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5  Ausblick

Das Ziel dieser Arbeit war es, die Konstruktion der Frau in den Erzählungen des Crescentia- und der Sibillen- Textreihe zu untersuchen. Die theoretische Grundlage stellten dabei die von Judith Butler angestellten Überlegungen zum Zustandekommen und der Etablierung einer binären Geschlechterdifferenz, der Zwangsheterosexualität, dar.1 Auf dieser theoretisch-methodischen Grundlage hatte bisher vor allem die Rekonstruktion der diskursiven Arbeit der Herstellung der ausschließlich binären Geschlechterkonstruktion selbst im Zentrum des Interesses gestanden. Die unzweifelhaft größte Leistung von Butlers Konzept für die sich herausbildende Geschlechterforschung besteht darin, die Prozesse der Herstellung der repressiven binären Geschlechterdiferenz in Diskursen beschreib- und rekonstruierbar gemacht zu haben. Doch stellen jene diskursiven Operationen, welche die zwangsheterosexuelle Konstruktion absichern und stabilisieren, indem sie ihre Unausweichlichkeit behaupten und auf sie aufbauen, einen ebenso historisch wichtigen und wirksamen, wenn auch weniger spektakulären Bereich historischer Wirklichkeit dar. In diesem Sinne war es ein methodisch-theoretisches Ziel dieser Arbeit, die Veränderung der die repressive binäre Geschlechterdifferenz stabilisierenden und absichernden Diskurse der Konstruktion der Frau auf der theoretischen Grundlage von Butlers Konzeption zu beschreiben und sichtbar zu machen. Denn nur wenn einheitlich von dem Konzept einer kulturell hervorgbrachten Geschlechterdifferenz ausgegangen wird, können alle in diesem Bereich relevanten Diskurse untersucht werden. Erst dadurch werden unterschiedliche Funktionen einzelner Diskurse bei der Konstruktion der Geschlechter im historisch-diskursiven Feld erkennbar.

Durch die Arbeit an konkreten Textreihen, die die Veränderung der Konstruktion der Frau in ihrem historischen Verlauf innerhalb eines Erzählmusters zeigen können, lassen sich die Prozesse der Veränderung besonders gut beschreiben. Hierfür wird lediglich ein Ausschnitt des diskursiven Feldes betrachtet und nur ein Ergebnis in diesem Rahmen – eben auf die konkret untersuchten Texte bezogen – erzielt. Eine grundsätzlich andere Methode ist der Versuch, die Geschlechterkonstruktion anhand der Gattungszugehörigkeit der Texte zu bestimmen. Dies erlaubt die Möglichkeiten und Grenzen einzelner Genres auszuloten. Dabei kann auch die Rolle des „Genres“ bei der Hervorbringung der Geschlechterdifferenz herausgearbeitet werden.2 Doch bleibt eine solche Analyse auch dann, wenn sie sich weit in den Raum moderner Gattungsbegriffe öffnet, der normativen Dimension einer Klassifizierung nach „Genres“ verhaftet, die entweder nicht ausreichend auf den spezifischen Gebrauchskontext oder in konkreten Texten vorliegende Gattungsmischung eingehen kann.3 Nichtsdestotrotz sind beide Fragestellungen nötig, wenn die Diskurse der Geschlechterkonstruktion rekonstruiert werden sollen. In diesem Sinne ist auf der Grundlage eines weiten Verständnisses der prinzipiellen Konstruiertheit der Geschlechter eine Arbeit von beiden Seiten entlang der Überlieferung konkreter Erzählmuster sowie der Gattungen und ihrer Entwicklung wünschenswert.

Die Arbeit an Textreihen eröffnet immer nur Ausschnitte aus dem diskursiven Feld. In diesem Sinne kann diese Arbeit auch keine abschließende Aussage über die Konstruktion der Frau im 15. Jahrhundert vorlegen. Vielmehr lassen sich an ihre Forschungsergebnisse andere Arbeiten anschließen, welche die Grenzen und Möglichkeiten von Gattungen der Geschlechterkonstruktion in einzelnen Gattungen oder die Erforschung anderer konkreter Überlieferungszusammenhänge und historischer Umgangsweisen mit Erzählmustern und Textreihen zum Ziel haben. Wenn es gelingen soll, die diskursiven Prozesse der Geschlechterkonstruktion zu rekonstruieren, wird beides notwendig sein.


Fußnoten und Endnoten

1 Butler, 1991.

2 Dies versucht Gaunt, 1994.

3 Die Beschreibung der Chanson de geste bei Gaunt ist genau zu diesem Kompromiss gezwungen. Gerade spätere Texte modifizieren die Geschlechterkonstruktion der „Monologic masculinity.“ Durch den historischen Gebrauchszusammenhang der Königin Sibille und ihre Funktion für adlige weibliche Selbstvergewisserung, wird seine Bestimmung der Geschlechterkonstruktion in der Chanson de geste ad absurdum geführt, ohne dadurch als Gattungsbestimmung weniger richtig zu sein.



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04.08.2004