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3.  Methodik

3.1.  Studienbeschreibung

Innerhalb der Fall-Kontroll-Studie, die für die Erörterung des Lärmeinflusses auf das kardiovaskuläre System am günstigsten erschien, wurden insgesamt 4115 Interviews durchgeführt. Für die vorliegende Arbeit sind davon 2235 Interviews im Zeitraum von 1998-1999 ausgewertet worden.

Es wurden an 32 Krankenhäusern Berlins alle Herzinfarktpatienten ermittelt, die unter 70 Jahre alt waren. Sie stellten die Gruppe der Fälle dar, die der Fall-Kontroll-Studie zugrunde lag. Die Diagnose Herzinfarkt wurde von den jeweils zuständigen Ärzten erfragt, wobei das EKG und die Enzyme ausschlaggebend waren. Auch Art und Lokalisation des Herzinfarktes sind festgehalten worden.

Als Kontrollen wählte man Probanden auf unfallchirurgischen Stationen und einen Teil des Patientengutes auf allgemeinchirurgischen Stationen aus. Sie wurden in Bezug zur Fallgruppe nach Alter, Geschlecht und Krankenhaus „gematcht“. So wurde gewährleistet, dass Umgebung und Situation ähnlich waren und somit Selektions- und Beobachtungsbias verringert werden konnten.

Mit einem jeweiligen Umfang von fünf Jahren sind zehn Altersgruppen zwischen 20 und 69 Jahren zusammengestellt worden, wobei Fall und Kontrolle jeweils in die gleiche Altersgruppe fielen. Zusätzlich mussten die Probanden zur Aufnahme in die Studie seit mindestens fünf Jahren in Berlin leben.

Die Patienten wurden über Ziel und Zweck der Studie nur grundsätzlich informiert. Man wollte vermeiden, dass die Probanden ihre Erkrankung als Ursache der Lärmexposition sahen und aus diesem Grund ihre Antworten auf die mögliche Assoziation hin ausrichteten. Daher wurde das Ziel der Studie verallgemeinert und als Umfrage zur Problematik der Umwelteinflüsse auf die Gesundheit des Menschen dargestellt.

Stimmte der Patient dem etwa einstündigen Interview zu, wurden in der Einverständniserklärung Name, Adresse und Geburtsdatum festgehalten und zusätzlich um die Zustimmung zur Einsicht in die Krankenakte gebeten. Bei den arbeitenden Probanden stand zudem die Frage, ob die Durchführung einer Lärmmessung am Arbeitsplatz mit Einwilligung des Arbeitgebers möglich wäre.


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Nach dieser Einführung nahm man die Aussagen der Probanden im Rahmen eines standardisierten Interviews auf. Bei einer Stichprobe (n = 102) wurden zusätzlich am Schlafzimmerfenster Lärmmessungen durchgeführt.

Mit Hilfe einer Straßenverkehrslärmkarte Berlins, die regelmäßig aktualisiert wird und mittels der Adressen der Probanden wurde der Lärmpegel bestimmt.

Das Interview selbst begann mit Fragen zu den Wohnungseigenschaften und dem Verhalten der Probanden in der Wohnung. Es folgte die Befragung zur Stärke der Lärmbelästigung. Als mögliche Ursachen wurden der Straßenverkehrslärm und sonstiger Umweltlärm erörtert.

Der zweite Teil beschäftigte sich mit der Arbeitslärmbeschreibung und den Arbeitsbedingungen, denen der Proband in den letzten 10 Jahren ausgesetzt war.

Die Probanden wurden zu jedem Arbeitsbereich in diesem Zeitraum getrennt befragt. Neben Störungen durch Straßen- und Umweltlärm, interessierte vor allem der Lärm am Arbeitsplatz.

Es schloss sich der Weinstein-Fragebogen mit einem Umfang von 21 Fragen an. Er sollte die Lärmempfindlichkeit der Probanden wiedergeben.

Bei Personen, die zu dem Zeitpunkt des Interviews im Erwerbsleben standen, ergänzte man das Interview mit dem Jobstressfragebogen nach Siegrist [69 ], welcher zur Erhebung psychosozialer Belastungskonstellationen im Arbeitsalltag dient. Vor allem die Zufriedenheit mit sich selbst bei der Arbeit, die Belastung durch Verantwortung, die Einstellung zur Arbeit, das Verhältnis zu den Kollegen und anderes wurden erfasst.

