Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

TEIL C: Die Theologinnenarbeit in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs (ELLM)

Kapitel 4. Die subjektive Reflexion der mecklenburgischen Theologinnen - Auswertung der Interviews mit Theologinnen der ELLM

4.1. Vorbemerkungen:

Als Grundgesamtheit galten die 45 Anfang 1990 in einem Anstellungsverhältnis der ELLM stehenden ordinierten Theologinnen. Diese Zahl, die mit der im Handbuch der ELLM aus dem Jahre 1987 ermittelten Anzahl<1096> und einer "Statistik zur Anstellung von Theologinnen und Theologen"<1097> der ELLM vom 15.3.1987 übereinstimmte, gab die Vertrauenstheologin des mecklenburgischen Theologinnenkonventes, Inge Heiling, Anfang 1990 als den zu diesem Zeitpunkt aktuellen Stand der im aktiven Dienst der ELLM stehenden Theologinnen an.


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Aufgrund der Angaben in den eben genannten Quellen ergab sich folgendes Bild für die Gesamtzahl der 45 im aktiven Dienst der ELLM stehenden Theologinnen sowie zusätzlich einer pensionierten Theologin, die noch vertretungsweise mit einem Teilauftrag im Dienst der ELLM stand: Von den 46 Theologinnen gehörten zwei den Geburtsjahrgängen 1920-1929, 17 den Geburtsjahrgängen 1930-39, 10 den Geburtsjahrgängen 1940-49 und 18 den Geburtsjahrgängen 1950-59 an. Die Lebensform von 23 dieser Theologinnen war die Ehe, 22 Theologinnen lebten als Ledige und eine war verwitwet. Fast alle verheirateten Theologinnen hatten Kinder, meist mehrere. Zwölf der 23 verheirateten Theologinnen waren mit einem Berufskollegen verheiratet. Die Ehemänner der elf anderen Theologinnen waren in einem anderen Beruf tätig, meist im technischen, wissenschaftlichen oder handwerklichen Bereich.

Die Arbeitsform der Theologinnen lag gemäß der Statistik von 1987 für 38 der 45 im aktiven Dienst stehenden Theologinnen im gemeindlichen Bereich und für sieben im übergemeindlichen Bereich. 34 Theologinnen hatten eine volle Anstellung, und elf übten eine Teilbeschäftigung aus.

Nach Auskunft des Handbuchs und der mündlichen Aktualisierung durch Inge Heiling arbeiteten von den in Gemeindepfarrämtern tätigen Theologinnen etwa je die Hälfte in städtischen bzw. in ländlichen Gemeinden. Drei Theologinnen hatten als von ihren Propsteikonventen gewählte Pröpstinnen Leitungspositionen inne.

Das Bestreben einer repräsentativen Auswahl aus der geschilderten Grundgesamtheit der mecklenburgischen Theologinnen unter Zugrundelegung der Aspekte Alter, Lebens- und Arbeitsform ergab folgende Tendenz im Blick auf die ausgewählten 20 Interviewpartnerinnen:

Eine pensionierte Theologin aus den Geburtsjahren 1920-29 wurde einbezogen, die nach ihrer Pensionierung noch einen kirchlichen Arbeitsauftrag in der Krankenseelsorge hatte. Sechs Theologinnen aus der in den 30er Jahren geborenen Generation wurden ausgewählt sowie vier in den 40er Jahren geborene Theologinnen. Neun der befragten Theologinnen waren in den 50er Jahren geboren. Dies bedeutet eine gewisse Überrepräsentanz der jüngeren Theologinnengeneration. Bei der Interviewauswertung nahm ich eine altersmäßige Gruppierung vor, indem ich zwischen einer älteren, mittleren und jüngeren Theologinnengeneration unterschied.

Hinsichtlich der Lebensform wählte ich einen quasi repräsentativen Querschnitt von zehn verheirateten, neun ledigen sowie einer verwitweten Theologin aus. Bei den verheirateten Pastorinnen dominierte die Zahl der sechs nicht mit Theologen verheirateten Pastorinnen leicht im Verhältnis zu deren Anteil an der Grundgesamtheit.

Bezüglich der Arbeitsform hatten lediglich drei der befragten Theologinnen eine 50%-Teilbeschäftigung. Davon arbeiteten eine Theologin im gemeindlichen Bereich und zwei in der übergemeindlichen Arbeit, die eine in der vordiakonischen Ausbildungsarbeit, die andere im Bereich der Altenheimseelsorge. Zwei weitere Theologinnen waren als Leiterin der Evangelischen Frauenhilfe bzw. als theologische Mitarbeiterin im Landesjugendpfarramt im übergemeindlichen Bereich als Vollbeschäftigte auf arbeitsvertraglicher Basis angestellt. Von den 15 Theologinnen, die vollbeschäftigt im gemeindlichen Bereich arbeiteten, leisteten neun diesen Dienst im ländlichen Bereich und sechs in städtischen, bzw. kleinstädtischen Gemeinden. Hinzu kam noch die Pensionärin, die eine übergemeindliche Teilaufgabe im städtischen Bereich wahrnahm.

Zur Strukturierung bei der Interviewauswertung faßte ich als erste Gruppe die ledigen Theologinnen aus den Geburtsjahrgängen 1925 bis 1939 zur Gruppe der "älteren" Theologinnen zusammen. Die Theologinnen dieser Altersgruppe hatten sich bei ihrem Berufseintritt für die Alternative Beruf oder Familie zu entscheiden und waren im beruflichen Bereich mit gegenüber der vollen Pfarramtsausübung als ordinierter Pastorin eingeschränkten Kompetenzen als unmittelbarer Berufsperspektive konfrontiert gewesen. Als eine zweite Gruppe betrachtete ich diejenige der verheirateten Theologinnen, die in den Jahren 1932 bis 1951 geboren waren und die als Folge ihrer Eheschließung eine Einschränkung ihrer beruflichen Laufbahn hinnehmen mußten. Ihnen stand als dritte Gruppe die der ledigen Theologinnen aus den Geburtsjahrgängen 1939 bis 1947 gegenüber, die von der Möglichkeit der Erweiterung der beruflichen Kompetenzen für ledige Theologinnen ab Mitte der 60er Jahre profitierten und in der Regel einen uneingeschränkten Berufsweg vorweisen konnten. Als weitere Gruppen sah ich jeweils die Gruppen der verheirateten bzw. unverheirateten Theologinnen an, die ab dem Jahre 1952 geboren waren und so nach Studienabschluß jeweils einen schon weitgehend ihren männlichen Berufskollegen gleichgestellten Berufsweg antreten konnten. Teilweise bot sich bei der Auswertung einzelner Aspekte auch eine Differenzierung nach Alter und Lebensform an.

Die Interviews mit den zwanzig ausgewählten mecklenburgischen Theologinnen führte ich im Zeitraum zwischen der Wahl zur ersten freien Volkskammer der DDR am 18. März 1990 und der


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Währungseinheit am 1.7.1990 durch. Dieser Zeitraum erwies sich im Vergleich zu manchen mit einigen mecklenburgischen Theologinnen in den Jahren 1987 und 1988 geführten Gesprächen über ihre berufliche Situation als durchaus günstig. Zum einen waren unverklausulierte Gespräche ohne Angst vor staatssicherheitsdienstlichen Folgen möglich. Zum zweiten stand bei vielen der befragten Theologinnen angesichts der in Gang gekommenen Veränderungen im gesellschaftlichen Umfeld ein persönlicher Rückblick auf die bisherige Lebens- und Berufserfahrungen an. Zum dritten war jedoch ihre pastorale Arbeit noch von der sozioökonomischen Situation der DDR bestimmt. Die Gemeindeglieder waren im allgemeinen sozioökonomisch noch nicht entwurzelt, wie dies ab dem Herbst 1990 in Gang kam.<1098> In der Regel fanden die Interviews im Rahmen ein- oder mehrtägiger Besuche der Verfasserin am Wohn- und Arbeitsort der betreffenden Theologin der ELLM statt.

4.2. Die Arbeitssituation der Theologinnen

4.2.1. Arbeitsformen und Arbeitsinhalte

Fast alle der in der Gemeindearbeit stehenden befragten Theologinnen der ELLM gaben als einen der Schwerpunkte in ihrer Gemeindearbeit das Abhalten sonntäglicher Gottesdienste an. In einigen Gemeinden, in denen mehrere PfarrerInnen vorhanden waren, hielten die Pastorinnen im vierzehntägigen Wechsel mit ihren Kollegen den Sonntagsgottesdienst, wobei sich durch Fest- und Sondergottesdienste die durchschnittliche Anzahl der zu gestaltenden Gottesdienste meist auf etwa drei pro Monat belief. Einen speziellen Kindergottesdienst bzw. die Anleitung eines KindergottesdiensthelferInnenkreises erwähnte nur eine Theologin. Dagegen berichteten mehrere Theologinnen der mittleren und jüngeren Generation von spezifischen Gottesdienstformen, teilweise auf gemeindlicher, teilweise auf übergemeindlicher Ebene. So hielt eine Theologin Passionsandachten, drei andere Theologinnen regelmäßig Friedensgottesdienste bzw. -gebete. Eine Theologin berichtete von Gottesdiensten mit spezifischen sozialdiakonischen Inhalten, die sich am Kirchenjahr orientierten. An spezielle AdressatInnengruppen richteten sich drei Theologinnen mit Familiengottesdiensten, zwei mit Hausgottesdiensten vor allem für alte und kranke Gemeindemitglieder. Eine Theologin feierte im Sommer Sonntagsgottesdienste, die speziell auf Urlaubsgäste ausgerichtet waren.

Neben dem gottesdienstlichen Bereich waren auch alle Theologinnen mit dem Erteilen von kirchlichem Unterricht beschäftigt. Christenlehre erteilten vor allem die jüngeren Theologinnen und etwa die Hälfte der Befragten aus der mittleren und älteren Generation. Für den KonfirmandInnenunterricht waren fast alle Theologinnen teilweise im zweijährigen Wechsel mit ihren Kollegen in der Gemeinde zuständig. KonfirmandInnenunterricht für erwachsene Menschen jenseits des üblichen Konfirmationsalters führten fünf, vor allem ältere Theologinnen durch.

Vor allem jüngere Theologinnen berichteten, daß sie einen Teil ihrer Arbeit mit bestimmten Gruppen innerhalb der Gemeinde in Form von Rüstzeiten konzipierten. Insbesondere bei einer jungen Theologin stand diese Arbeitsform im Zentrum ihrer auf das Miteinanderleben und auf das Erleben ausgerichteten Gemeindearbeit. Sie startete jeweils einmal im Jahr mit der Jungen Gemeinde, dem Altenkreis, dem Ehepaarkreis und dem Christenlehrekreis zu einem mehrtägigen Zusammensein. Zwei Theologinnen der mittleren Generation gaben an, daß sie neben KonfirmandInnenrüstzeiten auch Begegnungsfahrten für Familien und Trauernde anboten. Bei den älteren Theologinnen schien diese Arbeitsform dagegen weniger Anklang zu finden, denn nur zwei der aus dieser Gruppe befragten Theologinnen berichteten, daß sie mit ihren KonfirmandInnen Rüstzeiten veranstalteten.

Als weiterer Schwerpunkt der Theologinnenarbeit neben der Gottesdienstarbeit und dem Erteilen von Unterricht zeichnete sich in den Interviews das Engagement der Theologinnen für die Entwicklung bestimmter Gemeindekreise ab, die meist auf bestimmte AdressatInnen ausgerichtet waren, z.T. jedoch auch auf einen bestimmten Inhalt oder eine bestimmte Arbeitsform. Als priorisierte Zielgruppe


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benannten einige Theologinnen die Frauen, während andere Theologinnen explizit geschlechtsspezifische Arbeitsformen wie Frauenkreise ablehnten. So gaben zwei ältere, eine mittlere und zwei jüngere Theologinnen an, daß sie einen Frauenkreis leiteten. Je eine weitere Theologin aus jeder Altersgruppe berichtete von ihrer Arbeit in einem Rentnerinnen- bzw. Mütterkreis. Insgesamt war also etwa die Hälfte der Theologinnen im Gemeindebereich mit einem frauenspezifischen Kreis beschäftigt. Als zweite Zielgruppe für die Gemeindekreisarbeit nannten acht Theologinnen vor allem aus der mittleren Generation die SeniorInnen. Die Theologinnen der jüngeren und auch der mittleren Generation boten fast alle in ihren Gemeinden Gesprächsgruppen an, die sie teilweise im Wechsel mit ihren Kollegen moderierten. Eine Mischform zwischen gesellschaftspolitische Themen einbeziehendem Gesprächskreis und Bibelkreis praktizierten vier Theologinnen in Kreisen für junge Erwachsene und in Hauskreisen. Als weitere Formen von regelmäßiger Gruppenarbeit gaben zwei Theologinnen die Elternarbeit und drei die Veranstaltung eines Singkreises an.

Von besonderen Arbeitsformen in ihrer gemeindlichen Arbeit berichteten sechs Theologinnen, die aus allen drei Theologinnengenerationen kamen. Sie luden zu diakonischen Wochenenden und Einsätzen ein, thematisierten die Situation der Zweidrittelwelt in Wochenendkursen, gingen in ihrer Gemeindearbeit auf spezifische Gruppierungen wie alternativ gesinnte KünstlerInnen oder Ausreisewillige zu und erprobten mit ihnen neue Arbeitsformen. Je drei Theologinnen führten außerdem Bibelwochen mit spezifischen Akzenten durch. Mehrere waren in der Begegnungsarbeit mit Partnerkirchen in der BRD und in den Niederlanden sehr engagiert.

Hausbesuche vor allem bei alten und kranken Gemeindegliedern erwähnten elf Theologinnen. Die Zahl der anfallenden Amtshandlungen differierte bei den Theologinnen stark. So hatte die eine etwa zwei, die andere etwa zwanzig Beerdigungen pro Jahr. Taufen und Trauungen hielten dagegen alle Theologinnen erheblich weniger. Die Zahl reichte von durchschnittlich einer bis zu drei, vier Trauungen sowie einer bis zu acht Taufen in durchschnittlichen Jahren.

Die Verwaltungsarbeit bezeichneten fast alle Theologinnen als sehr belastend. Sie beklagten ihre fehlende Kompetenz in diesem Bereich und äußerten den Wunsch nach Vereinfachung. Was die Gremienarbeit anbelangte, hatten fast alle der befragten Theologinnen entweder ständig den Vorsitz des Kirchgemeinderates, sofern sie allein in der Gemeinde waren, oder sie übernahmen diesen im regelmäßigen zweijährigen Turnuswechsel mit ihrem Kollegen. Nur in zwei Fällen erwähnten sie regelmäßige Dienstbesprechungen in der Gemeinde explizit. Die Arbeit im Pfarrkonvent schätzten mehrere als recht unergiebig ein.

