Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

TEIL B: Die Theologinnenarbeit in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKiB)

Kapitel 4. Die subjektive Reflexion der bayerischen Theologinnen - die Auswertung der Interviews mit den Theologinnen der ELKiB

4.1. Vorbemerkungen

Als Datenquellen für eine möglichst repräsentative Auswahl von 20 bayerischen Theologinnen standen mir folgende Grundlagen zur Verfügung: Vom Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern erhielt ich im November 1990 zwei statistische Unterlagen zum vertraulichen Gebrauch. Die eine Statistik, die "Überarbeitete Übersicht über die Theologinnen im Dienst der Evang.-Luth. Kirche in


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Bayern"<663>, gab den Stand der ordinierten Theologinnen im kirchlichen Dienst am 1.1.1989 wieder. Die dort erfaßten 183 Theologinnen wurden vier Kategorien (Sonderdienste; Stellen für Pfarrerinnen mit allgemeinkirchlichen Aufgaben; Beurlaubungen; Gemeindedienst) zugewiesen und dann einzeln unter Nennung von Name, dienstrechtlicher Bezeichnung, Geburtsdatum, gegenwärtigem Einsatzort sowie Anmerkungen aufgeführt, wobei die letztgenannte Rubrik Hinweise auf die Art der Anstellung vermittelte. Die zweite Liste mit dem Titel "Alphaliste" nannte entsprechend dem Datenstand vom 7.5.1990 in alphabetischer Reihenfolge die Namen von 243 Theologinnen im kirchlichen Dienstverhältnis, inklusive Vikarinnen, und lieferte außerdem als weitere Angaben die Adresse, Einstellungs- bzw. Ausstellungsdatum und das Geburtsdatum. Außerdem konnte ich Einblick in die Adressenliste des bayerischen Theologinnenkonventes (Stand 1990) nehmen, die etwa 450 Adressen umfaßte, von denen ungefähr die Hälfte von Theologinnen im Dienst der Evanglisch-Lutherischen Kirche in Bayern stand. Dem Personalstand der Evang.-Lutherischen Kirche in Bayern aus dem Jahre 1987<664>, der auf dem Datenstand vom 6.4.1987 beruhte, konnte ich weitere Hinweise zur Berufsbiografie einzelner Theologinnen entnehmen, vor allem der älteren und der pensionierten Theologinnen, sowie auch die kirchenamtliche Charakteristik der Gemeinden, in denen Theologinnen arbeiteten.

Aufgrund dieser statistischen Quellen beschloß ich folgende, der statistischen Erfassung zugängliche Merkmale zur Grundlage meiner Auswahl zu machen: Lebensalter, Dienstgrad, Spezifik der Arbeits- und Anstellungsform, des örtlichen und regionalen kirchlichen Arbeitskontextes. Dazu kam das Merkmal Familienstand bzw. Lebensform, da der Einfluß unterschiedlicher Lebensformen auf die jeweils konkrete Form und subjektive Reproduktion der Theologinnenarbeit wahrnehmbar war. Als Gesamtgruppe bestimmte ich die Anzahl der ordinierten Theologinnen Bayerns. Das heißt, daß ich zum einen über die in den obengenannten Listen angeführten Theologinnen in kirchlichen Dienstverhältnissen hinausgegangen bin, indem ich auch drei pensionierte und eine ehrenamtlich ordinierte Theologin einbezog. Zum anderen bezog ich im Unterschied zur Alphaliste keine Vikarinnen und im Unterschied zur "Übersicht" keine beurlaubten Theologinnen in meine Befragungen ein. Daraus folgt, daß die genannten statistischen Datenmaterialien nicht in jedem Punkte einen für die oben bestimmte Gesamtgruppe repräsentativen Überblick, jedoch durchaus signifikante Einblicke geben können. Darüber hinaus ist für die Verteilung der Merkmale unter den 20 ausgewählten ordinierten bayerischen Theologinnen zu bemerken, daß ich teilweise keine quantitative, sondern eine qualitative Repräsentanz bestimmter Merkmalskombinationen oder -variationen anstrebte. Dies gilt insbesondere hinsichtlich des Lebensalters. Hier stellt die Befragung von drei pensionierten Theologinnen eine quantitative Überrepräsentanz dar, die mir jedoch im Hinblick auf die Prägung entscheidender Phasen der bayerischen Theologinnengeschichte durch diese Altersgruppe gerechtfertigt erscheint.

Die im folgenden genannten Daten hinsichtlich der Gesamtgruppe und deren Repräsentanz bei der Erhebungsgruppe sollen einen Einblick in solche Akzentsetzungen bei der Auswahl der Interviewpartnerinnen geben:

A) Lebensalter der bayerischen Theologinnen entsprechend der Verteilung ihrer Geburtsdaten in
Jahrzehntkohorten:

Geburtsjahr:

Übersicht1989/davon beurlaubt

Alphaliste 1990/davon ausgestellt

Befragte

1910-1919

0

0

0

0

1

1920-1929

4

0

4

2

3

1930-1939

8

1

4

1

1

1940-1949

23

4

13

2

3

1950-1959

135

25

104

15

8

1960-1964

14

1

118

10

4

Gesamtzahl

184

31

243

30

20

B) Lebensform der befragten Theologinnen entsprechend subjektiver Einschätzung:

Ledig: 7 - davon waren vier noch während ihrer Berufstätigkeit von der Zölibatsregelung betroffen.


140

Verheiratet: 11 - davon acht mit einem Theologen im kirchlichen Dienst verheiratet.

Verwitwet: 1

Geschieden: 1

Mütter von 1 bis 5 Kindern: 11.

C) Kategorien kirchlicher Arbeitsformen von Theologinnen im kirchlichen Dienst (ohne pensionierte und ehrenamtlich ordinierte Theologinnen):

Arbeitsform:

Übersicht 1.1.1988

1.1.1989

Befragte

Gemeindedienst

97

111

12

Sonderdienst

24

33

3

Allgemeinkirchliche Aufgaben

3

4

1

Beurlaubungen

24

35

0

Gesamtzahl

148

183

16


141

Davon gliedert sich der Gemeindedienst auf folgende Gemeindetypen<665> auf:

Gemeindetyp:

 

Übersicht 1989

Befragte

A

1

Kleinere Pfarrei im ländlichem Raum:

10

1

A

2

Größere Pfarrei im ländlichen Raum

12

1

A

3

Große Pfarrei im ländlichen Raum:

12

1

B

4

Außenstadtpfarrei im Ballungsraum:

14

0

B

5

Pfarrei in einer größeren Stadt:

38

5

B

6

Großstadtpfarrei mit Sonderfunktionen:

4

 

C

7

Kleinere Diaspora-Pfarrei

3

 

C

8

Größere Diaspora-Pfarrei:

10

2

C

9

Stadtpfarrei mit Diaspora:

6

 

D

10

Pfarrei mit Sondercharakter

2

 

Gesamtzahl:

 

111

12

Verteilung hinsichtlich der Kirchenregionen: Übersicht89 Befragte

1. Großstädtisch geprägte Kirchenkreise:

73 Gemeindestellen

3 Gemeindestellen

München/Nürnberg

 

4 Übergemeindl. Stelle

 

 

2 Pensioniert

 

 

1 Ehrenamtlich

2. Diaspora geprägte Kirchenkreise:

46 Gemeindestellen

4 Gemeindestelle

Augsburg/Regensburg/Ansbach-Würzburg

 

1 Pensioniert

3. Evang. dominant geprägter Kirchenkreis Bayreuth

27 Gemeindestellen

4 Gemeindestelle

 

 

+1 Dekanin


142

D) Anstellungsformenvarianz der bayerischen Theologinnen:

Anstellungsform:

Übersicht 1989/

Befragte

"Normal"

58

5

beurlaubt

50 (36 auf Liste)

0

Ehepaar-Reg.-§13ff. EPG

42

4

Ehepaar-Reg.-§13ff. EPG (Pfr.h.Pfr.)

1

0

Ehepaar-Reg.-§13ff. EPG (+Dienstvertrag) 3

3

1

Teildienstv.-§6ff. EPG

15

4

Teildienstv.-§6ff. EPG (Sonder:PVR)

6

0

Teildienstv.-§6ff. EPG (+Dienstvertrag)

2

1

Schulpfarrstelle (Sonderkontingent

1

0

Sonderregelung (v.a.Krankenseelsorge)

1

0

Pfarrerin mit allgemeinkirchlicher Aufgabe

1

1

Dienstvertrag

1

0

Altregelung -Theologinnengesetz

2

0

Gesamt:

183

16

Pensioniert:

0

3

Ehrenamtlich Ordiniert:

0

1

Dienstrechtlicher Status: Übersicht

1988

1989

Befragte:

Pfarrerinnen:

31

38

3

Pfarrerinnen z.A.

58

62

3

Pfarrerinnen nach EPG:

20

24

5

Pfarrerinnen z.A. nach EPG:

39

59

4

Die Interviews mit den im Laufe dieser Erhebungen ausgewählten 20 ordinierten Theologinnen führte ich in der bereits beschriebenen Weise als Einzelgespräche am Lebens- und Arbeitsort der jeweiligen Theologin nach vorheriger Anmeldung und einer kurzen Absprache über den Interviewverlauf und -zweck im Zeitraum von Ende November 1990 bis Anfang März 1991 durch, d.h. kurz nach der offiziellen Erklärung der "deutschen Einheit" am 3.10.1990. Anschließend habe ich sie transkribiert und ausgewertet.

Für die Auswertung teilte ich die Theologinnen, wo nicht anders angegeben, in folgende vier Gruppen ein. Die erste Gruppe umfaßt vier im Zeitraum von 1910 bis 1929 geborene, inzwischen pensionierte Theologinnen. Die zweite Gruppe der "Älteren" bilden vier Theologinnen, die zwischen 1930 und 1945 geboren wurden. Von diesen war eine ledige Theologin kontinuierlich berufstätig, während die anderen drei Verheirateten meist einige Zeit ehrenamtlich bzw. teilbeschäftigt arbeiteten. Die sieben Theologinnen der dritten Gruppe, die "mittlere Generation", sind in den Jahren 1945 bis 1958 geboren. Ihre Schul- und teilweise Studienzeit fiel in die Schlußphase der Auseinandersetzungen um die Frauenordination. Für die sechs "jungen" Theologinnen, in den Jahren 1959 bis 1961 geboren, war die Möglichkeit der Frauenordination dagegen bereits bei ihrem Studienbeginn selbstverständlich. Hinsichtlich der Lebensformen war in den letzten beiden Gruppen eine große Vielfalt anzutreffen.

4.2. Die Arbeitssituation der befragten Theologinnen

4.2.1. Arbeitsformen und Arbeitsinhalte

Von den befragten Theologinnen waren drei pensionierte Theologinnen im Ruhestand ehrenamtlich tätig. Eine mit einem Pfarrer verheiratete Theologin mit mehreren Kindern engagierte sich ehrenamtlich gemeindlich sowie auf überregionaler und internationaler Ebene.

Ein volles Gemeindepfarramt hatten sechs der befragten Theologinnen inne. Von diesen waren vier ledig (eine Theologin der älteren, zwei der mittleren und eine der jungen Generation). Bei den anderen beiden handelte es sich um eine junge Theologin, die mit einem Nichtakademiker verheiratet war, und eine von einem ehemaligen Berufskollegen geschiedene junge Theologin, deren ganze Stelle sich aus einer halben Gemeindestelle und einer halben Gemeindepoolstelle (D 10) zusammensetzte. Ganze Stellen im Gemeindebereich hatten also vor allem ledige bzw. nicht mit Akademikern verheiratete Theologinnen.

Halbe Gemeindepfarrstellen hatten ebenfalls sechs der befragten Theologinnen, davon vier nach
§ 13 des EPG als TheologInnenehepaare (eine ältere, eine mittlere und zwei junge Theologinnen) und zwei weitere Theologinnen nach § 6 des EPG. Von letzteren war eine mit einem Theologen im nichtkirchlichen Anstellungsverhältnis verheiratet, die andere verwitwet mit zwei Kindern.

Eine ganze übergemeindliche Stelle hatte keine der befragten Theologinnen. Die vier Theologinnen im übergemeindlichen Dienst (eine ältere, drei mittlere Generation) waren alle verheiratet, drei davon mit einem Berufskollegen. Zwei hatten nach § 6 EPG eine selbständige halbe Stelle, eine teilte sich nach § 13 EPG als TheologInnenehepaar mit ihrem Ehemann eine Stelle. Eine Theologin hatte eine halbe Stelle aus einem übergemeindlichen Stellenpool.

Hinsichtlich der Arbeitsbereiche gaben die im Gemeindebereich tätigen zwölf Theologinnen mehrheitlich an, daß sie Gottesdienste abhielten, für Altenarbeit, Unterricht und Kindergottesdienstarbeit zuständig waren. Bei den Theologinnen auf ganzen Gemeindestellen kam dazu noch KonfirmandInnenunterricht, Verwaltung, Besuche und Leitung des Kirchenvorstandes.

Von den sechs Theologinnen, die halbe Gemeindepfarrstellen hatten, gaben zwei an, daß sie freiwillig eine halbe Stelle übernommen hatten, eine davon aufgrund der Krankheit ihres Mannes. Vier Theologinnen der mittleren und jungen Generation sahen sich dagegen durch die kirchliche Gesetzgebung zur Stellenteilung mit ihrem Ehemann eher genötigt, als daß sie die halbe Stelle als Ergebnis einer freien Wahl verstanden. Als Kriterien für die Aufteilung der gemeindlichen Aufgaben zwischen den EhepartnerInnen wurde von einer Theologin genannt, daß sie die Aufgaben wahrnahm, die ihrem Mann aufgrund seiner Krankheit nicht mehr möglich waren oder schwerfielen. Bei den anderen Theologinnen spielte es eine Rolle, ob sie sich mit ihrem Ehemann die Betreuung kleiner Kinder teilten oder ohne Kinder auch parallel arbeiten konnten. Diejenigen, die sich aktuell oder in der Vergangenheit ohne Kinder eine Gemeindestelle teilten, hatten sich teilweise jeweils eigenständige Arbeitsgebiete gesucht, z.B. zwei kleine selbständige Landgemeinden oder eine kleine Gemeinde und eine Nervenheilanstalt, die sie dann untereinander aufteilten. Ein anderes Ehepaar hatte zunächst versucht, im Team zu arbeiten und die Aufgabengebiete zu wechseln, was aber zu einer Verdoppelung der Arbeitszeit geführt hatte. Im dritten Fall arbeiteten beide Ehepartner gleichzeitig in allen Bereichen, da auch die Ehefrau in allen Bereichen Erfahrung sammeln wollte. Diese Form empfand das Ehepaar jedoch als Überlastung.

Diejenigen TheologInnenehepaare, die mit Kindern die Stellenteilung im gemeindlichen Bereich durchführten, gaben an, daß sie teilweise nach einem festen Rhythmus wechselten, teilweise je nach Veränderung der familiären Situation. So übernahm der eine Ehepartner die volle Stelle, während der andere im Mutterschutz oder im Erziehungsurlaub war. Weitere Kriterien waren die Aufteilung nach Arbeitsgebieten, nach Zielgruppen entsprechend den Interessen eines Ehepartners bzw. nach bestimmten Tageszeiten. So arbeitete z.B. eine Theologin vormittags zuhause, machte nachmittags Besuche mit ihren Kindern und leitete abends Gruppen. Teilweise war auch die geschlechtsspezifische Akzeptanz von einem der Ehepartner bei einer bestimmten Zielgruppe entscheidend. Eine Theologin berichtete, daß die Mutter-Kind-Gruppe ihren Ehemann nicht akzeptierte. So erwies sich die angestrebte abwechselnde Begleitung dieser Gruppe durch die Theologin und den Theologen als nicht durchführbar. Ein TheologInnenehepaar legte hingegen fest, um angesichts der Vorbehalte von Aussiedlerfamilien gegenüber Frauen im Pfarramt eine eindeutige Position zu beziehen, daß Kasualien prinzipiell ein Arbeitsgebiet der Theologin sein sollten.

Die Untersuchung der Frage, ob die TheologInnen, die sich mit ihrem Ehemann eine Gemeindestelle teilten, die verschiedenen gemeindlichen Arbeitsfelder geschlechtsspezifisch verteilten, machte folgende Tendenz deutlich: Beide Ehepartner halten in der Regel Gottesdienst. Den schulischen und


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gemeindlichen Unterricht sowie Kasualien übernehmen entweder beide Ehepartner oder nur die Theologin. Die Verantwortung für die Leitung des Kirchenvorstandes und das Abhalten von Dienstbesprechungen obliegt dagegen entweder beiden oder eher dem Ehemann. Besuche und Krankenhausseelsorge machen meist die Ehemänner. Gemeindliche Gruppen fallen dagegen in die Zuständigkeit der Frauen. Den Gemeindebrief erstellen häufig die Ehefrauen.

Auf die Frage nach zusätzlich zu den gemeindlichen Aufgaben übernommenen Arbeiten im Gemeinwesenbereich gaben mehrere Theologinnen an, unabhängig davon, ob sie ganze oder halbe Stellen hatten, daß sie sich auf Dorf- oder Stadtteilebene um Fragen kümmerten, die die Wohnsituation, Ausländer- und Asylfragen, ein Kinderheim, die Situation von Frauen allgemein oder speziell Alleinerziehenden betrafen.

Von den vier Theologinnen, die eine halbe übergemeindliche Stelle hatten, waren zwei ausschließlich mit Fragestellungen beschäftigt, die Frauen betrafen (AFiK; Bayer. Mütterdienst). Eine andere Theologin hatte dies als einen selbst gewählten Schwerpunkt in ihrer auf junge AkademikerInnen ausgerichteten erwachsenenpädagogischen Arbeit. Eine ältere Theologin arbeitete mit einer geschlechtsunspezifischen Zielgruppe in der Krankenhausseelsorgearbeit.

Insgesamt ist festzustellen, daß die im gemeindlichen Bereich tätigen Theologinnen durchgängig die Gottesdienstleitung übernahmen, ansonsten jedoch Schwerpunkte in den als typisch weiblich geltenden Gemeindearbeitsfeldern hatten: Unterricht, Gruppenarbeit mit den Zielgruppen Kinder, junge Mütter und SeniorInnen. Dies zeigt sich besonders bei der Aufteilung der Arbeitsfelder bei TheologInnenehepaaren, wo die gemeindeleitenden Aufgaben wie Verwaltung, Kirchenvorstand, Dienstbesprechungen tendenziell den Ehemännern zufielen. Allerdings machten diese auch Besuche und Krankenhausseelsorge, während die Lebensabschnittsbegleitung bei Kasualien eher den Frauen zufiel. In einzelnen Fällen wählten die TheologInnenehepaare auch bewußt eine der Gemeindeerwartung zuwiderlaufende Aufgabenteilung.