Abschließend interessierten die Aussagen zur körperlichen Aktivität, zum Nikotinabusus, zu den Familienverhältnissen, zur familiären Herzinfarktanamnese, zur Schulbildung, zur Krankenkassenmitgliedschaft und zum Haushaltsnettoeinkommen.

Im Anschluss an das Interview wurde das Krankenblatt eingesehen. Die Zahl der stattgefundenen Herzinfarkte, das Ausmaß des Ereignisses und die Projektion des Infarktes waren in der Fallgruppe von Interesse. Bei der Frage nach dem kardiovaskulären Risiko durch Lärm erfasste die Untersuchung aber nicht nur die Herzinfarkte. Auch Patienten nach plötzlichem Herztod mit erfolgreicher Reanimation kamen für die Fallgruppe in Betracht. Bei allen Probanden der Studie sind zur Vermeidung von Störfaktoren das Körpergewicht, die Körpergröße und die Diagnosen Diabetes mellitus, Apoplex und arterielle Hypertonie aufgenommen worden. Die Diagnosen waren von Bedeutung, weil sie mit einem erhöhten Risiko für einen Herzinfarkt oder für einen plötzlichen Herztod einhergehen [70 ].


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3.2. Lärmbelästigung

Straßenverkehrslärm und anderer Umweltlärm (Fluglärm, Schienenverkehrslärm, Industrie- oder Gewerbelärm, Baulärm, Lärm im Haus) sind im Interview getrennt nach Tag und Nacht erfasst worden. In die Auswertung der vorliegenden Arbeit sind nur die Ergebnisse zum Straßenverkehrslärm eingegangen, da hier die höchste Exposition bestand. Außerdem sind die Charaktere des Verkehrslärms, wie die Allgegenwärtigkeit und die geringe Beeinflussbarkeit zu beachten, die die Straße zu einer wichtigen und für die Auswertung geeigneten Lärmquelle machen.

Auf einer Likert-Skala von eins (überhaupt nicht gestört) bis fünf (sehr gestört) wurden die Probanden gebeten, die Belästigung durch den Lärm getrennt nach Tag und Nacht zu beurteilen.

Da in dieser Arbeit der Vergleich mit der gegenwärtigen Lärmempfindlichkeit vorgenommen wurde, ist nur die Lärmbelästigung der aktuellen Wohnung in die Auswertung eingegangen. Das ist vertretbar, weil im Durchschnitt die Wohndauer in der aktuellen Wohnung bei 18 Jahren lag.


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3.3.  Lärmempfindlichkeit

Die Bestimmung der Lärmempfindlichkeit erfolgte mit Hilfe des Weinstein-Fragebogens [ 45] . Es wurde die deutsche validierte Version verwendet [ 44] .

Die Probanden wurden gebeten, in diesem Fragebogen zu 21 Statements Stellung zu nehmen. Die individuelle Lärmempfindlichkeit spiegelte sich in 15 Statements wieder. Drei generelle Lärmstatements (5, 8, 14) und zwei Fragen (1, 9) zu unterschiedlichen hypothetischen Lärmsituationen vervollständigten den Weinstein-Fragebogen. Die letzte Frage diente der Selbsteinschätzung des Probanden. Die Beantwortung erfolgte mittels einer sechsstufigen Skala. Auf dieser konnte der Befragte von eins (stimmt genau) bis sechs (stimmt überhaupt nicht) wählen.

Zur Auswertung wurden null bis fünf Punkte vergeben. Die Höchstpunktzahl gab es für die Aussage, die die Lärmempfindlichkeit am stärksten unterstrich. Das war in den Fragen 1, 3, 8, 12, 14, 15 und 20 für die Aussage: „Stimmt überhaupt nicht“ und bei den anderen für die Aussage: „Stimmt genau“ der Fall. Aus diesen Punkten wurde der Summenscore von allen 21 Fragen errechnet und dem Probanden zugeordnet.

Es sind nicht immer alle 21 Fragen beantwortet worden, deshalb bildete man die Mittelwerte aller beantworteten Fragen pro Proband. Die Probanden, die weniger als 80 Prozent angaben wurden nicht in die Studie aufgenommen. Multiplizierte man die Mittelwerte mit der Gesamtzahl der Fragen, so erhielt man wieder einen Summenscore.

Die deutsche Übersetzung des Fragebogens ist auf der nächsten Seite zu sehen.

