelt, das auf bestimmte Weise die Geschlechterhierarchie herstellt. Indem es gerade beide Geschlechter in der Ehe thematisiert, bietet es die Möglichkeit, das hierarchische Verhältnis formal hinter die gemeinsamen Anforderungen und Aspekte der Ehe zurücktreten zu lassen.

Wer, wie es im folgenden versucht wird, die eben diskutierten problematischen Bedingungen der Kontextualisierung und Historisierung wirklich berücksichtigt, muß in Kauf nehmen, daß keine geschlossenen Bedeutungen entstehen, sondern lediglich Anknüpfungspunkte, Parallele diskursive Setzungen oder gegenläufige Positionen benannt werden können. So können zwar keine abschließenden Einschätzungen der Relevanz der in den untersuchten Texten festgestellten Entwicklungstendenzen gegeben werden, aber dennoch Anknüpfungsmöglichkeiten an andere bereits untersuchte gesellschaftliche Entwicklungen vorgenommen werden.


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4.2  Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse

Die Ergebnisse der Untersuchung zur Konstruktion der Frau in den Erzählungen des Typus der „unschuldig verfolgten und später rehabilitierten Ehefrau“ am Beispiel der beiden Textreihen lassen verschiedene Veränderungen und Verschiebungen innerhalb der Erzählungen im 15. Jahrhundert erkennen. Die anhand der forschungsleitenden Fragen in den Themenschwerpunkten erzielten Ergebnisse werden im folgenden zusammenfassend dargestellt. Dabei wird in der Darstellung nicht mehr auf die Einzeltexte eingegangen, vielmehr wird auf Veränderungstendenzen in beiden Textreihen fokussiert.

4.2.1 Zuschreibungen an die Frau

Die Zuschreibungen an die einzelnen Frauenfiguren unterscheiden sich innerhalb der Sibillen-Textreihe sehr stark. Während die Figur der in der Bearbeitung der älteren Chanson de geste in Übereinstimmung mit Stereotypen von adliger Schönheit, Reichtum und Herrschaft entworfen wird, entstammen die Zuschreibungen an die Frau in den jüngeren Texten der Sibillen-Gruppe aus dem 15. Jahrhundert anderen Bedeutungsarsenalen. Die Figuren werden wenig differenziert dargestellt. Ihr wichtigstes Attribut ist eine allumfassende Tugendhaftigkeit, die sowohl in angemessenen Unterwerfungsgesten, wie im Rekurs auf die eigene Keuschheit sichtbar wird. Obwohl hier deutlich an einem moralischen Entwurf der Frau gearbeitet wird, bleiben die Zuschreibungen außerordentlich allgemein und ordnen der Frau vor allem Passivität, widerspruchslose Unterwerfung unter männlichen Willen und den Schutz der eigenen Keuschheit als Ausdruck ehelicher Treue zu.

In der Textreihe der Crescentia lassen sich die der Frau zugeschriebenen Eigenschaften in der ersten Bearbeitung vor allem als Katalog von effizienten Fähigkeiten der Weltbewältigung lesen: rhetorische Kompetenz, Klugheit, Listigkeit, die Fähigkeit zur Verstellung sowie zur Inszenierung von Gefühlen. Diese Souveränität der Figur wird in den späteren Texten zunehmend zurückgenommen, bis die Figur nahezu konturlos geworden ist (Sächsische Weltchronik). Bereits in den Bearbeitungen vom 14. Jahrhundert entwickelt sich eine Tendenz zur Moralisierung der Figur (Seelentrost), die ihren deutlichsten Ausdruck in den Bearbeitungen des 15. Jahrhunderts findet. In den Sibillen-Texten wie in der Crescentia-Überlieferung nehmen die Zuschreibungen der Tugendhaftigkeit zu und werden entschiedener akzentuiert. Besonders hinsichtlich der Keuschheit der Protagonistin ist ein erzählerisches Bemühen feststellbar, diese als höchsten weiblichen Wert festzu­schreiben. Unter Keuschheit wird dabei nicht das christliche Ideal sexueller Askese verstanden, sondern ein keusches Verhalten, das auf die Kontrolle der Sexualität gerichtet ist und jede außereheliche Sexualität ausschließt. Innereheliche Sexualität wird an keiner Stelle zum Thema der Texte. Diese Keuschheit erfordert nicht nur die kompromißlose Kontrolle über den eigenen Körper, sondern erzeugt Schuld und Verantwortung, selbst für erzwungenen Sexualverkehr. Der Erhalt der Keuschheit wird so hoch bewertet, daß es als richtiges Verhalten beschrieben wird, dafür den Tod zu wählen. In den Bearbeitungen des 15. Jahrhunderts wird diese Keuschheit als Verhaltenskomponente explizit auf ein städtisches Sozialgefüge bezogen und damit in ihrer gesellschaftlichen Ordnungsfunktion sichtbar (Crescentia-Erzählung Rosenplüts).

4.2.2 Sexualität, männliches Begehren und weibliche Abwehr

In den beiden Textreihen treten unterschiedliche Entwürfe von Sexualität auf. In Elisabeths Sibille wird zwischen Formen zulässigen und unzulässigen Begehrens unterschieden. Eheliche Sexualität ist nicht negativ besetzt, denn die sexuellen Gewohnheiten von Mann und Frau werden thematisiert. Das Begehren außerhalb der Ehe, das die Legitimität der Erben gefährdet, ist immer negativ besetzt, es wird stets als gestörtes dargestellt. Es erscheint in unangemessener Verkörperung, verleumderischer Absicht und als gewalttätiges, destruktives Begehren.

