Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

TEIL C: Die Theologinnenarbeit in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs (ELLM)

Kapitel 5. Zusammenfassung und Auswertung: Die Kontextualität der Arbeit von Theologinnen in der ELLM

5.1. Der Bezug der Theologinnenarbeit zur sozioökonomischen Situation von Frauen in der DDR

5.1.1. Ausbildung

Die Öffnung der deutschen Universitäten für Frauen am Ende der Kaiserzeit und die prinzipielle Gleichstellung von Frauen in der Weimarer Reichsverfassung 1919 bewirkten, daß auch theologisch interessierten Frauen in Mecklenburg der Zugang zum Theologiestudium, z.B. an der staatlichen Universität Rostock, offenstand. In Übereinstimmung mit der insgesamt relativ geringen Zahl studierender Frauen zur Zeit der Weimarer Republik begannen auch nur wenige Mecklenburgerinnen mit dem Theologiestudium. Keine von ihnen gelangte in den pastoralen Beruf. Einige arbeiteten vermutlich als Religionslehrerinnen in Schulen, andere brachen ihr Studium aufgrund von Eheschließung und Familiengründung ab.

Erst zu Beginn der 30er Jahre begannen einige Mecklenburgerinnen ihr Studium mit dem Ziel des kirchlich-pastoralen Berufes. Die Landessynode der ELLM hatte bereits Ende der 20er Jahre aufgrund der ersten kirchlichen Examina in anderen Landeskirchen über die Zulassung der Theologinnen zu den kirchlichen Prüfungen und die Gestaltung ihrer kirchlich-praktischen Ausbildung beraten. Sie eröffnete 1927 und 1929 in zwei Kirchengesetzen den Theologinnen den Zugang zum ersten und zweiten kirchlichen Examen und bot ihnen für ihre Vikariatszeit eine Ausbildungsbeihilfe an. Aufgrund der Übernahme der mecklenburgischen Kirchenleitung durch die Deutschen Christen legten die ersten an einem kirchlichen Beruf interessierten Theologinnen jedoch Mitte der 30er Jahre ihr erstes Examen nicht bei der ELLM ab, sondern als Fakultätsexamen an der von der BK geprägten Rostocker Fakultät.


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Das zweite Examen absolvierten sie - wie ihre männlichen Kollegen - bei der intakten Hannoveraner Landeskirche. Entsprechend wurde auch die praktische Ausbildungsphase für die kleine Zahl mecklenburgischer BK-Vikarinnen von der BK eher improvisiert.

Das erste reguläre landeskirchliche Examen einer Theologin legte 1953 Ilse Vogt ab. Ihr Vikariat bestand aus einer Tätigkeit in einer Schweriner Gemeinde, dem Reisedienst für die Frauenarbeit, diakonischer Arbeit und einer Teilnahme an der Ausbildung im EKU-Vikarinnenseminar in Berlin-Spandau. Ende der 50er und in den 60er Jahren nahm die Zahl der mecklenburgischen Theologinnen, die ihr Theologiestudium an staatlichen Fakultäten und teilweise auch kirchlichen Hochschulen mit dem Ziel eines pastoralen Berufes abschlossen, langsam zu. Ihre Vikariatszeit bestand meist aus relativ selbständiger praktischer Gemeindearbeit infolge des Pfarrermangels und einer relativ kurzen Seminarausbildung in Form eines im Abstand von zwei, drei Jahren durchgeführten Vikarinnenseminars. Solche Vikarinnenseminare fanden zunächst in Hannover-Birkenhof statt und dann aufgrund der Probleme im Interzonenverkehr abwechselnd in einer der drei lutherischen Landeskirchen in der DDR. Ihr Lehrinhalt war neben der konfessionellen Akzentuierung stark von der Berufskonzeption für die Theologinnenarbeit in der jeweiligen Landeskirche bestimmt. Die mecklenburgischen Theologinnen begrüßten die Möglichkeit des Kontaktes über die landeskirchlichen Grenzen hinweg, bemängelten jedoch die kurze Dauer der theologischen Ausbildung im Verhältnis zu den Einjahreskursen für ihre männlichen Studienkollegen. Aufgrund der Annäherung der Theologinnenarbeit an das vorher männlich geprägte Pfarramt, der Sparmöglichkeiten bei einer Integration in die landeskirchlichen Predigerseminarkurse und der differenten Auffassungen über die Theologinnenarbeit boten die drei VELK-DDR-Kirchen in den 70er Jahren keine geschlechtsspezifischen Kurse mehr für Theologinnen an. Eine solche Integration hatte bereits in den 50er Jahren der Geistliche Ausschuß der mecklenburgischen Landessynode angedacht und die MPK gefordert. Spezifische Qualifikationsangebote und Frauenförderpläne, wie sie der staatliche Bereich in der DDR in den 50er, 60er und 70er Jahren entwickelte, existierten in der Kirche nicht. Statt dessen wollte Landesbischof Beste eher alles vermeiden, was die Theologinnenausbildung attraktiv machen konnte.

Viele der Theologinnen, die in den 70er und 80er Jahren in den kirchlichen Dienst traten, hatten bereits vor ihrem Theologiestudium eine Berufsausbildung abgeschlossen und teilweise einige Jahre Berufspraxis. Für manche von ihnen war das Theologiestudium aufgrund ihres kirchlichen Engagements oder ihrer Herkunft aus einer Pastorenfamilie der einzige Zugang zu einem akademischen Ausbildungsweg bzw. zu einer relativ selbstbestimmten, staatlich wenig beeinflußten Ausbildung.

So ist insgesamt festzustellen, daß die Kirche einerseits keineswegs die theologische Ausbildung von Frauen besonders förderte - im Gegensatz zur Frauenföderung im staatlichen Bereich der DDR in den 50er, 60er und 70er Jahren. Allerdings hatte bis zum Ende der DDR nur ein kleiner Teil der Frauen Zugang zu einem Studium (6,7%). Andererseits bot die mecklenburgische Kirche durch ihre Akzeptanz der theologischen Ausbildung an kirchlichen Hochschulen auch für solche Frauen eine einem akademischen Studium entsprechende Berufsmöglichkeit an, die im staatlichen Bereich aufgrund ihrer kirchlichen Prägung keine Chance hatten.

5.1.2. Anstellungsformen

Obwohl die Landessynode 1929 im Anschluß an ihren Beschluß über die Zulassung von Theologinnen zu den kirchlichen Prüfungen den OKR aufforderte, einen Entwurf für die Anstellung von Theologinnen vorzulegen, erfolgte keine entsprechende Klärung bis Anfang der 50er Jahre. Die Landessynode übernahm die seit Ende der 20er Jahre im staatlichen Bereich für Beamtinnen als Möglichkeit beschlossene Richtlinie, nur ledige Frauen beamtenähnlich anzustellen. Das Beschäftigungsverhältnis der BK-Vikarinnen war wie das ihrer männlichen Kollegen eher improvisiert. Ab Mitte der 50er Jahre wurde über die Gleichstellung der Theologinnen mit ihren männlichen Kollegen auch hinsichtlich des Anstellungsverhältnisses diskutiert. Anläßlich einer aktuellen Problemlage stellte die Landessynode 1964 fest, daß die Theologinnen zum geistlichen Stand zu rechnen waren. Erst ab 1965 konnten auch offiziell verheiratete Theologinnen ein pastorales Anstellungsverhältnis entsprechend ihrer Qualifikation übernehmen, jedoch weiterhin als Einzelfall und mit selbständigem Interventionsrecht des OKR. Dieser bot manchen verheirateten Theologinnen die Möglichkeit zu Teilbeschäftigung, Beurlaubung, Entlassung und Wiederanstellung.

Nach Auffassung des Oberkirchenrats und Landesbischofs Rathke sollten die Theologinnen möglichst als Angestellte entsprechend dem staatlichen Arbeitsrecht arbeiten und in der staatlichen Versicherung SVK versichert sein. Insbesondere bei Teilbeschäftigung lehnten sie eine Übernahme ins Beamtinnenverhältnis ab. Den Vorzug dieser besonderen Anstellungsform sahen sie in der darin


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liegenden Entfernung der Theologinnenanstellung vom deutschen Beamtenrecht, die andere aus theologischen Gründen forderten. Auch aus praktischen Gründen schien der Kirchenleitung diese Anstellungsform vorteilhafter: Ein Wechsel in ein nichtpastorales Arbeitsfeld war leichter und der Staat sollte sowohl Mutterschaftsurlaub als auch Altersversorgung bezahlen. Die Landessynode befürchtete jedoch finanzielle Nachteile für die Theologinnen und lehnte die SVK-Anstellung als "normale" Anstellungsform für teilzeitbeschäftigte Theologinnen ab. Trotzdem waren viele der verheirateten und auch mache der ledigen älteren Theologinnen SVK-versichert und im Angestelltenverhältnis. Dies bedeutete, daß ihnen keine Pfarrstelle übertragen werden konnte. Sie wurden nur mit deren Verwaltung beauftragt.

Die Theologinnen gehörten in der DDR zu der Minderheit der Frauen, die nicht in einem staatlichen Betrieb arbeiteten. Gleichzeitig waren viele der Theologinnen im gleichen Anstellungs- und Versicherungsstatus wie die Mehrheit der anderen Frauen. Im Unterschied zu anderen verheirateten Frauen und Müttern im berufsfähigen Alter erwartete ihr Arbeitgeber von ihnen keineswegs die volle Berufstätigkeit, sondern ließ sie erst ab Mitte der 60er Jahre offiziell zur Erwerbsarbeit zu. Wie ein Drittel der erwerbstätigen Frauen in der DDR arbeiteten auch viele der verheirateten Theologinnen als Teilzeitbeschäftigte. Die Kirchenleitung begründete zunächst diese Beschränkung auf Teilzeitarbeit nur für Frauen mit der verfassungsrechtlichen Regelung in der DDR. Jedoch änderte sie daran nichts, als ab den 80er Jahren im gesellschaftlichen Bereich auch für Väter eine zeitliche Reduzierung ihrer Erwerbsarbeit möglich wurde.

5.1.3. Arbeitsfelder

In Übereinstimmung mit den auch im gesellschaftlichen Bereich dominierenden geschlechtsspezifischen Arbeitsfeldern für Frauen galten zur Zeit der Weimarer Republik als erste mögliche Arbeitsfelder für Theologinnen die seelsorgerliche und pädagogische Arbeit an ihren Geschlechtsgenossinnen, vor allem in den Frauenabteilungen geschlossener Anstalten. Öffentliche Tätigkeiten, wie z.B. Predigt, Sakramentsverwaltung, Amtshandlungen und die Leitung des Kirchgemeinderates, waren ihnen dagegen untersagt. Wo sie mit einem Berufskollegen kooperieren sollten, waren sie als seine Helferin vorgesehen, analog zur Einführung der Helferinnenberufe in anderen gesellschaftlichen Arbeitfeldern. Die Berufspraxis der ersten mecklenburgischen Theologinnen zur Zeit des Nationalsozialismus entsprach weitgehend diesem Konzept. Inwieweit z.B. Lydia Schröder im Bereich der übergemeindlichen weiblichen Jugendarbeit selbständig Verantwortung trug, ist den spärlichen Zeugnissen ihrer Arbeit nicht zu entnehmen.