Von den drei mit Theologen bzw. Berufskollegen verheirateten Theologinnen war nur eine Theologin im Gemeindedienst tätig. Sie hatte eine volle Pfarrstelle inne. Die betreffenden drei Ehemänner dieser TheologInnenehepaare arbeiteten in zwei Fällen in übergemeindlichen kirchlichen Leitungspfarrstellen, der dritte war im universitären Bereich beschäftigt. Über Erfahrungen mit einer gemeinsamen gemeindlichen Tätigkeit mit ihrem Ehemann im Pfarramt verfügte eine in dieser Zeitphase partiell als Katechetin eingestellte Theologin und eine verwitwete Theologin. Beide berichteten, keine festen Arbeitsfeldaufteilungen mit ihren Ehemännern in dieser Arbeitsphase ihres Lebens getroffen zu haben. Die Theologinnen, die in den übergemeindlichen Arbeitsfeldern tätig waren, hatten dort meist mit Frauen zu tun, so daß deren Arbeit unter 4.3. ausführlicher zur Sprache kommen soll.

Eine ganze Reihe der befragten Theologinnen aus den verschiedenen Theologinnengenerationen hatte jeweils unterschiedlich umfangreiche Leitungsfunktionen inne. Zwei ältere unverheiratete Theologinnen hatten ihre Propsteikonvente zu Pröpstinnen gewählt. Die anderen Theologinnen aus dieser Altersgruppe waren nicht für verantwortungsvolle kirchenleitende Tätigkeiten angesprochen worden. Teilweise hatten sie jedoch früher Beiträge für die Kirchenzeitung geschrieben oder spezifische kirchliche Funktionen übernommen. Für die Beteiligung an kirchenleitenden Gremien schlug die Kirchenleitung vor allem verheiratete Theologinnen der mittleren Generation vor, z.B. für die Mitarbeit in der Synode der Landeskirche, in der Synode des BEK/DDR bzw. für bestimmte Kommissionen auf Bundesebene, die sich mit der Frage des Verhältnisses der Geschlechter, Ehe- und Familienberatung bzw. Kinder- und Konfirmandenarbeit beschäftigten. Eine Theologin dieser Generation engagierte sich in der Kirchentagsarbeit. Von den Theologinnen der jüngeren Generation waren es ebenfalls vor allem die verheirateten Theologinnen, die neben ihrer vollen Gemeindepfarrstelle noch eine Sonderaufgabe wie SchülerInnenarbeit, Friedensarbeit, Arbeit mit Gehörgeschädigten und Mitarbeit im Kirchenkreisrat übernommen hatten. Einzelne äußerten, daß sie sich bewußt ein übergemeindliches Arbeitsfeld als Ergänzung ihrer Gemeindearbeit und eventuell als Vorbereitung für einen späteren völligen Wechsel in die übergemeindliche Arbeit gewählt hatten. Manche empfanden die in der offiziellen Kirchenstruktur vorgesehenen Leitungs- und Partizipationsaufgaben wie Pröpstin oder Mitarbeit im Kreiskirchenrat als schwierig und wenig produktiv. Dagegen bewertete eine Theologin ihre mehrjährige umfangreiche synodale Arbeit als sehr anregend


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und bedauerte es, nicht schon in jüngeren Lebensjahren dazu Zugang gehabt zu haben. Gleichzeitig wies sie aber auch auf ihre Erfahrung hin, daß in der Kirche die Hierarchie eine große Rolle spiele. Je weiter sich ein Gremium von der Gemeindebasis entferne, entpuppe sich dieses Gremium umso mehr als Männerdomäne, und Redebeiträge von Frauen fänden nur wenig Beachtung.

4.2.2. Die Arbeitsbedingungen der Pastorinnen

Von den befragten Theologinnen arbeiteten nur drei verheiratete Theologinnen auf halben Stellen und erhielten dafür die halbe Besoldung. Die subjektive Bewertung der Besoldungshöhe im Blick auf ihre Angemessenheit unterschied sich grundsätzlich zwischen den unverheirateten Theologinnen, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten mußten, und den verheirateten Theologinnen, bei denen in der Regel der Ehemann einen weiteren oder sogar den wesentlichen Beitrag zum Familieneinkommen leistete.

Die unverheirateten Theologinnen bezeichneten in der Mehrzahl ihr Monatsgehalt, das in den 80er Jahren etwa 600-700 Mark der DDR betragen hatte, als knapp, aber grundsätzlich für eine Person zum Leben ausreichend, während Familien mit einem Alleinverdiener damit Schwierigkeiten haben würden. Mehrere gaben an, daß die einmalige jährliche Westgeldzahlung durch die Bruderhilfe aus den westdeutschen Kirchen einen wichtigen Bestandteil ihrer Alimentierung darstellte, um sich z.B. bessere Kleidung kaufen zu können. Die besoldungsmäßige Gleichstellung mit ihren männlichen Kollegen empfanden sie als gerecht, während sie die frühere Beschränkung der Theologinnenbesoldung auf 90% des männlichen Pfarrern zustehenden Gehaltes als ungerecht ablehnten. Die Besoldungshöhe bezeichneten sie als bescheiden für eine Akademikerin, aber sie hielten sie für gerechtfertigt, da die Kirche nicht mehr Geld zur Verfügung hatte. Die Bestrebungen nach weitgehender Angleichung der PastorInnenlöhne an die Gehälter der anderen kirchlichen MitarbeiterInnen begrüßten sie im allgemeinen. Als nicht unproblematisch bezeichnete es eine Theologin, daß der Hausmeister in ihrer Gemeinde das höchste Gehalt bekommen habe, da technisch-handwerkliche Kräfte auch in der Gemeinde vergleichbar ihrem Einkommen im staatlich-industriellen Bereich entlohnt wurden, um diese angesichts des allgemeinen Arbeitskräftemangels im kirchlichen Dienst zu halten.

Die verheirateten Theologinnen maßen der Lohnfrage weniger Bedeutung zu, da oft das Gehalt ihres Ehemannes einen wesentlichen Teil des Familienbedarfes bestreiten half. Ohne dieses zweite Einkommen, wie dies in manchen Familien ihrer männlichen Kollegen der Fall war, in denen die Ehefrau ehrenamtlich in der Gemeinde ihres Mannes mitarbeitete, hielten es die verheirateten Theologinnen für nur schwer vorstellbar, eine Familie zu versorgen. Prinzipiell erachteten es auch die verheirateten Theologinnen der mittleren Generation für angemessen, daß sie den Lohn in der gleichen Höhe wie ihre männlichen Kollegen erhielten.

Insgesamt gab die Mehrheit der verheirateten Theologinnen der mittleren und jüngeren Generation einerseits an, daß ihr Lohn an der unteren Grenze der Arbeitseinkommen in der DDR lag, daß sie aber andererseits keine Lohnerhöhung gefordert hätten, da die Kirche in der DDR ohnehin nicht aus eigenen Mitteln gelebt habe und jede Lohnerhöhung die Kirche noch mehr von Fremdbestimmung abhängig machen würde. Außerdem müsse die Höhe des PastorInnenlohnes in einem angemessenen Verhältnis zu den Geldmitteln stehen, die die Gemeinden sonst für ihre Arbeit zur Verfügung hätten. Mehrere Theologinnen bewerteten es außerdem als positiv für ihre Akzeptanz in der Gemeinde, daß sie finanziell nicht besser gestellt waren als ihre Gemeindeglieder, sondern sich ihr Einkommen eher an dem von schlechter bezahlten DDR-BürgerInnen orientierte. Als zusätzliche Einkommensquellen gaben mehrere Theologinnen das vom Staat gezahlte Kindergeld, staatliche Subventionen für bestimmte Artikel wie Grundnahrungsmittel, aber auch Kinderkleidung an. In manchen Fällen erhielten sie auch Sachspenden von Gemeindegliedern für den Pfarrhaushalt. Auffällig war, daß eine erhebliche Anzahl vor allem der verheirateten Pastorinnen äußerte, daß sie sich bisher wenig um ihre Lohnhöhe gekümmert hatten und diese nicht genau benennen konnten. Von den drei verheirateten Theologinnen, die als Teilbeschäftigte arbeiteten, gaben zwei an, daß sie angesichts ihrer wesentlich umfangreicheren Arbeitszeit die halbe Bezahlung als unzureichend empfanden, auch wenn sie durch das Gehalt ihres Mannes keine Schwierigkeiten mit der Sicherung ihres Lebensunterhaltes hatten.

Auch hinsichtlich des jeweiligen anstellungs- und versorgungsrechtlichen Status der Theologinnen war eine grundsätzliche Differenz zwischen der Situation der ledigen und der verheirateten Theologinnen festzustellen. Tendenziell waren die unverheirateten Theologinnen eher im beamtenähnlichen Status angestellt und zahlten dementsprechend ihren monatlichen Versicherungsbetrag in Höhe von 10 Mark an die Deutsche Versicherungskasse (DVK). Sie hatten damit einen Sonderstatus gegenüber anderen kirchlichen MitarbeiterInnen und auch manchen anderen Theologinnen, die als Angestellte in der staatlichen Sozialversicherungskasse (SVK) waren und nach einem Anstellungsvertrag entsprechend den staatlich vorgesehenen arbeitsvertraglichen Regelungen arbeiteten. Drei unverheiratete


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Theologinnen zahlten als Angestellte ihre Beiträge zur SVK. Zwei davon hatten durch eine langjährige vorherige Berufstätigkeit bzw. ein Zusatzstudium schon langjährige Anwartschaften in der SVK erworben. Bei einer jüngeren unverheirateten Theologin begründete die Kirchenleitung mit der Einstufung ihrer Stelle als die einer kirchlichen Mitarbeiterin und nicht einer Theologin, daß sie die Theologin SVK versicherte. Von den verheirateten vollerwerbstätigen Theologinnen der mittleren und jüngeren Generation war nur ein Teil als Beamtinnen angestellt und infolgedessen bei der DVK versichert. Mehrere Theologinnen berichteten, daß die Kirchenleitung ihnen geraten hatte, sich bei der staatlichen Sozialversicherungskasse zu versichern, da in diesem Fall die staatliche Versicherung und nicht die kirchliche Versorgungskasse den Theologinnen ihr Einkommen während des Babyjahres bezahlen müßte. Manche der verheirateten Theologinnen hatten jedoch eine Rechtsauskunft eingeholt und sich nach den grundsätzlichen Konsequenzen dieser Entscheidung für ihr Anstellungsverhältnis erkundigt. Zum Teil hatten sie dann auch unter Hinweis auf die geschlechtsdiskriminierende Qualität dieses kirchenleitenden Ratschlags eine beamtenähnliche Anstellung durchgesetzt. In einem Fall forderte eine Theologin eine Gleichbehandlung mit ihrem ebenfalls von der ELLM angestellten Ehemann. Die im Teilbeschäftigtenstatus tätigen Theologinnen waren alle bei der SVK versichert, in zwei Fällen auf Zuraten der Kirchenleitung, in einem Fall auch auf eigenen Wunsch, um die bisher erworbenen Rentenversicherungsansprüche zu wahren.

Ihre Wohnsituation beschrieben mehrere der älteren Theologinnen als ausgesprochen schlecht. Sie äußerten die Erfahrung, daß nach ihrer Auffassung oft sogar deswegen eine Theologin für eine Pfarrstelle gesucht wurde, weil die damit verbundene Wohnsituation für einen Pfarrer und insbesondere für eine Pfarrfrau als unzumutbar angesehen worden war. Manche ältere Theologinnen im Gemeindedienst wohnten in solchen Wohnungen mit ihren alt gewordenen Müttern zusammen und erfuhren in dieser Situation die schlechten Wohnbedingungen als besonders bedrückend. Eine ältere Theologin kritisierte das Fehlen eines Arbeits- oder Amtszimmers. Eine andere betonte, daß die über Jahrzehnte eingeschränkten Wohnverhältnisse die Wahrung und Gestaltung eines Privatbereiches verhindert hatten. Mehrere unverheiratete Theologinnen der mittleren und jüngeren Generation beurteilten dagegen ihre Wohnverhältnisse als gut. Allerdings sahen sie dies oft als Ergebnis ihres unnachgiebigen Bestehens auf einer befriedigenden Wohnsituation bzw. eines mehrmaligen Wohnungswechsels an.

Die Bezahlung des Wohnens in der Dienstwohnung erfolgte bei den in der Gemeindearbeit stehenden Theologinnen über die Versteuerung des Mietwertes in Form eines Gehaltsabzuges. Eine in einer allgemeinkirchlichen Mitarbeiterinnenstelle tätige Theologin hatte keinen Rechtsanspruch auf eine Dienstwohnung und hatte die Miete ihrer kirchlichen Mitarbeiterwohnung voll selbst zu tragen.

Die verheirateten Theologinnen bewohnten, gleich ob ganz oder halb in der Gemeinde angestellt, teilweise eine Dienstwohnung im Pfarrhaus, die versteuert wurde, teilweise eine Privatwohnung im Gemeindebereich, für die sie einen Mietzuschlag zum Gehalt erhielten. Mehrere Theologinnen, die in Pfarrhäusern wohnten, wiesen darauf hin, daß ihre in der Regel inzwischen durchaus befriedigende Wohnsituation auch auf ihr eigenes Engagement bei der Renovierung des Pfarrhauses zurückging. Die verheirateten Theologinnen, die in übergemeindlichen Stellen tätig waren, wohnten in Privatwohnungen, bzw. zwei in Teilbeschäftigungsverhältnissen tätige Theologinnen in der Dienstwohnung ihres Ehemanns. So hatte dieser als vollbeschäftigter Pfarrer in einer übergemeindlichen Stelle einen Anspruch auf eine Dienstwohnung, während einer auf einer übergemeindlichen Stelle teilbeschäftigten Theologin ein solcher nicht eingeräumt wurde. Diese kirchenleitende Auffassung führte zum Konflikt, als der Ehemann einer teilbeschäftigten Theologin vom pastoralen Beruf in ein politisches Amt wechselte und die Dienstwohnung zu räumen war. Bereits vorher war für die teilbeschäftigten Theologinnen in den Dienstwohnungen ihrer Ehemänner kein eigenes Dienst- oder Arbeitszimmer vorgesehen gewesen.

