Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

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TEIL B: Die Theologinnenarbeit in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKiB)

Kapitel 5. Zusammenfassung und Auswertung: Die Kontextualität der Arbeit von Theologinnen in der ELKiB

5.1. Der Bezug der Theologinnenarbeit zur sozioökonomischen Situation von Frauen in Deutschland, ab 1949 in der Bundesrepublik Deutschland

5.1.1. Ausbildung

Den Ausbildungsweg zum Beruf "evangelische Theologin" eröffnete das Engagement der Frauenbewegung für eine Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten von Frauen, inklusive ihrer Zulassung zu Abitur und Universitäten. Zunächst studierten nur wenige Frauen Theologie, und die ELKiB hatte offensichtlich keine Probleme, einzelne Frauen zum ersten und zweiten kirchlichen Examen zuzulassen. Von der für männliche Theologen vorgesehenen praktischen und theoretischen Ausbildung in Predigerseminaren zwischen diesen beiden Examina blieben Frauen hingegen ausgeschlossen. Als die nationalsozialistischen Herrscher geschlechtshierarchische Einschränkungen der Frauenbildung einführten, übernahm die ELKiB diese für ihren eigenen Bereich. So ließ sie Theologinnen in den Jahren 1935 bis 1938 nur in Ausnahmefällen zu kirchlichen Examina zu. Die Ausbildung nach dem ersten Examen blieb der Eigeninitiative der Theologinnen überlassen. Manche besuchten Kurse des Burckhardthauses in Berlin. Das Vikarinnengesetz von 1944 verlangte von ihnen zusätzliche Voraussetzungen für ihre Aufnahme auf die landeskirchliche Vikarinnenliste, die eher dem Berufsbild Gemeindehelferin entsprachen, sowie ein Vorpraktikum in kirchlich-diakonischen Einrichtungen - analog zum staatlichen Hauswirtschafts- bzw. Pflichtjahr für studierwillige Abiturientinnen.

Diese zusätzlichen Voraussetzungen verlangte die ELKiB auch in den 50er und 60er Jahren. Sie begründete dies damit, daß sie die Theologinnen vor "Lebensfremdheit" und "Abstraktheit" schützen wollte. Weibliche Theologiestudierende nahm die in der Nachkriegszeit neu gegründete Kirchliche Hochschule in Neuendettelsau Anfang der 50er Jahre zunächst nicht auf. Noch Mitte der 60er Jahre berichteten Studentinnen von demotivierenden Auseinandersetzungen im Studienalltag. Die zweite Ausbildungsphase fand in den Jahren nach 1945 bis zur Integration in das Pfarrerdienstrecht 1975 in der Form statt, daß die examinierten Theologinnen wie ihre männlichen Kollegen ins Gemeindevikariat eingewiesen wurden. Dort sollten sie offiziell nach den Einschränkungen des Vikarinnen- und Theologinnengesetzes arbeiten. In der Praxis hielten sie jedoch aufgrund des Pfarrermangels der 50er und 60er Jahre teilweise auch Gottesdienste. Sofern das Landeskirchenamt Kenntnis davon bekam, erfolgte eine Versetzung der Vikarin. Ihre theoretische Begleitung erhielten die Theologinnen in dieser zweiten Ausbildungsphase gemeinsam mit den Kriegsheimkehrern in einem Zweimonatskurs im Katechetischen Amt Heilsbronn. Der bayerische Landeskirchenrat hielt die Teilnahme an spezifischen Vikarinnenseminaren der VELKD bzw. der EKU für überflüssig angesichts der den bayerischen Theologinnen zugedachten Arbeitsfelder. Für die Weiterbildung der Theologinnen dienten in dieser Zeit die jährlichen Vikarinnentreffen, die diese als eine Art "Pfarrkolleg" ansahen. Entsprechend seinem Konzept eines geschlechtsspezifischen, nach Arbeitsfeldern differenzierten Berufsbildes der Theologinnen strebte der bayerische Landesbischof in den 60er Jahren auch spezifische Ausbildungswege an. Dabei sollten Studienschwerpunkte und Praktika in je einem der Arbeitsfelder liegen. Die Theologinnen lehnten diese Einengung ihrer Arbeitsfelder durch eine entsprechende Ausbildungskonzeption ab. Eine Theologiestudentin wies auf die Überqualifizierung der Theologiestudentinnen angesichts der für sie vorgesehenen Arbeitsfelder hin.

Mit der Integration der Theologinnen ins Pfarrerdienstrecht 1975 erfolgte die im gesellschaftlichen Bereich bereits seit Kriegsende übliche Gleichstellung der Geschlechter im Ausbildungsbereich. Allerdings zeigte sich im gesellschaftlichen wie im kirchlichen Bereich, daß die quantitativ und qualitativ enorm gestiegene Partizipation von Frauen am akademischen Bildungsweg nicht automatisch zu einer gestiegenen Präsenz im akademischen Berufsalltag führen mußte, insbesondere nicht auf der höheren Ebene. So ging von der großen Zahl der Vikarinnen nur ein Teil in den Probedienst und später in den Pfarrdienst. Der Theologinnenkonvent hat darauf hingewiesen, daß dies eine frauendiskriminierende Auswirkung der in den 80er Jahren geschlechtsunspezifisch formulierten Regelungen war, die insgesamt zu einer Verlängerung der Ausbildungszeit und zu einem reduzierten Berufseinstieg führten. Die bayerische Sonderpraxis der Übernahme in den Probedienst bei gleichzeitiger Beurlaubung aus familiären Gründen wurde aufgegeben. Der Übernahme einer vollen Stelle im Probedienst und anschließend dem vollen Pfarrdienst stand für verheiratete Frauen der 100%-Grundsatzbeschluß entgegen. Bei einer halben Stelle verlängerte sich die z.A.-Zeit von drei auf fünf Jahre. Gleichzeitig wurden Altersgrenzen für den Antritt des Vikariates (35 Jahre) und des Probedienstes (40 Jahre) beschlossen, von denen geschlechtsspezifische Ausnahmen möglich waren. Zur inhaltlichen Gestaltung der Ausbildung schlug der bayerische Theologinnenkonvent vor, daß das


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Praxisjahr in einem feministischen Projekt geleistet werden könne und feministisch-theologische Inhalte in die Predigerseminarausbildung integriert werden sollten.

Insgesamt ist festzustellen, daß die durch die Frauenbewegung erkämpfte Verbesserung der weiblichen Bildungschancen die Voraussetzung für die Existenz akademisch gebildeter Theologinnen war. Von der bayerischen Landeskirche gingen durchgehend keine eigenen Anstrengungen aus. Sie übernahm im Gegenteil die geschlechtshierarchischen Restriktionen der nationalsozialistischen Regierung und führte sie teilweise, z.B. hinsichtlich des geschlechtsspezifischen Vorpraktikums, nach 1945 bis Anfang der 70er Jahre fort. Ihre kirchliche Hochschule ließ erst Mitte der 50er Jahre weibliche Studierende zu. Die geschlechtsspezifische Ausbildungskonzeption des Landeskirchenrates für die Theologinnen bestand in einer nicht bzw. später notdürftig geregelten theoretischen Begleitung bei gleichzeitiger Vernutzung ihrer praktischen Kompetenz. In den 80er Jahren erschwerten vor allem ausbildungsverlängernde Maßnahmen der quantitativ enorm gewachsenen Anzahl examinierter Theologinnen, auch im vollen Dienstverhältnis ihre Ausbildung abzuschließen und adäquat zu arbeiten. So griff der Landeskirchenrat zur Zeit des "TheologInnenbergs" sogar wieder auf die Idee eines nun geschlechtsunspezifischen "Vorpraktikums" zurück, das er Anfang der 40er Jahre damit begründet hatte, daß es ungeeignete Bewerberinnen vom Studium abhalten sollte.

5.1.2. Anstellungsformen

Hinsichtlich des Verhältnisses der gesellschaftlichen Anstellungsformen für Frauen und den landeskirchlichen Regelungen der Arbeitsformen von Theologinnen läßt sich eine ähnliche Tendenz wie bei der Ausbildung feststellen. Die restringierenden Tendenzen im gesellschaftlichen Bereich übernahm die Kirche, während sie die auf Gleichheit und Uneingeschränktheit orientierten gesellschaftlichen Impulse nur zögerlich aufgriff.

So verstand sie die 1920 in der Weimarer Republik vorgenommene Außerkraftsetzung aller Ausnahmebestimmungen für weibliche Beamtinnen zunächst nicht als Anregung für die Gestaltung der Theologinnenarbeit. Der Landeskirchenrat versuchte vielmehr, die Integration von Theologinnen auf landeskirchlicher Ebene zu vermeiden. So verwies er die ersten examinierten Theologinnen auf den staatlichen und städtischen Schulbereich. Andere Theologinnen fanden bestenfalls auf kirchengemeindlicher Ebene oder im Bereich der kirchlichen Werke bzw. der kirchlichen Verwaltung eine Anstellung, die in der Regel nicht ihrem Ausbildungsstand entsprach, sondern eher dem einer Gemeindehelferin. Die in der Weimarer Republik begonnene und im Nationalsozialismus bis 1938 fortgesetzte Tendenz des Ausschlusses verheirateter Frauen von Beamtinnenstellen und von Frauen insgesamt aus dem Leitungsbereich von Institutionen, z.B. Schulen, übernahm die bayerische Kirchenleitung in die Vikarinnengesetze von 1944 und 1954, indem sie nur mit ledigen Frauen ein Anstellungsverhältnis einging. Verheirateten Theologinnen ermöglichte sie offiziell erst 1970 die Fortsetzung ihrer Berufsausübung über Verlobung und Heirat hinaus. Noch zu diesem Zeitpunkt konnte entsprechend den kirchlichen Bedürfnissen ihre Anstellung jederzeit geändert und beendet werden, sofern "infolge Änderung der Organisation der kirchlichen Arbeit" keine Verwendung mehr bestand. Letzteres war auch dann möglich, wenn kein gedeihliches Wirken mehr zu erwarten war - selbst wenn die Theologin selbst dafür keine Veranlassung bot. Noch im Theologinnengesetz von 1970 waren Theologinnen von dem Wohlwollen ihrer männlichen Vorgesetzten abhängig, welche Arbeitsgebiete sie in den Gemeinden übernehmen konnten. Ab Mitte der 60er Jahre nahm der Landeskirchenrat den in der Gesellschaft aufgrund des Bedarfs an Arbeitskräften nach der Mauerschließung propagierten Gedanken der Teilzeitarbeit auf, um damit eine geschlechtsspezifische Konzeption der Theologinnenarbeit im Sinne einer Kirchenbeamtinnenarbeit zu legitimieren. Manche SynodalInnen vertraten dagegen die Ansicht, daß Theologinnen, die grundsätzlich Teilzeit arbeiten wollten, nicht ordiniert werden und nicht im Beamtinnenverhältnis arbeiten sollten.

Für die Gestaltung der Anstellungsverhältnisse der Theologinnen ab der zweiten Hälfte der 70er Jahre und vor allem in den 80er Jahren übernahm die Kirche das gleichzeitig entwickelte gesellschaftliche Modell der partnerschaftlichen Arbeitsteilung in Ehe und Familie. Dabei rezipierte sie es in der Form, daß als Idealform die jeweils halbierte Berufstätigkeit beider Ehepartner galt. Insbesondere für die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse von Theologinnen in der zweiten Hälfte der 80er Jahre wurde das gesellschaftliche Modell der Flexibilisierung von Frauenarbeitsplätzen maßgeblich. Leitender Gesichtspunkt für die Gestaltung der rechtlichen Regelungen der Theologinnenarbeit in dieser Phase war die "flexible" Handhabung des Landeskirchenrates als Arbeitgeber, so z.B. bei der 100%-Regelung, bei der Anwendung des Erprobungsgesetzes und bei den Regelungen des Erziehungsurlaubes.

Das Ergebnis waren eingeschränkte Arbeitsverhältnisse für TheologInnen, die im gesellschaftlichen Bereich überproportional Frauen einnahmen. Sie waren geprägt von einem Abbau sozialer Leistungen,


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zerstückelter Zeitökonomie, Ausschluß von Leitungsaufgaben, nicht existenzsicherndem Einkommen, die bezahlte Arbeitszeit deutlich überschreitendem Arbeitsumfang, Abhängigkeit auf Gewährung statt Anspruch auf Erziehungsurlaub bis hin zur ehrenamtlichen Wahrnehmung professioneller Aufgaben. Die Beibehaltung des BeamtInnenstatus auch bei Teilstellen - wenn auch primär aus Interesse des Landeskirchenrates, arbeitsrechtliche Konfliktfälle innerhalb des kirchlichen Arbeitsrechts auszutragen - war einer der wenigen positiven Akzente des Teildienstes von Theologinnen gegenüber anderen flexiblen Arbeitsverhältnissen von Frauen. Dem stand gegenüber, daß durch die Einführung der Ordination für den ehrenamtlichen Dienst Theologinnen ohne kirchliches Anstellungsverhältnis zur Wahrnehmung professioneller pastoraler Arbeit veranlaßt werden konnten. Die Sozialversicherung der Theologinnen richtete sich nach ihrem Anstellungsverhältnis als Angestellte, Beamtin oder über ihren Ehemann Versicherte. Auswirkungen im Sinne eingeschränkter Altersbezüge waren für TheologInnenehepaare noch drastischer als für andere Teildienstleistende, da ihnen maximal soviel wie einem traditionellen Pfarrerehepaar zugebilligt wurde.

5.1.3. Arbeitsfelder

Die selbst gefundenen und ihnen angebotenen Arbeitsfelder der Theologinnen bis 1944 lagen mehrheitlich im Bereich der Jugendarbeit, Schule und Mütterarbeit. Sie entsprachen damit dem von der bürgerlichen Frauenbewegung angestrebten Ideal, als ledige Frauen in der Erwerbsarbeit die "Mütterlichkeit" zum Zuge bringen zu können. Anders als in anderen Landeskirchen und in der nationalsozialistischen Gesellschaft blieben für die bayerischen Theologinnen diese dem "weiblichen Wesen" entsprechenden Arbeitsgebiete auch in den Kriegsjahren dominant. Zu einer vollen Pfarrvertretungsarbeit in Gemeinden durch Theologinnen ist es nur in wenigen Ausnahmefällen gekommen. Auch in dem 1944 verabschiedeten Vikarinnengesetz blieb es bei dem pädagogischen Schwerpunkt, ergänzt um Seelsorge und Verkündigungstätigkeit an Personen weiblichen Geschlechts sowie um die Mitwirkung an pfarramtlichen Geschäften. Die letzten beiden Schwerpunkte haben eine gewisse Nähe zu den in der Weimarer Republik verstärkt auftretenden neuen Frauenberufen, der Wohlfahrtsgehilfin bzw. der Bürogehilfin.

Nach 1945 gab es Tendenzen, die Theologinnen zugunsten der männlichen Theologen für überflüssig zu erklären. Theologinnen wurden dann jedoch auch in vielen der neuen kirchlichen Aufgabenbereiche eingesetzt, z.T. in Verbindung mit Gemeindearbeit. Ähnlich wie im gesellschaftlichen Bereich bei mittelständischen Geschäftsleuten halfen die verheirateten Theologinnen oft als Pfarrfrauen im Arbeitsfeld ihres Mannes mit. Eine Theologin schuf als neues kirchliches Arbeitsfeld die Arbeit mit alleinstehenden berufstätigen Frauen.

Ab 1961 verschärfte sich auch in der bayerischen Landeskirche der Pfarrermangel, und die Theologinnen arbeiteten verstärkt in Gemeinden, z.B. relativ selbständig in Stadtrandsiedlungen. Aus dieser Praxiserfahung wuchs bei ihnen die Überzeugung, daß Frauen prinzipiell zur Übernahme aller pastoralen Arbeitsfelder fähig seien. So wurde ihnen nach langen Auseinandersetzungen 1970 unter bestimmten Voraussetzungen auch Predigt und Sakramentsverwaltung anvertraut. Ab 1975 standen ihnen - wie seit den 50er Jahren im gesellschaftlichen Bereich - prinzipiell alle Tätigkeiten des Pfarramtes offen. Allerdings machte die Arbeitsaufteilung bei ErproberInnenehepaaren deutlich, daß die Theologinnen in dieser Konstellation häufig genau die Arbeitsbereiche übernahmen, die ihnen vor der Gleichstellung als frauenspezifisch zugewiesen worden waren, nämlich die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie die Gruppenarbeit mit Erwachsenen. Ein ähnliches Bild ergab die Nennung der von den Theologinnen in der Gemeindearbeit bevorzugten und der weniger begehrten Arbeitsfelder. Auch hier war eine Vorliebe für Berufsbilder in Übereinstimmung mit den weiblichen Geschlechterstereotypen festzustellen. Dagegen empfanden sie den Arbeitsanfall in den Arbeitsfeldern, die eher den männlichen Geschlechterstereotypen entsprachen, wie im Bereich von Finanzen, Bau und Verwaltung, auffällig oft als problematisch. Dies entsprach der in der Gesellschaft herrschenden Neigung von Frauen zu Berufen im Bereich von Lehren, Erziehen, Heilen und zu den verschiedenen Dienstleistungsberufen.