Nach 1945 blieb dieses Konzept eines geschlechtsspezifischen Arbeitsfeldes, das auf eine Arbeit an den eigenen Geschlechtsgenossinnen sowie Alten, Kranken und Kindern konzentriert sein sollte, in der kirchlichen Diskussion weiterhin gültig - auch wenn es sowohl im gesellschaftlich-staatlichen Bereich als auch in der Theologinnenpraxis überholt war. So kamen Frauen in traditionelle Männerberufe und leitende Positionen, und Theologinnen waren oft selbständig in Kirchgemeinden inklusive Vorsitz des Kirchgemeinderates tätig. Die Theologinnen selbst strebten einen Freiraum für Experimente und neue pastorale Arbeitsfelder an statt einer Übernahme der traditionell von ihren männlichen Kollegen wahrgenommenen Tätigkeiten. Sie lehnten jedoch die ihnen von Landesbischof Beste wiederholt nahegelegten Tätigkeiten im Bereich von Diakonie, Mission, Katechetik und Frauenarbeit als frauengemäße Arbeitsfelder ab und bevorzugten die kirchgemeindlichen Arbeitsfelder. Erst in den 70er und 80er Jahren strebten manche verheiratete Theologinnen übergemeindliche Arbeitsfelder an, in der Hoffnung auf eine leichtere Verbindung von Beruf und Familie. Das Konzept frauenspezifischer Arbeitsfelder gaben die Theologinnen in den 60er Jahren auf. Die Kirchenleitung griff es angesichts der Diskussion um die Arbeitsteilung von TheologInnenehepaaren auch nach der prinzipiellen Gleichstellung der Theologinnen mit ihren männlichen Kollegen wieder auf, wenn sie z.B. vorschlug, daß "sie" die Aufgaben übernehmen sollte, die in der Nähe des Hauses anfallen, und ggf. "ihn" vertreten sollte, sofern er krank oder auf einer Tagung war. Vor allem die mit einem Berufskollegen verheirateten Theologinnen identifizierte sie primär mit ihren Verpflichtungen als Frau und Mutter - in Übereinstimmung mit der gesellschaftlichen Entwicklung in den 70er und 80er Jahren, die eine verstärkte Rückkehr von Frauen in die traditionellen Frauenberufe brachte. Ebenfalls in Übereinstimmung mit der gesellschaftlichen Partizipation von Frauen an Leitungsaufgaben auf lokaler Ebene ist die Übernahme von Gemeindepfarrstellen durch Theologinnen zu beurteilen. Einige Theologinnen wurden zu Pröpstinnen gewählt und bekamen Anteil an Leitungsaufgaben.

5.1.4. Arbeitsbedingungen (Lohn, Lebensform, Dienstwohnung, Dienstwagen)

Der theoretisch in der Weimarer Republik geltende, jedoch in vielen Bereichen nicht verwirklichte Grundsatz, "gleicher Lohn bei gleicher Ausbildung“, war auch in den ersten Diskussionen um die Entlohnung der Theologinnenarbeit in der mecklenburgischen Landessynode umstritten. So lautete


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bereits 1929 das Argument, daß es sich bei der TheologInnenbesoldung nicht um einen Lohn entsprechend einer geleisteten Arbeit, sondern um eine Alimentation gemessen an dem nötigen Aufwand zur Unterhaltssicherung handle. Diese aber sei bei einer ledigen Frau geringer als bei einem verheirateten Mann. Nachdem die Synode in dieser Frage keine Einigung erzielen konnte, traf sie keine Regelung. Im Unterschied zur Vorlage des OKR, die sich an dem im staatlichen Bereich Üblichen orientierte, sollte die Kirche beim zwangsläufigen Ausscheiden aus dem Anstellungsverhältnis bei Heirat keine Abfindung bezahlen. Ein Entwurf für die Besoldung der Pfarramtshelferin gestand dieser 80% des Pastorengehalts zu.

Nach 1945 begründete Landesbischof Beste seine - im Widerspruch zum geschlechtsunspezifischen Entlohnungsgrundsatz der DDR-Verfassung stehende - Auffassung, daß die Theologinnen nur 90% der für männliche Theologen vorgesehenen Besoldung erhalten sollten, wiederum damit, daß die Haushaltsführung einer ledigen Theologin billiger sei als die eines verheirateten Theologen. Die Kirche habe ein Recht zur selbständigen Regelung ihrer Besoldung. Er gab außerdem "psychologische Gründe" als Hindernis für eine Angleichung an. Ab Mitte der 50er bis Mitte der 60er Jahre forderten 1957 die MPK, 1962 der Nachwuchsausschuß der Synode und 1963 der synodale Vikarinnenausschuß eine geschlechtsunspezifische Angleichung der Besoldung. Allerdings sollten die Theologinnen weiterhin nur bis Stufe 9 statt 11 der Kirchlichen Besoldungsordnung aufrücken können. Die weitgehende besoldungsmäßige Gleichstellung sollte angesichts des ohnehin im gesellschaftlichen Maßstab geringen Pastorenlohns wenigstens einen gewissen Anreiz für Frauen zum Theologiestudium darstellen. 1965 beschloß schließlich die Synode, die Geschlechter hinsichtlich Besoldung und Versicherung gleichzustellen. Allerdings sollten die Witwer von Theologinnen in der Regel keine Hinterbliebenenversorgung erhalten. Die Leiterin der mecklenburgischen Frauenhilfe erhielt nicht den für landeskirchliche Leitungsstellen üblichen Zuschlag.

In den Interviews äußerten die befragten Theologinnen sich je nach Lebens- und Anstellungsform zu ihrem Gehalt. Ledigen Theologinnen, die ebenso viel wie ihre männlichen Kollegen verdienten, erschien ihr Gehalt eher gering. Manche betonten, daß das Westgeld über die Bruderhilfe eine sehr willkommene Ergänzung gewesen sei. Die Mehrzahl akzeptierte die relativ niedrige Besoldungshöhe im Hinblick darauf, daß ihre Landeskirche nicht über mehr Ressourcen verfügte, die Gehälter aller kirchlichen MitarbeiterInnen angeglichen wurden und ihr Gehalt dem der Mehrzahl ihrer Gemeindeglieder ähnlich war. Für die verheirateten Theologinnen, insbesondere die Teilbeschäftigen, stellte ihre Besoldung eher eine Art Zuverdienst dar.

Insgesamt ist hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Angleichung der Besoldungshöhe festzustellen, daß dies faktisch auch in der Gesellschaft nicht gelungen war. Dort waren deutliche geschlechtshierarchische Lohndifferenzen festzustellen. So verdiente die Mehrheit der Frauen in der DDR zwischen 700 und 1000 Mark, während der Durchschnittverdienst von Männer zwischen 900 und 1500 DM lag.

Hinsichtlich der Lebensform stellte die Entscheidung der Landessynode bis 1965, nur ledige Frauen in den pastoralen Dienst zu nehmen, aus gesellschaftlicher Perspektive eine Art Anachronismus dar, da seit 1920 der Lehrerinnenzölibat aufgehoben war. Nach einer vorübergehenden Wiedereinführung für Beamtinnen in der Depressionsjahren Ende der 20er und zu Beginn der 30er Jahre war die Zölibatsregelung offiziell aus den staatlichen Gesetzen verschwunden. Die ELLM diskutierte darüber vor allem ab Mitte der 60er Jahre. In den Augen mancher männlicher Diskussionsteilnehmer stand die lebenslange uneingeschränkte Verpflichtung, die aus der Ordination erwuchs, in Konkurrenz zu den Verpflichtungen aus Ehe und Familie, für die sie ausschließlich Frauen als zuständig ansahen. Die Kirchengesetze von 1965 ermöglichten erstmals eine Kombination von Beruf und Familie, wobei der Oberkirchenrat das Recht zu einem beurlaubenden Eingreifen in die Tätigkeit einer verheirateten Theologin behielt, wenn die Theologin durch familiäre Verpflichtungen an der Wahrnehmung ihrer beruflichen Aufgaben verhindert zu sein schien. Noch Ende der 60er Jahre versuchte Landesbischof Beste, verheiratete Theologinnen vom Zweiten Examen abzuhalten. Der 1970 neugewählte Landesbischof Rathke unterstützte dagegen verheiratete Theologinnen beim Weg durch Vikariat und Predigerseminar in die Gemeindearbeit und begründete dies mit guten Erfahrungen. Gleichzeitig konzipierte er jedoch auch für TheologInnenehepaare stärker konventionelle geschlechtshierarchische Modelle der Arbeitsteilung, wie z.B. Teilbeschäftigung, Beschäftigung auf einer MitarbeiterInnenstelle usw. Im gesellschaftlichen Bereich übliche Unterstützungsmaßnahmen für die Berufsausübung von Müttern in Form monatlicher Haushaltstage, Arbeitszeitverkürzung, Teilzeitmöglichkeiten und Urlaub zur Betreung von kranken Kindern übernahm die ELLM teilweise auch für die Gestaltung der Theologinnenarbeit.

Über einen Dienstwagen, ein Privileg gegenüber vielen anderen erwerbstätigen Frauen in der DDR, verfügten vor allem die jüngeren Theologinnen in Landgemeinden. Manche von ihnen wiesen jedoch


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darauf hin, daß die privat zu bestreitenden Unterhaltskosten für einen Wagen relativ hoch waren.

Viele ledige Theologinnen wohnten lange Zeit in miserablen Wohnverhältnissen, z.B. ohne Küche und Bad, oft mit den inzwischen pflegebedürftigen Müttern. Manche der jüngeren Theologinnen hatten sich längere Zeit mit der Renovierung des Pfarrhauses beschäftigt. Andere Theologinnen, so z.B. alle mit einem Berufskollegen verheirateten Theologinnen in übergemeindlichen Arbeitsfeldern, wohnten in der Dienstwohnung ihres Ehemannes oder in einer Privatwohnung. Als ein Relikt der geschlechtshierarchischen Diskriminierung von Pastorinnen ist zu betrachten, daß das Pastorinnengesetz von 1972 festlegte, daß der Landessuperintendent entscheiden sollte, ob eine verheiratete Theologin ein Dienst- oder Amtszimmer benötigte.

Ihre Freizeit beurteilten die befragten Theologinnen - ähnlich wie die Mehrheit der Frauen in der Gesellschaft - als viel zu gering. Problematisch für alleinstehende, aber auch verheiratete Theologinnen war, daß ihre Freizeit im gegenläufigen Rhythmus zu der Arbeit und Freizeit von Menschen in anderen Berufen lag.

5.1.5. Das Verhältnis von Geschlechterdifferenz und Berufsbild

Die in der Weimarer Republik im gesellschaftlichen Bereich vorherrschende Auffassung einer Korrespondenz zwischen Geschlecht und Beruf, im Sinne einer Berufsausübung vor der Ehe, einer Priorisierung der Mutterschaft gegenüber einer qualifizierten Erwerbsarbeit und einer Diskriminierung der weiblichen Erwerbsarbeit durch die Doppelverdienerkampagne war auch im kirchlichen Bereich zu beobachten. Der Theologinnenberuf sollte mit den als weiblich-geschlechtsspezifisch erachteten Charakteristika weibliche Keuschheit und Tendenz zur Hingabe, weniger autoritäres Auftreten und geringerer Stimmgewalt harmonieren. Der widersprüchliche nationalsozialistische Umgang mit Weiblichkeit und weiblicher Berufsarbeit gewann für die geringe Zahl mecklenburgischer Theologinnen kaum Bedeutung.