Offizielle Leitungsfunktionen innerhalb der bayerischen Kirche übten einige Theologinnen der älteren und mittleren Generation aus. Auf Dekanatsebene war eine ledige Theologin der mittleren Generation als Dekanin anzutreffen. Zwei der befragten Theologinnen, eine ältere ledige Theologin auf einer vollen Stelle und eine ältere verheiratete Theologin auf einer halben Stelle, waren von ihren Kollegen als Seniorinnen gewählt worden, so daß sie als Stellvertreterinnen des jeweiligen Dekans fungierten. Sie waren besonders für die seelsorgerliche Begleitung der KollegInnen im Pfarrkapitel zuständig. Außer diesen beiden Theologinnen gab eine ledige Theologin der mittleren Generation an, daß sie in der Dekanatssynode vertreten war. Diese Theologinnen engagierten sich auch in der Ausschußarbeit auf Dekanatsebene. So arbeitete eine Theologin im theologischen Ausschuß, Finanzausschuß und El-Salvador-Ausschuß mit. Eine andere Theologin war im Kuratorium eines Jugendgästehauses und für die Diasporaarbeit auf Dekanatsebene zuständig. Eine Theologin war für die Jugendarbeit auf Dekanatsebene verantwortlich.

Auf der landeskirchlichen Ebene waren einzelne Theologinnen der älteren und mittleren Generation in verschiedenen Aufgabenbereichen tätig. So zählte eine Theologin zum Beraterpfarrerkreis und war im Verwaltungsausschuß des Gustav-Adolf-Werkes. Eine andere ältere verheiratete Theologin war im Ökumenefachausschuß, einem Unterausschuß der Synode, und hatte dort an einer Arbeitshilfe für das Lutherjahr sowie der Stellungnahme der ELKiB zum Limapapier mitgearbeitet.

Von den Theologinnen der mittleren Generation waren vor allem die verheirateten Theologinnen auf übergemeindlicher Ebene in Leitungsfunktionen tätig. Eine war fünf Jahre als berufene Synodalin im Einsatz und hatte sich an der Institutionalisierung der Geschlechterfrage auf verschiedenen Ebenen beteiligt. Die im AFiK tätige Theologin berichtete, daß sie selbst eigene Fachausschüsse zu geschlechtsspezifischen Fragestellungen gegründet habe zu den Themen Liturgie und Spiritualität, Dienstrecht und feministische Theologie in der theologischen Ausbildung, frauenspezifisches Praktikum. Eine ledige Theologin der mittleren Generation gehörte der Pfarrerkommission an.

Auf ökumenischer Ebene, teilweise im bayerischen Rahmen, teilweise darüber hinausgehend, waren mehrere Theologinnen, vor allem der älteren Generation, in repräsentativen Funktionen tätig, z.B. als bayerische Delegierte bei der ÖRK-Vollversammlung in Vancouver 1983, als Mitglied des EKD-Ausschusses für ökumenische Diakonie oder als Mitglied des Teams des Ökumenischen Studienkurses in dem Studienzentrum Josefstal. Eine Theologin hatte gemeinsam mit einer katholischen Frau die Leitung der Sektion Süddeutschland beim Ökumenischen Forum christlicher Frauen Europas inne.

Frauenspezifische Leitungsfunktionen nahmen eher Theologinnen der mittleren bzw. jüngeren Generation wahr. So war eine ältere Theologin in der Kommission für Frauenarbeit der EKiD auf Bundesebene. Einige junge verheiratete Theologinnen, vor allem aber auch ledige Theologinnen engagierten sich im bayerischen Theologinnenkonvent. Mit der Frage der Lebensformen und des


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Umgangs der Kirchenleitung mit diesem Thema beschäftigte sich eine junge geschiedene Theologin, die mit anderen zusammen die Interessengemeinschaft geschiedener Pfarrerinnen und Pfarrer gegründet hatte. Mehrere junge und einige mittlere Theologinnen gaben an, bisher keine Leitungsaufgaben übernommen oder anvertraut bekommen zu haben.

4.2.2. Arbeitsbedingungen (Lohn, Wohnung, Versicherung, Dienstwagen, Privatleben)

Die Wohnungssituation sah bei den befragten Theologinnen so aus, daß acht der befragten Theologinnen in Privatwohnungen wohnten. Dies traf, quasi selbstverständlich, auf die drei pensionierten und die ehrenamtliche Theologin zu, wobei von den pensionierten Theologinnen eine auch schon während ihrer Arbeit im Gemeindepfarramt in ihrem Elternhaus gewohnt hatte. Von den im kirchlichen Erwerbsarbeitsverhältnis stehenden Theologinnen der mittleren Generation, die in privat angemieteten Wohnungen wohnten, bezogen zwei im übergemeindlichen Teildienstverhältnis stehende Theologinnen einen Mietzuschuß. Eine Theologin im halben Gemeindedienst wohnte im eigenen Haus.

Die anderen zwölf Theologinnen wohnten in kirchlichen Dienstwohnungen bzw. von der Gemeinde angemieteten Wohnungen. Eine im übergemeindlichen Dienstverhältnis stehende Theologin wohnte in der Dienstwohnung ihres Ehemannes. Acht Theologinnen, von denen die Hälfte im vollen Gemeindedienst war und die andere Hälfte sich - meist mit ihrem Ehemann - eine Stelle teilte, bewohnten Dienstwohnungen. Deren Mietwert wurde auf ihr Gehalt aufgeschlagen und versteuert. Drei Theologinnen, davon eine gemeindliche Teildienstarbeitende und zwei vollzeitbeschäftigte Theologinnen im Gemeindedienst, bewohnten von der Kirchengemeinde angemietete Wohnungen. In zwei Fällen handelte es sich dabei um Gemeinden in Neubaugebieten mit mehreren Pfarrstellen, wo keine Pfarrhäuser für Pfarrer auf der zweiten oder dritten Stelle bereitstanden. In einem Fall hatte eine Theologin eine neueingerichtete Stelle inne, für die ebenfalls keine Pfarrerdienstwohnung zur Verfügung stand.

Ihre Wohnsituation beurteilten die Theologinnen mit Familie in kirchlichen Dienstwohnungen meist positiv. Teilweise fehlte allerdings ein zweites Arbeitszimmer. Alleinlebende oder auch ältere verheiratete Theologinnen, deren Kinder aus dem Haus waren, hielten dagegen die Größe der Pfarrwohnungen, die auf umfangreiche Pfarrfamilien ausgelegt waren, teilweise für ein fragwürdiges Privileg gegenüber anderen kirchlichen MitarbeiterInnen mit Familie. Für manche war die Pflege und der Unterhalt einer großen Wohnung auch eine finanzielle Belastung.

Über einen Dienstwagen verfügte keine der bayerischen Theologinnen. Die im übergemeindlichen Dienst tätigen Theologinnen benutzten in der Regel öffentliche Verkehrsmittel und rechneten die entstehenden Fahrtkosten ab. Die Theologinnen im Gemeindedienst verfügten in der Regel über einen Privatwagen und erhielten für anfallende Dienstfahrten Kilometergeld.

Die sozialversicherungsrechtliche Absicherung verlief bei den in einem vollen Dienstverhältnis stehenden Theologinnen analog zu der der Männer. Bei den TheologInnenehepaaren unterschied sich die Höhe der sozialversicherungsrechtlichen Absicherung nach dem Einstiegsdatum für die Stellenteilung bzw. der zu diesem Zeitpunkt gültigen Fassung des EPG. So waren manche bei halben Stellen voll und andere halb versichert. Zwei ältere Theologinnen mit halber Stelle, von denen die eine gemeindlich, die andere übergemeindlich längere Jahre stundenweise als Angestellte tätig gewesen waren, waren nicht kirchliche BeamtInnen geworden. Die phasenweise teilzeitbeschäftigte und zum Zeitpunkt der Befragung ehrenamtlich tätige Theologin der älteren Generation war nicht sozialversichert. Dies bedeutet, daß alle Theologinnen der jungen und mittleren Generation sozialversichert waren, teilweise entsprechend ihrem Arbeitszeitanteil. In der älteren Generation waren nur die vollbeschäftigten ledigen Theologinnen wie ihre männlichen Kollegen versichert. Andere waren in geringerem Umfang sozialversichert, manche überhaupt nicht.

Die Höhe ihres Lohnes bewerteten die Theologinnen in vollen Stellen als sehr gut im Vergleich zu dem anderer kirchlicher MitarbeiterInnen, der Mehrheit der Gesellschaft und auch den PfarrerInnen in der DDR - worauf eine Theologin verwies. Allerdings kritisierten zwei Theologinnen, daß es sich im Vergleich zur Arbeitszeit, Ausbildung und Verantwortung um eine Unterbezahlung bzw. eine nicht leistungsorientierte Bezahlung handele. Eine junge verheiratete Theologin mit Familie hob die Mehrkosten hervor, die ein Kind und der notwendige Dienstwagen gegenüber ihrer früheren Lebenssituation mit einem geringeren Finanzbedarf verursachten. Zwei Theologinnen der mittleren und älteren Generation verwiesen darauf, daß bei der Bewertung der Lohnhöhe zu berücksichtigen sei, daß den Theologinnen relativ geringfügige Wohnungskosten im Vergleich zu Menschen in anderen Berufen entständen.

Die Theologinnen, die auf halben Stellen arbeiteten, betonten bei der Bewertung ihrer Lohnhöhe, daß sie


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entweder durch ihren voll verdienenden Ehemann oder eine andere Finanzquelle ihren Lebensunterhalt finanziell absicherten. Lediglich eine Theologin mit halber Stelle mußte damit weitgehend den Familienunterhalt bestreiten. Letzteres bezeichnete sie einerseits als unterprivilegiert gegenüber Gehältern in der Wirtschaft für Menschen mit akademischer Ausbildung, andererseits als privilegiert z.B. gegenüber Sekretärinnen, die Vollzeit für das gleiche Einkommen arbeiten mußten. Mehrere der Theologinnen mit halber Stelle gaben an, daß sie einen Großteil ihres halben Gehaltes für die Bestreitung der Unkosten aufzuwenden hatten, die ihnen direkt oder indirekt im Zusammenhang mit ihrer Berufsarbeit entstanden, z.B. Bezahlung für Haushaltsvertretung in Form von Putzfrau oder Au-pair-Mädchen. Hinzu kamen Ausgaben für Kleidung und Geschenke bei Besuchen. Das halbe Gehalt eröffne ihnen allerdings zusätzliche Spielräume bei der Lebensgestaltung der Familie. Mehrere Theologinnen mit halben Stellen stimmten darin überein, daß ihr Einkommen ihnen nicht für ein eigenständiges Leben als Alleinstehende ausreichen würde.

Vor allem die jungen Theologinnen, die sich mit ihrem Ehemann eine Stelle teilten, so daß jeder ein halbes Gehalt bekam, waren der Ansicht, daß das Gehalt gering sei im Verhältnis zur aufgewandten Arbeitszeit, zur akademischen Ausbildung und zum finanziellen Aufwand, insbesondere wenn zwei Dienstwagen nötig seien. Als Vergleichsgrößen zogen sie ein LehrerInnenehepaar bzw. die freie Wirtschaft heran. Eine ältere Theologin wies dagegen auf die Chance hin, daß durch das geringere Gehalt leichter ein Zugang zu Gemeindegliedern möglich sei, die noch weniger Geld hätten und - im Unterschied zu PfarrerInnen - keine gesicherte Lebensarbeitsperspektive. Eine Theologin der mittleren Generation bezeichnete ihr Einkommen aus ethischen Gründen als ausreichend, da sie beim Umgang mit mehr Geld Angst vor dessen korrumpierender Wirkung habe.

Insgesamt ist zu sagen, daß die Theologinnen mit einer vollen Stelle ihren Lohn als sehr gut bezeichneten. Theologinnen mit einer halben Stelle betrachteten ihn als angenehmes Zubrot, aber nicht als existenzsichernd. Theologinnen mit einer geteilten Stelle hielten ihren Lohnanteil für knapp und stellten in Frage, ob er angemessen sei hinsichtlich des Verhältnisses von Gehalt, Ausbildungszeit und Arbeitszeit.

Die Möglichkeiten, bei einer ganzen Gemeindepfarrstelle zu einem befriedigenden Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben zu kommen, bewerteten vor allem die alleinlebenden Theologinnen als ziemlich schwierig. Es falle schwer, ein Gegengewicht zum beruflichen Bereich im Privatleben zu schaffen, da zum einen, z.B. bei Versetzungen, wenig Rücksicht auf Freundschaften, Beziehungen zu Nichtehepartnern genommen werde. Zum anderen sei der Freizeitrhythmus im Gemeindepfarramt gegenläufig zu dem von Menschen in anderen Berufen. Die Gemeindeerwartung rechne mit einer Pfarrfamilie. Theologinnen sollten so gut sein wie ein Mann und darüber hinaus noch etwas Besonderes zeigen, so daß Mehrarbeit erwartet werde. Eine gewisse Alternative stelle es dar, sich mit anderen Kolleginnen in der gleichen Lebens- und Berufssituation für gemeinsame private Unternehmungen zu verabreden.

Mehrere Theologinnen in vollen Gemeindestellen hielten es grundsätzlich für schwierig, Privat- und Berufsleben deutlich zu trennen. Der Wunsch nach räumlicher Abgrenzung sei zwar oft da, aber zugleich auch das Gefühl, immer präsent sein zu müssen. Als Problem für eine zeitweise emotionale Abgrenzung benannten sie den "freien Tag" und den Zwang zur Abmeldung beim Dienstvorgesetzten, dem Dekan, bei nächtlicher Abwesenheit. Der freie Tag werde oft durch dienstliche Belange eingeschränkt. Für eine - auch emotionale - Abgrenzung und die Pflege von Freundschaften sei das Recht auf ein freies Wochenende in bestimmten Abständen notwendig.

Die Theologinnen, die mit ihrem Ehemann eine Stelle innehatten und in der Mehrzahl mit diesem auch die Kinderbetreuung und Haushaltsarbeit aufteilten, gaben an, daß ihr Privatleben oft zu kurz komme, insbesondere was gemeinsame Zeiten mit dem Ehepartner anbelange. Die Zeit für die Kinder beurteilten sie in der Regel als ausreichend. Ein regelmäßiger freier Abend galt dagegen als schwer einplanbar. Ein besonderes Problem für die Gestaltung und die Planung familiärer Freizeit stellte der meist gegenläufige Arbeitsrhythmus dar, aber auch unterschiedliche individuelle Bedürfnisse nach gemeinsamem familiärem Zusammensein bzw. individuellen Freiräumen in der knapp bemessenen Freizeit. Die Wohnsituation erschwerte eine klare Trennung von Berufs- und Privatleben. Übernahm einer der Ehepartner eine zusätzliche Aufgabe, wurde der andere stärker in die Hausfrauenrolle gedrängt.

Die Theologinnen mit halben Stellen äußerten sich grundsätzlich zufrieden hinsichtlich ihrer Möglichkeiten zur Verbindung von Beruf und Privatleben. Von zeitweisen Konflikten, aber auch von Zeiten der Zufriedenheit mit der existierenden Situation berichtete eine alleinerziehende Theologin mit einer halben Gemeindestelle, die einerseits ihren Tagesablauf im beruflichen Bereich mit seinen Überraschungen schätzte, andererseits ihren individuellen Freiraum als sehr gering erfuhr. Eine junge verheiratete Theologin im gemeindlichen Bereich ohne Kinder schätzte ihre Möglichkeiten zu einer befriedigenden


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Verbindung von Beruf und Privatleben dagegen als sehr gut ein. Sie konnte ihre theologischen Interessen und ihre Hobbys mit ihrer Berufsausübung verbinden.

Die Theologinnen mit einer halben Stelle im übergemeindlichen Bereich schätzten die Möglichkeiten der eigenen zeitlichen Strukturierung ihrer Arbeit. Sie erleichtere ihnen eine befriedigende Gestaltung ihres Berufs- und Privatlebens. Allerdings gelte dies nur für "normale" Zeiten. Kämen dagegen zusätzliche unerwartete überraschende berufliche oder private Anforderungen hinzu, komme es in der Regel zu Entscheidungen zu Lasten des Privatbereiches. Dies sei vor allem für die Kinder schwierig.

Als Problem bezeichnete es eine Theologin außerdem, daß die Halbzeitpräsenz im Beruf in einer auf Vollzeitarbeit ausgerichteten Struktur bedeute, daß sie aus bestimmten Entscheidungsvorgängen herausfalle. Andererseits sei es manchmal auch schwierig, die andere halbe Zeit wirklich für private Interessen und nicht nur zur Regeneration für den beruflichen Bereich zu verwenden. Als ausgesprochen positiv bewertete sie aber die halbe übergemeindliche Arbeit im Vergleich zur gemeindlichen Arbeit dahingehend, daß die Wochenenden frei waren und sie keine permanente Präsenzpflicht hatte.<666>


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4.2.3. Die Akzeptanz von seiten der Gemeinden, der Kollegen und der Kirchenleitung

Ein Drittel der Theologinnen, darunter alle älteren, äußerten, daß sie sich in der Gemeinde voll akzeptiert fühlten. Eine junge Theologin sagte, daß die Gemeinde sogar erfreut gewesen sei, "endlich eine Frau" als Pfarrerin zu haben. Die Hälfte der Theologinnen, junge und mittlere gleichermaßen, gab an, daß die Reaktionen aus der Gemeinde auf sie als Frau im Pfarramt unterschiedlich gewesen seien. Von einer guten Akzeptanz berichteten Theologinnen, die in einem Dorf, in einem emanzipatorisch-städtischen Kontext sowie in Neubaugemeinden tätig waren.

