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2.  Einleitung

2.1. Allgemeines

Die englische Königin Elisabeth I. war bereits recht fortschrittlich, was den Schutz ihres Volkes vor Lärm betraf. Im 16. Jahrhundert gab es scheinbar die höchste Lärmexposition in den nächtlichen Stunden durch schlagende Familienväter. Ohne vorhergehende epidemiologische Studien, ordnete die Herrscherin an, dass jene Familienväter nach 22 Uhr Ruhe zu geben haben. Auch heute hat Großbritannien als Industrienation, wie viele andere Länder, eine hohe Lärmexposition. Es ist daher nicht verwunderlich, dass vor allem hier in jüngerer Zeit mehrere Studien zum Zusammenhang zwischen Lärmexposition und dem physischen und psychischen Befinden des Individuums durchgeführt wurden. Aber auch in anderen Teilen der Welt wurde und wird zu dieser Problematik geforscht.

2.2.  Lärmstudie Berlin 1998-2001

Die dieser Arbeit zu Grunde liegende Berliner Lärmstudie versuchte ebenfalls in einem großen Umfang die gesundheitlichen Folgen einer Lärmbelastung aufzuzeigen. Das kardiovaskuläre System stand im Mittelpunkt der Untersuchung. Man wollte prüfen, ob eine chronische Lärmexposition statistisch signifikant das Risiko eines Herzinfarktes erhöht.

Als Fall-Kontroll-Studie an 32 Krankenhäusern Berlins durchgeführt, wurden die Aussagen zur Lärmexposition von Patienten mit den Diagnosen Herzinfarkt und plötzlicher Herztod nach Reanimation zur Bestätigung oder Widerlegung der Hypothese zusammengetragen und mit Kontrollpatienten verglichen. Insgesamt sind innerhalb von drei Jahren 4115 Personen interviewt worden.

Im Mittelpunkt der Untersuchung dieser Arbeit standen dabei die Wechselwirkungen zwischen Lärmbelästigung und Lärmempfindlichkeit sowie ihre Beeinflussung durch ausgewählte äußere Faktoren. Dabei kamen verschiedene statistische Modelle zur Anwendung.


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2.3.  Darstellung von Lärm, Lärmbelästigung und Lärmempfindlichkeit

Die in dieser Arbeit viel verwandten Begriffe Lärm, Lärmbelästigung und Lärmempfindlichkeit werden im Folgenden näher beschrieben und Ergebnisse früherer Studien vorgestellt.

Zunächst erfolgt eine Erläuterung über die Wirkung, Verarbeitung und Folgen des Lärms. Seine häufige Präsenz wird oft als mögliche Ursache für psychische und physische Beschwerden angegeben.

2.3.1.  Lärm und seine Effekte

Lärm kann als unerwünschten Schall bezeichnet werden [1] . Dieser wird in seiner Auslegung als Lärm von bestimmten physikalischen Parametern bestimmt.

Es gibt jedoch keine einheitlichen Aussagen auf welche Art und Weise das geschieht.

Nach Schick werden Einzeltöne unangenehmer als Rauschen und impulshaltige Geräusche lästiger als kontinuierliche Geräusche eingestuft [2] . Im Rahmen einer Laborstudie von Dornic wurde allerdings beschrieben, dass für einen als „klar störend“ empfundenen Lärm die Intensität bei rhythmischen und arrhythmischen Lärm höher sein darf als bei kontinuierlichem Lärm [3] .

Es gibt des Weiteren in einer Laborstudie von Berglund et al. Hinweise, die auf eine stärkere Belästigung durch niederfrequenten Lärm als durch hochfrequenten Lärm deuten. Gerade Niederfrequenzen sind im industrialisierten Alltag zu finden. Aber möglicherweise birgt die stärkere Belästigung durch niederfrequenten Lärm einen gewissen Schutz für das Gehör gegen simultan auftretende höhere Frequenzen [4] .