Nach 1945 war ein deutlicher Widerspruch zwischen der im gesellschaftlich-staatlichen Bereich der DDR propagierten geschlechtsunspezifischen Beteiligung auch von Frauen an allen Formen der Erwerbsarbeit und der Vorstellung ihrer durch ökonomische Selbständigkeit zu gewinnenden Emanzipation einerseits und der kirchlichen Haltung andererseits festzustellen. Hier dominierte die Tendenz, am bürgerlichen Frauenbild festzuhalten. Praktischen Erfahrungen von Theologinnen in für sie ungeeignet geltenden Arbeitsfeldern führten dazu, daß dieses Frauenbild und diese Konzeption des Theologinnenberufs zunächst im Einzelfall und dann generell in Frage gestellt wurde.

1972 setzte sich dann offiziell eine geschlechtsunspezifische Berufsstruktur durch. Allerdings wurden weiterhin ausschließlich für Frauen Einschränkungen ihrer beruflichen Verpflichtungen zugunsten von Ehe und Familie vorgesehen. Dieser Widerspruch fand sich auch im gesellschaftlichen Bereich, obwohl 1968 eine Verfassung verabschiedet worden war, die alle Rechtsverhältnisse aufhob, die eine ungleiche Behandlung von Mann und Frau hervorriefen. Aus der Frauenförderung wurde wieder vor allem Familienförderung. Frauen wurden weder weiterhin in größerem Maße für traditionell männliche Berufsfelder geworben noch für Leitungsfunktionen qualifiziert. Männer wurden erst sehr spät und in geringem Umfang zur Wahrnehmung ihres Anteils an familiären Reproduktionsarbeiten von der Erwerbsarbeit freigestellt.

5.1.6. Berufliche Organisation

Zur Zeit der Weimarer Republik zeigte die mecklenburgische Kirchenleitung zunächst Interesse an der Berufskonzeption und den Organisationsansätzen der ersten deutschen Theologinnen. Als sich zwei der wenigen mecklenburgischen BK-Theologinnen mit ihren männlichen BK-Vikarskollegen trafen, spürten sie bei diesen wenig Begeisterung. In den 50er Jahren sammelte Elisabet Asmus, die seit Ende der 40er Jahre Leiterin des Katechetischen Seminars in Schwerin war, die langsam wachsende Zahl mecklenburgischer Theologinnen zu jährlichen Treffen. Dort besprachen die Theologinnen ihre spezifischen Berufserfahrungen, Probleme mit männlichen Kollegen, Fragen der privaten Lebensgestaltung, Konflikte aus den beruflichen Verpflichtungen, z.B. bei der Versorgung von Eltern, und Perspektiven einer befriedigenden Berufskonzeption. Anläßlich einer Delegierung zu einer Begegnungstagung der landeskirchlichen Vertrauenstheologinnen strebte Elisabet Asmus Mitte der 50er Jahre die Anerkennung durch die mecklenburgische Kirchenleitung an, die diese jedoch nicht offiziell aussprach. Auch als konkrete Fragen anstanden, suchte die Kirchenleitung nicht den direkten Kontakt mit den Theologinnen. Bei der Auswahl der Dienstkleidung sprach sie ihnen sogar ein Mitspracherecht ab.

Die unterschiedlichen Auffassungen der Theologinnen über ihr zukünftiges Berufsbild brachten in den 60er Jahren die in der Synode vertretenen Theologinnen dort zur Sprache. Sie versuchten, die


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unterschiedliche Meinungen wiederzugeben, offensichtlich allerdings ohne unter den Theologinnen eine offizielle Meinungsbildung hergestellt zu haben. Inwiefern der starke Drang zur Organisierung im gesellschaftlichen Bereich, die Tendenz, keine schriftlichen Dokumente über innerkirchliche Meinungsverschiedenheiten zu verfassen, oder auch mangelnde Ressourcen zur geringen Organisierung der mecklenburgischen Theologinnen beigetragen haben, ist schwer zu beurteilen. Anfang der 70er Jahre traten die Theologinnen für eine Aufhebung der Differenz zwischen Pastorinnen und Pfarrvikarinnen ein. Alle Theologinnen sollten alle geistlichen Rechte erhalten. Zu Unstimmigkeiten und verschiedenen Prioritäten für das weitere Vorgehen kam es innerhalb des Konvents aufgrund der verschiedenen Lebenssituationen. Für die alleinstehenden älteren Pastorinnen hatte die Ordination als Zugang zu einer uneingeschränkten Berufsausübung Priorität, während für die verheirateten jüngeren Theologinnen die Aufhebung des Zölibates und die Schaffung neuer Arbeitsformen, z.B. Teilbeschäftigung, größere Dringlichkeit hatten.

Nach der weitgehenden Gleichstellung der Theologinnen mit ihren männlichen Kollegen sank wiederum das Interesse am mecklenburgischen Theologinnenkonvent. Für viele stellte der gesamtdeutsche Konvent einen wichtigen Treffpunkt dar. Andere erachteten einen frauenspezifischen Treffpunkt als überflüssig. Manche der Theologinnen schließlich sahen in dem landeskirchenweiten "FEMI-Kreis", in der verschiedene kirchlich engagierte Frauen feministisch-theologische Ansätze entwickelten, den entscheidenden Ort für ihre Organisierung.

Insgesamt ist festzustellen, daß der mecklenburgische Theologinnenkonvent - offensichtlich wie andere frauenspezifische Organisationen in der DDR - in den 70er und 80er Jahren wenig Resonanz fand.

5.1.7. Umgang mit Differenzen zwischen Frauen

Manche der Theologinnen der "ersten Generation", die in den 20er Jahren zur Schule gegangen sind, betonten das Außergewöhnliche ihrer Situation im Verhältnis zu dem für andere Frauen und Mädchen Üblichen. M.L. Henry wies auf das Schicksal ihrer als "nichtarisch" eingestuften Studienkollegin Gerda Friedmann hin, die während der NS-Herrschaft ins Exil gehen mußte. Die Situation der ab Beginn der 80er Jahre in die DDR kommenden ArbeitsmigrantInnen aus Angola, Mosambique und Kuba nahmen offensichtlich nur wenige Theologinnen bewußt wahr. Diese schufen Begegnungsmöglichkeiten und setzten Solidaritätsaktionen in Gang.

In den Interviews beschrieb die Mehrzahl der Theologinnen ihr Verhalten zu den "anderen" Frauen in der Gemeinde bzw. in der DDR-Gesellschaft so: Ihr Pastorinnenlohn war im Verhältnis zum Verdienst anderer Frauen relativ niedrig. Ihre bessere Ausbildung habe sie jedoch gegenüber anderen privilegiert. Insbesondere die älteren Theologinnen betonten, daß sie eine große Nähe zu den anderen kirchlichen MitarbeiterInnen und Menschen in der Gemeinde verspürten, vor allem zu den Frauen aufgrund des gemeinsamen Alltags und des verbindenden Frauseins. Einige der jüngeren Theologinnen betonten auch das Gefühl der Verbundenheit infolge der eigenen Herkunft vom Dorf. Andere empfanden eher eine Distanz aufgrund unterschiedlicher Lebensformen, Sprachebenen und Interessen. Ihren Umgang damit beschrieben sie als darauf ausgerichtet, die eigene Situation bewußt wahrzunehmen und nicht zu verschleiern.

5.1.8. Explizite Äußerungen

Zur Zeit der Weimarer Republik orientierte sich der mecklenburgische Oberkirchenrat bei dem Entwurf von Regelungen für die Theologinnenarbeit an dem im staatlichen Bereich für Beamtinnen geltenden Recht, das die Beendigung der Erwerbsarbeit bei Eheschließung und eine Abfindungszahlung vorsah. Die mecklenburgische Synode akzeptierte die Übernahme der staatlichen Regelung nicht widerspruchslos.

Nach 1945 suchte die mecklenburgische Kirchenleitung sich eher als ein eigenständige Auffassungen und ein eigenständiges Recht vertretendes Subjekt gegenüber den gesellschaftlich-staatlichen Regelungen zu profilieren. So entfernte sie bei der Überarbeitung der Vikarinnengesetze im Jahre 1954 die Möglichkeit zur Übernahme von Theologinnen aus dem staatlichen Dienst. Sie lehnte die von einem Landessuperintendenten mit Hinweis auf die Gleichstellung der Geschlechter in der DDR-Verfassung angestrebte geschlechtsunspezifische Angleichung der Besoldung der TheologInnen unter Hinweis auf eigene theologische Konzeptionen und die kirchliche Rechtsautonomie ab. Andererseits akzeptierte sie die in der DDR-Verfassung festgelegte uneingeschränkte Arbeitspflicht für Männer. Diese machte es ihrer Meinung nach unmöglich, daß Männer entweder lediglich einen kirchlichen Halbtagsjob übernahmen oder diesen mit einer Erwerbsarbeit in einem staatlichen Betrieb kombinierten. Andererseits nahm sie jedoch auch die gesellschaftliche Entwicklung der Frauensituation in der DDR wahr und griff in ihren eigenen Regelungen teilweise darauf zurück, z.B.


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hinsichtlich der Beurteilung des durchschnittlichen Heiratsalters, der Regelungen für Entbindung, Beurlaubung und Mutterschaftsurlaub und des früheren Ruhestandsalters von Frauen. Durch ihr Plädoyer für die Regelung der Anstellungsverhältnisse von Frauen nach dem staatlichen Anstellungs- und Sozialversicherungsrecht, mit dem Ziel, kirchliche Finanzen nicht mit der Zahlung von Entbindungs- und Mutterschaftsurlaub sowie Altersversorgung zu belasten, nahm sie sogar die dadurch entstehende Situation in Kauf, daß eventuelle Arbeitskonflikte zwischen Theologinnen und Kirchenleitung vor staatlichen Gerichten auszutragen gewesen wären. Die Gegner der Frauenordination begründeten ihre Ablehnung einer vollen pastoralen Erwerbsarbeit der Theologinnen damit, daß dies eine falsche Anpassung an das gesellschaftliche Leitbild sei. Dieses sei verbunden mit Säkularisierungstendenzen und führe zu Hemmungslosigkeiten. Die BefürworterInnen der Frauenordination betonten dagegen eher, daß die Frauen anstelle der Männer in Gesellschaft und Familie einspringen müßten, weil diese versagten. Ziel sei nicht eine Angleichung der Frauen an die Männer.