Ein ähnliches Bild wie bei der Dienstwohnung ergab sich auch für die Frage, ob den Theologinnen ein Dienstwagen zur Verfügung stand. So verfügten die unverheirateten Theologinnen der älteren und mittleren Generation fast durchgängig über keinen Dienstwagen. Da ihre Pfarrstellen im städtischen oder kleinstädtischen Umfeld lagen, galt für sie ein Dienstwagen als nicht zwingend nötig. Allerdings erlebten mehrere dieser Theologinnen, daß ihre männlichen Kollegen in der gleichen Arbeitssituation sich oft aus anderen Quellen, z.B. mit dem Geld von Partnergemeinden in der Bundesrepublik, außer der Reihe einen Dienstwagen beschafften. Von den jüngeren unverheirateten Theologinnen verfügte eine auf einer allgemeinkirchlichlichen Stelle tätige Pastorin aufgrund der Beschreibung ihres Arbeitsauftrages über einen Dienstwagen. Eine Theologin hatte nach längerem Kampf durchgesetzt, daß sie in ihrer städtischen Gemeindepfarrstelle dennoch einen Dienstwagen erhielt, da zu dieser Stelle auch Dörfer gehörten, die keinen Busanschluß hatten. Sie mußte allerdings diesen Dienstwagen selbst unterhalten. Dies kostete sie einen nicht unerheblichen Teil ihres Einkommens. Ähnlich stellte


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sich auch die Situation der verheirateten Theologinnen der mittleren Generation dar. Die in Landgemeindepfarrstellen tätigen Theologinnen hatten entsprechend der kirchlichen Regelungen einen Dienstwagen zur Verfügung, den sie selbst unterhalten mußten und über ein Dienstfahrbuch abrechneten. Auch bei den in Teilbeschäftigungsverhältnissen tätigen Theologinnen richtete sich das Vorhandensein eines Dienstwagens primär nach den Anforderungen der betreffenden Stelle, so daß die im städtischen Umfeld tätigen Theologinnen keinen Dienstwagen zur Verfügung hatten, die in einer Landgemeinde arbeitende teilbeschäftigte Theologin dagegen schon.

Was das Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben anbelangte, gaben fast alle unverheirateten Theologinnen an, daß für sie kaum eine Trennung zwischen diesen beiden Lebensbereichen möglich sei. Allerdings unterschied sich je nach Generation stark die Beurteilung dieser Situation. Die meisten älteren Theologinnen sahen die nicht vorhandene Trennung zwischen Beruf und Privatleben als nicht problematisch an, da sie den Kontakt mit Menschen in der Gemeinde als positiv erlebten und kein Bedürfnis nach einer besonders ausgewiesenen Freizeit verspürten. Gelegenheit zum Abstand gegenüber dem Pfarrberuf hattenen sie im Urlaub oder bei Besuchen von Familienangehörigen. Eine unverheiratete ältere Theologin beklagte allerdings das Fehlen von ausreichend Freizeit. Zwei Theologinnen gaben an, daß sie durch die Sorge für ihre pflegebedürtigen Mütter inzwischen auch im Privatbereich erhebliche Belastungen zu tragen hatten. Manche unverheirateten Theologinnen der mittleren Generation empfanden vor allem die unregelmäßige und dem Freizeitrhythmus anderer Menschen entgegenlaufende Arbeitszeitgestaltung im Pfarrberuf als beschwerlich für die Entwicklung verbindlicher Beziehungen im Privatbereich. Eine unverheiratete Theologin der mittleren Generation äußerte sich aber auch zufrieden mit der engen Verbindung zwischen Beruf und Privatleben an ihrem Arbeitsort und erlebte für sich ihren Privatbereich befriedigend aufgrund ihrer regelmäßigen Treffen mit ihrer Herkunftsfamilie an ihren freien Tagen.

Die beiden unverheirateten Theologinnen der jüngeren Generation beschrieben die fehlende Trennung zwischen Beruf und Privatleben vorwiegend als Konflikt, da ihnen Ausgleich und Distanz zu ihrer Berufstätigkeit in Form eines eigenständigen Privatlebens fehlten. Sie sahen die Ursache dieses Zustandes auch in bestimmten kirchlichen Ideologien, wie z.B. "immer im Dienst sein". Sie kritisierten, daß von ihnen teilweise die Arbeitsleistung einer ganzen Pfarrfamilie gefordert werde, in der die Pfarrfrau oft die Aufgabe einer ehrenamtlichen Sekretärin und die Erledigung der reproduktiven Aufgaben übernehme. Allerdings hatte eine von ihnen die in gewissem Rahmen mögliche Flexibilität ihres Zeitumgangs während einer schweren Krankheit ihrer Mutter auch als Chance zu einer gewissen Schwerpunktbildung im privaten Bereich erfahren - für eine begrenzte Phase und unter Inkaufnahme von Mehrarbeit zu anderen Zeiten.

Die verheirateten Theologinnen, die in der gemeindlichen Arbeit standen, benannten zum einen den Konflikt, nie das Gefühl zu haben, mit der Arbeit fertig zu sein und zum anderen ebenfalls das Problem der Hauptarbeitszeit an den Abenden und Wochenenden. Sie bekundeten fast durchgehend, daß sie große Schwierigkeiten hätten, gemeinsame freie Tage mit ihren Kindern und mit ihrem Ehepartner einzuhalten. Zwei verheiratete Pastorinnen der mittleren Generation äußerten, daß ihre Ehemänner Verständnis hatten, daß sie nur wenig Zeit gemeinsam verbringen könnten. Die verheirateten Theologinnen der jüngeren Generation gaben dagegen in zwei Fällen an, daß für sie die Zeitstruktur des Pfarrberufs eine günstige Möglichkeit biete, sich mit ihrem in einem "Normalarbeitszeitberuf" tätigen Ehemann sowie privat angestellten Kinderfrauen bei der Kinderbetreuung zu ergänzen. Allerdings benannten beide als Problem, daß nur wenig gemeinsame Zeit für das Ehepaar verbleibe. Insbesondere die verwitwete jüngere alleinerziehende Theologin erlebte den Konflikt zwischen dem Beruf und genügend Privatleben mit ihrer Tochter als bedrängend. Einige jüngere verheiratete Theologinnen äußerten das Bedürfnis nach einem individuellen Privatleben. Eine Theologin räumte diesem Anspruch durch ihre regelmäßige Teilnahme an einem Chor und dessen Reisen auch in ihrer Lebenspraxis Platz ein. Für grundsätzlich machbar hielten die Abgrenzung zwischen Beruf und Privatleben diejenigen Theologinnen, die auf halben oder ganzen übergemeindlichen Stellen tätig waren. Bei ihnen waren Wohnung und Arbeitsplatz getrennt, und ihre Hauptarbeitszeiten stimmten mit dem gesellschaftlich vorherrschenden Rhythmus zumindest größtenteils überein. Die teilbeschäftigten Theologinnen schufen sich durch die Festlegung bestimmter beruflicher Arbeitszeiten eine günstige Verbindung zwischen Beruf und Privatleben. Die im übergemeindlichen Bereich vollbeschäftigte Theologin erlebte Wochenendrüstzeiten, Urlaubsfahrten, ganztägige Dienstreisen teilweise als konfliktträchtige Kollision mit ihren Verpflichtungen als Mutter, Ehefrau und Hausfrau.

4.2.3. Die Akzeptanz der Theologinnenarbeit durch die Gemeinden, die Kollegen und die Kirchenleitung sowie Kirchenverwaltung

Ihre Akzeptanz durch die Gemeinde bezeichneten die Theologinnen fast durchgängig als sehr gut. Allerdings sei dies das Ergebnis eines längeren Prozesses, an dessen Anfang vor allem den älteren


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Theologinnen, aber auch manchen der mittleren Generation zuerst Ablehnung oder Skepsis entgegen gekommen war. Besondere Zurückhaltung ihnen gegenüber hatten die älteren Theologinnen zunächst bei Amtshandlungen, vor allem bei Beerdigungen erlebt. Sie erfuhren jedoch auch, daß, wenn die Bedenken überwunden waren bei der Gemeinde eher distanziert gegenüber stehenden Angehörigen, diese ihre Andersartigkeit oft aufgrund ihrer größeren menschlichen Zugänglichkeit positiv bewerteten. In einem Fall berichtete eine Pastorin von Schwierigkeiten mit einem Teil ihrer Gemeinde, der früher der neuapostolischen Kirche angehört hatte und entsprechend der dort üblichen Bibelauslegung Frauen als Pastorinnen grundsätzlich ablehnte.

Vor allem die jüngeren verheirateten Theologinnen, aber auch manche aus der mittleren Generation wiesen darauf hin, daß manche Frauen in der Gemeinde ihnen durchaus ein Gefühl der Solidarität entgegenbrächten, das z.T auch auf dem intensiveren Kontakt der Pastorinnen mit den Gemeindegliedern bei alltäglichen reproduktiven Tätigkeiten wie Haushalt und Kindererziehung beruhe. In mehreren Fällen wiesen Theologinnen verschiedener Generationen außerdem darauf hin, daß sie versuchten, eine Veränderung des Bildes vom Pastor als immer alles wissendem und könnendem Patron dadurch zu bewirken, daß sie selbst ihre Schwierigkeiten äußerten und mit ihrer Person auch bei der Wahrnehmung von Amtsfunktionen authentisch zu sein suchten. Die Gemeinde nehme dies im Laufe der Zeit und teilweise nach einigen Einbrüchen durchaus positiv wahr und greife dies als Chance zur Erweiterung des eigenen Entscheidungs- und Mitgestaltungsraumes auf. Eine jüngere Theologin berichtete, daß ihre Akzeptanz in der Gemeinde dadurch erschwert wurde, daß sich eine ältere Theologin, die ihre Vorgängerin gewesen war, stark auf die Rolle der untergeordneten zweiten Amtsperson in streng konservativer Kleidung eingelassen hatte.<1099>

Die Zusammenarbeit und das Verhältnis zu ihren männlichen Amtskollegen erfuhren die Theologinnen dagegen teilweise als problematisch, teilweise jedoch auch als positiv. Die älteren Theologinnen wußten im Rückblick auf ihre Berufsgeschichte je etwa zur Hälfte von schwierigen und guten kollegialen Beziehungen zu berichten. So äußerte eine Theologin, daß sich ihr männlicher Kollege immer als ihr Chef und Vater verhalten hatte, als derjenige, der alles in der Gemeinde in Gang bringe, während sie dann für die Erledigung der Alltagsgeschäfte zuständig gewesen sei. Es habe bei ihm nur wenig Bereitschaft zur gleichberechtigten Zusammenarbeit bestanden. Als noch massivere Ablehnung ihrer beruflichen Existenz erlebten mehrere Theologinnen die Drohung von Kollegen, die die Frauenordination ablehnten und den Theologinnen gegenüber äußerten: "Wenn Sie auf die Kanzel steigen, gehen wir weg." Mehrere ältere Theologinnen vermuteten, daß diese Vorbehalte generations- und personengebunden waren und im Zusammenhang zu sehen seien, daß eigenständige Frauen Unsicherheit und den Wunsch auslösten, sich dagegen zu behaupten.

Diese Vermutung äußerte etwa die Hälfte der älteren und auch die meisten Theologinnen der mittleren Generation. Sie schätzten im allgemeinen ihre Beziehung zu ihren Berufskollegen als durchaus positiv ein. Es herrsche ein gutes Verständnis füreinander und eine offene Atmosphäre, so daß Meinungsverschiedenheiten ausgetragen werden könnten, und eine gute Zusammenarbeit im Propstei- und Kirchenkonvent möglich war. Für die jungen Kollegen sei es inzwischen selbstverständlich, daß sie auch weibliche Berufskolleginnen hätten. Allerdings hänge die Beziehung immer von den betreffenden Personen und deren Kooperationsfähigkeit ab.

Die jüngeren Theologinnen beurteilten die Beziehungen zu ihren Kollegen teilweise als schwierig und teilweise als positiv. Als problematisch erlebten sie männliche Kollegen, die sich wie Chefs und Väter zu ihnen verhielten, und keine gleichberechtigte Übernahme von Verantwortung zuließen. Darin sahen die jüngeren Theologinnen eine Ursache von Spannungen im Konvent. Einen weiteren Grund dieses auf Ungleichheit abzielenden Geschlechterverhältnisses vermuteten manche der jüngeren Theologinnen darin, daß sie nicht in das "normale" Frauenbild paßten. Drei jüngere Theologinnen bezeichneten ihr Verhältnis zu ihren Amtskollegen grundsätzlich als gut. Sie lobten deren Bereitschaft zur Übernahme von Vertretungen während ihres Schwangerschafts- oder Jahresurlaubs sowie die gute Kooperation bei gemeinsamen Rüstzeiten oder bei der Vorbereitung bzw. Reflexion gemeindlicher Aktivitäten.<1100>


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Die Akzeptanz ihrer Arbeit durch die Kirchenleitung bzw. Kirchenverwaltung beschrieben Theologinnen der mittleren und älteren Generation so, daß sie nach der Verabschiedung des Theologinnengesetzes 1972 nur noch wenig Kontakt mit der Kirchenleitung hatten. Dies hing zum einen damit zusammen, daß keine spezifischen Theologinnenprobleme mehr diskutiert würden. Zum anderen laufe der Kontakt zwischen Kirchenleitung und Gemeinde oft ausschließlich über die männlichen Kollegen in der Gemeinde. Bischof Rathke hoben mehrere Theologinnen aufgrund seines Engagements für die Durchsetzung der weitgehend uneingeschränkten Berufsausübung der Theologinnen positiv hervor. Die jüngeren Theologinnen gaben sehr unterschiedliche Einschätzungen bezüglich der Akzeptanz ihrer Arbeit durch die Kirchenleitung wider. So äußerten die einen, daß wenig Kontakt bestehe, sie sich mit ihren Erfahrungen auf der ersten Pfarrstelle sehr allein fühlten und bei der Pfarrstellenwahl nicht ausreichend Informationen erhalten hätten. Eine Theologin sprach von guten persönlichen Kontakten zum Oberkirchenrat. Eine andere berichtete von hilfreichen Besuchen des Landessuperintendenten, der sich auch nach ihrem Ergehen und dem ihrer Familie erkundigt habe. Zwei Theologinnen kritisierten allerdings, daß der patriarchal strukturierte Oberkirchenrat nicht darauf eingerichtet sei, sich damit zu beschäftigen, wie die Kindererziehung mit der Tätigkeit im Pfarramt zu verbinden sei oder wie Theologinnen, die Interesse am Mutterschaftsurlaub hatten, mit den damit verbundenen finanziellen Einbußen umgehen könnten.

4.3. Die Relevanz der Geschlechterdifferenz

4.3.1. Die Entdeckung der Geschlechterdifferenz

Die Entdeckung der Relevanz der Geschlechterdifferenz vollzog sich für die Mehrzahl der Theologinnen der älteren Generation im Rahmen ihrer Teilnahme am mecklenburgischen Theologinnenkonvent. Dort diskutierten sie ihre individuellen und kollektiven Konflikte und Erfahrungen bezüglich ihres Berufes. Eine bezeichnete dies als sehr spät und äußerte, daß sie sich im nachhinein gefragt habe, warum die Theologinnen so lange eine diskriminierende Behandlung zugelassen hatten. Drei ältere Theologinnen gaben noch weitere Kontexte an, in denen für sie die Geschlechterdifferenz deutlich geworden war. Für die eine war zur Schlüsselerfahrung geworden, daß sie nach der gleichen Ausbildung wie ihre männlichen Kollegen nicht die gleichen Rechte für die Berufsausübung zugesprochen bekam. Eine zweite erlebte in ihrem Elternhaus, daß ihre Mutter dafür sorgte, daß auch die Töchter eine gediegene Ausbildung bekamen, und eine dritte erfuhr das Burckhardthaus als Vorkämpferin für die Rechte der Frauen vor allem in der Kirche.