Lärmexpositionen mit gleichen Schallpegeln sind in der Dauer ihrer Einwirkung zu unterscheiden. Das menschliche Gehör reagiert unterschiedlich auf verschiedene Charakteristika von Schallwellen. Deshalb werden die Zeitbewertungen „Fast“, „Impuls“ und „Peak“ bei der Schallpegelmessung zusätzlich angegeben. „Fast“ entspricht der Zeitabhängigkeit der menschlichen Lautstärkeempfindung, sodass der gemessene Pegel das endgültige Maß ist. Anders sieht es mit dem „Impuls“ aus, der wegen seiner verlängerten Zeitkonstante intensiver wirkt und so um einige Einheiten höher bewertet werden muss. Vor allem in der Metallverarbeitung kommen Impulse häufig vor.


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Der „Peak“ hat eine sehr kurze Zeitkonstante, sodass eine Hörschädigung erst bei sehr hohen Schallpegeln auftritt. In der Arbeitswelt trifft man bei Tätigkeiten wie Hämmern, Richten, Schmieden und Ähnlichem auf diesen Schallwellencharakter [5] .

Die Begrenzung der Schallbelastung auf 85 dB(A) bei einer Lärmeinwirkung von mindestens 8 Stunden täglich wurde vor allem zum Schutz der Hörorgane geschaffen [6 ].

Das heißt aber nicht, dass auch die extraauralen Effekte erst ab diesem Lärmpegel vorhanden sind. Sie treten als körperliche Stressreaktion bereits früher auf und sind unter anderem von folgenden Einflussfaktoren abhängig: Zeitdruck, Schichtarbeit, hohe Verantwortung, Zwangsaufmerksamkeit, Lärmempfindlichkeit und Gesundheitszustand. Je nach Vorhandensein und Intensität der einzelnen Faktoren hat der Lärm mehr oder weniger Einfluss auf die physiologischen und psychologischen Regulationsmechanismen. Die Auswertung einer Laboruntersuchung ergab, dass sowohl der Lärmpegel als auch der Lärmtyp des Hintergrundes das Gedächtnis beeinflussen und die simultane Aufnahmefähigkeit und Speicherung verringern [7] .

Das biologische Lärmreaktionsmodell, welches sich auf experimentelle Untersuchungen von Ising, Günther und Markert stützt, weist darauf hin, dass nicht nur der Gehörapparat leidet, wenn bestimmte Schallbelastungen überschritten werden, sondern auch physische und psychische Stressreaktionen hervorgerufen werden [8] .

Die Auswirkungen auf das kardiovaskuläre System stehen in diesem Modell im Mittelpunkt. Da Lärm danach als Stressor auf das periphere vegetative Nervensystem, das zentrale vegetative Nervensystem = Hypothalamus/Hypophyse und das aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem (ARAS) Einfluss nimmt, ist er indirekt in seiner Wirkung messbar. Die stressbedingten Hormonausschüttungen nehmen ihren Anfang im Hypothalamus über die Hypophyse zur Nebenniere. Dort werden vom Nebennierenmark Adrenalin und von der Nebennierenrinde Cortisol freigesetzt. Diese beiden Hormone beeinflussen das Herz-Kreislaufsystem, den Stoffwechsel und die Blutfettwerte.

bewirken, sind nach experimentellen Studien reversibel [9 , 10] .


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Gleiches gilt für die Sekundärreaktionen. Diese äußern sich durch Beeinträchtigungen Auch das ARAS als Regulator des Wach-Schlaf-Rhythmus wird durch den Lärm als äußeren Reiz beeinflusst, wodurch die Formation des Schlafes und das Schlaferleben verändert werden [ 9] . Laboruntersuchungen haben gezeigt, dass der Schlaf einen empfindlichen Parameter für die Lärmbelästigung darstellt. Bei fluglärmgestörten Personen ist eine Reduzierung der Tief- und REM-Schlafphasen zu verzeichnen [11] .

Ebenfalls zu den Primärreaktionen auf Lärm im Schlaf gehören die Zunahme der Dauer hoher Muskelanspannungen und die Verlängerung der Einschlafzeit. Die vegetativen Primärreaktionen im Schlaf, die Veränderungen der Atemfrequenz, der peripheren Durchblutung, des Stoffwechsels und von Hormonausschüttungen der physischen und psychischen Verfassung, des Wohlbefindens, der Leistung, der Konzentration und des Immunsystems. Alle genannten Faktoren können nach fünf bis zehn Jahren Latenzzeit zu irreversiblen Gesundheitsschäden führen [ 11] .

