Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

TEIL B: Die Theologinnenarbeit in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKiB)

Kapitel 2. Der sozioökonomische und der kirchliche Kontext:

2.1. Die Entwicklung der sozioökonomischen Situation von Frauen in Deutschland, ab 1949 in der Bundesrepublik Deutschland

2.1.1. Bis 1918: Urbanisierung und erste Frauenbewegung

Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden durch die aufkommende Industrialisierung und das rasche Anwachsen der Großstädte zwei neue Arbeitsmöglichkeiten für zahlreiche Frauen, zum einen als Industriearbeiterinnen, die oft bis zu 12 Stunden täglich mit der ganzen Familie unter extremen


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Belastungen zu arbeiten hatten, zum anderen als Dienstmädchen in bürgerlichen Haushalten. Dies war vor allem für junge Frauen interessant, die vom Land in die Stadt kamen.<225>

Die proletarische Frauenbewegung wandte sich dagegen, bestimmte Erwerbsarbeitsbereiche als “weiblich“ im Sinne “einer unabänderlichen Bestimmung für den von sentimentaler Selbstsucht erfundenen natürlichen Beruf des ewig Weiblichen“<226> zu bezeichnen, wie es die Mehrheit der bürgerlichen Frauenbewegung anstrebte. Diese stellte an die Erwerbsarbeitsformen von Frauen den Anspruch, daß sie mit dem als “Mütterlichkeit“ charakterisierten Wesen der Frauen übereinstimmen sollten. Angestrebt wurden solche Berufe vor allem von ledigen Frauen der Mittelschicht, die sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen mußten. Ehefrauen sollten sich in “rastloser Muße“<227> um das Wohl von Ehemann und Kindern sowie das reibungslose Funktionieren des Haushaltes mit Hilfe von Dienstbotenarbeit kümmern und durch ihr sozialkaritatives Engagement die bürgerlichen Haushalts- und Erziehungsnormen an die als “desorganisiert“ angesehenen Unterschichtshaushalte weitergeben. Als Berufsmöglichkeiten standen für Mittelschichtsfrauen die Diakonissentätigkeit, die Anstellung als Schwester für Krankenpflege oder Kindererziehung, später auch als Kindergärtnerin und Jugendleiterin bzw. als staatlich oder kommunal angestellte Wohlfahrtspflegerin offen.<228>

Die Alternative Ehe oder Beruf war für diese bürgerlichen Frauen eher selbstverständlich, so daß auch 1892 der Erlaß eines “Zölibatsgesetzes“ für Lehrerinnen in Preußen kaum bei den Betroffenen auf Protest stieß. Diese Regelung wurde faktisch erst während des Ersten Weltkrieges aufgehoben, formaljuristisch 1920, als alle geschlechtsspezifischen Ausnahmebedingungen für Frauenerwerbsarbeit im staatlichen Bereich für unzulässig erklärt wurden.<229>

Zu einer Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten für Frauen und Mädchen war es auf Initiative der Frauenbewegung um die Jahrhundertwende gekommen. So standen ihnen ab 1908 in allen deutschen Ländern der Zugang zu höheren Mädchenschulen, inklusive des Zugangs zu Abitur und Universitätsstudium offen, wobei die Frage der Abschlußprüfungen teilweise noch ungeregelt blieb.<230>

Durch den Ersten Weltkrieg kam es zu einer zeitlich begrenzten Umschichtung weiblicher Erwerbsarbeit. Frauen nahmen stellvertretend kriegswichtige Männerarbeitsplätze ein, und verheiratete Frauen wurden infolge der niedrigen Unterstützungszahlungen für Soldatenfrauen zur Erwerbsarbeit gedrängt. Ungelernte Frauen kamen als Industriearbeiterinnen in die Schwerindustrie und in die feinmechanische Rüstungsindustrie, z.T. auch auf qualifizierte Facharbeiterstellen als Schlosserinnen, chemische Assistentinnen, technische Zeichnerinnen und Angestellte im Bereich der öffentlichen Verwaltung. Ihre Löhne waren dabei um ein Viertel oder ein Drittel niedriger als die Löhne für Männer auf den gleichen Arbeitsplätzen.<231> Die Kriegsarbeitsverwaltungen drängten auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Frauen. So sollten z.B. Fürsorgerinnen erwerbstätige Frauen bei der Bewältigung der reproduktiven Arbeit unterstützen. Entsprechende Aufgaben griff die bürgerliche Frauenbewegung dankbar auf.<232>

2.1.2. Weimarer Republik: Angestelltenkultur und Gleichheitsgrundsatz

Nach Kriegsende wurde versucht, mit Hilfe einer Demobilisierungsverordnung drei Millionen Frauen wieder aus dem Erwerbsarbeitsbereich zu entfernen.<233> Trotzdem blieben mehr Frauen erwerbstätig


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als vor dem Ersten Weltkrieg, jedoch verstärkt in den als frauentypisch angesehenen Industrien. Im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit standen jedoch weder die 20% der erwerbstätigen Frauen, die in der Industrie beschäftigt waren, noch die Hälfte der erwerbstätigen Frauen, die in der Haus- und Landwirtschaft tätig waren, und auch nicht die wenigen Akademikerinnen, sondern die “kunstseidenen Mädchen“.<234> Sie verkörperten als Sekretärinnen, Stenotypistinnen oder Verkäuferinnen mit Bubikopf, salopper Mode, Zigarette im Mund und einem “Weiße-Kragen-Beruf“ die “moderne Frau“.

Ihre massenhafte Integration in den Dienstleistungsbereich, z.B. in die Büros als Maschinenschreiberinnen, war gleichzeitig mit einer geschlechtshierarchischen Marginalisierung ihrer Arbeit verbunden. Denn während Männer in diesen Berufszweigen in der Regel die Leitungspositionen übernahmen, mit Hinweis auf ihre mehrjährige innerbetriebliche kaufmännische Ausbildung, nahmen die Frauen, die ihre einjährige Handelsschulausbildung privat finanzieren mußten, meist untergeordnete Arbeitsplätze ein. Wenn sie in leitenden Positionen auf gleicher Ebene wie Männer tätig waren, erhielten sie durchschnittlich 10 - 25% weniger Lohn als Männer. In den Tarifverträgen war durchschnittlich eine Lohndifferenz von 20 - 40% zwischen den Geschlechtern vorgesehen.<235> Der Gleichheitsgrundsatz der WRV blieb weitgehend Makulatur. Prägend blieb insbesondere für den Bereich der reproduktiven Arbeit das patriarchale Recht des BGB, das auch der Auffassung der Bevölkerungsmehrheit entsprach und das der Bund deutscher Frauenvereine auch nach 1918 weiterhin befürwortete. Letzterer hielt prinzipiell für Frauen die unbezahlte Reproduktionsarbeit für “wesensgemäß“ und befürwortete eine Berufstätigkeit von Frauen lediglich für die Zeit zwischen Schulabschluß und Heirat, um damit Geld für die Aussteuer zu verdienen.<236> Entgegen dieser Vorstellung blieben jedoch 20% der verheirateten Frauen aus Arbeiterinnenfamilien und 10% aus der Angestelltenschicht ohne Unterbrechung erwerbstätig.<237> Insbesondere auf sie zielte Ende der 20er Jahre, als auch im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise die Arbeitslosigkeit stieg, die sogenannte “Doppelverdienerkampagne“, die die Erwerbstätigkeit von Ehefrauen diffamierte. Die Industrie setzte jedoch ihr Interesse an billigen weiblichen Arbeitskräften faktisch durch.<238> Im staatlichen Bereich wurde dagegen die 1923 erlassene Kann-Bestimmung bezüglich einer Entlassung verheirateter weiblicher Beamtinnen 1932 in eine Muß-Bestimmung umgewandelt. Beamtinnen konnten nur noch Frauen werden, die ledig das 35. Lebensjahr erreichten. Frauen hatten keinen Zugang mehr zu einer Laufbahn als Richterin, Anwältin oder in der höheren Verwaltung. <239> Statt dessen galt die Mutterschaft als wesensgemäßer Beruf. Die Mehrheit der Frauenverbände, vor allem der Hausfrauenverband, begrüßte dies. Andere Frauenorganisationen, die für das Recht der Frauen auf Erwerbsarbeit, ihre rechtliche und lohnmäßige Gleichstellung mit dem Mann und ihre Freiheit zur Verbindung von Beruf und Familie eintraten, gerieten zunehmend in die Defensive.<240>

2.1.3. Nationalsozialismus: Reproduktions-, Erwerbs- und Zwangsarbeit

Symbol der Frauenpolitik im Nationalsozialismus war die blondbezopfte strahlende Mutter, umgeben von ihrem zahlreichen Nachwuchs. Zur Vorbereitung auf diese Arbeit im reproduktiven Bereich wurde eine Vielzahl von Bräute- und Mütterschulen eingerichtet sowie für ein “abkindbares“ Ehestandsdarlehen geworben, das bei Verzicht auf eine entlohnte Arbeit gewährt wurde.<241> Entgegen den Vorstellungen kirchlicher und konservativer Kreise, denen ein bürgerliches Familienleben als Modell vor Augen stand, lag das Schwergewicht des Nationalsozialismus auf dem Zustandekommen der physischen Mutterschaft, während die ideologische Erziehung durch die nationalsozialistischen


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Jugendorganisationen erfolgen sollte.<242>

Die Diskriminierung der besserqualifizierten Beamtinnen im öffentlichen Dienst setzte der nationalsozialistische Staat fort. Er sperrte die Versetzung von Frauen in höhere Positionen, entlohnte Männer auf gleichwertigen Arbeitsplätzen besser und zog sie bei der Anstellung vor. Bei der Heirat von Beamtinnen erfolgte automatisch die Kündigung. Besonders betroffen waren von diesen diskriminierenden Maßnahmen Lehrerinnen, die z.B. auch als Rektorinnen abgesetzt wurden. Ärztinnen konnten ihre Assistenzzeit fast nur noch in Altersheimen und psychiatrischen Anstalten ableisten und hatten Schwierigkeiten, eine Kassenzulassung zu erhalten.<243> Bei Neuimmatrikulationen sollten Frauen nur noch 10% der Studienplätze zugänglich sein.<244> Den Zugang zum Universitätsstudium erschwerte ihnen außerdem die 1937 abgeschlossene Schulreform, die die Angleichung der schulischen Ausbildungsqualität für beide Geschlechter wieder rückgängig machte.<245> Bereits ab 1934 hatten Frauen außerdem vor dem Studienbeginn ein halbes Jahr Arbeitsdienst als Hilfskräfte in Haushalten, Kindergärten oder in der Landwirtschaft abzuleisten. Ab 1941 kam noch ein halbjähriger Kriegshilfsdienst in Rüstungsbetrieben, Heeresdienststellen, Behörden oder Krankenhäusern hinzu. Frauen bis 25 Jahre, die eine Stelle als Arbeiterin oder Angestellte suchten, hatten ab 1938 ein hauswirtschaftliches Pflichtjahr abzuleisten.<246>