Von dieser Darstellung von Sexualität unterscheiden sich die Thematisierungen innerhalb der Crescentia-Textreihe stark, wobei die Konzeptionen sehr stark differieren: Der Entwurf von Sexualität und Begehren in der Crescentia-Erzählung der Kaiserchronik ist von der eindeutigen Ablehnung jeglicher Sexualität gekennzeichnet, der auch in der Ehe Keuschheit als Ideal propagiert. Zunächst wird Begehren in der Crescentia-Textreihe negativ produziert, d.h. [Seite 178↓]außereheliches Begehren wird nicht erotisch konnotiert, sondern erfolgt stets in destruktiver Absicht und ist gewalttätig. Seine Motivation sind Mißgunst und Rachegelüste (Crescentia der Kaiserchronik, aber auch Märenbearbeitung des 13. Jahrhunderts, Bearbeitung der Leipziger Handschrift 1279 sowie die Crescentia der Sächsischen Weltchronik). Auf diese Weise erfolgt eine zunächst strenge Trennung der Diskurse in den unterschiedlichen Literaturbereichen, aus denen diese Texte stammen. Die „legendarische“ Tradition der Crescentia-Erzählung aus der Kaiserchronik rekurriert auf ein asketisches Ideal, das innerhalb der Chanson de geste Tradition keinerlei Bedeutung hat. Statt dessen liegt dort der Akzent auf Entwürfen, die auf adlige Exklusivität, gesicherte Reproduktion und ständische Differenz Bezug nehmen.

Die zunächst eindeutige Ablehnung von Sexualität in der Kaiserchronik ist in den späteren Crescentia-Erzählungen dahingehend verändert, daß als Motivation für das Begehren nicht Rache, sondern ein erotischer Impuls eintritt. Die Bemühungen, dieses Begehren zu realisieren, werden tendenziell weniger gewalttätig. Das Begehren gewinnt eher die Gestalt der sexuellen Nachstellung, des Überredungsversuchs. Die Veränderung findet ihren deutlichen Ausdruck, wenn in der Erzählung das verführerische Reden ausgestaltet wird und die Verführungskunst, der die Frau ausgesetzt ist, damit sichtbar gemacht wird (Crescentia Rosenplüts). Diese Entwicklung kann als grundsätzliche Positivierung des männlichen Begehrens verstanden werden und korrespondiert mit der abnehmenden Sanktionierung. Mit einem anderen Schicksal der Frau kann dies nicht begründet werden, da die Konsequenzen für die weibliche Figur (Verleumdung, Verbannung, Zwangsaufenthalt in der Fremde etc.) dieselben bleiben.

Auch in den jüngeren Bearbeitungen der Sibille läßt sich ein veränderter Umgang mit Sexualität erkennen, doch ist diese Entwicklung weniger deutlich als in der Crescentia-Textreihe: So nimmt die Thematisierung von Sexualität insgesamt ab, die Zahl der Bedrängungen wird reduziert. Damit einhergehend wird das Begehren nicht mehr so stark verworfen, es kann im Ansatz sogar psychologisiert und damit in seiner Entstehung erklärt werden.

Der Umgang mit dem männlichen Begehren durch die Frau scheint zunächst in allen Textreihen ähnlich: Die Frau wehrt auf unterschiedliche Weisen und aus unterschiedlichen Gründen das Begehren ab. Ihr Einverständnis zum Beischlaf wird in keinem Entwurf erreicht. Statt dessen versucht die weibliche Figur immer, ihrem Bedränger zu entkommen, in Königin Sibille wehrt sie den Bedränger sogar mit Faustschlägen ab. Ist dieses immer abwehrende Verhalten unter der Vorgabe, daß Sexualität per se destruktiv sei, leicht einsichtig und begründbar, so erfordern die späteren Bearbeitungen einen anderen Umgang mit dem Begehren. Je weniger eindeutig Gewalt und Destruktivität das Begehren strukturieren und je mehr erotische Impulse darin aufscheinen, desto dringender müssen andere Erklärungsmuster der weiblichen Abwehr greifen, wie sie etwa in der intensivierten Betonung der Keuschheit, die der Frau die gesamte Kontrolle der sexuellen Ordnung aufbürdet, sichtbar werden. Die Frau hat nur insofern an der Sexualität teil, als ihr eine Reaktion auf männliches Begehren zugestanden wird, die sie als besondere Gefährdung ihrer Keuschheit sofort erkennen muß. Gegen diese Gefährdung soll sie sich wappnen und sich gegebenenfalls selbst sanktionieren. Damit aber wird die ausschließlich Frau für eine Bewältigung unsanktionierten männlichen Begehrens zuständig, wobei die verworfenen Aspekte der Sexualität in ihre Verantwortung fallen. Im Gegenzug dazu wird dadurch das männliche Begehren von Negativbewertungen und Sanktionen sukzessive entlastet.

Eine Entwicklung dieser Art der Positivierung von Begehren gibt es in der Textreihe der Sibille nur in einzelnen Ansätzen: Zwar wird das männliche Begehren teilweise psychologisiert und damit implizit auch positiviert (Prosafassung). Doch wandelt es sich nach seiner Zurückweisung immer in direkte Gewalt, so daß der Frau kein Potential der Selbstkontrolle zu seiner Bewältigung zugeschrieben werden muß, weil männliches Begehren weiterhin als existentielle Bedrohung erscheint. Wegen der Gewalttätigkeit und ihrer engen Verbindung mit der Tötungsabsicht bleibt außereheliche Sexualität in der Sibillen-Textreihe verworfen, zwischen den destruktiven Folgen und dem Begehren selbst wird nicht differenziert.