Als Konfliktkonstellationen zwischen Gemeinden und Theologinnen benannten letztere eine sehr traditionelle lutherische Identität, die Begegnung mit Aussiedlerfamilien, auf männliche Amtsinhaber fixierte Rollenbilder bei Sekretärinnen, Mesnern und KirchenvorsteherInnen sowie die Reaktion von Gemeindemitgliedern, insbesondere von Hausfrauen auf die Rollenteilung bei TheologInnenehepaaren. Während die Gemeinde den Ehemann beim Einkauf oder bei der Kinderbetreuung bedauere, nehme sie die Theologin dagegen bei der Amtsausübung nicht ganz ernst. Die Theologinnen müßten oft den Unterschied zur traditionellen Pfarrfrau erst deutlich machen. Eine Theologin berichtete, daß die Gemeinde sie so lange voll akzeptierte, solange sie den männlichen Rollenbildern voll entsprach. Seit sie die Frauenfrage thematisierte, habe sie dagegen Widerstände von der Gemeinde zu spüren bekommen.

Das Verhältnis zu ihren Berufskollegen bezeichneten die älteren Theologinnen und einige jüngere Theologinnen als gut. Die Hälfte bewertete es als unterschiedlich und der Rest als schwierig.<667> Als Probleme benannten sie neben hochkirchlichen Kollegen, die prinzipiell Frauen im Pfarramt ablehnten, auch Kollegen mit einer unsichtbaren, aber immer anwesenden Pfarrfrau im Hintergrund, die ihr eigenes Modell von Privatleben und Pfarrberuf nicht zur Diskussion stellten. Als weiteres Problem äußerten sie, daß Konflikte meist nicht offen und sachlich ausgetragen würden, sondern eine versteckte Konkurrenz vorherrsche. Die befragten Theologinnen waren teilweise in ihren Pfarrkonventen die einzigen Frauen oder die einzigen Theologinnen mit vollen Stellen. Aufgrund der latenten Frauendiskriminierung gingen aber bei TheologInnenehepaaren meist die Männer zu Pfarrkonventen. Teilbeschäftigte Theologinnen äußerten sich kaum. In manchen Situationen kam es auch zu Konflikten zwischen Theologinnen mit unterschiedlichen Lebensformen.

Ihr Verhältnis zur Kirchenleitung/Kirchenverwaltung beschrieben die älteren Theologinnen prinzipiell als gut. Eine Theologin, deren Mann vollbeschäftigt im kirchlichen Dienst war, hatte mit der Kirchenleitung eine Auseinandersetzung, als sie beim Stellenwechsel ihres Ehemannes zunächst keine neue Stelle erhalten sollte. Die jungen und mittleren Theologinnen gaben an, daß sie die Akzeptanz ihrer Arbeit durch die Kirchenleitung als sehr unterschiedlich empfanden, je nachdem mit welcher Person sie es als Vertreter der Kirchenleitung zu tun hatten, wie jeweils ihre persönliche Beziehung zu dieser kirchenleitenden Person war und ob dieser aus ihrer oft paternalistischen oder patriarchalen Perspektive die Interessen der Theologin einleuchteten.

Als Problem empfanden die jungen Theologinnen, daß es im Konfliktfall meist keine offene Kommunikation gebe und im Zweifelsfall stets der herrschaftlich strukturierte kirchliche Machtapparat zum Zuge komme. Einige Theologinnen der mittleren und jungen Generation äußerten, daß sie kaum Kontakte zur Kirchenleitung hätten.

4.3. Die Relevanz der Geschlechterdifferenz

4.3.1. Die Entdeckung der Geschlechterdifferenz

Eine der pensionierten Theologinnen gab an, daß ihr das Problem der Geschlechterdifferenz durch die während ihres Schulbesuches zur Zeit des Nationalsozialismus vermittelten Rollenmuster bereits in jungen Jahren deutlich geworden sei. Die anderen beiden pensionierten Theologinnen führten hingegen an, daß ihnen die Relevanz dieser Frage vor allem in der Berufsphase klargeworden sei. Bei einer geschah dies während ihrer ersten Berufstätigkeit durch die Teilnahme an Tagungen des DEFB bzw. durch die von ihr gepflegten Verbindungen zur evangelischen Frauenarbeit. Bei der anderen war besonders ihre zweite berufliche Tätigkeit, die Arbeit mit alleinstehenden Frauen, dafür wichtig. Dort lernte sie, sich als Frau zu wehren und ihre Interessen auch gegenüber Männern zu vertreten.

Zwei Theologinnen, die in den Jahren 1930-1940 geboren waren, hatten die Geschlechterdifferenz zuerst in der Familie und in der Schule wahrgenommen. Eine der Theologinnen war eines der wenigen Mädchen


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an einer Jungenschule und fühlte sich in dieser Situation dazu verpflichtet, ihre eigene Existenz durch besonders gute Leistungen zu rechtfertigen und nicht unangenehm aufzufallen. Eine andere Theologin dieser Altersgruppe gab an, daß die Frauenfrage bis heute für sie keine existentielle Frage sei und in ihrer Partnerbeziehung die Gleichberechtigung der Geschlechter selbstverständlich gewesen sei. Die unverheiratete Theologin aus dieser Generation sagte, daß sie die Geschlechterhierarchie vor allem in der Zeit nach dem Studium wahrnahm, als sie in ihrer Funktion als Dekanatsjugendleiterin den Diakonen und nicht den Dekanatsjugendpfarrern zugeordnet wurde, mit denen sie die gleiche Ausbildung durchlaufen hatte.

Die Hälfte der Theologinnen aus der mittleren Generation hatte die Geschlechterdifferenz während der Studienzeit entdeckt, vier andere Theologinnen erst danach, im Vikariat, im Zuge einer Dissertation oder während eines Praktikums beim ÖRK in Genf. Diejenigen, die bereits im Studium damit konfrontiert wurden, erlebten, daß Professoren und Kommilitonen sie in ihrem extremen Minderheitenstatus teilweise lächerlich machten. Eine Theologin kam zu der Konsequenz, beim Landeskirchenamt die Vermittlung einer Theologin als Gemeindepraktikumsanleiterin zu beantragen. Eine andere Theologin bekam durch Seminare der Gruppe "Christen für den Sozialismus“ am Ende ihres Studiums Zugang zu feministischer Theologie. Von denjenigen, die nach dem Studium erstmals sich mit der "Frauenfrage“ existentiell beschäftigten, erfuhren zwei ihre Rolle als Vikarin als umstritten, sowohl bei den Gemeindegliedern als auch bei ihren Mentoren. Es herrschte Unsicherheit, ob sie wie ein männlicher Vikar zu betrachten und einzusetzen seien oder wie eine weibliche Hilfskraft auf als weiblich angesehene Tätigkeiten zu beschränken wären. Eine andere Theologin erlebte im Vikariat, welche Frauenrollen in der Gemeinde festgeschrieben waren, nämlich die Vorstellung von Frauen als untergeordneten, dummen, unselbständigen Wesen, die sich nicht trauten, öffentlich in der Gemeinde zu sprechen. Andere Theologinnen der mittleren Generation begannen im Laufe anderer Tätigkeiten im Anschluß an das erste Examen die Relevanz der Geschlechterdifferenz zu erahnen und sich mit feministischer Theologie zu beschäftigen. Einer Theologin wurde beim Erstellen ihrer Dissertation die Geschlechterfrage als strukturelles Problem bewußt. Eine andere Theologin erlebte, wie ihre Minderheitensituation als Frau bei der Tätigkeit im ÖRK zu einer untergeordneten Position führte. Alle Abteilungsleiter waren Männer, und bei ökumenischen Tagungen lag die Tagungsleitung in der Regel in der Hand von Männern, da die Einschätzung vorherrschte, daß TeilnehmerInnen Frauen in dieser Funktion nicht respektieren würden. Bei mehreren Theologinnen dieser Altersgruppe führte die Wahrnehmung der Geschlechterdifferenz dazu, sich mit feministischer Theologie, meist Büchern aus den USA bzw. anderer Literatur zur Geschlechterdifferenz zu beschäftigen.

Von den jungen Theologinnen nahmen drei die Geschlechterdifferenz bereits vor dem Studium wahr, die eine durch den Schulbesuch in einer Mädchenschule, die andere durch die Beschäftigung mit sexistischer Werbung in den ersten Gymnasialjahren. Eine dritte machte die Erfahrung, daß ihr Gemeindepfarrer auf ihren Studienwunsch Theologie am Ende der Schulzeit keineswegs ermutigend reagierte, sondern ihr alle Nachteile des Pfarrberufes aufzählte. Diejenigen vier Theologinnen, die während ihres Studiums erstmals mit der Relevanz der Geschlechterdifferenz konfrontiert waren, gaben als Kontexte dieser Erfahrung an, daß sie erstmals an der Hochschule eine negative Charakterisierung der Frauenrolle, d.h. als defizitär gegenüber der Männerrolle, in dem Sinne erlebten, daß Frauen bestimmte Dinge nicht sollten tun können. Andererseits wurde ihnen vermittelt, daß sie durch besondere Fertigkeiten eine Bedrohung für Männer darstellten. Für andere Studentinnen wurde die Vermittlung der Geschichte der Frauenordination und der aktuelle kirchenpolitische Kampf um die Gleichbehandlung der Geschlechter, teilweise im Rahmen einer frauenspezifischen Gruppierung an der Hochschule, zur eindrücklichen Erfahrung hinsichtlich der Relevanz dieser Frage. Mehrere Theologinnen zogen daraus die Konsequenz, sich intensiver mit feministischer Theologie zu beschäftigen.

Insgesamt ist festzustellen, daß für einzelne Theologinnen aus allen Generationen die Geschlechterdifferenz bereits im Elternhaus bzw. der Schulzeit Relevanz gewann. Sowohl in der älteren als auch in der mittleren Theologinnengeneration erlebte die Mehrheit der Theologinnen vor allem im beruflichen Bereich Frauendiskriminierung. Dabei machte die mittlere Generation diese Erfahrung durchgängig direkt im Anschluß an das Studium, teilweise in der Vikariatsgemeinde, teilweise bei einer wissenschaftlichen Beschäftigung, aber auch bei der Mitarbeit in einer Weltökumeneorganisation. Die Theologinnen der jungen Generation entdeckten dagegen die Relevanz der Geschlechterdifferenz durchgängig schon früher, teilweise in Schule und Elternhaus, zum großen Teil während des Studiums.

4.3.2. Selbstverständnis als Frau in diesem Beruf

Etwa die Hälfte der Theologinnen aus den verschiedenen Generationen gab an, daß ihrer Meinung nach Theologinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen leichter näheren Zugang zu anderen Menschen gewännen. Einige vermuteten, daß von vornherein eine geringere Distanz zwischen


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Theologinnen und LaiInnen bestehe. Dies führten zwei Theologinnen auf das mütterliche Wesen von Frauen zurück. Fünf Theologinnen, davon drei junge Theologinnen, vermuteten vor allem eine besondere Nähe der Theologinnen als Frauen gegenüber anderen Frauen. Dies sahen sie in gemeinsamen Alltagserfahrungen, wie Ehe- und Erziehungsproblemen, sowie der gleichen Perspektive beim Erleben in diesen Lebensbereichen begründet. Zwei Theologinnen der mittleren Generation nahmen darüber hinaus eine besondere Nähe der Theologinnen zur Situation von Kindern und Familien wahr.

Eines der Arbeitsgebiete, in denen die Geschlechterdifferenz besonders zum Tragen kommen konnte, war nach Meinung von je zwei Theologinnen der alten und der jungen Generation die Seelsorge. Dies stellte eine Theologin der mittleren Generation als Klischee in Frage. Je zwei Theologinnen der älteren und der jüngeren Generation äußerten, daß ihrer Meinung nach die Predigten von Theologinnen anders seien als die ihrer männlichen Kollegen. Sie sahen die Differenz in der größeren Lebensnähe der Theologinnen und deren stärkerer Auseinandersetzung mit Alltagsproblemem wie Einkäufen, Kindererziehung und Gartenpflege begründet. Auch Kasualien und Gottesdienste generell benannten einzelne Theologinnen als insbesondere Frauen naheliegende Arbeitsgebiete. Hinsichtlich des Umgangs von Theologinnen mit Leitungsaufgaben postulierten zwei Theologinnen der mittleren Generation, daß Theologinnen eher als männliche Theologen in der Lage seien, ihre Qualifikation im Rahmen eines Teams voll entfalten zu lassen. Je eine Theologin der älteren und der mittleren Generation erwarteten, daß Theologinnen bei der Ausübung von Leitungsfunktionen sachlicher wären, eine andere Sensibilität zeigten und einen integrativen Leitungsstil pflegten.

Als besondere Chance der Existenz von Frauen im pastoralen Beruf sahen mehrere Theologinnen aus der älteren, mittleren und jungen Generation an, daß Theologinnen weniger vom männlich-traditionellen Habitus belastet seien, die Autorität des Amtes zu verkörpern. Statt dessen könnten sie in ihrer Amtsausübung die Würde und Selbständigkeit von Frauen dokumentieren. Darin sahen einige Theologinnen auch eine innovatorische Chance, die in der Gegenwart vor allem bei katholischen ChristInnen und kirchenfernen Menschen zum Wirken komme. Je eine Theologin der mittleren und der jüngeren Generation sah die Möglichkeit gegeben, daß Theologinnen im Pfarramt neue Akzente in der theologischen Arbeit setzen können, z.B. durch eine stärkere Integration jüdischen Denkens oder durch einen deutlicheren Gesellschaftsbezug.

Spezifische Hinderungsgründe für die Existenz von Frauen im Pfarramt sahen einzelne Theologinnen der älteren und mittleren Generation in der Verbindung von Beruf, Familie und Haushalt. Dagegen wies eine jüngere Theologin den Vorbehalt gegen Theologinnen im Pfarramt zurück, dem die klischeehafte Vorstellung zugrunde liege, daß Mütter nicht ausreichend Zeit für den Beruf hätten, während bei Männern jedes Anzeichen für ein Engagement im reproduktiven Bereich extra gewürdigt werde. Ein weiteres geschlechtsspezifisches Problem der Theologin im Pfarramt sah eine Theologin der älteren Generation darin, daß sie sich immer noch bei ihrer Berufsausübung wie auf dem Präsentiertisch fühle.

Geschlechtsspezifische Anfragen an ihre Ausübung des pastoralen Berufes äußerten mehrere Theologinnen der mittleren und vor allem auch der jungen Generation. Sie erfuhren zentrale Bestandteile der bisher männlich dominierten Amtsausübung wie Talar, kirchlich-theologische Symbolsprache, Kanzelpredigt, Gottesdienstformen, Umgangsformen bei Pfarrkonferenzen sowie den Erwartungsdruck an Theologinnen in Leitungsfunktionen als Entfremdung gegenüber ihren Vorstellungen und Erwartungen. Für mehrere Theologinnen blieb die Frage: "Ist dieser Beruf so veränderbar und reformierbar, daß er für Frauen akzeptabel wird?"

4.3.3. Geschlechtsspezifische Probleme

Nahezu alle Theologinnen sahen es als gemeinsames geschlechtsspezifisches Problem an, eine befriedigende Verbindung zwischen Beruf und Privatleben zu schaffen. Viele der verheirateten Theologinnen mit Kindern, insbesondere aus der mittleren und jungen Generation berichteten von Kollisionen zwischen Beruf und Familie. Einige äußerten, daß sie in manchen Situationen oder grundsätzlich Schuldgefühle gegenüber ihren Kindern verspürten. Anderen fehlte neben ausreichend Zeit für die Familie auch Zeit für sich selbst und die theologische Weiterarbeit. Unverheiratete Theologinnen, insbesondere aus der jüngeren und mittleren Generation, äußerten, daß ihnen eine befriedigende Verbindung zwischen Beruf und Privatleben schwer falle, insbesondere die kontinuierliche und verläßliche Pflege des Kontaktes zu anderen Menschen. Den Konflikt zwischen Beruf und Privatleben sahen viele der Theologinnen in dem bisherigen Rollenbild des Pfarrberufes begründet, das eine 50-60stündige Arbeitswoche, eine Erledigung der Familienarbeit durch eine Pfarrfrau im Hintergrund und die Mitarbeit der Pfarrfamilie bei der Gestaltung eines vielseitigen Gemeindelebens vorsah. Gegen diese Rollenerwartung der Gemeinde zu leben, hielten sowohl einige der unverheirateten als auch manche der verheirateten Theologinnen für sehr schwierig. Die


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Rollenunsicherheit, die Differenz zwischen eigenem Anspruch bzw. den Prämissen der feministisch-theologischen Reflexion über das Proprium der Theologinnen im Pfarramt einerseits und der eigenen Praxis andererseits sahen einige Theologinnen als Hauptproblem bei der Bildung eines eigenen Rollenbildes an. Manche empfanden einen Druck, 150% besser als die Männer sein zu müssen, und hatten Minderwertigkeitskomplexe hinsichtlich der Qualität der eigenen Arbeit. Andere wiesen darauf hin, daß die Rollenunsicherheit damit zusammenhänge, daß sowohl die Ausprägung der Pfarrerrolle als auch die der Geschlechterrollen im Fluß sei. Diese betreffe auch die Männer-Väter-Pfarrerrollen. Theologinnen seien als Frauen noch in besonderer Weise von den geschlechtsspezifischen kirchlichen Dienstideologie betroffen. Hinsichtlich der Kommunikationspartnerinnen in ihrem Arbeitsbereich sahen nur wenige Theologinnen geschlechtsspezifische Probleme. Eine Theologin bezeichnete es als Problem, mit männlichen kirchlichen Mitarbeitern partnerschaftlich umzugehen, die autoritär und frauendiskriminierend eingestellt waren. Mehrere Theologinnen der mittleren Generation gaben an, daß nach ihren Erfahrungen insbesondere der Umgang mit anderen Frauen in der Kirche einer besonderen Überlegung bedürfe, z.B. was Konkurrenz zwischen Frauen anbelange und wie ein angemessenes Raster für den Umgang mit Konflikten zu entwickeln sei.

DasVerhältnis zu ihren männlichen Kollegen bewerteten jeweils einzelne Theologinnen aus den verschiedenen Generationen als ein geschlechtsspezifisches Problem. So fühlten sich einzelne Theologinnen von ihren Kollegen abgelehnt. Eine empfand es als problematisch, daß ihr der Pfarrkonvent alle Themen zuschob, die Frauen betrafen. Eine andere wies darauf hin, daß sich Theologinnen mit ihren jeweiligen Väter- und Brüdergeschichten auseinandersetzen müßten. Hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Probleme der Theologinnen im Umgang mit der Kirchenleitung nannten mehrere Theologinnen aus der älteren und der jungen Generation das wenn auch eingeschränkte Weitergelten des Vetoparagraphen. Darin drücke sich eine Unterordnung des Stellenwertes des Gewissens und der Ordination von Frauen gegenüber dem Gewissen und der Ordination von Männern aus.