Entgegen der ideologisch angestrebten Entfernung von Frauen aus der Erwerbsarbeit nahm jedoch in den Jahren 1933 bis 1939 die Prozentzahl der Frauen an der Gesamtzahl aller erwerbstätigen Personen sogar von 34,8% auf 36,5% zu, darunter insbesondere auch die Zahl der erwerbstätigen Ehefrauen, die vor allem als mithelfende Familienangehörige tätig waren.<247> Ab 1937 änderte sich die offizielle Linie der NS-Frauenarbeitspolitik. Frauen sollten nun wieder vermehrt auch Erwerbsarbeit leisten. So gewährte der Staat nun das Ehestandsdarlehen auch dann, wenn Frauen ihr Erwerbsarbeitsverhältnis nicht beendeten.<248> Er hob die Entlassungsvorschriften für verheiratete Beamtinnen wieder auf.<249>

Nach dem Kriegsbeginn im Herbst 1939 herrschte ein Arbeitskräftemangel, vor allem im Bereich der Landwirtschaft und in den Dienstleistungsberufen. Die Frauen bevorzugten vor allem Dienstleistungsverhältnisse in der öffentlichen Verwaltung, z.B. bei Post und Bahn, in Krankenhäusern oder Wehrmachtsdienststellen. Mit der Propagierung des “totalen Krieges“ im Jahre 1943 rief der NS-Staat eine Meldepflicht für alle 17- bis 45-jährigen Frauen aus, die nicht schon in einem 48 Wochenstunden umfassenden Erwerbsarbeitsverhältnis standen. Allerdings machte er insbesondere für bürgerliche Frauen viele Ausnahmen. Dies führte zum Protest bei proletarischen und kleinbürgerlichen Frauen.<250>


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Ihre Ablehnung der Arbeitsverpflichtung brachten viele Frauen durch Arbeitsverweigerung bzw. Produktionsstörungen zum Ausdruck.<251> Anders als im Ersten Weltkrieg erhielten Soldatenehefrauen eine relativ hohe finanzielle Unterstützung vom Staat.

Nach der Eroberung weiter Gebiete Osteuropas zwang der NS-Staat mehr und mehr Menschen aus diesen Gebieten, als “Fremdarbeiterinnen“ in Deutschland fehlende Arbeitskräfte zu ersetzen, gerade auch im Bereich der Rüstungsindustrie und Landwirtschaft.<252>

Die erhebliche Differenz zwischen Frauen- und Männerlöhnen blieb auch im Krieg bestehen. Frauen verdienten bis zu 30% weniger als Männer auf entsprechenden Arbeitsplätzen. Im Angestelltenbereich betrug die Differenz 10-20%. Lediglich im öffentlichen Dienst erhielten manche Frauen bei Kriegsstellvertretung den der Stelle entsprechenden Lohn. Manche Betriebe machten Zugeständnisse, um Frauen bei der Verbindung von Erwerbsarbeit und reproduktiver Arbeit zu unterstützen. So wurden betriebliche Kindergärten oder Horte eingerichtet und Sozialarbeiterinnen eingestellt.<253>

Im Durchschnitt bedeutete die erhöhte Inanspruchnahme weiblicher Arbeitskraft für den Erwerbsarbeitsbereich keine Verbesserung der beruflichen Position von Frauen. Denn während es den Schulabgängerinnen bis zum Jahre 1935 in größerer Anzahl gelang, auch im kaufmännischen Bereich eine Lehrstelle zu erhalten, standen den Berufsanfängerinnen ab 1938 vor allem gewerbliche Lehrberufe offen. Ab Kriegsbeginn sollten sie ihre Arbeitskraft meist ohne qualifizierte Ausbildung sofort vernutzen lassen. Dies hatte für die betreffenden Frauen lebenslang diskriminierende Auswirkungen.<254> Dagmar Reese und Carola Sachse weisen auf den engen Zusammenhang von Arbeitsmarkt, Bevölkerungs- und Rassenpolitik und die daraus resultierenden unterschiedlichen Anforderungen auf die Arbeitskraft von Frauen zur Zeit des NS hin.<255>

2.1.4. Bundesrepublik Deutschland ab 1949: Teilzeitarbeit und rechtliche Gleichstellung

In der unmittelbaren Nachkriegszeit blieb zunächst die Arbeitspflicht für Frauen zwischen 15 und 50 Jahren bestehen, sofern sie nicht Kinder oder hilfsbedürftige Angehörige zu versorgen hatten. Als “Trümmerfrauen“ sorgten sie im Baugewerbe und in der Industrie für die ersten Schritte des Wiederaufbaus. Ab 1947 verdrängten Flüchtlinge und Kriegsheimkehrer die Frauen vom Arbeitsmarkt, so daß die Frauenerwerbsquote 1947 mit 28,3% niedriger lag als 1939.<256> Durch die Arbeitslosigkeit Anfang der 50er Jahre kam es erneut zu einer öffentlichen Diskriminierung der Erwerbstätigkeit von Ehefrauen. Sogar die Gewerkschaften plädierten für eine Restauration der als klassisch angesehenen bürgerlichen Rollenzuweisung, wonach der Mann durch außerhäusliche Erwerbsarbeit die finanzielle Verantwortung für das Familienleben trägt, während die Ehefrau für die häusliche Ökonomie zuständig ist.<257> Diese Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern propagierte auch die staatliche


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Frauenpolitik, nicht zuletzt, um sich von der andersartigen Politik in der DDR abzugrenzen.<258> Die große Anzahl lediger Frauen und Witwen, die durch Erwerbsarbeit für ihr eigenes Überleben und teilweise noch das ihrer Angehörigen zu sorgen hatte, war außerhalb des offiziellen Blicks. Im Zuge des “Wirtschaftswunders“ stieg die Anzahl der erwerbstätigen Frauen wieder auf 36,5% im Jahre 1961. Gegen die Erwerbstätigkeit von Müttern reagierten Kirchenvertreter, konservative Politiker und auch manche Sozialwissenschaftler mit Schuldzuweisungen gegenüber den betreffenden Frauen unter Hinweis auf die negativen Auswirkungen für das Familienleben, insbesondere die Kindererziehung.<259> Nachdem der Arbeitskräftezustrom aus der DDR nach dem Mauerbau 1961 versiegte, warben Staat und Wirtschaft verstärkt sogenannte“GastarbeiterInnen“ aus Südeuropa und Mütter für Teilzeitarbeitsplätze an. Als deren Vorteil sahen die Unternehmer, daß sich dadurch an der Verteilung der reproduktiven Arbeit innerhalb der Familie nichts veränderte. Die problematischen Auswirkungen der Teilzeitstellen, die inzwischen einen immer größeren Anteil der Frauenerwerbsarbeit ausmachten, trugen vor allem die Frauen, nämlich sehr begrenzte Aufstiegs- und Weiterbildungschancen, verdichtete Arbeitsanforderungen, Konkurrenz mit VollzeitkollegInnen.<260>

Das klassische Dreiphasenmodell der Nachkriegszeit für die Erwerbsarbeit von Familienfrauen (Ausbildung, Erwerbsarbeit, Unterbrechung zugunsten der Kinderbetreuung, Wiedereinstieg in den Beruf, z.B. auf eine Teilzeitstelle) entsprach inzwischen der Lebensrealität von immer weniger Frauen. Allerdings ist seit Ende der 70er Jahre an seine Stelle in der offiziellen Frauen- und Familienpolitik ein Modell getreten, das dieses Konzept in variierter Form propagiert. So sollen Frauen sich - entgegen den Forderungen der neuen Frauenbewegung nach einer gerechten Aufteilung der reproduktiven und produktiven Arbeiten zwischen den Geschlechtern - primär für das Arbeitsfeld Familie zuständig fühlen und daneben zur flexiblen Teilzeitarbeit bereit sein.<261> An der geschlechtsspezifischen Prägung des Erwerbs- wie des Reproduktionsbereichs hat sich damit auch nach einer weitgehenden Angleichung der Ausbildungsqualifikationen bei beiden Geschlechtern wenig verändert - ebensowenig wie an der geschlechtsspezifischen Aufteilung der Erwerbsarbeit. So arbeiten Frauen weiterhin vorwiegend innerhalb der Berufsfelder Lehren, Erziehen und Heilen, während Männer im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich dominieren.<262> Auch die geschlechtshierarchischen Einkommensdifferenzen bestehen weiter<263> - trotz der grundlegenden Veränderung der rechtlichen Position bis hin zu einem Diskriminierungsverbot im Grundgesetz und auch nach einer Veränderung des patriarchalen Familienrechts in den 50er und dann in den 70er Jahren.<264>

2.1.5. Achtziger Jahre: Flexible ungeschützte Arbeitsplätze und Erziehungsgeld

Das Zauberwort unternehmerischer Strategien in den 80er Jahren vor allem hinsichtlich der


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Frauenerwerbsarbeit hieß “Flexibilisierung der Erwerbsarbeitsformen“.<265> Das Ziel war die Minimierung der Personalkosten, und das Mittel war die Reduzierung von vollzeitigen, existenzsichernden, unbefristeten, tarif- und versorgungsrechtlich abgesicherten “Normalarbeitsplätzen“ zugunsten von “ungeschützten“ Arbeitsplätzen.<266> Um solche handelte es sich bei 90% der in diesen Jahren neu geschaffenen Arbeitsplätzen, die zu einem großen Teil von Frauen besetzt wurden. Nachdem damit oft keine eigenständige Existenzsicherung zu erreichen ist, geraten Frauen dadurch im Alter oder bei Scheidung in den Zustand der Armut und Unterstützungsbedürftigkeit.<267>

