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4.  Diskussion

Das Ziel unserer Arbeit bestand in der Ermittlung, inwiefern die Ganganalyse in der Lage ist, eine bestehende NP beziehungsweise Veränderung des Ganges und der Druckverteilung an der Fußsohle bei den Diabetikern zu verifizieren, damit die Früherkennung einer Ulkusgefahr zu ermöglichen und somit seitens des Fachgebietes Orthopädie frühzeitig protektive Maßnahmen einzuleiten.

Die quantitative Messung erfolgte auf dem Ganganalysemessplatz GangAS von der Firma T&T medilogic, Ganganalyselabor von OTB Orthopädie-Technik Berlin GmbH im Helios Klinikum Berlin-Klinikum Buch.

4.1. Fehlerquellen

Die drei ausgewählten Gehgeschwindigkeiten von 1 km/h, 1,5 km/h und 2 km/h, mit denen die Ganganalyse durchgeführt wurde, entsprechen relativ niedrigen Geschwindigkeiten für einen physiologischen Gang mit einer durchschnittlichen Gehgeschwindigkeit von ca. 5 km/h (47). Dadurch ist der Vergleich der Daten der Patientengruppe mit den gesunden Probanden relativ. Obwohl eine Laufbanduntersuchung eine Standardisierung der Gehgeschwindigkeit erlaubt, können die Berechnungen während der Untersuchung von den Probanden als unphysiologisch empfunden werden, so dass trotz der Anlaufphase, ein gewisser Einfluß auf die Ergebnisse der Ganganalyse nicht auszuschließen ist, was bei beiden Probandengruppen gleichermaßen zutrifft.

Weitere Fehler können sich durch die nicht immer exakte, standardisierende Positionierung des Goniometers, sowie durch seine eventuelle Disposition während der Untersuchung und durch die unterschiedliche Konstitution der Patienten ergeben.

Die Setzung des Goniometers und der Messeinlagen vor der Untersuchung auf Null soll die Fehler minimieren (94).

Unterschiedliche Kondition und Motivation der Probanden können sich ebenfalls auf die Resultate auswirken.

4.2. Anamnese und klinische Untersuchungen

Schon ein detailliertes Befragen der Diabetiker bezüglich Dauer des Diabetes, Beschwerden, besonders an den unteren Extremitäten, Gehfähigkeit läßt eine diabetische Neuropathie vermuten oder ausschließen (68, 110). Dieses lässt sich bei der Untersuchung insbesondere der peripheren Reflexe wie BSR, TSR, PSR, ASR, die nicht selten, besonders PSR und ASR, untermittellebhaft [Seite 78↓]und sogar nicht auslösbar sind sowie auffällig unterschiedliche Schweißsekretion des Oberkörpers und der Füße bestätigen, was von mehren Autoren beschrieben wurde (28, 62, 68, 78, 110).

Bekannt ist der niedrige Prozentsatz der Diabetiker, die Schmerzen an den Füßen angeben (1, 62). Auch im vorliegenden Patientengut war ein Patient ohne jegliche subjektive Beschwerden, laut NLG-Untersuchung lag eine schwere NP vor.

Das Vorliegen von Hypästhesie, Thermästhesie, Lagesinnstörung und grundsätzlich der Pallästhesie bestätigen den Verdacht einer NP. Nach der Untersuchung mit der Stimmgabel C 128 lagen fast 90% der von uns untersuchten Diabetikern mit dem Wert von 0/8-5/8 im Ulcus-Risikobereich (106).

Die Inspektion der Füße bezüglich plantarer Schwielen sprach dafür, dass die Diabetiker mit ihrem Schuhwerk nicht optimal versorgt sind und einige, die rezeptierten Schuhe beziehungsweise Einlagen wegen der schlechten Passgenauigkeit nicht tragen. Leider musste auch festgestellt werden, dass nur 45,2% der Patienten mit einer DNP mit orthopädischen Schuhzurichtungen und Einlagen versorgt waren.