In den Interviews gaben die befragten mecklenburgischen Theologinnen Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen der gesellschaftlichen und kirchlichen Situation von Frauen an. So hatten es ihrer Meinung nach in der Gesellschaft ledige Frauen schwerer, angesichts der an sie gestellten Erwartung, sich nahezu unbegrenzt ihrer Arbeit zu widmen. In repräsentativen Leitungsfunktionen in Kirche und Gesellschaft seien bisher nur einige Alibifrauen anzutreffen, sowohl im politischen als auch im kirchlichen Bereich. Weder hier noch dort seien familienfreundliche Arbeitszeiten und Arbeitsstrukturen vorzufinden. Leitungsfunktionen nähmen Frauen bestenfalls auf der Ortsebene wahr. Grundsätzlich habe bis zur Wendezeit eine deutliche Distanz zwischen den gesellschaftlich und den kirchlich engagierten Frauen bestanden. Tendenziell seien Frauen in der Kirche noch weniger in Leitungspositionen und stärker in traditionellen Ehrenämtern gewesen.

5.2. Der Einfluß der kirchlich-institutionellen Struktur auf die Entwicklung der Theologinnenarbeit

5.2.1. Die Partizipation kirchlich-institutioneller Organe

In der Weimarer Republik zeigten sich sowohl die mecklenburgische Landessynode als auch Landesbischof Behm interessiert an der Beschäftigung mit der Theologinnenarbeit. Sie erklärten sich als eine von wenigen deutschen Kirchen bereit, gegebenfalls Theologinnen für einen beschränkten Wirkungsbereich zu ordinieren und ihnen die Sakramentsverwaltung zu übertragen. Ende der 20er Jahre verabschiedeten sie Gesetze, um die Vorbildung von Theologinnen zu regeln, ohne daß mecklenburgische Theologinnen vorhanden waren. Zu dieser offenen Haltung trug vermutlich der volksmissionarische Impetus des ersten mecklenburgischen Landesbischofs Heinrich Behm und die Denkart der mecklenburgischen SynodalInnen bei. Auch der 1930 gewählte Landesbischof Heinrich Rendtorff zeigte sich offen für die Theologinnenarbeit, allerdings ohne weitere konkrete Vorstellungen zu entwerfen. Der mecklenburgische Oberkirchenrat als oberste kirchliche Verwaltungsbehörde entwickelte - gegen den Auftrag der Landessynode - keinen Gesetzentwurf, um die Versorgung von Theologinnen zu klären.

Die von Deutschen Christen usurpierte mecklenburgische Kirchenleitung, die auch die Landessynode außer Kraft setzte, beschäftigte sich offenbar nicht mit der Theologinnenarbeit. Eine Anfrage bezüglich einer mecklenburgischen Theologin, die sich der BK zurechnete, beantwortete sie damit, daß ihr die genannte Person nicht bekannt sei. Die Bekennende Kirche Mecklenburgs wiederum, die die rechtmäßige Übernahme der Kirchenleitung in Mecklenburg beanspruchte, nahm die Mitarbeit von Theologinnen in den verschiedenen Bereichen Gemeinde, Jugendarbeit und Anstalten sowie als persönliche Referentin des BK-Führers in Anspruch. Sie ließ Theologinnen zu den gleichen Examina zu. Jedoch kümmerte sie sich wenig um deren volle Integration in die Bekennende Kirche und ihr materielles Überleben.

Als nach 1945 der mecklenburgische BK-Führer Beste Landesbischof wurde, vertrat dieser eine äußerst restriktive Position hinsichtlich der Weiterentwicklung der Theologinnenarbeit. Er orientierte sich wesentlich an dem, was in den VELKD- und später in den VELK-DDR-Kirchen üblich war. Erweiterungsvorschläge, die teilweise eher als Legalisierungsvorschläge der bereits von mecklenburgischen Theologinnen getanen Arbeit anzusehen waren, und die teils die Synode, teils die Mecklenburger Pastorenschaft an den OKR richtete, wies Landesbischof Beste in den 50er Jahren zurück. Lediglich zur Regelung von Einzelfragen wie Dienstkleid, Ausbildung und Arbeitsfeld erklärte er sich bereit, wobei er auch hier eine enge Anlehnung an die anderen VELKD-Kirchen anstrebte.

Entscheidende Impulse für die Veränderung der mecklenburgischen Regelungen der Theologinnenarbeit bis hin zur Ermöglichung der Ordination in Einzelfällen im Theologinnengesetz von


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1965 gingen in den Nachkriegsjahren 1945 bis 1965 von der Landessynode und insbesondere deren Ausschuß für Geistliche Angelegenheiten aus. Dieser äußerte 1954 die Bitte, das Gesetz von 1929 neu zu fassen und einen Stellenplan aufzustellen. Im Jahre 1962 richtete der synodale Ausschuß für Nachwuchsfragen an die Synode die Bitte, die Theologinnen mit ihren männlichen Kollegen gleichzustellen. Dies führte letztlich dazu, daß die Gestaltung des Amtes der Theologin in der Kirche bei der Herbstsynode 1963 offizielles Synodenthema war. Die SynodalInnen diskutierten sowohl die theologischen Aspekte und die Position in der VELKD als auch die praktische Entwicklung und den Widerspruch zwischen Recht und Praxis der Theologinnenarbeit in der mecklenburgischen Kirche. Als Ergebnis setzten sie einen synodalen Theologinnenausschuß ein, dem auch zwei Theologinnen und zwei Laiinnen angehörten. Die dem Aussschuß von der Synode aufgegebene Themenliste wies bereits auf die von der Synode gewünschte Neukonzeption der Regelungen für die Theologinnenarbeit hin: allgemeine/spezielle Ordination; neue Amtsbezeichnung; Aufgabenbereich (Gemeindepredigt; Sakramentsverwaltung); Rechtstellung; Geistlich/Verbeamtete Anstellung; Dienstanweisung; Ausscheiden bei Heirat; Auseinandersetzung mit der theologischen Literatur.

Nach einer erneuten Diskussion über die Theologinnenarbeit verabschiedeten die SynodalInnen drei Grundsätze, die maßgeblich für die Weiterarbeit an einem Gesetzentwurf für die Theologinnenarbeit sein sollten: Wenn Theologinnen in ihrem Arbeitsbereich die öffentliche Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung übertragen bekämen, sollten sie auch ordiniert werden. Ordiniert sollten sie jedoch nur dann werden, wenn wahrscheinlich erschien, daß sie auf Lebenszeit im kirchlichen Dienst bleiben würden. Der ordinierte Dienst sollte nur eine Möglichkeit in einer Reihe von vielen Formen der Theologinnenarbeit sein. Kriterium für die Formulierung dieser Leitsätze als Kompromiß war der Wunsch der SynodalInnen, insbesondere des synodalen Theologinnenausschusses, einen sinnvollen Einsatz der dringend für den pastoralen Dienst benötigten Theologinnen zu ermöglichen. Der Kompromiß erwuchs aus der gewonnenen Einsicht, daß eine Übereinstimmung aller Beteiligten in allen dogmatischen und exegetischen Fragen nicht absehbar war. Als zentrales Problem diskutierte die mecklenburgische Landessynode Mitte der 60er Jahre die Un-Möglichkeit einer Vereinbarung von Ehe und Ordinationspflichten für Theologinnen. Als Vorschlag für ein differenziertes Vorgehen entsprechend der unterschiedlichen Lebensformen von Theologinnen formulierte schließlich der synodale Theologinnenausschuß einen Gesetzentwurf, der drei unterschiedliche Formen der Theologinnenarbeit vorsah.

Der mecklenburgische Oberkirchenrat mit Landesbischof Beste an der Spitze strebte auch weiterhin eine Orientierung an den anderen VELKD-Kirchen an. Entsprechend den VELKD-Richtlinien von 1956 und 1963, wobei letztere nicht mehr offiziell verabschiedet wurden, wollte Landesbischof Beste weiterhin an der Konzeption eines Amtes sui generis und der Charakterisierung der Theologinnenarbeit als eines kirchlichen Dienstes festhalten, der einer Ordination bedurfte. Zur Konkretisierung seiner Vorstellungen setzte er 1964 parallel zum synodalen Vikarinnenausschuß einen vom OKR berufenen Vikarinnenausschuß ein. Nachdem jedoch auch OKR Gasse angesichts der synodalen Diskussion und der mecklenburgischen Theologinnenpraxis nur noch die Alternative eingeschränkte Ordination oder ausgeweitete Einsegnung für möglich hielt, deren theologische Begründung kaum mehr zu vermitteln war, willigte Landesbischof Beste Anfang 1965 in ein gemeinsames Handeln von Synode und OKR auf der Grundlage des vom synodalen Theologinnenausschuß erarbeiteten Gesetzentwurfes ein und beteiligte sich an der Überarbeitung dieses Gesetzentwurfes bis zu einer Vorlage, der die Landessynode zustimmte.

Nach der Verabschiedung des Gesetzes von 1965 hielt die mecklenburgische Landessynode auch angesichts des Häresievorwurfes einiger Gegner des Gesetzes, die die Synode der Häresie und der Verletzung des Bekenntnisses beschuldigten und den Status confessionis ausriefen, uneingeschränkt an dem beschlossenen Gesetz fest, das auch die Möglichkeit der Ordination von Theologinnen einschloß. Landesbischof Beste und der Oberkirchenrat versuchten, in dem geschlechtsspezifischen Ordinationsformular für Theologinnen dem Zwischenstatus dieser geistlichen Handlung zwischen der vollen Ordination von männlichen Theologen zum gemeindeleitenden Amt und der Einsegnung von Theologinnen und anderen MitarbeiterInnen im kirchlichen Dienst Ausdruck zu verleihen.

Die ersten Ordinationen von Theologinnen fanden bald nach der Verabschiedung des Gesetzes statt. Landesbischof Beste versuchte jedoch weiterhin, Theologinnenstellen für den von ihm bevorzugten übergemeindlichen Dienst, im Bereich von Diakonie und Mission, Katechetik und Frauenarbeit, zu schaffen. Wo im gemeindlichen Bereich Probleme mit der Schaffung von Stellen für ordinierte Theologinnen auftraten, zeigte der Oberkirchenrat dagegen wenig Engagement, wie eine Darstellung dreier Konfliktfälle bei der Frühjahrssynode 1966 zeigte.

Eine neue Initiative zur Erweiterung der Arbeitsmöglichkeiten, z.B. auch verheirateter Theologinnen, und zur Übernahme der Gemeindeleitung durch Theologinnen aufgrund der inzwischen gesammelten


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Erfahrungen und der Entwicklung in den anderen lutherischen Kirchen, kam 1969 erneut aus dem synodalen Bereich, von dem Vorsitzenden des vorherigen synodalen Theologinnenausschusses, dem Gemeindepastor Dr. Rathke. Als dieser 1970 in das Amt des mecklenburgischen Landesbischof gewählt wurde, folgte daraus auch eine Kooperation von Landessynode und Oberkirchenrat bei der Revision des Theologinnengesetzes von 1965 bis hin zur Frauenordination für alle mecklenburgischen Theologinnen mit zweitem Examen auf der Basis einer Integration der Theologinnen in das bisher männlichen Theologen vorbehaltene Pfarrerrecht. Ein entsprechender Entwurf von Oberkirchenrat Siegert und Landesbischof Rathke, der eine geschlechtshierachische Schlechterstellung vor allem der verheirateten Theologinnen bei ihrer Einordnung in den Angestelltenstatus vorsah, um damit die Versorgung für den Mutterschaftsurlaub zu sparen, verabschiedeten die SynodalInnen erst nach einer Verbesserung zugunsten dieser in ihren Augen schon sehr benachteiligten Gruppe von Theologinnen mit einer eindeutigen Mehrheit.