Zu den eindeutigen Verliererinnen des Umstrukturierungsprozesses im Erwerbsarbeitsbereich zählen die Arbeitsmigrantinnen. Ihre hohe Erwerbsarbeitsquote im Jahre 1976 (75% gegenüber 47% bei dem Durchschnitt aller Frauen in der BRD) wurde zum einen durch die hohe Arbeitslosenzahl und zum anderen durch die Restriktionen des Ausländerrechts drastisch verringert. Die Wegrationalisierung industrieller Arbeitsplätze traf vor allem sie - und sie anders als deutsche Frauen, die teilweise im qualifizierten Dienstleistungssektor unterkamen. So sind besonders Arbeitsmigrantinnen der älteren Generation auf schlecht entlohnte Arbeitsstellen im Reinigungsgewerbe zum Erwerb des Existenzminimums angewiesen.<268>

Der Staat wirbt in der Gegenwart für eine Vereinbarung familiärer unbezahlter bzw. pauschal entgoltener Pflegearbeit für Kinder, Alte und Pflegebedürftige, in Kombination mit einer flexiblen Teilzeitarbeit für die “Frau von heute“.<269> Dem entspricht, daß das Erziehungsgeld auch mit einer halbtägigen Erwerbsarbeit verbunden werden kann. Dies nehmen fast ausschließlich Frauen in Anspruch, während Männer sich eher gegen die negativen Folgen einer unterbrochenen Berufstätigkeit in Form einer Verschlechterung von Aufstiegschancen, häuslicher Isolation und ökonomischer Abhängigkeit vom Lebenspartner entscheiden.<270>

2.2. Die Entwicklung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern

2.2.1. Konstituierung und Konfessionalisierung bis 1918

Während weite Teile der mittel- und oberfränkischen Gebiete, die heute zur ELKiB gehören, auf eine reformatorische Tradition bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts zurückblicken können, wies das Herzogtum Bayern aufgrund der dort erfolgten strikten Unterdrückung reformatorischer Bestrebungen


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bis 1800 fast ausschließlich katholische Untertanen auf.<271> Eine Veränderung dieses “Reinheitsgebotes“ hing zum einen mit der Hochzeit eines bayerischen Fürsten mit einer lutherischen Prinzessin aus Baden zusammen. Ihr Ehevertrag sicherte 1797 ihr und ihrem Hofstaat die freie Religionsausübung mit der Unterstützung eines evangelischen Hofgeistlichen zu. Das Religionsedikt von 1809 gewährte dann auch der evangelischen Bevölkerung die bürgerlichen Rechte und den Zugang zu Staatsämtern.<272>

Eine bedeutsame Steigerung der evangelischen EinwohnerInnenzahl in Bayern hing mit Gebietsverschiebungen infolge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 zusammen.<273> Entsprechend der territorialistischen Auffassung ordnete der bayerische König 1808 die Einrichtung eines Generalkonsistoriums als Kirchensektion im Ministerium des Inneren ein. Dieses war für rechtliche und organisatorische Entscheidungen und für solche bezüglich Kultus und Lehre in den “in einer Gesamtgemeine vereinigten evangelischen Kirchengemeinen des ganzen Königreichs“<274> zuständig. Es hatte jedoch vor der Behandlung vieler Fragen die Genehmigung des Ministeriums bzw. des Königs selbst einzuholen. Die kirchliche Ordnung bestand darüber hinaus aus nebenamtlichen Kreiskirchenräten, die die ihnen unterstellten Dekane und Pfarrer zu kontrollieren hatten, sowie jährlichen Diözesansynoden der Geistlichen auf Dekanatsebene und im vierjährigen Turnus Generalsynoden. Auf Gemeindeebene wurden Presbyterien eingerichtet.<275> Eine Reihe von evangelischen Persönlichkeiten bemühte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts um eine geistliche Reform der Volksfrömmigkeit durch volksnahe Schriften über das Leben Luthers, Volksausgaben des Neuen Testaments, die Herausgabe von Volksblättern sowie neue kirchliche Praxisformen wie Missionsverein, Armentöchteranstalt, Kindergottesdienst, Arbeiter- und Arbeiterinnenvereine.<276>

Die Erneuerungsbewegung hatte zunächst der reformierte Theologieprofessor Kraft an der Theologischen Fakultät in Erlangen iniitiert. Die lutherische Konfessionalisierung war die Reaktion zum einen auf den wachsenden Druck der katholischen Kirche in Bayern und auf die als staatliche Gewaltmaßnahme empfundene Konfessionsunion in Preußen. Zum anderen richteten ab 1835 englische Missionsgesellschaften auch an deutsche Missionare die Verpflichtung zum anglikanischen Bekenntnis.<277> Eine Reihe Erlanger Theologen entwickelte nun in Grundlagenwerken eine spezifisch lutherische Theologie.<278> Die Kirchenleitung lehnte zunächst die Konfessionalisierung mit dem Blick auf daraus möglicherweise folgende Parteiungen ab. 1841 führte sie jedoch eine auf CA VII beruhende Ordinationsverpflichtung ein, und 1857 erklärte die Generalsynode das lutherische Bekenntnis in der bayerischen Landeskirche als bindend. Die reformierten Gläubigen bildeten nun eine eigene kirchliche Organisation.<279>

Diese lutherische Konfessionalisierung war eines der Lebensziele des Lutheraners Wilhelm Löhe, der seit 1837 in Neuendettelsau ein Zentrum der diakonischen und missionarischen Arbeit geschaffen hatte. Er bildete seit 1842 Missionare aus und verfaßte 1844 eine “Agende für die christlichen Gemeinden des lutherischen Bekenntnisses“ als Hilfe für die deutschen Auswanderergemeinden in Nordamerika. Seine missionarische Arbeit finanzierte er durch die Herausgabe der Zeitschrift “Die kirchlichen Mitteilungen“.<280>


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Wegweisend wurde auch seine Einrichtung einer Diakonissenanstalt unter weiblicher Leitung zur Ausbildung von Gemeindediakonissen in Neuendettelsau, zu der verschiedene Mädchenschulen und weitere kirchliche Einrichtungen wie Blödenanstalt, Krankenhaus, Rettungshäuser für Mädchen hinzukamen.<281>

Ein weiteres Anliegen Löhes war der Verzicht des katholischen Königs von Bayern auf die Ausübung des Summepiskopats in der lutherischen Kirche. Ein erster Schritt dazu geschah Ende des 19. Jahrhunderts, als die kirchlichen Behörden und Gremien eine größere Selbständigkeit bekamen.<282> Gleichzeitig entstanden neue kirchliche Arbeitsfelder, z.B. durch die Gründung von Stadtmissionsvereinen. Die Kirche richtete neue Seelsorgestellen ein und baute einige Kirchen bzw. Bethäuser in Diaspora- und Großstadtgemeinden. Als Ergänzung zu der manchmal in Spannung zur bayerischen Kirchenleitung stehenden diakonischen Arbeit in Neuendettelsau gründete 1890 der Landesverein für Innere Mission eine Diakonenanstalt.

In den Gemeinden begann die Jugendarbeit in Form von CVJM-Gründungen nach US-amerikanischem Vorbild, z.T. auch als Gruppen von Konfirmierten, die sich in Jungfrauen- bzw. Jünglingsvereinen zusammenfanden.<283> Ein Großteil der bayerischen Pfarrerschaft absolvierte in dieser Zeit das Theologiestudium in Erlangen und erfuhr so eine relativ homogene lutherische Prägung. Seit 1870 trafen sich die Pfarrer getrennt von den Laien zu Pastoralkonferenzen, 1891 gründeten sie den Pfarrerverein. Zu einer Auseinandersetzung mit religionskritischen liberalen Prägungen kam es in Bayern Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Veröffentlichungen der beiden liberal-neoprotestantischen Nürnberger Pfarrer Geyer und Rittelmeyer. Diese stießen bei den gebildeten Kreisen des Bürgertums auf größeres Interesse, bei den Bekenntnistreuen jedoch auf heftige Ablehnung.<284>

2.2.2. Die neue staatskirchenrechtliche Situation in der Weimarer Republik

An die Stelle des königlichen Summepiskopats trat in der Weimarer Republik eine eigenständige kirchliche Ordnung, wie es in Art. 137 der Weimarer Reichsverfassung vorgesehen war. Dieser war mit der Feststellung eingeleitet: “Es besteht keine Staatskirche.“ Der Staat räumte den beiden großen Konfessionskirchen die Möglichkeit ein, als “Körperschaft öffentlichen Rechts“ auf “Grundlage der bürgerlichen Steuerlisten nach Maßgabe der landesrechtlichen Bedingungen Steuern zu erheben“, in öffentlichen Anstalten Gottesdienste und Seelsorge durchzuführen und auf Elternwunsch hin bekenntnisgebundene Schulen einzurichten. Der Religionsunterricht blieb ordentliches Lehrfach. Damit erhielten die Landeskirchen eine ökonomisch-institutionelle Selbständigkeit und konnten ihre Einflußmöglichkeiten in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit erweitern.<285>

In der ELKiB vollzog das Oberkonsistorium und die neugewählte Landessynode die innerkirchliche Neuordnung. Sie gestanden Frauen erstmals das aktive innerkirchliche Wahlrecht zu.<286> Angesichts der Alternative Bekenntniskirche oder Volkskirche entschieden sie sich für letztere. Nach eingehenden Beratungen wurde 1921 eine Kirchenverfassung verabschiedet, die für ein halbes Jahrhundert Gültigkeit behielt. Die bayerische Landessynode als Gesetzgebungskörperschaft setzte sich aus 2/3 Laien und 1/3 Geistlichen zusammen und war für Verfassungsfragen, Ämterorgansiation, Kirchenhaushalt, Agende, Gesangbuch und Katechismus zuständig. Der Landessynodalausschuß sollte mit dem Landeskirchenrat in dringenden Fragen außerhalb der Synodaltagungen zusammenarbeiten. Drei geistliche und drei juristische Oberkirchenräte bildeten mit drei Kreisdekanen den Landeskirchenrat. Mitglied des Landeskirchenrates als primus inter pares war der Kirchenpräsident, der die Kirche nach außen vertreten sollte und dessen Veto aufschiebende Wirkung gegenüber Beschlüssen der Landesynode hatte.<287> Als


