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6.  Zusammenfassung

Die hohe Inzidenz von 300 bis 400 Herzinfarkten pro 100000 Personen der Bevölkerung pro Jahr zeigt die hohe gesundheitspolitische Bedeutung der Vorsorge. Bei der Frage nach wirkungsvollen präventiven Ansätzen steht die Suche nach möglichen Risikofaktoren mit an erster Stelle. Die Betrachtung des Lärms als möglicher Kofaktor bei der Pathogenese des Herzinfarktes beziehungsweise des plötzlichen Herztodes bildete den Schwerpunkt der epidemiologischen Lärmstudie Berlin.

Die vorliegende Arbeit beschäftigte sich dabei vorwiegend mit dem Zusammenhang zwischen der Lärmbelästigung durch Straßenverkehrslärm und der Lärmempfindlichkeit. In den Analysen wurde die Korrelation zwischen beiden Variablen und die mögliche Beeinflussung dieser Korrelation durch andere Faktoren wie Alter, Geschlecht, Einkommen, Schulbildung oder Wohnsituation bestimmt.

Im Rahmen einer Fall-Kontroll-Studie (Patientenrekrutierung von 1998 bis 2001) wurden für den Zeitraum von zwei Jahren die Angaben von 2235 Probanden ausgewertet. Die Datenerhebung fand im Rahmen eines ca. einstündigen Interviews im Krankenhaus statt. Die Gruppe der Fälle bildeten die Patienten mit akuten Herzinfarkt. Die Kontrollgruppe setzte sich aus chirurgischen Patienten zusammen, nach Alter, Geschlecht und Krankenhaus „gematcht“. Neben Lärmempfindlichkeit und Lärmbelästigung wurden unter anderem die Schulausbildung, das Haushaltsnettoeinkommen, die Personenanzahl im Haushalt und der Familienstand erfasst. Die Beschreibung der erhobenen Daten in Tabellen und Diagrammen ging der analytischen Bewertung voraus, in welcher der mehrfaktorielle Ansatz in Form einer multivariaten Analyse von besonderem Interesse war.

Insgesamt wurden 2235 Probanden untersucht. Darunter befanden sich 1679 Männer im Alter von 55.8 ± 14.5 Jahren und 556 Frauen im Alter von 57.4 ± 14.9 Jahren.

Die Lärmbelästigung am Tag und die Lärmempfindlichkeit hatten eine geringe Korrelation von r p = 0.23. Die Stärke der Korrelation zwischen der Lärmbelästigung in der Nacht und der Lärmempfindlichkeit betrug r p = 0.19.


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Die Lärmbelästigung am Tag zeigte sich in Bezug zu Alter, Geschlecht und soziodemografischen Faktoren mit dem weiblichen Geschlecht, dem Haushaltsnettoeinkommen und dem Familienstand positiv assoziiert. Für die Lärmbelästigung in der Nacht stellte sich eine positive Assoziation mit dem Schulabschluss dar. Alle erhobenen soziodemografischen Faktoren und das Alter waren mit der Lärmempfindlichkeit positiv assoziiert.

Im mehrfaktoriellen Modell zeigte sich, dass 19 Prozent der Variationen der Lärmbelästigung am Tag neben der Lärmempfindlichkeit durch Geschlecht, Haushaltsnettoeinkommen und Familienstand erklärt wurden. Nachts wurden 18 Prozent der Variationen der Lärmbelästigung durch die Lärmempfindlichkeit, das Alter und den Schulabschluss erklärt.

Betrachtete man die Lärmempfindlichkeit als abhängige Variable von der Lärmbelästigung, dem Geschlecht, dem Alter und den soziodemografischen Faktoren waren 17 Prozent der Variationen der Lärmempfindlichkeit durch die Faktoren erklärbar.

Damit kann die Lärmempfindlichkeit als ein relativ stabiles Persönlichkeitsmerkmal angesehen werden, welches durch die untersuchten soziodemografischen und Lärmbelästigungs-Variablen nur wenig beeinflusst wurde.

Es besteht eine signifikante, aber nur geringgradige Beziehung zwischen der Lärmbelästigung und der Lärmempfindlichkeit. In klinischen Studien zu Herz-Kreislauferkrankungen, die die Lärmempfindlichkeit und die Lärmbelästigung durch Straßenverkehrslärm als Risikofaktoren einbeziehen, sollte daher eine unabhängige und separate Betrachtung beider Faktoren erfolgen. Der hohe Anteil der Probanden, die durch den Straßenverkehrslärm belästigt wurden, zeigt, dass präventive Strategien, wie zum Beispiel die Verbesserung des Straßenbelags oder die Einrichtung von Lärmschutzwänden, durchaus erforderlich sind.


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01.03.2004