Die häufige Beobachtung der plantaren Schwiele bei unseren Diabetikern verteilte sich auf den Fersenbereich (93,2%), das Gebiet der Ossa metatarsalia II-III (80%) und der Metatarsalköpfchen I (65,8%), etwas weniger auf das Metatarsalköpfchen V (63%) sowie auf die Region des Tarsometatarsalgelenkes V (20,5%). Nicht selten wiesen unsere Diabetiker Schwielen an den proximalen Interphalangealgelenken und den distalen Interphalangealgelenken dorsal (28%) infolge bestehender Krallen- beziehungsweise Hammerzehendeformitäten auf. Ein Hallux valgus wurde öfter bei Frauen als bei Männern (27,3% : 12,5%) registriert. Die Inspektion der Füße zeigte bei 19,2% der Diabetiker eine normale Fußform. Bei 5 Diabetikern (6,8%) war eine Hautläsion, Spannungsblasen beziehungsweise Schorf und Nekrosen im Vorfuß- und OSG-Bereich augenscheinlich. Einem Patient mußte infolge sekundärer Komplikationen des DF ein Jahr nach der Untersuchung der Unterschenkel amputiert werden. Nur in drei Fällen (4,1%) beobachteten wir eine Fußdeformität im Sinne DNOAP Typ I und Typ II, die anderen Probanden, die grobe Fußveränderungen hatten, wurden wegen reduzierter Gehfähigkeit aus der Studie genommen und sind in der Statistik nicht berücksichtigt.

Die röntgenologische Untersuchung der Füßen bei den Diabetikern zeigte keine Normabweichung der Mittelwerte von den gemessenen Winkeln, wie: Großzehengrundvalgität, Längsachsen Os metatarsale I/II, Tubergelenkwinkel, Kalkaneusachse/mediale Fußlängsachse, Tangente Unterkante Kalkaneus/Tangente Unterkante Os metatarsale V, Tangente Unterkante Kalkaneus/Trittfläche. Dieses zeigte eine Diskrepanz zwischen der subjektiven Einschätzung der Fußdeformität und objektiven Daten der röntgenologischen Untersuchung. Es bestätigt sich ein „a[Seite 79↓]narchischer“ Röntgenbefund, wie von Dihlmann W. und Bandick J. beschrieben (23). Eine subchondrale Sklerosierung im Metatarsalgelenk I bestand bei 60,2% und nur in 8% der Fälle in anderen Gelenken. Eine Verschmälerung des Chopartgelenkes wurde bei 20,5% der Fälle beobachtet, an anderen Gelenken nur bei 13,5%. In 43,6% wiesen die DF eine Subluxation beziehungsweise Luxation im Vorfußbereich auf. Veränderungen wie Erosionen und Zysten waren vorwiegend (51,3%) im Bereich des Metatarsalgelenkes I, und bei 34,9% an den Grundgelenken II-V zu beobachten. Osteolysen im Sinne einer „candy stik deformity“ wurden selten (1,3%) registriert, relativ oft (63,6%) zeigten sich Pseudoexsostosen an der Basis der Endphalanx I. Röntgenologisch wurden Fibroexsostosen am Kalkaneus in 74,6% sowohl plantar, als auch dorsal festgestellt. Auch verkalkte Gefäße waren in 42,4% der Fälle zu sehen. R. von Beckert (99) beschreibt, dass bei einer durchschnittlich 20-jährigen Diabetesanamnese rund 80% der Kranken eine Arteriosklerose zeigen. Unsere Diabetiker hatten eine durchschnittliche Anamnese von 16,9 Jahren.

Hinsichtlich der passiven Bewegligkeit des OSG und USG fiel bei den Diabetikern eine eingeschränkte Dorsalextension und noch mehr eine reduzierte Supination und Pronation auf. Außerdem fanden wir endgradige Bewegungseinschränkungen in den Knie- und Hüftgelenken.

Die neurophysiologische Untersuchung bestätigte die in der Literatur beschriebene Häufigkeit der DNP (60) und unterstreicht, dass am häufigsten die gemischte Form der NP, also die sensomotorische (78,1%) axonaldemyelinisierende (69,9%) NP zu sehen ist.