Nach der weitgehenden rechtlichen Gleichstellung der mecklenburgischen Theologinnen mit ihren männlichen Kollegen kam es in der mecklenburgischen Landessynode zu keiner ausführlichen Beschäftigung mit der Theologinnenarbeit mehr. Auch die vom Oberkirchenrat erarbeitete Formulierung im Anwendungsgesetz zum BEK-DDR-Pfarrerdienstgesetz fand ohne große Diskussion die Zustimmung der SynodalInnen. Impulse und konkrete Maßnahmen zur Schaffung von Teilzeitmöglichkeiten für verheiratete Theologinnen, bzw. Dienstmöglichkeiten für Theologinnen, die mit einem Berufskollegen verheiratet waren, und die Klärung des dienst- und verfassungsrechtlichen Status von Theologinnen in diesen Arbeitsverhältnissen, z.B. die Klärung ihrer Wählbarkeit zu kirchenleitenden Ämtern, gingen in dieser letzten Phase von Landesbischof Rathke aus. Dieser versuchte die jeweiligen Vertrauenstheologinnen auch bei der Organisierung des Theologinnenkonvents zu unterstützen. Er stellte sich in diesem Rahmen einer Diskussion über die Arbeitsmöglichkeiten von TheologInnenehepaaren. Dabei ordnete er das gesamtkirchliche Interesse der befriedigenden Gestaltung der Arbeitsmöglichkeiten verheirateter Theologinnen eindeutig vor. Entgegen der Synodenmehrheit Anfang der 70er Jahre veranlaßte der mecklenburgische OKR insbesondere verheiratete Theologinnen den Angestelltenstatus nach dem staatlichen Recht zu akzeptieren, statt sie nach kirchlichem Beamtenrecht zu beschäftigen. Er wollte damit der Kirchenkasse Ausgaben für familiär bedingte Beurlaubungszeiten der Theologinnen sparen. Diese Praxis scheint bei den SynodalInnen keinen Widerspruch erregt zu haben.

Insgesamt ist also festzuhalten, daß in der ersten Phase zur Zeit der Weimarer Republik sich sowohl die Landessynode als auch der Landesbischof um zufriedenstellende, zukunftsweisende Regelungen der Theologinnenarbeit bemühten, allerdings ohne das Vorhandensein konkreter Theologinnen. Zur Zeit des Nationalsozialismus beschäftigte sich lediglich die mecklenburgische Bekennende Kirche mit der Theologinnenarbeit und diese vor allem, indem sie die Arbeitskraft der Theologinnen nutzte. Nach 1945 bis 1970 erwies sich Landesbischof Beste als ein Gegner der Frauenordination und der selbständigen Gemeindearbeit von Theologinnen und versuchte die in der lutherischen Kirche Deutschlands favorisierte Konzeption eines Amtes sui generis, zu dem nur eingesegnet und nicht ordiniert werden sollte, auch in Mecklenburg durchzusetzen. Die Landessynode ging dagegen eher von dem Interesse aus, den Theologinnen sinnvolle Arbeitsbedingungen zu schaffen und die kirchliche Arbeit in Mecklenburg zu fördern. Um dies zu erreichen, suchte sie Kompromisse und differenzierte Formen und verzichtete ausdrücklich auf eine Übereinstimmung in allen dogmatischen und exegetischen Fragen. Nach der Gewährung der Frauenordination beschäftigte sich nur noch der Oberkirchenrat und der von 1970 bis 1982 amtierende Landesbischof Rathke mit einer Klärung spezieller Formen der Theologinnenarbeit wie Teilzeitarbeit und TheologInnenehepaar.

5.2.2. Die Einmischung kirchlicher Gruppierungen, Institutionen und Einzelpersonen

Zugunsten der Schaffung von Voraussetzungen für die Theologinnenarbeit engagierten sich zur Zeit der Weimarer Republik innerhalb der mecklenburgischen Landessynode auch eine Schulleiterin. Sie verwies auf die parallele Entwicklung qualifizierter Frauenerwerbsarbeitsplätze in der Gesellschaft. Ein Anstaltsgeistlicher hielt die Mitarbeit der Theologinnen in den weiblichen Abteilungen von Anstalten für nötig und in größeren städtischen Gemeinden für wünschenwert. Zur Zeit des Nationalsozialismus gaben der Vorsitzende des mecklenburgischen BK-Bruderrates sowie einzelne BK-Pfarrer den wenigen mecklenburgischen Theologinnen die erste Möglichkeit zur Ausübung des pastoralen Berufs, allerdings ohne ausreichende materielle Versorgung. Voraussetzung dafür war, daß auch die BK-orientierte Theologische Fakultät an der Universität Rostock Theologinnen zum Fakultätsexamen zuließ. Die Hannoversche Kirche akzeptierte einige mecklenburgische Theologinnen zum Zweiten Theologischen Examen.

In den 50er Jahren wirkte vor allem die Mecklenburgische Pastorenkonferenz als Förderin einer Weiterentwicklung der Theologinnenarbeit zum vollen Pfarramt. Sie äußerte dies zunächst 1952


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gegenüber dem Oberkirchenrat und mangels Reaktion 1954 gegenüber der Landessynode. 1967 forderte sie noch einmal die Landessynode zu möglichst weitgehender Gleichstellung der Theologinnen mit ihren männlichen Kollegen auf. Als ihr Interesse formulierte sie die Entlastung der Pfarrer, die Ermöglichung einer Ausbildung für Vikarinnen und die Verbesserung der geistlichen Versorgung der Gemeinden.

Weitere Unterstützung für eine Verbesserung einzelner Aspekte der Theologinnenarbeit kam Ende der 50er bis Mitte der 60er Jahre vor allem von Seiten einiger Landessuperintendenten, die den OKR auf ihrer Meinung nach fehlende Regelungen hinwiesen. Ein Landessuperintendent gab darüber hinaus der Einsegnung einer Theologin an die Ordination erinnernde Akzente und verwandte die Amtsbezeichnung "Pastorin". In mehreren Fällen tolerierten die Landessuperintendenten in den 50er und 60er Jahren, daß die Praxis der Theologinnen erheblich das im mecklenburgischen Theologinnengesetz vorgesehene Recht überschritt und sie selbständig Gemeindearbeit leisteten sowie Leitungsaufgaben übernahmen. Als im Theologinnengesetz von 1965 die Schaffung von Pastorinnenstellen möglich war, setzten sie sich in mehreren Fällen für die Umwandlung bestehender Theologinnenstellen und deren Besetzung mit den bereits dort bewährten Theologinnen ein. Ihre Unterstützung war zum einen in ihrem Interesse begründet, Vakanzen in ihren Kirchenkreisen zu beseitigen. Zum anderen war in ihren Augen die geschlechtshierarchische Ungleichbehandlung von Theologinnen und Theologen nicht rechtens und auch nicht theologisch begründbar.

Einwände bis hin zum Vorwurf der Häresie und zur Ausrufung des Status Confessionis angesichts der möglichen Ordination von Theologinnen kamen anläßlich der Verabschiedung des Theologinnengesetzes 1965. Es protestierten einige Pfarrer und Gemeindeglieder, die sich theologisch der fundamentalistischen Gruppe "Kein anderes Evangelium" zurechneten. Sie bekundeten ihre Solidarität zu den Hannoveraner Pastoren, die Widerspruch gegen die dort seit Anfang der 60er Jahre bestehende Möglichkeit der Frauenordination einlegten. Sie sahen in der Entscheidung für die Möglichkeit der Frauenordination den Einbruch liberaler Tendenzen in die Kirche und kündigten die Abendmahlsgemeinschaft auf. Sie erklärten ihre Verweigerung eines Dimissoriale für Amtshandlungen, die Pastorinnen vollzögen, und ihre strikte Ablehnung, an einem Gottesdienst teilzunehmen, den Pastorinnen leiteten. Ihre Ablehnung begründeten sie exegetisch mit der Schöpfungsordnung in Gen 1, dogmatisch mit der lutherischen Lehre vom Amt, kirchengeschichtlich mit der Tradition vergangener Jahrhunderte bezüglich des Einsatzes von Frauen in der Kirche. Über die zweite Hälfte der 60er Jahre hinaus sind jedoch keine Spuren des Einspruchs durch Gruppierungen oder Einzelpersonen zu finden. Zur theologischen Reflexion der mit der Frauenordination verbundenen Aspekte trug außer den Bischöfen und einzelnen Oberkirchenräten, insbesondere der damalige Rektor des Schweriner Predigerseminars bei. Er sah vor allem in der Kollision möglicher Dienstverpflichtungen der Theologinnen mit familiären Verpflichtungen und ihrer Verpflichtung zu unbegrenzter Verfügbarkeit im kirchlichen Dienst aufgrund der Ordination ein Problem.

Die Theologinnen selbst wandten sich teilweise individuell zur Klärung spezifischer Fragen an Landesbischof Beste. Manche lehnten die ihnen von Landesbischof Beste zugewiesenen Stellen im übergemeindlichen Bereich als unangemessen ab. Bei der Darstellung der Berufsperspektiven mecklenburgischer Theologinnen in der Landessynode 1962 zeigte sich, daß Differenzen innerhalb des Theologinnenkonvents bestanden. So gab die Vertrauenstheologin Vogt die Ausübung des vollen Amtes als Ziel an, während die Synodalin und Theologin Kulow die Auffassung vertrat, daß nicht alle Theologinnen das volle Amt wollten, sondern manche nach neuen Möglichkeiten des geistlichen Amtes suchten. Entsprechend dieser verschiedenen Auffassungen arbeiteten bei der Vorbereitung eines neuen Theologinnengesetzes Anfang der 60er Jahre sowohl im synodalen Theologinnenausschuß als auch in der vom Oberkirchenrat 1964 organisierten Gruppe Theologinnen mit. Angesichts der unbefriedigenden Erfahrungen mit dem mehrgliedrigen Theologinnengesetz von 1965 votierte 1970 dann die Mehrheit des Theologinnenkonvents in einem Schreiben an die Landessynode dafür, den Unterschied zwischen Pastorinnen und Pfarrvikarinnen aufzuheben, alle Theologinnen zu ordinieren und die Einsegnung abzuschaffen. Als Zeichen für die liturgische Kompetenz der Theologinnen zur öffentlichen Wortverkündigung hielt 1972 vor der Verabschiedung der weitgehenden rechtlichen Integration der Theologinnen ins Pfarrerdienstrecht die Landgemeindepastorin Lübbert die Andacht. Angesichts der unbefriedigenden Situation der Theologinnen, die mit einem Berufskollegen verheiratet waren, plädierten Anfang der 80er Jahre die bei einer Sitzung des Theologinnenkonvents versammelten Theologinnen dafür, Theologinnen auch bei Teilbeschäftigungsverhältnissen oder als Mitarbeiterinnen in den ihren Ehemännern übertragenen Kirchengemeinden entsprechend ihrer Qualifikation zu ordinieren.