Stress-Situationen durch Lärm machen sich unspezifisch durch eine chronische Cortisolspiegelerhöhung bemerkbar. Man hat festgestellt, dass keine Gewöhnung an regelmäßigen Lärm mit kurzzeitigen Lärmimpulsen stattfindet, sodass fortwährend Cortisol aufgrund einer andauernden Alarmreaktion ausgeschüttet wird. Bei Kontrollverlust und extrem lauten Lärmimpulsen mit einem Lärmpegel von über 90 dB(A) setzen Kampf- oder Fluchtreaktionen ein, die den Adrenalin- und Noradrenalinspiegel erhöhen. Steigt der Lärm über 120 dB(A), so kommt es zu einer Niederlagereaktion mit erhöhtem Cortisolspiegel. Bei häufigem Kontrollverlust finden sich mittelfristige Auswirkungen auf den Blutdruck, die Blutfettwerte, die Viskosität des Blutes, den Glucosestoffwechsel, den Auswurf des Herzens und auf die Blutgerinnungsfaktoren. Das Zusammenspiel der Faktoren kann sich als arterielle Hypertonie oder Myokardinfarkt manifestieren [12] . Diese Konsequenzen sollen hier nur erwähnt bleiben.

Im Folgenden interessiert die Individualität der Lärmbelästigung. Schall wird nicht zu jeder Zeit und von jeder Person als Lärm angesehen. Er stellt eher ein Indiz dar. Der Schall ist ein Hinweis für einen, aus der Sicht der Betroffenen, negativ beurteilten und erlebten Sachverhalt [13] .

Es ist zu fragen, warum eine Person weniger auf den Stressfaktor Lärm reagiert als eine andere und das Modell der Lärmreaktion nicht pauschal anwendbar ist.


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2.3.2.  Lärmbelästigung

Wird ein Schall empfunden, so kann dieser als Belästigung aufgefasst werden. Oft werden Lärmbelästigung und Lärmstörung synonym verwandt. Guski hingegen differenzierte diese Begriffe wie folgt: „Die Belästigung kommt nach der Störung“ und sie ist: „die negative Bewertung einer Störung“[ 1] .

Hört man seine Lieblingsmusik, ist das eigene Kind laut oder mag man das Motorgeräusch seines Automobils, so wird keine Lärmbelästigung angegeben, obwohl eine Störung durch Lärm vorliegt. Sobald jedoch der nicht grüßende Nachbar Trompete spielt oder die Fernverkehrsstraße am Haus vorbeiführt, steigt die Lärmbelästigung wahrscheinlich stark an.

Der Informationsgehalt des unerwünschten Schalls trägt ebenfalls zur Beurteilung des Lärms bei [ 8] . Ob ein Streitgespräch mitgehört wird oder eine Waschmaschine dröhnt, beeinflusst die Konzentration während der Arbeit unterschiedlich.

Dass die Lärmbelästigung vom objektiven Lärmpegel abhängt, belegen zahlreiche Feldstudien. Die Stärke der angegebenen Korrelationen schwanken zwischen 20 und 89 Prozent [14 , 15 , 16] . Viele Fluglärmuntersuchungen sind darunter. Fluglärm steht an zweiter Stelle in der Kategorie der Verursacher von Lärmbelästigung [17] .

Eine Definition der Lärmbelästigung gibt neben der physikalischen Aussendung und Aufnahme eines akustischen Stimulus als Ursache auch den Inhalt und die Quelle des akustischen Reizes, die individuelle Lärmempfindlichkeit, die Einstellung zum Lärm und die momentane Tätigkeit an. Die Assoziation des Lärms mit bestimmten Erinnerungen oder Affekten darf allerdings nach dieser Definition auch nicht außer Acht gelassen werden [18] . In verschiedenen Laborstudien sind alle genannten Punkte der Definition bestätigt worden [ 8, 19 , 20 , 21 , 22 , 23] .