Bei einer Durchschnittsgröße von 170,8 cm und dem Durchschnittsgewicht von 84,2 kg lagen die Diabetiker über dem idealen Gewicht nach Broca (das Idealgewicht (in kg) = Körpergröße (in cm) – 100 – 10%). Die Vergleichsgruppe hatte bei einer Durchschnittsgröße von 171 cm und dem Durchschnittsgewicht von 67,9 kg das Idealgewicht. Bei fast gleicher Durchschnittsgröße hatten die Probanden in beiden Gruppen vergleichbare Ausgangsverhältnisse bei der Ganganalyse, das ist wichtig, da die Körpergröße direkten Einfluß auf kinematischen Parameter hat.


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4.3.  Messungen

Bei der Betrachtung der gewonnenen Daten der kinematischen, kinetischen und allgemeinen Gangparameter fielen wenige statistisch signifikante Daten im Gruppenvergleich auf. Außerdem war zu beobachten, dass sich die Signifikanz nicht immer für beide Seiten sowie für alle drei Gehgeschwindigkeiten bestätigte. Ein möglicher Ansatzpunkt der Erklärung könnte hier eventuell in der standardisierten Gehgeschwindigkeit und fast gleichen durchschnittlichen Größe der Patienten von beiden Gruppen zu sehen sein.

Im Gegensatz zu zahlreichen Studien (7, 19, 41, 43, 64, 81, 86, 92, 105, 107), die die Messungen auf den Messplatten durchführten, basiert das Ganganalysesystem GangAS auf Messung mittels eines Goniometers und Messsohlen, die bei uns auch verwendet wurden. Der Unterschied zu anderen Arbeiten lag auch in der Anwendung anderer Maßeinheiten. Z.B. der Druck, der von den Sensoren aufgenommen wurde, wird von anderen Messsystemen in Newton/cm² angegeben. Wir hingegen haben in %/Körpergewicht gemessen. Die Diskrepanz zu anderen Messsystemen bestand auch in der bei uns standardisierten Geschwindigkeit des Laufbandes, die von anderen Forschungsgruppen nicht angewandt wurde. Dadurch sind die Ergebnisse unserer Arbeit schwer mit anderen Studien vergleichbar.

4.3.1. Kinematische Parameter

4.3.1.1. Goniometer

Bei der Betrachtung der kinematischen Parameter fiel auf, dass bei den Diabetikern die Hüftflexion größer und die Hüftextension kleiner als in der Vergleichsgruppe war. Mit steigender Geschwindigkeit stieg auch die Hüftflexion in der diabetischen Gruppe ebenfalls deutlicher als bei den gesunden Patienten.

Die Diabetiker wiesen bei allen drei Gehgeschwindigkeiten ein Defizit der Hüftstreckung auf, in der Vergleichsgruppe war sogar eine Hüftextension über den 0-Punkt zu registrieren, die sich mit steigender Geschwindigkeit vergrößerte. Das Streckdefizit der Hüftgelenke bei den Diabetikern (Abb. 9, 10) nahm zu. Außerdem war charakteristisch, dass die Diabetiker im Vergleich zu den gesunden Probanden ein fast zwei bis drei mal größeres Streckdefizit in den Kniegelenken aufwiesen, welches mit steigender Geschwindigkeit zunahm (Abb. 11, 12). Aus diesen Gründen war bei den Diabetikern die Knieflexion etwas größer, allerdings bestand die statistische Signifikanz nur auf der rechten Seite bei den Geschwindigkeiten von 1,5km/h und 2 km/h.


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Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Diabetiker mit leicht gebeugten Knie- und Hüftgelenken liefen, was einem unsicheren Gangbild entspricht.

Außerdem zeigte sich eine signifikante Differenz bei der Hüftabduktion links bei einer Gehgeschwindigkeit von 1 km/h und 1,5 km/h, hier wiesen die Diabetiker bedeutend größere Hüftabduktionswerte auf.

Die statistisch signifikante Differenz zeigte sich im Vergleich der Integrale der Symmetrie zwischen dem linken und rechtem Bein bei solchen Parametern wie Hüfte sagittal und frontal. Hier lagen die Integrale bei den Diabetikern im Minusbereich und bei den Vergleichspatienten bei Null beziehungsweise im Plusbereich (s. Tab. 5 - 7).

