Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

TEIL C: Die Theologinnenarbeit in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs (ELLM)

Kapitel 1. Vorbemerkungen

Die Beschäftigung mit der Theologinnenarbeit begann in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburg-Schwerin Mitte der 20er Jahre unseres Jahrhunderts. Sie wurde ausgelöst durch eine Umfrage der DEK unter allen deutschen evangelischen Landeskirchen. Theologisch ausgebildete Frauen waren zu diesem Zeitpunkt in Mecklenburg nicht vorhanden. Die Orientierung an der Entwicklung außerhalb der eigenen Landeskirche kennzeichnete auch nach 1945 die Entwicklung in der ELLM hinsichtlich der Theologinnenarbeit, nun in einem Bemühen um gemeinsame Regelungen auf der Ebene von VELKD und später VELK-DDR. Darin liegt auch der Grund, daß die Diskussion in diesen lutherisch-konfessionellen Zusammenschlüssen im Zusammenhang mit der Entwicklung in der ELLM dargestellt wird. Die ersten voll ausgebildeten mecklenburgischen Theologinnen wurden allerdings aufgrund ihrer Beteiligung an der kirchenpolitischen Opposition der Bekennenden Kirche gegen das DC beherrschte Kirchenregiment nicht entsprechend den relativ großzügigen Regelungen der mecklenburgischen Theologinnengesetze tätig, die Ende der 20er Jahre beschlossen worden waren. Nach 1945 wechselten diese ersten Theologinnen teilweise die Landeskirche oder gingen in andere übergemeindliche oder wissenschaftlich-theologische Arbeitsfelder. Erst ab Mitte der 50er Jahre wuchs die Zahl der Theologinnen im pastoralen Bereich. Dadurch und aufgrund des Mangels an pastoralen Arbeitskräften kam es erneut zur Diskussion über Umfang und Form der Theologinnenarbeit. Diese Diskussion wurde längere Zeit mit Rücksicht auf die Meinungsbildung in der VELKD bzw. VELK-DDR geführt. Einen der dabei eingegangenen Kompromisse stellte der "doppelte Weg“ im Theologinnengesetz von 1965 dar, das sowohl die Einsegnung als auch die Ordination von Theologinnen ermöglichte. Da es sich in der Praxis nicht bewährte, wurden die Theologinnen 1972 ihren männlichen Amtskollegen weitgehend gleichgestellt. Geschlechtsspezifische Akzente blieben die Möglichkeit der Teilzeitarbeit und der Beurlaubung aus familiären Gründen, die Tendenz zu Anstellungsformen mit staatlichem Sozialversicherungsverhältnis, vor allem für verheiratete Theologinnen, und die Suche nach befriedigenden Arbeitsformen für TheologInnenehepaare.

Einen Einblick in die Entwicklung im sozioökonomischen Kontext, in die Frauenrealität in der DDR nach 1945, sowie in die kirchengeschichtliche Entwicklung der ELLM ab Mitte des 19. Jahrhunderts vermittelt das zweite Kapitel. Nachdem in der Zeit bis 1945 die mecklenburgischen Frauen im gleichen sozioökonomischen Kontext wie die bayerischen Theologinnen lebten, wird für den Zeitraum bis 1945 auf die entsprechenden Passagen im bayerischen Teil B verwiesen. Im vierten Kapitel stelle ich die subjektive Reflexion der Theologinnen hinsichtlich ihrer Berufsgeschichte, der geschlechtsspezifischen Aspekte ihrer Arbeit sowie ihres Amts- und Ökumeneverständnisses dar. Das fünfte Kapitel stellt die Bezüge zwischen dem sozioökonomischen Kontext, der kirchlichinstitutionellen Entwicklung, den historischen Schritten des Weges von theologisch gebildeten Frauen ins pastorale Amt sowie ihrer subjektiven Reflexion her.

Die Quellenbasis für die Darstellung des sozioökonomischen Kontextes war ausgesprochen gut, da nach der politischen Wende 1989 eine ganze Reihe neuer Veröffentlichungen erschienen sind, die teilweise auch eine kritische Perspektive auf die vor 1989 erschienenen Publikationen werfen. Für die Darstellung des kirchengeschichtlichen Kontextes der ELLM benutzte ich neben den beiden Darstellungen von Stüber und Schnoor auch eine Reihe von Kirchenzeitungsartikeln sowie Beiträge aus dem Umfeld der Diskussion über "Kirche im Sozialismus", der kirchenpolitischen Ortsbestimmung in den 70er und 80er Jahren, an der gerade auch die ELLM durch Bischof Rathke und dessen Engagement auf der Ebene der BEK-DDR teilhatte. Der Darstellung der Geschichte der Theologinnenarbeit in der ELLM liegen vor allem unveröffentlichte schriftliche Quellen aus dem Landeskirchlichen Archiv in Schwerin (LKAS) hinsichtlich der Behandlung der Theologinnenfrage durch die kirchliche Verwaltung sowie die Zeugnisse von der synodalen Behandlung des Themas in den entsprechenden Synodenakten zugrunde. Darüber hinaus bezog ich Dokumente und mündliche Zeugnisse einzelner Theologinnen sowie einige Veröffentlichungen in der mecklenburgischen Kirchenzeitung und eine Diplomarbeit von Petra Bobsin ein, die sich mit der geschichtlichen Entwicklung der Theologinnenarbeit in der ELLM und dem Selbstverständnis der mecklenburgischen Theologinnen beschäftigte.<668> Eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten zur Entwicklung der Theologinnenarbeit aus der Perspektive der Theologinnen bzw. ihres Zusammenschlusses, wie sie in


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den beiden anderen Kirchen anzutreffen war, existierte in der ELLM leider nicht. Die Grundlage für die Darstellung der subjektiven Reflexion bildeten wiederum Interwiews mit Theologinnnen aus der betreffenden Kirche, über deren Entstehung und Verwendung in den Vorbemerkungen zum vierten Kapitel Auskunft gegeben wird.

Fußnoten:

<668>

Siehe BOBSIN, Die Frau im Pfarramt, Rostock 1987 (Diplomarbeit an der WPU Rostock, Sektion Theologie).


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Wed Jul 5 17:32:57 2000