Insgesamt ist die Einmischung der kirchlichen Gruppierungen und Einzelpersonen eher als gering zu


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beurteilen. Einen wichtigen Beitrag leistete in den 50er Jahren die Mecklenburger Pastorenkonferenz und bis in die 60er Jahre einzelne Landessuperintendenten. Die mecklenburgischen Theologinnen beteiligten sich vor allem in den 60er Jahren an der Weiterentwicklung ihres Berufsbildes. Die Wirksamkeit der Gegner der Frauenordination beschränkte sich im wesentlichen auf die Jahre 1965/66, als die Möglichkeit der Frauenordination beschlossen wurde. Die befragten mecklenburgischen Theologinnen bezeichneten ihr Verhältnis zu ihren männlichen Kollegen teilweise als gut. Andere beurteilten es als abhängig vom Gesetz, der Person und dem Verhältnis des Kollegen zu seiner Ehefrau. Vor allem manche jüngeren Theologinnen fanden es schwierig, daß ihre männlichen Kollegen ihnen teilweise in der Vater- oder Chefrolle begegneten.

5.2.3. Die Orientierung an konfessionellen, gesamtkirchlichen und ökumenischen Zusammenschlüssen

Zur Zeit der Weimarer Republik regte eine Anfrage der DEK die mecklenburgische Kirche an, sich mit der Theologinnenarbeit zu beschäftigen. Sie entwickelte eine Position, die sich an den Erwägungen der Hamburger Kirche orientierte und innerhalb der DEK relativ weitgehend war. Sie sah vor, Theologinnen mit Einschränkungen zu ordinieren. Das 1927 von der APU verabschiedete Theologinnengesetz griff die ELLM für die Überarbeitung ihres eigenen Entwurfes für ein Theologinnengesetz auf. In der Landessynode fiel mehrmals der Hinweis auf die Koordination mit den Regelungen auf bundeskirchlicher Ebene.

Während des Nationalsozialismus erfuhr der Bruderrat der mecklenburgischen Kirche vor allem Unterstützung durch die intakten lutherischen Kirchen bis hin zur Teilnahme der mecklenburgischen BK-Vikarinnen an den Hannoveraner Examina. Eine Theologin suchte Kontakte zu den Berliner BK-Vikarinnen. Sie fühlte sich dort jedoch fremd.

Während der Amtszeit von Landesbischof Beste in den Jahren 1945-1970 hatte für die Entwicklung der mecklenburgischen Theologinnengesetze die Orientierung an den Regelungen anderer lutherischer Kirchen, insbesondere an den auf VELKD-Ebene und in den lutherischen Kirchen in der DDR getroffenen Regelungen Vorrang. Dies galt sowohl für die Regelung einzelner Aspekte, wie Amtskleid und Ausbildung, als auch für das Beharren auf dem Konzept sui generis und der rechtlichen Verweigerung der Ordination, der Übertragung von Sakramentsverwaltung, der öffentlichen Wortverkündigung und der Gemeindeleitung. So stimmte die Mecklenburgische Kirchenleitung 1955 den VELKD-Richtlinien zu, obwohl sie selbst 1954 im ersten Paragraphen ihres Vikarinnengesetzes festgelegt hatte, daß die Theologinnen entsprechend ihrer besonderen Gaben und persönlichen Eignung unter Umständen alle Aufgaben des geistlichen Amtes übernehmen könnten. 1965 blieb die mecklenburgische Kirchenleitung, nach intensiven Bemühungen um eine gemeinsame Regelung zumindest für die drei lutherischen Kirchen in der DDR, bei ihrem mehrgliedrigen Weg, der auch die Frauenordination ermöglichte. Die VELKD-Kirchenleitung kritisierte dieses Gesetz wegen seiner unklaren Konzeption und der darin vorgesehenen Möglichkeit, daß Theologinnen auch auf der einzigen Pfarrstelle einer Gemeinde arbeiten konnten. Die mecklenburgische Kirchenleitung wies darauf hin, daß in der Präambel des Kirchengesetzes grundsätzlich die Bereitschaft zu weiteren gemeinsamen Regelungen mit den anderen lutherischen Kirchen formuliert war.

Die VELKD-Kirchenleitung mußte jedoch das Scheitern der Bemühungen um die Verabschiedung neuer Richtlinien für die Theologinnenarbeit bekanntgeben. 1969 endeten neue Beratungen auf VELKD-Ebene lediglich mit der Aufforderung an den Theologischen Ausschuß und die Bischofskonferenz zur theologischen Weiterarbeit an den Fragen von Amt und Ordination. Eine Konsultation der VELK-DDR Kirchen beschloß angesichts der bisherigen Erfahrungen den Verzicht auf die Konzeption sui generis und die Möglichkeit der Ordination und Übernahme des vollen Pfarramtes durch Theologinnen bei gleichzeitiger Beibehaltung der Einsegnung, um dem differenzierten Ordinationsverständnis einerseits und Gewissensbedenken von Gegnern der Frauenordination andererseits zu begegnen. Daraufhin schlugen die mecklenburgischen Befürworter der Frauenordination, unter Wahrung der konfessionellen Suche nach Einheit, einen landeskirchlichen Weg mit einem deutlichen Votum für die Frauenordination ein.

In den Jahren nach der Verabschiedung des Theologinnengesetzes 1972 beschritt die mecklenburgische Kirche in der Theologinnenfrage einerseits eigene Wege, z.B. hinsichtlich der Einstufung der mecklenburgischen Theologinnen in die staatliche Sozialversicherung und der Teilzeitarbeit. Andererseits bezog sie sich auf das BEK-DDR-Pfarrerdienstgesetz, während die Orientierung an der konfessionell-lutherischen Gemeinschaft keine Bedeutung mehr zu haben schien. Dies galt auch für das Interesse der mecklenburgischen Theologinnen an dem regelmäßigen Zusammentreffen mit den KollegInnen. Während sie in den 60er Jahren die Fortführung der gemeinsamen Ausbildung mit den Vikarinnen aus den anderen lutherischen Kirche in der DDR und teilweise sogar die Gründung eines


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lutherischen Vikarinnenkonvents befürworteten, priorisierten sie in den 70er und 80er Jahren die Teilnahme an den Theologinnentreffen auf gesamtdeutscher und BEK-DDR-Ebene.

Die Orientierung an der Entwicklung der Theologinnenarbeit in der Ökumene wurde vor allem Anfang der 60er Jahre diskutiert, als die probe- und einzelfallweise Einführung der Frauenordination erwogen und schließlich praktiziert wurde. Rektor Lippold wies darauf hin, daß weder die katholische, die anglikanische, die orthodoxe noch die lutherische Kirche in den USA oder die jungen Kirchen Frauen ordinierten. Deshalb könnte die Frauenordination eine Spaltung der Ökumene bewirken. Dies befürchteten auch Landesbischof Beste und die Gegner des Gesetzes. Die BefürworterInnen der Frauenordination wiesen darauf hin, daß in allen Kirchen Neues im Gange wäre. Manche SynodalInnen hatten schon in den 50er Jahren angeführt, daß für die Theologinnen in den unierten Kirchen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung erlaubt seien und die mecklenburgische Kirche nicht immer das Schlußlicht darstellen müßte. In einzelnen Aspekten nahm die mecklenburgische Kirchenleitung auch die EKD zum Maßstab. Die Theologinnen erlebten in ihren ökumenischen Erfahrungen ihre Ordination nicht als Hindernis oder Trennung. Teilweise war für sie die sporadische ökumenische Zusammenarbeit selbstverständlich. Manche hatten z.B. durch die Zusammenarbeit in ökumenischen Gemeindezentren, in gemeinsamen Gesprächskreisen, durch ökumenische Jugendtreffen oder durch grenzüberschreitende Partnerschaften, z.B. mit Partnergemeinden in den Niederlanden, in der Bundesrepublik und in Osteuropa gute ökumenische Erfahrungen inklusive der Akzeptanz ihres pastoralen Amtes gemacht.

Insgesamt ist also festzustellen, daß in der Weimarer Zeit eine Orientierung an den Regelungen auf Reichsebene und denen einzelner Landeskirchen, insbesondere auch der Hamburger Kirche und des APU-Nahbereiches stattfand. Dies veränderte sich in der BK-Zeit. Bis Ende der 60er Jahre hatte die intensive Suche nach einer Übereinstimmung mit den anderen lutherischen Kirchen Deutschlands Priorität. Dies galt bis 1945 vor allem hinsichtlich der intakten Kirchen, 1945 bis 1970 mit den VELKD-Kirchen, bzw. ab Ende der 60er Jahre insbesondere mit den lutherischen Kirchen in der DDR. Dabei erfuhr die Entwicklung in der Hannoverschen Kirche besondere Beachtung. Angesichts des wiederholten Scheiterns gemeinsamer Regelungen verabschiedete die ELLM mehrere Male schließlich doch eigene Regelungen, die den Notwendigkeiten der mecklenburgischen Situation entsprachen. Diese waren in der Regel weitergehender als die Regelungen der Theologinnenarbeit in anderen lutherischen Kirchen Deutschlands. Die mecklenburgische Kirche erklärte sich jedoch gleichzeitig immer zur Fortsetzung der Suche nach gemeinsamen Regelungen bereit. Seit der Wahl des neuen Landesbischofs Rathke, der Integration der Theologinnen ins Pfarrerdienstgesetz und der Gründung der BEK-DDR hatten sowohl die Berücksichtigung der speziellen landeskirchlichen Situation als auch die Korrespondenz der mecklenburgischen Regelungen mit den entsprechenden Gesetzen des BEK-DDR Priorität, während das Bemühen um lutherisch-konfessionelle Identität zurücktrat. Die Gefahr der Spaltung der Ökumene angesichts der Einführung der Frauenordination wurde vor allem Anfang der 60er Jahre laut. Dies entsprach auch der Gesamttendenz der ökumenisch-konfessionell-gesamtkirchlichen Entwicklung der mecklenburgischen Landeskirche in diesem Jahrhundert.

5.2.4. Der Einfluß der staatskirchenrechtlichen Situation

Zur Zeit der Weimarer Republik änderte sich die Leitungsstruktur der mecklenburgischen Kirche durch die ihr in der WRV eingeräumte Autonomie zur eigenen Gestaltung ihrer Rechtsverhältnisse und durch die Einführung der Landessynode als legislativem kirchenparlamentarischem Element. Diese strukturelle Innovation hatte auch Auswirkungen auf die inhaltliche Position und damit die Entscheidungen in der Theologinnenfrage. So verwiesen gerade auch Synodalinnen auf die gesellschaftliche Entwicklung qualifizierter Frauenberufe und es war eine gewisse Offenheit für die Erneuerung der überkommenen kirchlichen Arbeitsstruktur zu spüren. Andererseits suchte man nach kirchlich und theologisch adäquaten Formen und bezog sich auf die bisherige Tradition kirchlicher Frauenarbeit. Insgesamt erwies sich der gesellschaftliche Erneuerungsprozeß und die neue staatskirchenrechtliche Situation als Chance für die Theologinnen. Neue kirchliche Arbeitsplätze wie Religionsunterricht in Mädchengymnasien und in den weiblichen Abteilungen staatlicher Anstalten wurden als Möglichkeiten ins Auge gefaßt, für die die Mitarbeit von Theologinnen sinnvoll erschien.