Insgesamt ist festzustellen, daß die Theologinnen als zentrales geschlechtsspezifisches Problem die Verbindung von Beruf und Privatleben betrachteten. Dies stand im Zusammenhang mit einem vor allem von den Theologinnen ausgetragenen Rollenkonflikt mit der Geschlechterrolle einerseits und dem Pfarrerbild andererseits, die beide ebenfalls im Wandel begriffen waren. Dadurch ergaben sich nach Auffassung einzelner Theologinnen jeweils auch Konflikte mit einzelnen KommunikationspartnerInnen im beruflichen Bereich. Deren Frauenbilder kollidierten mit denen der Theologinnen und mit deren eigenen Ambivalenzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Eine Theologin der mittleren Generation plädierte dafür, dies jedoch weniger als geschlechtsspezifisches Problem bei der Ausübung des Pfarramtes durch Frauen anzusehen, sondern vielmehr als eine Konfliktkonstellation im Rahmen des gerade auch das Geschlechterverhältnis angehenden Transformationsprozesses in Pfarramt, Kirche und Gesellschaft.


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4.3.4. Theologinnenarbeit als Innovationspotential

Was die innovatorische Wirkung der bisherigen Theologinnenarbeit auf die hierarchische Kirchenstruktur anbelangte, äußerten sich die meisten Theologinnen eher negativ oder skeptisch. Lediglich drei Theologinnen, jeweils eine aus der alten, der mittleren und der jungen Generation, bejahten diese Frage. Dagegen verneinte sie jeweils die Hälfte der Theologinnen aus der älteren, mittleren und jungen Generation. Sie wiesen auf den hierarchischen Charakter der Kirchenstruktur hin. Ursachen für die mangelnde innovatorische Kraft sahen jeweils einzelne Theologinnen in der geringen Geschwindigkeit des Veränderungsprozesses, in der bisher geringe Anzahl von Theologinnen im Pfarramt überhaupt, in vollen regulären Pfarrstellen sowie in Leitungsämtern, wie z.B. Dekaninnen, und in der kirchlichen Verwaltung. Zwei Theologinnen der mittleren Generation äußerten, daß auch bei den Frauen selbst Ursachen zu finden sind, die ihre Innovationskraft eingeschränken. Frauen mangele es oft an Mut, Leitungsaufgaben zu übernehmen, eigene Positionen sowie Ideen in die Praxis umzusetzen sowie dafür Öffentlichkeit und Unterstützung zu suchen.

Positive Veränderungen in der kirchlichen Struktur waren für die Theologinnen vor allem auf der Gemeindeebene sichtbar, wo sie sich eher in eine Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern zu integrieren versuchten als nach dem Verhaltensmuster von Hirte und Herde zu agieren. Eine Gefahr sahen sie darin, daß dieses Vorgehen manche Gemeindeglieder als Unselbständigkeit und mangelnde Führungskraft interpretierten, während andere sie in die Rolle der stets verständnisvollen Gemeindemutter drängten. Eine Theologin der älteren Generation sah eine Auswirkung der quantitativ gestiegenen Teilnahme von Theologinnen an Pfarrkonferenzen, daß dort weniger hierarchische Kommunikation stattfand.

Mehrere jüngere Theologinnen führten die Veränderung des kirchlichen Frauenbildes insbesondere auf das Engagement von Theologinnenkonvent und AFiK zurück. Eine Theologin der mittleren Generation verwies auf die inzwischen möglichen Beiträge der feministischen Theologie zu einer frauengemäßen Veränderung der Spiritualität und Frömmigkeitsformen, z.B. auch in der Liturgie. Einige Theologinnen der mittleren Generation stellten in Frage, ob Veränderungsprozesse eher eine geschlechtsspezifische oder vielmehr eine generationenspezifische Frage seien, da sich auch die Männer in Richtung auf ein partnerschaftliches gleichberechtigtes Umgehen veränderten.

Insgesamt bewerteten die befragten Theologinnen die bisherige Wirkung ihres Veränderungspotentials auf die kirchliche Struktur eher skeptisch bzw. verneinend. Jedoch beobachteten sie hinsichtlich einzelner Aspekte wie Frauenbild oder Umgangsformen in den Gemeinden durchaus positive Wirkungen. Für tiefergreifende Veränderungen hielten sie eine größere Partizipation der Frauen in quantitiver und qualitativer Hinsicht, in Leitungspositionen, in vollen regulären Pfarrstellen sowie hinsichtlich der Realisierung und Publizierung eigener Konzeptionen für nötig.

Keine der befragten Theologinnen plädierte für einen Auszug aus der Institution Kirche. Die große Mehrheit sah einen Gang in die kirchliche Struktur hinein inklusive der Übernahme kirchenleitender Ämter durch Theologinnen als den geeigneten Weg an. Gleichzeitig hielt die Hälfte der Theologinnen aus der älteren, mittleren und jüngeren Generation es für nötig, daß Frauen, die diesen Weg beschritten, dabei Begleitung und kritische Rückfragen durch eine Gruppe außerhalb ihres institutionellen Ortes erhielten. Als Basis für solch eine Gruppe benannten die Theologinnen eine Supervisionsgruppe, den AFiK, den Theologinnenkonvent sowie die Frauenbewegung im allgemeinen. Je eine Theologin aus der Gruppe der pensionierten und der mittleren Generation verwiesen auf das in den USA entwickelte Konzept der women church, wonach Frauen zum einen ihre eigenen Ideen und Konzeptionen innerhalb ihrer eigenen geistlichen Gruppierung verfolgen sollen, dabei andererseits aber durchaus die Möglichkeit von Großinstitutionen nutzen sollen. Je einzelne Theologinnen aus allen Generationen wiesen auf die Gefahr der Anpassung von Frauen in Leitungspositionen an die dort üblichen patriarchalen Umgangsformen hin, insbesondere wenn die kirchenleitenden Männer sich in ihren Augen integrationsfähige Frauen für kirchliche Ämter aussuchten und diese in Arbeitskontexte brachten, in denen sie primär als Einzelkämpferinnen agieren müßten. Mehrere Theologinnen der mittleren Generation zogen für sich bei einer längerfristigen Verhinderung tiefgreifender kirchlicher Transformationsprozesse und sichtbarer Ergebnisse eine Option für ein Verlassen der kirchlichen Institution in Betracht.

4.3.5. Erwartungen an eine geschlechtsspezifische Organisation der Theologinnen

Mit einer Ausnahme sahen alle der befragten Theologinnen einen Bedarf für eine geschlechtsspezifische Organisation der Theologinnen, wie sie der Theologinnenkonvent darstellt. Allerdings äußerten einige der Theologinnen aus der Gruppe der pensionierten, der alten und vor allem auch der jungen Generation, daß für sie der traditionelle Termin des Konventstreffens so ungünstig liege, daß sie nur selten daran teilnähmen. Einige Theologinnen gaben an, daß für sie besonders die Regionalkonvente


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für das kirchenpolitische Engagement am Ort wichtig seien. Eine junge Theologin sagte, daß sie zwar nicht teilnehmen könne, aber regelmäßig die Rundbriefe des Theologinnenkonvents lese.

Als zentrale Aufgabe des Theologinnenkonventes bewertete die große Mehrheit der Theologinnen aus allen Generationen den Erfahrungsaustausch. Diesen sollten Arbeitsformen begleiten, die Bewußtseinsveränderungen bei den Pastorinnen bewirken könnten, z.B. auch Fortbildungsangebote im Bereich der feministischen Theologie. Als dritte Aufgabe des Theologinnenkonventes sahen viele Theologinnen vor allem aus der mittleren und der jungen Generation das Bemühen um Solidarität und Lobbyarbeit an. Als AdressatInnen von Lobbyarbeit und KooperationspartnerInnen von Solidaritätsaktionen faßten sie die Kirchenleitung, das Frauenreferat, die Landessynode, die evangelische Frauenarbeit sowie die Pfarrerkommission ins Auge. Unterschiedliche Auffassungen existierten bei den Theologinnen über das Verhältnis zwischen Theologinnenkonvent und Pfarrerverein. Je eine Vertreterin der älteren und der mittleren Generation der Theologinnen sah - in Übereinstimmung mit der rechtlichen Situation - den Pfarrerverein bzw. die Pfarrerkommission als rechtliche Vertreterin der Theologinnen gegenüber dem LKR und dem LSA an. Die Mehrzahl der Theologinnen der mittleren Generation und auch einzelne der jungen Generation betrachteten dagegen den Theologinnenkonvent als ihre berufsständische Gruppierung und zuständige Vertretung nach außen.

Als Inhalte der Vertretungsarbeit des Theologinnenkonvents wurden zum einen rechtlich-praktische Fragen in dem Themenfeld der Vereinbarung von Beruf, Familie, Kinder, Haushalt und Mutterschutz bei Vikarinnen genannt. Zum anderen sollten theologisch-konzeptionelle Fragen in Auseinandersetzung mit dem Ordinationsverständnis und der Amtskonzeption unter Berücksichtigung der Erfahrungen mit dem Erprobungsgesetz bearbeitet werden. Zum dritten sei eine Beschäftigung mit dem psycho-emotionalen Kontext nötig, wobei eine Theologin insbesondere eine Bearbeitung der Gefühle von Macht, Konkurrenz und Neid zwischen Frauen mit gleichen oder verschiedenen Lebensentwürfen für dringend erforderlich erachtete.

Als Kritik an der bisherigen Arbeit des Theologinnenkonventes äußerten einzelne Theologinnen vor allem der älteren Generation, daß dort zu sehr feministisch-theologische Fragestellungen vorherrschten. Eine Theologin der mittleren Generation kritisierte die gegenwärtige Kommunikationsstruktur des Theologinnenkonventes als zu schwerfällig. Eine andere bedauerte das Dominieren der jüngeren Generation in der aktuellen Situation des Theologinnenkonventes, während alte und ältere Theologinnen eher ausgeschlossen seien.

4.3.6. Das Verhältnis zu anderen Frauen im sozioökonomischen Kontext

Ihre eigene Klassenzugehörigkeit bestimmte die Mehrzahl der älteren und mittleren Theologinnen als "Mittelschicht", mehrere als "alternativ“ oder zusätzlich noch als "bürgerlich“ und "akademisch“. Drei Theologinnen sahen sich der Oberschicht zugehörig, zwei bezeichneten sich als Intellektuelle. Je eine Theologin gab als Charakteristik ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse oder Schicht das elterliche Pfarrhaus an, eine ihre Herkunft aus einer ArbeiterInnenfamilie. Eine sah sich durch ihr Leben als Alleinstehende bestimmt, die keine familiären Haushaltsverpflichtungen hat. Eine Theologin der mittleren Generation bezeichnete sich als "Bürgerin dieses Landes an dem Ort, an dem ich lebe und arbeite".

Als Kriterien für ihre Selbsteinschätzung waren generationenunspezifisch insbesondere die Ausbildung und die Bezahlung ausschlaggebend. Weitere Aspekte, die einzelne Theologinnen jeweils anführten, waren die spezifischen Motive und Werte, die Arbeitszeit, das öffentliche Ansehen, die Rechtskenntnis, die Sprachebene und die Möglichkeiten zu öffentlichen Äußerungen. Als Vorteil empfanden die Theologinnen ihre eigene Schichtzugehörigkeit vor allem im Umgang mit bürgerlichen Mittelschichtsfrauen, mit denen sie einen gemeinsamen Hintergrund aufgrund von Bildung, Sprache und Interessen hatten. Dies erleichtere und intensiviere den Kontakt zu diesen. Dagegen wirkte sich nach Meinung vor allem der Theologinnen der mittleren und jungen Generation ihre eigene Schichtzugehörigkeit eher hinderlich im Kontakt mit Fabrikarbeiterinnenfamilien und Bäuerinnen aus sowie teilweise auch im Kontakt mit ehrenamtlichen Frauen, die über andere Ressourcen an Zeit und Geld verfügten und teilweise andere Prioritäten setzten. Im Umgang mit diesen Frauen bzw. im fehlenden Zugang zu ihnen erlebten die Theologinnen die bestehende Distanz in bezug auf die Sprache oder die Kenntnis der jeweiligen Alltagserfahrungen als schwierig und die eigene Orientierung auf bürgerliche Werte und Umgangsformen als schmerzhaft. Bestimmte politische Ziele waren kaum kommunikabel. Auch der traditionelle Gottesdienst mit Reden und Hören im Zentrum entspreche stärker bürgerlichen Präsentationsformen und beanspruche in der Vorbereitung viel Zeit. Die Theologinnen der verschiedenen Generationen benannten verschiedene Wege, mit deren Hilfe sie einen adäquaten Umgang mit der Differenz der Klassen- bzw. Schichtzugehörigkeit auch zwischen Frauen suchten.


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Eine gab an, daß sie sich bemühe, bürgerliche Werte und Motive nicht mit Glaubensaussagen zu vermischen. Mehrere Theologinnen versuchten, die Distanz durch das Rekurrieren auf gemeinsame geschlechtsspezifische Probleme als Frauen oder Mütter zu überwinden. Zwei junge Theologinnen sahen es als Möglichkeit an, die Privilegien ihres Herkunftmilieus, ihre Bildung und ihr Selbstbewußtsein als Mittelschichtsfrauen einzusetzen, um die Situation von Frauen insgesamt zu verbessern. Zwei Theologinnen der mittleren Generation setzten sich für die Wiedereröffnung nichtakademischer Zugänge für Menschen mit anderer Ausbildung zum Pfarramt bzw. in die kirchenleitende Struktur ein. Mehrere Theologinnen aus den verschiedenen Generationen plädierten dafür, die Differenzen der Schichtzugehörigkeit bewußt wahrzunehmen und sich keine Illusionen über die Zusammengehörigkeit mit allen Frauen zu machen, sondern bewußt und eindeutig die eigene Rolle zu finden und diese in Offenheit für alle zu leben. Eine Theologin gab an, daß sie die Wahrnehmung der Differenz ihrer Situation zu der Situation der Mehrzahl anderer Frauen in der Gemeinde dazu geführt habe, mit direkten und indirekten Ansprüchen gegenüber diesen Frauen vorsichtiger zu sein. Sie berücksichtige nun stärker die Gründe für deren schlechte Beteiligung und stelle sich immer wieder die Frage: "Welche Angebote bräuchte es, die in dieser Situation entlastend wirken könnten?" Eine Theologin bezeichnete es als einen in ihr wirkenden großen Konflikt, der mit schlechtem Gewissen begleitet sei, da viel Zeit nötig sei, um die Situation der anderen besser kennenzulernen.

4.3.7. Die Arbeit mit Frauen

Für fast alle bayerischen Theologinnen bildete die Arbeit mit Frauen verschiedenen Alters das Zentrum ihrer pastoralen Arbeit. Dies begann mit den Mädchen, mit denen sie in meist geschlechtsspezifischen Gruppen im Rahmen von Schule, KonfirmandInnenunterricht und Jugendarbeit zu tun hatten. Theologinnen verschiedener Generationen, vor allem jedoch mehrere aus der jungen Generation, die selbst junge Mütter waren, richteten für die jungen Mütter in ihren Gemeinden Mutter- und Kind-Gruppen ein, in denen diese über für sie aktuelle Themen sprachen, wie Absprache mit dem Partner, z.B. über Erziehungsurlaub, oder Bemühungen, ein Stück Freiheit vom Kind zu kriegen. Für die Frauen mittleren Alters, Hausfrauen, Bäuerinnen und andere berufstätige Frauen existierten in vielen Gemeinden, in denen die Theologinnen arbeiteten, Gesprächskreise, die sich ihre Themen teilweise selbst aussuchten und vorbereiteten. Gruppen dieser Art wie Frauengesprächskreise oder Frauenstammtische, die gerade auch junge Theologinnen initiierten, arbeiteten manchmal selbsterfahrungsbezogen, teilweise auch in Form von Bibliodrama mit biblischen Frauengeschichten und unter Einbeziehung der Überlegungen zu einer frauengemäßen Spiritualität und Frömmigkeit. In anderen Gruppen mit Frauen mittleren Alters wurden allgemeine und theologische Themen besprochen sowie Bastelarbeiten angefertigt. In einer dritten Form von Gruppen mit Frauen meist mittleren Alters standen ökologische, politische, ökonomische, aber auch kommunale Themen auf der Tagesordnung, wobei sich die Gruppe als Initatorinnenkreis für Aktionen mit einem größeren Wirkungskreis verstand. Theologinnen aus den verschiedenen Generationen regten jüngere Frauen an, an der Kindergottesdienstteamarbeit sowie der Vorbereitung der Kinderbibelwoche teilzunehmen. Als weitere Gruppe von Frauen tauchten ältere Frauen, oft Rentnerinnen, z.T. eher aus der Unterschicht, z.T. mit unterschiedlichem sozialem Hintergrund, in Seniorinnenkreisen auf. Insbesondere junge Theologinnen nannten auch kirchliche MitarbeiterInnen wie Gemeindesekretärinnen und Erzieherinnen im Kindergarten als Frauen, mit denen sie in der alltäglichen Arbeit viel zu tun hatten. Gemeinsam war diesen verschiedenen Gruppen von Frauen, daß es sich weitgehend um deutsche evangelische Frauen handelte. In manchen Fällen handelte es sich um einen ökumenischen Gesprächskreis, an dem auch katholische Frauen teilnahmen. Von der Teilnahme ausländischer Frauen war jedoch selten die Rede.

Mit spezifischen Gruppen von Frauen bzw. spezifischen Arbeitsformen hatten es die Theologinnen zu tun, die in frauenspezifischen kirchlichen Arbeitsbereichen tätig waren bzw. dies zu einem Schwerpunkt ihrer übergemeindlichen/allgemeinkirchlichen Tätigkeit machten. So hatte die im AFiK tätige Theologin es in sehr vielfältiger Weise mit verschiedenen Frauen zu tun, wobei es sich überdurchschnittlich oft um Mittelklassehausfrauen mittleren Alters mit erwachsenen Kindern handelte, die entsprechende finanzielle und zeitliche Ressourcen für solch ein ehrenamtliches Engagement hatten. Die Arbeit der Theologin im AFIK selbst war zum einen Schreibtischarbeit, Organisation, Repräsentation sowie Kontakte und Gespräche mit anderen kirchenleitenden Funktionären. Vor allem intellektuelle feministische Theorie und Theologiearbeit wurde von einer in der evangelischen Erwachsenenbildung tätigen Theologin mit Studentinnen initiiert. Dagegen suchte eine in der Ökumenenarbeit des bayerischen Mütterdienstes stehende Theologin vor allem personennahe Zugänge zu Themen und Texten im Rahmen von Halbtages-, Tages- und Wochenendseminaren.