In der abnehmenden Sanktionierung des unrechtmäßigen Begehrens innerhalb der Crescentia-Textreihe läßt sich erkennen, daß die Verantwortung für die sexuelle Ordnung allein in den Aufgabenbereich der Frau verschoben wird. Es etabliert sich eine Struktur, in der die Frau ihr höchstes Gut, die Keuschheit, verteidigen muß, wobei ihr nicht mehr nur die Abwehr gewalttätiger Formen von Begehren, sondern auch erotischer Impulse obliegt. Dies fordert eine radikale Kontrolle der eigenen Sexualität, die in den Texten niemals explizit wird, aber in der Gefahr des Verführtwerdens als zusätzliche Bedrohung erscheint. Um also die Frau gänzlich für die Kontrolle der Sexualität verantwortlich zu machen – und nur in diesem Zusammenhang – wird ihr ein [Seite 179↓]eigenes Begehren zugestanden.

Insgesamt läßt sich also eine Tendenz zur Positivierung des Begehrens erkennen, die aber nicht zwangsläufig zu einer Neubewertung außerehelicher Sexualität führt. Nur wenn die Positivierung männlichen Begehrens einen Grad erreicht, in dem die Abwehr durch die Frau nicht mehr durch die Gewaltdimension gesichert werden kann, kommt es zum Zugeständnis einer Sexualität auch bei der Frau, jedoch nur in engem Zusammenhang mit der verschärften Etablierung von Mechanismen der Selbstkontrolle und einer Höherbewertung der Keuschheit.

4.2.3 Handlungsspielräume und Körperbilder

Innerhalb beider Textreihen läßt sich feststellen, daß die Frauenfiguren in sehr unterschiedlichem Maße Handlungsspielräume erhalten, je nachdem, ob sie als herrschende und listige Frauen konzipiert oder als passive, ihr Schicksal nur erleidende Frauen dargestellt werden. Die Verteilung ist nicht zufällig, denn es kann eine deutliche Abnahme der Handlungsfähigkeit bis zur vollständigen Passivität festgestellt werden. Dabei sind die größten Handlungsspielräume in den ältesten Entwürfen enthalten (Königin Sibille / Crescentia der Kaiserchronik). Wehren sich in den älteren Texten die Frauenfiguren gegen männliche Übergriffe mit physischer Gewalt oder Listigkeit, handeln im Bewußtsein ihrer weltlichen Macht und besitzen Klugheit und rhetorische Kompetenz beziehungsweise eine eigene genealogische Macht, so werden solche Handlungsmöglichkeiten in den Bearbeitungen immer mehr getilgt. Statt Handlungskompetenz erhalten die Frauenfiguren schließlich bestenfalls noch moralische Überlegenheit und Kompetenz (Rosenplüt). Dieser Verlust steht nicht nur im Zusammenhang mit der zunehmenden Moralisierung der Entwürfe, sondern mit der Wandlung adlig exklusiver und damit ständisch differenzierter Frauenentwürfe hin zu einem neuen, gerade nicht mehr die Unterschiede, sondern die Normen für alle Frauen betonenden Konzept gesellschaftlicher Ordnung.

Auch die unterschiedlichen Funktionen und Bilder des weiblichen Körpers differieren in den Texten sehr stark: Dabei läßt sich in beiden Textreihen ein deutlich konturierter Körperentwurf in den jeweils ältesten oder auf älterem Material basierenden Texten feststellen (Crescentia der Kaiserchronik , Königin Sibille): So ist der Körper vor allem als Quelle des Leidens und des Schmerzes, als Schwachstelle des menschlichen Willens imaginiert. Bezeichnenderweise kann diese Konzeption aber überschritten werden, wenn der Körper in seiner weltlichen Existenz als Verkörperung individueller Identität sichtbar zu werden vermag (Crescentia der Kaiserchronik). Im anderen Entwurf ist es die Schönheit der adligen Frau, die, in Übereinstimmung mit dem adligen Schönheitsideal, das Begehren auslöst. Doch kann dieser Körper das Begehren im Idealfall gleichzeitig auch steuern, wenn die Zeichen verkörperter Macht, die ihn gleichermaßen wie die Schönheit ausmachen, richtig gelesen werden und ein angemessenes Verhalten nach sich ziehen. Beide Körperkonzeptionen modellieren theologische oder weltliche Aspekte des feudalen Diskurses, der ein ganzes Arsenal von Herrschaftsbedeutungen, Sinnpotentialen und auch Negationen von Sinnlichkeit mit der Darstellung des Körpers verknüpft.

Diese Körperentwürfe sind in beiden Textreihen aus den jüngeren Texten entfernt, an deren Stelle treten keinerlei neue Bilder weiblicher Körper. Die Figuren werden nicht beschrieben, erhalten keinerlei Merkmale, es wird bestenfalls auf höchst oberflächliche Stereotype zurückgegriffen.


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4.3  Verortung in historischen Diskurskontexten