Die Theologinnen der mittleren Generation gaben an, daß sie zum einen durch persönliche Erfahrungen mit der eigenen Lebensform bzw. der anderer Frauen und zum anderen durch Anstöße aus der feministischen Theologie auf die Relevanz der Geschlechterdifferenz aufmerksam geworden seien. So erfuhr eine Theologin die Abhängigkeit ihrer Lebensform als "theologisch gebildete Pfarrfrau" von der Anstellungsform des Ehemannes, als dieser von einer Landgemeinde in eine übergemeindliche Pfarrstelle wechselte und damit Privat- und Berufsleben getrennt wurden. In einem anderen Fall war im pietistisch geprägten Elternhaus zunächst nur das Studium des Bruders vorgesehen gewesen. Die Theologin hatte gegenüber geschlechtsdiskriminierenden theologischen Begründungen ihre eigene qualifizierte Ausbildung durchsetzen müssen. Drei Theologinnen der mittleren Generation gaben an, daß ihnen die Relevanz der Geschlechterdifferenz in der Gemeindearbeit deutlich geworden war, z.B. im Frauenhilfskreis, mit alleinerziehenden Müttern sowie mit alleinlebenden, geschiedenen und verwitweten Frauen.

Mehrere Theologinnen gaben an, daß sie zunächst einen gewissen Widerstand gegen den Import der feministischen Theologie als Westprodukt hatten. Im Laufe der Zeit sei diese ihnen aber, z.B. im Zusammenhang mit der Befreiungstheologie oder durch Neuentdeckungen im Rahmen feministisch-theologischer Bibelexegesen, vertrauter geworden. Im Rahmen feministisch-theologischer Werkstätten in der DDR begannen sie nach der Relevanz dieser feministisch-theologischen Überlegungen im


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gesellschaftlichen Frauenkontext der DDR zu fragen. Mehrere Theologinnen der jüngeren Generation gaben an, daß sie sich bereits während des Studiums intensiver mit feministisch-theologischen Fragestellungen beschäftigt hatten. So war ihnen zum Beispiel aufgefallen, daß zwar ein Viertel der Studentinnen Frauen waren, daß dies aber zu keiner entsprechenden weiblichen Repräsentanz von Frauen oder der spezifischen Situation von Frauen auf der Seite der Lehrenden oder der Lehrinhalte an der Universität führte. Einige Theologinnen hatten sich während ihres Studiums in Frauengruppen zusammmengefunden, um sich mit ihren eigenen Lebens- und Berufsvorstellungen zu beschäftigen und über den Zusammenhang zwischen Sprache und Frauenunterdrückung nachzudenken. Mehrere verheiratete Theologinnen äußerten, daß sie sich auch in ihrer Ehe um eine gleichberechtigte Arbeitsteilung bemühten. Andererseits wollten auch mehrere Theologinnen nicht als extreme Feministinnen erscheinen. Teilweise erlebten sie, daß sie mit der Thematisierung der Geschlechterdifferenz bei den Frauen in der Gemeinde eher auf Ablehnung stießen. Prinzipiell bedeutete aber für mehrere Theologinnen der jüngeren Generation die Entdeckung der Geschlechterdifferenz auch, patriarchale Herrschaftsstrukturen und eine mangelnde Beteiligung von Frauen in leitenden Positionen in der Politik, in Parteien und in der Gewerkschaft, aber auch in den Kirchen der DDR zu konstatieren.

4.3.2. Das Selbstverständnis als Frau in diesem Beruf

Die Mehrheit der mecklenburgischen Theologinnen aus den verschiedenen Generationen begriff zunächst ihre weibliche Geschlechtsidentität als Chance zu einer anderen Verkörperung des pastoralen Berufs. Dies betraf z.B. die äußere Repräsentanz, inhaltliche Konzeptionen und Umgangsformen.

Im Bereich der äußeren Repräsentanz gaben einige an, daß sie sich in ihrer individuellen Kleidung freier fühlten als ihre Kollegen in Anzug und Krawatte. Einige versuchten, dies auch in ihrer Amtskleidung auszudrücken. Eine Theologin hatte mit ihrem Kirchgemeinderat abgesprochen, daß sie eine weiße Albe statt eines schwarzen Talars benutzen konnte. Als weiteres Mittel für eine Verringerung der Distanz zu den Gemeindegliedern empfanden einige Theologinnen, daß sie Gemeindeglieder mit ihrem Namen und nicht mit dem Berufstitel ansprachen.

Sehr viele der mecklenburgischen Theologinnen aus allen drei Generationen waren der Auffassung, daß sie als Frauen einen anderen Umgang mit den Menschen praktizierten. Dieser zeichne sich - in Übereinstimmung mit den üblichen Weiblichkeitsstereotypen - durch Zuwendung, Nähe, Gefühl, Sensibilität und Sinnlichkeit sowie eine eher gemeinschaftliche als hierarchische Orientierung aus. Positive Auswirkungen sahen sie generell im Umgang mit Frauen sowie vor allem in der Seelsorge, wie z.B. bei Beerdigungsgesprächen oder bei Krankenbesuchen, aber auch in einer stärker subjektiv bestimmten Art des liturgischen Handelns und in der Predigtarbeit. Manche äußerten, daß der Pastorinnenberuf infolge dieses ganzheitlichen Umgangs mit Menschen auf der intellektuellen und der praktischen Ebene eigentlich ein idealer Frauenberuf sei. Jedoch seien die Berufsstrukturen auf eine männliche Person zugeschnitten, deren Familie mit in die Berufsausübung integriert sei. Eine übergemeindlich tätige Theologin äußerte, daß sie mit ihrem Bemühen um eine stärker gemeinschaftliche Arbeitsform bei der Kirchenleitung eher auf Widerspruch gestoßen sei. Diese habe die Erwartung geäußert, daß sie eine Leitungsfunktion ausübe, Impulse vermittle und ihren Adressatinnen als Vorbild gegenübertrete.

Jeweils einzelne Theologinnen aus allen drei Theologinnengenerationen gaben an, daß ihre Geschlechtsidentität keine oder nur eine untergeordnete Rolle bei ihrer Berufsausübung spiele und für sie stärker die individuelle Person mit ihrer Frömmigkeit und Glaubwürdigkeit das Berufsbild präge. Ein gewisser Unterschied zwischen den Auffassungen der geschlechtsbestimmten Berufsidentität zwischen den einzelnen Theologinnengenerationen ist darin zu sehen, daß die älteren Theologinnen ihr Frausein vor allem als Chance in der zwischenmenschlichen Begegnung verstanden. Die mittlere Generation verband damit eher die Hoffnung auf eine andere Art zu leiten und Entscheidungen zu fällen. Die jüngeren Theologinnen sahen den Pfarrberuf generell als gut mit einer weiblichen Identität harmonierend an.

4.3.3. Geschlechtsspezifische Probleme der Pastorinnen

Auf die Frage, welche gemeinsamen Probleme die mecklenburgischen Pastorinnen hatten, äußerte sich die Mehrheit der Befragten eher skeptisch oder zurückhaltend. Fast durchgängig waren sie der Auffassung, daß sich die Probleme je nach Lebensform und Alter grundsätzlich unterschieden, wobei der Differenz der Lebensformen Priorität eingeräumt wurde. Als Problem der alleinstehenden Theologinnen empfanden diese selbst, aber auch die verheirateten Theologinnen, daß die alleinstehenden Theologinnen unter Einsamkeit litten und wenig Raum für die Gestaltung eines


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Privatlebens hatten. Die alleinstehenden Theologinnen äußerten, daß sie mit ihrer Lebensform in der DDR zu einer kleinen Minderheit zählten. Das offizielle Frauenbild in Kirche und Gesellschaft sowie das kirchliche Pastorenbild sehe nicht Alleinstehende vor, sondern gehe immer von Familien aus.

Als zentrales Problem der verheirateten Theologinnen vermuteten diese selbst und auch die unverheirateten Theologinnen, daß die Vermittlung zwischen Familie und Beruf konfliktträchtig sei. Die verheirateten Theologinnen bestimmten dieses Problem noch näher, indem sie darauf hinwiesen, daß es auch vom Beruf des Pastors abhänge, wie groß die Chancen seien, daß die Theologinnen eine Pfarrstelle in der Nähe des Arbeitsortes ihres Ehemannes fänden. Grundsätzlich sahen es die verheirateten Theologinnen als ihr gemeinsames Problem an, daß der Pfarrberuf keine familienfreundlichen Arbeitszeiten und eine sehr patriarchale Arbeitsstruktur habe. Die spezifische Situation von TheologInnenehepaaren brachten einzelne als Problemanzeige ein. Die Mehrheit der Theologinnen sah dies nicht als Strukturproblem an.

Als gemeinsame Anliegen der Theologinnen beurteilten manche Theologinnen z.B. die sprachliche Diskriminierung von Frauen, den Generationenkonflikt, die Suche nach einer eigenen Rolle von Frauen im Pfarramt im Vergleich zum männlichen Pfarrerbild und die Bearbeitung der Geschlechterkonflikte. Auch sahen einige Theologinnen es als gemeinsames Problem der Theologinnen an, daß sie zu wenig Freiraum für das Erproben einer anderen Gestalt ihrer Arbeit hatten.

4.3.4. Theologinnenarbeit als Innovationspotential

In den Antworten der Theologinnen auf die Frage, wie sie das Innovationspotential der Theologinnenarbeit für die Kirche einschätzten, äußerten die unverheirateten Theologinnen der älteren und jüngeren Generation unter Hinweis auf die fortbestehende strukturelle Situation eher Skepsis. Die verheirateten Theologinnen neigten hingegen eher dazu, die Anfänge von Veränderungen an einzelnen Punkten bei einzelnen Theologinnen als positive Entwicklungen zu würdigen. So äußerten die älteren Theologinnen, daß in der Breite des kirchlichen Lebens keine durchgreifenden Veränderungen absehbar seien. Die hierarchische Struktur der Kirche und die damit verbundenen Abhängigkeitsverhältnisse seien weiterhin für die Kirche charakteristisch, auch wenn einzelne Theologinnen als hervorragende Persönlichkeiten schon an manchen Orten Maßstäbe für Veränderungen praktisch aufgezeigt hätten. Frauen müßten im Pfarramt aber immer noch besser als Männer sein, um überhaupt anerkannt zu werden. Ein Spielraum zu grundlegenden Veränderungen werde ihnen bisher nicht eingeräumt. Die verheirateten Theologinnen der jüngeren und mittleren Generation teilten mit den älteren Theologinnen die Auffassung, daß keineswegs von strukturellen Veränderungen der Landeskirche oder der hierarchischen Struktur gesprochen werden könne. In Einzelfällen gebe es aber sehr wohl beeindruckende Veränderungsprozesse und auch theoretische Reflexionen, die die Arbeit in verschiedenen Gemeinden prägten.

Die jüngeren verheirateten Theologinnen meinten, daß ihr Engagement, sich als Frauen in die pastorale Praxis einzubringen und dabei auch das Gebären und Erziehen von Kindern mit der Berufsausübung zu verbinden, schon gewisse unübersehbare Auswirkungen auf eine Umgestaltung der Kirche habe. Dabei fühlten sich einzelne Theologinnen auch durch die sensible Ausübung des Bischofsamtes durch einen Mann unterstützt. Andere Theologinnen vermißten bei manchen Personen der Kirchenleitung ein Wahrnehmungsvermögen dafür, daß die Veränderungsbestrebungen der Theologinnen auch eine Chance für die Entwicklung der Kirche bedeuteten. Vor allem junge verheiratete Theologinnen sahen es als Gefahr an, daß verheiratete Pastorinnen mit ihrer teilweise örtlich eingeschränkten Einsatzfähigkeit aus dem Amt gedrängt würden, wenn die Zeiten des Pfarrermangels zu Ende gingen. Andererseits bezeichneten es sowohl die verheirateten Theologinnen der mittleren als auch der jüngeren Generation als Problem, daß zu wenig Theologinnen sich zur Übernahme verantwortungsvoller Stellen entschlössen. Manche der Theologinnen der mittleren Generation sahen darin noch Reste ihrer Bestrebungen während der frühen Phase, sich nicht durch die Übernahme herausgehobener Stellen zu Außenseiterinnen zu machen. Die jüngeren unverheirateten Theologinnen äußerten sich wieder eher skeptisch, was das Innovationspotential der Theologinnen anbetraf. Die Veränderungen, die bisher durch die Mitarbeit von Theologinnen im Pfarramt und in bezug auf die Kirche bewirkt worden seien, seien nicht sehr umfangreich und wenig sichtbar. Ihrer Meinung nach hätten sich statt dessen die Theologinnen an die kirchlichen Strukturen angepaßt und zu wenig deren Veränderung gefordert. Kirchlicherseits in Gang gekommene Entwicklungen wie die Möglichkeit, in Form einer Teilbeschäftigung im Pfarramt tätig zu sein, dienten eher dem Weiterfunktionieren der bisherigen Strukturen der Kirche als ihrer Veränderung. Dies sei daran absehbar, daß Teilbeschäftigung nur für Frauen mit Kindern und z.B. nicht für Männer möglich sei.

Trotz dieser eher skeptisch-kritischen oder realistisch-eingrenzenden Beurteilung ihrer bisherigen


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Erfahrungen als Theologinnen in der Auseinandersetzung mit den kirchlichen Strukturen plädierten nahezu alle mecklenburgischen Theologinnen beim Beantworten der Frage, ob sich die Theologinnen eher innerhalb oder eher außerhalb der existierenden Strukturen organiseren sollten, um einen Veränderungsprozeß zu bewirken, dafür, daß die Theologinnen als Frauen in die Struktur hineingehen sollten. Bei Erweis ihrer persönlichen Eignung sollten sie auch Leitungspositionen als Pröpstin oder Bischöfin übernehmen können. Allerdings äußerte einen ganze Reihe der Theologinnen, die für die Besetzung von Leitungspositionen durch Frauen aufgrund deren Qualifikation und nicht als Alibifrau eintraten, daß sie es sich persönlich nicht zutrauen würden. Sie erinnerten daran, daß dieser Weg auch oft zu einer Anpassung der Frauen an die Struktur geführt habe. Als Hilfe, um dieses zu verhindern, wurde z.B. vorgeschlagen, daß die Frauen in Kleingruppen von zwei bis drei Frauen mit einer bestimmten Konzeption in die Strukturen gehen und sich zusätzlich noch eine Gruppe außenstehender Frauen zu Kritik und Anregung suchen sollten. Manche Theologinnen hielten die Kooperation mit den Männern bei dem Bemühen um strukturelle Veränderungen für unbedingt nötig, um z.B. eine innerkirchliche Demokratisierung zu erreichen.