Als Zielsetzungen für ihre Arbeit mit Frauen betonte die Mehrzahl der Theologinnen, daß es ihnen wichtig sei, daß die Frauen sich als selbständig denkende und handelnde Personen erfahren, die sich nicht vom


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Mann her definieren lassen. Sie sollen Raum bekommen, über ihre eigene Situation nachzudenken, Prioritäten zu setzen und dazu ermutigt werden, ihre Gedanken, Ideen, Fähigkeiten und ihre Spiritualität in die Gemeinde einzubringen und dort verantwortliche Ämter und Aufgaben zu übernehmen. Diese beiden Schwerpunkte, die männergelöste Selbstbestimmung und die Ausrichtung auf die eigenen Potenzen als Beitrag zu einer Transformation der kirchlichen Strukturen, betonten vor allem die Theologinnen der jungen und der mittleren Generation im Gemeindepfarramt. Eine junge Theologin lehnte eine frauenspezifische Arbeit in der Gemeinde mit der Begründung ab, daß frauenspezifische Erfahrungen in allen Bereichen der kirchlichen gemeindlichen Arbeit wesentlich stärker einzubringen und zu thematisieren seien. Die Theologinnen in der übergemeindlichen Arbeit favorisierten die Beschäftigung mit feministischer Theologie und frauenspezifischer Spiritualität. Die Theologinnen der älteren Generation formulierten die Ziele ihrer Arbeit mit Frauen stärker informativ-sachlich als erfahrungsbezogen.

Nahezu alle befragten Theologinnen äußerten, daß die Bibel in ihrer Arbeit eine sehr wichtige Rolle spiele, insbesondere für die eigene Reflexion und Meditation sowie im gottesdienstlichen Bereich. Ein wichtiger Ort des Umgangs mit der Bibel war für viele Theologinnen die Schule, wo sie im Dialog mit den SchülerInnen versuchten, die biblische Botschaft in deren persönliche Situation zu übersetzen. Mehrere der jüngeren Theologinnen erlebten, daß in gemeindlichen Gesprächskreisen die Bibel im Zentrum stand. Insbesondere Theologinnen aus der mittleren Generation, aber auch einzelne aus der jungen Generation plädierten für einen kritischen Umgang mit der Bibel, z.B. in bezug auf deren männerzentrierte Interpretation und legitimatorische Verwendung. So wollten sie bei der Bibellektüre danach suchen, wo Perspektiven auftauchten für Befreiendes und Aufrichtendes für Frauen, insbesondere auch in Auseinandersetzung mit biblischen Frauengestalten und weiblicher Spiritualität. Mehrere Theologinnen betonten, daß sie weniger die Lehrstücke, sondern vielmehr biblische Lebenserfahrungen ins Zentrum stellten. Den von großer Hochachtung und persönlicher Liebe zur Bibel bestimmten Umgang der Theologinnen machten auch ihre Assoziationen deutlich: "unerschöpfliches Stück Literatur“, "großes Reservoir verdichteter Erfahrung“, "sehr reicher Bild- und Symbolgehalt“, "Schatzkästlein“ und "Repräsentation der Gemeinschaft in Gerechtigkeit und Frieden, die auf uns zukommt".

4.3.8. Die Einschätzung der Frauensituation in der ELKiB

Das Frauenbild in den Gemeinden der ELKiB schätzten die älteren Theologinnen teilweise als verändert ein, z.B. was die Selbstverständlichkeit des ehrenamtlichen Engagements von Frauen anbelangte. Die Theologinnen der mittleren Generation sahen in ihren Gemeinden stärker das Beharren auf alten Frauenrollen und die traditionelle Arbeitsteilung der Geschlechter in Kraft, so daß sich Frauen mehr in der gemeindlichen Arbeit engagierten, vor allem was die praktische Umsetzung betraf. Männer nahmen eher die Leitungs- und Entscheidungspositionen ein. Allerdings sahen sie auch schon Veränderungsprozesse in Gang kommen. Frauen wurden in zunehmendem Maße in die Kirchenvorstände gewählt und brachten sich dort auch mehr und mehr eigenständig ein. Die mittlere Generation der Theologinnen sah zwar in der Gemeinde noch sehr stark das traditionelle Frauenbild vorherrschen, wonach der Mann die Familie nach außen vertritt und den Frauen die Rolle der unentgeltlich dienenden Mutter und Hausfrau zukommt. In der Gemeinde übernehmen Frauen wiederum insbesondere Arbeitsfelder wie Mitarbeit in der Krabbelgruppe und Vorbereitung von Familiengottesdiensten sowie die Sorge für das leibliche Wohlergehen bei Festen. Gleichzeitig wiesen sie aber auf die starken Widersprüche hin, die bei Frauen gegenüber der selbstverständlichen Fortführung dieser Rollen existierten. Vor allem jüngere Frauen würden sich als unterdrückte Gruppe in der Kirche wahrnehmen und mehr Gleichberechtigung, Ämter und Mitsprache einfordern. Der AfiK und auch die Existenz erwerbstätiger Pfarrfrauen wirkten als Unterstützung dieser Veränderungsforderungen. Gleichzeitig führe diese Haltung von Frauen, die sich einen neuen Handlungsspielraum erkämpften. Teilweise kam es aber auch zu Konkurrenzsituationen zwischen Frauen, z.B. zwischen berufstätigen Frauen und Hausfrauen. Ähnliche Widersprüche zwischen beharrenden Momenten und Aufbruchsaktionen von Frauen in der Kirche nahmen auch die jungen Theologinnen wahr. Einige äußerten, daß zwar inzwischen der Kirchenvorstand in ihrer Gemeinde oft paritätisch im Hinblick auf das Geschlechterverhältnis besetzt sei. Die Frauen hätten jedoch weniger Mut, sich ebenso ausführlich zu äußern wie Männer und sie übernähmen weiterhin eher die ausführenden bzw. die seelsorgerlichen Aufgaben.

Hinsichtlich des Frauenbildes ihrer männlichen Kollegen äußerten sich die Theologinnen durchgehend eher kritisch. Nur einige Theologinnen der mittleren und der älteren Generation gaben an daß diese eine egalitäre Auffassung hatten. Vor allem bei älteren Kollegen erlebten es die Theologinnen oft, daß diese vom traditionellen kirchlichen Frauenbild, der Frau als Hausfrau, Mutter und ehrenamtlicher Mitarbeiterin, ausgingen. Sie hätten im Zweifelsfall lieber eine "liebe kleine Vikarin" oder eine Theologin mit halber Stelle neben sich als eine alleinstehende Theologin mit einer ganzen Stelle. Unterschwellig gebe es viel Minderwertigkeitsdenken der Männer gegenüber den Frauen. Sie nähmen deren


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Gleichberechtigungsanliegen nicht ernst, sondern machten die Frauen lächerlich. Bestenfalls räumten sie den Frauen einen Spielraum für ihre feministische Mode ein. Eine Bereitschaft zur eigenen Beschäftigung mit dem Geschlechterverhältnis sei bei ihnen kaum anzutreffen. Allerdings betonten auch einige Theologinnen aus der mittleren und der jungen Generation, daß es insbesondere unter den jungen Kollegen auch solche gebe, die offener gegenüber Frauen eingestellt seien und bewußt Frauen in den Kirchenvorstand zu bringen suchten. Mehrere Theologinnen vermuteten, daß das von ihren Kollegen selbst praktizierte Lebensmodell eine wichtige Rolle spiele bei der Bewertung des Geschlechterverhältnisses. Wenn in deren Ehe die Rolle der Pfarrfrau als perfekter Hausfrau und aufopfernder ehrenamtlicher Mitarbeiterin ideologisiert werde, stelle dies oft den Maßstab zur Bewertung anderer Frauen dar.

Das Frauenbild der Kirchenleitung beschrieb die Mehrzahl der Theologinnen als ambivalent. Einerseits wiesen vor allem Theologinnen der älteren und mittleren Generation auf die Tendenz zur Modernisierung und Integration von Frauen in kirchliche Entscheidungs- und Leitungspositionen, wie z.B. Dekanin, hin sowie auf die Einrichtung des Frauenreferates. Andererseits nahmen dieselben Frauen auch die beharrenden Momente wahr. Frauen wurden in den traditionellen Frauenrollen als Diakonisse oder Kleinfamilienhausfrau festgehalten oder mit dem Maßstab der traditionellen Männerrolle gemessen und der Anspruch erhoben, daß Frauen in einer leitenden Postitionen 150% besser sein sollten, daß sie keine Schwäche aufzuweisen und auf unsichtbare Weise Beruf und Reproduktionsarbeit verbinden sollten. Dadurch sollten keine Überlegungen zu einer anderen Art von Lebensführung in kirchenleitenden Ämtern nötig werden.

Theologinnen aus der mittleren und jungen Generation wiesen auf das Problem hin, daß infolge des Widerspruches zwischen dem Wunsch nach Modernität und eigenen Ängsten oft untergründig große Vorbehalte und Unsicherheiten existierten, die im Konfliktfall auf der persönlichen statt auf der sachlichen Ebene ausgetragen würden. Es fehle noch ein neuer Modus der Kommunikation, da sich das väterliche Wohlwollen oft als nicht ausreichend erweise. Auch hier bewerteten die Theologinnen der verschiedenen Generationen wiederum den unmittelbaren Erfahrungshorizont der kirchenleitenden Männer im Umgang mit Frauen als bedeutsam, sowohl was deren eigene Lebenspraxis als auch deren beruflichen Bereich anbelange. Sie merkten kritisch an, daß bisher Frauen im Landeskirchenamt vor allem in den Funktionen als Putzfrauen und Sekretärinnen arbeiteten und erst in letzter Zeit dort auch einzelne Sachbearbeiterinnen, Juristinnen und Pfarrerinnen anzutreffen seien. Mit männlichen Synodalen als Mitgliedern eines anderen kirchenleitenden Organs sei oft eher ein lebendiges offenes Gespräch möglich.

Das Frauenbild in kirchlichen Dokumenten beurteilte die mittlere Generation eher als zwiespältig. Eine Theologin der älteren Generation verwies auf die ÖRK-Veröffentlichungen, z.B. von der Vollversammlung in Vancouver oder von dem Treffen in Sheffield, sowie auf die Beschlüsse der EKD-Synode 1989 in Bad Krotzingen, in denen neue Tendenzen sichtbar würden. Auch zwei Theologinnen der mittleren Generation merkten an, daß in letzter Zeit differenziertere Stellungnahmen mit einer eher integrativen Sprache erschienen seien. Allerdings kämen trotz des Bemühens um eine gleichberechtigte Sprache oft die traditionellen Bilder und Sprache wieder zum Vorschein. Eine junge Theologin machte darauf aufmerksam, daß diese Umorientierung des Frauenbildes in kirchlichen Dokumenten weniger freiwilliger Einsicht entspringe als der mit knirschenden Zähnen festgestellten Analyse, daß rasche Veränderungen nötig seien, um nicht die Frauen als bisher starke Gruppe in der Kirche auch noch zu verlieren.

4.3.9. Die Erwerbsarbeitsbedingungen für Frauen in der ELKiB

Nur jeweils eine pensionierte Theologin und eine Theologin der mittleren Generation äußerten sich positiv über die Erwerbsarbeitsverhältnisse für Frauen in der ELKiB. Die pensionierte Theologin wies darauf hin, daß sich die Situation gegenüber früheren Zeiten erheblich verbessert habe, nicht zuletzt, weil sich inzwischen viele Organisationen dafür einsetzten. Die Theologin der mittleren Altersgruppe sah es als besondere Chance von Diakoninnen und Religionspädagoginnen an, daß diese nicht mit festgelegten Rollenbildern für ihren Beruf konfrontiert würden.

Als schlecht beurteilten die Erwerbsarbeitsbedingungen für Frauen in der ELKiB durchgängig die mittlere Generation und einigen Theologinnen aus der älteren und jungen Generation. Sie kritisierten, daß Frauen in der Regel nicht in höhere Positionen, wie z.B. als Chefin einer Verwaltungsstelle, kämen, wenn noch die "Gefahr" einer Schwangerschaft bestehe. Die älteren Theologinnen wiesen besonders auf die schlechte Bezahlung der Putzfrauen hin. Die mittleren Theologinnen hielten die Bezahlung der Sekretärinnen für unzureichend, von denen darüber hinaus oft noch unentgeltliche Überstunden erwartet würden, da das im Stellenplan vorgesehene Stundenbudget teilweise nicht ausreiche. Als weiteres Problem der Sekretärinnentätigkeit sahen einige Theologinnen das Verhältnis von deren Tätigkeit zu ihrer Ausbildung. In Zeiten des Personalmangels seien minderqualifizierte Personen eingestellt worden, die teilweise nicht die nötige Kompetenz aufwiesen, während in den letzten Jahren eingestellte Personen oft


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für die anliegende Arbeit überqualifiziert seien.

Grundsätzlich kritisierten vor allem die Theologinnen der mittleren Generation, daß es sich bei den Frauenarbeitsverhältnissen in der Kirche oft um ungeschützte Teilzeitarbeitsplätze handele, teilweise noch in einer Mischung aus ehren- und nebenamtlicher Arbeit. Diese Anstellungsform gewähre Frauen nicht den gesetzlich vorgesehenen Arbeitsschutz, wie Erziehungsurlaub, und keine Löhne, mit denen der Unterhalt einer Familie, etwa als Alleinerziehende, gesichert werden könnte. Dies gelte in gewisser Weise auch für die Frauen mit akademischer Ausbildung in der Kirche. Deren Status sei allerdings durch die Angleichung ihrer Arbeitsbedingungen an die des öffentlichen Dienstes gesicherter und schwerer einschränkbar.

Die jungen Theologinnen und einige der mittleren und älteren Generation wiesen darauf hin, daß die Erwerbsarbeitsbedingungen von Frauen in der Kirche weitgehend der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung in der Gesellschaft entsprächen, z.B. hinsichtlich Bezahlung, Arbeitsrecht, inklusive Mutterschutz und Erziehungsurlaub, Arbeitszeit sowie der Tendenz, die Vergabe qualifizierter Leitungsaufgaben an junge Frauen im gebärfähigen Alter zu vermeiden. Es herrsche in der Kirche das gleiche materialistische und kapitalistische Denken bei der Bewertung der Arbeitskraft vor wie in der Gesellschaft.

Auf eine positiv zu bewertende Differenz zwischen einer Erwerbsarbeit außerhalb der Kirche und innerhalb des Tendenzbetriebes Kirche wiesen einige Theologinnen der älteren und mittleren Generation hin. Sie äußerten die Erwartung, daß die kirchliche Erwerbsarbeit mehr als ein bezahlter Job wie Sprechstundenhilfe oder Sekretärin in einem Industriebetrieb sein sollte. Das Besondere bestehe in der Bereitschaft der kirchlichen Angestellten zu einer Höherbewertung der kirchlichen Inhalte als der eigenen Bedürfnisse, der Bereitschaft zu eigenem ehrenamtlichem Engagement über die bezahlte Arbeitszeit hinaus und der Geringschätzung arbeitsrechtlicher Fragen. Die Kirche als Arbeitgeberin sollte sich dafür ihrerseits um frauen- und familienfreundliche Arbeitszeiten bemühen, die Würde und den Wert der Arbeit der Angestellten anerkennen und ihnen ein Gefühl ihrer Bedeutung vermitteln.

Einzelne Theologinnen aus der mittleren und jüngeren Generation äußerten sich dagegen kritisch hinsichtlich des Propriums kirchlicher Frauenerwerbsarbeit. Sie stellten insbesondere die Erwartung ehrenamtlichen Engagements und die damit verbundene Ideologie des Dienens ohne Grenze über die bezahlte Arbeitszeit hinaus in Frage. Ebenfalls kritisierten sie die Forderung nach Kirchenmitgliedschaft für die Mitarbeit in einem der vielen kirchlichen Arbeitsfelder, in denen die Kirche quasi eine Monopolstellung hat. Als besonderen Widerspruch innerhalb der kirchlichen Äußerungen empfanden sie, daß die Kirche einerseits die Frau auf die Mutterrolle festlege, andererseits keinerlei utopische Projekte einer familiengerechten Arbeitsstruktur entwerfe. Sie räume im Gegenteil Frauen im gebärfähigen Alter keine qualifizierten Stellen ein und verhindere teilweise die Umwandlung von Voll- in Teilzeitstellen, in anderen Fällen umgekehrt die Übernahme einer vollen Stelle durch eine junge Frau.

4.3.10. Der Vergleich der Situation von Frauen in Kirche und Gesellschaft

Etwa ein Drittel der älteren, mittleren und jungen Theologinnen schätzte das Frauenbild in Kirche und Gesellschaft als weitgehend übereinstimmend ein. Sie bezogen sich darauf, daß in beiden Bereichen eine wirkliche Arbeitsteilung der Geschlechter fehle und es oft zur Doppelbelastung der Frauen komme. Gleichzeitig käme es in beiden Bereichen immer noch oft zur Identifizierung der Frauenrolle mit der Rolle einer Hausfrau und Mutter, während Frauen selten in höheren Stellungen anzutreffen seien und in manchen Situationen nicht ernst genommen würden. Als weitgehend übereinstimmend bewerteten einzelne Theologinnen den rechtlichen Status von Frauen sowie den Typ der sich engagierenden Frauen und die von Frauen in Kirche und Gesellschaft behandelten Fragestellungen.