  1. Es würde mir nichts ausmachen an einer lauten Straße zu wohnen, wenn
    meine Wohnung schön wäre.
  2. Mir fällt Lärm heutzutage mehr auf als früher.
  3. Es sollte niemanden groß stören, wenn ein anderer ab und zu seine
    Stereoanlage voll aufdreht.
  4. Im Kino stört mich Flüstern und Rascheln von Bonbonpapier.
  5. Ich werde leicht durch Lärm geweckt.
  6. Wenn es an meinem Arbeitsplatz laut ist, dann versuche ich Tür und Fenster
    zu schließen oder anderswo weiterzuarbeiten.
  7. Es ärgert mich, wenn meine Nachbarn laut werden.
  8. An die meisten Geräusche gewöhne ich mich ohne Schwierigkeiten.
  9. Es würde mir etwas ausmachen, wenn eine Wohnung, die ich gerne mieten
    würde, gegenüber der Feuerwache läge.
  10. Manchmal gehen mir Geräusche auf die Nerven und ärgern mich.
  11. Sogar Musik, die ich eigentlich mag, stört mich, wenn ich mich konzentrieren
    möchte.
  12. Es würde mich nicht stören, die Alltagsgeräusche meiner Nachbarn
    (z.B. Schritte, Wasserrauschen) zu hören.
  13. Wenn ich allein sein möchte, stören mich Geräusche von außerhalb.
  14. Ich kann mich gut konzentrieren, egal was um mich herum passiert.
  15. In der Bibliothek macht es mir nichts aus, wenn sich Leute unterhalten,
    solange dies leise geschieht.
  16. Oft wünsche ich mir völlige Stille.
  17. Motorräder sollten besser schallgedämpft sein.
  18. Es fällt mir schwer, mich an einem lauten Ort zu entspannen.
  19. Ich werde wütend auf Leute, die Lärm machen, der mich vom Einschlafen
    oder vom Fortkommen in der Arbeit abhält.
  20. Es würde mir nichts ausmachen, in einer Wohnung mit dünnen Wänden zu
    leben.
  21. Ich bin geräuschempfindlich.


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3.4.  Soziodemografische Faktoren

Um die Beeinflussung auf die Lärmempfindlichkeit und die Lärmbelästigung bewerten zu können, sind die folgenden Faktoren berücksichtigt worden:

Alter, Geschlecht, Schulabschluss, Haushaltsnettoeinkommen,

Personenanzahl im Haushalt, Familienstand.

Das Alter wurde als stetiger Faktor von 20 bis 69 Jahren bewertet. Alle anderen Faktoren wurden in Kategorien dargestellt.

Das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen ist, wie der Schulabschluss, noch einmal in Klassen zusammengefasst worden (Tab. 1, 2).

Tab. 1 : Haushaltsnettoeinkommen

Haushaltsnettoeinkommen

Einkommen (1Euro = 1,95583 DM)

Einkommensgruppe

Einkommensklasse

unter 1000 DM (511,3 Euro)

1

 

zwischen 1000 (511,3) und 1800 DM

2

1

(920,3 Euro)

zwischen 1800 (920,3) und 2500 DM

3

 

(1278,2 Euro)

zwischen 2500 (1278,2) und 4000 DM

4

2

(2045,2 Euro)

zwischen 4000 (2045,2) und 6500 DM

5

 

(3323,4 Euro)

6500 DM (3323,4 Euro) und mehr

6

3

keine Angabe

7

4


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Tab. 2 : Schulabschluss

 

Abschluss

Gruppe

Klasse

von der Schule abgegangen,

1

1

ohne Abschluss

Volksschulabschluss,

2

2

Hauptschulabschluss

Mittlere Reife, Realschulabschluss

3

3

Polytechnische Oberschule

4

mit 10. Klasse Abschluss

Fachhochschulabschluss

5

4

Abitur

6

keine Angabe

7

5

Bei der Personenzahl interessierten vor allem die allein lebenden Probanden. Zur weiteren Differenzierung unterschied man zwischen den 2-3 Personenhaushalten und den größeren Haushalten (n > 3).


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Die Aufnahme des Familienstands erfolgte, wie in Tabelle 3 beschrieben.

Tab. 3 : Familienstand

Familienstand

Gruppe

Ich bin verheiratet und lebe mit meinem(r)

1

Ehepartner(in) zusammen

Ich bin verheiratet und lebe mit meinem(r)

2

Ehepartner(in) getrennt

Ich bin ledig

3

Ich bin geschieden

4

Ich bin verwitwet

5

keine Angabe

6

Des Weiteren war die Wohndauer von Interesse, da die Angaben zur Lärmbelästigung zu Hause sich auf die aktuelle Wohnung bezogen. Die Lärmempfindlichkeit könnte auch durch die Lärmbelästigung einer vorherigen Wohnung beeinflusst worden sein. Deshalb sollte die Wohndauer in der derzeitigen Wohnung bei der Mehrzahl der Personen mindestens 5 Jahre betragen, um die Ergebnisse der Lärmbelästigung und der Lärmempfindlichkeit richtig werten zu können.