4.3.5. Erwartungen an eine spezifische Organisation der Theologinnen

Grundsätzlich äußerte nur eine kleine Gruppe von Theologinnen positive Erwartungen an eine wieder neu einzurichtende, frauenspezifische Selbstorganisation der mecklenburgischen Theologinnen, wie sie lange Jahre der mecklenburgische Theologinnenkonvent dargestellt hatte. Diejenigen, die diesem Gedanken eher ablehnend gegenüberstanden, gaben unterschiedliche Begründungen an. So äußerten je drei Theologinnen der mittleren und älteren Generation, daß ihnen der Theologinnenkonvent nicht fehle. Nahezu alle Theologinnen der mittleren Generation und auch auch die Mehrheit der jüngeren Generation sahen eine geschlechtsspezifische Organsiation als wenig sinnvoll an, da ihrer Meinung nach männliche und weibliche TheologInnen weitgehend dieselben Probleme mit dem Pfarrberuf hatten, z.B. die fehlende Freizeit. Mehrere Theologinnen der mittleren Generation betrachteten den gesamtdeutschen Konvent als angemessenes Forum für den theologischen Austausch und als Treffpunkt mit ehemaligen Studienkolleginnen und Freundinnen. Für den feministisch-theologischen Austausch sahen einige der Theologinnen der mittleren und älteren Generation den mecklenburgischen FEMI-Kreis als ausreichend an, in dem sich Laiinnen, kirchliche Mitarbeiterinnen und Theologinnen mit feministisch-theologischen Fragestellungen beschäftigten. Die Befürworterinnen äußerten folgende Erwartungen: Die älteren und mittleren Theologinnen wollten dort vor allem über theologische Fragen nachdenken und ihre Erfahrungen austauschen. Die BefürworterInnen eines neuen Anlaufs für eine frauenspezifische Theologinnengruppe unter den jüngeren Theologinnen versprachen sich davon vor allem eine regionale Solidargruppe gegen eine Vereinzelung und die Individualisierung struktureller Probleme im Umgang mit dem Beruf. Sie strebten gemeinsam mit zwei Theologinnen der mittleren Generation einen feministisch-theologischen Ansatz an. Eine plädierte für eine positive Bewertung des eigenen Frauseins. Außerdem sollte dort Raum für die Entwicklung neuer Gottesdienstformen und anderer öffentlichkeitswirksamer kirchlicher Arbeitsweisen sein.

4.3.6. Das Verhältnis zu anderen Frauen im sozioökonomischen Kontext

Die Theologinnen der älteren und der mittleren sowie ein Teil der Theologinnen der jüngeren Generation beschrieben ihr Verhältnis als Theologin zu den anderen Frauen in ihrem Lebens- und Arbeitskontext als weitgehend konfliktfrei. Nach Meinung dieser Theologinnen bedeutete ihr Studium und ihr bisheriger sozioökonomischer Status als Pastorin bisher nicht, daß eine deutliche Distanz zwischen ihrer Situation und der Lebenssituation von Frauen bestand. Sie betonten eher die gemeinsamen Erfahrungen, als Frau im Berufsleben zu stehen und nebenher noch Haushalt und ggf. Familie zu versorgen. Einige gaben auch an, daß sie sich bemühten, durch ihr Verhalten und ihre Sprache eher die Nähe zu den Menschen zu suchen, sich mit ihnen solidarisch zu zeigen und Vertrauensperson zu sein als den Abstand zu ihnen zu betonen. Die Differenz zwischen ihrer Lebensform als Alleinstehenden und den anderen meist verheirateten Frauen erlebten die unverheirateten älteren Theologinnen kaum als Hindernis für den Kontakt zu den Frauen. Einige meinten, daß manche der verheirateten und doppelt bzw. dreifach belasteten Frauen sie manchmal sogar um ihren Freiraum beneideten. Die sozioökonomische Einschätzung der Mehrzahl der Theologinnen aufgrund ihres Einkommens im unteren Feld der DDR-Löhne korrigierten zwei der Theologinnen insofern, als sie darauf hinwiesen, daß die Theologinnen durchaus zu einer Art bürgerlicher Mittelschicht in der DDR zählten, indem sie über die Bruderhilfe und andere Verbindungen zu Westkirchen in gewissem Maße Zugang zu Westgeld, Auslandsreisen und in der DDR sonst kaum zugänglichen Büchern hatten.

Die Theologinnen der mittleren Generation betonten vor allem, daß es ihr Bestreben war, keine Distanz zu anderen kirchlichen MitarbeiterInnen in der Gemeinde aufkommen zu lassen. Sie erlebten ihr Studium eher als Bereicherung ihrer Person und als Kennenlernen von Gestaltungsmöglichkeiten,


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die sie aber nicht in der Rolle einer Macherin oder Leiterin in die Gemeinde einzubringen suchten. Sie zielten stärker auf die gemeinsame Reflexion von Lebenserfahrungen und die Suche nach neuen Lebensmöglichkeiten. Die unverheirateten Theologinnen der mittleren Generation berichteten, daß ihnen im Familienverband lebende Gemeindeglieder teilweise nach Gottesdiensten entgegenhielten, daß die Pastorin in der Predigt leicht von Verständigung innerhalb der Familie reden könne, wenn sie es nicht selbst verwirklichen müsse.

Die jüngeren Theologinnen sahen stärker eine Distanz zwischen sich und ihrem Leben sowie zu den Lebensformen ihrer Gemeindeglieder, wenngleich auch hier eine gewisse Gemeinsamkeit durch die gemeinsame Berufstätigkeit als Frauen bestand. Zwar sahen manche jüngeren Theologinnen keine Distanz zu den Frauen ihres Kontextes aufgrund ihres gemeinsamen Frauseins, ihrer eigenen Herkunft vom Lande oder ihres Verhaltens in Alltagsbegegnungen und im kirchlichen Kontext, wo sie sich um Verständigung bemühten. Andere empfanden stärker, daß sie als Pastorin fremd in das Dorf hinzugekommen waren und nicht als voll zugehörig betrachtet wurden. Manche begriffen dies auch als Chance, indem manche der DorfbewohnerInnen Interesse an ihren Büchern und Dingen zeigten, durch die ihnen Zugang zu einem Stück Welt über das Dorf hinaus offenstand. Andere erlebten, daß sie auch als priesterliche Vertrauensperson in Anspruch genommen wurden mit der Erwartung, daß sie eine gewisse Distanz zum Alltag der anderen hatten. Allerdings zeigten sich an diesem Punkt für die jüngeren Theologinnen Anfang 1990 schon die ersten Anzeichen für eine Veränderung ihres Status. Bisher waren sie als vom Staat bekämpfte Personen in einer gewissen Solidarität mit ebenfalls vom Staat mit Argwohn betrachteten Menschen gestanden. Da auch die Gemeindeglieder in der Regel dem Staat distanziert gegenüber gestanden hatten, hatten die Pastorinnen prinzipiell den Eindruck gehabt, mit den Gemeindegliedern auf der gleichen staatsoppositionellen Seite zu stehen. Seit der Wende löse sich dieser Zusammenhalt auf, da die Mehrzahl der Gemeindeglieder sich an den Versprechungen der CDU orientiere und wenig Bereitschaft zeige, weiter für die eigene Situation Verantwortung zu übernehmen.

4.3.7. Die Arbeit der Pastorinnen mit Frauen

Grundsätzlich hatten alle in der Gemeindearbeit stehenden Theologinnen mit Frauen in verschiedenen Alters- und Lebenssituationen zu tun. Bemerkenswert war jedoch, daß offensichtlich jede Altersgruppe der Theologinnen einen Schwerpunkt auf die Arbeit mit den Frauen ihres Lebensalters und ihrer Lebensform legte. So berichten alle alleinstehenden älteren Theologinnen, daß sie mit Rentnerinnen arbeiteten. Eine Reihe von ihnen arbeitete mit alleinstehenden erwerbstätigen Frauen ab 50 Jahren. Mehrere von ihnen hatten allerdings auch Gruppen mit jungen Müttern im Alter zwischen 25 und 30 Jahren, die sich konfirmieren und z.T. ihre Kinder taufen lassen wollten. Die alleinstehenden Theologinnen der mittleren und jüngeren Generation gaben an, daß sie insbesondere auch mit alleinstehenden berufstätigen Frauen ihrer Generation intensive Arbeitsbeziehungen in der Gemeinde hatten. Prinzipiell kämen jedoch alle Lebenssituationen von Frauen in ihrer Arbeit vor.

Mehrere verheiratete Theologinnen der mittleren Generation berichteten, daß sie vor allem zu berufstätigen Familienfrauen der mittleren und jungen Generation Kontakt hatten. Die verheirateten jüngeren Theologinnen, die ebenfalls wie die Theologinnen der mittleren Generation grundsätzlich sehr viel mit Rentnerinnen zu tun hatten, gaben an, daß sie teilweise mit älteren Frauen aus den landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften arbeiteten. Sie suchten aber auch neue Arbeitsformen mit jüngeren Frauen, die sich nicht für die Frauenhilfe interessierten. Manche entwickelten geschlechterübergreifende Arbeitsformen und probierten neue Formen von Gesprächskreisen oder andere Arbeitsformen aus. Eine Theologin der mittleren Generation bereitete regelmäßig mit jüngeren Frauen den Gottesdienst vor und hielt ihn auch teilweise mit ihnen gemeinsam.

Als Methoden ihrer Arbeit mit Frauen gaben die Theologinnen durchgängig an: Bibelarbeit, Helferkreis, Gesprächskreis über Lebens- und Erziehungsfragen, Tauf- und Konfirmationsunterricht sowie gesellige Veranstaltungen. Dabei war auffällig, daß die Gruppe der unverheirateten Theologinnen im mittleren Alter den kommunikativen Aspekt des Miteinanderfeierns und des gemeinsamen Gespräches betonte. Letzteres war auch den verheirateten Theologinnen der mittleren und jüngeren Generation sehr wichtig. Sie wollten damit einen ganzheitlichen, erlebnis- und erfahrungsorientierten Austausch erreichen. Als weitere methodische Elemente in ihrer Arbeit mit Frauen nannte diese Gruppe auch die Bibelarbeit und insbesondere in Landgemeinden die Einladung zu handarbeitlichen Tätigkeiten, die Zeit und Raum zum Einstieg ins Gespräch ließen.

Die Theologinnen, die in übergemeindlichen Arbeitsfeldern tätig waren, hatten es dort jeweils mit spezifischen Adressatinnengruppen zu tun, für die sie auch unterschiedliche Arbeitsmethoden entwickelten. Diese speziellen Adressatinnengruppen gehörten teilweise der jungen Generation an, so


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in der landeskirchlichen Mädchenarbeit und bei der theologisch-vordiakonischen Ausbildung von Kinderkrankenschwestern. Die in der landeskirchlichen Frauenhilfe tätige Theologin hatte es vor allem mit Frauen der jüngeren und mittleren Generation zu tun, die für Altenheimseelsorge zuständige Theologin mit Frauen der älteren Generation.

Die Bedeutung der Bibel speziell in ihrer Arbeit mit den Frauen beurteilten die Theologinnen sehr unterschiedlich. Einige gaben an, daß diese für sie selbst vor allem bei der Predigtvorbereitung wichtig sei. Andere benutzten sie auch relativ viel in der Gemeindearbeit, in der Seelsorge, vor allem um alten und kranken Menschen Mut und Beruhigung zuzusprechen. Mehrere betonten, daß die Bibel auch in ihrer Fremdheit begriffen werden müsse und nicht als Rezeptbuch zu behandeln sei. Vielmehr sei jeweils neu nach der Vermittlung zwischen den Menschen, deren Leben und der Bibel als Gottes Wort in der Vergangenheit und in der Gegenwart zu suchen, bevor konkrete Konsequenzen für das alltägliche Leben heute aus den biblischen Geschichten gezogen werden könnten. Einige Theologinnen berichteten, daß sie versuchten, die biblischen Geschichten, z.B. über das Herausarbeiten von Symbole oder Frauenrollen, erlebbar zu machen, um neue Zugänge in der Gemeinde zur Bibel zu schaffen. Dies mache dann auch eine kritische Auseinandersetzung, z.B. mit den Weisungen zur Unterordnung von Frauen in der Bibel, erforderlich. Teilweise gelinge dies, teilweise gebe es in der Gemeinde jedoch keine große Nachfrage und die Bibel erscheine mehr als Fremdkörper. Einige berichteten von positiven Erfahrungen einer intensiven Begegnung mit der Bibel im Rahmen gemeindlicher Bibelwochen, bei denen sie zu einem Thema verschiedene biblische Zugänge suchten.

Als Ziele und Perspektiven in ihrer Arbeit mit den Frauen gaben die Theologinnen aller Generationen an, daß diese die Gemeinde als Gemeinschaft erfahren sollten. Die Frauen sollten für die Bewältigung ihrer oft schwierigen Alltagssituation gestärkt werden. Dazu gehöre auch die Begegnung mit anderen als den in der Gesellschaft hoch in Kurs stehenden Normen und Werten, wie Konkurrenz, Geld und Leistung. Sie sollten im gemeinsamen Gespräch, Essen und Trinken positive Erfahrungen mit kollektiven offenen Begegnungen sammeln und Raum für den Umgang mit ihren Problemen wie Doppelbelastung oder Einsamkeit im Alter erhalten. Die Theologinnen der mittleren und jüngeren Generation betonten, daß sie sich Mühe gaben, engagierte ehrenamtliche Gemeindeglieder an der Wahrnehmung der Verantwortung zu beteiligen. Einige verheiratete Theologinnen der mittleren und jüngeren Generation hoben auch die inhaltliche pädagogische Arbeit mit Eltern hervor sowie das Ziel, durch politische Akzente in Gesprächen und Themenstellungen, z.B. unter Hinweis auf die Themen der ökumenischen Versammlung, bei den Frauen in der Gemeinde die Bereitschaft zu eigener politischer Einmischung zu erweitern. Einige der jüngeren verheirateten Theologinnen strebten eine speziell das Selbstbewußtsein von Frauen stärkende Arbeit an. Sie versuchten, die Kontakte unter den Frauen zu vertiefen und Arbeitsformen einzubeziehen, in denen Frauen sich stärker ihrer selbst bewußt werden konnten. Die Frauen sollten lernen, in Gruppen öffentlich zu reden, und konnten ihre Stellung gegenüber ihren Lebenspartnern, ihren Familien und der Kirche neu überdenken, sowie neue Fragen und neue Antworten suchen, jenseits eines nur durch Arbeit bestimmten Lebensentwurfes.

4.3.8. Die Einschätzung der Situation von Frauen in der ELLM

Die Mehrzahl der mecklenburgischen Theologinnen beschrieb das in der ELLM vorherrschende Frauenbild als geprägt von der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Vor allem die älteren Theologinnen führten aus, daß die Gemeinden von den Frauen erwarteten, daß sie Besuche und Haussammlungen machten, den Gottesdienst regelmäßig besuchten, die Reinigung der Kirche, Blumenschmuck und den Lektorindienst regelmäßig übernähmen. Prinzipiell sollten sie der Kirche mit Hilfsdiensten dienen. Dagegen werde den Männern noch immer eher die Rolle des Initiators, des Repräsentanten und des Leiters zugedacht. Die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung in der Kirche hänge mit der Vorstellung der Kirchenleitung über die Lebensform der sich in der Kirche versammelnden Frauen zusammen. Sie stelle sich diese als Mütter mit mehreren Kindern ohne Beruf in einer einigermaßen funktionierenden Ehe vor. Vor starken eigenständigen Frauen und feministischen Theologinnen hätten manche der männlichen Kollegen Angst und äußerten diese in einer die Frauen abwertenden Form.