4.3.1 Tugendhaftigkeit und das Postulat sittlicher Keuschheit

Keuschheit der Frau gilt als wichtigste Tugend in den Crescentia-Fassungen des 15. Jahrhunderts. Der Keuschheit wird dabei ein so hoher Wert zugemessen, daß die Frau zu ihrem Erhalt notfalls sogar den Tod in Kauf nehmen soll. Diese neue Bewertung der Keuschheit produziert ein enges Normengefüge für weibliches Verhalten, das, wie in der Erzählung Rosenplüts deutlich wird, aktiv darauf gerichtet sein muß, jede mögliche unkeusche Regung zu unterdrücken und in alleiniger Verantwortung alle möglichen Bedrohungen für die Keuschheit durch männliches Begehren abzuwehren. Obwohl in den kurzen Erzählungen32 der Sibillen-Textreihe nicht in dieser Weise direkt auf Keuschheit Bezug genommen wird, lassen sich die geforderten Tugenden ebenfalls so lesen, daß mit ihnen jede Eigenaktivität der Frau verworfen werden soll, aber gleichzeitig der Frau die gesamte Verantwortung für den Bereich der sexuellen Kontrolle zugeschrieben wird. Somit ist der Tugendentwurf dieser Erzählungen der Sibillen-Textgruppe auf ganz ähnliche Reglementierungen gerichtet. Damit ist eine Entwicklung festzustellen, die für weibliches Verhalten diskursiv neue Normen produziert oder zumindest bestehende Normen mit neuer Gewichtung wiedereinsetzt. Dies aber widerspricht der These Schnells, es handele sich nur um „unterschiedliche Diskursivierungen“33 von Ehe und Geschlechterverhältnissen und nicht um eine wirkliche Veränderung. Sein Befund wäre dahingehend zu korrigieren, daß sich innerhalb der hier untersuchten Textreihen deutliche Veränderungen in der Konstruktion der Frau feststellen lassen. Denn gerade wenn miteinbezogen wird, in welchen Gebrauchszusammenhängen und Textsorten die Crescentia-Erzählung des Spätmittelalters steht, werden die Verschiebungen sichtbar. Innerhalb der literarischen Entwicklung läßt sich im 15. Jahrhundert ein Boom an sinnstiftender und verhaltensorientierender Literatur feststellen, der auch gerade in Exempelsammlungen, Erbauungsbüchern und Kurz-erzählungen besteht.34 Mit diesen Zusammenstellungen oft kurzer literarischer Texte wird eine Verbreitung von Normen und Verhaltensanweisungen als Lebens- und Orientierungshilfe erreicht, wie sie, jedenfalls in schriftlicher Form, nie vorher stattgefunden hat. Wenn aber die Crescentia-Erzählung in diesen Literaturbereich Eingang findet und aus den ehemals chronikalen Bezügen der „Beichtlegende“ gelöst, ihre Funktion nunmehr als Keuschheitsexempel entfaltet, dann wird sie damit zum Quellentext für eine im 15. Jahrhundert in diesem neuen Literaturbereich aufkommende Diskussion über richtiges weibliches Verhalten, das als neue Position innerhalb der Diskussion um die Verantwortung der Frau für ihre Keuschheit einen neuen Entwurf tugendhafter Lebensführung etabliert. Diese Bewegung ist nur eine im diskursiven Feld, eben innerhalb des mit den Textreihen betrachteten Ausschnittes, während im gesamten Feld auch andere, sogar gegenläufige Bewegungen vorhanden sein können. Doch ist für die Bewertung dieser Bewegung, die außerordentlich weite literarische Verbreitung der Texte von Bedeutung. Nimmt man die Entwicklung innerhalb der Textreihe als typisch für das diskursive Feld an, so wird deutlich, daß die reformatorische Ehekonzeption sehr wohl auf Diskussions-, Normierungs- und Etablierungsprozessen aufbaut, die ihr im 15. Jahrhundert vorausgegangen sind. Denn die speziell für die reformatorischen Ehelehren geltenden Legitimierungen der Ehe als Ort möglicher sexueller Praxis zur Vermeidung von Unkeuschheit rekurriert bereits auf einen etablierten Begriff von Keuschheit.35 Damit Keuschheit innerhalb des reformatorischen Ehediskurses in ihrer Funktion als nach außen sichtbare Haltung der Akzeptanz der Ordnung der oeconomia 36 erscheinen kann, bedarf es ihrer vorhergehenden diskursiven Entwicklung und Stabilisierung. Diese Stabilisierung wird im 15. Jahrhundert produziert. Teile diese Hervorbringungsprozesses werden in den kleinen, erbaulich - moralischen Genres des Spätmittelalters sichtbar. Dort erscheinen zunehmend Konstruktionen der Frau, deren Handeln explizit auf den Erhalt ihrer Reputation innerhalb eines gesellschaftlichen Gefüges gerichtet sein soll. Keuschheit wird dabei als höchster Wert weiblicher Reputation hergestellt, der, so notwendig, [Seite 181↓]bis in den Tod hinein, verteidigt werden muß. Im Zusammenhang mit der frühneuzeitlichen ehelichen Domestizierung des Mannes ist von der „Kasernierung“ der „weiblichen Sexualität“37 in der Ehe gesprochen worden. Die Verabsolutierung der Keuschheit fordert implizit einen Rückzug der Frau aus einem ihrer Reputation gefährlichen Außen hin zu einer „Kasernierung“ im Inneren des Hauses. Darüber hinaus aber erzwingt sie eine Unterdrückung aller erotischen Emotionalität im Außen, die absolute Kontrolle über sexuelle Bedürfnisse sowie eine umsichtige Verantwortlichkeit innerhalb aller sozialen Sphären. So bleibt als legitimer Ort möglicher sexueller und erotischer Impulse allein die Ehe. Diese Konstruktion der Frau bereitet den Boden für die angestrebte „Höherentwicklung des Mannes“38 anhand der „kasernierten“ Sexualität der Frau.

Die grundsätzliche These muß also lauten, daß es sich bei der Entwicklung des Geschlechterverhältnisses am Beispiel der Konstruktion der Frau weder um einen plötzlichen qualitativen Sprung, noch um lediglich unterschiedlich differenzierte Redeweisen über die Geschlechter handelt, sondern um eine Entwicklung innerhalb des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, die unter den Voraussetzungen gesellschaftlicher Wandlungen zur Etablierung einer Geschlechterhierarchie führt. Diese bringt in der Dichotomisierung von Mann und Frau für die Frau eine Position hervor, in der die Inferiorität der Frau in einem Maße stabil hergestellt und internalisiert worden ist, daß diese Hierarchie als basale Konstruktion einer festgelegten Verteilung der Aufgaben in der oeconomia eine effiziente Arbeitsteilung innerhalb von Ehe und Haus versprechen konnte und dabei der Frau auch eigenständige Bereiche zugestanden hat. Gleichzeitig aber muß diese Bewegung als vertikale Ausdifferenzierung der Gesellschaft gelesen werden, mit der ein komplementäres Prinzip zu geltenden horizontalen Gliederungen gesellschaftlicher Ordnung hervorgebracht wird, das die Gesellschaft jenseits fragwürdig gewordener ständischer Differenzierungen eint. Dabei wird die gesellschaftliche Entwicklung durch die Festlegung der neuen Hierarchie stabilisiert – und schließlich neu gegliedert.