5.1.4. Arbeitsbedingungen (Besoldung, Wohnung, Lebensform, Amtsstellung)

Die Besoldung der bayerischen Theologinnen bis 1944 hing von ihrem Arbeitsbereich und dem jeweiligen Anstellungsträger ab. So verdienten Theologinnen im Bereich der Jugendarbeit sehr wenig. Die Gemeinden, die Theologinnen als Gemeindehelferinnen oder Katechetinnen anstellten, bezahlten ihnen niedrige Löhne. Eine wesentlich bessere Besoldung, auch im Verhältnis zum Pfarrgehalt, hatten dagegen die wenigen Theologinnen, die im staatlichen Schuldienst als Studien-, Oberstudienrätin oder Studienprofessorin tätig waren.

In den Jahren nach 1944 erhielten die Theologinnen laut Vikarinnengesetz 80% des


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Pfarrergrundgehalts, und auch dies nur bis zu einer bestimmten Stufe. Diese geschlechtshierarchische Lohndifferenz bei gleicher Tätigkeit wurde Mitte der 50er Jahre in der Gesellschaft verboten. Der bayerische Landeskirchenrat begründete die kirchliche Beibehaltung damit, daß ledige Theologinnen aufgrund ihrer Lebensform weniger benötigten als ihre verheirateten männlichen Kollegen. Dieses Argument erkannten die bayerischen Theologinnen an, auch wenn sie darauf hinwiesen, daß ledige männliche Theologen keine Lohnreduzierung hinzunehmen hatten. Das zweite Argument, daß sich die Aufgaben von Männern und Frauen im Pfarramt nicht entsprechen würden, lehnten die Theologinnen im Laufe der Zeit aufgrund ihrer Arbeitserfahrungen ab. Anfang der 60er Jahre hob die Kirchenleitung die geschlechtsspezifische Lohndifferenz auf und besoldete die Theologinnen wie ihre männlichen Kollegen. Die Begrenzung bei den Gehaltsstufen behielt sie bei, so daß auch Theologinnen in Leitungspositionen nicht das entsprechende Gehalt bekamen. Innerhalb der Gesellschaft herrschte offiziell seit der Weimarer Republik das Prinzip der gleichen Entlohnung. Es konnte sich jedoch bis heute nicht allgemein durchsetzen. Im öffentlichen Dienst galt seit der kriegsbedingten Gleichbezahlung der Geschlechter im Nationalsozialismus der Grundsatz "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“.

Für die bayerischen Theologinnen kam nach der Gleichstellung 1975 durch den 100%-Beschluß 1984 von neuem eine Lohnbeschränkung zum Tragen, indem ihnen nur noch ein volles Gehalt pro Familie zustand. Dies billigte 1986 bei der Überarbeitung des Erprobungsgesetzes die Landessynode als kirchliches Recht. Die Kirchenleitung begründete diese restriktive Maßnahme mit der mangelnden gesellschaftlichen Vermittelbarkeit, wenn ein Ehepaar über zwei Gehälter verfüge, während andere Familien vom Arbeitslosengeld leben müßten. Als zweiten Grund gab sie 1986 bei der Überarbeitung des Erprobungsgesetzes an, die TheologInnenehepaare nicht besser als traditionelle Pfarrfamilien stellen zu wollen. Dies legte sie auch hinsichtlich des maximalen Pensionsbetrages für TheologInnenehepaare fest. Das Ergebnis dieser Regelung war, daß beide Ehepartner beim Scheitern der Ehe über kein existenzsicherndes Einkommen im Alter oder bei Krankheit verfügten.

Entsprechend der unterschiedlichen Lohnhöhe und der jeweiligen subjektiven Positionen schätzten die befragten Theologinnen ihre Besoldung unterschiedlich ein. Die voll verdienenden Theologinnen bezeichneten ihre Besoldung als gut im Verhältnis zu anderen kirchlichen MitarbeiterInnen, der Mehrheit der Frauen in der Gesellschaft, der Besoldung von PfarrerInnen in der DDR und angesichts ihrer durchschnittlich geringen Wohnkosten. Die jungen Theologinnen mit einer halben Stelle und einem Vollzeit arbeitenden Ehemann empfanden ihr Gehalt als Zusatzeinkommen, das nur wenig zum Familieneinkommen beitrug. Allerdings sahen sie auch, daß z.B. Sekretärinnen für den gleichen Verdienst Vollzeit arbeiten mußten. Als ausgesprochen gering bezeichneten die Stellenteilerinnen ihr Einkommen angesichts ihrer Arbeitszeit, Ausbildung und dem Aufwand, z.B. unter Umständen zwei Dienstwagen zu unterhalten. Eine Theologin mit einer halben Stelle bewertete jedoch auch ihr halbes Gehalt als ausreichend, um sich sicher zu fühlen. Schon diese Gehaltshöhe sei ein Privileg gegenüber Gemeindegliedern. Eine Theologin mit halber Stelle empfand ihre Gehaltshöhe als ethisch gerecht, da sie Korruption verhindere.

Die Wohnverhältnisse der Theologinnen waren bis 1944 völlig ungeregelt. In den 50er Jahren wurde ihnen einerseits ein Rechtsanspruch auf eine Dienstwohnung gegenüber dem Anstellungsträger eingeräumt. Andererseits zeigte es sich in der Praxis, daß es erhebliche Probleme gab. Die den Theologinnen vom Landeskirchenrat zugestandenen Raumbedürfnisse waren sehr bescheiden. Teilweise gelang es den Theologinnen, durch ihre Privatinitiative zu befriedigenden Lösungen zu kommen. Seit der rechtlichen Gleichstellung 1975 hatten die Theologinnen den gleichen Anspruch auf eine Dienstwohnung wie ihre männlichen Kollegen. TheologInnenehepaaren stand verständlicherweise nur eine Dienstwohnung zu. Wie andere Aspekte tauchte die Dienstwohnungsfrage wieder im Zusammenhang mit der Überarbeitung des Erprobungsgesetzes auf. So benannte sie der Landeskirchenrat als Problem für die Stellenteilung zweier voneinander unabhängiger Menschen, da durch den Unterhalt zweier Dienstwohnungen auf die Gemeinden zusätzliche Kosten zukämen. Umgekehrt erklärte das Landeskirchenamt aus dieser Perspektive die Stellenteilung von ErproberInnenehepaaren zur idealen Lösung. Auf den Widerspruch der in dieser Form arbeitenden Theologinnen stieß die 1989 vom Landeskirchenrat verordnete Aufhebung der zweiten Amtszimmerpauschale für TheologInnenehepaare, die der Landeskirchenrat damit begründete, Gemeinden aufgrund ihrer Akzeptanz der TheologInnenehepaare nicht zu benachteiligen. In der Praxis lebten manche der befragten Theologinnen in Privatwohnungen. Einige wohnten in der Dienstwohnung des Ehemannes, in der ihnen zugewiesenen Dienstwohnung oder in einer privat angemieteten Wohnungen im Gemeindegebiet, für die sie einen Mietzuschuß erhielten. Den Wert der Dienstwohnung versteuerten sie. Manche ledige Theologinnen bezeichneten die ihnen zugewiesenen Dienstwohnungen als erheblich zu groß für ihre Bedürfnisse. Eine Theologin teilte sie mit Frauen, die an einer Fachschule ihre Ausbildung machten. Manche TheologInnenehepaare mit mehreren Kindern beklagten dagegen


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das Fehlen eines zweiten Arbeitszimmers.

Hinsichtlich ihrer Lebensform sahen sich die bayerischen Theologinnen bis 1970 vor die Alternative Beruf oder Familie gestellt. Damit war für akademisch gebildete Frauen in kirchlichen Berufen die "Zölibatsregelung" Jahrzehnte länger gültig als im staatlichen Bereich, wo 1932 das Lehrerinnenzölibat abgeschafft worden war. Die Zölibatsregelung entsprach dem bürgerlichen Frauenbild, das eine Erwerbstätigkeit nur für ledige Mittelstandsfrauen vorsah, während sich die Ehefrauen und Mütter dem Haushalt und der Kindererziehung widmen sollten. Für die beiden Landesbischöfe Meiser und Dietzfelbinger war als Alternative dazu lediglich die Existenz als Diakonisse denkbar, die durch ihre Zugehörigkeit zu einem Diakonissenmutterhaus unter männlichem Schutz stand. Die Theologinnen verstanden sich dagegen als selbständige berufstätige Frauen. Ein großer Teil der verheirateten Theologinnen wirkte als Pfarrfrau. Die kirchliche Rechtslage entsprach der gesellschaftlichen Diskriminierung erwerbstätiger Mütter in den Nachkriegsjahren. Sie brachte wenig hilfreiche Impulse für den Lebensalltag der Mütter, die als Arbeiter- oder Angestelltenfrauen auf ihre Erwerbsarbeit angewiesen waren. Positiv, wenn auch mit einigen Vorbehalten und Kontrollmechanismen versehen, bewertete die bayerische Kirchenleitung ab der zweiten Hälfte der 60er Jahre die neue Vermittlungsform von Beruf und Familie durch Teildienststellen. Aufgrund fehlender Stellenausschreibungen und anderer Sonderregelungen kam es jedoch zu keiner rechtlichen Gleichstellung der Teilbeschäftigten mit den Vollbeschäftigten. Die Teilbeschäftigung blieb der jeweils individuell mittels Dienstordnung und Absprache mit den anderen KollegInnen zu klärende Ausnahmefall.

Dies galt ebenso - wenn auch in beschränkter Weise - für die Beschäftigungsverhältnisse nach dem Erprobungsgesetz. Das Ideal, für das dieses Gesetz eine Grundlage schaffen sollte, war das TheologInnenehepaar als Fortführung der traditionellen Pfarrfamilie mit anderen Mitteln. Das Bedürfnis beider Ehepartner nach einer offiziellen Berufstätigkeit wurde anerkannt und zugleich auf einen halben Stellenanspruch reduziert. In Differenz zur gesellschaftlichen Praxis galt dies für beide Ehepartner. Im gesellschaftlichen Bereich ging die Tendenz dagegen - als geschlechtsspezifische Regelung - dahin, daß der Ehemann eine volle Stelle hatte und die Ehefrau eine flexible ungesicherte Teilbeschäftigung, ggf. in Kombination mit Erziehungsurlaub.

In den Befragungen zeigte sich ein großer Teil sowohl der ledigen als auch der verheirateten Theologinnen unzufrieden mit ihrer Vermittlung von Beruf und Privatleben. Die ledigen Theologinnen wiesen angesichts der Verpflichtung zu permanenter Präsenz auf die Schwierigkeiten eines befriedigenden Privatlebens hin. Die TheologInnenehepaare, die sich eine Stelle teilten, beklagten, daß ihnen neben Beruf und Familie kaum individuelle Freiräume oder entspannte Begegnungen mit dem Ehepartner möglich waren. Verheiratete Theologinnen mit halben Gemeindestellen oder übergemeindlichen Stellen, die mit Nichttheologen verheiratet waren, sahen für sich die besten Möglichkeiten, beide Lebensbereiche in befriedigender Weise zu verbinden.

Die Dienststellung der Theologinnen war bis Anfang/Mitte der 70er nicht die des Amtes, sondern die einer geschlechtshierarchisch untergeordneten Dienstleisterin im Ausbildungsstatus. Dies kam zum einen in der Amtsbezeichnung "Vikarin, Pfarrvikarin" zum Ausdruck. Zum andern durften die bayerischen Theologinnen bis 1975 keine Amtstracht tragen. Die geistliche Einführung in den kirchlichen Dienst geschah durch eine Einsegnung, bei der biblische Texte im Spannungsfeld zwischen Dienst und Amt zur Sprache kamen. Erst ab 1975 wurden sie ordiniert. Noch immer ist ihre Autorität der von männlichen, bis 1989 in Bayern ordinierten Pfarrern in Bayern untergeordnet, die weiterhin ein Vetorecht gegen die Bewerbung von PfarrerInnen in ihrem Amtsbereich haben.

5.1.5. Die Interpretation der Geschlechterdifferenz

In den Jahren bis 1945 finden sich in den Quellen über die Entwicklung der Theologinnenarbeit in der ELKiB nur relativ wenig explizite Äußerungen zum Geschlechterverhältnis. Die Denkschrift des Theologinnenkonvents aus dem Jahre 1938 entwickelt unter Hinweis auf 1. Kor 14 und 1. Tim 2 ein Frauenbild, das wesentlich durch die Unterordnung der Frauen gegenüber den Männern bestimmt ist, denen aufgrund der biblischen Weisung die Leitungspositionen zukämen. Diese geschlechtshierarchische Rollenteilung stellte jedoch der Hinweis auf eigenverantwortlich verkündigende Frauen im Alten und Neuen Testament im gleichen Dokument bereits ein Stück weit in Frage. Eine komplementäre Auffassung von der Geschlechterdifferenz äußerte das LSA-Mitglied und Rektor der Neuendettelsauer Anstalten Lauerer, der von der Gleichwertigkeit und Verschiedenartigkeit der Frau gegenüber dem Mann sprach. Egalitäre Geschlechterdifferenzmodelle, die in der Weimarer Republik durchaus verschiedene Gruppierungen vertraten, und Mütterlichkeitsbilder, wie sie im Nationalsozialismus den Raum beherrschten, fanden sich in den kirchlichen Reflexionen nicht.


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In der zweiten Phase der Entwicklung der Theologinnenarbeit in den Nachkriegsjahren dominierte auch in der Kirche das gesellschaftlich vorherrschende Bild von der Frau als gefühlsbetontem, häuslichem Wesen. Die Theologinnen betonten das Moment der komplementären Ergänzung verschiedener gleichberechtigter Menschen. Sie strebten nicht Leitungspositionen über Männer an. Für die bayerische Kirchenleitung war das geschlechtshierarchisch-patriarchale Modell maßgeblich, wonach sich Frauen unter dem Schutz und der Aufsicht des Mannes betätigen. Sie sahen das Pfarramt als ein männliches Leitungsamt an und befürchteten Verweiblichungstendenzen im Pfarrerbild. Das gottgemäße Wirkungsfeld für Frauen war ihrer Meinung nach Ehe und Familie. Als alternatives Lebensmodell für Frauen blieb nur die Diakonissensexistenz. Das komplementäre, auf den häuslichen Bereich konzentrierte Frauenbild verstanden sie auch als Differenz gegenüber dem Frauenbild von Gesellschaft und Kirche in der sozialistischen DDR. Die Lebensrealität der ledigen und verwitweten Frauen fand weder im gesellschaftlichen noch im kirchlichen Frauenbild Niederschlag. Eine Theologin gründete jedoch einen spezifischen Bereich kirchlicher Arbeit für Frauen in dieser Lebensform.

In den 60er Jahren vollzog sich gesellschaftlich und in Teilen der Kirche ein radikaler Wechsel des Frauenbildes bzw. der Auffassung der Geschlechterdifferenz. Der bayerische Theologinnenkonvent brachte dies in seiner Stellungnahme zu dem Referentenentwurf für ein neues Theologinnengesetz aus dem Jahre 1966 deutlich zum Ausdruck. Er wies traditionalistische und psychologische Argumentationen zurück und forderte eine theologische Argumentation, die von der Begnadung und Befreiung beider Geschlechter zu gemeinsamer, uneingeschränkter Gliedschaft am Leib Christi zeugte. Die thomistische Lehre von der Zweitrangigkeit der Frau erklärte er für überwunden. Die Äußerungen Luthers zur Geschlechterfrage seien durch seinen gesellschaftlichen patriarchalen Kontext bedingt gewesen und könnten keine Verbindlichkeit für die Gegenwart haben. Auch neuere psychologische Untersuchungen über das Geschlechterverhältnis verträten die Auffassung, daß bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, Persönlichkeitsstrukturen oder Lebensaufgaben nicht nur einem Geschlecht zukämen. Vielmehr bestände die Herausforderung, die Verhaltensweisen und Aufgabenteilung entsprechend unserem Zeitalter und unserer Kultur vorzunehmen. Exemplarische Lösungen oder Vorbilder aus früheren Zeiten existierten nicht. Der Maßstab müßte sein, daß die vorhandenen Möglichkeiten beider Geschlechter zum Einsatz kommen und sich in positiver Wechselwirkung aneinander entfalten können. Dies entspräche auch wiederum der Veränderung des Frauenbildes in der urchristlichen Gemeinde, indem durch die Teilnahme der Frauen an den gottesdienstlichen Zusammenkünften, durch ihre diakonischen, missionarischen und prophetischen Tätigkeiten sich neue Ordnungen in der christlichen Gemeinde herausbildeten. Die Leiterin des bayerischen Mütterdienstes, die Synodale Nold, wies in einem Beitrag über den gesellschaftlichen Kontext der Theologinnenfrage darauf hin, daß der Wandel der Gesellschaftsstruktur auch bedeute, daß die zentrale Stellung des Mannes verlorengegangen sei. Die Reduzierung von Frauen auf den Bereich der Mutterschaft und ihre Ausblendung aus dem öffentlichen Raum entspräche nicht der Realität. Die entscheidende Frage sei, wie die Kirche auf den gesellschaftlichen Wandel reagiere.