Die Theologinnen der mittleren Generation wiesen vor allem auf den Widerspruch zwischen einem solchen immer noch dominanten Bild und der Realität des Frauenengagements in der Kirche hin. Frauen würden stark die Gemeinden prägen, z.B. auch als Gottesdienstgemeinde. Manche Frauen seien zwar schweigsamer als Männer, würden aber praktisch eingreifen. Ältere Frauen erwarteten teilweise, daß der Pastor oder die Pastorin entscheide. Insbesondere die Theologinnen der jüngeren Generation wiesen auch auf das existierende Machtungleichgewicht hin, das zwischen den Orten in der Kirche existiere, wo Frauen dominierten, nämlich in den Gemeinden, und kirchenleitenden Positionen, wo Frauen kaum vertreten seien und ihre Situation wenig bedacht würde. Allerdings sei durch die Ökumene eine gewisse Bewegung in Gang gekommen, auch Frauen für Leitungs- und


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Repräsentationsaufgaben vorzuschlagen. Teilweise trauten sich die Frauen jedoch auch selbst wenig zu.

In den Kirchgemeinderäten einiger älterer Theologinnen dominierten weiterhin Männer. Andere berichteten, daß in ihren Gemeinden das Geschlechterverhältnis zahlenmäßig ausgewogen sei. Allerdings beteiligten sich die Frauen teilweise weniger mit Redebeiträgen und beschäftigten sich eher mit praktischen Fragen. Die Theologinnen der mittleren Generation konstatierten ein in der Regel ausgewogenes Zahlenverhältnis der Geschlechter im Kirchgemeinderat. Zum Teil seien dort sogar mehr Frauen als Männer vertreten. Eine Theologin berichtete, daß der geistliche Ausschuß in ihrer Gemeinde fast ausschließlich mit Frauen besetzt sei. Diese kümmerten sich um den Gottesdienst und die Jugendarbeit. Drei Theologinnen der jüngeren Genration gaben an, daß in ihrerm Kirchgemeinderat sogar eine Frauendominanz bestünde und sich dort auch jüngere Frauen beteiligten. Allerdings berichteten zwei der jüngeren Theologinnen, daß die Männer dort immer noch mehr redeten.

4.3.9. Die Erwerbsarbeitsbedingungen für Frauen in der ELLM

Beim Nachdenken über die Arbeitsbedingungen für Frauen in der ELLM trat den Theologinnen aller Generationen vor allem die Situation der Katechetinnen als schwierige Position vor Augen. Diese sei oft dadurch bestimmt, daß die Pastoren sich als Chefs verhielten, die wenig Raum zur Mitentscheidung ließen. Die Katechetinnen würden oft - wie früher die älteren Theologinnen - unter sehr schwierigen räumlichen Verhältnissen leben und arbeiten, in Wohnungen ohne Bad und Arbeitsraum bzw. Dienstzimmer. Als problematisch sahen sie auch deren wesentlich niedrigeres Gehalt im Vergleich zum Pastorenlohn an. Es handele sich insgesamt um ein antiquiertes Berufsbild, das teilweise auch Minderwertigkeitskomplexe hervorrufe. Als ebenfalls sehr stark von der untergeordneten Position in der hierarchischen Pastoren- und Amtskirche bestimmt, beschreiben die Theologinnen die Situation der Sekretärinnen im kirchlichen Dienst. Dagegen schätzten vor allem Theologinnen der mittleren und jüngeren Generation den Pfarrerinnenberuf als idealen Frauenberuf ein, da die Pastorin ihr eigener Chef und Repräsentant sei und viel Freiraum zur Gestaltung habe. Als frauendiskriminierende Charakteristika der kirchlichen Arbeitsbedingungen führten die älteren Theologinnen an, daß vor allem von ledigen Frauen eine besondere Aufopferung für kirchliche Dienste über die vorgesehenen Arbeitsbedingungen hinaus erwartet werde. Theologinnen der mittleren Generation wiesen darauf hin, daß Frauen immer noch besser sein müßten als Männer, um Anerkennung für ihre Arbeit zu finden. Jüngere Theologinnen hoben kritisch die fehlende feste Arbeitszeit und positiv die im Vergleich zu den staatlichen Regelungen analoge Gewährung des Babyjahres und des Mutterschaftsurlaubs hervor.

4.3.10. Der Vergleich der Situation von Frauen in Gesellschaft und Kirche

Als gemeinsame Kennzeichen der Situation von Frauen in Gesellschaft und Kirche der DDR bezeichneten mehrere Theologinnen, daß es ledige Frauen in beiden Bereichen schwer hätten, ihr eigenes Leben neben der Arbeit zu behaupten, da von ihnen ein besonderer Dienst und Hingabe erwartet werde. Es seien nur einige Alibifrauen für leitende Positionen, z.B. in der Regierung und für die ökumenische Repräsentanz, ausgewählt worden. In beiden Bereichen sei es weiterhin dringend nötig, familienfreundliche Arbeitsstrukturen zu schaffen. Als weitere gemeinsame Aspekte der Frauenrealität benannten die Theologinnen, daß oftmals Frauen als Bürgermeisterin, Pastorin und Gemeindesekretärin leitende Funktionen auf lokaler Ebene, aber nicht darüber hinaus einnähmen. In der Regel sei die Situation der Frauen in beiden Bereichen durch Überlastung gekennzeichnet. Für ältere Frauen heiße das oft, daß sie für die Versorgung der Enkelkinder, des Haushaltes und des Viehs zuständig seien. Jüngere Frauen seien oft berufstätig und versuchten, mit ihrem Partner eine gerechte Verteilung der innerfamiliären Aufgaben zu erreichen.

Als spezifischen Aspekt der Situation von Frauen in der Kirche hoben vor allem die älteren Theologinnen heraus, daß sich bisher kirchlich engagierte Frauen kaum im gesellschaftlichen Rahmen hervortaten. Theologinnen der mittleren und jüngeren Generation wiesen darauf hin, daß sich durchaus viele evangelische Frauen während der Revolutions- und Wendephase an der Organisierung von Demonstrationen und später Runden Tischen beteiligt hatten. Erst bei dem Wechsel zu politischen Wahlämtern kehrten sie, meist aus Rücksicht auf ihre familiären Verpflichtungen und manchmal zugunsten eines Mannes bzw. ihres Ehemannes, von dem politischen Engagement in die kirchliche Arbeit zurück. In den Kirchen wiederum, so betonten vor allem die Theologinnen der mittleren und jüngeren Generation, seien Frauen meist noch weniger in Leitungspositionen anzutreffen als in der Gesellschaft. Sie würden in den Kirchen außerdem noch mehr mit einem traditionellen und konservativen Ehe- und Moralideal konfrontiert als in der Gesellschaft. Dies habe z.B. Konsequenzen bei Ehescheidung oder nichtehelichem Zusammenleben und bedinge einen Familienstil, der die Frau


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vor allem als Hausfrau und Gastgeberin begreife, die u.U. auch noch Teilzeit arbeitet.

Diese Kritik wollten die Theologinnen der jüngeren und mittleren Generation jedoch nicht so verstanden wissen, daß die Situation von Frauen in der Gesellschaft der DDR als emanzipiert zu idealisieren sei. Die Frau sei in der Gesellschaft vor allem als Arbeitskraft betrachtet worden, die erfolgreich war und z.T. auch leitende Funktionen übernahm. Im Rahmen der DFD-Arbeit wurde ihr die Verantwortung zugeschoben, durch ihre Koch- und Blumenarrangementkünste Haus und Heim und damit das Familienleben zu verschönern. Als Differenz zur kirchlichen Arbeitssituation benannten mehrere Theologinnen, daß im staatlichen Bereich die Gewährung des Babyjahres leichter durchzusetzen war und auch die Situation der alleinerziehenden Mütter weniger moralistisch beurteilt würde.

4.3.11. Träume und Perspektiven für das Leben von Frauen

Etwa die Hälfte der Theologinnen aus jeder Generation erhofften für das Leben von Frauen, daß es ihnen möglich sein sollte, Beruf und Familie zu verbinden. Mehrere ältere Theologinnen plädierten dafür, daß dies in Form der Halbtagsarbeit geschehen sollte, damit die Frauen neben dem Beruf noch ausreichend Zeit für Familie und Kinder hätten. Eine junge Theologin wünschte ebenfalls Halbtagsarbeit, allerdings für beide Ehepartner. Gleichzeitig wünschten sich mehrere ältere Theologinnen die Möglichkeit, daß die Frauen weiterhin in sozial abgesicherten Berufen arbeiten könnten. Für die Theologinnen der mittleren Generation stand durchgängig im Vordergrund, daß Frauen volle Entfaltungsmöglichkeiten haben sollten. Ähnlich forderten die jüngeren Theologinnen Freiräume für Frauen zur Selbstfindung, in denen sie nicht auf bestimmte Rollen und Klischees festgelegt würden. Eine wünschte, daß neue Lebensmodelle im Einklang mit der Natur und Gott entwickeln würden, statt daß Leistung und Lebensstandard die einzigen Maßstäbe seien. Eine andere junge Theologin entwickelte als Perspektive, daß auch das Anderssein von Frauen positiv bewertet werde. Was das Verhältnis zum männlichen Geschlecht anbelangte, gab es in den drei Generationen von Theologinnen durchaus unterschiedliche Akzente. So suchten die älteren Theologinnen nach einem partnerschaftlichen Verhältnis zu Männern, während die mittlere Generation sich für ein durch Gleichberechtigung geprägtes Geschlechterverhältnis einsetzte. Die Gruppe der jüngeren Theologinnen forderte dagegen eine Veränderung des Mannes und seiner Rolle. Diese Vorstellung äußerten auch drei Theologinnen der mittleren Generation. Generationenübergreifend plädierten jeweils mehrere Theologinnen dafür, die Geschlechterfrage in den gesamtgesellschaftlichen Rahmen einzuordnen und im Rahmen von Bemühungen um eine Veränderung der Gesellschaft und der Welt zu bearbeiten.


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4.3.12. Theoretische und feministisch-theologische Reflexionen über das Leben von Frauen/Feministische Theorie und Theologie

In allen drei Theologinnengenerationen fanden sich skeptische und unterstützende Stimmen bezüglich einer Beschäftigung mit der feministischen Theologie. Zur feministischen Theorie außerhalb der feministischen Theologie machten die Theologinnen kaum Aussagen, die auf eine intensivere Beschäftigung mit solchen Fragen schließen ließen. Die skeptischen Stimmen grenzten sich gegen eine Benennung, z.B. von Gott als Mutter, von der Rede von Göttinnen und von den Überlegungen zum Gebrauch der inklusiven Sprache ab. Diejenigen, die quer zu den Generationen den bisherigen Überlegungen und Ergebnissen der feministischen Theologie grundsätzlich eher positiv gegenüberstanden, fanden daran gut, daß sie in der Bibel neue Entdeckungen machten, z.B. hinsichtlich der Frauen in der Begleitung Jesu. Außerdem ermögliche die feministische Theologie auch eine Befreiung des Gottesbildes, indem sie “Gott zu den Menschen“ bringe. Positive Konsequenzen erwarteten sie von dem Einbringen weiblicher Eigenschaften. Mehrere Theologinnen verschiedener Altersgruppen hießen die Richtung der feministischen Theologie gut, die Impulse aus der Befreiungstheologie aufnahm, wie z.B Dorothee Sölle, Bärbel von Wartenberg-Potter und Elisabeth Moltmann-Wendel. Als Orte, an denen sich die Theologinnen mit feministischer Theologie beschäftigten, nannten einige den jährlichen gesamtdeutschen Theologinnenkonvent in Berlin, andere den mecklenburgischen FEMI-Kreis und den BEK-DDR Arbeitskreis „Frauen und Männer in Kirche und Gesellschaft“ und Kirchentagsveranstaltungen. Einzelne hatten auch bei Westkontakten, z.B. auch beim Nürnberger Jubiläumskonvent der bayerischen Theologinnen 1985, Kontakt zur feministischen Theologie gefunden. In ihre Arbeit vor Ort brachten sie die feministische Theologie, z.B. im KonfirmandInnenunterricht oder auch bei Rüstzeiten mit MitarbeiterInnen, zur Sprache.

4.4. Ökumenische und konfessionelle Aspekte

4.4.1. Die Relevanz der lutherisch-konfessionellen Identität

Kritisch bezüglich der eigenen konfessionellen lutherischen Tradition, was deren theologischen Ansatz betraf, äußerten sich vier Theologinnen der älteren und drei der mittleren Generation. Sie befragten das in der lutherischen Theologie gepflegte hierarchische Amtsverständnis gegenüber den Gemeindegliedern sowie ein damit zusammenhängendes Amtsbewußtsein und Gehabe. Einzelne Theologinnen aus allen Generationen hatten auch an das lutherische Kirchenverständnis Anfragen und eine jüngere Theologin lehnte die lutherische Abendmahlslehre ab. Als positive Spezifika der lutherischen Theologie würdigten dagegen mehrere Theologinnen die Betonung des Wortes Gottes, das Sakramentsverständnis, den Zuspruch der Rechtfertigung aus Gnade und nicht aufgrund eigener Leistung sowie das Kirchenverständnis, das vom Priestertum aller Gläubigen ausgeht. Mehrere Theologinnen gaben an, daß sie von Luthers Mut und Engagement für eine Reform von Kirche und Theologie beeindruckt waren.

In der kirchlichen Praxis erlebten sie die lutherisch-konfessionelle Identität eher negativ. Sie gehe oft mit einer sehr konservativen moralischen und politischen Einstellung einher, die die ChristInnen wenig zu politisch-gesellschaftlichem Engagement ermutige und wenig von Befreiung in der Praxis spüren lasse. Eine Theologin beurteilte die unierte Liturgie als kommunikativer. Durchgängige Kritik an der lutherisch-konfessionellen Identität äußerten Theologinnen aller Generationen vom Gesichtspunkt einer angestrebten ökumenischen Einheit der Kirche her. So lehnten drei ältere Theologinnen die konfessionelle Differenzierung als Hindernis für die ökumenische Einheit ab. Sechs Theologinnen der mittleren Generation gaben an, daß sich die lutherisch-konfessionellen Besonderheiten nicht vertiefend auf die Trennung zwischen den Kirchen auswirken dürften. Sechs jüngere Theologinnen erklärten, daß der konfessionelle Aspekt für ihre eigene Identität keine Relevanz habe. Entsprechend dieser breiten Option für eine Überwindung der konfessionellen Trennungen kritisierten viele ältere Theologinnen an der bisherigen kirchlichen Praxis, daß diese vor allem zu Zeiten Bischof Bestes teilweise durch einen starren Konfessionalismus geprägt gewesen sei. Negativ habe sich die lutherische Theologie und kirchliche Praxis auch in der Theologinnenfrage ausgewirkt. In anderen Kirchen sei wesentlich früher die Entscheidung für die Frauenordination gefallen. Allerdings würdigten auch eine jüngere und eine mittlere Theologin, daß in den lutherischen Kirchen inzwischen der Pastorinnenberuf im Unterschied zur katholischen Kirche nahezu uneingeschränkt durchgesetzt sei.