Anhand der vorliegenden Daten konnte nur die Symmetrie zwischen den Beinen innerhalb einer Patientengruppe beurteilt werden, im Gruppenvergleich waren sie nicht aussagekräftig, da die o.g. Integrale in beiden Gruppen außerhalb des Nulbereiches lagen (bis auf das Integral der Hüfte frontal), was auf eine Differenz zwischen den beiden Hüften hinwies (Abb. 13). Es liegt eine Symmetrie vor, wenn die Integrale bei Null liegen. In unserem Fall lag nur das Integral der Hüfte frontal in der Vergleichsgruppe bei Null.

4.3.1.2. Allgemeine Gangparameter

Bemerkenswert ist, dass solche allgemeine Gangparameter wie relative Gehgeschwindigkeit, Schrittlänge, relative Schrittlänge und Kadenz keine signifikante Differenz zwischen beiden Patientengruppen in allen drei Gehgeschwindigkeiten aufwiesen. Manche Parameter wie Zweifußstand, Standphasendauer links und rechts zeigten eine signifikante Differenz zwischen den Patientengruppen nur bei der Bandgeschwindigkeit von 1 km/h, bei denen die Medianwerte der Integrale o.g. Parameter niedriger als bei den Diabetikern waren (s. Tab. 8 - 10). Da alle genannten allgemeinen Gangparameter in direkter Abhängigkeit von der Gehgeschwindigkeit und der Größe der Patienten stehen, welche in unserem Fall identisch waren, ergab sich keine Differenz zwischen beiden Probandengruppen. Eine Rolle spielt hier vielleicht die relativ niedrige Gehgeschwindigkeit im Vergleich zum normalen Gang mit durchschnittlich 5 km/h.

Außerdem zeigte der Vergleich zwischen dem linken und rechten Bein keine signifikanten Unterschiede beim Zweifußstand und der Standphasendauer, d.h., dass die Patienten beider Gruppen einen symmetrischen Gang aufwiesen.


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4.3.2.  Kinetische Parameter

4.3.2.1. Abrollverhalten

Im Unterschied zur Vergleichsgruppe wiesen die Diabetiker signifikant schlechtere Abrollvorgänge auf. Die Diabetiker im vorliegenden Patientengut traten fest auf und tendierten zu einem stampfenden Gang. Dadurch war die effektive Fußlänge bei den Diabetikern niedriger, durch die Prozente der wirksamen Sohlenlänge wurde dieses Phänomen bis auf die Geschwindigkeit 1,5 km/h rechts bestätigt (Tab. 11 - 13; Abb. 14).

Charakteristisch war für beide Gruppen, dass die Prozente der wirksamen Sohlenlänge und damit die Qualität des Abrollens proportional mit der Gehgeschwindigkeit zunahm, d.h. der Abrollvorgang verbesserte sich mit steigender Gehgeschwindigkeit.

Den zeitlichen Anteil eines mittleren Schrittes, bei der beide Fersen gleichzeitig am Boden sind, ist nicht anders als ein Zweifersenstand. Beim physiologischen Gang liegt dieser Parameter bei Null oder nahe Null. Zweivorfußstand wird genauso wie Zweifersenstand definiert. Üblicherweise beträgt der Zweivorfußstand ca. 5% der DSD. Erhöhte Integralwerte des Zweivorfußstandes bestehen bei einem Zehengang mit Verlegung des Körpergewichtes (67).

In unserer Studie fand sich keine signifikante Differenz zwischen beiden Patientengruppen hinsichtlich des Abrollverhalten von Ferse und Vorfuß, Zweifersenstand und Zweivorfußstand. Da diese Abrollparameter in Prozent der DSD berechnet wurden, befinden sie sich in Abhängigkeit von der Gehgeschwindigkeit und sind dadurch wahrscheinlich fast gleich in beiden Patientengruppen.

4.3.2.2. Belastungsverhalten

Die Druckintegrale sind relativ wenig anfällig gegenüber Messungenauigkeiten. Sie sind ein Maß für die Belastung der Füße beim Gehen. Da die Absolutwerte der Druckintegrale vom Messsystem abhängig sind, sind sie nur bedingt miteinander vergleichbar (67). Das Belas-tungsverhalten wird als Integral vom bestehenden Druck x % der DSD berechnet.