Manche Synodale brachten verstärkt psychologische Frauenbilder ins Spiel, in denen Frauen als äußerst empfindsame und schwierig zu behandelnde Wesen erschienen. Andere SynodalInnen zweifelten allerdings an der männlichen Kompetenz zu Aussagen über die Frauen angesichts der vorangegangenen Entwicklung des Geschlechterverhältnisses. So warnte der Alterspräsident der bayerischen Landessynode Lentrodt vor einer archaischen und patriarchalischen Selbstüberschätzung des Mannes und der Sakralisierung seiner männlichen Würde. Die Gegner der Frauenordination hielten an einem psychologisierenden Frauenbild fest, wonach der Frau die Mutterschaft und dem Mann das Hirte-Sein entspreche. Auch manche Unterstützer der Theologinnenarbeit bezogen sich auf Geschlechterstereotypen. Sie waren der Meinung, daß das Pfarramt weibliche, therapeutische, seelsorgerliche Eigenschaften verlange.

In der letzten Phase von 1975 bis 1990 wurde das im gesellschaftlichen Bereich vorherrschende partnerschaftliche Familienmodell auch für den kirchlichen Diskurs über das Geschlechterverhältnis maßgeblich. Die Theologinnen sollten als Frauen die Möglichkeit erhalten, Familie und Beruf zu vereinbaren. Im Unterschied zum dominierenden gesellschaftlichen Diskurs sah der Landeskirchenrat auch für männliche Theologen als Lebensmodell vor, beide Bereiche vereinbaren zu können. Manche SynodalInnen hatten dagegen noch die Vorstellung, daß für den Mann im Unterschied zur Frau die Berufstätigkeit Vorrang vor der Familie habe. Sie suchten dies "biologisch“ zu begründen. Die Gegner der Frauenordination vertraten weiterhin ein Frauenbild, das auf biblisch verordneter Unterordnung im Sinne einer Schöpfungsordnungstheologie beruhte.

In den Befragungen gaben die Theologinnen an, daß ihnen die Frage der Geschlechterdifferenz teilweise schon in ihrer Schulzeit, teilweise erst in ihrer Arbeit begegnet war. Sie profitierten von dem


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gesellschaftlichen Transformationsprozeß der Frauensituation zur Zeit der Weimarer Republik, der die Geschlechtergleichheit proklamierte. Die mittlere Generation begegnete der Frage der Geschlechterdifferenz vorwiegend während ihres Studiums oder Vikariats, d.h. im kirchlich-theologischen Milieu. Für die jüngeren Theologinnen waren wiederum sowohl Erfahrungen in der Schulzeit als auch während des Studiums ausschlaggebend, grundsätzliche Überlegungen zum Geschlechterverhältnis anzustellen. Ihr geschlechtsspezifisches Selbstverständnis entsprach in weiten Zügen einem Frauenbild mit Caring-Akzenten, wonach Frauen einen leichteren Zugang zu Menschen, insbesondere zu Frauen, Kindern und Familien, auf der Grundlage gemeinsamer Alltagserfahrung haben. Ihrer Selbsteinschätzung nach predigten sie lebensnäher, waren teamfähiger, integrierter und sensibler in Leitungspositionen. Als gemeinsames frauenspezifisches Problem hatten sie die Vermittlung von Beruf und Privatleben.

Das kirchliche Frauenbild beschrieben viele von ihnen als verändert. Es sei nicht mehr selbstverständlich von der ehrenamtlichen Sammlerin geprägt. Die älteren Theologinnen wiesen darauf hin, daß in den Gemeinden oft eine traditionelle Arbeitsteilung herrsche, daß Frauen praktische Arbeiten übernähmen und Männer Leitungsfunktionen, obwohl inzwischen viele Frauen in den Kirchenvorständen vertreten seien. Die mittlere Generation wies auf die Widersprüche im kirchlichen Frauenbild hin. Die Kirchenleitung habe eine eher patriarchale Vorstellung vom Geschlechterverhältnis. In offiziellen Stellungnahmen seien viele Ambivalenzen anzutreffen. Das Bemühen der Frauen für die Modernisierung der Kirche werde als nötig angesehen, aber die Norm sei im Zweifelsfall doch der männliche Lebensentwurf. Progressive Äußerungen zum Geschlechterverhältnis in der Kirche würden außerdem oft nicht dem von der Kirche selbst praktizierten Umgang mit Frauenerwerbsarbeit entsprechen.

Das Verhältnis zwischen dem Frauenbild in Gesellschaft und Kirche schätzte etwa ein Drittel der befragten Theologinnen so ein, daß sie sich weitgehend entsprächen. Etwa die Hälfte vertrat die Auffassung, daß das kirchliche Frauenbild rückständiger sei als das gesellschaftliche. In der Kirche fehle der Typ der weiblichen Karreriefrau, dagegen stehe die Ehefrau im Zentrum. Von einer positiven Qualität des kirchlichen Frauenbildes im Verhältnis zum gesellschaftlichen Bild sprachen einige Theologinnen mit Hinweis darauf, daß die Kirche die Frauenfrage aufgenommen habe. Sie biete ihnen eine Schutzraum, um ihre Begabungen zu entdecken und nach einem gerechten Geschlechterverhältnis zu suchen. Auf die Frage nach den Perspektiven für die Frauenexistenz in Kirche und Gesellschaft strebten die meisten Theologinnen eine Transformation in Kirche und Gesellschaft an. Frauen sollten mehr Möglichkeiten zur Partizipation bekommen.

5.1.6. Organisation und Kooperation

Eine Organisierung und Kooperation der bayerischen Theologinnen in Form des Theologinnenkonvents wurde offensichtlich erst aktuell, als eine gewisse Anzahl examinierter bayerischer Theologinnen existierte, die durch die neue politische Situation des Nationalsozialismus vermutlich noch größere Schwierigkeiten hatte, im nichtkirchlichen Bereich, z.B. in städtischen oder staatlichen Schulen, einen adäquaten Arbeitplatz zu finden. Liesel Bruckner regte 1935 die Gründung eines Theologinnenkonvents auf landeskirchlicher Ebene an. Seine Existenz zu nationalsozialistischer Zeit widersprach dem für die ganze Gesellschaft gültigen Rechtsgrundsatz, Berufsverbände in die staatlichen Strukturen einzuordnen.

Der Theologinnenkonvent entsprach in seiner Konzeption hinsichtlich der Teilnehmerinnen und seiner Arbeitsform den schon seit der Kaiserzeit bestehenden Berufsverbänden von Frauen. Sie boten ihnen die Möglichkeit, miteinander über ihr eigenes Berufsverständnis zu beraten, Fortbildung zu organisieren, als kollektive Größe ihrem Arbeitgeber gegenüberzutreten und an die Gesetzgeber Forderungen nach einer Überarbeitung der rechtlichen Grundlagen ihrer Arbeit zu stellen.

So waren im bayerischen Theologinnenkonvent jedenfalls bis zur Integration der Theologinnen ins Pfarrerrecht 1975 vor allem die Theologinnen regelrechte Mitglieder, die im aktiven Dienst der bayerischen Landeskirche standen. Studentinnen, verheirateten und nicht im kirchlichen Dienst stehenden Theologinnen sowie solchen Theologinnen, die in eine andere Landeskirche gewechselt waren, stand die Teilnahme an dem jährlichen Vikarinnenkolleg offen. Eine offizielle Anerkennung des Theologinnenkonvents als berufsständischer Vertretung von seiten des Landeskirchenrates erfolgte mit der Verabschiedung des Vikarinnengesetzes 1944 und endete mit der Integration in das Pfarrergesetz 1975. Allerdings beteiligten sich Vertreterinnen des Theologinnenkonvents auch weiterhin an Ausschüssen, z.B. auf Initiative des Pfarrervereins bei der Personalplanungsdiskussion und bei den Überlegungen für ein Erprobungsgesetz.

In den letzten Jahrzehnten erhielt der Theologinnenkonvent neue Impulse von der Frauenbewegung


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zur Organisierung und Kooperation von Frauen, auch zur Diskussion feministisch-theologischer Fragen. So wurde er inzwischen zu einer berufsständischen Organisation, die eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen erreichen und zum Erfahrungaustausch anregen will. Er dient auch als Diskussionsforum für kirchen- und frauenpolitische Fragen und sucht die Kooperation mit anderen kirchlichen und frauenspezifischen Institutionen und Gruppierungen, wie z.B. mit der landeskirchlichen Frauenarbeit, mit dem AFiK, aber auch mit dem PfarrerInnenverein, mit der Pfarrkommission, mit der Landessynode und und mit dem Landeskirchenrat.

5.1.7. Das Verhältnis zu anderen/fremden Frauen

Die bayerischen Theologinnen bezogen sich in den Konzeptionen ihrer Arbeit durch alle Phasen hindurch auf die positiven Erfahrungen und die Rechtssituation von Theologinnen in anderen Landeskirchen und den Kirchen der Ökumene. Zur Zeit des Nationalsozialismus halfen manche Theologinnen beim Verstecken jüdischer Menschen bzw. bei deren illegaler Ausreise ins sichere Ausland.

Nach 1945 unterhielt der bayerische Theologinnenkonvent eine Art Patenschaft für einige Theologinnen in der DDR. Einige Theologinnen arbeiteten in Flüchtlingslagern mit Frauen, die aus ehemaligen ostdeutschen Gebieten vertrieben worden waren. Einige wenige Theologinnen waren, z.B. im Rahmen des bayerischen Mütterdienstes, permanent mit der Situation von Frauen aus anderen Kontexten beschäftigt. Direkte Kontakte mit ArbeitsmigrantInnen und politischen Flüchtlingen erwähnten einige wenige Theologinnen. Manche berichteten von Problemen mit dem traditionellen Frauenbild in Aussiedlerfamilien. Vorwiegend arbeiteten die Theologinnen jedoch mit einheimischen Frauen, oft ihrer eigenen Bildungs- und Einkommensstufe, teilweise auch mit Bäuerinnen, Arbeiterinnen und Angestellten. Viele Theologinnen äußerten, daß sie durch Lohn, Ausbildung, Sprache, ihre bürgerlichen Werte und Normen eine Sonderstellung in der Gemeinde einnähmen. Diese erleichterte den Kontakt zu mittelständischen Frauen, schuf aber Barrieren zu anderen Frauen. Ziel in der Arbeit mit diesen war der Erfahrungsaustausch, der zur Befreiung tendierende Prozeß der Selbstbewußtwerdung und der Wahrnehmung von Widersprüchen zwischen Ideologie und Praxis sowie die Solidarisierung mit anderen Frauen. Diesen Aspekt hoben sie auch bei den Weltgebetstagen hervor und bei der Ökumenischen Dekade der Solidarität der Kirche mit den Frauen sowie hinsichtlich der Einladungen an Theologinnen anderer Kirchen zum Konvent. Die bayerischen Theologinnen arbeiteten mit Frauen unterschiedlicher Altersstufen. Dies reichte von der Arbeit in Mutter-und-Kind-Gruppen über die Arbeit mit Hausfrauen und berufstätigen Frauen aus der mittleren Generation bis hin zu Frauen im Seniorenalter.

5.1.8. Explizite Äußerungen zum Verhältnis zwischen Theologinnenarbeit und der sozioökonomischen Situation von Frauen in der Gesellschaft

Bis in die 60er Jahre dominierte in den Stellungnahmen des bayerischen Theologinnenkonvents zur Entwicklung der Theologinnenarbeit die Auffassung, daß die gesellschaftliche Entwicklung der Frauenemanzipation und der Frauenerwerbsarbeit als Maßstab für die Gestaltung der Theologinnenarbeit abzulehnen sei. Der damals neu gewählte bayerische Landesbischof Hanselmann vertrat diese Auffassung noch in der Begründung der Entscheidung für die Frauenordination 1975. Diese Position war teilweise auch mit einer Ablehnung der patriarchalen, männlich dominierten und die männliche Würde als Norm voraussetzenden Tradition verbunden. Daraus resultierte die Forderung nach theologisch-ekklesiologischen Kriterien für die Beurteilung der Theologinnenarbeit. So sollte nach der Erbauung der Gemeinde, den Notwendigkeiten der kirchlichen Lage sowie der Übereinstimmung von Schrift und Bekenntnis gefragt werden. Diese Haltung vertraten auch manche SynodalInnen in den 60er Jahren.

Davon zu unterscheiden war die Ablehnung der gesellschaftlichen Entwicklung als theologisch inakzeptablem Zustand, der dem Evangelium widerspreche. Die Auseinandersetzung mit ihm lehnten sie als Schwärmerei und Säkularisierungstendenzen ab. Damit wollten sie sich auch gegenüber der Situation von Frauen in der DDR abgrenzen. Die Tradition der patriarchalen Lebensform versuchten sie biblisch zu untermauern.

Ab Mitte der 60er Jahre mehrten sich in den Beiträgen der SynodalInnen und auch in den Stellungnahmen des Theologinnenkonvents die Stimmen, die für eine positive Rezeption des Wandels des gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisses von einem patriarchalen, paternalistischen Modell zu einer partnerschaftlichen Umgangsform eintraten und letzteres mit Verweis auf Jesus und die urchristliche Gemeinde für evangeliumsgemäß erklärten. Theologinnen sollten z.B. hinsichtlich der Bezahlung nicht schlechter als andere Akademikerinnen gestellt werden. Sie sollten wie andere Mütter und Ehepaare das Problem der Doppelbelastung durch Familie und Beruf selbst lösen. Die staatlichen


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Mutterschutzbestimmungen und die geschlechtsspezifisch frühere Ruhestandsregelung übernahm die Kirche für die Gestaltung der Theologinnenarbeit. In der Partizipation der Theologinnen an der gesellschaftlichen Lebenssituation von Frauen sahen die Theologinnen und Synodalinnen und seit der Einführung der Frauenordination 1975 auch der Landeskirchenrat eine Chance, daß die Theologinnen als "Salz der Erde" im Sinne eines beispielgebenden Verhaltens für andere berufstätige Ehefrauen wirken könnten. Dazu sollte die Kirche durch das Angebot besonderer Schutz- und Hilfsmaßnahmen in größerem Ausmaß beitragen statt sich weiterhin restriktiv gegenüber der gesellschaftlichen Entwicklung zu verhalten.

Ab Ende der 70er Jahre war der Diskurs der Theologinnen, der Synodalinnen und des Landeskirchenrates mehrheitlich von der Anerkennung der gesellschaftlichen Trends zur veränderten innerfamiliären Arbeitsteilung im Sinne einer Übernahme familiärer und beruflicher Aufgaben durch beide Elternteile geprägt. Der Gleichberechtigungsgrundsatz des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland galt - im Unterschied zu den 50er Jahren - als maßgeblicher Grundsatz auch für die kirchliche Gesetzgebung. Die Theologinnen erwarteten von der bayerischen Kirchenleitung exemplarische Äußerungen und Regelungen zum Thema Lebensform, § 218 und Erziehungsurlaub, nicht zuletzt auch aufgrund der kirchlichen Stellungnahmen für eine kinder- und familiengerechte Gesellschaftsentwicklung. In den Argumentationsmustern und Regelungen hinsichtlich der Übernahme staatlicher Regelungen für die Gestaltung der Theologinnenarbeit zeigten der bayerische Landeskirchenrat und auch die Mehrheit der SynodalInnen jedoch wieder eher restriktive Tendenzen im Vergleich zum gesellschaftlichen Kontext. Sie übernahmen konservative Argumentationen. So sollte als Norm für die Gestaltung der Regelungen für junge TheologInnenehepaare die Orientierung an der Situation alter Pfarrfamilien gelten. Dies prägte das neue Erprobungsgesetz, z.B. den Maßstab für das Höchstmaß an Versorgungsleistungen. Der Landeskirchenrat sah in der Emanzipation der Frau den Grund dafür, daß nicht mehr ausreichend Arbeitsplätze für alle zur Verfügung standen. Die Gewährung des Erziehungsurlaubs blieb der flexiblen Handhabung des Landeskirchenrates überlassen.

5.2. Der Einfluß der kirchlich-institutionellen Struktur auf die Entwicklung der Theologinnenarbeit

5.2.1. Die Partizipation kirchlich-institutioneller Organe

In der Weimarer Republik fand lediglich auf der Verwaltungsebene des Landeskirchenrates eine Auseinandersetzung mit der Theologinnenarbeit statt. Sie zielte auf die Ablehnung eines kirchlichen Berufsbildes für Theologinnen und verwies theologisch interessierte junge Frauen auf den Diakonissenberuf. Die in der 1921 eingeführten Kirchenverfassung vorgesehene Beteiligung synodaler Organe hielt der Landeskirchenrat offensichtlich nicht für angemessen.