Etwa die Hälfte der Theologinnen aus allen vier Generationen schätzten dagegen die Situation von Frauen in der Kirche als rückständiger im Vergleich zur Gesellschaft ein. Als Indizien dafür benannten sie, daß Pfarrerinnen immer noch etwas Außergewöhnliches seien, während Frauen in anderen akademischen Berufen, wie Ärztinnen oder Richterinnen, schon länger als "normal" gälten. Außerdem seien die Tabus in der Kirche härter und beständiger, z. B. was die Akzeptanz anderer Lebensformen als die von Ehe und Familie anbelange, sei es als alleinstehende Frau, als lesbische oder heterogene Wohngemeinschaft im Pfarrhaus. Das geschlechtshierarchischen und traditionellen Ordnungen verpflichtete Denken sei gerade auch bei kirchlichen Frauen anzutreffen und werde religiös fundamentalistisch zu zementieren gesucht. Bisher sei in der Kirche der Typus der Karrierefrau noch kaum anzutreffen, sondern bei den Frauen in hervorgehobenen Positionen sei noch viel eher die Angst anzutreffen, Teil des kirchlichen Machtapparates zu werden. Die kirchlichen Frauenerwerbsarbeitsbedingungen seien durch niedrige Löhne, das Verlangen nach Überstunden und nach ehrenamtlichem Engagement gekennzeichnet. Einige Theologinnen konstatierten ein Desinteresse


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mancher kirchlich orientierten Frauen an gesellschaftlichen Fragestellungen.

Als positiv beurteilten die Differenz zwischen der Frauensituation in Kirche und Gesellschaft zwei Theologinnen der jüngeren und drei der mittleren Generation. Zum einen äußerten sie, sei die Kirche ein relativ geschützter Arbeitsbereich, etwa hinsichtlich sexueller Anmache. Zum zweiten stelle sie auch eine Art Schutzraum für Frauen dar, um ihre Begabungen zu entdecken, Sprachfähigkeit zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Außerdem schätzten sie die Chance der christlichen Botschaft, zu einem gerechten und ehrlichen Verhältnis der Geschlechter zu kommen, unter Hinweis auf die Gottebenbildlichkeit von Männern und Frauen als positiv ein und bewerteten dies auch als eine Konflikte erleichternde Hoffnung und Motivation. Als weitere Differenz sprachen sie den inhaltlichen Aspekt der in der Kirche von Frauen bearbeitbaren Fragestellungen an, die Suche nach einer anderen Spiritualität und das bei einem Teil der Frauen bestehende Interesse, die Kirche zu verändern.

4.3.11. Träume und Perspektiven für das Leben von Frauen

Die pensionierten Theologinnen äußerten, befragt nach ihren Perspektiven für das Leben von Frauen, die christologisch begründete Auffassung, daß jede Frau den Platz ausfüllen sollte, an den sie von Gott gestellt sei, und zunächst nicht nach ihren eigenen Wünschen fragen sollte, sondern nach dem, was für andere nötig sei, bzw. was andere von ihr wollten. Als weiteren Aspekt führten sie an, daß Frauen sich hüten sollten, die frühere Männerrolle zu übernehmen.

Die Theologinnen der älteren, mittleren und jungen Generation betonten vor allem zwei Aspekte hinsichtlich des Personseins von Frauen. Zum einen sollten Frauen die Möglichkeit haben, ihre jeweils eigenen Begabungen und Fähigkeiten zu entwickeln. Zum anderen - dies äußerten vor allem auch die jungen und mittleren Theologinnen - sollten sich Frauen in ihrem jeweils unterschiedlichem Lebenskontext gegenseitig akzeptieren und nicht nach neuen Rollenbildern funktionieren müssen. Um diese zwei Hauptaspekte zu erreichen, sahen sie es als wesentlich an, daß Frauen grundsätzlich den Männern gegenüber gleichberechtigt waren, d.h. auch selbstverständlich in Positionen kommen konnten, für die sie die nötige Kompetenz hatten. Sie sollten außerdem auch genug Mittel, Räume und Geld in den Institutionen bekommen, um an eigenen Themen zu arbeiten. Für den Umgang der Frauen untereinander erhofften vor allem die jungen Theologinnen Solidarität und eine gemeinsame Reflexion auch über problematische Aspekte.

Bezüglich des gesellschaftlichen Bereiches forderten die Theologinnen der mittleren Generation vor allem eine grundsätzliche Veränderung der Erwerbsarbeit in ihrem zeitlichen Ausmaß wie in ihrem Charakter als entfremdeter Arbeit und zugleich als Maßstab für die Bewertung von Personen. Die Theologinnen der älteren und mittleren Generation forderten eine Verbesserung des gesellschaftlichen Angebots an Kinderbetreuungseinrichtungen und deren bessere materielle Ausstattung, z.B. was die Entlohnung von Kindergärtnerinnen anbelangt. Allerdings sollten auch die familiär geleisteten Kindererziehungszeiten besser anerkannt und finanziell abgesichert werden. Einzelne Theologinnen aus allen drei Altersgruppen strebten eine umfassende qualitative Verbesserung der städtischen Infrastruktur, z.B. hinsichtlich Verkehr und Wohnen, als einen Beitrag zur Verbesserung der Situation von Frauen an.

Perspektiven für die Situation von Frauen in der Kirche entwickelten vor allem die Theologinnen der mittleren Altersgruppe. Sie bezogen sich zum einen auf die angemessene proportionale Partizipation von Frauen auf allen Ebenen kirchlichen Lebens, sei es Gremien oder kirchenleitende Funktionen, und zum anderen auf der sprachlichen Ebene in der Gesetzes-, liturgischer und gottesdienstlicher Sprache. Im gottesdienstlich-spirituellen Bereich sollte auch Frauen mit kleinen Kindern eine Teilnahme möglich sein. Sie wollten mit den Frauen Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Spiritualität entwickeln. Neben der Kirche nannten die Theologinnen der mittleren Generation insbesondere auch die Familie als Lebensbereich, in dem Veränderungen nötig waren. So wünschte sich über die Hälfte der Theologinnen der mittleren Generation, daß eine Lebensgestaltung mit Kindern und Beruf möglich sein sollte, ohne als Frau eine "Flickwerkbiografie" zu haben oder z.B. mit einer halben Stelle als eine Art Sozialfall behandelt zu werden. Hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Frauen und Männern wünschten einige Theologinnen der jungen und mittleren Generation ein partnerschaftliches Verhältnis. Eine Theologin der mittleren Generation präzisierte das dahingehend, daß sie sich von den Männern mehr Offenheit erwartete in ihrem Umgang mit Frauen. Eine jüngere Theologin forderte von den Männern, daß sie auch schon während der Schwangerschaft mehr Verantwortung übernähmen.

4.3.12. Theoretische und feministisch-theologische Reflexionen über das Leben von Frauen

Vor allem Theologinnen der mittleren Generation, aber auch einzelne aus der jungen Generation hatten sich neben einer Beschäftigung mit der feministischen Theologie auch mit feministischer Theorie bzw. Frauenforschung befaßt. Dabei hatten sich einige eher mit Frauengeschichte, z.B. Lebensformen und Wertsystemen von Frauen im Mittelalter, der Entstehung der ersten


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Frauenbewegung in Deutschland und dem Kampf um das Frauenwahlrecht und die Frauenerwerbsarbeitsbedingungen beschäftigt. Andere hatten sich mit Aspekten der aktuellen Existenzbedingungen von Frauen, z.B. mit dem Mütter-Töchter-Verhältnis, mit der Debatte um den Schwangerschaftsabbruch, mit der Lebenssituation älterer Frauen und mit der neuen Armut von Frauen auseinandergesetzt. Einige hatten Fragestellungen der feministischen Theorie aufgegriffen, z.B. verschiedene Ansätze über das Zusammenspiel der Geschlechter.

Das Interesse der verschiedenen Generationen an feministischer Theologie konzentrierte sich vor allem auf den Aspekt der Sprache und exegetische Neuentdeckungen bei einer Relektüre der Bibel aus feministisch-theologischer Perspektive. Je einzelne Theologinnen äußerten darüber hinaus noch spezifische Interessen an feministisch-theologischen Überlegungen im Blick auf die systematische Theologie, die Frage der Spiritualität und die Infragestellung des traditionellen Gottesbildes. Mehrere Theologinnen verschiedener Generationen erachteten es für wichtig, daß es in der feministischen Theologie nicht zu einer neuen Dogmenbildung und Verketzerung von Außenseiterinnen komme, sondern die enorme Bandbreite an verschiedenen Entwürfen und die komplexe prozeßhafte Entwicklung erhalten bleibe. Um dies zu fördern, suchten einige Theologinnen bewußt auch den Dialog mit katholischen und jüdischen feministischen Theologinnen. Zur Charakterisierung ihrer feministisch-theologischen Richtung nannten je zwei bayerische Theologinnen Marga Bührig, Dorothee Sölle, Elisabeth Moltmann-Wendel und je eine Luise Schottroff, Bärbel von Wartenberg-Potter, Christa Mulack, Rosemary Radford-Ruether, Catarina Halkes, Elisabeth Schüssler Fiorenza, Carter Heyward und Ursula Krattinger. Die meisten Theologinnen unterstützten eher eine feministisch-befreiungstheologische Richtung, wie sie auch der ÖRK mit seiner Sheffield-Studie über die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche vertrat.

Einzelne stellten jedoch auch den kämpferischen Charakter dieser Richtung in Frage. Sie wählten für die eigene Orientierung eher eine Anlehnung an matriarchale Ausdrucksformen, Metaphern und Symbole. Einzelne bayerische Theologinnen lehnten explizit die Ansätze feministischer Theologinnen wie Gerda Weiler, Mary Daly, Christa Mulack oder Jutta Voß ab, die sie als zu stark esoterisch, als antijudaistisch oder als jenseits der christlichen Theologie stehend bewerteten. Die Theologinnen sahen Impulse der feministischen Theologie für eine Bewußtseinsveränderung bei den Frauen - ohne eine pauschale Kritik an den Männern - und Impulse zu einer Veränderung von Kirche und Theologie, z.B. der Bildersprache. Als Ort der Auseinandersetzung mit feministischer Theologie nannten einige Theologinnen die Gemeindearbeit, einige auch übergemeindliche kirchliche Institutionen. Eine Reihe jüngerer Theologinnen hatte sich während des Studiums mit feministisch-theologischen Fragen konfrontiert. Für einige Theologinnen spielte sich die Beschäftigung mit der feministischen Theologie lediglich in der individuellen Lektüre ab. Einige wenige Theologinnen aus allen drei Generationen setzten sich mit ihr auch wissenschaftlich-systematisch auseinander.

4.4. Konfessionelle und ökumenische Aspekte

4.4.1. Die Relevanz der lutherischen Konfessionalität

Besonders im Bereich der lutherischen Theologie sah die Mehrzahl der Theologinnen Aspekte, die sie positiv mit ihrer konfessionellen Identität verbanden. Besondere Zustimmung fand dabei die Lehre von der Rechtfertigung aus Gnade in Christus ohne den Erweis eigener Leistungen. Dies könnte eine Veränderung der Tendenzen zur Selbstrechtfertigung bewirken. Ebenfalls Relevanz für die Theologinnen aus allen Generatioen hatte die lutherisch-theologische Aussage, daß die Bibel - und nicht andere kirchliche Autoritäten wie Bischöfe, Päpste, Maria oder Heilige - eine direkte Kommunikation mit Gott ermöglicht. Die Kreuzestheologie sahen sie als Chance zur Auseinandersetzung mit einer charismatischen Theologia gloriae, auch in dem Sinne, daß auf das Leid des menschlichen Gesichtes Gottes gesehen werden sollte und nicht nur auf das Bild des triumphalistisch herrschenden Gottes im Himmel. Die Zwei-Regimenter-Lehre bewerteten eine alte und eine junge Theologin als Chance für einen angemessenen Umgang mit der Realität in dem Sinne, daß die real existierende Kirche und Gesellschaft wie der Einzelmensch durch sie ihre Situation als Sünde erkennen könnten, ohne damit ihre gleichzeitige Bestimmung als "neue Schöpfung“ entsprechend der Verheißung, Gnade und Gerechtigkeit Gottes zu verlieren. Damit könne die Realität in ihrer Schwere und Abtrünnigkeit benannt werden und trotzdem an der Utopie festgehalten werden. Von besonderer Bedeutung war darüber hinaus noch für mehrere mittlere und junge Theologinnen Luthers Gemeindekonzeption als Priestertum aller Gläubigen mit einer nichthierarchischen Gemeindestruktur und einem entsprechenden Amtsverständnis. Auch die Gewissensfreiheit hoben mehrere Theologinnen als wichtig hervor.

Als Anfragen an die lutherische Theologie formulierte eine Theologin an die Zwei-Reiche-Lehre, daß diese aus heutiger Sicht die Bereiche zu stark trenne und nicht mehr geeignet sei, die heutige


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gesellschaftliche Wirklichkeit angemessen wahrzunehmen und dafür eine Ethik zu entwickeln. Kritik übten auch mehrere Theologinnen der jüngeren und mittleren Generation an der Rechtfertigungslehre als "totaler Gnadenlehre“. Diese scheine einerseits alles von Gott vergebbar und gleichgültig zu machen. Andererseits empfanden sie an ihr als problematisch, daß Gott eigentlich mit Christus durch den Menschen hindurch kommuniziere in dem Sinne, daß Gott schafft, was er liebt, statt den Menschen so zu lieben, wie er ist. Insofern gelte es eher, eine Theologie der Wechselseitigkeit zu entwickeln, die dem Menschen Verantwortung und Würde als Individuum zutraue. Auch die Abendmahlsliturgie sah eine Theologin als korrekturbedürftig an, da sie mehr einer Einzelkommunion denn einer Abendmahlsgemeinschaft angemessen sei.

So wie bei der Bestimmung der positiven Akzente der lutherischen Identität bei den Theologinnen die theologischen Aspekte dominierten, standen bei der Benennung der negativen Charakteristika die praktischen Fragen im Vordergrund. Sie wiesen vor allem auf die Differenz zwischen Verkündigung und realisierter Praxis im Gemeindeleben hin, z.B. auf den Widerspruch zwischen der Verkündigung des Evangeliums als Befreiung von Leistungserweisen und einer Pfarramtspraxis in Form von 14 Stunden täglicher Arbeitszeit. Einen anderen Widerspruch sahen sie darin, daß das Priestertum aller Gläubigen verkündet werde, aber es nur schwer gelinge, die Gemeindeglieder in den Gottesdienst oder in die Predigtvorbereitung einzubeziehen und sich im Kirchenvorstand auch mit geistlichen Fragen zu beschäftigen. Die Theologinnen kritisierten betont konfessionalistische Erscheinungsformen von Pfarrern, die ihr Amt und ihre Kreuz stark vor sich her trügen. Außerdem werde weiterhin ein Bild des lutherischen Pfarrhauses gepflegt, das kaum mehr Lebensrealität sei. Die Rechtfertigung aus Gnade trete wenig als Freude in Erscheinung. Als negative Assoziationen zur lutherischen Konfessionalität nannten sie: dumm, geradeheraus, arbeitsam, deutsch, polternd, muffig, düster.

Nur wenige Theologinnen gaben an, daß für sie ihre Konfessionalität völlig gleichgültig sei. Die meisten wollten sie in Differenz, Kooperation und Reflexion mit anderen Konfessionen wie der reformierten und der katholischen Kirche leben. Die theologischen Unterschiede zur katholischen Kirche bewerteten einzelne Theologinnen durchaus als erheblich in Aspekten wie dem direkten Kontakt zu Gott, den Sakramenten und der Kirchenlehre.

4.4.2. Erfahrungen mit der ökumenischen Kooperation auf lokaler Ebene

Nahezu alle befragten Theologinnen sahen in der ökumenischen Frage einen wichtigen Aspekt ihrer Arbeit. Sie begründeten diese Einschätzung damit, daß sie zum einen mit Menschen aus vielen verschiedenen Konfessionen in ihrer beruflichen Praxis und in ihrer Familie zu tun hätten. Zum anderen hing für eine Reihe von Theologinnen die Glaubwürdigkeit der ChristInnen davon ab, sich um eine Kenntnis der Weltsituation zu bemühen und sich nicht gedanklich auf einen kleinen Bereich zu beschränken. Dabei nahmen die Theologinnen der jungen und mittleren Generation unterschiedliche Positionen ein, ob der Begriff "ökumenisch" lediglich die interkonfessionellen Bemühungen bezeichnete oder auch die interreligiösen bzw. interkulturellen Aspekte einschließen sollte. Grundsätzlich bestand jedoch bei mehreren besonderes Interesse an der interkulturellen Arbeit und nicht nur an evangelisch-katholischen Begegnungen und Gesprächen. Eine junge Theologin wies auf die biblische Motivation zur ökumenischen Dimension der kirchlich-theologischen Arbeit hin, wie sie Paulus hinsichtlich der Kollektensammlung für Jerusalem als Verpflichtung den eigenen Wurzeln gegenüber reflektiert hatte. Für sie resultierte daraus eine Verwurzelung der Kirchen im Befreiungsgeschehen. Dies bedeutete für sie die Bereitschaft zum Austausch mit Kirchen, in denen Befreiung konkret erfahrbar war und die nicht so sehr von der Angst beherrscht waren, ihren Wohlstand zu verlieren. Aus diesem Grunde war die ökumenische Dimension in der kirchlichen Arbeit nach ihrer Meinung auch keine periphere, sondern eine existentielle Frage.

Als Perspektive für die ökumenische Arbeit äußerten mehrere Theologinnen die Hoffnung, daß das gemeinsame Abendmahl erfahrbar werde. Außerdem erhofften sie sich durch die liturgisch lebendigeren Spiritualitätsformen anderer christlicher Kirchen eine Auflockerung der stark auf dogmatische Begriffe reduzierten bzw. konzentrierten westlich-abendländischen Theologie und Frömmigkeit. Viele Theologinnen erwarteten eine Relativierung der eigenen Probleme und teilweise beschränkten Weltsicht durch die Auseinandersetzung mit dem, was andere ChristInnen beschäftigt, und eine christliche Herangehensweise an die weltweiten Ungerechtigkeiten der Verteilung von Lebenschancen.

Eine Theologin aus der mittleren Generation plädierte für interkulturelle Arbeit, um andere Kulturen in ihrem Selbstverständnis und mit ihren symbolischen Systemen ernstzunehmen. Ihr habe z.B. die Beschäftigung mit der afrikanischen Kultur die Augen für die Schönheit der Natur geöffnet, während die Texte des konziliaren Prozesses bei ihr kaum einen Lernprozeß ausgelöst hätten.