In beiden Probandengruppen wurden die Belastungsintegrale für das linke und rechte Bein berechnet für Ferse, Auftritt, Mittelfuß, Vorfuß, Abstoß und Gesamt. In unserer Studie ergab sich eine signifikante Differenz von allen o.g. Parametern ausschließlich für das Integral der Vorfußbelastung rechts bei einer Geschwindigkeit von 1 km/h und für das Integral der Mittelfußbelastung ebenfalls rechts bei einer Bandgeschwindigkeit von 2 km/h (s. Tab. 14 - 16).


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Die Differenz des Integrals der Vorfußbelastung rechts bei der Gehgeschwindigkeit von 1 km/h muß als tendenziell interpretiert werden. Gleiche tendenzielle Verhältnisse zeigten sich beim Integral der Fersenbelastung links bei einer Geschwindigkeit von 1 km/h und 1,5 km/h. Das Ergebnis wird als sporadisch auftretendes Phänomen ohne klinische Relevanz interpretiert. Eine andere Erklärung ließ sich nicht finden. Diesbezüglich sind weitere Untersuchungen zu erstellen.

4.3.2.3. Symmetrie des Ganges

Bei der Betrachtung der Symmetrie zwischen dem linken und dem rechten Bein wurden die Parameter Standphasendauer, Gesamtbelastung, Fersen- und Vorfußbelastung ausgewertet. Es war keine signifikante Differenz bei allen o.g. Parametern für alle drei Gehgeschwindigkeiten zu beobachten (Tab.17 - 19).

4.3.2.4. Einzelschrittauswertung

Die Streuung der Einzelschritte in Prozent als relative Standardabweichung der Kadenz und relative Standardabweichung der Standphasendauer links und rechts werden bestimmt zur Beurteilung der Symmetrie und der Stabilität des Ganges. Allerdings sind diese Parameter stark von der Gehgeschwindigkeit abhängig. Unsere Probanden zeigten signifikante Differenzen zwischen den Gruppen bei den Gehgeschwindigkeiten 1 km/h und 1,5 km/h bei der relativen Standardabweichung der Standphasendauer im Wechsel links und rechts, bei einer Gehgeschwindigkeit von
2 km/h bestand beidseits eine signifikante Differenz. In diesem Fall wiesen die Diabetiker etwas niedrigere Medianwerte als die Vergleichspatienten auf (Tab. 20 - 22). Da unsere Patienten mit einer DNP mit gebeugten Knie- und Hüftgelenken liefen, erklärt es dieses Phänomen und unterstreicht, dass die Diabetiker eine etwas verlängerte Schwungphase haben, da sie aus wahrscheinlich größerer Unsicherheit heraus die Füße höher heben. Dadurch ist die relative Standardabweichung der Standphasendauer bei den Diabetikern kürzer als bei den Vergleichspatienten. Die relative Standardabweichung der Kadenz ist im Gruppenvergleich bei allen drei Gehgeschwindigkeiten nicht signifikant. Damit ist die Kadenz von der Gehgeschwindigkeit abhängig.


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4.3.2.5.  Einzelne Sensoren

Nach Auswertung des Standtests ließ sich feststellen, dass die Diabetiker grössere Belastungswerte unter dem Sensor 3 beidseits mit dem gleichwertigen Median von 4,0 %/Körpergewicht gegenüber den Normprobanden mit einem Medianwert links von 3,2 %/Körpergewicht und rechts von 3,8 %/Körpergewicht aufwiesen. Die signifikante Differenz belegt, dass die Diabetiker im Vergleich zum Normkollektiv vermehrt die mediale Fersenseite belasteten (Abb. 16).

Zum Sensor 4 korrespondiert das Os metatarsale V, hier ließ sich ein größerer Druck in der diabetischen Patientengruppe im Vergleich zur Normgruppe (Abb. 17) registrieren, ein Fakt, der sich in den häufigen Beobachtungszahlen der Schwielen in diesem Bereich bei den Diabetikern bestätigte. Diese Aussage kann man nicht durch die Abflachung der Tangente Unterkante Kalkaneus/Tangente Unterkante Os metatarsale V belegen, da diese im Durchschnitt bei den Diabetikern im Normbereich lag und zwar bei 152,16° links und 152,97° rechts, obwohl der Minimalwert bei 130° lag.