Während des Nationalsozialismus lag der Umgang mit der Theologinnenarbeit vor allem in den Händen von Landesbischof Meiser, dem durch das kirchliche Ermächtigungsgesetz nahezu uneingeschränkte Entscheidungskompetenz zustand. Auf seine Initiative erfolgte in den Jahren 1935 bis 1938 die Einschränkung der Zulassung von Theologinnen zu kirchlichen Prüfungen. 1938 reagierte er ablehnend auf die Denkschrift der Theologinnen mit dem Verweis auf "allgemein-kirchliche" Bedenken. Als zuständigen Referenten für die Theologinnen nannte er auf Drängen der Theologinnen 1938 den Referenten für nichtständige Geistliche, mit dem erst 1943 ein erster Kontakt zustande kam. Das bayerische Vikarinnengesetz von 1944 ging auf einen Entwurf Meisers aus dem Jahre 1940 zurück. Er wurde 1943 in einer geistlichen Sitzung des Landeskirchenrates behandelt. Der Landessynodalausschuß, der seit 1940 die Landessynode als Gesetzgebungsorgan vertrat, stimmte trotz Einwänden dem Gesetz zu.

Die Dominanz des bayerischen Landesbischofs bei der Gestaltung der Theologinnenarbeit setzte sich bis 1960 fort und ging somit von Meiser auf Dietzfelbinger über. Durch mehrmaligen Referentenwechsel im Ausbildungsreferat kam das Vikarinnengesetz erst 1946 zur Anwendung. Einige Verbesserungen und Klärungen der Arbeitsbedingungen nahm der Ausbildungsreferent auf Drängen des Theologinnenkonvents in den 50er Jahren vor. Landesbischof und Landeskirchenrat wünschten keine grundlegende Neukonzeption der Theologinnenarbeit in Bayern. Dies zeigte auch die Novellierung des Vikarinnengesetzes im Jahre 1954.

Zu einem Wechsel des Einflusses der kirchenleitenden Organe vom Landesbischof und teilweise dem Landeskirchenrat hin zur Landessynode kam es in den 60er Jahren bis zur Verabschiedung der Frauenordination 1975. So stellten 1961, als Landesbischof Dietzfelbinger zum ersten Mal das Thema in die Landessynode einbrachte, sofort vier SynodalInnen einen Antrag auf Weiterbehandlung. Mehrere synodale und gemischte Ausschüsse behandelten die Theologinnenfrage unter


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Berücksichtigung der theologischen, gesellschaftlichen und ökumenischen Aspekte. Ausbildungsreferent, Landesbischof und auch Vertreterinnen des Theologinnenkonventes wurden beteiligt. Als Abschluß der ersten Phase der Ausschußarbeit stellte die Landessynode fünf Grundsätze auf, die für die Weiterentwicklung der gesetzlichen Regelungen der Theologinnenarbeit maßgeblich sein sollten. Auf die Erfüllung dieser Vorgaben drängten die Landessynode und vor allem der mit der Entwicklung der Theologinnenarbeit befaßte synodale Ausschuß insbesondere, als in den Jahren 1966 bis 1970 Referenten aus dem Landeskirchenamt wiederholt Entwürfe für ein neues Theologinnengesetz vorlegten, die diesen Vorgaben nicht entsprachen, vor allem was die Sakramentsverwaltung anbelangte. Um sich mit dieser Taktik nicht abzufinden, gründete sich 1969 ein neuer gemischter Ausschuß mit dem Namen "Amt und Ordination".

Als sich der mit Landeskirchenrat und Landesbischof gefundene Kompromiß "eingeschränkte Sakramentsverwaltung im Dienstbereich nach Genehmigung im Einzelfall", so das Theologinnengesetz von 1970, durch die Verweigerungshaltung des Landeskirchenamtes nicht bewährte, war ein großer Teil der SynodalInnen zu einer Neubehandlung der Frage mit Zielrichtung Frauenordination und Integration der Theologinnen ins Pfarrerdienstrecht bereit. Die Landessynode setzte diese Auffassung auch gegen den Willen des Landesbischofs durch, der vorzeitig in Ruhestand ging. Ihm waren bei der Novellierung der Kirchenverfassung 1971 spezielle bischöfliche Rechte eingeräumt worden. Er zögerte jedoch, die Synode aufzulösen. Der neue Landesbischof erklärte vor seiner Wahl, daß er die Frauenordination aus theologischen Gründen befürworte.

In der Phase seit der Einführung der Frauenordination 1975 übernahm der Landeskirchenrat, vor allem der Ausbildungs- und der Personalreferent, von neuem die Initiative zu einer Regelung der Theologinnenarbeit im Zuge einer Erneuerung der pastoralen Arbeitsstruktur. Es wurde eine Personalplanungsgruppe unter Beteiligung verschiedener Berufsgruppen einberufen. Lediglich die erste sehr vage Vorlage des Landeskirchenrates für ein Erprobungsgesetz akzeptierte die Landessynode nicht. Alle folgenden Vorlagen des Landeskirchenrates für eine Überarbeitung des Erprobungsgesetzes, für die Anwendung des staatlichen Erziehungsurlaubs sowie die zeitliche Begrenzung des Vetoparagraphen verabschiedete die Landessynode in einer höchstens gering modifizierten Form, wenn auch teilweise nach längerer Diskussion. Der Landeskirchenrat setzte z.B. mit dem 100%-Grundsatzbeschluß 1984 Maßstäbe, die später die Synode übernahm.

Einzelne Dekanate und Gemeinden beteiligten sich seit den 60er Jahren durch Eingaben an die Landessynode an der Diskussion. Sie plädierten mehrheitlich für eine Verbesserung des Theologinnenstatus, indem sie z.B. das Vorpraktikum und der Lohndifferenz für Theologinnen in Frage stellten.

Insgesamt ist festzustellen, daß bis 1960 vor allem der bayerische Landesbischof, von 1960 bis 1975 die bayerische Landessynode und ab 1975 der bayerische Landeskirchenrat die jeweils entscheidenden Impulse von seiten der kirchlich-institutionellen Organe für die Entwicklung der Theologinnenarbeit gaben.

Erstaunlicherweise bezeichneten die meisten älteren Theologinnen trotz dieser jahrzehntelangen Auseinandersetzungen ihr Verhältnis zum bayerischen Landeskirchenrat prinzipiell als gut. Die junge und mittlere Generation wies teilweise auf sehr unterschiedliche Erfahrungen hin. Dies hing von der konkreten kirchenleitenden Person und der zu ihr bestehenden Beziehung ab. Einige berichteten, daß sie kaum Kontakt zur Kirchenleitung hatten. Andere berichteten von Konflikten, z.B. aufgrund der 100%-Regelung, der Nichtberücksichtigung von Wünschen und Begabungen bei der Stellenzuweisung und der Erfahrungen eines patriarchalen, paternalistischen und herrschaftlichen Machtapparates.

5.2.2. Die Einmischung kirchlicher Gruppierungen, Institutionen und Einzelpersonen

In der Zeit der Weimarer Republik stellten einzelne Männer, die als Lehrer, Pfarrer, Väter oder Universitätsprofessoren mit theologisch interessierten Frauen Kontakt hatten, Anfragen an den Landeskirchenrat nach den Perspektiven eines kirchlichen Berufsbildes für Theologinnen. Während der nationalsozialistischen Herrschaft unterstützten Arbeitszweige, die durch die Umstrukturierung kirchlicher Arbeit entstanden, wie z.B. das Landesjugendpfarramt und der bayerische Mütterdienst, sowie einzelne Dekane und Pfarrer die weitere Entwicklung der Theologinnenarbeit. Sie boten Arbeitsmöglichkeiten an. Der Münchner Kreisdekan fragte 1940 den bayerischen Landesbischof nach seinen Überlegungen für die Gestaltung der Theologinnenarbeit und erhielt eine konkrete Antwort. Der bayerische Theologinnenkonvent brachte seine Vorstellungen auf Anregung des Theologieprofessors Wolfgang Trillhaas in einer Denkschrift 1938 zur Sprache. In den Nachkriegsjahren bis 1960 engagierte sich vor allem der bayerische Theologinnenkonvent für eine Verbesserung der Theologinnenarbeit in kleinen Schritten. Ein Kreisdekan gestattete den Theologinnen die Teilnahme an


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Pfarrkonferenzen .

Den größten Umfang erreichte die Beteiligung kirchlicher Gruppierungen und Institutionen Ende der 60er Jahre, als gleichzeitig im gesellschaftlichen und kirchlichen Bereich eine "außerparlamentarische" Einflußnahme propagiert und praktiziert wurde. So brachten sowohl die Gegner der Theologinnenarbeit (Gruppe um Dekan Reissinger; Theologischer Ausschuß der Gesellschaft für Innere und Äußere Mission im Sinne der lutherischen Kirche; das Pfarramt Holzkirchen; die Kommunität Casteller Ring; die Evang.-Luth. Gebetsbruderschaft) als auch die BefürworterInnen (Arbeitskreis Evangelische Erneuerung; Evang. Akademikerschaft; evangelische Fakultäten an den Universitäten Erlangen/Nürnberg und München) in Stellungnahmen, Unterschriftensammlungen und Eingaben an die Synode ihre jeweilige Position zum Ausdruck. Die Gruppe KRIBS (Kritische Begleitung der Synode) mischte sich durch Kommentare der synodalen Diskussion auf Flugblättern in die synodale Diskussion ein. Die Landessynode versuchte, durch Gespräche mit den Gegnern zu einer für alle akzeptablen Entscheidung zu kommen, die gleichzeitig eindeutig der Entwicklung der Theologinnenarbeit förderlich war.

In der Phase vor der Entscheidung für die Frauenordinaton 1975 brachten die BefürworterInnen und Gegner ihre Positionen in die Synode vor allem durch die synodalen Arbeitsgruppen ein. Sie stellten auf Flugblättern wechselseitig die eigenen Argumente unter Bezug auf die Argumente der Gegenseite dar. Der Theologinnenkonvent arbeitete in dieser Phase eng mit dem AEE zusammen, z.B. bei der Erstellung des "Theologinnenreports.“ Auch der Evangelische Presseverband Bayern beteiligte sich daran. Gegen den synodalen Entscheid für die Frauenordination legte die Gruppe um Dekan Reissinger Rechtsverwahrung ein, da ihrer Meinung nach diese Entscheidung einen Eingriff in das Bekenntnis der ELKiB darstellte, der der Synode laut Verfassung nicht zustand.

In der Phase nach 1975 unterstützten vor allem berufsständische Verbände wie der Pfarrerverein, die Pfarrerkommission, der Landeskonvent bayerischer Theologiestudierender (LabeT), die Vereinigung der bayerischen VikarInnen (VbV), der Verband bayerischer PfarrerInnen z.A. (VBB) sowie das Pfarrfrauenteam die Intentionen des Theologinnenkonvents nach einer Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen und einer Neugestaltung der pastoralen Arbeitsbedingungen. Die Gegner der Frauenordination, insbesondere der Theologische Ausschuß der Gesellschaft für Innere und Äußere Mission im Sinne der lutherischen Kirche und die Evang.-Luth. Gebetsbruderschaft, brachten in die Diskussion um die Aufhebung des Vetoparagraphen erneut ihre Einwände gegen die Frauenordination ein. Manche der Gruppen aus diesem Spektrum lehnten auch die Wahl einer Theologin zur Dekanin ab.

Insgesamt ist festzustellen, daß der Theologinnenkonvent seit seiner Gründung in allen Phasen die Themen für die weitere Berufsentwicklung benannte und in kollektiven Stellungnahmen theologisch reflektierte. In der Zeit bis 1945 unterstützten vor allem Einzelpersonen und einige kirchliche Institutionen die Theologinnenarbeit. Nach 1945 haben einige Dekane den Theologinnen Arbeitsmöglichkeiten angeboten und einige diskriminierende Regelungen auf ihre Notwendigkeit befragt. Ende der 60er Jahre mischten sich verschiedene kirchenpolitische Gruppierungen in einen intensiven Prozeß der Auseinandersetzung ein, der bis zur Androhung der Kirchenspaltung führte und einige Gegner der Sakramentsverwaltung von Frauen zum Wechsel in die katholische Kirche bewegte. In der letzten Phase kooperierte der Theologinnenkonvent vor allem mit berufsständischen kirchlichen Gruppen sowie kirchlichen Frauenorganisationen.

Hinsichtlich der Akzeptanz ihrer Arbeit an der kirchlichen Basis berichteten die Theologinnen von guten und von schlechten Erfahrungen mit den Gemeinden und mit ihren Kollegen. Vor allem die älteren Kolleginnen fühlten sich von den Gemeinden sowie von den Kollegen gut akzeptiert. Die Theologinnen der jungen und mittleren Generation berichteten etwa je zur Hälfte von guten und schlechten Erfahrungen. Dies hing zum einen vom Kontext ab. Über eine gute gemeindliche Akzeptanz berichteten vor allem die Theologinnen, die in Dörfern, in emanzipierten städtischen Gemeinden sowie in Neubaugemeinden arbeiteten. In anderen Fällen erwiesen sich eine traditionelle Prägung der Frömmigkeit, z.B. bei Aussiedlerfamilien, oder die Fixierung der MitarbeiterInnen auf einen männlichen Vorgesetzten und die Rollenteilung bei Ehepaaren als problematisch. Zu Konflikten mit den Kollegen kam es nach der Erfahrung der Theologinnen vor allem dann, wenn diese hochkirchlich geprägt waren oder an der traditionellen Pfarrfamilie als einzig möglichem christlichem Familienideal festhielten und somit mit der abweichenden Arbeitsteilung bei TheologInnenehepaaren Schwierigkeiten hatten.

5.2.3. Das Verhältnis zu gesamtkirchlichen und ökumenischen Zusammenschlüssen

Der bayerische Landeskirchenrat antwortete Ende der 20er Jahre auf eine Anfrage der DEK, daß er bisher weder Theologinnen ordiniert habe noch deren Ordination oder die Übertragung der


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Sakramentsverwaltung in Erwägung gezogen habe. In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft verstand sich der bayerische Theologinnenverband nicht als Teil der Bekennenden Kirche oder des Burckhardthauses, sondern vor allem als Landesgruppe, die im Kontakt mit dem deutschen Gesamtverband stand. In Theologinnentreffen auf gesamt- und süddeutscher Ebene erfuhren die bayerischen Theologinnen von den Arbeitsmöglichkeiten für Theologinnen in anderen Landeskirchen. Einzelne bayerische Theologinnen gingen in dieser Zeit wie auch schon früher und dann in den 60er Jahren in andere Landeskirchen, weil sie dort bessere Arbeitsmöglichkeiten sahen. Ihre Ausbildung organisierten sie oft selbst in Form von Burckhardthauskursen.

Der bayerische Landeskirchenrat, der als Verwaltung einer intakten Kirche mit der BK, der DEK und dem Lutherrat eine kirchenrechtliche Verbindung hatte, erkundigte sich 1943 bei der Erstellung eines Entwurfs für ein Vikarinnengesetz bei den anderen lutherischen Landeskirchen. In der Grundform geht das bayerische Vikarinnengesetz von 1944 auf das APU-Gesetz von 1927 und das Hannoversche Gesetz zurück, was die Aufteilung in erlaubte und nicht gestattete Arbeitsgebiete sowie die weitgehende Beschränkung auf einen weiblichen Adressatinnenkreis anbelangte. Gleichzeitig setzte er durch zusätzliche Vorbedingungen auch eigene Akzente. Die Anfrage der BK hinsichtlich der Teilnahmebeschränkungen an den kirchlichen Examina beantwortete er negativ - und dies blieb der einzige offizielle Kontakt der bayerischen Landeskirche mit der BK zur Theologinnenfrage. Die Erwartung der DEK, daß die Theologinnen nicht nur Hilfstätigkeiten übernehmen könnten, sondern in der Kriegszeit auch ausnahmsweise die öffentliche Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung, berücksichtigte die endgültige Formulierung des Vikarinnengesetzes nicht. Lediglich der Theologinnenkonvent in seiner Denkschrift und das LSA-Mitglied Lauerer brachten das weitere Tätigkeitsspektrum von Vikarinnen in anderen evangelischen Kirchen zum Ausdruck.

In ähnlicher Weise ignorierte der Landeskirchenrat in den 50er Jahren alle von seiten der VELKD und EKD ergehenden Anregungen zu einer Verbesserung der Bedingungen für die Theologinnenarbeit. Trotz der bei der VELKD-Gründung feierlich bekundeten Absicht, sich um gemeinsame theologische Stellungnahmen und Angleichung der Gesetzgebung zu bemühen, suchte der Landeskirchenrat die in anderen Kirchen gegangenen Wege bis hin zur Sakramentsverwaltung zu verhindern und dies auch auf VELKD-Ebene bei der Erarbeitung von Richtlinien 1956 durchzusetzen. Er hatte damit jedoch keinen Erfolg.