4.3.2 Sexualität und Begehren

Traditionell wird im Mittelalter in allen Deutungsmustern menschlicher Begierde stets von der größeren Wichtigkeit männlichen Begehrens ausgegangen.39 Dies zeigt sich zum Beispiel in den medizinischen Diskursen, die männliches Begehren generell mit Reproduktion in Verbindung bringen:

„Notions about the causes and sites of pleasure were closely tied to notions about the origins and pathways of desire or semen.“40

Dabei wird ein Zusammenhang zwischen der psychischen Funktion des Begehrens und der Produktion des Samens konstatiert, wobei der Ursprung des Begehrens im Hirn mit einer Reihe von Auswirkungen in unterschiedlichen Teilen des Körpers angenommen wird:

„The appetite for intercourse arises from thought, which produces a motion toward sexual pleasure. This, in turn, effects an excitation of spirit in the heart, which passes to the penis, where, made subtle by a virtue here, it enters the hollow nerves of the penis, filling and extending it.“41

Diese Überlegungen sind innerhalb der spätmittelalterlichen Diskussion um die Frage zentral, ob Begehren eine notwendige Voraussetzung der Zeugung ist. Grundsätzlich ist dieser Zusammenhang weder auf Männer beschränkt, noch zwingend. Denn einerseits produzieren nach mittelalterlicher Vorstellung auch Frauen Samen und benötigen dazu eigentlich dann Begehren, [Seite 182↓]andererseits sind auch Möglichkeiten der Ejakulation ohne Begehren bekannt.42 Dennoch erscheint im Spätmittelalter der Zusammenhang zwischen männlichem Begehren und Zeugung zunehmend zwingend:

“ [...] late medieval authors generally linked pleasure with ejaculation and with the ability to effect conception. At the very least the male sensation of pleasure was identified with that which impelled his seed in the direction of the womb. Although, strictly speaking, male pleasure per se was neither necessay nor sufficient for conception, its association with the emission of seed made it an accepted sign of male sexual functions.“43

Weibliches Begehren hingegen hat nur eine unklare Position inne, da Begehren bei der Frau im Zusammenhang mit der Zeugung eher zufällig und keineswegs als notwendig aufgefaßt wird:

“ [...] not only do women frequently conceive without experiencing pleasure but the sexual pleasure which (some) women do experience is like that of boys before they become fertile, that is, unassociated with true seed.“44

Daher läßt sich für den spätmittelalterlichen medizinischen Diskurs sagen, daß Begehren vor allem männlich konnotiert ist, ja das Vorhandensein von Begehren sowie seine Artikulation zunehmend als Zeichen von männlicher Zeugungskraft gewertet wird.

Die Positivierung männlichen Begehrens, die in den Bearbeitungen der Erzählungen von der unschuldig verfolgten Frau sichtbar wurde, kann sicherlich nicht einfach sozialgeschichtlich als Abnahme männlicher Sexualdisziplinierung im Spätmittelalter gedeutet werden, obwohl eine solche Abnahme sich in dem agressiven Verhalten andeutet, das einigen männlichen rituellen Formen in der städtischen Öffentlichkeit eigen ist, wie sie zum Beispiel das „Gassenbuhlen“ darstellt.45 Vielmehr ist die in den Texten erkennbare Verschiebung eine, die primär der Disziplinierung der Frau dient. Indem die Verantwortung für die Regelung außerehelicher Sexualität zur Aufgabe der Frau wird, wird die Frau als Garantin für die Einhaltung der sexuellen Norm in die Pflicht genommen. Diese Position, die das Begehren weiterhin männlich, die Verantwortung für die sexuelle Ordnung aber weiblich sein läßt, korrespondiert darin jedoch mit den medizinischen Definitionen des Begehrens. Die Asymmetrie der Teilhabe an Begehren einerseits und Verantwortung andererseits, etabliert aber ebenfalls Begehren als präsentierbares Zeichen machtvoller Virilität. Somit gehört diese Verschiebung in den Bereich der symbolischen Ordnung. Und in dieser symbolischen Ordnung werden die Abwehr von Sexualität und die Aufrechterhaltung von Kontrolle weiblich, Begehren und Lust aber männlich konnotiert.

Dieser Diskurs, trägt auch dazu bei, daß Sexualität nur noch in der Ehe für zulässig erklärt wird. Die diskursive Positivierung von männlichem Begehren verläuft parallel zu einer sukzessiven Zulassung von innerehelicher Sexualität und dem endgültigen Abrücken vom asketischen Ideal in der Ehe.46 Damit aber beginnt die Erotisierung der Ehe,47 wie sie später z.B. von Johann Fischart in seinem Bild vom „Schneckengeist im Venusleib“ kommentiert wird.48 Jene diskursiven Prozesse [Seite 183↓]aber, in denen vom christlich-asketischen Ideal der Keuschheit in der Ehe abgerückt wird, männ­liches Begehren zunehmend positiviert und die Verantwortung für die sexuelle Ord­nung zum Bestandteil der moralischen Konstruktion der Frau wird, gehen der Reformation und dem 16. Jahrhundert bereits voraus. Sie vollziehen sich, wie in den differierenden Positionen der beiden Textreihen deutlich wird, in unterschiedlichem Umfang und sind so neben den Fassungen der Erzählung, die auf ältere Diskurse zurückgreifen, typisch für den noch unstrukturierten Charakter des diskursiven Fel­des der Geschlechterkonstruktion im 15. Jahrhundert, das aber dennoch von inten­siver Diskussion unterschiedlicher Entwürfe und sich abzeichnender Entwicklungen gekennzeichnet ist.