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Sitz des Landeskirchenamtes bestimmten sie München, um “das Ohr am Pulsschlag der Landespolitik und der staatlichen Verwaltung“<288> zu haben. 1920 kam zu der ELKiB noch die liberal-protestantisch geprägte Coburger Protestantenschaft hinzu. Mit dem bayerischen Staat schloß sie 1924 parallel zum Konkordat der katholischen Kirche mit dem bayerischen Staat einen Staatskirchenvertrag ab, der schulische und finanzielle Belange regelte und dem Staat ein gewisses Mitspracherecht in kirchlichen Angelegenheiten einräumte.<289>

Das gemeindliche Leben erfuhr neue Impulse durch einen Aufschwung der Bibelstundenarbeit unter Leitung der Pfarrer und durch die Erneuerung des Gottesdienstes durch Agendenbearbeitung und ein neues Gesangbuch. Vor allem in den Großstadt- und Diasporagemeinden wurden die Seelsorgestellen vermehrt. In Nürnberg und München wurden evangelische Schulen für Mädchen eingerichtet. Die Wohlfahrtsarbeit der Inneren Mission wurde ausgebaut ebenso wie die Missionsarbeit des bayerischen Gotteskastens.<290>

In die Jugendarbeit zog durch den Anschluß der als eigenständige Vereine organisierten geschlechtsgetrennten Jugendverbände an die entsprechenden Weltverbände eine gewisse ökumenische Weite ein. In Anlehnung an das Bemühen der weltlichen Jugendbewegung um den “neuen Menschen“ führte auch die christliche Jugendarbeit ganzheitliche Arbeitsformen ein, z.B. Eichenkreuzsport, Landheime und Jugendherbergen als “Selbsthilfeprojekte“ sowie einen freiwilligen Arbeitsdienst zur Bekämpfung der hohen Jugendarbeitslosigkeit. Sozialethische und biblische Fragen fanden verstärkt Beachtung.<291>

Insgesamt nahm jedoch die Kirchlichkeit der Bevölkerung ab. Deutlich weniger Menschen nahmen an Gottesdienst und Abendmahl teil. Die Kirchenaustritte überwogen deutlich die Eintritte. Das Bild der ELKiB prägten die treuen Bauerngemeinden Mittelfrankens, während in den Kleinstädten eher Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche herrschte. Das großstädtische Bürgertum war eher national als lutherisch-kirchlich gesinnt, und die LehrerInnenschaft stand in Erinnerung an die geistliche Schulaufsicht der Kirche eher reserviert gegenüber. Die ArbeiterInnenschaft hielt die rechtskonservative Parteilichkeit der Pfarrer oft von der Kirche fern.<292>

Die geistigen Erschütterungen aufgrund der Erfahrungen des Ersten Weltkrieges verarbeitete ein Teil der bayerischen Pfarrerschaft mit Hilfe des theologischen Neuansatzes Karl Barths, der in Bayern bekannt wurde durch den Herausgeber von “Zwischen den Zeiten“, Georg Merz. Allerdings verstanden viele bayerische Theologen die von Barth formulierte Theologie, daß das Wort Gottes eine Krise der weltlichen Ordnungen bewirke, stärker personalistisch. Sie setzten es mit dem anderen theologischen Impuls in Beziehung, der von der Lutherrenaissance durch die Schriften Karl Holls ausging. Holl hob die Bedeutung der paulinisch-reformatorischen Rechtfertigungslehre für die Lösung der Gegenwartsfragen und eine Erneuerung der Sittlichkeit des einzelnen durch das Beispiel einzelner kirchlicher Führungspersönlichkeiten mit prophetischem Geist hervor.<293>

In der zweiten Hälfte der 20er Jahre gewannen dann die beiden Erlanger Theologen Paul Althaus und Werner Elert prägenden Einfluß auf weite Teil der bayerischen Pfarrerschaft. Sie stellten im Rahmen eines nationalprotestantischen Geschichtsbildes eine enge Verbindung zwischen Nationalismus und Luthertum her. Demnach offenbart sich Gott in seinen Schöpfungsordnungen wie Volk, Staat und Familie, zu deren Erneuerung die Kirche beitragen soll. Sie gestanden dem Staat im Rahmen eines neulutherischen Zwei-Bereiche-Denkens eine weitgehende Eigenautorität und Eigengesetzlichkeit zu.<294> Der Kirche kam nach Meinung von Althaus vorrangig die Behandlung völkischer Fragen zu. Er bestimmte seinen Begriff von Volkskirche so: “Dem Volke als Volke, als Gesamtleben dienend; sodann: ihm in seiner Art dienend, worin wieder zweierlei beschlossen ist: wahrhaft deutsche Verkündigung des Evangeliums und das Eingehen der Kirche in die organischen Lebensformen und die lebendige Sitte des


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Volkstums.“<295>

2.2.3. Die Erhaltung einer “intakten Kirche“ gegenüber nationalsozialistischen Gleichschaltungs
versuchen

Die Auswirkungen dieser Volkstumstheologie zeigten sich bereits am Ende der Weimarer Republik, als innerhalb der Jugendarbeit, in einem Teil der bayerischen Pfarrerschaft und in dem zum Verband Entschiedenes Christentum gehörigen Diakonissenmutterhaus Hensoltshöhe nationalsozialistische Einflüsse Raum gewannen. <296>

Der Landeskirchenrat verpflichtete die bayerischen Pfarrer zu parteipolitischer Neutralität. Andererseits versicherte er am 13.April 1933 in einer als Kanzelabkündigung bestimmten Kundgebung den neuen Herrschern die Loyalität der Kirche.<297> Die Kirche selbst trug innerkirchlich dem “Führerprinzip“ dadurch Rechnung, daß der im Mai 1933 bei einer außerordentlichen Landessynode zum Kirchenpräsidenten gewählte Hans Meiser auf seinen Wunsch hin den Bischofstitel verliehen bekam. In dem “Gesetz zur Ermächtigung des Landesbischofs zum Erlaß von Kirchengesetzen“ erhielt er eine fast unumschränkte Gesetzesgewalt in der bayerischen Kirche. Er mußte den Landessynodalausschuß nur noch anhören, konnte auch von der Kirchenverfassung abweichende Gesetze verabschieden und Verträge mit dem Reich, den deutschen Ländern oder anderen Kirchen abschließen.<298> Diese Vollmacht nutzte Meiser wenig später, um den Zusammenschluß der deutschen Landeskirchen zu einer Reichskirche zu unterstützen und gegen den Willen eines Großteils der bayerischen Pfarrerschaft Müller statt Bodelschwingh zum Reichsbischof zu wählen.<299>

Bei der Kirchenwahl im Herbst 1933 gelang es den Deutschen Christen, Vertreter in die Kirchenvorstände und Synode zu bringen. Im Landessynodalausschuß erhielten sie vier von acht Sitzen, um eine Kirchenspaltung zu verhindern. Allerdings ging ihr Einfluß in Bayern nach der Sportpalastrede zurück, die zu scharfen Protesten an die Adresse von Reichsbischof Müller führte. Müller antwortete auf die Kritik an seiner Amtsführung Anfang 1934 mit dem sogenannten “Maulkorberlaß“, der eine öffentliche Erörterung der innerkirchlichen Auseinandersetzungen verbot. Ende Januar kam es dann angesichts der Drohung, die Staatszuschüsse für die Kirchen zu streichen, während einer Audienz bei Hitler zu einem “Kniefall“ des bayerischen und württembergischen Bischofs in Form eines öffentlichen Treuegelöbnisses gegenüber Reichsbischof Müller.<300> Als die beiden Bischöfe dieses bei ihrer nächsten Unterredung mit Hitler aufkündigten, da sie das lutherische Bekenntnis durch eine konfessionsheterogene Reichskirche gefährdet sahen, verfügte der Rechtsverwalter Jäger Eingliederungsmaßnahmen in die Reichskirche auch für Bayern und Württemberg. Jäger versuchte sein Ziel zu erreichen durch eine gewaltsame Besetzung des Landeskirchenamtes sowie durch die Absetzung und Gefangennahme der Mitglieder des Landeskirchenrates und des Landesbischofs. Er stieß auf einen unüberhörbaren massenhaften Protest bei den Kirchenmitgliedern, der Pfarrerschaft und der Bekennenden Kirche.<301> Der bayerische


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Landeskirchenrat widersprach seiner Absetzung und erkannte die Beschlüsse der Dahlemer BK-Synode sowie des BK-Bruderrates an. Am gleichen Tag erging eine Gesprächseinladung Hitlers an die Bischöfe Meiser und Wurm, die in ihr Amt zurückkehren konnten.<302>

Angesichts der gelungenen Erhaltung der eigenen kirchlichen Organisation erhoben die sogenannten “intakten Kirchen“ Bedenken, sich der BK-Notordnung zu unterstellen. Sie bildeten mit Vertretern des Reichsbruderrates die erste Vorläufige Kirchenleitung (VKL). Die nächste Differenz zur BK wurde 1935 angesichts des Vorschlags Hitlers deutlich, mit Hilfe von Reichskirchenausschüssen mit gemäßigten kirchlichen Vertretern eine Befriedung in den Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche zu erreichen. Zum endgültigen Bruch zwischen BK und den “intakten Kirchen“ kam es 1936 bei der 4. Bekenntnissynode in Bad Oeynhausen.<303> Mehrere lutherische Kirchen gründeten 1936 den "Rat der Evangelisch-Lutherischen Kirchen Deutschlands“ und realisierten damit den schon länger angestrebten Zusammenschluß der lutherischen Kirchen. Er sollte eine gemeinsame geistliche Leitung für die lutherischen Kirchen und Werke darstellen, die sich der Bekennenden Kirche zurechneten. Allerdings kam es nicht zur angestrebten Angleichung der gesetzlichen Ordnung und des geistlichen Lebens. Der organisatorisch bis Kriegsende bestehende Lutherrat blieb mehr ein Gremium von Einzelpersönlichkeiten als ein Bund von Kirchen. Bayern vereinbarte deshalb eine engere Zusammenarbeit mit Württemberg.<304>

Als Reaktion auf die von staatlicher Seite ausgerufene “Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens“ mußte z.B. die Jugendarbeit umstrukturiert werden. Diese konnte sich nicht mehr in freien Verbänden vollziehen, sondern nur noch als kirchliche Gemeindejugend, die sich auf religiöse Fragen beschränken sollte, da sportliche Unternehmungen und andere Freizeitbeschäftigungen den NS-Jugendorganisationen vorbehalten werden sollten. Die Jugendarbeit gewann noch größere Bedeutung, als der Religionsunterricht aus der Schule verdrängt wurde.<305>