Die bayerischen Theologinnen kooperierten in jenen Jahren eng mit dem deutschen Gesamtverband und setzten ihre Hoffnung darauf, daß durch die VELKD-Angleichung auch in Bayern Verbesserungen kämen. 1965 erhielten sie durch die Tagung des deutschen Theologinnenkonvents in Rummelsberg Unterstützung.

Der bayerische Landesbischof Dietzfelbinger stellte hingegen angesichts der Tendenzen in Hannover und anderen VELKD-Kirchen hin zur Frauenordination die Existenz der VELKD in Frage. Eine Verabschiedung neuer gemeinsamer VELKD-Richtlinien Anfang der 60er Jahre scheiterte nicht zuletzt auch am Einspruch Bayerns, daß völlig offene und alle Formen der Theologinnenarbeit ermöglichende VELKD-Richtlinien sinnlos seien. Die bayerischen Theologinnen wiesen in ihren Stellungnahmen umgekehrt auf die Entwicklung zur Sakramentsverwaltung und Ordination von Frauen in anderen Landeskirchen, in den Kirchen Europas und der Ökumene hin. Auch der Schlußbericht des ersten synodalen Ausschusses, der sich mit der Theologinnenordination befaßte, stellte 1965 fest, daß sich fast alle Kirchen in fast allen Ländern mit der Frage der Frauenordination beschäftigten. Auch in der katholischen Kirche stände solch eine Entwicklung an, wie ein Schreiben eines katholischen Theologieprofessors deutlich machte. Die Gegner der Frauenordination wiesen dagegen darauf hin, daß 1970 nach einer Umfrage des ÖRK erst etwa ein Drittel seiner Mitgliedskirchen Frauen ordinierten. Der Stillstand der Entwicklung der Theologinnenfrage in den 60er Jahren und die Entscheidung für die Frauenordination 1975 führten dazu, daß zuerst Theologinnen und dann einige Pfarrer die bayerische Landeskirche verließen. Von letzteren konvertierten manche sogar zur katholischen Kirche und zogen mit ihren Familien in katholische Pfarrhäuser ein.

Die VELKD begrüßte 1975 die Entscheidung für die Frauenordination in Bayern als Möglichkeit für eine gemeinsame Rechtsentwicklung und übernahm das bayerische Vorgehen, nur noch die Aspekte zu regeln, die geschlechtsspezifisch waren. Der bayerische Landeskirchenrat bestand dabei auf gliedkirchlichen Spielräumen und nutzte diese in der Regel auch. Dies galt sowohl bei der Übernahme staatlicher Mutterschutzbestimmungen als auch bei der Gewährung des Erziehungsurlaubs. Die Streichung des Vetoparagraphen, die das lutherische Kirchenamt empfohlen hatte, führte er nicht durch. Die Ökumene und die EKD spielten in dieser Zeit keine erkennbare Rolle bei der Gestaltung der Theologinnenarbeit in Bayern.

Die Gegner der Frauenordination wiesen auch bei der Diskussion um die Aufhebung des


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Vetoparagraphen darauf hin, daß die Frauenordination noch immer in der Ökumene umstritten sei. Sie empfahlen als Modell das ostkirchliche Diakonissenamt, zu dem ordiniert werden könne. Ein katholischer Theologe beteiligte sich an dieser Diskussion mit einem Beitrag, in dem er das Kriterium einer größtmöglichen biologischen Identität mit den Jüngern ablehnte. Einzelne katholische Theologen mißbrauchten den Vetoparagraphen dagegen als Argument gegen ökumenische Trauungen.

Insgesamt ist hinsichtlich der Einmischung der gesamtkirchlichen und der ökumenischen Zusammenschlüsse auf die Entwicklung der Theologinnenarbeit in Bayern festzustellen, daß solche Einflüsse für die Entwicklung der Konzeptionen des Theologinnenkonvents und auch der BefürworterInnen in der bayerischen Landessynode wichtig waren. Der bayerische Landeskirchenrat wies eine direkte Einflußnahme oder Orientierung an anderen Landeskirchen, der VELKD, der EKD oder der Ökumene zurück. Er versuchte umgekeht, Einfluß auf die Richtlinien der VELKD zur Theologinnenarbeit zu nehmen. Als er damit keinen Erfolg hatte, lehnte er das Bemühen um einen gemeinsamen Weg ab bis dahin, daß er die Weiterexistenz der VELKD in Frage stellte. Auch nach der Entscheidung für die Frauenordination suchte Bayern einen Spielraum für gliedkirchliche Regelungen. Meistens, so z.B. beim Erziehungsurlaub und dem Vetoparagraphen, waren die bayerischen Regelungen restriktiver als die VELKD-Empfehlungen und Richtlinen. Landesbischof Dietzfelbinger betonte die Rolle der lutherischen Kirche als Vermittlerin zur katholischen Kirche, offensichtlich ohne daß er einen Dialog mit der katholischen Kirche und mit den dort vorhandenen unterschiedlichen Meinungen führte. Auch dem Hinweis von Gegner der Frauenordination auf ostkirchliche Traditionen des ordinierten Diakonissenamtes scheint kein intensiver Dialog mit VertreterInnen der orthodoxen Kirchen über die Frauenordination gefolgt zu sein. In den ab Mitte der 80er Jahre geförderten Begegnungen mit den Partnerkirchen in der Ökumene scheint die bayerische Kirche die Theologinnenarbeit offiziell nicht thematisiert zu haben.

Die Theologinnen selbst zeigten seit ihrem ersten Treffen Interesse an der Theologinnenarbeit in anderen Landeskirchen und außerhalb Deutschlands. Durch ihr Engagement in der Jugend- und Frauenarbeit hatten sie intensive ökumenische Kontakte. Zu ihren Konventstreffen luden sie auch katholische Theologinnen und Theologinnen aus anderen Ländern ein. Auch mit Theologinnen aus der DDR hielten sie Kontakt. So lud der bayerische Theologinnenkonvent z.B. zum 10jährigen Jubiläum der Frauenordination 1985 eine mecklenburgische Theologin ein und befürwortete eine Intensivierung der Kontakte. Mit katholischen und jüdischen Referentinnen erweiterten die bayerischen Theologinnen Ende der 80er Jahre auch weiterhin ihren ökumenischen Horizont.

In der Reflexion ihrer subjektiven Erfahrungen wiesen sie darauf hin, daß das Gelingen der Ökumene vor Ort sehr stark von dem Engagement des konkreten katholischen Gegenübers abhing. In Diasporasituationen war es einfacher als wenn beide Konfessionen etwa gleich stark waren. Auch in Neubaugebieten gab es oft eine erfreulich selbstverständliche ökumenische Kooperation. Probleme gab es teilweise bei ökumenischen Trauungen hinsichtlich der Partizipation evangelischer Theologinnen. Die Theologinnen der älteren und mittleren Generation arbeiteten in vielfacher Form in ökumenischen Zusammmenhängen mit. Manche der jungen Theologinnen hatten einige Zeit in einem anderen Kontext ökumenische Erfahrungen gesammelt. Geschlechtsspezifische ökumenische Erfahrungen hatten viele von ihnen durch die Weltgebetstagsarbeit, die die Mehrzahl aufgrund der guten Beteiligungsmöglichkeiten und der Tradition begrüßte. Manche äußerten allerdings auch Anfragen an die liturgischen Ordnungen. Von der Ökumenischen Dekade der Kirchen in Solidarität mit den Frauen hatten viele der befragten Theologinnen Kenntnis und berichteten, daß sie sich an konkreten Projekten beteiligten. Andere stellten die Dekade in Frage. Sie wiesen auf die Ähnlichkeit zum konziliaren Prozeß hin und kritisierten, daß viele der Ziele nicht frauenspezifisch seien.

5.2.4. Der Einfluß des staatskirchenrechtlichen Verhältnisses

Entscheidende Entwicklungen im Verhältnis von Staat und Kirche bis hin zur staatskirchenrechtlichen Situation, die den Rahmen für die ersten Entscheidungen über die Theologinnenarbeit bildete, fanden im 19. Jahrhundert bis Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts statt. In diesem Zeitraum verselbständigte sich die evangelische Kirche gegenüber dem Staat und bildete eigene innerkirchliche Entscheidungsstrukturen, wie z.B. Synode mit dem Landessynodalausschuß, das Amt des Kirchenpräsidenten bzw. später des Bischofs. Dies bedeutete, daß die Kirche ohne einen Eingriff staatlicher Organe über die Theologinnenarbeit entschied. Teilweise lehnte die Kirche eine Orientierung am staatlichen Recht explizit ab, z.B. hinsichtlich der grundsätzlichen Gleichstellung der Geschlechter in der WRV und im Grundgesetz. Teilweise übernahm sie dessen Regelungen. So zog sie die beamtenrechtlichen Regelungen als Grundlage für die Bestimmungen des Pfarrberufs heran.

Zur Zeit der Weimarer Republik wirkten sich die den Kirchen in der Weimarer Reichsverfassung eingeräumte Selbständigkeit als Körperschaft öffentlichen Rechts und ihre Partizipationsmöglichkeiten


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im gesellschaftlichen Bereich positiv für die Theologinnen aus. Sie eröffneten ihnen durch die Einführung des Religionsunterrichts auch an Mädchenschulen erste, wenn auch begrenzte Arbeitsmöglichkeiten im pädagogischen Bereich.

Während der nationalsozialistischen Herrschaft war die weitreichende Vollmacht des bayerischen Landesbischofs, die diesem die Synode unter Hinweis auf die staatliche Situation und die dortige Führungsstruktur eingeräumt hatte, auch für die Gestaltung der rechtlichen Grundlagen der Theologinnenarbeit maßgeblich. Die Initiative ergriff nicht die Synode als Legislative, sondern der Landesbischof als "Kirchenführer". Der Landessynodalausschuß als Vertreter der Synode bis 1945 stimmte unter Bedenken dem Konzept von Landesbischof Meiser zu. Die staatlichen Bestimmungen hinsichtlich der Auflösung von freien Verbänden und der Beschränkung kirchlicher Aktivitäten auf religiöse Inhalte und Ausdrucksformen boten den Theologinnen im neugegründeten Landesjugendpfarramt neue qualifizierte Arbeitsmöglichkeiten entsprechend ihrem Berufsschwerpunkt "Wortverkündigung". Andererseits schränkten die staatlichen Bestimmungen auch ihre freie Wahl der Arbeitsmöglichkeiten, z.B. im Freizeit- und Ferienbereich, ein. Durch das Verbot des Religionsunterrichtes an Schulen gab es keine neuen Stellen mehr für Theologinnen in diesem Bereich.

Nach 1945 bekam die bayerische Landeskirche wie andere Kirchen in Deutschland aufgrund ihres Engagements zur Zeit des Nationalsozialismus die gleiche staatskirchenrechtliche Grundlage wie in der Weimarer Republik. In der Öffentlichkeit konnte sie noch mehr Raum eigenständig gestalten. Sie nutzte diesen auch, um die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung der Geschlechter, die im staatlichen Bereich in der Nachkriegszeit jahrzehntelang Schritt für Schritt Rechtswirklichkeit wurde, zunächst als nicht verbindlich für innerkirchliche Regelungen anzusehen, sei es hinsichtlich der Wahlmöglichkeiten von Frauen als Synodalinnen oder sei es hinsichtlich der uneingeschränkten Zulassung von Frauen zum geistlichen Amt. Auch die Forderung nach einer Gleichstellung in der Besoldung unter Hinweis auf das Grundgesetz lehnte der Landeskirchenrat ab, ohne daß der Staat widersprach. Die Erweiterung spezifischer sozialdiakonischer Arbeitsbereiche in der Nachkriegszeit führte auch zur Ausdehnung der allgemein-kirchlichen Pfarrstellen, in denen wiederum überproportional viele Theologinnen tätig waren. Die in der Zeit des Nationalsozialismus auf Initiative Meisers erfolgte Umwandlung des Kirchenpräsidenten als juristischem Leiter des Landeskirchenamtes in die geistliche Führungsposition des Landesbischofs mit weitreichenden Befugnissen wurde auch nach 1945 beibehalten und 1971 bei der Verabschiedung einer neuen Kirchenverfassung sogar noch verstärkt. In dieser Zeit nahmen auch die anderen innerkirchlichen Leitungsorgane, wie Landessynode und Landessynodalausschuß, verstärkt ihr Recht zu Diskussion und Gesetzgebung für den innerkirchlichen Bereich wahr. Der Landeskirchenrat trat - im Widerspruch zu seiner Ablehnung des Gleichberechtigungsgrundsatzes des Grundgesetzes - durchgängig für eine enge Anlehnung an das staatliche Beamtenrecht und seine Einzelheiten ein, z.B. hinsichtlich Beurlaubung, Teildienst und Alimentation der PfarrerInnen. Die kirchenspezifischen Regelungen schränkten in einzelnen Punkten staatliches Recht eher ein, als es im Sinne christlicher Freiheit und Gleichbegnadung der Geschlechter zu erweitern. Dies machte z.B. die Diskussion um den Vetoparagraphen und die Gewährung des Erziehungsurlaubs für Theologinnen in den 80er Jahren deutlich. Für den 100% -Beschluß gab es im staatlichen Bereich keine Entsprechung.

5.2.5. Die Transformation der kirchlichen Arbeitsfelder

Im 19. Jahrhundert erfolgte durch die Gründung diakonischer und missionarischer Institutionen eine Differenzierung kirchlicher Arbeitsformen, um die parochiale Arbeit des Pfarramtes zu ergänzen sowie die Volksfrömmigkeit und das gesellschaftliche Engagement der Kirche zu fördern. Mit diesem Prozeß begründeten auch die Theologinnen die Notwendigkeit ihrer Mitarbeit als akademisch gebildete Frauen in bestimmten Bereichen kirchlicher Arbeit, insbesondere mit weiblichen Adressatinnen. Hinzu kam auf kirchgemeindlicher Ebene eine Verstärkung des gemeinschaftlichen Aspektes und der Arbeit in Kreisen, z.B. auch Bibelstunden, und der Seelsorgearbeit durch Hausbesuche und Begleitung von Familien. Auch der Ausbau evangelischer Schulen für Mädchen verschuf den Theologinnen neue Arbeitsmöglichkeiten, die sie wahrnehmen wollten.

Zur Zeit des Nationalsozialismus beteiligten sie sich an der Neustrukturierung der christlichen Jugendarbeit von der Verbands- zur kirchengemeindlichen Ebene. Sie leisteten in diesem konfliktbeladenen Bereich eine engagierte Arbeit, deren Wirkung über die Jugendarbeit hinausreichte, z.B. durch die Verbreitung von Nachrichten aus der Bekennenden Kirche.

Nach 1945 arbeiteten die Theologinnen bei vielen neuen kirchlichen Aufgaben mit, sei es bei der Eingliederung der Flüchtlinge durch Seelsorge und Verkündigung in Flüchtlingslagern und in neu geschaffenen Diasporagemeinden, sei es durch die Einführung neuer Bibelarbeits- und


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Gottesdienstformen oder durch die Mitarbeit in neu geschaffenen Bildungseinrichtungen. Sie wollten eine Art "Brückenfunktion“ wahrnehmen, um die Gemeinde dabei zu unterstützen, die gesellschaftlichen Umbrüche zu verarbeiten. Sie verglichen die zurückhaltende Reaktion der Kirchenleitung auf die Theologinnenarbeit in der Gegenwart mit deren erster Reaktion auf die Arbeit der Diakonissen. Besonderes Engagement zeigten sie bei der Pionierarbeit in Stadtrandsiedlungen und in neuen Gemeindezentren in Trabantenstädten. Eine Theologin mußte aufgrund des Konfliktes um unterschiedliche Konzeptionen des Kirchenbaus mit ihrem Vorgesetzten Anfang der 50er Jahre ihr Arbeitsfeld verlassen. Während sie einen volksmissionarischen Ansatz vertrat und dafür variabel nutzbare Räume anstrebte, beharrte ihr Vorgesetzter auf einem ausschließlich gottesdienstlich zu nutzenden Sakralbau.

Als völlig neuen landeskirchlichen Arbeitsbereich gründete eine Theologin in den 50er Jahren den Dienst für berufstätige alleinstehende Frauen. Dieser fand zum einen in Form kontinuierlicher Frauengruppen vor Ort statt und zum anderen in Urlaubsgemeinschaften und Studienreisen, die kunstgeschichtliche, ökumenische, seelsorgerliche und geistliche Aspekte verbanden. Die Arbeit in traditionellen geschlossenen Kreisen lehnten die Theologinnen dagegen mehrfach ab.

An den Überlegungen zur Gestaltung und zu den Prioritäten kirchlicher Arbeit in den 80er und 90er Jahren beteiligten sich die Theologinnen. Allerdings zeigten sie sich nach zehn Jahren Erfahrung mit dem Erprobungsgesetz mehrheitlich eher skeptisch, ob es zu einer Transformation der kirchlichen Arbeitsfelder gekommen sei. Die in den Überlegungen Anfang der 80er Jahre angestrebte Orientierung stärker auf eine ehrenamtliche Arbeit hin fand durch die ehrenamtliche Ordination von Theologinnen Berücksichtigung.