4.3.3 Verlust der Handlungsspielräume

Für das gesamte untersuchte Material gilt, daß wenn man die Konstruktion der Frau im Verlauf der Textreihe betrachtet, sich eine markante Veränderung in der Abnahme weiblicher Handlungsspielräume manifestiert, die innerhalb der Crescentia-Textreihe als anhaltende Tendenz der Bearbeitungen sichtbar wird. Diese Veränderung kann auch in der Sibillen-Textreihe nachgewiesen werden. Sie ist jedoch anders angelegt, denn Elisabeths Bearbeitung der wesentlich älteren Chanson de geste stellt möglicherweise bereits einen Kommentar und eine Stellungnahme zu den sich vollziehenden Veränderungen dar, die in den anderen beiden Sibillen-Texten sichtbar werden.

Im Ergebnis stehen sich zunächst zwei sehr unterschiedliche Konstruktionen der Frauenfigur gegenüber:

Zunächst ein adliger Entwurf in den ältesten Texten beider Textreihen, dabei werden zwei unterschiedliche Aspekte des feudalen Weltbildes thematisiert. Ein stark auf die feudale Selbstdefinition bezugnehmender Entwurf, mit den Komponenten adlige Unabhängigkeit, genealogische Macht sowie sich im Körper manifestierender Herrschaftsanspruch. Der Entwurf der weltlichen Herrscherin ist durch ihren Herrschaftsanspruch, ihre genealogische Macht, ihre enge Bindung an den feudalen Verband und die daraus resultierende Möglichkeit, ihre Rehabilitierung aktiv durchzusetzen, gekennzeichnet (Königin Sibille)

Der andere Entwurf ist jener der listigen, souveränen, rhetorisch kompetenten und machtvollen Frauenfigur (Crescentia der Kaiserchronik). Diese beiden älteren Entwürfe bilden einen exklusiv feudal adligen Diskurs über die Frau ab, der aus unterschiedlichen Bereichen stammt. Dies wird auch in den Entwürfen weiblicher Körper in den Texten deutlich. Für den Entwurf der adligen Figur ist ihr Körper zentral. Ihre gesellschaftliche Identität verkörpert sie in Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Idealen adliger Schönheit.49 Der Körper der adligen Frau ist in solchem Maße Verkörperung ihrer Identität, daß er in der Konfliktsituation als Ausweis ihrer Macht und sozialen Exklusivität sogar den Verlauf des Konfliktes zu steuern vermag (Königin Sibille).

Markiert dieses Körperbild den primär weltlich adligen Entwurf, so wird eine andere Seite im Entwurf des Körpers als Ort des Schmerzes, der Qual und des Leidens, die dem theologischen Diskurs verpflichtet ist, sichtbar. Fragmentarisch wird der Körper aber zum Träger individueller Identität innerhalb der intimen Kenntnis der Ehepartner und gerade darin wird der Gegensatz theologischer und weltlicher Ordnung figuriert.

Diesen verschiedenen, aber ausführlichen Körperentwürfen steht ein absoluter Mangel jeglicher Körperbilder in den Bearbeitungen des 15. Jahrhunderts entgegen. Die späteren Entwürfe, in denen die Figuren ihre Rehabilitierung niemals durchsetzen und ohne jede List oder Gegenwehr die über sie verhängten Prüfungen ertragen, kommen völlig ohne Handlungsspielräume der Figur aus. Dennoch sind sie genauso diskursiv an der Hervorbringung und Entwicklung von Normen beteiligt, jedoch nicht überkommener, sondern im 15. Jahrhundert sich herausbildender Konzepte.

Die ständeübergreifende Allgemeinheit der Konstruktion der Frau, die in den jüngeren Bearbeitungen der beiden Textreihen mit dem Verlust der Handlungsspielräume einher geht, läßt sich relativ leicht als Teil des Diskurses verstehen, der die Inferiorität der Frau begründet, indem er angesichts der ihr abgesprochenen Handlungskompetenz eine Absicherung durch strenge moralische Norm als notwendig erscheinen läßt. Diese Unterwerfung ist als Teil jener diskursiven [Seite 184↓]Prozesse zu betrachten, die im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit den Geschlechtern zwei distinktiv getrennte und unterschiedliche soziale Einflußsphären zuordnet. Dem Mann eine öffentliche und politische, der Frau die Sphäre des Privaten. So läßt sich als Indiz für die zunehmende Verdrängung von Frauen aus der öffentlichen Sphäre auch die im 15. Jahrhundert stärker werdenden Reglementierungen für wirtschaftliche Tätigkeit von Frauen innerhalb der Städte werten. Dazu zählt insbesondere die Verdrängung der Frauen aus den Zünften, wie sie Bátori am Beispiel der Stadt Nördlingen feststellt.50 Diese Veränderung entsteht nicht plötzlich mit der Reformation, obwohl sie dort oft verortet worden ist. Darüber hinaus wird jedoch gerade in dem Verzicht auf jede ständische Spezifik das neue Ideal deutlich: Die neuen Normen beziehen sich auf die Frau allgemein, der nun die private Sphäre zugewiesen werden soll und für die – unabhängig von ihrem sozialen und gesellschaftlichen Status in der Hierarchie – als Frau per se ihre Inferiorität begründet sein soll.