Und doch bleibt der fehlende Bezug zum Alltag ein wesentliches Problem. Unter Laborbedingungen hat man nur den Faktor Lärm. Die Situation entspricht selten der Realität. Außerdem ist die Untersuchung im Bewusstsein des Probanden und die Zeit der Lärmeinwirkung limitiert.

Schwierig ist auch die Probandenauswahl. Welche Bevölkerungsgruppen eingeschlossen werden und welche Konsequenzen bei der Auswertung beachtet werden müssen, sollte genau definiert sein.


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Stansfeld et al. stellten in Bezug zur Belästigung durch Verkehrslärm im Labor einen Zusammenhang fest, welcher in der Feldstudie aufgrund des angepassten Verhaltens im Alltag fehlte. So wurden nur im Labor neben Schlafstörungen negative Effekte auf die Leistung bei komplexen Aufgaben und das soziale Verhalten sichtbar [24] . Aus diesem Grund sollten vorzugsweise Feldstudien für die Untersuchungen von Lärm und seinen Folgen durchgeführt werden.

Aber auch hier gibt es Nachteile. Störschallpegel können nicht systematisch variiert werden und mehrere Lärmquellen wirken zusammen. Zudem sollte eine Studie die Bevölkerung möglichst repräsentativ erfassen, um Störfaktoren kontrolliert berücksichtigen zu können.

Die Bestimmung der Lärmbelästigung im Alltag wirft Schwierigkeiten auf. Die objektive Beurteilung einer Lärmbelastung ist durch den Schalldruckpegel möglich. Dieser ist nicht über 24 Stunden am Tag konstant und unterschiedliche Gegebenheiten, wie zum Beispiel Wanderbaustellen, müssen beachtet werden. Die variierende bauliche Beschaffenheit einer Wohnung oder das Verhalten der Bewohner in Bezug zum Lärm (Fenster schließen oder zur anderen Seite hinaus schlafen) kann die Messung der Lärmbelastung als auch die Bestimmung der Lärmbelästigung verfälschen.

In der Arbeit von Kjellberg wurden zwei Möglichkeiten der Messung der Lärmbelästigung vorgestellt. Eine Version stellte die Befragung der Probanden nach dem subjektiv empfundenem Lärm und seiner Belästigung dar. Diese Angaben wurden dann mit den objektiv gemessenen Lärmpegeln verglichen, wobei ein Anstieg der Lärmbelästigung mit dem Lärmpegel im gleichen Ausmaß festzustellen war. Eine andere Möglichkeit war die Befragung der Probanden nach dem psychischen und physischen Befinden während des Lärms und in seiner Abwesenheit. Dazu wurde ein zweidimensionales Stressmodell entwickelt [25] . Man beobachtete, dass während des Lärms die Stimmung eher schlecht war. Effekte auf die psychophysiologischen Aktivitäten während des Lärms konnten nicht festgestellt werden [26] .

Meist wurden jedoch Skalen, wie zum Beispiel die 7-stufige Skala von Stansfeld et al., mit einer Frage zur Lärmbelästigung genutzt [27] .


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Eine 9-stufige Skala wählte Borsky. Es wurden sechs Fragen zur Lärmbelästigung während bestimmter Situationen im Alltag gestellt. Bei maximal 54 Punkten sind drei Kategorien unterschieden worden (gar keine oder wenig Belästigung‚ moderate Belästigung‚ hohe Belästigung) [28] .

Eine andere Studie nahm zur Frage nach der Lärmbelästigung nur die Möglichkeiten „Ja“ oder „Nein“ auf [29] .

Die aufgezwungene Allgegenwärtigkeit von Lärm führt zu einer Lärmbelästigung [ 3, 30] . Das trifft vor allem für den Verkehrslärm zu. Zwei voneinander unabhängige Studien in Deutschland und Spanien stellten den Verkehrslärm als größten Verursacher der Lärmbelästigung dar. Die deutsche Studie gab an, dass 30 Prozent der Bevölkerung einer starken Belästigung durch den Verkehrslärm ausgesetzt sind [ 17, 31] .