In ihren subjektiven Reflexionen schlugen die Theologinnen vor, sich in der pastoralen Arbeit auf bestimmte Arbeitsfelder entsprechend der individuellen Kompetenz der Theologin zu konzentrieren und dies mit anderen MitarbeiterInnen abzustimmen. Reduktionen strebten sie im Verwaltungsbereich und beim schulischen Religionsunterricht an. Den Vorsitz im Kirchenvorstand sollten auch LaiInnen übernehmen können und die Gemeindeleitung sollten dafür ausgebildete MitarbeiterInnen ausüben. Insgesamt wollten die Theologinnen mehr Teamarbeit als Einzelkämpferinnentum praktizieren.

5.2.6. Der Einfluß der Theologinnenarbeit auf die Entwicklung des pastoralen Berufes

Der Pfarrberuf war in seiner geistlichen und professionellen Struktur, die die Theologinnen in den 20er und 30er Jahren antrafen, durch die im 19. Jahrhundert getroffenen Entscheidungen geprägt. Die lutherische Bekenntnisbindung, das Theologiestudium in Erlangen, die Einführung der kirchlichen Prüfung als Studienabschluß und die auf CA VII bezogene Ordinationsverpflichtung waren wesentlich. Für die Kommunikation, Fortbildung und berufsständische Vertretung gaben die Ende des 19. Jahrhunderts ergriffenen Initiativen in Form von Pastoralkonferenzen, Korrespondenzblatt und Pfarrerverein wichtige Anstöße. Während die Theologinnen für eine Aufgliederung und Unterstützung der Pfarramtsarbeit eintraten, war die Kirchenleitung eher besorgt, daß die große Zahl an Kandidaten für das geistliche Amt unterkam. Sie sah auch aus diesem Grund keine Notwendigkeit, sich weiter mit der Theologinnenfrage zu beschäftigen.

Während des Krieges wurden von den 1500 bayerischen Geistlichen 734 eingezogen und 138 getötet. Ihre Vertretung übernahmen in der Regel Lektoren. Jedoch dankte Landesbischof Meiser in der ersten Nachkriegssynode auch den Theologinnen und Pfarrern aus anderen, meist ostdeutschen Landeskirchen, die nach dem Krieg bei der geistlichen Versorgung der um ein Drittel gestiegenen Anzahl evangelischer Gläubiger in Bayern mithalfen.

Kritik an der bisherigen Gestalt des Amtes als patriarchalem Einmannpfarramt übten die bayerischen Theologinnen seit Beginn der 60er Jahre. Sie plädierten für einen differenzierten Einsatz entsprechend den jeweiligen Gaben und der gesellschaftlichen Situation. Nur Predigt und Unterweisung allein wiesen sie als nicht mehr ausreichend zurück. Die Pfarrerbruderschaft befürchtete dagegen eine Verweiblichung des geistlichen Amtes. Trotzdem räumte der bayerische Pfarrerverein 1963 den Theologinnen einen Sitz mit beratender Stimme in seinem Vorstand ein.

Ende der 60er Jahre kam es auch unter den männlichen Theologen zu Diskussionen über eine notwendige Transformation des Amtes. So lehnten manche junge Theologen die Ordination als geistliche Sonderqualifikation ab. Sie plädierten für eine stärker begleitende, weiblich therapeutische und personenbezogene Seelsorge mit dem Ziel der Befreiung der Menschen und ihrer emotionalen Stabilisierung. Das Berufsbild wollten sie der gesellschaftlichen Berufsstruktur anpassen. Gleichzeitig unterstützten sie die Forderung des Theologinnenkonvents nach einer Verbesserung der Theologinnenarbeit durch Sakramentsverwaltung und später auch Ordination. Das königlich bayerische Pfarramt sei an sein Ende gelangt. Andere Pfarrer hielten dagegen, daß nach 200 ruhigen


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Beamtenjahren bald eine Situation kommen könnte, in der männliche Hirtenqualifikationen nötig seien. Im Laufe der Zeit erkannten alle an, daß das Pfarrberufsbild in einer Krise war. Die Gegner der Frauenordination zogen daraus den Schluß, als die Diskussion auf die Frauenordination zulief, daß die Theologinnen nicht auf dieses unvollständige Pfarrerrecht zurückgreifen sollten. Sie äußerten die Befürchtungen, daß sich der bestehende Pfarrermangel durch den Weggang von Gegnern der Theologinnenarbeit noch verschärfen könnte und daß die Theologinnen arbeitswilligen jungen Theologen in Zukunft die Stellen wegnehmen könnten.

In den Jahre 1975 bis 1990 zeigten sich Synode und Landeskirchenrat zu einer Reihe von Veränderungen des traditionellen Pfarrberufsbildes auf rechtlicher Ebene bereit. So wurde es möglich, Pfarrstellen in Teildienstverhältnisse aufzuteilen und den Pfarrdienst durch Erziehungsurlaub und andere Beurlaubungen, auch aus individuellen Gründen, zu unterbrechen. Sie griffen den Wunsch der jüngeren TheologInnengeneration nach einer veränderten innerfamiliären Aufteilung von Beruf und Familie auf. Allerdings versuchten sie, die gemeinsame Arbeit von TheologInnenehepaaren auf einer Pfarrstelle zu forcieren. Durch die Angleichung der Versorgungsansprüche eines TheologInnenehepaares an die eines traditionellen Pfarrehepaares versuchten sie eine gewisse Kontinuität zum traditionellen Pfarrhausideal herzustellen. Die Gesamtzahl der bayerischen PfarrerInnen stieg von 1980 bis 1990 von etwa 1600 auf mehr als 2400 PfarrerInnen. Der Pfarrerverein erwies sich in den 80er Jahren als verläßlicher Kooperationspartner der Theologinnen. Trotzdem berichteten viele Theologinnen in der subjektiven Reflexion der Akzeptanz ihrer Arbeit, daß sie vor allem mit männlichen Kollegen Probleme hatten. Hochkirchlich geprägte Theologen erkannten ihre Existenz nicht an. Theologen mit traditioneller Pfarrfrau lehnten oft aufgrund der eigenen Lebenskonzeption Pfarrerinnen ab.

Insgesamt ging die Tendenz von einer im allgemeinen großen Distanz gegenüber Pfarrerinnen bis in die 60er Jahre hin zu gemeinsamen Bemühungen, die Berufssituation von PfarrerInnen zu verändern. Manche Pfarrer waren schon früher zu Unterstützung und Kollegialität bereit, während einzelne bis in die Gegenwart die Existenz von Pfarrerinnen prinzipiell ablehnen.

5.2.7. Der Einfluß der Situation von Frauen in der Kirche auf die Entwicklung des Theologinnenberufs

Die Einführung der Ausbildungsmöglichkeiten für kirchliche Frauenberufe, vor allem der Diakonissen im 19. Jahrhundert, wirkte sich einerseits positiv auf die Entwicklung der Theologinnenarbeit aus. Damit hatte die Notwendigkeit der beruflichen Bildung von Frauen für eine eigenständige, gesellschaftlich und kirchlich sinnvolle Tätigkeit allmählich Anerkennung gefunden. Andererseits sollte diese Form weiblicher Lebensexistenz nach Meinung der bayerischen Landesbischöfe bis in die 60er Jahre auch die einzig legitime Form eines kirchlichen Frauenberufs bleiben. Insofern wirkte sich das durch die Diakonissen geprägte Frauenbild wiederum hinderlich aus. Die von der Weimarer Verfassung ausgehende Anregung zur Gleichberechtigung der Geschlechter fand auch in der Kirche einen gewissen Widerhall. Sie führte das aktive Wahlrecht für Frauen zur Landessynode ein und richtete Schulen für evangelische Mädchen in Nürnberg und München ein. Im Zuge dieser quasi selbstverständlichen Integration von Frauen in vormals Männern vorbehaltene Lebensbereiche ließ sie auch die ersten Theologinnen zu kirchlichen Examina zu. Für die weitere Entwicklung der Theologinnenarbeit war die von 1947 bis 1958 in der bayerischen Landessynode geführte Diskussion um das passive Wahlrecht von Frauen zur Landessynode wichtig. Die Synode diskutierte in diesem Zusammenhang viele Pro- und Contra-Argumente, die später wieder in der Diskussion um die Theologinnenarbeit aufkamen wie z.B. die Frage, ob Frauen Leitungsaufgaben gegenüber Männern wahrnehmen könnten.

Die von der Ökumene und der gesellschaftlichen Entwicklung ausgehenden Anstöße für eine Neuordnung des Geschlechterverhältnisses in der Kirche bewirkten dort mehrere Aufbruchsimpulse, z.B. die Existenz neuer Typen von "Pfarrfrauen", die Einführung des neuen kirchlichen Frauenberufs Diakonin, das Absterben der alten Frauenberufe Diakonisse und Gemeindehelferin, die Einrichtung des AFiK und dessen Besetzung u.a. mit einer Theologin auf einer halben Stelle. Für die Anerkennung der Kompetenz von Frauen für Leitungspositionen war 1990 die Wahl einer Frau zur Dekanin und einer Frau zur Vizepräsidentin der Landessynode ein wichtiger Schritt.

5.3. Theologische Aspekte der Entwicklung der Theologinnenarbeit

5.3.1. Die Reflexion des Geschlechterverhältnisses

In der ersten Phase bis zum Ende des Nationalsozialismus vertraten die Theologinnen die geschlechtshierarchische Auffassung, daß aufgrund von 1. Kor 14 und 1. Tim 2 sowie Gen 2,18 den Frauen sowohl das Sprechen vor der Gesamtgemeinde als auch die Übernahme von Leitungsfunktionen gegenüber Männern untersagt sei. Entsprechend bezeichneten sie die


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Verkündigung vor der Gesamtgemeinde und die Gemeindeleitung als Kennzeichen des männlichen Pfarramtes. Allerdings schränkten sie diese Auffassung in einer Anmerkung durch den Verweis auf prophetisch verkündigende Frauen im Alten und Neuen Testament ein. Ein Mitglied des LSA vertrat in seiner Stellungnahme zum Vikarinnengesetz ein komplementäres Geschlechtermodell, das von der Gleichwertigkeit und Verschiedenartigkeit der Frau ausging. Landesbischof und Landeskirchenrat äußerten sich nicht explizit zum Geschlechterverhältnis.

In den Nachkriegsjahren versuchten die Theologinnen ein polar-komplementäres Geschlechterverhältnis zu entwickeln, das sie teilweise christologisch-herrschaftskritisch-innovativ begründeten. Maria Weigle sah die Innovationskraft von Frauen in deren individuellem Charisma, das sie flexibel experimentell denken und arbeiten lasse. Eine Theologin bezog sich auf das Modell der Ehe als Vorbild für das Geschlechterverhältnis. Sie verstand Mann und Frau als Gegenüber, nicht als Verhältnis Führer und Geführte.

In den Jahren 1960 bis 1970 vollzogen die Theologinnen und ein Teil der SynodalInnen einen Bruch mit einer auf polaren Geschlechterrollen beruhenden Auffassung des Geschlechterverhältnisses. Sie begründeten dies theologisch mit dem Hinweis, daß einzelne Bibelstellen im Rahmen des Gesamtzeugnisses der Bibel zu betrachten seien. Einzelne Äußerungen Luthers über Frauen seien angesichts seines patriarchalen gesellschaftlichen Lebenskontextes zu sehen. Neuere psychologische Untersuchungen relativierten Festlegungen eines weiblichen oder männlichen Wesens. Von der biblischen Botschaft her sei die gemeinsame Begnadung und Befreiung von Mann und Frau zur uneingeschränkten Gliedschaft am Leib Christi maßgeblich, die keine Unterordnung der Frauen gegenüber den Männern erlaube. Männer und Frauen seien durch die biblische Weisung zur Bewahrung des Lebens auf Erden berufen. Deshalb müsse der Maßstab sein, daß die vorhandenen Möglichkeiten beider Geschlechter zum Einsatz kommen und sich in positiver Wechselbeziehung entfalten können. Die Kirche habe dem gewandelten Geschlechterverhältnis in der Gesellschaft Rechnung zu tragen und nicht durch überholte Auffassungen, die sie psychologisch vertiefte, dem Aufruf des Evangeliums zur Partnerschaft von Mann und Frau Widerstand entgegenzusetzen. So lautete 1965 die Auffassung des Synodalausschusses: Das Geschlechterverhältnis im Leib Christi ist nicht mehr durch den Sündenfall und die Unterordnung der Frau unter den Mann bestimmt, sondern durch Christus ist eine neue Entwicklung auch hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses in Gang gekommen, die in den christlichen Gemeinden deutlich werden soll. Die Stellung der Frau ist durch ihre Teilnahme an den gottesdienstlichen Zusammenkünften sowie durch ihre diakonischen, missionarischen und prophetischen Tätigkeiten bestimmt.

Landesbischof Dietzfelbinger begründete dagegen seine geschlechtshierarchische und komplementäre Auffassung des Geschlechterverhältnisses mit dem paulinischen Schweigegebot, mit der Schöpfungsordnung und psychologischen Meinungen über das spezifische Wesen der Geschlechter. Demnach käme der Frau aufgrund der Schöpfungsordnung primär die Rolle der Ehefrau und Mutter zu. Ersatzweise könne sie ihre Mütterlichkeit auch auf diakonischem Gebiet in die Kirche einbringen. Durch ihre spezifischen Fähigkeiten zum leiblichen Dienst und durch ihr Einspringen an Stelle des Mannes könne sie Gutes bewirken. Dem Mann käme dagegen das Leitungs- und Hirtenamt sowie das Agieren in der Öffentlichkeit zu. Die Gegner der Übertragung des Amtes an Frauen unterstützten diese Auffassung, indem sie die Spezifika des weiblichen Wesens hervorhoben, wie z.B. stärkere Empfindsamkeit, früheres Altern und Sozialverpflichtungen gegenüber Verwandten und Ehepartner. Sie bezeichneten die Geschlechterhierarchie als gottgewollt. Eine Übernahme des Amtes durch Frauen widerspreche dem Willen Gottes und bedeute Schwärmerei und Säkularisation. Für eine verantwortungsvolle Amtsführung seien männliche Eigenschaften nötig. Der Alterspräsident der Synode sah darin umgekehrt eine Sakralisierung der männlichen Würde, für die kaum neutestamentliche Gründe maßgeblich sein könnten.

In den Jahren 1970 bis 1975 kam es zu einer Ausformulierung dieser beiden differenten Positionen des Geschlechterverhältnisses hinsichtlich der theologischen Begründung auf biblischer, systematisch-theologischer und pastoraltheologischer Ebene. So wiesen die Theologinnen und die AOK den Vorwurf der bloßen Anpassung an die gesellschaftliche Entwicklung bis zur Gleichstellung zurück. Die Gleichbegnadung der Geschlechter entspreche der eschatologischen Verheißung aus Joel 3. Die paulinischen Aussagen in 1.Kor 14 bedeuteten kein Verbot der Frauenordination. Die Erlösungsordnung habe gegenüber der Schöpfungsordnung neue Möglichkeiten eröffnet. Die Frage des Geschlechtes sei nicht entscheidend für die Übernahme des Amtes. Deshalb entspreche die Frauenordination dem Bekenntnis. Die Belastungen für Frauen durch das Pfarramt seien nicht zu groß, wie an den Pastorinnen in der DDR und den Diakonissen zu sehen sei.

Der AFK und andere Gegner der Frauenordination beharrten dagegen darauf, daß nach Eph 5 und 1. Kor 14 der Aspekt der Unterordnung der Frauen unter die Männer zentral sei und nur männliche


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Apostel zum Leitungs-, Schutz- und Wächteramt berufen seien. Für die Frauen sei die natürliche Fähigkeit zur Mutterschaft wesensbestimmend, für den Mann hingegen das Hirte-Sein. Galater 3 bedeute nicht die Gleichheit der Geschlechter, sondern ihre Einheit. Von der katholischen Kirche sei zu lernen, wie Frauen ohne Ordination geehrt werden können.

In der Phase nach der Verabschiedung der Frauenordination betonten der Ausbildungsreferent und der neue Landesbischof die theologische Legitimität der Frauenordination aufgrund der gewandelten exegetischen Einsichten in die biblischen Aussagen zum Geschlechterverhälntis. 1.Kor 14 bedeute nicht, daß Paulus den geistgewirkten Dienst der Frau in der Gemeinde im Gottesdienst ausschließen wollte. Sie müßten im biblischen Gesamtzeugnis gesehen werden. Mann und Frau hätten gleichermaßen am geistlichen Amt teil und trügen aufgrund ihrer Gottebenbildlichkeit Mitverantwortung für die Bewahrung der Schöpfung. Die Gegner der Frauenordination wiesen hingegen in der Diskussion vor der Abschaffung des Vetoparagraphen erneut auf des "Herrn Gebot" in 1.Kor 14 und 1.Tim 2 sowie die Rede von Gott als Vater hin. In der Ökumene sei die Zulassung von Frauen zum geistlichen Amt umstritten.