Diese Tendenz zur Verallgemeinerung läßt sich an zwei Beispielen aus anderen Textbereichen ebenfalls ablesen. So ist festgestellt worden, daß bereits in den seit dem 13. Jahrhundert einsetzenden Bemühungen um die Laienseelsorge immer zwischen Frauen und Männern unterschieden worden ist.51 Während in den sermones ad status Männer in „Bezug auf ihre gesellschaftliche Funktion“52 angesprochen werden, reicht es aus, Frauen nur nach ihrem Status als Jungfrauen, Ehefrauen oder Witwen zu unterscheiden.53 In der neueren Diskussion um Christine de Pizans Livre des trois Vertus ist hervorgehoben worden, daß deren Tugendlehre sich im Aufbau an Frauen in verschiedenen gesellschaftlichen Positionen richtet und für diese auch unterschiedliche Regeln bereithält.54 Diese ständische Differenz ist inzwischen als spezifisch weibliche Stellungnahme gelesen worden, indem Pizans Bestehen auf ständischer Differenz im Aufbau ihres Livre als eine Forderung der intellektuellen Frau nach Erhalt bestehender Handlungsspielräume für Frauen der gehobenen Gesellschaftsschichten verstanden wird.55 Während sich in der Crescentia-Textreihe die prozesshafte Verschiebung eines Paradigmas feststellen läßt, ist innerhalb der Sibillen-Textgruppe in der Bearbeitung der alten Chanson de geste durch Elisabeth von Nassau-Saarbrücken ein gezielter Versuch adliger weiblicher Selbstvergewisserung gegen diese Verschiebung zu erkennen.

Schließlich wird bestimmbar, daß der Wechsel der Gattungen, in denen das Erzählmodell der unschuldig verfolgten Ehefrau tradiert wird, weder zufällig ist, noch gar etwa mit einem Herabsinken des Stoffes, wie ihn Baasch implizit behauptet,56 begründet werden kann. So wie die Konzeption der adligen Frau an die Chanson de geste gebunden bleibt, so wird das ständisch undifferenzierte, allgemeine Tugendideal der Frau als Ideal sittlicher Keuschheit, in jenen Textgattungen produktiv, die als Novum des 15. Jahrhunderts in einer Flut von kurzen Erzähltexten zwischen Kurzerzählung, Exempel und anderen Erbauungstexten einem Orientierungsbedürfnis der Leserinnen und Leser Rechnung tragen und in ihrer Verbreitung alles bis dahin Bekannte überbieten.57 Gerade diese Textgruppe befördert den Übergang von einer primär ständisch differenzierten, in der Herrschaft exklusiv adligen Gesellschaft, zu einer Gesellschaft, deren Hierarchie sich entlang einer als basal etablierten Differenz von Mann und Frau organisiert. Die kleinen Erzähltexte arbeiten entscheidend eine Konstruktion der Frau mit aus, die diese als ständisch nicht mehr differenziert, inferior sowie durch enge gesellschaftliche Normen aus der Öffentlichkeit verbannte Frau herstellt.


[Seite 185↓]

An diesen Beispielen aus anderen diskursiven Bereichen, des literarischen und medizinischen Diskurses sowie der reglementierenden und sozialen Praxis des späten Mittelalters läßt sich erkennen, daß die in den Texreihen festgestellten Entwicklungen nicht singulär sind, sondern durchaus in anderen Bereichen analoge Prozesse festgestellt werden können. Damit kann keine sichere Aussage über die Tragweite der Veränderungen in der Konstruktion der Frau im Spätmittelalter verbunden werden. Dennoch wird deutlich, daß es wenig sinnvoll ist, von einem Umbruch erst mit der Reformation auszugehen. Statt dessen kann die mit gesellschaftlichen Veränderungen einhergehende Bearbeitung der Konstruktion der Frau bereits am Ende des 14. Jahrhunderts herausgearbeitet und in den sich im 15. Jahrhundert vollziehenden intensiven diskursiven Prozessen verfolgt werden. Innerhalb des diskursiven Feldes lassen sich anhand der untersuchten Textreihen die Veränderungen der Konstruktion der Frau beschreiben und ihre stabilisierende und absichernde Funktion für die Begründung der grundsätzlichen Inferiorität der Frau im 15. Jahrhundert, aber auch die Widerstände dagegen, sichtbar machen.


Fußnoten und Endnoten

1 Es soll hier deutlich angemerkt werden, daß dem Herausgeber dieser Widerspruch nicht entgangen ist. Er weist bereits in der Einleitung darauf hin. Schnell, 1997, S. 43.

2 Scholz Williams, 1997, S. 280.

3 Scholz Williams, 1997, S. 280.

4 Im Gegenteil ließe sich annehmen, daß allen historischen Prozessen und Jahrhunderten immer gleichviel Veränderung und Wandel wie eben auch Konstanz innewohnt und nur die vom Betrachter vorgenommene Betonung bestimmter Entwicklungen und Aspekte den Eindruck von Entwicklungsschüben verursacht.

5 Im folgenden wird hauptsächlich auf die neuesten Arbeiten von Schnell zurückgegriffen. Da Schnell in den letzten Jahren zahlreich zu diesem Themenbereich publiziert hat, scheint eine Auseinandersetzung mit seinen Arbeiten hier besonders notwendig und interessant.Schnell, 1997a, S. 145-175.

6 Schnell, 1997a, S. 145.

7 Auch bei Scholz Williams beginnt das 16. Jahrhundert vor dem 16. Jahrhundert: Der Malleus maleficarum „setzte noch vor der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert gefährliche und folgenschwere Signale.“ Scholz Williams, 1997, S. 280.

8 Schnell, 1997a, S. 145.

9 Schnell, 1997a, S. 145.

10 Schnell, 1997a, S. 145.

11 Schnell, 1997a, S. 151.

12 Schnell, 1997a, S. 173.

13 Zu diesem Problem vgl. Müller, 1994, S. 121, auch Schnell, 1997, S. 30-36.

14 Vgl. Butler, 1991, S. 57-59.

15 Schnell, 1998.

16 Schnell, 1998, S.13.

17 Ganz abgesehen davon, daß auch eine „Entschuldigung“ für die Misogynie lediglich eine Strategie sein kann, um die Verbreitung der misogynen Stereotypen zu erleichtern.