Hinsichtlich der innerkirchlichen Ordnung kam es 1940 zu einem Dissens. Der Landessynodalausschuß wollte eine neue Landessynode bilden, während sich Landeskirchenrat und Landesbischof Meiser gegen Neuwahlen aussprachen. Meiser mußte nun dem Landessynodalausschuß Gesetzesänderungen nicht nur zur Anhörung, sondern zur Zustimmung vorlegen.<306>

Während des Krieges kam es zu weiteren Einschränkungen des kirchlichen Lebens. Das erst Ende der 20er Jahre erbaute Landeskirchenamt in München wurde 1943 ausgebombt und nach Ansbach ausgelagert, wo es im Februar 1945 bei einem Angriff getroffen wurde. Von 1500 bayerischen Geistlichen waren schließlich 738 zum Kriegsdienst eingezogen. Sie wurden von 623 Lektoren vertreten, die Lesepredigten vom Amt für Gemeindedienst erhielten.<307>

Theologisch prägte weiterhin stark die Erlanger Theologie das Handeln, Verhalten und Reden in der bayerischen Landeskirche zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft, auch wenn für manche Theologen und Theologinnen die Barmer Theologische Erklärung und die Theologie Barths im Vordergrund standen. Berndt Hamm hat auf die schuldhaften Verstrickungen der Denk- und Verhaltensformen der Erlanger Theologie hingewiesen, wie z.B. eine offenbarungstheologische Verklärung der Führerpersönlichkeit, später die Sakralisierung und Legitimierung des Krieges, die Begründung der Kirche als Volkskirche auf gemeinsamer biologischer Abstammung und Geschichte statt in der Heiden- und JudenchristInnen verbindenden Zugehörigkeit zu Jesus Christus.<308> Dies führte auch


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dazu, daß die “rassenhygienische“ Gesundheitspolitik des NS einschließlich Euthanasie und Zwangssterilisierung akzeptiert wurde.<309>

2.2.4. -1975: Der Wiederaufbau der lutherischen Volkskirche in der Nachkriegszeit

Als erste Aufgabe des Neuaufbaus sah Meiser die Rückkehr von der “Rechtskontinuität“ zur “Rechtsnormalität der Kirchenverfassung“ an. Sie sollte ein Bischofsgesetz erhalten, um die eigenständige kirchenpolitische Machtposition des Landesbischofs festzuschreiben. Die zweite Priorität war die pfarramtliche Versorgung. 138 bayerische Pfarrer waren im Krieg ums Leben gekommen. Um dem Pfarrermangel zu begegnen, sollten Theologinnen sowie aus den Ostgebieten geflohene Geistliche und Lektoren zum Einsatz kommen.<310> Weitere drängende Probleme sah Meiser im Wiederaufbau zerstörter kirchlicher Gebäude, in der Integration der evangelischen Flüchtlinge in die bayerische Kirche und dem Organisieren materieller Hilfe für die Flüchtlinge durch die Einrichtung eines Hilfswerkes “Innere Mission“. Dieses sollte insbesondere die aus der Ökumene, vorwiegend aus den lutherischen Kirchen der USA, kommenden Spenden verteilen.

Eine Klärung des Verhältnisses Kirche und Öffentlichkeit strebte Meiser in der Form an, daß die Kirche sich nicht in die Parteipolitik hineinziehen lassen sollte, aber wieder in ihre alten Rechte gegenüber dem Staat eingesetzt werden und eine eigenständige Staats-, Sozial- und Wirtschaftsethik entwickeln sollte. Die Kooperation mit den US-Besatzungsbehörden schätzte Meiser grundsätzlich als gut ein, kritisierte aber deren Kategorien für die Entnazifizierung.<311>

Was die Frage kirchlicher Zusammenschlüsse anbelangte, priorisierte Meiser die Bildung der VELKD und des LWB gegenüber der EKD und dem ÖRK. Dies führte auch innerhalb der bayerischen Pfarrerschaft zu engagierten Auseinandersetzungen. Solche begleiteten auch die Diskussion um die Relevanz der BTE für die ELKiB, wobei schließlich festgelegt wurde, daß die Verwerfungssätze der BTE in der Auslegung durch die lutherischen Bekenntnisse für das kirchliche Handeln maßgeblich sein sollten.<312> Die ELKiB wurde Gliedkirche sowohl der EKD als auch der VELKD.<313>

Bei der Neukonstituierung der bayerischen Landessynode mit Hilfe eines Kirchengesetzes im Jahre 1947 war insbesondere die Frage umstritten, ob Frauen nun auch die Teilnahme als Synodalinnen gestattet sein sollte. Zunächst wurde sowohl die Möglichkeit des passiven Frauenwahlrechts als auch das Berufen einer qualifizierten Frau von einer großen Mehrheit der Synodalen abgelehnt. Strittig war dabei vor allem, ob die Kirche auf die für das Grundgesetz der BRD maßgebliche Gleichberechtigung der Geschlechter Bezug nehmen oder ob sie dagegen Widerspruch erheben sollte. Die Auseinandersetzungen dauerten bis zu einer Entscheidung für die Zulassung von Synodalinnen im Jahre 1958. Die Pro- und Contra-Argumente, die in dieser Auseinandersetzung vorgebracht wurden, stimmten weitgehend mit denen überein, die in der ab 1961 in der bayerischen Landessynode geführten Diskussion über die pastorale


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Arbeit von Theologinnen vorherrschten.<314>

Die Zahl der bayerischen ProtestantInnen stieg durch die Flüchtlinge aus den protestantischen Ostgebieten von 1,7 auf 2,4 Millionen an. Deren kirchliche Integration gestaltete sich dadurch schwierig, daß sie vor allem in solchen Gebieten Bayerns angesiedelt wurden, in denen vorher kaum ProtestantInnen ansässig waren. Die Kirchenleitung gestand ihnen an manchen Orten für eine Übergangszeit ein gottesdienstliches Leben mit ihrer gewohnten Liturgie unter Betreuung von ebenfalls aus dem Osten geflohenen Pfarrern zu. Teilweise kam es in dieser Zeit zu ersten ökumenischen Begegnungen, interkonfessionellen Gottesdiensten, z.B. bei Beerdigungen, und zur gemeinsamen Nutzung katholischer Kirchen und Kapellen.<315>

Das Anwachsen der bayerischen ProtestantInnen in den Diasporagebieten und die Entstehung neuer Stadtrandsiedlungen sowie die große Anzahl im Krieg zerstörter Kirchen führten zu einer enormen kirchlichen Bauwelle im Wirtschaftswunderland. Mehr als 400 Kirchen und eine große Zahl von Gemeindezentren, Kindergärten und Pfarrhäusern wurden bis 1965 gebaut.<316> Mit neuen kirchlichen Arbeitsformen wurde in den 60er Jahren im gottesdienstlichen Bereich experimentiert, wobei die Kirchengemeinden manchmal eher reserviert waren, und die Kirchenleitung sich um die Erhaltung des Evangeliums sorgte.<317> Zur Vertiefung der theologischen Reflexion über die Grundfragen des öffentlichen und privaten Lebens wurden verschiedene kirchliche Erwachsenenbildungseinrichtungen gegründet, wie z.B. Landvolkshochschulen und die Evangelische Akademie Tutzing. Das Pastoralkolleg und die kirchliche Hochschule in Neuendettelsau sollten für die Aus- und Weiterbildung der TheologInnen neue Möglichkeiten schaffen. Als weitere kirchliche Arbeitsformen mit spezifischen Zielgruppen begannen z.B. die Camping- und Telefonseelsorge sowie der Dienst für alleinstehende berufstätige Frauen.<318>

Das Verhältnis zu anderen Kirchen auf bayerischer Ebene sah so aus, daß die ELKiB vor allem mit der katholischen Kirche auf kommunalem und karitativem Gebiet zusammenarbeitete. Über die Landesgrenzen hinaus priorisierte sie die Kontakte mit anderen lutherischen Kirchen im Rahmen der VELKD und des LWB. Die Mitarbeit in Gremien des ÖRK sah sie dagegen als schwierig an. Tendenzen zu einem verbindlicheren Zusammenschluß der bundesrepublikanischen EKD-Kirchen analog zur Entwicklung des BEK-DDR lehnte sie unter Hinweis auf die Bewahrung der landeskirchlichen Autonomie und des lutherischen Bekenntnisses ab.<319> So kritisierte der 1975 aus dem Amt scheidende


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Landesbischof Dietzfelbinger die im gleichen Jahr von der bayerischen Landessynode erklärte Zustimmung zur Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa (Leuenberger Konkordie) ebenso wie die neue Grundordnung der EKD.<320>

Die ELKiB beschloß eine neue Kirchgemeindeordnung, in der Gemeinde und geistliches Amt unter dem Haupt Christi einander zugeordnet wurden. Sie erneuerte die Kirchenverfassung 1971 und legte dabei als Bekenntnisgrundlage die altkirchlichen Symbole, die Confessio Augustana und den Kleinen Katechismus Luthers fest. Die Kirchenleitung soll sich als geistlicher und rechtlicher Dienst vollziehen. Sie charakterisierte den Landesbischof als “Pfarrer, der in das kirchenleitende Amt für den Bereich der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern“ berufen ist. Er erhielt spezielle kirchliche Rechte, die teilweise denen katholischer Bischöfe entsprachen.<321> Erneuert wurde 1974 auch die staatskirchenrechtliche Grundlage, der Kirchenvertrag, wobei die enge Bindung an die bundesverfassungsrechtliche Regelung, die entsprechenden Bestimmungen im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und damit auch die WRV, erhalten blieb.<322> Theologisch sah Landesbischof Dietzfelbinger weiterhin in dem Begriff der “Volkskirche“ die angemessene Verhältnisbestimmung zwischen Kirche und Gesellschaft. Es sei zwar kein rechtlich exakter Begriff, aber er beschreibe die “Weise kirchlicher Existenz, die von der Volksgeschichte mitgeprägt ist, auch durch die Struktur- und Wertvorstellungen der Gesellschaft, in der die Kirche lebt, und die trotz der Trennung von Kirche und Staat mancherlei Verbindungen und Möglichkeiten hinüber und herüber kennt.“<323>