Anderer Umweltlärm kann ebenfalls als Belästigung empfunden werden. So ist der Gemeinschaftslärm der häufigste Grund für Nachbarschaftsprobleme [24, 28, 32 , 33] .

Eine negative Bewertung von zusätzlichem Umweltlärm und des Lebensumfelds erhöhte bei Amsterdamer Bürgern die Prävalenz der Lärmbelästigung [34] .

Die Auswirkungen von chronischen Fluglärm interessierte in einer Untersuchung an 340 Kindern zwischen acht und zwölf Jahren. Es stellte sich heraus, dass eine Einschränkung des Verständnisses beim Lesen und eine hohe Lärmbelästigung in den Gebieten mit einem Lärmpegel von mehr als 66 dB(A) angegeben wurden. Mentale gesundheitliche Probleme konnten nicht erfasst werden [35] .

Die Prüfung des Einflusses von ständigem Industrielärm auf psychologische Stresssymptome, Unfallverwicklung und Abwesenheit wegen Krankheit, getrennt nach Männern (n = 1680) und Frauen (n = 688), ergab geschlechtsspezifische Unterschiede [36] . Bei Männern beeinflusste der Lärmpegel die Unzufriedenheit während der Arbeit und die Reizbarkeit nach der Arbeit, derweil sich bei Frauen vor allem somatische Beschwerden, Angst und Depression zeigten. Dass keine positive Assoziation zwischen dem Ausbruch einer psychischen Krankheit und der Lärmbelästigung besteht, beschrieben unter anderem Studien von Morrel et al. und Stansfeld et al. [37 , 38 ].

Allerdings finden sich hier und in weiteren Studien Hinweise für einen positiven Zusammenhang zwischen der Lärmbelästigung und der Einnahme von Psychotropica beziehungsweise dem Vorhandensein von Angst [ 35, 36, 39 , 40] .


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Eine Untersuchung bei Krankenschwestern einer Intensivstation ergab ein Überwiegen der lärminduzierten „burnouts“ im Vergleich zu „burnouts“ durch sonstige Stressoren im Alltag [41] .

Die Annahme, dass durch Lärm als Stressor der Konsum von Alkohol, Tabak und anderen Drogen steigt, konnte zumindest in einer norwegischen Studie nicht bestätigt werden [42] .

Eine Auswertung von Beschwerden über Lärm in der ehemaligen DDR ergab, dass die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht, ein hohes Alter und eine hohe Schulausbildung mit einer stärkeren Lärmbelästigung einhergehen [43] .


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2.3.3.  Lärmempfindlichkeit

Der gleiche Schalldruckpegel kann bei verschiedenen Personen unterschiedliche Lärmbelästigungen hervorrufen [ 28] . Als Erklärung für dieses Phänomen könnte die Lärmempfindlichkeit als zeitlich stabile Persönlichkeitseigenschaft gesehen werden [44] . Die individuelle Einstellung gegenüber unterschiedlichen Geräuschen in einer Vielzahl von Situationen würde durch sie erklärt werden.

In einer Studentenwohnheimstudie in Kalifornien fiel auf, dass die Lärmempfindlichkeit eine hohe Korrelation zum privaten Verhalten und zu einer Reihe von Streitigkeiten aufwies. Die lärmempfindlichen Studenten schienen generell weniger gut mit sozialen Situationen umgehen zu können. Sie waren weniger dominant und zeigten eine geringere Statuskapazität, Geselligkeit und soziale Präsenz. Bestanden wirklich persönliche Differenzen, so war die Aussicht auf Besserung durch Lärmreduktion gering [45] .

Belojevic hielt ebenfalls fest, dass wahrscheinlich die individuellen Variationen der Lärmempfindlichkeit unterschiedliche soziale und psychophysiologische Reaktionen beeinflussen, wenn Personen Lärm ausgesetzt werden. Die subjektive Lärmempfindlichkeit muss ein relativ stabiler Teil des persönlichen Charakters sein [46] .