Der Sensor 12 lag unter dem Grundgelenk V. Hier wurden niedrigere prozentuelle Druckwerte zum Körpergewicht in der diabetischen Patientengruppe gefunden (Abb. 18). Vielleicht hängt es von der begleitenden Zehdeformität ab, da bei den Diabetikern trotzdem unter dem Grundgelenk V häufig eine Schwiele zu beobachten war. Die Differenz zu den normalen Probandengruppen ist minimal und nur rechts signifikant, links ergaben sich nur tendenzielle Werte.

Weiterhin fiel ein großer Belastungsunterschied unter dem Sensor 16 auf, der unter der Endphalanx des Großzehes lag. Hier hatten die Diabetiker deutlich geringere prozentuale Belastungswerte zum Körpergewicht als die Vergleichspatienten (Abb. 19), d.h., dass die Diabetiker im Stehen eine eingeschränkte Stützfunktion des Großzehes aufwiesen, was durch eine Deformität der Großzehe, z.B. durch gekrallte Zehen erklärt werden kann. Unter dem Sensor 16 links zeigten die Diabetiker weit mehr Ausreißer bei gleichem Medianwert. Die Normpatienten zeigten beidseits bei unterschiedlichen Medianwerten deutlich weniger Ausreißer.

4.3.2.6. Zweiwaagentest

Mit dem Zweiwaagentest wurde der globale prozentuelle Druck zum Körpergewicht unter dem linken und rechten Fuß geprüft. Bei diesem Test fanden sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Patientengruppen (Tab. 25). Aus diesem Grund war der Zweiwaagentest im vorliegenden Patientengut nicht aussagekräftig, um die Belastungsunterschiede unter der gesamten Fußsohle zwischen den Diabetikern und den Vergleichsprobanden zu definieren. Anders ausgedrückt, wiesen Diabetiker und Vergleichspatienten eine gleiche globale Fußbelastung auf.


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Bemerkenswert war, dass beide Patientengruppen die gleiche Tendenz der höherern Fußbelastung rechts zeigten (Abb. 20). Es lässt sich vermuten, dass der Mensch beim Stehen mehr den rechten Fuß belastet. In der Literatur liegen unserer Kenntnis nach diesbezüglich keine Berichte vor.

4.3.2.7. Längsbelastung des Fußes

Die prozentuelle Druckverteilung am Fuß medial und lateral zum Körpergewicht zeigte keine signifikanten Unterschiede zwischen den Patientengruppen (Tab. 26). Allerdings fiel auf, dass bei den Diabetikern kaum Unterschiede zwischen dem Druck medial und lateral bestanden. Das heißt, dass die Diabetiker in unserer Studie die Füße medial und lateral gleichmäßig belasteten. Die Vergleichspatienten hingegen belasteten die Füße unterschiedlich in der sagittalen Ebene. Sie belasteten mehr die mediale Seite rechts und die laterale Seite des linken Fußes.

In den vorliegenden Untersuchungen zeigte sich bei den Diabetikern eine gleichmäßig verteilte Längsbelastung des Fußes. Warum das so ist, ließ sich nicht nachvollziehen.

4.3.2.8. Querbelastung des Fußes

Bei der Querbelastung des Fußes wurden prozentual zum Körpergewicht die Druckverteilungen unter der Ferse, dem Mittelfuß und dem Vorfuß betrachtet. Dabei ergaben sich keine Unterschiede zwischen der Patientengruppen bis auf die Mittelfußbelastung rechts, bei der die Diabetiker signifikant größere (Medianwert bei den Diabetikern 4,5%/Körpergewicht und bei den Vergleichspatienten 2,8%/Körpergewicht) Drücke aufwiesen als die Vergleichsgruppe (Abb. 21). Allerdings traten in beiden Patientengruppen Ausreißer auf.

Vermutlich war der erhöhte Druck im Mittelfußbereich rechts bei den Diabetikern durch den signifikanten Druckunterschied unter den Sensoren 5 und 6 rechts (s. Tab. 23) bedingt.