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3.5.  Auswertung

Zur Aufnahme der Interviewantworten wurde die Computersoftware „Interview Ci 3“ verwendet. Die Daten wurden anschließend in eine Microsoft-ACCESS Datenbank eingelesen. Die gesamte Auswertung ist mit Hilfe des Statistikprogramms SAS Version 6.12 durchgeführt worden.

Die erhaltenen Daten nutzte man zunächst zur allgemeinen soziodemografischen Erhebung. Im Anschluss wurden die Lärmbelästigung und die Lärmempfindlichkeit für sich und in Bezug zu den soziodemografischen Faktoren betrachtet. Um Tendenzen darstellen zu können, wurde ein Vergleich beider Größen mit Hilfe von Tabellen und Grafiken durchgeführt.

Den zweiten Teil der Auswertung bildete die statistische Analyse, auf deren Details im Folgenden eingegangen wird.

3.5.1.  Auswertung der Lärmbelästigung

Die Lärmbelästigung mit der Punkteskala von eins bis fünf ist als stetige Variable in die Berechnungen eingegangen.

  1. Lärmbelästigung und Alter
    Das Alter war eine stetige Größe. Die Lärmbelästigung war nicht normalverteilt. Deshalb wurden beide Variablen mit Hilfe der Korrelationsanalyse nach Pearson auf ihren Zusammenhang geprüft.
  2. Lärmbelästigung und Geschlecht
    Hier wurde der Wilcoxon-Rangsummentest, welcher stetige aber nicht normalverteilte Werte mit kategorisierten Variablen vergleicht, herangezogen.
  3. Lärmbelästigung und soziodemografische Faktoren
    Da die Lärmbelästigung nicht normalverteilt war und die soziodemografischen Faktoren jeweils kategorisierte Daten darstellten, wurde der Kruskal-Wallis-Test angewandt.


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3.5.2.  Auswertung der Lärmempfindlichkeit

Die Lärmempfindlichkeit, die durch den Weinsteinsummenscore wiedergegeben wurde, konnte die Werte null bis einhundertfünf annehmen und ging deshalb als stetige Variable in die Berechnungen ein.

  1. Lärmempfindlichkeit und Alter
    Mit Hilfe der einfach linearen Regression war es möglich die beiden stetigen Variabeln auf ihren Zusammenhang zu prüfen.
  2. Lärmempfindlichkeit und Geschlecht
    Hier wurde der t-Test, welcher normalverteilte Größen vergleicht, herangezogen.
  3. Lärmempfindlichkeit und soziodemografische Faktoren
    Da die Lärmempfindlichkeit als normalverteilt und stetig betrachtet wurde und die soziodemografischen Faktoren kategorisierte Daten darstellten, eignete sich zur Prüfung der Zusammenhänge die einfaktorielle Varianzanalyse.


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3.5.3.  Zusammenhang zwischen Lärmbelästigung und Lärmempfindlichkeit

Für die Auswertung der stetigen Variablen wurde die Korrelationsanalyse nach Pearson genutzt.

Die Lärmempfindlichkeit war normalverteilt. Aus diesem Grund konnte mit Hilfe der linearen Regression der Zusammenhang zwischen Lärmempfindlichkeit und Lärmbelästigung unter der Bedingung, dass die Lärmempfindlichkeit als abhängige Größe von der Lärmbelästigung betrachtet wurde, näher untersucht werden.

Wurde die Lärmbelästigung als eine von der Lärmempfindlichkeit abhängige Größe gesehen, so konnte die linearen Regression aufgrund der fehlenden Normalverteilung der Lärmbelästigung nicht angewandt werden.

3.5.4.  Mehrfaktorielle Auswertung

In diesem Teil der Auswertung wurde nicht der Einfluss eines Faktors auf die Lärmempfindlichkeit beziehungsweise die Lärmbelästigung geprüft, sondern die Auswirkung mehrerer Faktoren bei gleichzeitigem Auftreten.

Als statistischer Test diente die Kovarianzanalyse. Hier wurden kategorisierte und stetige Faktoren parallel getestet. Die Lärmbelästigung ging als stetige Variable in die mehrfaktorielle Auswertung ein.


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01.03.2004