Es stellt sich die Frage nach der Art und Weise der Messung der Lärmempfindlichkeit. Ferner ergibt sich das Problem der standardisierten Wiedergabe der Lärmempfindlichkeit.

Eine kaum genutzte Methode ist die Erstellung eines Lärmempfindlichkeitsindexes, der die subjektiv wahrgenommenen körperlichen Beschwerden durch die Lärmexposition allein oder in Gegenwart anderer physisch belastender Faktoren wiedergibt. Er wird während der Exposition experimentell bestimmt [47 , 48] .

Der sogenannte Self report ist eine weit verbreitete Methode [ 34, 49] . Die Probanden beantworten die Frage nach der Lärmempfindlichkeit mit Hilfe von vorgegebenen Antwortmöglichkeiten. Diese sind zum Beispiel „sehr lärmempfindlich“ und „wenig lärmempfindlich“.

Eine andere Möglichkeit ist die Likert-Skala, die von den Untersuchern vorgegeben wird und bei der die Probanden ihren Grad an Zustimmung oder Ablehnung angeben [50] .


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Erste Ansätze ein standardisiertes Instrument zu schaffen, sind mit dem Mc Kennell-Fragebogen gelungen. Sieben dargestellte Situationen unter Lärmbelästigung sollten mit „Ja, es würde mich stören“ oder „Nein, es würde mich nicht stören“ beantwortet werden. Mit maximal sieben Punkten konnte die Lärmempfindlichkeit wiedergegeben werden [51] .

Eine weitere Variante sind zwei Skalen mit jeweils 21 Fragen, die sich auf die Begeisterung bei Tätigkeiten im Alltag beziehen. Einer Skala wurden die Angaben unter zusätzlicher Lärmbelästigung zugeordnet [52] .

Die Weinsteinskala [ 45] ist letztendlich ein standardisiertes Instrument mit hoher Reliabilität und Validität, welche in den USA entwickelt wurde [53] . Sie ist verbunden mit dem Weinstein-Fragebogen. Die 21 spezifischen Fragen zu Lärmsituationen im Alltag haben sich auch im deutschsprachigen Raum als stabiles Messinstrument durchgesetzt. Die deutsche Version wurde von Zimmer et al. entwickelt [ 44] . Die Übersetzung des englischen Fragebogens zeigte eine zufriedenstellende Reliabilität und Konstruktvalidität. Somit war es in der epidemiologischen Lärmstudie Berlin möglich einen validierten deutschsprachigen Fragebogen anwenden zu können.

Es ist zu analysieren, welche Bedeutung der Lärmempfindlichkeit beigemessen werden kann. Nach der Untersuchung von Job besitzt sie nach dem Schalldruckpegel die zweitstärkste positive Assoziation zur Lärmbelästigung [ 15] .

Die physiologischen Auswirkungen der Lärmempfindlichkeit spiegeln sich in der Erhöhung der Herzfrequenz und der Erhöhung der Leitfähigkeit der Haut wider [54 , 55] . Bei einer hohen Lärmempfindlichkeit sinkt die Unbehaglichkeitsschwelle des Schalldruckpegels bei konstanter Hörschwelle [ 3, 27, 56 , 57] . Ein Einfluss auf die mentale Leistung wurde in drei Laboruntersuchungen beschrieben [ 3, 58 , 59] . Eine andere Untersuchung verneinte jeden Zusammenhang [60] .

In einer nächsten experimentellen Studie ging man von der Annahme aus, dass eine hohe Lärmempfindlichkeit bei depressiv verstimmten Personen durch Relaxationstechniken verringert werden könnte. Es zeigte sich, dass allein der wechselnde Schalldruckpegel die Angaben zur Lärmempfindlichkeit bestimmte [61] .

Eine positive Assoziation zwischen Lärmempfindlichkeit und Depression konnte allerdings in zwei Feldstudien in Großbritannien und in Serbien dargestellt werden [ 54, 62] .