18 So z.B auch Keller, 1991.

19 Schnell, 1998, S. 217, grenzt in unzulässiger Vereinfachung des diskursiven Feldes und der sich darin auch quer entfaltenden diskursiven Allianzen und Interferenzen diskursiver Elemente, drei Gruppen von Texten voneinander ab: Texte, die sich nur an Frauen richten; Texte, die sich nur an Männer richten und Texte, die „das Zusammenleben von Mann und Frau in der Ehe nicht nur vom Wunschdenken eines einzigen Geschlechts her beschreiben“. Diese zuletzt genannte Gruppe und nur diese nennt er „Ehediskurs“.

20 Meffret, Hortulus reginae sive Sermones de tempore. Pars hiemalis, Köln 1625, zitiert nach Schnell, 1998.

21 Schnell, 1998, S. 243.

22 Schnell, 1998, S. 243.

23 Schnell, 1998, S. 243.

24 Schnell, 1998, S. 243-244.

25 

Schnell, 1998, S. 160, nimmt an, es seien

„innerhalb der christlich-abendländischen Literatur zumindest zwei unterschiedliche Geschlechterdiskurse voneinander abzuheben: Ein Diskurs, in dem der Mann sich selbst zur absoluten unhinterfragbaren Instanz für weibliches Handeln und Denken macht und ein Diskurs, in dem auch der Mann mit seinen Schwächen zum Gegenstand des Redens wird und in dem Verhaltensweisen für Frau und Mann gegeben werden.“

26 Laigle, 1912, und sehr viel später und mit politisch anders motivierten Argumenten aus radikal-feministischer Perspektive Delany, 1987, S. 177-197.

27 Quilligan, 1991 sowie Reno, 1992.

28 Zimmermann / De Rentiis, 1994.

29 Zitiert nach Ruhe, 1996, S. 65; Christine de Pizan: „Le Livre de Trois Vertus“ in der Ausgabe von Charity Cannon Williard unter Mitarbeit von Eric Hicks. Paris, 1989, S. 55.

30 Zitiert nach Ruhe, 1996, mit Bezug auf „Le Livre de Trois Vertus“ in der Ausgabe von Charity Cannon Williard unter Mitarbeit von Eric Hicks. Paris, 1989, S. 62.

31 Weil dies so ist, kann eben auch nicht völlig ausgeschlossen werden, daß von Pizan letztlich die Erziehung zu normgerechtem Verhalten doch angestrebt wird, es also um Stabilisierung der Geschlechterkonstruktion geht, obwohl die Fülle der distanzierenden Hinweise im Gesamttext Pizans dagegen spricht.

32 Gemeint sind hier nur Schondochs Märe und die anonyme Prosabearbeitung.

33 Schnell, 1997, S. 173.

34 Kuhn, 1980, S. 83 u. 88-90.

35 Siehe dazu z.B. Eming / Gäbel, 1988, Christ-von Wedel, 1995, und Scharffenorth, 1982.

36 Zur oeconomia und den Veränderungen des Drei Ständeschemas in der Reformation siehe Schorn-Schütte, 1998, S. 436.

37 Müller, 1988, S.188, spricht im Anschluß an Luhmann von der „Kasernierung der weiblichen Sexualität“ im Rahmen der sich herausbildenden Erotisierung der Ehe und der damit einhergehenden Domestizierung des Mannes.

38 Müller, 1988, S. 188.

39 Cadden, 1993, S. 134-145.

40 Cadden, 1993, S. 138.

41 Cadden, 1993, S. 138, bezogen auf die medizinische Schrift Compendium medicine von Gilbertus Anglicus.

42 So war es Priestern nach nächtlichen Ergüssen nicht verboten die Messe zu halten. Vgl. Cadden, 1993, S. 142. Sie referiert aus Johannes Gerson: De pollutione.

43 Cadden, 1993, S. 141.

44 Cadden, 1993, S. 143.

45 Die öffentliche Präsenz von Virilität, z.B. in den Gassenbuhlereien junger Männer inszeniert dabei genau die öffentliche Dimension männlichen Begehrens als zulässige soziale Praxis. Siehe dazu Wunder, 1996, S. 132-133.

46 Die Erörterung der Zulässigkeit und Positivierung innerehelicher Sexualität wird oft mit der Reformation in Verbindung gebracht, läßt sich jedoch bereits sehr viel früher z.B. bei Marcus von Weida finden. Siehe dazu Bachorski, 1991a.

47 Dadurch unterscheidet er sich vehement von anderen Argumentationen, beispielsweise der des Minnesangs, wo gerade die außereheliche Erotik Thema ist.

48 So der Titel des Aufsatzes von Maria E. Müller, der die Erotisierung der Ehe und die Kommentierung dieses Projektes durch Johann Fischart nachgeht. Siehe dazu auch gegensätzlich Müller, 1994, aber auch Brauner, 1994.

49 Zu adliger Schönheit siehe Bumke, 1986, 451ff.

50 Bátori, 1991.

51 Hasenohr, 1986, S. 19-101.

52 Ruhe, 1996, S. 60.

53 Hasenohr, 1986, S. 19-101.

54 Zum Aufbau von Pizans „Livre des Trois Vertus“ und dessen ständischen Differenzierungen, siehe Zimmermann, 1991, S. 197-198.

55 Ruhe, 1996, 59-63.

56 Baasch, 1968, betrachtet nur einen Ausschnitt,der Crescentia-Textreihe kommt aber zu einem solchen Urteil.

57 Kuhn, 1980. S. 88ff.



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04.08.2004