Die nationalsozialistische Machtübernahme und die darauffolgende Okkupation des mecklenburgischen Oberkirchenrats durch einen DC-Staatskommisar, der auch die synodale Ebene ausschaltete, verhinderten den Beginn einer regulären Theologinnenpraxis in Mecklenburg entsprechend den 1927 und 1929 verabschiedeten Kirchengesetzen über Ausbildung und Anstellung der Theologinnen. Nachdem sich die wenigen Theologinnen, die in dieser Zeit ihre universitäre Ausbildung abschlossen, offenbar ausnahmslos der BK anschlossen, traten sie in die auch für ihre männlichen Studienkollegen improvisierten Arbeitsverhältnisse. Eine judenchristliche Theologin, Gerda Friedmann, emigrierte rechtzeitig.


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Nach 1945 gingen die ehemaligen BK-Theologinnen zunächst als Assistentinnen an die Rostocker Theologische Fakultät, teilweise verknüpft mit Gemeindearbeit. Die männlichen Theologen wurden in den Gemeinden gebraucht angesichts des eklatanten Pfarrermangels durch Kriegstote und angesichts der Flucht vieler Pfarrer in den Westen aufgrund der unsicheren künftigen kirchenpolitischen Lage in einem sozialistisch regierten ostdeutschen Staat. Zu für die Theologinnen befriedigenden Arbeitsverhältnissen in der mecklenburgischen Kirche scheint es zunächst nicht gekommen zu sein. Vielleicht richtete sich aber auch das Interesse der wenigen fertig ausgebildeten mecklenburgischen Theologinnen auf andere Arbeitsfelder. Eine schlug den Weg als Universitätstheologin ein, eine andere ging zum Berliner Missionswerk. Mit dem Verweis auf die veränderte staatskirchenrechtliche Situation, die z.B. das Verbot des Religionsunterrichts 1952 und die Einführung der Jugendweihe mit sich brachte, wurden 1954 bei der Revision des Theologinnengesetzes von 1929 die Übernahmemöglichkeiten von Theologinnen aus staatlichen Schulen gestrichen. Als kirchliche religionspädagogische Alternative wurde der Beruf des Katecheten/der Katechetin eingeführt. Diese sollten auf gemeindlicher Ebene wirksam sein. Als Leiterin dieser Ausbildung wirkte eine aus Pommern geflohene, fertig ausgebildete Theologin. Darin kam eine enge Verbindung zwischen Theologinnen- und Katechetinnenberuf zum Ausdruck. In einzelnen Fällen wechselten Frauen vom Katechetinnenberuf zum Theologiestudium. Umgekehrt arbeiteten Theologinnen als Kreiskatechetinnen bzw. waren verheiratete Theologinnen teilweise als katechetische Mitarbeiterinnen in den Gemeinden ihrer Pfarrehemänner tätig. Sowohl Seelsorge in staatlichen Anstalten als auch Religionsunterricht an staatlichen Schulen waren entsprechend der kirchenpolitischen Situation ausgeschlossen.

Den in der DDR-Verfassung verankerten Rechtsgrundsatz, daß keine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts zulässig sei, brachte 1959 und 1963 der Wismarer Landessuperintendent Steinbrecher als Argument vor zugunsten einer notwendigen Verbesserung der Situation der Theologinnenarbeit, insbesondere einer geschlechtsunspezifischen Angleichung der Besoldung. Seiner Meinung nach ließ sich keine theologische oder kirchliche Begründung für eine Geschlechterhierarchie an diesem Punkt finden. Landesbischof Beste beharrte dagegen auf dem Recht der Kirche zu eigenständigem Recht. Auch das Engagement der Gegner der Frauenordination, die sich 1965 innerkirchlich ausführlich zu Wort meldeten, war angesichts der von diesen geteilten Bemühung, nach außen gegenüber dem sozialistischem Staat eine Geschlossenheit der mecklenburgischen Landeskirche zu zeigen, deutlich begrenzt. Die Einschaltung der gesellschaftlichen und kirchlichen Öffentlichkeit sowie die Auseinandersetzung mit beiden Positionen in den Medien unterblieb.

Die Anfang der 70er Jahre durch die Gründung des BEK-DDR ausgedrückte Akzeptanz zur bewußten kirchlichen und christlichen Existenz in der DDR als sozialistischem Staat in kritischer Solidarität wirkte sich auch dahingehend aus, daß die Landeskirche die staatlicherseits erlassenen Regelungen für Schwangerschaft und Mutterschutz sowie Teilbeschäftigungsmöglichkeiten übernahm. Bereits früher hatte sie das Ruhestandsalter von Theologinnen an das staatlicherseits eingeführte Alter angeglichen. Eigene Akzente setzte die mecklenburgische Kirche insofern, daß sie - im Gegensatz zum Staat - Pfarrwitwenrenten bezahlte, die sie Pastorinnenwitwern jedoch nicht zahlen wollte. Das laut Verfassung der DDR zunächst nur Müttern zustehende Recht zur Einschränkung ihrer Arbeitszeit scheint die mecklenburgische Kirche auch dann nicht für Väter und Großmütter übernommen zu haben, als sie dies der staatlicher Seite zugestand. Als einen Versuch der Annäherung kirchlicher Anstellungsverhältnisse an die staatlicherseits üblichen und als Zeichen für die Aufgabe kirchlicher Beamtenverhältnisse stellte die ELLM verheiratete Theologinnen nach staatlichem Recht an. Gleichzeitig hat sie jedoch 1968 bei der Verabschiedung eines neuen DDR-Arbeitsgesetzbuches für die Fortführung des kircheneigenen Beamtenrechts plädiert.

Insgesamt läßt sich sagen, daß sich die institutionelle kirchliche Autonomie und der gesellschaftliche Umbruch in der Weimarer Republik positiv auf die Entwicklung der Theologinnenarbeit in Mecklenburg ausgewirkt haben. Die gespannte kirchenpolitische Situation im Nationalsozialismus und in der DDR haben dagegen eine öffentliche Diskussion über Theologinnenarbeit verhindert, auch wenn dadurch ein gesteigerter Bedarf an der Mitarbeit der Theologinnen in pastoralen und nach 1954 vor allem auch in katechetischen Arbeitsfeldern entstanden war. Gegner wie BefürworterInnen der Theologinnenarbeit hatten weniger Möglichkeit zur Darstellung ihrer Positionen. Verbesserungen der Rechtssituation von Frauen im staatlichen Bereich der DDR wirkten sich bis 1970 aufgrund der kirchenpolitischen Haltung, die auf eine Distanz und Bewahrung kirchlicher Rechtsautonomie zielte - entsprechend den in der BK gewonnenen Einsichten von Landesbischof Beste - nicht förderlich oder anregend für die Verbesserung der Rechtssituation von Theologinnen aus. Erst in den 70er Jahren suchte der neu gewählte Landesbischof Rathke nach einer kritisch-solidarischen kirchlichen Existenz in dem realsozialistischen Staat DDR. In Übereinstimmung damit geschah die Übernahme der im staatlichen Bereich eingeführten zeitlichen Entlastungen von der Erwerbsarbeit infolge familiärer Aufgaben für


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Mütter. Eine Relativierung der geschlechtsspezifischen Fixierung dieser Erleichterungen vollzog die Kirche nicht mit. Hinsichtlich der Anstellungsverhältnisse scheint sie bei gleichzeitiger Weiterführung beamtenähnlicher Anstellungsverhältnisse für männliche Pastoren ausschließlich für einige der weiblichen Pastorinnen den Übergang in das staatliche Anstellungs- und Sozialversicherungsverhältnis vorgeschlagen und praktiziert zu haben. Dem lagen finanzielle Erwägungen zu Grunde. Positive wegweisende Signale der Kirche für den staatlichen Bereich sind hinsichtlich der rechtlichen Gestaltung der Theologinnenarbeit aufgrund der Rechtsautonomie der Kirche nicht festzustellen.

5.2.5. Der Beitrag der Theologinnenarbeit zu einer Transformation der kirchlichen Arbeitsfelder

Zur Zeit der Weimarer Republik sahen SynodalInnen - entsprechend ihrer Aufgeschlossenheit für neue, z.B. volksmissionarische Wege - auch Perspektiven für eine Mitarbeit der Theologinnen in den neu entstandenen Möglichkeiten zur Seelsorge an Frauen in weiblichen Anstalten und im Religionsunterricht für Mädchen an höheren Schulen. Zur Zeit des Nationalsozialismus leistete die BK-Theologin Lydia Schröder durch ihre übergemeindliche Jugendarbeit mit Anbindung an das Berliner Burckhardthaus einen Beitrag dazu, die kirchliche Jugendarbeit in den Zeiten staatlicher Gleichschaltung und Verbote aufrechtzuerhalten. Nach 1945 beteiligte sich die Theologin Elisabeth Asmus jahrzehntelang an der Ausbildung von Katechetinnen am Katechetischen Seminar in Schwerin, um Voraussetzungen für die an die Stelle des schulischen Religionsunterrichts getretene gemeindliche Religonspädagogik zu schaffen. Landesbischof Beste plädierte dafür, daß der Schwerpunkt der an geschlechtsspezifischen Kriterien zu orientierenden Arbeit von Theologinnen im übergemeindlichen Bereich von Diakonie, Mission, Katechetik, Seelsorge, Frauen- und Kinderarbeit liegen sollte. Mit Hilfe der Stellenpläne schuf er neue Stellen für Theologinnen, mit denen sie zu einer Erneuerung der kirchlichen Arbeit und deren Hinwendung vor allem zu Frauen und Kindern beitragen sollten.

Die aufgrund der damaligen kirchenrechtlichen Regelungen notwendigerweise ledigen Theologinnen lehnten jedoch häufig die ihnen entsprechend dieser Konzeption des Theologinnenberufs angebotenen übergemeindlichen Stellen ab. Sie bevorzugten die Arbeit in Gemeindepfarrstellen, weil sie dort kontinuierliche Kontakte zu Menschen hatten, ihrer Ausbildung gemäß einen Schwerpunkt auf die Verkündigungarbeit legen konnten und in der Regel auch in Gemeindegottesdiensten, teilweise mit Sakramentsverwaltung, Amtshandlungen und Gemeindeleitung wirken konnten. Sie erfuhren dort weniger permanente Kontrolle als in der übergemeindlichen Arbeit, wo sie ein ausführliches Diensttagebuch anzulegen hatten, teilweise als Hausmutter, Chauffeuse oder Katechtin fachfremd und unterqualifiziert arbeiten mußten. Umgekehrt fühlten sie sich als Berufsanfängerinnen mit der Leitung eines Arbeitsbereiches auf Propstei-, Kirchenkreis- oder Landeskirchenebene oft überfordert. Die Konsequenz dieses Widerspruchs zwischen den Vorstellungen über den Beitrag der Theologinnen zum kirchlichen Leben war die Nichtbesetzung einer Reihe übergemeindlicher Stellen aus dem landeskirchlichen Stellenplan für Theologinnen und die auch aufgrund der kirchlichen Situation zugestandene Einrichtung weiterer Gemeindestellen für Theologinnen. Grundsätzlich galt seit dem Kirchengesetz 1954 gemäß §1, daß die pastorale Arbeit der mecklenburgischen Theologinnen jeweils ihren besonderen Gaben als Frau und ihrer persönlichen Eigenart entsprechen sollte. Diese offizielle Schaffung einzelner Arbeitsfelder entsprechend den individuellen und geschlechtsspezifischen Fähigkeiten stellte ein Novum in der mecklenburgischen Kirche dar.