4.4.2. Erfahrungen mit der ökumenischen Kooperation auf lokaler Ebene

Die Mehrzahl der Theologinnen berichtete, daß auf lokaler Ebene an der Basis zwar z.B. in Form konfessionsgemischter Ehen ökumenisches Zusammenleben selbstverständlich praktiziert werde, daß aber institutionell nur wenig interkonfessionelle Kontakte bestünden. Als Ursachen gaben viele an, daß in ihrem Umfeld oftmals nur wenige Menschen mit einer anderen Konfession lebten und bei diesen


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nicht der Eindruck der Vereinnahmung erzeugt werden sollte. Hinsichtlich der Zusammenarbeit mit katholischen Berufskollegen berichteten sie teilweise von positiven Erfahrungen. Teilweise lehnten jedoch ältere katholische Amtskollegen ihre Existenz als Frauen im pastoralen Beruf bzw. ein gemeinsames Agieren in ökumenischen Gottesdiensten, z.B. bei Trauungen, ab. Über eine gute und intensive ökumenische Zusammenarbeit vor Ort berichtete vor allem eine Pastorin, die in einem Neubauviertel tätig war, wo die evangelische und katholische Kirchengemeinde sich sogar eine Zeitlang die Räume geteilt hatten und viel Austausch zwischen den MitarbeiterInnenteams stattgefunden hatte. Allerdings habe diese intensive Kooperationsphase nach der Fertigstellung des katholischen Gemeindezentrums eine gewisse Einschränkung erfahren, da sich die Gemeinden nun nur noch im Rahmen geplanter Treffen begegneten. Mehrere andere Theologinnen aus allen Generationen berichteten von regelmäßigen jährlichen gemeinsamen ökumenischen Veranstaltungen, wie z.B. Gesprächskreisen, Jugendkreuzweg, Gesprächsgottesdiensten, gemeinsamen Festen.

4.4.3. Die Partizipation am ökumenischen Austausch auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene

Mehrere Theologinnen erzählten jedoch auch von engen Verknüpfungen der lokalgemeindlichen Realität mit der internationalen Ökumene, z.B. mit Partnergemeinden aus Westdeutschland oder den Niederlanden, mit regelmäßigen Kontakten zu Kirchen und Gemeinden in Osteuropa, z.B. einer deutschstämmigen Gemeinde in Rumänien oder ökumenischen Organisationen und Projekten. Eine Theologin berichtete, daß ihre Gemeinde regelmäßig ein Entwicklungshilfeprojekt der Goßner Mission in Sambia unterstützte. Bei Gemeindeseminaren werde über die Frage der weltweiten Gerechtigkeit gearbeitet. Eine Kirchengemeinde, in der eine der befragten Theologinnen arbeitete, unterstützte durch ein Stipendium eine afrikanische Studentin beim Erlangen einer qualifizierten Ausbildung in der DDR. Bei den Kontakten zu Partnergemeinden unterschieden vor allem die jüngeren Theologinnen zwischen den Beziehungen zu westdeutschen Partnergemeinden, die vor allem Geld und Materialien für die Arbeit der Kirchengemeinden in der DDR bereitstellten, und denen zu niederländischen Partnergruppen, mit denen stärker das offene und kritische Gespräch, z.B. über die Friedensfrage, im Zentrum gestanden habe.

Die übergemeindliche ökumenische Arbeit beschrieb die Mehrzahl der Theologinnen aus allen drei Generationen als kaum existent und wenig produktiv. So gaben zwar mehrere an, daß jährlich ökumenische Gottesdienste und z.T. ein Arbeitskreis mit katholischen Berufskollegen stattfänden. Gleichzeitig charakterisierten jedoch mehrere Theologinnen diese ökumenischen Begegnungen als eine Art Pflichtveranstaltung ohne vertiefende Wirkung.

Kontakte zu den offiziellen weltweiten Ökumeneorganisationen LWB und ÖRK bestanden bei nur wenigen Theologinnen, die an Tagungen oder Ausschußsitzungen dieser Organisationen teilgenommen hatten. So war eine Theologin der mittleren Generation Delegierte bei einer ÖRK-Konferenz über Frauenordination gewesen. Sie erlebte dort die Konflikte zwischen den Frauen ordinierenden protestantischen Kirchen und den orthodoxen Kirchen, die dies unter Hinweis auf ihre Tradition ablehnten. Zwei Theologinnen der mittleren und älteren Generation hatten Kontakt zum Ökumenischen Forum christlicher Frauen in Europa. Eine von ihnen hatte als Vertreterin der ELLM an einer lutherischen Frauenkonferenz in den USA teilgenommen.

Die ökumenisch interessierten Theologinnen schätzten auch die Ergebnisse der Sheffield-Konferenz als relevant für die Arbeit der Frauenhilfe in der DDR ein. Die Theologinnen der jüngeren Generation berichteten weniger von Begegnungen mit den internationalen Ökumeneorganisationen LWB und ÖRK, sondern eher von persönlich gesuchten Zusammentreffen mit ökumenischen Gästen, die am Gemeindeleben in bestimmten Situationen teilnahmen. Eine Theologin berichtete von ihrer Teilnahme an einem WSCF-Frauenseminar in Uppsala. Dort hatte sie einen sehr intensiven Austausch über die Gemeinsamkeiten und Differenzen der Frauenrealität in westlichen und sozialistischen Staaten Europas erlebt.

Insgesamt beurteilten alle Theologinnen die ökumenischen Beziehungen auf lokaler, übergemeindlicher und weltweiter Ebene als wichtig. Sie sollten der eigenen Horizonterweiterung und auch der konfessionellen Grenzüberschreitung dienen. Durch Kontakte zu ChristInnen, Kirchengemeinden und Projekten in osteuropäischen und "Entwicklungsländern" sollte auch die starke Orientierung auf die westdeutsche Situation und deren Maßstäbe relativiert sowie der eigene Umgang mit den eigenen Ressourcen thematisiert und kritisch reflektiert werden. Ziel sollte eine Verstärkung des Wahrnehmungsvermögens für Andersartiges und Fremdes sein. Die Lebensdimensionen sollten verknüpft werden, um die weltweite Dimension des christlichen Glaubens spürbar zu machen. Diesem Ziel sollte auch die kollektive Begegnung von ChristInnengemeinde zu ChristInnengemeinde statt einer privaten Kontaktpflege dienen.


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Hinsichtlich des Kontaktes mit anderen Konfessionen war es bei manchen Theologinnen mit Mitgliedern der methodistischen Kirche zu einer engen Kooperation gekommen. Bei den Mitgliedern und Berufskollegen aus den baptistischen, neuapostolischen oder katholischen Kirchen hatten sie dagegen teilweise offene oder versteckte Vorbehalte gegenüber der Frauenordination erlebt, die zu einer Distanz führten. In den internationalen Beziehungen empfanden die Theologinnen vor allem in den Begegnungen mit reformierten und mennonitischen ChristInnen aus den Niederlanden die konfessionelle Differenz als wenig trennend und hatten mit ihnen gemeinsam Abendmahl gefeiert. Eine Theologin äußerte ein intensives Interesse an der orthodoxen Kirche, deren klösterlichem Leben und ihrer Glaubenspraxis.

4.4.4. Das Verhältnis zum Weltgebetstag der Frauen und zur "Ökumenischen Dekade der Kirchen in Solidarität mit den Frauen"

Der Weltgebetstag der Frauen hatte vor allem für die älteren Theologinnen Bedeutung. Sie betonten, daß sie daran für wichtig hielten, Informationen über das Leben, den Glauben und den gesellschaftlichen Kontext von Frauen in einem anderen Land zu erhalten und mit Frauen gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Eine ältere Theologin hob auch den Aspekt der Tradition dieses Ereignisses hervor. In einem Fall wurde der Weltgebetstag zusammen mit einer Freikirche gefeiert, im anderen Fall unter Einladung der Frauen der katholischen Gemeinde. Zwei mecklenburgische Theologinnen beteiligten sich im Rahmen des Nationalkomitees des Weltgebetstages an den konzeptionellen Überlegungen über die Gestaltung und Kontextualisierung des Weltgebetstages für Frauen auf DDR-Ebene. Die Theologinnen der mittleren Generation betonten noch stärker als die älteren Theologinnen den festlichen Charakter dieses Ereignisses als ein Beten und Singen, das in ein gemeinsames Fest mit Essen aus dem Land münde, aus dem die Gebetsordnung komme. Als wichtig stuften viele Theologinnen auch die Beschäftigung mit der Situation und Problematik der Frauen in dem ausgewählten Land ein. Dazu fanden teilweise schon vorher Veranstaltungen statt, manchmal war daran eine Frau aus dem betreffenden Land beteiligt. Was den interkonfessionellen Charakter dieses Gebetsgottesdienstes anbelangte, gaben mehrere Theologinnen der mittleren Generation an, daß sie z.T. mit katholischen, methodistischen und baptistischen ChristInnen diese Gottesdienste feierten. Eine berichtete, daß ihre Bemühungen um eine gemeinsame Veranstaltung mit den katholischen Frauen jahrelang an der ablehnenden und Kontakte verhindernden Haltung des katholischen Pfarrers gescheitert seien. Als ein Ziel benannten Theologinnen der mittleren Generation, den Reichtum in der eigenen Gesellschaft zu erkennen. Die Theologinnen der jüngeren Generation standen mindestens zur Hälfte dem Weltgebetstag eher desinteressiert oder skeptisch gegenüber. Sie kritisierten den Ansatz, ohne eigene Kenntnis der spezifischen Situation mit ein paar schriftlichen Informationen und einer Reihe von Lichtbildern angemessen über ein fremdes Land zu berichten und sich davon eine verändernde Wirkung zu erhoffen.

Die Ökumenische Dekade der Kirchen in Solidarität mit den Frauen war bei etwa der Hälfte der Theologinnen aller Generationen überhaupt nicht bekannt. Einige hatten kurze Hinweise darauf der kirchlichen Presse entnommen. Einige Theologinnen hatten jedoch auch schon an Veranstaltungen, wie z.B. dem mecklenburgischen Eröffnungsgottesdienst der Frauendekade in Güstrow, teilgenommen. Grundsätzliche Anfragen äußerten vor allem Theologinnen der älteren Generation, aber auch einige der mittleren und jüngeren Generation daran, warum die genannten Themen und Aufgabenbereiche vor allem Frauen betreffen sollten. Außerdem sahen manche Theologinnen keine praktischen Handlungsmöglichkeiten in den Gemeinden. Andere sahen eine Übereinstimmung der angesprochenen Themenfelder mit denen des konziliaren Prozesses und der ökumenischen Versammlungen. Sie befürworteten auch deshalb eine Fortführung der gemeinsamen Bemühungen von Männern und Frauen um eine christliche Lebenspraxis in diesen Bereichen.

Bezüglich der Arbeit zum Thema Rassismus gab eine ältere Pfarrerin aus dem Neubaugebiet Rostock-Lichtenhagen an, daß sie dort im Rahmen eines Gottesdienstes zum Weltfriedenstag am
1. September 1989 den Rassismus gegenüber vietnamesischen und mosambikanischen VertragsarbeiterInnen thematisiert habe. Bereitschaft zum Gespräch über Rassismus erlebte sie vor allem bei den Jugendlichen, während Alten- und Frauenkreisen das Gespräch zu diesem Thema oft verweigerten. Ein unbearbeitetes Trauma im Umgang mit der Vergangenheit blockiere das Gespräch. Eine jüngere Theologin berichtete von einer Einladung der Gemeinde an mosambikanische und afghanische MitbürgerInnen und von einem Gespräch in der Familienarbeit über Friedens- und Gerechtigkeitsfragen. Eine jüngere Theologin gab an, daß sie über die Arbeit von Aktion Sühnezeichen eine lebendige Beziehung zwischen deutschen und polnischen Menschen zu erreichen suche, da sie sich von der zwischenmenschlichen Beziehung eine tiefere Wirkung verspreche als von theoretischen Überlegungen. Andere Theologinnen sahen die Auseinandersetzung mit Rassismus deshalb als schwierig an, da nur wenig AusländerInnen in den Ortsgemeinden anzutreffen waren. Mehr Chancen


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als für die Behandlung der Rassismus-Frage sahen sie für die ökologische Frage, wenngleich auch in diesem Punkt die Einschätzung war, daß bisher bei den Gemeindegliedern wenig Bewußtsein bestehe. Mehrere Theologinnen der mittleren Generation berichteten, daß in ihrer Gemeinde der Kirchgemeinderat das Umweltthema aufgegriffen habe und Überlegungen angestellt habe, welche konkreten praktischen Initiativen zu ergreifen seien. Eine Theologin gab als ihr Interesse an der Frauendekade an, andere Frauen kennenzulernen, die Aktivitäten im ökologischen Bereich bereits entwickelt hätten. Mehrere jüngere Theologinnen, die in Dorfgemeinden waren, sahen eine gewisse Chance und Herausforderung darin, das Ökologiethema in Bezug auf die Landwirtschaft aufzugreifen. Eine suchte nach Ideen, wie sie die Aspekte des konziliaren Prozesses und der Frauendekade in der Jugendarbeit aufgreifen könnte.

Besonderes Interesse an der ökumenischen Frauendekade zeigte die bei der Frauenhilfe tätige Theologin, die mit anderen Frauen vor der Wende eine Fragebogenkampagne geplant hatte, um die Einschätzungen und Wünsche von Frauen gegenüber dieser ökumenischen Initiative kennenzulernen. Angesichts des politisch-gesellschaftlichen Umbruchs schoben sie die Durchführung dieser auch mobilisierenden Charakter tragenden Kampagne hinaus. Grundsätzlich problematisierte diese Theologin an dem Konzept der Frauendekade, daß die Kirchenleitung sich der auch an ihre Struktur gerichteten Anfrage des Dekadenthemas durch die Delegation der Frauendekade an die Zuständigkeit der Frauenhilfe ein Stück weit zu entledigen suchte.

4.5. Die Berufskonzeption der Theologinnen

4.5.1. Die Berufsvorstellungen vor Studienbeginn

Bei der Mehrzahl der mecklenburgischen Theologinnen aus allen drei Generationen stand ein positives Erleben der kirchengemeindlichen Arbeit, insbesondere der Jungen Gemeinde im Hintergrund ihrer Berufswahl. Sie hatten dort erlebt, daß sie früh Verantwortung bekamen, und die Mitarbeit hatte ihnen Freude bereitet. Angesichts des staatlichen Drucks auf diesen kirchlichen Arbeitsbereich waren sie außerdem relativ früh dazu gedrängt worden, für diese Zugehörigkeit Konsequenzen auf sich zu nehmen.