Insgesamt ist eine Entwicklung in den Auffassungen über das Geschlechterverhältnis bei den Theologinnen, dem Landeskirchenrat und der Mehrheit der SynodolInnen festzustellen. Zunächst herrschte ein Verständnis vor, das von der Unterordnung der Frauen gegenüber den Männern, vom Schweigegebot sowie von der Überordnung des männlichen Pfarramts und der Übernahme von Leitungsfunktionen durch den Mann ausging. An deren Stelle trat eine Interpretation der Geschlechterdifferenz, die auf der Gottebenbildlichkeit von Mann und Frau, auf dem gemeinsam an sie ergangenen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung, auf der Gleichbegnadung und Befreiung von Mann und Frau zur gemeinsamen Teilhabe am Leib Christi als Erfüllung der eschatologischen Verheißung beruht und eine Beteiligung von Frauen auch an geistlichen Funktionen für notwendig hält. Die Theologinnen taten zu dieser Entwicklung einen ersten Schritt in den 50er Jahren durch den Hinweis auf die Polarität, nicht Hierarchie der Geschlechter, dann in den 60er Jahren durch die Infragestellung fixierter Geschlechtscharaktere, insbesondere deren theologischer Begründung. Die Landessynode unterstützte ihre Argumentation vor allem auf dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandlungsprozesses und der dadurch erfolgten Infragestellung psychologischer Theorien über das Wesen der Geschlechter. Im Landeskirchenrat kam es durch den Wechsel im Amt des Landesbischofs und des Ausbildungsreferenten zu einer veränderten Auffassung. Die Gegner behielten teilweise ihr geschlechtshierarchisches Modell bis zur Gegenwart bei.

5.3.2. Hermeneutischer Aspekt

Die hermeneutische Diskussion um das rechte Verständnis vor allem der Bibelstellen, die das Geschlechterverhältnis thematisieren, begleitete alle Phasen der Diskussion über die Theologinnenarbeit. Besonders intensiv und letztendlich auch mit dem entscheidenden Durchbruch wurde sie Ende der 60er Jahre geführt.

In der ersten Phase bis 1945 sprach Landesbischof Meiser lediglich einmal "vom Evangelium herkommende Einwände" an. Die Theologinnen selbst führten die Bibelstellen 1.Kor 14, 1.Tim 2 und Gen 2,18 als Eingrenzungen ihrer Arbeitsmöglichkeiten an. Allerdings bezogen sie den weiteren biblischen Kontext und damit auch die Erwähnung von Frauen in der prophetischen Verkündigung zumindest in einer Anmerkung ein.

Ilse Hartmann berichtete von einer bayerischen Pfarrbruderschaftstagung 1960, daß dort klar gewesen sei, daß man mit 1.Kor 14 "nicht mehr durchkomme". Das "Gute Wort" des Theologinnenkonvents 1963 machte die große Bedeutung des hermeneutischen Verständnisses als Frage nach der angemessenen theologischen Ebene des Diskurses deutlich durch den Vergleich dieser Entscheidung mit den Überlegungen der urchristlichen Gemeinde hinsichtlich der Aufnahme von Nichtisraeliten. Wie zentral für die zwei unterschiedlichen Positionen zur Theologinnenfrage die beiden unterschiedlichen hermeneutischen Zugänge waren, macht der Aspekt deutlich, daß jeweils die ersten Thesen in den Thesenreihen der kirchenpolitischen Gruppierungen pro und contra Frauenordination der Erklärung des jeweiligen hermeneutischen Verständnisses dienten. Dabei war für die BefürworterInnen die Orientierung am Doppelgebot der Liebe und dem, "was Christum treibt", ausschlaggebend, während sie eine Interpretation einzelner Bibelstellen, wie z.B. 1.Kor 14, als exegetischen Mißbrauch bezeichneten. Das Neue Testament bezeichne nur Christus als Hohenpriester, während alle anderen zum Priestertum aller Gläubigen gehörten. Nach dem Neuen Testament hätten auch Frauen wichtige Aufgaben übernommen. Die biblische Rede vom Hirtenamt sei als Bildwort zu verstehen.

Der synodale Arbeitskreis "Frau und Kirche" sah dagegen im Gedanken der Unterordnung das Zentrum der Bibel. Demnach war Eph 5 das Paradigma auch für das Geschlechterverhältnis, und


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1.Kor 14 verbot die öffentliche Rede von Frauen. Für sie war die historische Tradition entscheidend, daß Jesus nur Männer zum Apostel-, Leitungs-, Schutz- und Wächteramt berufen habe, während er an der natürlichen Fähigkeit der Frau zur Mutterschaft festgehalten habe. Galater 3 spreche nicht von der Gleichheit, sondern vom Einssein der Geschlechter. Die biblischen Hirten seien stets männlichen Geschlechts gewesen. Die Schrift allein müsse Richtschnur sein. Es bedürfe keines expliziten Verbots in den Bekenntnisschriften.

Landesbischof und Landeskirchenrat bestätigten nach der Entscheidung für die Frauenordination 1975, daß die Weiterentwicklung der Exegese zu den paulinischen Schweigegebotstellen ausschlaggebend gewesen sei für die Anerkennung der theologischen Legitimität der Frauenordination. Entsprechend hielt Landesbischof Hanselmann für die weitere Entwicklung ein gemeinsames Bemühen um eine angemessene Hermeneutik im Umgang mit Schrift und Bekenntnis für nötig.

Diese Bemühungen fanden offensichtlich nicht statt oder führten jedenfalls nicht zu einer Angleichung der Auffassungen. In der Diskussion um die Aufhebung des Vetoparagraphen tauchten die gleichen hermeneutischen Differenzen wie fast zwei Jahrzehnte früher wieder auf. Die Gegner brachten erneut 1.Tim 2 und 1. Kor 14 als Gegenargumente ins Spiel, während die BefürworterInnen die Auffassung vertraten, daß die biblischen Stellen in einen biblischen Gesamtkontext gestellt werden müßten. Sie betonten, daß es für das Geschlechterverhältnis keine allgemeingültige biblische Regel gebe. Ein katholischer Theologe wandte sich gegen das Bestreben, unter Verweis auf die männliche Geschlechtsidentität der Jünger Jesu die biologische Identität im Sinne einer möglichst großen biologischen Übereinstimmung der Geschlechter mit jenen zwölf arabischen jüdischen Männern zu suchen. Entscheidend war, daß die BefürworterInnen die exegetische Frage mit Hilfe wissenschaftlich-hermeneutischer Methoden klärten und die Kirchenleitungsorgane diese Auffassung übernahmen.

5.3.3. Amtsverständnis

In der Denkschrift "Das Amt der Theologin" aus dem Jahre 1938 unterschieden die bayerischen Theologinnen deutlich zwischen dem männlichen Pfarramt, das sie durch Gemeindeleitung und öffentliche Wortverkündigung charakterisierten, und ihrem Theologinnenamt, das sie als Unterstützung für das männliche Amt verstanden. Es sollte durch die Übertragung von Wortverkündigung, Lehre und Sakramentsverwaltung und eine angemessene Amtsbezeichnung allerdings zu dem Spektrum des kirchlichen Amtes gerechnet werden. Der bayerische Landesbischof gestand den Theologinnen in dem Vikarinnengesetz von 1944 zwar die "Mitarbeit im geistlichen Amt" zu, lehnte jedoch die Übertragung von Sakramentsverwaltung und Predigt ab, obwohl verschiedene Seiten mit unterschiedlichen Begründungen auf die Zusammengehörigkeit von Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung im geistlichen Amt hinwiesen.

Nach 1945 dominierte bei den Theologinnen ihre Kritik am und ihr Bemühen um Differenz zum traditionellen Einmannpfarramt, das sie nur als eine Spielart des geistlichen Amtes betrachteten. Sie forderten neue Amtsformen, die auf den gesellschaftlichen Wandel reagierten und sich flexibel den Erfordernissen der jeweiligen Situation stellten. Diese Aufgabe und Chance sahen sie vor allem im Theologinnenamt. Es sollte dazu beitragen, neue differenzierte Formen des Amtes zu entwickeln statt die Traditionen des patriarchalen Gemeindepfarramtes zu verewigen. Sie hielten Wort und Sakramentsverwaltung sowohl aufgrund der praktischen Erfahrungen, z.B. im Seelsorge- und Freizeitbereich, als auch aus theologischen Gründen für notwendig.

Im Unterschied zu den 50er Jahren, in denen sie dem traditionellen männlichen Hirtenamt ein experimentelles weibliches Brückenamt entgegenstellen wollten, kam es in den 60er Jahren bei den Theologinnen mehr und mehr dazu, daß sie ihr Amt als eine Spielart des geistlichen Amtes verstanden, das nicht geschlechtsspezifisch aufzuteilen sei. Manche Theologinnen forderten eine geschlechtsunspezifische Transformation des Amtes und stellten den geschlechtsspezifischen Verzicht auf die Pfarramtsleitung in Frage. Landeskirchenrat und Landesbischof plädierten in entgegengesetzter Richtung für einen geschlechtsspezifischen Dienst der Theologinnen in Anlehnung an die Diakonissen und versuchten, die Theologinnen aus dem Bereich des geistlichen Amtes mit dem Argument herauszuhalten, daß die Ordination die nötige Voraussetzung für die Sakramentsverwaltung sei.

Als Ende der 60er Jahre auf Drängen der Synode eine Übertragung der Sakramentsverwaltung an Theologinnen nicht mehr vermeidbar schien, änderten Landeskirchenrat und Landesbischof ihre Argumention. In der Übertragung der Sakramentsverwaltung an Theologinnen sahen sie nun eine Angleichung der Theologinnen an das geistliche Amt sowie dessen Verengung und Verfestigung. Um dieses zu vermeiden, wollten sie die Sakramentsverwaltung auch anderen Nichtordinierten übertragen.


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Der bayerische Landesbischof verwies nun auf die finnische Kirche, in der die Sakramentsverwaltung auch ohne Ordination möglich war. Die Gemeindeleitung sollten die Theologinnen weiterhin nicht ausüben. Der Landesbischof wandte sich erneut gegen die Angleichung des Dienstes der Theologinnen an den Beruf des Pfarrers in dem Augenblick, in dem dieser Dienst nach besserer Gestaltung rufe. Die Theologinnen und mit ihnen ein großer Teil der SynodalInnen plädierten weiterhin dafür, neue differenzierte Formen des geistlichen Amtes zu entwickeln, um auf die neue gesellschaftliche Situation eingehen zu können. Dafür hielten sie zumindest die öffentliche Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung sowie eine angemessene Amtsbezeichnung für nötig. Die Einschränkung der Sakramentsverwaltung auf den nichtöffentlichen Bereich lehnten sie als theologisch nicht begründbar ab. Mehrere beteuerten die Notwendigkeit einer Reform des königlich bayerischen Pfarramtes und verwiesen auf die Vielfalt des Amtes im Neuen Testament sowie auf die theologische Kritik an einer Entgegensetzung von Geistlichen und Laien in der Reformationszeit. In der gegenwärtigen Übergangszeit müsse das Amt reformiert werden entsprechend der Veränderung der patriarchalen zu einer partnerschaftlichen Gesellschaftstruktur. Wort und Sakramentsverwaltung gehörten zusammen. Die Ordination betrachteten sie nicht als notwendige Voraussetzung für die Sakramentsverwaltung. Die kirchliche Arbeit des Amtes müßte über Predigt und Unterweisung hinausgehen. Eine neue Arbeitsteilung sei auch im Verhältnis Amt und Gemeinde nötig. Das Wesen des geistlichen Amtes bestehe nicht im Geschlecht des Amtsträgers und dem Hirtenbild, sondern in dessen Dienstcharakter, durch den Christus repräsentiert werde. Sie stellten in Frage, ob es dem lutherischen Amtsbegriff entspreche, daß nur ordinierte Amtsträger die Sakramente verwalten.

Das Theologinnengesetz von 1970 legte dann als Kompromiß fest, daß die Theologinnen im geistlichen Amt mitarbeiten sollten. Amtshandlungen und Sakramentsverwaltung sollten ihnen im Einzelfall offenstehen. Nach der Anwendung des Theologinnengesetzes erwies sich für die Theologinnen noch einmal in der Praxis, daß die Aufteilung in nichtöffentliche, halböffentliche und öffentliche Räume für die Sakramentsverwaltung theologisch nicht haltbar war und einzig die Integration in das bisherige Pfarrerrecht eine Aufhebung der Diskriminierung des Theologinnenamtes bewirken könnte. Dies stellten wiederum Landeskirchenrat und auch die Gegner unter Hinweis auf die problematische Situation des Pfarrberufs und dessen notwendige Transformation vehement in Frage. Die Gegner äußerten nach der Verabschiedung, es würde das bisherige Einmannschema zementiert statt es zu einem Dienst-Diener-Organismus zu erweitern. Gottgewollte Entwicklungen würden dadurch blockiert. Die PfarrerInnen würden so nur eine Spielart des Einmannpfarramtes darstellen. Landesbischof Dietzfelbinger sah die Gleichberechtigung des Mannes in Frage stellt, wenn die Verbindlichkeit des geistlichen Amtes angetastet würde.

Um diesem Argument begegnen zu können und auch aus Mangel an konkreten Vorschlägen betonte der synodale Ausschuß 1973, der für eine Einführung der Frauenordination optierte, daß einerseits auf die Neuauflage eines Amtes sui generis verzichtet werde, andererseits aber eine "Auffächerung des Amtes als Neubesinnung auf seiner ganzen Basis" nicht stattgefunden habe. Ein Amt sui generis, das gleichwertig und andersartig als das männliche Pfarramt sei, sei weder realisierbar noch theologisch begründbar. Die geschlechtsspezifische Integration in das auf männliche Pfarrer zugeschnittene Pfarrerdienstrecht verstehe er auch als Zumutung gegenüber den Theologinnen. Gleichzeitig wollte er damit gewährleisten, daß keinerlei Rückwirkungen auf Amt und Ordination des Mannes stattfanden. Den Frauen mutete er damit einen Verzicht auf ihnen entsprechendere Amtsformen zu.

Die Theologinnen selbst blieben auch in den Jahren nach der Integration in das Pfarrerdienstrecht auf der Suche nach einem eigenständigen Berufsbild, das die spezifischen Werte der Frau berücksichtigte. Der Zwiespalt zwischen dem Willen zur notwendigen Veränderung, den veränderten Lebensprioritäten beider Geschlechter und dem Wunsch nach Bewahrung des überkommenen Pfarramtes als Norm war auch bei der Erarbeitung des Erprobungsgesetzes und insbesondere bei dessen Erprobung deutlich. So wurde die Erprobungsphase auch deswegen verlängert, um eventuelle negative Auswirkungen auf das Pfarrerberufsbild zu beobachten. Die ErproberInnen selbst beurteilten nach der zehnjährigen Erprobungszeit die Transformationskraft ihrer Lebens- und Arbeitsversuche auf eine Neugestaltung und Differenzierung des Amtes eher gering. Der Landeskirchenrat betonte mehrfach seinen Respekt vor der Absicht der jüngeren Generation, Ehe, Familie, Beruf und individuelle Interessen in ein angemessenes zeitliches Verhältnis zu setzen. Die eindeutige Priorität von Ordination und Installation gegenüber Ehe und Familie beim Mann im Amt vertraten nur noch wenige Synodale in der Diskussion um den Erziehungsurlaub. Die Theologinnen selbst beurteilten ihre Innovationskraft eher skeptisch.

5.3.4. Kirchenverständnis, Kirchenordnung und Kirchenrecht

Die Theologinnen vertraten zunächst in ihrer Denkschrift 1938 selbst die hierarchische Auffassung, daß das Amt die Kirche leite. Lydia Schröder kritisierte aufgrund ihrer Erfahrungen diese Ekklesiologie


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mit Bezug auf das Magnifikat und Mt 20,25f., das Bibelwort, das der 4. These der Barmer Theologischen Erklärung vorangestellt ist. In den 60er Jahren formulierten die Theologinnen ihre christologisch-herrschaftskritische Auffassung. So hieß es im "Guten Wort“ aus dem Jahre 1963, daß Christus allein Herr der Gemeinde sei und alle, die er beruft, seien seine Mitarbeiter und Diener. Ihren herrschaftskritischen Einwand gegen die Ordnungstheologie versuchten sie Anfang der 90er Jahre auch durch die Forderung nach zeitlicher Begrenzung der Leitungsämter zu konkretisieren.