2.2.5. -1990: Neugestaltung der kirchlichen Personalstruktur, des Geschlechterverhältnisses in der Kirche und der ökumenischen Beziehungen

Ausgangspunkt für den jahrelangen Personalplanungsprozeß war die ab Mitte der 70er Jahre angestellte Beobachtung, daß die Zahl der Theologiestudierenden stark anstieg, die kirchlichen Finanzen jedoch stagnierten und entsprechend der Altersstruktur der PfarrerInnen Pensionierungen erst ab Mitte der 90er Jahre in größerem Umfang erfolgen würden. Diese Situationsbeschreibung nahm die ELKiB zum Anlaß, um unter Beteiligung möglichst vieler Ebenen des kirchlichen Lebens über die zukünftigen Aufgaben der Kirche, über Möglichkeiten ihrer Finanzierung sowie über die Anstellung geeigneter MitarbeiterInnen nachzudenken. Breite Übereinstimmung bestand, das volkskirchliche Selbstverständnis weiterzupflegen. Dabei hob die Mehrheit der SynodalInnen den Aspekt der Sammlung hervor, der 1975 ins Amt gekommene Landesbischof Hanselmann betonte dagegen den Aspekt der Sendung. Als wichtige kirchliche Arbeitsbereiche in der Zukunft galten sozialdiakonische Aktivitäten, die Begleitung Ehrenamtlicher, KonfirmandInnen- und Religionsunterricht, Kinder-, Jugend- und Elternarbeit, die Erstellung von Informations- und Entscheidungshilfen für LaiInnen und die Öffentlichkeit sowie die Intensivierung der Seelsorge im Bereich von Krankenhäusern, Kur- und Freizeiteinrichtungen.<324>

Als Grundsätze für die Personalplanung wurden festgelegt, niemanden zu entlassen, keine ehrenamtlichen oder nichttheologischen MitarbeiterInnen durch TheologInnen zu ersetzen und auch keine rigorosen Gehaltskürzungen oder -nivellierungen vorzunehmen. Die Kirche sollte sich als


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verläßliche Arbeitgeberin erweisen. Die Orientierung am staatlichen Dienst- und Besoldungswesen wollte sie beibehalten, auch um engagierte und qualifizierte MitarbeiterInnen für Diakonie und Verwaltung zu gewinnen.<325>

Für TheologiestudentInnen machte die Kirchenleitung ein Praxisjahr zu Beginn oder während des Studiums zur Pflicht. Die Anstellungs- und Arbeitsstrukturen des geistlichen Amtes flexibilisierte sie durch das Erprobungsgesetz, das z.B. Stellenteilung, Beurlaubungen und halbe Stellen möglich machte, durch einen großzügigeren Umgang mit Beurlaubungen und Ruhestandsversetzungen sowie durch die ehrenamtliche Ordination. Zusätzliche Stellen sollten ein Personalkostenverstärkungsfonds und Spenden der Aktion “Pfarrer helfen Pfarrern“ finanzieren.<326> 1990 waren dadurch etwa 600 TheologInnen mehr im kirchlichen Dienst als 10 Jahre zuvor. Von diesen waren 1990 2425 PfarrerInnen, 1650 davon in Gemeindepfarrstellen. 545 PfarrerInnen hatten allgemeinkirchliche Aufgaben sowie Sonderdienste. Die restlichen PfarrerInnen waren in speziellen Anstellungsverhältnissen tätig.<327>

Die Fragen der Frauen nach einer Veränderung ihres Ortes in der kirchlichen Struktur und nach einer Umwandlung der geschlechtshierarchischen in eine geschwisterliche Gemeinschaft waren auf der kirchlichen Tagesordnung in der zweiten Hälfte der 80er Jahre zu finden. Als Zeichen der Veränderung der kirchlichen Frauenberufe auf mittlerer Ebene akzeptierte die Kirchenleitung die Teilnahme von Frauen an der Diakonenausbildung in Rummelsberg und gründete eine eigene Diakoninnen-Gemeinschaft.<328> Aus dem Prozeß der Nacharbeit zur Sheffield-Konsultation des ÖRK richtete 1987 die evangelische Frauenarbeit in Bayern an die Landessynode den Antrag, einen "Arbeitsbereich Frauen in der Kirche“ (AFiK) einzurichten, um die Bewußtseinsbildung von Frauen sowie eine Änderung der Arbeitsweisen und Entscheidungsprozesse von Männern und Frauen in der Kirche zu unterstützen. Nach einer Vorlaufphase bildete sich ein Arbeitsteam aus fünf hauptamtlichen, meist teilzeitarbeitenden Mitarbeiterinnen (Soziologin, Theologin, Pädagogin, Juristin, Sekretärin), das zwei Beiräte bei der Arbeit begleiteten. Bei Fragen, die Aufgaben des AFiK betrafen, sollten die kirchenleitenden Organe eine Stellungnahme des AFiK einholen. Um den Austausch mit der örtlichen Ebene zu institutionalisieren, wurden je zwei Delegierte auf Dekanatsebene gewählt.<329> Die Wahl einer Frau als Vizepräsidentin der bayerischen Landessynode im Jahre 1990 war ein weiterer Schritt auf dem Weg zur angemessenen Partizipation von Frauen in kirchenleitenden Ämtern.

Auch im ökumenischen Bereich setzte die ELKiB in den achtziger Jahren neue Akzente. Ende der 70er Jahre diskutierte sie anläßlich der Einrichtung des Antirassismusfonds über die EKD-vermittelte Mitgliedschaft im ÖRK.<330> Die weltweite Verantwortung der bayerischen Kirche war dann 1982 Thema der Landessynode. Vertreter der bayerischen Partnerkirchen berichteten über ihre Situation, die gegenseitigen Beziehungen wurden reflektiert und nach konkreten Anstößen für ihre Vertiefung und Förderung gesucht.<331> Die Synode empfahl den Gemeinden die Lima-Erklärung zur Beschäftigung, deren Amtsverständnis sie als problematisch empfand, um zu einem vertieften Verständnis der Reformation sowie einer begründeten Stellungnahme im ökumenischen Dialog zu kommen und sich den Herausforderungen der Zeit als ChristInnen zu stellen.<332> Ein besonderer Stellenwert galt der Partnerschaftsbeziehung zur mecklenburgischen Kirche, die zunächst auf der persönlichen Freundschaft zwischen den Bischöfen Hans Meiser und Niklot Beste beruht hatte. Sie wurde durch Gemeindekontakte, wechselseitige Synodenteilnahme und finanzielle Hilfe in den 70er und 80er Jahren intensiviert.<333>


Fußnoten:

<225>

Siehe WALSER, Dienstmädchen.

<226>

ZETKIN, Arbeiterinnen, S. 134.

<227>

SCHENK, Frauenbewegung, S. 19.

<228>

Vgl. RIEMANN, Interessen.

<229>

Vgl. JOEST/NIESWANDT, Lehrerinnenzölibat.

<230>

Vgl. SCHENK, Frauenbewegung, S. 28ff.

<231>

Vgl. SCHENK, Frauenbewegung, S. 63f.

<232>

Siehe FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 154f.

<233>

Vgl. SCHENK, Frauenbewegung, S. 64. Die Entfernung der Frauen aus dem Erwerbsarbeitsbereich war in folgender Reihenfolge vorgesehen: 1. Verheiratete Frauen mit arbeitenden Männern; 2. alleinstehende Frauen; 3. Frauen, die nur ein bis zwei Personen zu versorgen hatten. Alleinstehenden Männern wurde dagegen das Recht auf Erwerbsarbeit eingeräumt.

<234>

"Das kunstseidene Mädchen" war der Titel eines in dieser Zeit erschienenen Romans von Irmgard Keun.

<235>

Siehe FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 173f.; als Begründung wurden die geringeren Reproduktionskosten der Frauen angegeben, die als "wesensgemäße" Reproduktionsarbeiterinnen die anfallenden Arbeiten wie Kochen, Waschen, Putzen teilweise selbst erledigen könnten, während der Mann auf fremde, zu bezahlende Arbeitskräfte angewiesen sei.

<236>

Siehe FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 180.

<237>

Vgl. FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 179.

<238>

Vgl. KRAMER, Weltwirtschaftskrise, S. 153.

<239>

Vgl. FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 193; SCHENK, Frauenbewegung, S. 67.

<240>

Siehe FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 195f.

<241>

Vgl. SCHENK, Frauenbewegung, S. 70ff.

<242>

Siehe FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 231.

<243>

Siehe SCHENK, Frauenbewegung, S. 73.

<244>

Siehe SCHENK, Frauenbewegung, S. 73: Dadurch sank der Anteil der Frauen an der Gesamtstudierendenzahl von 15,8% im Jahre 1932 auf 11,2% im Jahre 1939. Durch den Einzug der entsprechenden Jahrgänge in den Militärdienst einerseits sowie den großen Bedarf an wissenschaftlichem Personal für die militärischen und wirtschaftlichen Aufrüstungsprogramme andererseits stieg der Frauenanteil in den Kriegsjahren jedoch auf über 50%. Siehe auch FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 212.

<245>

Siehe FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 213. Als frauenspezifische Fächer wurden Hauswirtschaft, Handarbeit, Säuglingspflege, Hygiene und Rassenbiologie betrachtet. Dagegen wurde für Mädchen die Ausbildung in den naturwissenschaftlichen Fächern gekürzt, so daß sie nach dem sog. "Puddingabitur" nur mit einer Zusatzprüfung in Geschichte, Mathematik, Physik sowie mit einer zweiten Fremdsprache zum Universitätsstudium zugelassen wurden.

<246>

Vgl. FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 219.

<247>

Vgl. FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 210.

<248>

Das ideologische Programm der "Emanzipation von der Frauenemanzipation" wurde jedoch nicht offiziell widerrufen. Hitler selbst priorisierte bis Kriegsende eine Freistellung der "erbgesunden" deutschen Frau von der Erwerbsarbeit zugunsten der Kinderproduktion. Siehe SCHENK, Frauenbewegung, S. 75.

<249>

Siehe FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 74.