Aus ihren konkreten Arbeitsvollzügen berichteten die Theologinnen in besonderen Stellen folgende


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Erfahrungen mit ökumenischer Arbeit: Eine Theologin hatte in der Schule die Erfahrung gemacht, daß es schwierig war, Schulabschlußgottesdienste gemeinsam zu gestalten, weil oft die katholischen Kollegen eine katholische Messe abhalten wollten. Dagegen hatte eine andere Theologin in einem Seniorenheim und in einem Krankenhaus aufgeschlossene katholische PartnerInnen gefunden, mit denen eine sinnvolle Zusammenarbeit und Arbeitsteilung, aber auch gemeinsame ökumenische Veranstaltungen möglich waren. Eine Theologin, die in der evangelischen Erwachsenenbildung tätig war, berichtete von relativ wenig ökumenischen Aspekten in ihrer bisherigen Arbeit. Zwar habe es einmal einen Arbeitskreis “Ökumene und Entwicklungsbewußtsein“ sowie sporadische Kontakte mit dem ÖRK in Genf gegeben, aber dies habe nicht sehr intensive Auswirkungen auf die weitere Arbeit gehabt.

Die beiden Theologinnen der mittleren Generation, die speziell mit Frauen zusammenarbeiteten, berichteten von intensiven ökumenischen Kontakten und teilweise selbstverständlicher Kooperation zwischen katholischen und evangelischen Frauen vor Ort. Auch sie hielten eine Ökumene der Religionen über die Konfessionen hinaus für notwendig, z.B. in Form eines interreligiösen Dialog-Frauenseminars.

Diejenigen Theologinnen, die auf der Ebene der Kirchengemeinden ökumenische Arbeit zu verwirklichen suchten, benannten als zwei wichtige Faktoren für das Gelingen dieser Arbeit zum einen die Bereitschaft des jeweiligen katholischen Gegenübers und zum anderen das quantitative Verhältnis der Konfessionen im konkreten Kontext. So formulierte eine Theologin der mittleren Generation als These, daß die interkonfessionelle Zusammenarbeit dort funktioniere, wo die evangelische Kirche stark und die katholische Kirche schwach sei. Wo sich dies umgekehrt verhalte, hänge es sehr stark von dem jeweiligen katholischen Kollegen ab.

Die Abhängigkeit von dem jeweiligen katholischen Kollegen am Ort nannten vor allem diejenigen Theologinnen als Kriterium für die Möglichkeiten lokaler ökumenischer Arbeit, die im dörflichen Umfeld arbeiteten und keine Ausweichmöglichkeiten hatten. Dabei berichteten die in einer Diasporasituation in Dörfern tätigen Theologinnen in der Mehrzahl von guten Kontakten mit ihren katholischen Kollegen und auch positiven Reaktionen der katholischen Dorfbewohnerinnen, z.B. auf von der evangelischen Theologin gehaltene Beerdigungen. Andere Theologinnen beklagten, daß ökumenische Trauungen oft im Prinzip als katholische Trauungen unter Gestattung der Anwesenheit der evangelischen Pfarrerin stattfanden. Mehrere mittlere und jüngere Theologinnen erwähnten allerdings auch, daß katholischen Kollegen, die sich kooperationsbereiter zeigten, der zuständige Bischof eine entsprechende Weiterarbeit verboten hatte.

Eine junge Theologin, die in einem Kontext mit lediglich acht Prozent evangelischer Bevölkerung tätig gewesen war, berichtete von einem guten ökumenischen Arbeitskreis, in dem sie und ihr katholischer Kollege kontroverse Themen wie Abendmahl, Frauen, die Macht des Papstes diskutierten. Von den Theologinnen, die in der Diasporagroßstadt München tätig waren, berichteten zwei von sehr intensiven ökumenischen Erfahrungen vor Ort. Eine andere junge Theologin sah dagegen grundsätzliche Vorbehalte hinsichtlich der Kooperation mit einem katholischen Kollegen, der ihr Amt nicht theologisch anerkannte und sie als minderwertiger ansah.

Von intensiven ökumenischen Erfahrungen in der Lokalgemeinde berichteten zwei Münchner Theologinnen. Die eine Theologin berichtete zum einen von der interkonfessionellen Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche in Form gemeinsamer Gottesdienste und sozialen Engagements. Als weiteres Gebiet ökumenischer Arbeit war ihre Gemeinde außerdem unter dem Aspekt der weltweiten ökumenischen Arbeit in der El-Salvador-Arbeit tätig, in Kontakt mit dem Ökumenischen Büro in München. Dies bedeutete, die dortigen Kirchen im Gebet und durch Fürbittgebete in jedem Gottesdienst zu unterstützen und auf politischer Ebene für die Menschenrechte einzutreten. Die Erfahrung älterer Theologinnen war, daß diese Arbeit allmählich Wirkung in den Gemeinden zeigte. Dies sei aber in der Volkskirche immer ein langsamer Prozeß, in dem vorsichtig und nicht dogmatisch mit den Gemeindegliedern umgegangen werden müsse.

Von einer sehr intensiven ökumenischen Zusammenarbeit berichtete auch eine weitere Münchner Theologin, die in einem Neubaugebiet tätig war, wo neben der evangelisch-lutherischen Gemeinde acht katholische Gemeinden, eine reformierte Gemeinde, eine serbisch-orthodoxe Gemeinde und eine Freikirche existierten. Die Absicht enger ökumenischer Beziehungen kam in der Planung der beiden Gemeindezentren dadurch zum Ausdruck, daß der katholische und der evangelische Gebäudeteil aneinandergebaut wurden. In der Mitte lag eine von der Caritas und der Inneren Mission gemeinsam getragene Sozialstation. Die Wirkung dieses Verhaltens beschrieb die betreffende Theologin so, daß die konfessionellen Grenzen verschwänden und z.B. die Kinder dorthin gingen, wo es ihnen mehr Spaß mache. Außerdem existierte ein ökumenischer Frauenstammtisch. Fasching und Freizeiten veranstalteten beide Gemeinden oft gemeinsam. Einmal im Jahr kämen alle in dem Neubaugebiet tätigen SeelsorgerInnen zusammen Eine andere Form der ökumenischen Kooperation fände auf


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kommunalpolitischer Ebene statt, z.B. in Auseinandersetzung mit den entsprechenden Wohnungsbaugesellschaften, in ökumenischen Gesprächsreihen und Gottesdiensten.

Von den Theologinnen in Gebieten mit einem relativ ausgeglichenen Verhältnis zwischen evangelischen und katholischen ChristInnen berichteten vor allem zwei Theologinnen, die in einer mittelgroßen Stadt bzw. in einem großstädtischen Neubaugebiet tätig waren, von sehr intensiver ökumenischer Zusammenarbeit. So bestand in der mittelständischen Gemeinde ein ökumenisches Seniorenzentrum mit einem ökumenischen Mitarbeiterkreis. Aufgrund des guten persönlichen Kontaktes zum katholischen Kollegen kam es auch zu gemeinsamen Feiern und Glaubensgesprächen.

Über besonders intensive ökumenische Zusammenarbeit, die wiederum von dem guten Verhältnis zum katholischen Kollegen und der Gemeindereferentin abhing, berichtete eine in einem Neubaugebiet tätige junge Theologin. So existierten verschiedene ökumenische Gemeindekreise, die abwechselnd VertreterInnen verschiedener Konfessionen leiteten. Ökumenische Trauungen waren dort kein Problem, allerdings besuchten vorwiegend KatholikInnen die ökumenischen Gottesdienste. Andere Erfahrungen hatten zwei Theologinnen zum einen in einer Kleinstadt und zum anderen in einem Dorf mit etwa paritätischer Konfessionalität gemacht. Die in der Kleinstadt tätige Theologin berichtete von einem durch Konkurrenzdenken bestimmten Verhältnis. Ihr katholischer Kollege weihe sogar den Altar der Kirche neu, wenn sie an ihm Gottesdienst gefeiert habe. Die Dorfpfarrerin gab an, daß in der älteren Generation das Verhältnis eher gegeneinander gerichtet sei, die Jugend sich aber ganz gut verstehe.

Die jungen Theologinnen, die in von evangelisch-lutherischen ChristInnen dominierten Gebieten arbeiteten, berichteten durchweg von relativ guter ökumenischer Zusammenarbeit. Allerdings spielte auch hier die Aufgeschlossenheit des jeweiligen katholischen Priesters eine große Rolle. Teilweise fühlten sich jedoch einzelne Theologinnen der mittleren Generation in sehr traditionellen lutherischen Gebieten von ihren katholischen Kollegen eher akzeptiert als von konservativen Berufskollegen in der eigenen Kirche. Fast überall waren ökumenische Trauungen konfessionsverschiedener Paare selbstverständlich. An manchen Orten wurde darüber hinaus z.B. die Kinderarbeit ökumenisch gestaltet oder in einem ökumenischen Arbeitskreis das Trennende und das Spezifische jeder Konfession diskutiert, aber auch z.B. anläßlich des Golfkrieges gemeinsame ökumenische Friedensgottesdienste gehalten.

4.4.3. Partizipation am ökumenischen Austausch auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene

Von einer Beteiligung an ökumenischen Initiativen auf regionaler Ebene berichteten eher Theologinnen der älteren Generation, die in größeren Städten tätig waren. Eine pensionierte Theologin war Mitglied im ökumenischen Netz Bayern. Eine ehrenamtlich tätige Theologin schilderte ihre Mitarbeit an einer ökumenischen Jubiläumsfeier einer Stadt, an der Gruppen ganz unterschiedlicher Konfessionen teilnahmen, wie z.B. die syrisch-orthodoxe Kirche, eine altkatholische Gemeinde, die italienische katholische Mission und eine freie evangelische Gemeinde. All diese Gemeinden hielten in ökumenischer Kooperation Gottesdienste, Gesprächskreise, Bibelarbeiten und Frauengruppen.

Auf überregionaler und internationaler Ebene engagierten sich vor allem Theologinnen aus der älteren Generation in diversen ökumenischen Gremien und Institutionen, wie z.B. im Ökumene-Fachausschuß der Landeskirche, im Gustav-Adolf-Werk, im Vorbereitungsteam ökumenischer Studienkurse in Josefstal und als Teilnehmerin von ÖRK-Vollversammlungen. Einige jüngere Theologinnen hatten einige Kontakte zu Institutionen, die sich für ökumenische Gerechtigkeit einsetzten, wie z.B. der Gossner Mission oder dem bayerischen Missionswerk. Eine Theologin der mittleren Generation hatte durch einen einjährigen Aufenthalt in Genf und die mehrmalige Teilnahme an interkonfessionellen Delegationen Erfahrungen mit der internationalen Ökumene. Eine ältere Theologin verfügte durch einen mehrjährigen Aufenthalt in Beirut über gute Kontakte zu den Kirchen im Nahen Osten. Eine andere Theologin der älteren Generation, die bei der Vollversammlung in Vancouver war, äußerte sich kritisch zum dortigen Umgang mit der gleichberechtigten Partizipation und Artikulation aller TeilnehmerInnen. Diese Kritik an einer relativ wirkungslosen Jet-Set-Ökumene und die Frage nach der Rückkoppelung der dort diskutierten Themen und praktizierten Spiritualitätsformen teilte auch eine andere ökumenisch stark engagierte ältere Theologin. Den Kontakt mit den orthodoxen Kirchen empfand eine jüngere Theologin wegen der dort vorherrschenden patriarchalen Denkstruktur als sehr schwierig. Enttäuschung herrschte bei einer jungen Theologin, daß das zuerst mit großen Hoffnungen begleitete Friedenskonzil in Seoul nicht richtungweisende Wirkung entwickelt habe. Als lohnend empfand sie dagegen die Verbindungen zum Ökumenischen Büro in München und die konkrete Partnerschaftsarbeit mit der lutherischen und der katholischen Kirche in El Salvador.

Insgesamt ist festzustellen, daß für nahezu alle bayerischen Theologinnen die ökumenische Kooperation einen wichtigen Aspekt in ihrer lokalgemeindlichen Arbeit vor allem mit ChristInnen der katholischen Kirche darstellte. Besonders intensive Beziehungen, auch mit weiteren Kirchen und Konfessionen, gab es


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vor allem in den Neubaugebieten größerer Städte sowie in einer großstädtischen Durchschnittsgemeinde. Insbesondere in Dörfern schien die Kooperationsbereitschaft der jeweiligen katholischen Kollegen sowie der Spielraum, den die katholische Hierarchie ihm ließ, ausschlaggebend für die Möglichkeiten einer ökumenischen Kooperation vor Ort zu sein. Auf regionaler, überregionaler und internationaler Ebene bzw. im institutionalisierten ökumenischen Kreise engagierten sich vor allem Theologinnen der älteren Generation, insbesondere auch Theologinnen, die bereits pensioniert waren, sich ehrenamtlich engagierten oder eine Teildienststellung hatten. Viele Theologinnen der jungen und mittleren Generation hielten die weltweite und interkulturelle, auch die interreligiöse Dimension ökumenischer Arbeit für wichtig. Andererseits stellten sie aber die geringe Wirkung der internationalen ökumenischen Zusammenkünfte und Institutionen in Frage.

4.4.4. Das Verhältnis zum Weltgebetstag der Frauen und zur Ökumenischen Dekade der Kirchen in Solidarität mit den Frauen

Den Weltgebetstag der Frauen bewerteten fast alle bayerischen Theologinnen positiv. Er stellte in manchen Dörfern die einzige kontinuierliche evangelisch-katholische Kooperation dar und war manchmal die einzige öffentliche Veranstaltung im Dorf von Frauen. So gingen an manchen Orten die Frauen anschließend gemeinsam ins Wirtshaus und eroberten sich damit öffentlichen Raum. Positiv beurteilten mehrere Theologinnen die Tradition des Weltgebetstages, seine weltweite Ausstrahlung und den geringen Aufwand für Beteiligungsmöglichkeiten infolge des Vorbereitungsmaterials. Viele Theologinnen begrüßten dessen undogmatischen lebensweltlichen Zugang zu anderen Kulturen und insbesondere zur Lebensrealität von Frauen in völlig unterschiedlichen Kontexten. Zur Vertiefung der durch den Weltgebetstag für Frauen entstehenden Beziehungen zu den Frauen anderer Kontexte regten sie an, z.B. aus der Kollekte heraus weitere Initiativen der Konvivenz zu entwickeln, wie Partnerschaften oder gegenseitige Besuche.

Als kritische Punkte an der bisherigen Weltgebetstagspraxis - meist bei prinzipiell positiver Würdigung von dessen Intention - beurteilten mehrere Theologinnen der mittleren und jüngeren Generation, daß die durch die Weltgebetstagsarbeit entstehende Gemeinschaft jedes Mal wieder sehr schnell zerfalle und keine festen Kreise daraus entständen. Dadurch fördere er nicht wirklich die Entwicklung von Frauenbewußtsein, sondern er bleibe ein den Frauen von Männern zugestandener Raum. Als Problem bezeichneten mehrere Theologinnen, daß Frauen immer weniger Interesse an einer gemeinsamen Vorbereitung bzw. Gestaltung des Gebetsgottesdienstes ausschließlich durch Laiinnen hätten, sondern eher die Beteiligung zumindest für den Abschlußsegen von Geistlichen erwarteten. Eine Theologin berichtete, wenn Laiinnen die Vorbereitung übernähmen, dann seien dies oft Charismatikerinnen. Auch würden oft keine Konsequenzen aus der Konfrontation mit fremdem Frauenleben für das eigene Leben gezogen. Eine Theologin kritisierte die Aneinanderreihung verschiedener Gebetsformen ohne liturgischen Zusammenhang.

Die Mehrzahl der befragten bayerischen Theologinnen wußte von der Existenz der ökumenischen Dekade der Kirchen in Solidarität mit den Frauen. Etwa ein Drittel hatte davon jedoch noch nichts gehört oder verwechselte sie mit dem konziliaren Prozeß. Von speziellen Aktivitäten im Rahmen der Frauendekade berichteten vor allem Frauen, die in institutionellen Zusammenhängen auf leitender Ebene beschäftigt waren und Vorschläge für Frauenförderungsprogramme einbrachten. Sie traten z.B. für die Regelung ein, bei jedem Projekt nach der spezifischen Beteiligung der Frauen zu fragen. Die im AFiK beschäftigte Theologin hatte eine Konzeption für den Dekadenausschuß der Synode vorgelegt, damit sich Männer und Frauen der Synode verantwortlich und kontinuierlich mit dem Thema beschäftigten. Andere Theologinnen sprachen das Thema in ihren gemeindlichen Veranstaltungen an, z.B. in Gottesdiensten und im Frauenkreis. Eine berichtete von Frauentagen auf Dekanatsebene, die der AFiK angeregt hatte. In besonderer Weise griff die Themenstellung eine ehrenamtlich tätige bayerische Theologin auf, die im Ökumenischen Forum christlicher Frauen Europas für die deutsche Situation leitende Mitverantwortung trug. Zur Vertiefung schlugen je einzelne Theologinnen aus verschiedenen Generationen vor, sich feste Ziele zu setzen, z.B. sich nach dem Ende des Golfkrieges mit muslimischen Frauen zusammenzusetzen, bzw. an existierenden Gruppen in der Gemeinde anzuknüpfen, wie dem Kreis der Alleinerziehenden oder einer mit Umweltfragen befaßten Frauengruppe. Ziel sollte sein, daß die Frauen das Bewußtsein bekommen, Teil der ökumenischen Bewegung zu sein und daß sie gleichzeitig die relevanten Aspekte im eigenen Kontext bearbeiten, z.B. das Arbeitgeberverhalten der Kirche, den Zusammenhang von Sexismus und Rassismus sowie einen vorsichtigen und bewußten Umgang mit Sprache.

Als Kritik an dem Konzept der Frauendekade äußerten mehrere Theologinnen, daß die mit dem konziliaren Prozeß teilweise übereinstimmenden Problemfelder nicht frauenspezifische Aufgaben seien. Das Motto mache den Eindruck, als ob es ein Gegenüber von Kirchen und Frauen gebe. Als Hindernisse für eine Beteiligung an der Frauendekade sahen mehrere Theologinnen an, daß die Menschen in der


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Gemeinde jede Verbindung zwischen christlichem Glauben und politischem Engagement ablehnten. Die Frauen in ihren Kirchengemeinden hätten oft andere Interessen, während die Frauen mit feministischem Bewußtsein nicht in der Kirche anzutreffen seien. Die Beschäftigung z.B. mit der Situation von AsylbewerberInnen hielt eine Theologin der mittleren Generation nicht für eine Aufgabe der Konvivenz für die Kirchengemeinde, sondern für einen Versorgungsauftrag durch das diakonische Werk. Eine pensionierte Theologin berichtete dagegen von ersten Kontakten mit AsylbewerberInnenfamilien vor Ort.