Einzelne Theologinnen der mittleren und jüngeren Generation hatten positive Erfahrungen in den Kirchengemeinden im Bereich der Kirchenmusik, der KonfirmandInnenarbeit oder der Kinderarbeit gemacht. Andere Vertreterinnen aus diesen beiden Altersgruppen hatten die offene, generationenübergreifende Atmosphäre eines Pfarrhauses als positiv erlebt. Drei Theologinnen bekamen während ihrer Ausbildung in einem anderen Beruf Kontakt zur Studentengemeinde. Als weiterer Faktor wirkte bei vier Theologinnen die Erfahrung einer existenziellen Krise, z.B. eine langwierige Krankheit, der Vater-Tochter-Konflikt, der Selbstmord einer Freundin oder der Berufswunsch des verstorbenen Vaters für die Tochter.

Für etwa die Häflte der Theologinnen, insbesondere auch der älteren Generation, trug zur Entscheidung für das Theologiestudium wesentlich bei, daß andere Studienwünsche, z.B. Medizin, oder der LehrerInnenberuf aufgrund der eigenen Herkunft aus dem Bürgertum ausschieden. Andere lehnten einen stark politisch ausgerichteten Studiengang, z.B. in Bibliothekswissenschaften, bzw. die nach dem Studium verlangte staatstragende Auffassung als Lehrerin ab. Einige Theologinnen aus allen Generationen dachten angesichts dieser Situation zunächst an einen kirchlichen Beruf auf mittlerer Ebene wie Katechetin, Gemeindehelferin, Gemeindeschwester oder an eine Spezialausbildung in der Jugendarbeit. Einzelne kirchliche MitarbeiterInnen ermutigten sie jedoch dazu, die Möglichkeiten ihres Ausbildungssstatus zu nutzen und Theologie zu studieren.

Bei den Theologinnen der älteren Generation war mit der Entscheidung für das Theologiestudium bei fast keiner das Gemeindepfarramt als Berufsperspektive verbunden. Statt dessen strebten sie eine Ausbildungstätigkeit im kirchlichen Bereich an, z.B. als Katechetin oder als Dozentin am Katechetischen Seminar. Eine andere Theologin wollte in den Bereich der diakonischen Arbeit der Stadtmission, wo auch eine Stelle für Theologinnen vorgesehen war, die dann jedoch schon eine andere Theologin besetzt hatte. Lediglich eine der älteren Theologinnen gab an, daß sie Theologie mit dem klaren Ziel studiert hatte, die Botschaft Jesu Christi zu verkündigen. Bei den Theologinnen der mittleren Generation hatte etwa die Hälfte keine klare Berufsvorstellung, als sie mit dem Theologiestudium begann. Die andere Hälfte wollte dagegen von Anfang an ins Pfarramt, um in der Predigtarbeit die eigenen Glaubenserfahrungen weiterzugeben. Bei drei Theologinnen stand das explizite Interesse an der Theologie als Wissenschaft im Vordergrund. Auch bei der jüngeren Theologinnengeneration war für mehrere keineswegs bei Studienbeginn der Pastorinnenberuf als Perspektive klar. Entscheidend war zunächst das Interesse an einem Studium als solchen und der damit verbundenen Spielräume bzw. das Interesse an der Auseinandersetzung mit theologischen


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Fragen.

Der Bildungsweg der drei Theologinnengenerationen vor der Aufnahme des Theologiestudiums war sehr unterschiedlich. Für die Mehrzahl der älteren Theologinnen verlief er von der Grundschule über die Oberschule bis zum Abitur relativ ungestört. In einzelnen Fällen verursachte der zweite Weltkrieg Unterbrechungen. Zwischen Abitur und Studium übte eine Theologin eine ungeregelte Berufstätigkeit aus. Eine andere absolvierte zwei Jahre lang eine Ausbildung am Katechetischen Seminar. Bei der mittleren Generation verlief für die Mehrzahl der Weg bis zum Abitur ohne Probleme. Einzelne hatten Schwierigkeiten mit dem staatlichen Lehrbetrieb und verließen die Schule nach der mittleren Reife. Mehrere von ihnen arbeiteten dann ein Jahr oder länger in verschiedenen kirchlich-diakonischen Einrichtungen wie einer kirchlichen Ausbildungsstätte, einer Schwesternschule, bei Diakonissen oder in einer Blindenschule. Eine Theologin lernte den Beruf der Krankenschwester und erwarb durch Abendkurse ihr Abitur.

Bei den jüngeren Theologinnen verlief nur bei zweien von ihnen der Weg von der Grundschule über die Erweiterte Oberschule bis zum Abitur direkt. Bei vier anderen war die Folge ihrer Weigerung, an der FDJ, den Jungen Pionieren oder der Jugendweihe teilzunehmen, daß sie eine andere Ausbildung zwischen dem Abschluß der zehnjährigen polytechnischen Ausbildung und dem Studium zwischenschalteten. So verfügte eine Theologin über eine abgeschlossene Ausbildung und Berufserfahrung als Orthoptistin. Eine andere Theologin war ausgebildete Bibliothekarin, eine Theologin hatte eine medizinische Ausbildung für HNO-Krankheiten und eine weitere hatte Köchin gelernt. Zwei Theologinnen hatten das kirchliche Oberseminar in Potsdam besucht, um dort ihr Abitur zu erwerben.

4.5.2. Subjektive Bewertung der Berufskonzeption

Positiv beurteilten die Theologinnen aller Generationen übereinstimmend den hohen Grad an Selbstbestimmung und die Möglichkeit, individuelle Interessen und Ideen bei der Tätigkeit im Pfarramt einzubringen. Als zweiten Aspekt würdigten sie die Vielfalt und Variabilität sowie die Möglichkeiten, phantasievoll und experimentierend im Pfarramt tätig zu sein. Zum dritten bewerteten alle Theologinnen, insbesondere der älteren und mittleren Generation, den intensiven Kontakt zu Menschen positiv. Gewisse Differenzen traten zwischen den verschiedenen Altersgruppen bei der Bewertung einzelner pastoraler Arbeitsfelder auf. Mehrere ältere Theologinnen hoben den Unterricht und die Predigt positiv hervor. Die mittlere Generation schätzte eher die Seelsorge und die jüngere Generation die gruppenkommunikativen Arbeitsformen sowie die Auseinandersetzung mit biblischen Texten. Als schwierig empfanden viele Theologinnen die ungeregelte Arbeitszeit, das Gefühl, nie mit der Arbeit fertig zu sein, und die mangelnde Trennung von Beruf und Privatleben, die als Ergebnis wenig Raum für das Privatleben lasse. Die jüngeren Theologinnen vermißten teilweise im Dorf GesprächspartnerInnen auf der gleichen Ebene und fühlten sich zeitweise einsam. Als zweiten schwierigen Aspekt des Pfarrberufs nannten sie die fehlende Arbeitsteilung mit anderen MitarbeiterInnen. Es gebe zu wenig Teamgeist. Individualistische Interessen ständen zu sehr im Vordergrund. Dies hänge mit dem von den Theologinnen als negativ empfundenen Image zusammen, daß PfarrerInnen AlleskönnerInnen seien und als Amtspersonen zu funktionieren haben.

Daneben empfanden viele Theologinnen die pastoralen Aufgaben im Leitungs- und Verwaltungsbereich wie Bau-, Finanzen-, Verwaltungs- und Leitungs- sowie Organisationsaufgaben als schwierig. Teilweise stand für sie das Ergebnis nicht im angemessenen Verhältnis zum Aufwand. Manche fühlten sich auch für eine kompetente Ausübung dieser Tätigkeiten nicht angemessen ausgebildet. Einzelne Theologinnen beurteilten weitere pastorale Tätigkeiten als problematisch. So hatte eine Theologin beim Unterrichten Disziplinschwierigkeiten. Eine andere Theologin empfand es als Druck, jede Woche predigen zu müssen, und eine dritte wies auf die belastenden Momente bei schwierigen Beerdigungen hin.

4.5.3. Veränderungsvorschläge für die pastorale Arbeit

Die Mehrzahl der Theologinnen aus allen drei Generationen strebte Veränderungen der pastoralen Berufstätigkeiten hinsichtlich folgender Aspekte an: Sie plädierten für eine Delegation bestimmter Aufgaben an andere kirchliche MitarbeiterInnen entsprechend deren spezifischer Ausbildung. So sollten Katechtetinnen den kinderpädagogischen Bereich oder KantorInnen die Kirchenmusik selbstverantwortlich wahrnehmen. Bestimmte Aufgaben, wie z.B. Kirchenbau, Finanzen und Verwaltung, sollten kompetente LaiInnen aus der Gemeinde übernehmen bzw. übergemeindliche Stellen als Hilfeleistung anbieten. Die PastorInnen sollten eine stärker geregelte Freizeit haben. Die Ausbildung der PastorInnen sollte stärker praxisbezogen sein.

Vor allem Theologinnen der jüngeren Generation wollten das Pfarrerbild gemeinsam neu reflektieren,


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um einerseits eine Rückkehr zur Pastorenkirche zu verhindern und andererseits mehr Freiräume für eine flexible, eher künstlerisch agierende und experimentierende Berufsausübung zu schaffen.

Gleichzeitig wollten sich die PastorInnen in dem neuen gesellschaftlichen Kontext stärker als vorher in diesen integrieren, also weniger AußenseiterInnen sein, aber auch nicht ManagerInnen ähnlich werden. Insbesondere die Theologinnen der mittleren und jüngeren Generation forderten eine Demokratisierung der kirchlichen Strukturen und der darin vorgesehenen Partizipationsmöglichkeiten für Kirchenleitung, Kirchgemeinderat und LaiInnen. Dies verstanden sie als Konsequenz der für den staatlichen Bereich geforderten Demokratisierung.

Was das Verhältnis zwischen PfarrerInnen und anderen kirchlichen MitarbeiterInnen anging, sahen es die älteren Theologinnen als besonders wichtig an, daß die anderen kirchlichen Berufe ihre spezifischen Fachaufgaben so selbständig wie möglich ausführten. Die Theologinnen der mittleren Generation plädierten für eine selbständige verantwortliche Kooperation aller Beteiligten und wollten die Unterschiede zwischen allen MitarbeiterInnen, z.B. in finanzieller und hierarchischer Hinsicht, so gering wie möglich halten. Einige jüngere Theologinnen traten für eine kritische Reflexion des mythischen Charakters der pfarramtlichen Tätigkeiten ein. Manche von ihnen konnten sich die Sakramentsverwaltung und Ordination auch für andere kirchliche MitarbeiterInnen vorstellen.

Als spezielle Aufgaben der TheologInnen in der Gemeinde sahen die älteren Theologinnen vor allem die Koordination und die Gesamtverantwortung für das kirchgemeindliche Leben sowie den Schwerpunkt Verkündigung des Evangeliums an. Sie verstanden sich als theologische Facharbeiterinnen, die ihre besondere Kompetenz vor allem in den Arbeitsfeldern Exegese, Seelsorge und Predigt hatten. Die mittlere Generation der Theologinnen hob weniger ihre leitende Funktion und mehr ihre aus ihrer Ausbildung und bezahlten Freistellung von anderen beruflichen Tätigkeiten erwachsende Kompetenz zu seelsorgerlichen begleitenden sowie theologisch interpretierenden Aufgaben hervor. Die jüngeren Theologinnen sahen ihre spezifische Aufgabe vor allem im theologisch-interpretatorischen Bereich. Dazu gehörte für sie zum einen, in theologisch verantwortlicher Form gesellschaftliche und politische Veränderungen wahrzunehmen, und zum anderen die dabei zu Tage tretenden Lebensfragen und Erfahrungen mit Hilfe der Bibel zu reflektieren, zu interpretieren, mit den Menschen vom Evangelium her umzugehen und ihnen Raum für neue Erfahrungen zu eröffnen. Ihr besonderes Engagement galt dem Anliegen, Leben und Glauben in einen engen und produktiven Zusammenhang zu bringen, in dem die Erfahrungen der Menschen ernstgenommen werden. Sie verstanden sich eher als HirtInnen, die die Verlorenen, die Marginalisierten im Blick hatten, und nicht als ChefInnen, die Anordnungen treffen. Einzelne Theologinnen wollten die Sakramentsverwaltung und Ordination von LaiInnen in Betracht ziehen, um deutlich zu machen, daß PastorInnen nicht Gott näher stehen als LaiInnen.


Fußnoten:

<1096>

Handbuch der ELLM, Schwerin 1987.

<1097>

Sammlung HEILING: Statistik zur Anstellung von Theologinnen und Theologen der ELLM vom 15.3.1987.

<1098>

In Anbetracht der zeitlichen Begrenzung des Untersuchungszeitraums auf die Zeit bis 1990 und einer notwendigen differenzierten Beurteilung der in der Schlußphase der DDR gemachten Einschätzungen der DDR-Kirchenistuation durch die Theologinnen werden hier die Antworten auf folgende Fragebereiche nicht dargestellt, um die der Interviewleitfaden für die Theologinnen der ELLM im Vergleich zu dem für die bayerischen Theologinnen ergänzt worden war: Erwartungen an die zukünftige Situation der Frauen in der DDR.; Bewahrenswertes der DDR-Kirchen; Aufgaben der Kirchen in der Zukunft; Chancen eines ökumenischen Umgangs zwischen den Kirchen in der BRD und in der DDR. Die Antworten sollen, nach einer neuerlichen Befragung der Theologinnen, auf dem Hintergrund ihrer jetzigen Einschätzung der damaligen wie der gegenwärtigen Situation ausgewertet werden.

<1099>

Eine ähnlich positive Einschätzung des Verhältnisses zwischen Theologin und Gemeinde hatte auch BOBSIN, Pfarramt, S. 36 festgestellt. Sie berichtete, daß die Gemeinde weniger ein Problem, sondern eher eine Unterstützung vor allem für junge Pastorinnen darstellte. Zum Teil würden die Gemeinden sogar explizite Neugierde gegenüber dem Leistungsvermögen einer Pastorin äußern, das in Regel zu Zu- und Vertrauen nach einer Einarbeitungsphase führe.

<1100>

Ähnliches berichtete auch BOBSIN, Pfarramt, S. 37 von sehr unterschiedlichen Einschätzungen des Verhältnisses zwischen männlichen und weiblichen Theologinnen, wobei dort die negativen Erfahrungen betont wurden: So erfuhren die Theologinnen vielfach große Kritik und Unzufriedenheit. Sie würden oft mit versteckten Vorurteilen statt mit offener Ablehnung konfrontiert. Die Frau im Pfarramt werde teilweise als Konkurrenz erlebt. Die Vermutung, daß dies primär eine Generationenfrage wäre, wurde unter Hinweis auf die fehlende Offenheit auch bei manchen jungen Kollegen in Frage gestellt. Insgesamt begegneten die Theologinnen nach BOBSIN immer noch einem hohen Leistungsdruck und müßten beweisen, daß ihre Arbeit gleich und vollwertig ist. Allerdings gäbe es in anderen Fällen auch eine offene und vorbehaltlose Aufnahme durch männliche Kollegen.


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