<250>

Vgl. SCHENK, Frauenbewegung, S. 76; MÜLLER, Lebenslauf, S. 76, bestreitet dagegen die auch in der alltagsgeschichtlichen Literatur öfter anzutreffende Meinung, daß vor allem verheiratete Unterschichtsfrauen als Manöv riermasse des Arbeitsmarktes dienten. Gerade die Erwerbstätigkeit von verheirateten Frauen mit höherer Bildung habe auch schon in der Vorkriegszeit stark zugenommen.

<251>

Siehe RUHL, Frauenalltag, S. 39.

<252>

Siehe FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 214.

<253>

Vgl. FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 217.

<254>

Vgl. MÜLLER, Lebenslauf, S. 97.

<255>

Vgl. REESE/SACHSE, Nationalsozialismus, S. 82: Die NS-Frauenarbeitspolitik war davon geprägt, "daß sie die weibliche Arbeitskraft umfassend als Lohnarbeitskraft, als Hausarbeitskraft und in ihrer Gebärfunktion in den Blick nahm und Frauen als Trägerinnen dieser komplexen Arbeitskraft nach sexistischen und rassistischen Kriterien selektierte und in je spezifischer Weise für die Bedürfnisse des NS-Regimes mobilisieren wollte. Sie war in ihrem Kern verknüpft mit Rassen- und Bevölkerungspolitik, indem sie Frauen unterschiedlicher ethnischer, nationaler, religiöser und sozio-kultureller Zugehörigkeit bzw. physischer und psychischer Verfassung in unterschiedlicher Weise zu Arbeiten heranzog, bzw. von Arbeiten freistellte, sie einerseits mit Gebär-, Arbeits- und Berufsverboten belegte und andererseits der Dienstpflicht, der Pflichtarbeit, der Zwangsarbeit bis hin zur Vernichtung durch Arbeit unterwarf."

<256>

Vgl. FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 249f.

<257>

FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 255, weist darauf hin, daß die Quote erwerbstätiger Ehefrauen 1950 mit 26,4% deutlich geringer war als in der Vorkriegszeit, als etwa jede dritte Ehefrau in einem Lohnarbeitsverhältnis stand.

<258>

Vgl. ECKART, Wirtschaftswunder, S. 195.

<259>

Vgl. ECKART, Wirtschaftswunder, S. 195.

<260>

Siehe ECKART, Teilzeitarbeit, S. 20. Der Anteil der Teilzeitarbeitenden stieg auf seiten der Frauen von 8,6% im Jahre 1960 auf 24,4% 1970, 29% 1980, 33% 1985, während sie auch 1985 nur von 2,2% der erwerbstätigen Männer praktiziert wurde.

<261>

Auf das Wechselverhältnis zwischen repressiven Leitbildern weiblicher Erwerbstätigkeit und entsprechendem Druck zur Akzeptanz solcher eingeschränkter, mit ökonomischer Abhängigkeit vom Lebenspartner verbundener Erwerbsarbeitsformen weist ECKART, Teilzeitarbeit, S. 33, hin. Es "wird in repressiver Weise auf die soziale Bindung der Frau an die Reproduktionsarbeit Bezug genommen, gleichgültig, ob die Frau selbst ihre Lebensplanung in Übereinstimmung oder in Abweichung von den Normen geschlechtlicher Arbeitsteilung getroffen hat."

<262>

Vgl. FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 261. 1982 machten 37% aller weiblichen Auszubildenden eine Lehre in einem der folgenden Berufe: Friseuse, Verkäuferin, Bürokauffrau, Arzthelferin.

<263>

Siehe FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 261. Das bedeutete für Vollzeitindustriearbeiterinnen im Durchschnitt 1981 31,2% weniger Lohn als für ihre männlichen Kollegen. Bei den Angestellten in Industrie und Handel differierten die Frauen- und Männerlöhne sogar um 35,4%.

<264>

Vgl. FREVERT, Frauen-Geschichte, S. 267-272. 1953 bzw. 1958 wurden alle gesetzlichen Bestimmungen des BGB ungültig, nach denen der Ehemann allein Entscheidungen über das gemeinschaftliche Leben betreffende Angelegenheiten fällen konnte. Das Ende der 70er Jahre reformierte Ehe- und Familienrecht wurde vom Leitbild der partnerschaftlichen Ehe mit gemeinsamer Entscheidung über die innerfamiliäre Arbeitsteilung geprägt.

<265>

MÖLLER, Flexibilisierung, S. 149f., zählt folgende Flexibilisierungswege auf: Abbau von Arbeitsplätzen, sei es durch natürliche Fluktuation oder Umwandlung von Vollzeit- in Teilzeitstellen; Ausbau ungeschützter Arbeitsverhältnisse, zeitliche Zerstückelung des Arbeitseinsatzes; befristete Arbeitsverträge. Dies betrifft bereits 27% der Beschäftigen und 50% der Neueinstellungen. Eine Beschäftigungsgarantie z.B. während des Erziehungsurlaubs wird damit hinfällig gemacht. Weitere Maßnahmen sind die Verjüngung des Personals, Abbau sozialer Leistungen, Auslagerung von Arbeit in andere Länder, Arbeitsintensivierung, Einfordern von Überstunden, Einstellung kostenloser oder billiger Arbeitskräfte aus dem Zweiten Arbeitsmarkt, z.B. von ABM-Kräften, Zivildienstleistenden, arbeitsverpflichteten SozialhilfeempfängerInnen; Förderung von Kleinst- und Scheinselbständigen, z..B TeleheimarbeiterInnen; freie MitarbeiterInnenstellen in Projekten, Medienbereich, Erwachsenenbildung.

<266>

Nach MÖLLER, Brot, S. 10, liegt ein ungeschütztes Arbeitsverhältnis vor, wenn mindestens eines der folgenden vier Merkmale zutrifft: Nicht auf Dauer angelegt; ohne tarifrechtliche Einbindung; nicht existenzsicherndes Einkommen; ohne sozialversicherungsrechtliche Einbindung.

<267>

Vgl. MÖLLER, Brot, S. 11f.; MEINERS, Liebe, S. 129, macht darauf aufmerksam, daß gegenwärtig etwa jede dritte Ehe durch Scheidung beendet wird. Die klassische vierköpfige Familie ist in nur 10% der bundesdeutschen Haushalte anzutreffen. Es setzt sich immer mehr die Tendenz zu Einpersonenhaushalten bzw. Teilfamilien mit einem Elternteil durch.

<268>

Vgl. TOKSÖZ, Immigrantinnen.

<269>

BRAUN/KREMER/LEDDIN, Erziehungsgeld, S.95, zitiert die Aussage des CDA-Ausschusses: "Keine andere Arbeit ist so unmittelbar dem Leben verbunden. Die Arbeit der Mutter enthält mehr von dem ursprünglichen Schöpfungscharakter der Arbeit, als alle Humanisierungsbemühungen der Erwerbsarbeit zurückgeben können", sowie von Norbert Blüm: "Wir müssen auch für die Gleichberechtigung der nichterwerbstätigen Mutter mit der erwerbstätigen Frau kämpfen."(S. 98.)

<270>

Siehe NOTZ, Väter, S. 138.

<271>

Vgl. PFEIFFER, Bayern, S. 365f.

<272>

Siehe SIMON, Kirchengeschichte, S. 553f.

<273>

Vgl. SIMON, Kirchengeschichte, S. 543: Im Jahre 1816 hatte Bayern 750 000 evangelische, 2 300 000 katholische und 53 000 jüdische BürgerInnen.

<274>

Zitiert bei PFEIFFER, Bayern, S. 370.

<275>

Vgl. PFEIFFER, Bayern, S. 370-373.

<276>

Siehe SIMON, Kirchengeschichte, S. 586.

<277>

Vgl. SIMON, Kirchengeschichte, S. 603.

<278>

Z.B. Theodor HARLESS, Christliche Ethik (1842); Heinrich SCHMID, Die Dogmatik der evang.-luth. Kirche (1843).

<279>

Vgl. SIMON, Kirchengeschichte, S. 603, S. 622 und S. 625.

<280>

Vgl. SIMON, Kirchengeschichte, S. 631 und S. 647. Ab 1860 waren die in Neuendettelsau ausgebildeten missionarischen Helfer auch bei Auswandererfamilien deutscher Abstammung in Australien, ab 1897 auch in Brasilien tätig.

<281>

Vgl. SIMON, Kirchengeschichte, S. 634.

<282>

Vgl. PFEIFFER, Bayern, S. 377; SIMON, Kirchengeschichte, S. 613.

<283>

Vgl. SIMON, Kirchengeschichte, S. 649f.

<284>

Vgl. SIMON, Kirchengeschichte, S. 653.

<285>

Vgl. KRUMWIEDE, Neuzeit, S. 191f.

<286>

PFEIFFER, Bayern, S. 380, weist darauf hin, daß dieses Wahlrecht noch kurz vorher von der bayerischen Gruppierung des DEFB abgelehnt worden war - im Widerspruch zur Position des DEFB-Gesamtverbandes, der entsprechend dem intensiven kirchlichen Engagement von Frauen ihnen das kirchliche Wahlrecht, nicht aber das staatliche Wahlrecht einräumen wollte.

<287>

Siehe PFEIFFER, Bayern, S. 380.

<288>

ROEPKE, Protestanten, S. 392.

<289>

Siehe MEIER, Kirchenkampf I, S. 456.

<290>

Vgl. SIMON, Kirchengeschichte, S. 663.

<291>

Siehe RIEDEL, Jugend, S. 26.

<292>

Siehe SIMON, Kirchengeschichte, S. 660-663; ROEPKE, Protestanten, S. 394.

<293>

Siehe SIMON, Kirchengeschichte, S. 660f.; KRUMWIEDE, Neuzeit, S. 202f.

<294>

Die Wirkung der Erlanger Theologie im Kontext des Nationalsozialismus analysiert HAMM, Schuld.

<295>

Zitiert bei SCHOLDER, Reich I, S. 141.

<296>

Vgl. RIEDEL, Jugend, S. 12; MEIER, Kirchenkampf I, S. 456; ROEPKE, Protestanten, S. 416.