Die Diabetiker in unserer Studie unterschieden sich von den Vergleichspatienten im Durchschnittsgewicht (Diabetiker 84,2 kg, Vergleichspatienten 67,9 kg). Da wir keine klinisch relevanten Unterschiede zwischen den Patientengruppen in den Allgemein- und Belastungsparametern feststellten, kann man hypothetisch festlegen, dass das Gewicht auf o.g. Gangparameter keine Auswirkungen hat. Außerdem fiel auf, dass unsere Diabetiker durchschnittlich älter waren als die Vergleichspatienten (Diabetiker 63,8 Jahre, Vergleichspatienten 43,4 Jahre). In der Literatur wird beschrieben, dass die Instabilität des Ganges und der Balance bei älteren Patienten ab einem Alter von etwa 80 Jahren beobachtet wird (98). Bei unserer Probandengruppe lag das Durchschnittsalter deutlich unter 80 Jahren, so dass unsere Patientengruppen untereinander vergleich[Seite 86↓]bar und damit, die in unserem Experiment gewonnenen Daten diesbezüglich, als relevant anzusehen sind.

4.3.2.9. Posturographie

Die Posturographie ergibt Informationen über den Zustand des Gleichgewichtssystems mittels der Darstellung der Lokalisation und der Veränderung des Druckschwerpunktes zwischen beiden Füßen beim Stehen. Die Schwankung des Druckschwerpunktes wird durch die Länge des Weges in cm und durch die Geschwindigkeit der Dislokation des Druckschwerpunktes in cm/sec betrachtet. Diese Parameter ändern sich in gleicher Weise (Abb. 22, 23).

Unsere Patienten wurden mit geschlossenen und offenen Augen geprüft. Es zeigte sich, dass die Patienten mit einer diabetischen Neuropathie bedeutend stärkere Schwankungen des Druckschwerpunktes beim Test mit geschlossenen Augen aufwiesen. Beim Rombergtest mit offenen Augen zeigten beide Probandengruppen keine signifikanten Unterschiede (Abb. 24, 25).

Die Ergebnisse belegen, dass die Patienten mit einer diabetischen Neuropathie und den entsprechenden sensomotorischen Ausfällen, vor allem an den Füßen, den Visus als Hilfsmittel bei der Orientierung im Raum nutzen. Ohne diesen bestand ein Balancedefizit, was von Boucher und Mitarbeitern 1995 (7) sowie van Deuren und Simoneau 1999 (97) bestätigt wurde.

Die hochsignifikanten p-Werte (bei der Länge von 0,007 und bei der Geschwindigkeit von 0,006) beim Rombergtest mit geschlossenen Augen weisen nach, dass die Posturographie als apparativ durchgeführter Rombergtest gleichzeitig als Untersuchungsnachweis der Gleichgewichtsstörung in dem Fall bei den Patienten mit der diabetischen Neuropathie dienen kann.

Die anderen Parameter der Posturographie, die vom System GangAS erfasst wurden, wie Rechteck, SC-Fläche, RMS-Fläche, X-Abweichung und Y-Abweichung sowohl mit offenen, als auch mit geschlossenen Augen zeigten keine signifikanten Differenzen zwischen beiden Patientengruppen.


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4.4.  Schlußfolgerungen

Unter Berücksichtigung, dass bei 8-10% der Diabetiker bei primärer Diagnose eine Neuropathie nachweisbar ist, sollten neben einer Optimierung der Insulintherapie frühzeitig protektive Maßnahmen wie Einlagenversorgung, orthopädische Schuhzurichtungen beziehungsweise orthopädisches Schuhwerk zum Tragen kommen.

Mittels Posturographie kann die diabetische Neuropathie, die sich besonders an den Füßen manifestiert, schnell und sicher verifiziert werden. Auch in der orthopädischen Praxis kann mit der Posturographie die Diagnose eines diabetischen Fußes gesichert und mit den gewonnenen Daten eine qualitätsgestützte Fußbettung verordnet werden.

Jedoch nicht alle Parameter, die das Ganganalysesystem GangAS bestimmt, sind in der Diagnostik der Neuropathie nutzbar. Hier ist eine Auswahl der aussagekräftigen Parameter einerseits und eine Verbesserung der Methodik und Konstruktion andererseits, vor allem des Goniometers zu diskutieren. Es sind weitere Studien zur Standardisierung der Normalwerte erforderlich.


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19.02.2004