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In einer weiteren Untersuchung mit dem Ziel die Beziehung zwischen Umweltlärm, genereller neurophysiologischer Empfindlichkeit, Lärmempfindlichkeit und anderen individuellen Charakteren zu beschreiben, war die Lärmempfindlichkeit statistisch signifikant verbunden mit der Lärmbelästigung und dem Lärmverhalten. Zusätzlich zeigte sich eine Assoziation zum Neurotizismus, welcher mit der Eysenck Personality Inventory (EPI) Skala [63] bestimmt wurde [64] .

Andere Feldstudien zeigten ebenfalls übereinstimmend einen statistisch signifikant positiven Zusammenhang zwischen dem Neurotizismus (EPI-Skala) und der Lärmempfindlichkeit (Weinsteinskala) [ 27, 62] . Eine Laboruntersuchung konnte diesen Zusammenhang nicht darstellen [ 3] .

In der Literatur ist auch die Ängstlichkeit auf eine Beziehung zur Lärmempfindlichkeit geprüft worden [ 28, 65 , 66] . Die Untersuchungen bestätigten alle einen Anstieg der Lärmempfindlichkeit mit dem Angstempfinden.

In zahlreichen Studien wurde der allgemeine Gesundheitsstatus als Einflussfaktor untersucht. Bei lärmempfindlichen Personen fiel er häufig schlechter aus [ 43, 66, 67] . Die Gesundheit konnte nach diesen Ergebnissen als Spiegel des Kontrollverlusts über den Lärm und Angsteffekten während des Lärmsignals gesehen werden. Zu diesem Schluss kam auch Borsky [ 28] . Zudem stellte sich eine deutlich schlechtere Krankheitsbewältigung bei hoher Lärmempfindlichkeit dar [ 30, 68] .

Wie bei der Lärmbelästigung sind das Alter, das Geschlecht und die soziodemographischen Faktoren nicht zu vernachlässigen. Die ausgeprägteste positive Assoziation in Bezug zur Lärmempfindlichkeit zeigte dabei der Sozialstatus. Eine hohe Lärmempfindlichkeit wurde oft von sozioökonomisch besser Gestellten angegeben [ 34, 66]. In einer Tiroler Verkehrslärmuntersuchung hingegen konnten keine Besonderheiten des Sozialstatus in Bezug zur Lärmempfindlichkeit festgestellt werden [ 67] .

Auch das Geschlecht wurde auf seine Beziehung zur Lärmempfindlichkeit geprüft. In einer Studie in Norwegen zeigte sich bei Frauen ein signifikanter Einfluss der Lärmempfindlichkeit auf die Lärmbelästigung, während er bei Männern fehlte. Für weitere untersuchte Faktoren, wie die physiologische Gesundheit, den Schlaf, die Ängstlichkeit und die Unzufriedenheit stellte sich bei den Frauen ebenfalls eine statistisch signifikante positive Korrelation zur Lärmempfindlichkeit dar [ 66] .

Ein weiterer möglicher Einflussfaktor ist das Alter. Untersuchungen zeigten, dass Frauen zwischen 30 und 44 Jahren die höchste Lärmempfindlichkeit haben [ 27] .


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Eine Studie aus der ehemaligen DDR gab bei beiden Geschlechtern ein Maximum der Lärmempfindlichkeit bei 30 bis 50-Jährigen an [ 29] . Eine andere Studie der gleichen Autoren, bei welcher Beschwerden wegen Lärmbelästigungen nachgegangen wurde, zeigte zusätzlich einen Altersgipfel bei den

60 bis 70-Jährigen [ 43] .


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2.4.  Ziel der Studie

Die vorliegenden Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen Lärmbelästigung und Lärmempfindlichkeit. Die Lärmbelästigung wird dazu getrennt nach Tag und Nacht dargestellt. Zusätzlich soll der mögliche Einfluss des Geschlechts, des Alters und der soziodemografischen Faktoren analysiert werden.

Die Patientenrekrutierung für diese Untersuchung erfolgte im Rahmen der Berliner Epidemiologischen Lärmstudie, die als ein gemeinsames Forschungsprojekt des Institutes für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesellschaftsökonomie der Charité, des Umweltbundesamtes und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin durchgeführt wurde.


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01.03.2004