<297>

STEINBAUER, Zeugnis, S. 80, zitiert aus dieser Kundgebung: "Ein Staat, der wieder anfängt, nach Gottes Gebot zu regieren, darf in diesem Tun nicht nur des Beifalls, sondern auch der freudigen und tätigen Mitarbeit der Kirche sicher sein. Mit Dank und Freude nimmt die Kirche wahr, wie der neue Staat der Gotteslästerung wehrt, der Unsittlichkeit zu Leibe rückt, Zucht und Ordnung mit starker Hand aufrichtet, wie er zu Gottesfurcht ruft, die Ehe heilig gehalten und die Jugend geistlich erzogen wissen will, wie er der Väter Tat wieder zu Ehren bringt und heiße Liebe zu Volk und Vaterland nicht mehr verfemt, sondern im Herzen entzündet."

<298>

Vgl. MEIER, Kirchenkampf I, S. 458.

<299>

Siehe ROEPKE, Protestanten, S. 396.

<300>

Siehe ROEPKE, Protestanten, S. 403f.; ausführlicher bei STEINBAUER, Zeugnis I, S. 109-153. Der Vikar Karl Steinbauer widersprach als einziger Bischof Meiser öffentlich, als dieser vor der bayerischen Pfarrerschaft seinen "Kniefall" zu rechtfertigen versuchte.

<301>

Die Kirchenmitglieder veranstalteten Massendemonstrationen, schickten Solidaritätsdelegationen unter das Fenster des gefangengesetzten Bischofs und hielten völlig überfüllte Bekenntnis- und Bittgottesdienste bei gelöschten Kerzen und schwarzgedeckten Ältären. Die Absicht der Polizei, Pfarrer durch Verhaftungen am Halten solcher Gottesdienste zu hindern, scheiterte am Druck der Massen, die die Freigabe der Pfarrer erzwangen. "Abordnungen der verschiedensten Gruppen, Patronatsherren, Bürger, Bauern, überliefen Tag für Tag die Partei- und Regierungsstellen aller Städte und Stellen bis nach Berlin. Vor allem der Lärm der Rieser Bauernstiefel in der Reichskanzlei war nicht gut zu überhören."(SIMON, Kirchengeschichte, S. 665.) Die Bekennende Kirche sandte einen Solidaritätsbrief an den arrestierten Meiser, ordnete Schweigen der Kirchenglocken an, exkommunizierte den Reichsbischof und verlegte ihre Dahlemer Synode elf Tage vor. Siehe auch ROEPKE, Protestanten, S. 409-412; MEIER, Kirchenkampf I, S. 465f.

<302>

Siehe MEIER, Kirchenkampf I, S. 466f.

<303>

Siehe MEIER, Kirchenkampf II, S. 103f.

<304>

Siehe MEIER, Kirchenkampf II, S. 166; Bd. III, S. 564f und S. 474.

<305>

Vgl. RIEDEL, Jugend; MEIER, Kirchenkampf III, S. 465; SIMON, Kirchengeschichte, S. 668.

<306>

Siehe MEIER, Kirchenkampf III, S. 463.

<307>

Vgl. MEIER, Kirchenkampf II, S. 474; SIMON, Kirchengeschichte, S. 569.

<308>

Siehe HAMM, Schuld, S. 27-42.

<309>

LAUTERER-PIRNER, Volksgemeinschaft, zeigt, daß gerade auch für den Rektor der Neuendettelsauer Anstalten, Lauerer, gilt, daß seine neulutherische Theologie ihn zu einer unhinterfragten Akzeptanz staatlicher Gesetze und Ordnungen führte, so daß er die Aussonderung der Schwerkranken durchführen ließ. Dadurch wurden 1940 von 1758 PatientInnen 1220 von Neuendettelsau wegverlegt und 1100 ermordet.

<310>

Vgl. LS ANSBACH 1946, Bischofsbericht, S. 10-24.

<311>

Siehe BESIER, Nachkriegsdeutschland, Nr. 33: Conversation with Bishop Meiser in Munich on November 30th (1945), S. 297ff.

<312>

Vgl. LS ANSBACH 1946, S. 49; LS ANSBACH 1947, S. 10f.

<313>

Das Verhältnis zwischen der VELKD als "Kirche, in der auf der Grundlage der Bekenntnisschriften der ev.-luth. Kirche volle Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft herrscht"(WILKENS, VELKD, S. 1624) und ihren Gliedkirchen wurde so bestimmt, daß ein die Gliedkirchen verpflichtendes Gesetzgebungsrecht sowie das Bemühen um gegenseitige Anregungen, Empfehlungen, gemeinsame Kundgebungen und theologische Arbeit, einheitliche Ordnungen und gemeinsame Rechtsgrundlagen ausgesprochen wurde, andererseits an der Selbständigkeit der Gliedkirchen in Fragen des Kultus, der Verfassung, Gesetzgebung und Verwaltung festgehalten wurde. Als ihre Organe wurden Bischofskonferenz, leitender Bischof, Generalsynode, Kirchenleitung institutionalisiert. Als Behörde wurde das luth. Kirchenamt in Hannover und später eine Nebenstelle in Berlin eingerichtet. Siehe WILKENS,VELKD, S. 1624f.

<314>

Einen Antrag, auch Frauen in der Landessynode zu zulassen, brachte 1947 die Erlanger Bezirkssynode ein. Siehe LS ANSBACH 1947, S.16. Als Argumente in der folgenden jahrelangen Diskussion für die Partizipation von Synodalinnen wurden positive Erfahrungen vorgetragen, sowohl mit ihrer Mitarbeit in Kirchenvorständen als auch bei ökumenischen Versammlungen, wie z.B. der LWB-VV 1952 in Hannover. Das Wesen der Frau bereichere die synodale Diskussion aufgrund ihres spezifischen Sachverstandes und könne biblisch mit Hilfe der historisch-kritischen Exegese legitimiert werden. Die Kirchenleitung sei als dienende Liebe und nicht als Herrschaft auszuüben. Die Contra-Argumente wiesen darauf hin, daß dem mütterlichen Wesen der Frau das öffentliche Engagement widerspreche. Die Frau habe sich dem herrschenden Mann dienend unterzuordnen entsprechend der Schöpfungsordnung und keinesfalls über ihn kirchenleitende Herrschaft auszuüben. Außerdem wurde die Befürchtung geäußert, daß Frauen damit der Weg zum Predigtamt und zu anderen kirchenleitenden Positionen, z.B. Oberkirchenrat oder Bischof, eröffnet werde. Die Gegner und Befürworter stimmten darin überein, daß eine Abgrenzung gegenüber der säkularen und der staatlichen Entwicklung nötig sei.

<315>

Vgl. SIMON, Kirchengeschichte, S. 671: Bei der Volkszählung 1950 wurden 6,5 Millionnen römisch-katholische und 2,38 Millionen evangelisch-lutherische EinwohnerInnen Bayerns ermittelt. Die Zahl der als "Israeliten" bezeichneten jüdischen EinwohnerInnen betrug nur noch 8595. Zur ökumenischen Kooperation siehe ROEPKE, Protestanten, S. 431ff.

<316>

Angesichts des Kirchbaubooms wurden kritische Stimmen laut. Der Kirchenarchitekt Gulbrannson z.B. forderte eine Kirche, die als Sakralraum trägt, schützt, sammelt und nicht vorwiegend der Repräsentation dient. Andere wollten unter Berufung auf Bonhoeffer den Bau von Häusern, in denen die Kirche an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen kann, um damit der introvertierten Tendenz der Nachkriegszeit entgegenzuwirken.

<317>

Vgl. ROEPKE, Protestanten, S. 446.

<318>

Vgl. ROEPKE, Protestanten, S. 449.

<319>

Siehe LS BAYREUTH 1965, Bischofsbericht, S. 47-51; LS TUTZING 1966, Bischofsbericht, S. 21; LS COBURG 1970, Bericht des Synodalen Putz über die Entwicklung in der EKD, S. 34-39. In einem Gegenvotum äußerte der Synodale Lentrodt die Auffassung, daß die Kirche weniger Konfessionalismus und mehr Bemühen um Menschenrechte, Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit und ökumenische Zusammenarbeit nötig habe. (LS COBURG 1970, S. 50.)

<320>

Siehe LS BAYREUTH 1965, S. 196; LS AUGSBURG 1975, S. 19.

<321>

Vgl. PFEIFFER, Bayern, S. 386.

<322>

Der in der Nachkriegszeit wesentlich gestiegene Einfluß der Kirche in der Öffentlichkeit beruhte auf ihrer Anerkennung als Widerstandsorganisation zur Zeit des Nationalsozialismus. Es wurde damit auch eine Differenz zur Situation der Kirchen in der DDR markiert. Scheuner unterscheidet hinsichtlich des Öffentlichkeitsaspektes des kirchlichen Handelns drei Faktoren: den staatskirchenrechtlichen Status als KÖR, das Wächteramt der Kirche im Sinne der öffentlichen Verkündigung und die staatliche Berücksichtigung der Kirche als einflußreicher Institution des öffentlichen Lebens. Siehe SCHEUNER, Staat, S. 163.

<323>

LS AUGSBURG 1975, Bischofsbericht, S. 15.

<324>

Diese Schwerpunkte finden sich z.B. in den Überlegungen von Prof. Seitz (LS BAD ALEXANDERSBAD 1979, S. 48-53), in der Erklärung der Landessynode zur Personalplanung (LS GARMISCH-PARTENKIRCHEN 1979, S. 109f.), in dem Bericht von Landesbischof Hanselmann (LS NEU-ULM 1982, S. 18) und in dem Bericht von OKR Grethlein (LS WEIDEN 1982, S. 48).

<325>

Vgl. LS GARMISCH-PARTENKIRCHEN 1979, S. 110.

<326>

Der Antrag auf Ordination ohne Dienstverhältnis wurde bei der Bayreuther Landessynode 1984 eingebracht. Siehe LS BAYREUTH 1984, S. 120.

<327>

Siehe LS GUNZENHAUSEN 1989, S. 46f.; LS RUMMELSBERG 1990, S. 38.

<328>

Vgl. WINTER, Diakonin.

<329>

Siehe LS HOF 1988, Beschlußfassung: S. 100; Vorlage 8: Begründung und Aufgaben eines Arbeitsbereiches "Frauen in der Kirche", S. 162-165.

<330>

Vgl. LS REGENSBURG 1978, S. 39.

<331>

Vgl. LS WEIDEN 1982, S. 50f.

<332>

Vgl. LS LANDSHUT 1984, S. 16-20, S. 77f. und S. 92-95.

<333>

Siehe dazu den Beitrag des Synodalen Schindler: LS RUMMELSBERG 1990, S. 157.


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