4.5. Die Berufskonzeption der Theologinnen

4.5.1. Die subjektive Bewertung der Berufskonzeption, insbesondere auch der Stellenteilung

Mehr als die Hälfte der Theologinnen aus der älteren, mittleren und jungen Generation hoben als ausgesprochen positiven Aspekt der Arbeit im Pfarramt die Vielseitigkeit an Arbeitsfeldern, Aufgaben und Menschen aus verschiedenen Generationen, Herkunften und Schichten hervor. Als zweiten positiven Aspekt benannten vor allem Theologinnen der mittleren und jungen Generation die Eigenständigkeit der Arbeit im Pfarramt, die Möglichkeit, eigene Ideen und Vorstellungen einzubringen, für sich selbst neue Möglichkeiten und Fähigkeiten zu entdecken. Positiv bewerteten mehrere junge Theologinnen die flexible Arbeitszeitgestaltung sowie den überraschungsreichen Berufsalltag, der die Arbeit nie zur völlig vorhersehbaren Routine werden lasse. Etwa die Hälfte der Theologinnen aus der alten, mittleren und jungen Generation betonten die theologische Arbeit, das exegetische Bemühen um den biblischen Text und seine Übersetzung in die heutige Lebenswirklichkeit in der Verkündigung als positive Aspekte der Arbeit im Pfarramt. Insbesondere pensionierte und ältere Theologinnen sowie einzelne Theologinnen anderer Generationen wollten vor allem spirituelle Fragen thematisieren. So formulierte z.B. eine pensionierte Theologin als ihr Ziel, Menschen zum Glauben zu helfen, daß sie Nähe erfahren und im gemeinsamen Feiern Gemeinschaft erleben. Zwei jüngere Theologinnen beurteilten als positiven Aspekt der Arbeit im Pfarramt die Möglichkeit, bestimmte Rollen und Kirchenbilder aufzusprengen.

Befragt nach den schwierigen Seiten des Pfarramtes äußerten zwei Drittel der Theologinnen aus allen Generationen, daß die Vielseitigkeit schwer zu verkraften sei. Zum einen fehle ihnen an bestimmten Punkten die Kompetenz bzw. die Zeit, sich diese gezielt zu erwerben oder ausreichend Freiraum zu haben, um mit anderen bestimmte Fragen und Probleme zu reflektieren. Die Vielseitigkeit führe zum anderen oft zu einem raschen Wechsel zwischen völlig verschiedenen Arbeitsfeldern, die aufgaben-, sprach- und gefühlsmäßig völlig unterschiedlich besetzt seien, z.B. von der Beerdigung zum Taufgespräch. Als ein Problem nannten mehrere Theologinnen verschiedener Generationen die fehlende Begrenzung der Arbeitszeit. Ein Aspekt, den vor allem junge Theologinnen ins Spiel brachten, war die Diffusität des Rollenbildes "PfarrerIn" in einer Volkskirche im Umbruch. Diese berge in sich gleichzeitig traditionelle und nachindustrielle Lebens- und Glaubensformen, aber verfüge kaum über Konzepte für die Arbeit in diesen verschiedenen Kontexten. Dies gelte auch für den Umgang mit den Lebensformen im Pfarrhaus, mit dem kirchlichen Frauenbild und dem Pfarrfamilienbild. Bei Gemeindegliedern und den PfarrerInnen beständen sehr unterschiedliche Vorstellungen über den Zusammenhang zwischen Lehre und Verkündigung. Theologinnen aus allen Generationen bezeichneten es als höchst schwierig, sich gegenüber der Gemeinde und ihren Erwartungen abzugrenzen. Als weitere Herausforderung sahen viele Theologinnen aller Generationen den eigenen Anspruch an eine angemessene Amtsausübung, den Umgang mit den eigenen Schwächen und Fehlern sowie das Durchsetzen begrenzter Arbeitszeiten an.

4.5.2. Die subjektive Einschätzung der Stellenteilung durch TheologInnenehepaare

Vorteile bot die Möglichkeit der Stellenteilung von TheologInnenehepaaren nach Meinung der Theologinnen der mittleren und jungen Generation mit Kindern vor allem für die Zeit, in der Kleinkinder zu betreuen waren. Zum einen sei es für Kinder angenehmer, abwechselnd von einem Elternteil betreut zu werden, das diese Arbeit als Abwechslung zum Berufsalltag erlebe. Zum zweiten sei die Flexibilität dieses Modells ein Pluspunkt, da es relativ unkomplizierte Veränderungen entsprechend der wechselnden Familienkonstellationen erlaube. Als dritten Vorteil für Ehepaare sahen sie es an, daß beide eine qualifizierte Berufsarbeit ausüben können. Die Gemeinden profitierten davon, da ein Ehepaar mehr Kapazitäten aufweise als ein Mensch auf einer Stelle und außerdem beide Ehepartner ihre Arbeitskraft nicht jeweils vollständig verausgaben. Dieses letzte Argument sahen auch die Theologinnenehepaare ohne Kinder als Chance für die Gemeinde an. Für sich selbst sahen sie den Vorteil dieses Modells darin, daß sie stärker ihre jeweiligen Neigungen und Schwierigkeiten bei der Aufgabenverteilung berücksichtigen konnten und der Ehepartner die Nöte des Berufsbereiches kannte.

Als Problem des Modells Stellenteilung bei TheologInnenehepaaren hoben die Theologinnen mit Kindern die ungeheuer intensive Kooperationsnotwendigkeit mit dem Ehepartner hervor. Sie mußten zeitliche Absprachen treffen und einhalten, mit Konkurrenz- und Konfliktsituationen umgehen und sich bei


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zusätzlichen Projekten einschränken, die auf Kosten des Ehepartners gehen könnten. Die Erholungsphasen verwendeten sie bei abwechselnder Kinderbetreuung fast vollständig für Haushalt und Kinder. Ihr individueller Spielraum war ziemlich gering. Gleichzeitig richtete sich auch die Gemeindeerwartung auf die Kapazitäten von zwei und nicht einer Person.

Manche Theologinnen stellten die Frage, ob dieses Modell in der Praxis nicht doch dahin tendiere, die Theologinnen wieder aus dem Beruf herauszudrängen. Manche Gemeindemitglieder und die Kirchenleitung verständen dieses Modell als Chance zur Wiederholung des alten Pfarrhauses, in dem der Pfarrer und die theologisch vollausgebildete Pfarrfrau anzutreffen ist, die den Ehemann voll vertreten kann, deren Berufstätigkeit jedoch nicht voll zählt.

Die TheologInnenehepaare auf einer Stelle ohne Kinder beurteilten als Nachteil dieses Modells die Gefahr der permanenten dienstbezogenen Kommunikation, die auch den Privatbereich beherrsche. Außerdem sei es schwierig, mit Konkurrenzsituationen umzugehen. Eine psychologische Begleitung sei dringend notwendig, da teilweise unbewußte Symbiosewünsche und hilflose Abgrenzungsversuche die Partnerschaftsbeziehungen überforderten, wodurch es gerade bei TheologInnenehepaaren in den letzten Jahren verstärkt zu Scheidungen gekommen sei.

4.5.3. Veränderungsvorschläge für die pastorale Arbeit

An erster Stelle der geäußerten Veränderungsvorstellungen stand bei zwei Dritteln der Theologinnen aus allen Generationen der Vorschlag, die Arbeit der Theologinnen im Gemeindepfarramt jeweils auf bestimmte Arbeitsgebiete zu konzentrieren. Dies sollte in Abstimmung mit anderen kirchlichen MitarbeiterInnen, mit Rücksicht auf deren Fähigkeiten und den Kompetenzen der jeweiligen TheologInnen geschehen. Gegebenenfalls sollten auch Arbeitsbereiche aufgegeben werden. Als bisher selbstverständliche und zeitintensive Arbeitsbereiche, die in Zukunft reduziert werden sollten, nannten je einzelne Theologinnen vor allem aus der älteren Generation den Verwaltungsbereich, die Gemeindeleitung, insbesondere die Mitarbeiterbetreuung, den Vorsitz im Kirchenvorstand sowie den schulischen Religionsunterricht.

Das Problem der ebenfalls von vielen TheologInnen im Pfarramt beklagten unabgegrenzten Arbeitszeit sollte nach Meinung vor allem der jungen und der mittleren Theologinnengeneration durch eine rechtliche Begrenzung der Arbeitszeit, die Aufhebung der Präsenzpflicht bzw. die Institutionalisierung von Notdiensten, VertreterInnen und SpringerInnen angegangen werden. Dadurch erhofften sich die jüngeren Theologinnen mehr Freiraum für die Gestaltung ihres Privatlebens. Eine pensionierte Theologin sah die Arbeitszeiteinschränkung auch für eine geistige und geistliche Erneuerung der Theologinnen durch freie Zeit für Reflexion, Meditation und die Vertiefung theologischer Fragen als notwendig an.

Ein gutes Drittel der Theologinnen aus der mittleren und jüngeren Generation und fast alle Theologinnen der älteren Generation äußerten als Veränderungsvorschlag, die pastorale Arbeit in Teams von Haupt- und Ehrenamtlichen zu gestalten statt in EinzelkämpferInnenmanier. Davon erhofften sie eine längerfristige Veränderung der in der Gemeinde vorhandenen Rollenbilder für die TrägerInnen des geistlichen Amtes. Sowohl die hierarchische Überordnung der Theologinnen gegenüber den anderen MitarbeiterInnen als auch die Vorstellung einer omnipräsenten Pfarramtsinhaberin sowie die geschlechtsspezifischen Vorstellungsraster seien zu ändern. Sie schlugen vor, auf Gemeindeebene den Kirchenvorstandsvorsitz in bestimmten Abständen zwischen PfarrerInnen und Gemeindegliedern zu wechseln. Die Leitungsfunktionen auf der Ebene ab der Dekanatsebene sollten in regelmäßigem zeitlichem Abstand neu besetzt werden und grundsätzlich die Informationsflüsse in den Gemeinden gezielter gestaltet werden.

4.5.4. Die Konzeption der pastoralen Tätigkeit

Im Zentrum der pastoralen Tätigkeit sollte nach Meinung der meisten Theologinnen aus den verschiedenen Generationen die Gemeindeleitung stehen. Die Theologinnen der mittleren und älteren Generation betonten, daß diese sich im Rahmen von Teams vollziehen sollte. Die jüngeren Theologinnen hoben eher den Aspekt der Fortbildung der MitarbeiterInnen bzw. die Gestaltung der Gemeinde als konfliktfähiger Gemeinschaft hervor, in der unterschiedliche Menschen zu Wort kommen sollen. Als zweiten Schwerpunkt nannten viele Theologinnen aus verschiedenen Generationen, insbesondere der mittleren Generation, die theologische Arbeit. Mit ihr wollten sie die Verbindung zur Tradition lebendig halten, die Sprachfähigkeit der LaiInnen in Glaubensfragen entwickeln und den Transfer zwischen Bibel und Gegenwart vollziehen. Als dritten Schwerpunkt hoben je einzelne Theologinnen aus verschiedenen Altersgruppen die seelsorgerliche Aufgabe, die Begleitung von Menschen in Schwellensituationen, hervor. Nur je einzelne Theologinnen nannten die Aspekte kommunalpolitische Einmischung und Schärfung des politischen Gewissens.


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Auf die Frage nach der Bezeichnung ihrer pastoralen Tätigkeit als Amt, Dienst, Arbeit oder weiterer alternativer Begriffe zeigte sich, daß ein Viertel der befragten Theologinnen, überwiegend aus der jungen Generation, ihre Arbeit als "Amt" bezeichnete. Den damit verbundenen Sinngehalt, die Repräsentation einer anderen Symbolwelt und eines anderen Sinnzusammenhangs empfanden diese Theologinnen in bestimmten besonderen Situationen als hilfreich. Wenn sie ihre persönlichen Grenzen spürten, erlebten sie das Amt und ihre Ordination, den Auftrag zu Verkündigung und Gottesdienst, als tragend. Drei Viertel der Theologinnen lehnten diesen Amtsbegriff jedoch ab. Eine pensionierte Theologin - aus dieser Generation wandte keine einzige Theologin den Amtsbegriff positiv für sich an - sah hinter dem Amtsbegriff das traditionelle Amtsverständnis der Männer stecken. Andere kritisierten diesen Begriff als falsche Übersetzung von diakonia als "Amt“ statt "Dienst“. Die Mehrzahl, vor allem die mittleren und jungen Theologinnen, lehnte den Amtsbegriff ab. Er hob nach ihrer Meinung die PfarrerInnen als Autoritätspersonen aus der Gemeinde heraus und führte zu einer in der Gesellschaft nicht mehr nachvollziehbaren Selbststilisierung. Er schüre falsche Rollenerwartungen, die eher denen entsprächen, die Fernsehserien und Kollegen pflegten, die ihre Person hinter Amt und Talar versteckten.

Den Dienstbegriff bewertete etwa je die Hälfte der Theologinnen aus den verschiedenen Generationen als positiv. Die andere Hälfte lehnte ihn als Selbstbezeichnung für ihre pastorale Arbeit ab. Positiv griffen ihn vor allem pensionierte Theologinnen auf. Eine erläuterte dazu: "Ich stehe nicht im Dienst des Landeskirchenrates, sondern im Dienst des Herrn da oben, wie es Philipper 1,1 ausdrückt!" Für eine Theologin der älteren Generation verband sich mit dem Dienstbegriff die neutestamentliche Sorge des einzelnen um das Ganze. Einen ähnlichen Akzent setzten auch die anderen Theologinnen aus der mittleren und vor allem der jungen Generation, die den Dienstbegriff bejahten. Sie sahen darin eine Ausrichtung der eigenen Antwort auf die Gemeinde, den anderen, wie es durch die Taufe allen ChristInnen von Gott aufgetragen ist. Eine junge Theologin sah den Dienstbegriff als Herausforderung an ihre Arbeit an, diese so zu strukturieren, daß sie für andere tauge. Die negativen Voten von Theologinnen aus allen Generationen gegen den Dienstbegriff richteten sich vor allem auf das ideologische Moment, das in der Verwendung dieses Begriffes steckt, wie z.B. die Verschleierung von Macht- und Herrschaftsstrukturen, wenn kirchenleitende Funktionäre diesen Begriff als scheinbare Gleichheit erzeugende Formel benutzten: "Wir dienen ja so gern, vor allem in leitender Funktion!". Als eine andere Verschleierungstradition im Zusammenhang mit dem Dienstbegriff benannten sie den Neuendettelsauer Diakonissenspruch: "Mein Lohn ist, daß ich dienen darf." sowie die Ideologie: "Ein Christ ist immer im Dienst". Mit diesen Parolen werde berufliches und sonstiges Leben gegeneinander ausgespielt. Der mit der geschlechtshierarchischen Verwendungsweise dieses Begriffes verbundene Bedeutungsgehalt (Hausfrauisierung der Arbeit, Arbeit als Liebe, Liebe als Arbeit, umsonst, freiwillig, unbegrenzt, liebevoll ) betreffe besonders Frauen.

Nahezu alle Theologinnen hießen den Begriff "Arbeit" als funktionalen Begriff gut. Sie sahen darin eine Chance, die eigene Arbeit in einen nichthierarchischen oder separierenden Bezug zur Arbeit anderer kirchlicher MitarbeiterInnen und der Gesellschaft insgesamt zu stellen. Er eröffne auch die Möglichkeit, über das Verhältnis von Arbeit und Freizeit, Lohn und Alimentation, kollektive Interessenvertretung sowie Möglichkeiten und Grenzen der subjektiven Gestaltung und Prioritätensetzung nachzudenken. Daraus könnten eine bessere Zeiteinteilung, ein gelassenes Verhältnis zu unerfreulichen und belastenden Tätigkeitsaspekten erwachsen. Eine Theologin grenzte sich jedoch dagegen ab, die pastorale Arbeit als Job anzusehen. Es bleibe eine Größe, die ihr Leben ausfüllt und prägt. Als weiteren Begriff nannten je eine pensionierte und eine ältere Theologin sowie zwei Theologinnen der mittleren Generation den Begriff "Auftrag". Er bringe den inhaltlichen Aspekt der pastoralen Arbeit, die Verkündigung der Befreiungsbotschaft Jesu Christi, stärker zum Ausdruck.


Fußnoten:

<663>

Im folgenden zitiert als LANDESKIRCHENAMT BAYERN, Übersicht.

<664>

Vgl. LANDESKIRCHENAMT BAYERN (Hg), Personalstand 1987.

<665>

Zur Charakteristik dieser Gemeindetypen siehe LANDESKIRCHENAMT BAYERN (Hg) Personalstand 1987, S. V., sowie die jeweils bei den einzelnen Gemeinden aufgeführten Angaben, die


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aus dem Personalstand ersichtlich sind.

<666>

Eine wesentliche negativere Einschätzung von halben Stellen und hinsichtlich der Verbindung von Beruf und Familie findet sich bei PROBST, Zwischenbericht, S. 44f. Sie weist dort darauf hin, daß halbe Stellen bzw. begrenzte Dienstaufträge nach dem Muster klassischer Frauenarbeitsplätze zugeschnitten sind: wenig Entscheidungsmöglichkeiten, geringere Kompetenzerfordernis, beschränkte Aufstiegsmöglichkeiten. Im Kampf um die Abgrenzung mit dem jeweiligen Kollegen würden viele Kräfte verzehrt und die Undefiniertheit der pastoralen Berufsrolle und der Arbeitsbereiche erschwere dies auch. Das labile Gleichgewicht zwischen Beruf und Familienarbeit sei immer neu in Gefahr. Brigitte Probst faßt die Ergebnisse ihrer Untersuchung auf S. 45 so zusammen: Letztlich hängt die konkrete Entscheidung jedoch immer am Partner und der sich einstellenden Familiensituation, d.h. Frauen richten sich in ihrer Lebensplanung, sofern sie eine Partnerschaft eingehen, nach Gegebenheiten, die von außen auf sie zukommen.

<667>

PROBST, Zwischenbericht, S. 45, stimmt darin überein. Der eigentliche Konfliktstoff sind die männlichen Kollegen, die z.T. aus theologischen Gründen mit einer Frau nicht als Kollegin beruflich zusammenarbeiten wollen.


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