Die bayerische Kirchenleitung machte zunächst in den 30er Jahren und bis in die 50er Jahre wenig explizite Äußerungen und beschränkte sich auf "allgemein-kirchliche Bedenken". In den 60er Jahren entfaltete sie das ordnungstheologische Modell von dem Gegenüber von Amt und Gemeinde sowie ihre Auffassung, daß es Aufgabe der Kirche sei, unter Verweis auf die von Gott gegebenen Schöpfungsordnungen einer Nivellierung der Ämter und Dienste zu widerstehen. Ohne explizite Äußerungen blieb das Modell eines hierarchischen Kirchenaufbaus auch bis in die Gegenwart hinein maßgeblich. Dem Landeskirchenrat und den ihm untergeordneten Organen standen seit dem Theologinnengesetz 1970 jeweils die Entscheidungsgewalt zur Genehmigung bestimmter Aspekte der Theologinnenarbeit zu (Sakramentsverwaltung im Dienstbereich; Teilzeit; Amtsenthebung bei permanenter familiärer Belastung; Erprobungsdienstverhältnisse; Anhebung des Dienstumfangs eines TheologInnenehepaares auf 150%; Gewährung von Erziehungsurlaub). Faktisch blieb auch eine Sonderstellung des Pfarrers gegenüber der Gemeinde durch die Regelungen des Vetoparagraphen bestehen, indem ein in seinem Dienstbereich betroffener Pfarrer als Einzelperson, aber der Kirchenvorstand nur in seiner Mehrheit der Bewerbung einer ordinierten Theologin widersprechen konnte.

In der Landessynode wurden wiederholt Stimmen laut, die für Hilfsangebote statt perfekter Kontrollinstrumente als Kirchenordnungsmodell eintraten sowie beim Erziehungsurlaub eher für Regelungen, die PfarrerInnen motivierten statt restringierten. Das Erprobungsgesetz legte als Grundregel die Zustimmung beider Seiten fest. Die Betroffenen sollten den Antrag stellen und die zuständigen Organe ihr Einverständnis erklären. Der 100%-Beschluß grenzte jedoch die Wahlfreiheit der TheologInnen, sich auf eingeschränkte Arbeitsverhältnisse nach dem Erprobungsgesetz einzulassen, deutlich ein.

Hinsichtlich der geistlichen Qualität der Kirchenordnung und der Bewahrung einer bestimmten überkommenen Tradition vertraten die Theologinnen gemeinsam mit dem Gutachten der theologischen Fakultät Erlangen/Nürnberg und dem katholischen Theologen Rahner in den 60er und 70er Jahren die Auffassung, daß die in den biblischen Schriften anzutreffenden Ordnungen als geschichtlich gewachsene Ordnungen anzusehen seien, die auch einen Reflex auf die patriarchalischen Ordnungen des gesellschaftlichen Kontextes darstellten und sich ändern ließen. Nach CA XXVIII und CA VII seien nicht die kirchlichen Ordnungen als Kennzeichen der Kirche wichtig, sondern daß das Evangelium schriftgemäß verkündigt werde und die Sakramente recht verwaltet werden. Zu Konflikten hinsichtlich der unterschiedlichen Ekklesiologien zwischen Theologinnen und Kirchenleitung kam es z.B. bei Lydia Schröder und einigen anderen Theologinnen in der Nachkriegszeit, die aufgrund der gemeindlichen Bedürfnisse und im gemeindlichen Auftrag Wortverkündigung auch in Gemeindegottesdiensten übernahmen und in Einzelfällen die Sakramente verwalteten. Sie beriefen sich dabei auf die in der reformatorischen Theologie der Gemeinde zugesprochene Vollmacht zur Organisierung und Beurteilung der Verkündigung sowie der Berufung durch Gott, diesen Dienst zu leisten, der sonst ungetan bliebe. Die Kirchenleitung wies diese Konzeption von kirchlicher Autorität ausgehend von der Gemeinde und nicht der Kirchenleitung scharf zurück.

Hinsichtlich des Kirchenrechts sowie der geistlichen Entscheidungsgewalt und Entscheidungswege in der Kirche kam es zu Reflexionen Ende der 60er und Mitte der 70er Jahre sowie Ende der 80er Jahre im Zusammenhang mit den Entscheidungen, die Sakramentsverwaltung zu übertragen, die Frauenordination einzuführen und den Vetoparagraphen weitergelten zu lassen. Für Liesel Bruckner stellte sich bereits 1967 angesichts der unübersehbaren Differenz der Auffassungen zwischen Theologinnenkonvent und Landesbischof die Frage, welcher Weg nun gegangen werden sollte. Landesbischof Dietzfelbinger sprach sich schließlich 1969, als sich eine Mehrheit der SynodalInnen für die Übertragung der Sakramentsverwaltung an Theologinnen abzeichnete, dafür aus, daß unter Berufung auf 1. Kor 8 die Mehrheit als "Starke" Rücksicht auf die Gewissen der "Schwachen“ nehmen solle, die die Frauenordination ablehnten. Die Gebetsbruderschaft verwandte in ihrem Notruf 1970 sogar die Metapher der Vergewaltigung: Die Mehrheit solle aus Glaubensstärke Rücksicht auf die Schwachen nehmen und nicht eine Minderheit vergewaltigen. Gemeinsam sollte ein Weg für die Zukunft in der einen Kirche gesucht werden.

Die kirchenreformerische Gruppe KRIBS stellte diese Interpretation der Situation und die


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eingenommenen Zuweisungen von "Starken" und "Schwachen" in Frage. Sie kritisierte den Umgang des Landesbischofs mit den kirchenrechtlichen Ordnungen, der auf die Einmütigkeit aller Amtsträger auszuweichen suchte, als die Mehrheit in der Synode nicht mehr sicher war. Als 1974 die Entscheidung für die Frauenordination anstand, wurde die Situation kompliziert. Landesbischof Dietzfelbinger wollte ein entsprechendes Gesetz nicht unterschreiben, aber auch nicht die Synode auflösen. Die Landessynode versuchte das Gespräch zwischen Landesbischof und Theologinnen sowie den Gegnern und den synodalen Gruppierungen zu führen. Nachdem sich der 1970 getroffene Kompromiß durch die Blockade des Landeskirchenrats jedoch nicht bewährte, traf sie eine klare Entscheidung für die Frauenordination. Der Vetoparagraph sollte die Gewissensbedenken der Gegner berücksichtigen. Der von einer Gruppe nach der Verabschiedung der Integration der Theologinnen ins Pfarrerrecht beschrittenen Weg der "Rechtsverwahrung" scheint zu keinen kirchenrechtlichen Konsequenzen geführt haben.

Hinsichtlich des Kirchenrechtsverständnisses erscheint bemerkenswert, daß der Landeskirchenrat bis 1944 kirchenrechtliche Regelungen durch Verdrängen zu vermeiden suchte. Später klafften Recht und Wirklichkeit immer weiter auseinander. So argumentierten Theologinnen, SynodalInnen und Landesbischof Hanselmann in seiner Interpretation des Theologinnengesetzes für eine Rechtsveränderung derart, daß die Theologinnen auch den gleichen geistlichen Zuspruch erhalten sollten, wenn sie faktisch den vollen Pfarrdienst leisteten.

Das Argument der Theologinnen seit ihrer Denkschrift 1938 war, daß positive Erfahrungen mit der Theologinnenarbeit, auch in anderen Kirchen, die Kirchenleitung motivieren sollten, selbst entsprechende Entscheidungen zu fällen. Dies stieß lange auf Widerspruch. Landesbischof Dietzfelbinger versuchte alle Möglichkeiten zu unterbinden, daß solche Erfahrungen gemacht werden konnten. Er verwies darauf, daß Theologinnen, denen andere Landeskirchen die Sakramentsverwaltung übertrugen, dort auch bald ins volle Gemeindepfarramt gekommen seien.

Die Erfahrung und die geschichtliche Veränderbarkeit benannte der Landeskirchenrat erstmals bei der Einführung des Erprobungsgesetzes als theologisch legitime Kriterien der Kirchenrechtsentwicklung. Er wollte Regelungen zeitlich und auf einen bestimmten Personenkreis befristet einführen, um sie vor einer allgemeinen Einführung zu erproben. Allerdings führte er in der Folgezeit zwei Diskurse. Die guten Erfahrungen mit den ErproberInnenehepaaren, die jedenfalls die Kirchenleitung feststellte, berechtigten den Landeskirchenrat seiner Meinung nach zur Einschränkung der Stellenansprüche der TheologInnenehepaare auf eine Stelle. Andererseits betonte er in der Diskussion um den Vetoparagraphen das hohe Gut des Rechts- und Vertrauensschutzes landeskirchenrechtlicher Regelungen, um die Gültigkeit des Vetoparagraphen für alle bis zum Zeitpunkt der erneuten Diskussion des Paragraphen ordinierten Pfarrer zu behaupten. Die Gleichbehandlung der Pfarrerinnen mit ihren männlichen Kollegen betrachtete er dagegen als weniger gewichtiges Argument. Die Theologinnen sollten sich bescheiden, um den Amtsbrüdern ihre Freudigkeit zu erhalten. Die darin zum Ausdruck kommende Auffassung der Kirchengemeinschaft stellten SynodalInnen und der Theologinnenkonvent wiederholt in Frage.

Anfang der 80er Jahre wurde die Gemeinschaft der Ordinierten erneut in Frage gestellt, als die Last des TheologInnenbergs allein die jungen TheologInnenehepaare zu tragen hatten. Gegen die Auffassung einiger junger Theologen und mancher katholischer Amtsträger, daß sie die Teilnahme ordinierter Theologinnen auch bei Amtseinführungen bzw. ökumenischen Gottesdiensten unter Verweis auf den Vetoparagraphen ablehnen könnten, legte der Landeskirchenrat auf Initiative des Theologinnenkonvents Widerspruch ein.

5.3.5. Ökumene, Kircheneinheit, Konfessionsspezifika

Der ökumenische Aspekt spielte vor allem Ende der 60er Jahre, Anfang der 70er Jahre eine große Rolle. Während die Theologinnen und ihre Unterstützer aufgrund von CA 28 und CA VII betonten, daß zur Einheit der Kirche Wort und Sakramentsverwaltung, nicht aber Übereinstimmung in allen kirchlichen Ordnungen wichtig seien. Sie verwiesen auf die Entwicklung zur Frauenordination in vielen Konfessionen und Kontexten bis hin zur katholischen Kirche. Die Kirchenleitung orientierte sich hingegen vor allem an der katholischen Kirche und ihrer offiziellen Ablehnung der Frauenordination. Sie verstand die lutherische Kirche als Mittlerin zwischen den anderen protestantischen Kirchen und der katholischen Kirche.

Die Sorge um die ökumenischen Auswirkungen äußerte sie ab 1960, seit der exegetische Verweis auf das paulinische Schweigegebot nicht mehr allgemein überzeugend war. Aus der Zeit vorher existieren nur sporadische Äußerungen. So wurde in der Diasporaarbeit der Nachkriegszeit mancherorts eine


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Mitarbeit von Theologinnen abgelehnt. Die BefürworterInnen der Theologinnenarbeit stellten die

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Bedeutung der bayerischen Kirche für die Weltökumene in Frage und lenkten statt dessen den Blick auf die guten Erfahrungen der Kirchen, die Frauen ordinierten. Außerdem forderten sie, im Blick auf die katholische Kirche nicht mit deren konservativen Vertretern, sondern mit dem breiten Spektrum der auch dort vorhandenen UnterstützerInnen zu diskutieren, wie sie es exemplarisch mit dem Rahner-Brief vorführten. Dieser bezeichnete die Frauenordination nur als weitere kirchenrechtliche und pastorale, aber nicht dogmatische Differenz, die jedoch nicht allzu großes Gewicht habe, angesichts der Vielzahl von Kirchen, die bereits Frauen ordinierten.

Die Theologinnen blieben im Kontakt mit anderen Theologinnen aus der Ökumene bei ihren jährlichen Konventen. Sie diskutierten dort mit einer jüdischen Theologin über das Gottesbild und mit einer katholischen Theologin über Rechtfertigung. Auch in ihren subjektiven Reflexionen äußerten sie, daß Ökumene für sie als Konvivenz von Menschen verschiedener Konfessionen und als Bemühen um weltweite Gerechtigkeit eine wichtige Rolle spiele. Sie suchten nach einer gemeinsamen Abendmahlspraxis, nach gegenseitiger Bereicherung durch lebendige Liturgie und nach einer lebendigen Sprache. In diesem Sinne sei die ökumenische Kooperation auch für die Glaubwürdigkeit der Kirche entscheidend. Die Gegner verwiesen in der Diskussion um den Vetoparagraphen auf die Ostkirchen und deren Erwägungen eines ordinierten Diakonissenamtes.

Lutherische Konfessionsspezifika zeigten sich bei der Kirchenleitung in ihrem starken Interesse an Ordnungstheologie, am hierarchisch-polarenVerhältnis Amt-Gemeinde, Mann-Frau, Kirche-Gesellschaft, am Vorrang der Amtspflichten gegenüber familiären Verpflichtungen, an der Autorität des Pfarrers gegenüber der Gemeinde, an der Betonung der Gewissensfreiheit und dem Hervorheben von Gemeindeleitung und Sakramentsverwaltung gegenüber der Wortverkündigung im ordinierten Amt. Im Laufe der Diskussion wandelte sich ihr Verständnis der Zwei-Reiche-Lehre als Abgrenzung gegenüber der Gesellschaft in das Bemühen, Zeugnis gegenüber der Gesellschaft abzulegen. Für die Mehrheit der Theologinnen hatte ihre konfessionelle Identität Bedeutung. Sie griffen dabei eher auf befreiende Elemente zurück: das Priestertum aller Gläubigen statt den Vorrang des Amtes, die Rechtfertigung aus Gnade statt aus eigener Leistung, die Bibel als Richtlinie im Sinne von "was Christum treibet" statt der Tradition als Maßstab für kirchliche Entscheidungen. Sie kritisierten das Gewicht und die Familienfeindlichkeit der bisherigen Pfarramtspraxis und einen Konfessionalismus. Einigen Theologinnen war ihre konfessionelle Identität auch gleichgültig.

5.3.6. Sozialethische Aspekte

Auf seiten des Landeskirchenrates und des Landesbischofs dominierte bis in die 70er Jahre hinein die Auffassung, daß sich die Kirche durch ihre Bewahrung traditioneller, patriarchaler und hierarchischer Ordnungen von der Gesellschaft und ihren Tendenzen zu unbiblischer Emanzipation, Anarchie, Auflösung tragender Ordnungen unterscheiden müsse.

Die Theologinnen wiesen dagegen seit ihrer Denkschrift 1938 darauf hin, daß die Kirche die gesellschaftliche Entwicklung wahrnehmen und durch geeignete Arbeitsformen darauf reagieren müsse. Dabei erachteten sie 1938 die Aufgliederung der Gesellschaft z.B. nach Geschlechtern und Altersstufen, nach 1945 die Gründung neuer Stadtrandsiedlungen und den Wandel von patriarchalen zu partnerschaftlichen Arbeitsformen in der Gesellschaft als bedeutsam für neue Formen kirchlicher Arbeit. Sie sahen in der Theologinnenarbeit gerade die Möglichkeit einer Brückenfunktion. Sie wollten Formen entwickeln, um den Menschen helfen, die Umbrüche in der Gesellschaft zu verarbeiten, z.B. auch die Veränderungen in der Familie, in der nicht mehr der Mann an der Spitze steht und allein die Verantwortung trägt. Statt geschlossener Kreise wollten sie neue differenzierte Arbeits- und Amtsformen entwickeln, die von den Prinzipien Arbeitsteilung und von der gesellschaftlichen Berufsstruktur ausgingen.

Die Kirchenleitung bewertete erstmals 1975 nach der Integration der Theologinnen ins Pfarrerrecht die Theologinnenarbeit als positive Möglichkeit, als berufstätige Ehefrauen und Mütter "Salz der Erde" zu sein. Dies bedeute nicht Anpassung an den Zeitgeist. Die Theologinnen sahen in den 80er Jahren die Notwendigkeit, das Berufsprofil und die Leitungspositionen zu verändern. Sie kritisierten die falsche Ursachenanalyse des Landeskirchenrates, daß die Berufsarbeit der Frauen bzw. der "Doppelverdiener" Schuld an der Arbeitslosigkeit sei. Diese Ursachenanalyse lag jedoch dem Grundsatzbeschluß des Landeskirchenrates zugrunde, der die Glaubwürdigkeit der Kirche und die Verkündigung des Pfarrers in Frage gestellt sah, wenn eine Pfarrfamilie zwei Einkommen bezog. An der Orientierung am staatlichen Beamtenrecht hielt die ELKiB fest. Allerdings ging sie partiell mit dem Erprobungsgesetz und vor allem mit der Ordination ins Ehrenamt neue Wege, für die sie sogar biblische Vorbilder sah. Synodale wiesen auf die Bedeutung des Pfarrers als Bindeglied zwischen den gesellschaftlichen Schichten hin. Die Theologinnen forderten im Umgang mit dem Erziehungsurlaub ein vorbildhaftes Verhalten der Kirche als Arbeitgeberin durch Übernahme der staatlichen Bestimmungen. Dies fand jedoch keine


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Berücksichtigung. Ein Gewerkschaftler sah in der Einschränkung der Theologinnenarbeit durch das Erprobungsgesetz und durch den 100%-Beschluß aufgrund der geringen Souveränität der Betroffenen und der großen Entscheidungsmacht des Landeskirchenrates ein negatives Vorbild für die Gesellschaft.
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Wed Jul 5 17:32:57 2000