Ein Interesse an der Mitarbeit im übergemeindlichen Bereich, sei es in den traditionell Theologinnen zugedachten Bereichen von weiblicher Anstaltsseelsorge, Diakonie, Frauen- und Mädchenarbeit, sei es in neu geschaffenen Arbeitsfeldern wie Seelsorge in staatlichen Anstalten, Altenheimen, Krankenhäusern und Gefängnisssen, wie es seit 1978 möglich war, zeigten vor allem die verheirateten Theologinnen, die ab Mitte der 60er Jahre vereinzelt inoffiziell und ab 1972 offiziell Arbeitsmöglichkeiten erhielten. Sie sahen darin oft eine bessere Möglichkeit, die pastorale Erwerbsarbeit als Voll- oder Teilzeitarbeit mit familiären Pflichten zu verbinden. Ein weiterer Beitrag der Theologinnen zur Erneuerung der kirchlichen Arbeitsfelder in der ELLM lag ab 1965 in ihrer Mitarbeit in der Gemeindeaufbauarbeit in Neubauvierteln, zuerst unter abenteuerlichen Bedingungen, dann teilweise im Rahmen neugegründeter ökumenischer Gemeindezentren. Entsprechend den neuen kirchlichen Möglichkeiten seit 1978 aufgrund der staatlichen Wertschätzung kirchlicher Sozialarbeit arbeiteten einige Theologinnen in diakonischen Anstalten mit oder entwickelten neue Formen gemeindlicher Diakonie.

Um das vom Bischof Rathke und der BEK-DDR propagierte Konzept von Kirche als nichthierarchischer Lern- und Zeugnisgemeinschaft in die Praxis umzusetzen, leisteten sie durch ihre nicht immer freiwillige Übernahme von MitarbeiterInnenstellen einen gewissen Beitrag. Inhaltlich trug ihr Engagement in Gesprächsgruppen, z.B. mit Ausreisewilligen, taufwilligen Erwachsenen oder auch nach gesellschaftlicher Erneuerung suchenden Erwachsenen zur ansatzweisen Realisierung der ekklesiologischen Position "Kirche für andere" bei.


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Insgesamt gesehen ist zu sagen, daß die mecklenburgischen Theologinnen teilweise einen Beitrag zur Erneuerung kirchlicher Arbeitsfelder leisteten, z.B. der Gemeindediakonie, der katechischen Arbeit, der Frauenanstaltsseelsorge und der Seelsorge in staatlichen Anstalten, der Frauenarbeit und dem Angebot offener Gesprächsgruppen. Phasenweise dominierte ihr Interesse an der Aufrechterhaltung parochialgemeindlicher Arbeit, auch weil sie darin angemessenere Arbeitsmöglichkeiten für sich selbst sahen. In neuen übergemeindlichen Arbeitsbereichen wurden vor allem auch die verheirateten Theologinnen tätig.

5.2.6. Der Einfluß der Entwicklung der pastoralen Arbeitssituation

Seit dem Beginn der Reflexion über die Theologinnenarbeit in der mecklenburgischen Kirche bestand dort ein Mangel an pastoralen Arbeitskräften. Auf diesem Hintergrund wurde in der Weimarer Republik angedacht, sie zur Unterstützung von Pastoren in größeren städtischen Gemeinden sowie auf dem Gebiet der weiblichen Anstaltsseelsorge einzusetzen. Zur Zeit des Nationalsozialismus war eine Theologin zeitweise als persönliche Assistentin von Landesbischof Beste mit der Dokumentation der BK-Aktivitäten betraut.

Nach 1945 plädierten in den 50er und 60er Jahren sowohl die Mecklenburgische Pastorenkonferenz, einige Landessuperintendenten, der Ausschuß für Nachwuchsfragen und einzelne Gemeinden angesichts des eklatanten Pfarrermangels, der dadurch bedingten Überlastung der wenigen Pfarrer, der mangelnden Ausbildung der Vikare und der fehlenden geistlichen Versorgung von Gemeinden, für eine möglichst weitgehende Beteiligung der Theologinnen an pastoralen Arbeitsfeldern. Landesbischof Beste und mit ihm der Oberkirchenrat lehnten eine Verwendung der Theologinnen als Ersatz für fehlende Pastoren dagegen ab. Zum einen versuchte er mit ihnen übergemeindliche und katechetische Arbeitsfelder abzudecken. Zum anderen waren für ihn seine dogmatischen Einwände, aber vor allem auch seine Suche nach Übereinstimmung mit den anderen lutherischen Kirchen und das Bemühen um kirchliche Eigenständigkeit gegenüber der gesellschaftlichen Entwicklung ausschlaggebend. Die BefürworterInnen der vollen gemeindlichen Theologinnenarbeit sahen dagegen vor allem die Herausforderungen der konkreten gemeindlichen Situation. Dogmatische Gründe, im Sinne einer geschlechtshierarchischen Auffassung des Geschlechterverhältnisses, sowie amtstheologische und kirchengeschichtliche Einwände ließen die Gegner an der Tradition des männlichen Pfarramtes festhalten. Außerdem führten sie ökumenische Bedenken angesichts der Ablehnung der Frauenordination durch die Mehrzahl der andern Kirchen an. Sie akzeptierten das Argument Pfarrermangel nicht.

Der Versuch der Berücksichtigung beider Argumente fand in der Präambel des 1965 verabschiedeten mehrgliedrigen Theologinnengesetzes Niederschlag. Dort hieß es, daß die Theologinnen nicht in erster Linie Ersatz für fehlende männliche Theologen sein sollten. Die Frauenordination sollte aber für besonders geeignete Theologinnen angesichts des eklatanten Pfarrermangels möglich sein, um die geistliche Versorgung der Gemeinden zu verbessern. Für Gegner der Frauenordination sollten Ausweichmöglichkeiten geschaffen werden, z.B. durch die Verpflichtung der Theologinnen zur Erteilung eines Dimissoriale.

Manche der mecklenburgischen Theologinnen selbst wandten sich in den 50er und 60er Jahren zunächst wie viele Theologinnen in anderen Landeskirchen gegen eine Fixierung auf das Parochialpfarramt als einziger Form des geistlichen Amtes und forderten Freiräume zum Experimentieren mit den existierenden Strukturen. Als sich aber die Mehrgliedrigkeit im Kirchengesetz 1965 eher als Verschlechterung ihrer Situation und als Einschränkung der dringend benötigten situationsangemessenen gemeindlichen Arbeit erwies, forderten sie ihre Integration in das bestehende Pfarrerdienstrecht.

Die bleibende Orientierung des Pfarrdienstes am Beamtenverhältnis und dem lebenslänglichen Dienst- und Treueverhältnis wirkte sich zunächst hinderlich für die Partizipation verheirateter Theologinnen als kirchlich beamteter Pastorinnen aus. Die z.B. im staatlichen Angestelltenrecht im Umgang mit der Theologinnenarbeit praktizierte Flexibilität mit pastoralen Arbeitsverhältnissen wirkte sich aber wahrscheinlich auch förderlich für den Entschluß des mecklenburgischen Landesbischofs von 1981 aus, sich an der auf BEK-DDR angeboteten Ausbildung für Gemeindpädagoginnen in Potsdam mit der Perspektive zu beteiligen, daß diese auch im pastoralen Dienst arbeiten sollten.

Insgesamt gesehen führte der Pfarrermangel in der mecklenburgischen Kirche bei den BefürworterInnen der Frauenordination zu einer Bekräftigung ihrer theologischen Gründe. In den Gemeinden ist er aus praktischen Gründen ein wichtiger Impuls zur Forderung des vollen gemeindlichen Amtes der Theologinnen gewesen. Für Bedenkenträger wie Landesbischof Beste, Vertreter des Oberkirchenrats und Gegner waren dogmatische, traditionsbewahrende Gründe und die Sorge um die Einheit der


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lutherischen Kirchen stärker als die Herausforderung durch die gemeindliche Not. Sie befürworteten andere geschlechtsspezifische Möglichkeiten für den Einsatz der Theologinnen. Die Theologinnen selbst verstanden sich ursprünglich nicht als Ersatz für fehlende Pastoren, sondern wollten neue Formen des Amtes schaffen. Als dafür kein Freiraum bestand, plädierten sie für ihre Integration ins Pfarramt.

5.2.7. Der Einfluß der Situation von Frauen in der mecklenburgischen Kirche auf die Entwicklung der Theologinnenarbeit

Förderlich für die Entwicklung einer qualifizierten Arbeitssituation für Theologinnen in der mecklenburgischen Kirche zur Zeit der Weimarer Republik wirkte sich die Entscheidung aus, bei der Einführung der synodalen Arbeit in der Weimarer Republik Frauen als Synodalinnen zuzulassen. Insbesondere eine Synodale, die von Beruf Schulleiterin war, wies auch auf die Zugangsmöglichkeiten akademisch gebildeter Frauen zu qualifizierter Erwerbsarbeit im gesellschaftlichen Raum hin und forderte entsprechende Entwicklungen auch im kirchlichen Bereich. Andere an der Diskussion über die Theologinnenarbeit beteiligte männliche Synodale hielten dagegen die bestehenden kirchlichen Frauenberufe für ausreichend und eine rechtliche Konzeption der Theologinnenarbeit für überflüssig. In den Jahren 1945 bis 1965 stellte Landesbischof Beste den Bezug zur Situation anderer Frauen in der Kirche ausschließlich in der Weise dar, der eine Weiterentwicklung der Theologinnenarbeit verhindern sollte. So gab er für eine Ablehnung der besoldungsmäßigen Angleichung psychologische Gründe an. Darunter verstand er Konflikte, die durch eine besoldungsmäßige Gleichstellung von ledigen Theoginnen und verheirateten Pastoren entstehen könnten, die Frau und Familie mit dem Geld zu versorgen hatten. Außerdem nahm er 1962 in der Kirche eine von ihm als gefährlich betrachtete und zu bekämpfende "Tendenz zum Weiblichen" wahr und sah die Gefahr des Fehlens echter Frauen in der Kirche. Durch die Einladung an die damalige Leiterin der mecklenburgischen Frauenhilfe Frahm in den vom OKR einberufenen Vikarinnenausschuß suchte er eine Einordnung der Theologin eher in die Kategorie Geschlecht als Beruf deutlich zu machen. Auch 1965 anläßlich der Verabschiedung des neuen Theologinnengesetzes verwies er erneut auf das Vorhandensein anderer kirchlicher Traditionen bezüglich des Einsatzes von Frauen hin.

Zu einem deutlichen Zeichen für die Kompetenz von Frauen zur Übernahme von Leitungsfunktionen auch in der Kirche kam es, als in den 60er Jahren die Landessynode eine Juristin als Präsidentin wählte. Als positives Signal innerhalb der Synode ist ferner das Übertragen einer Andacht an eine in der vollen Gemeindearbeit stehende Theologin zu Beginn der Synodensitzung zu verstehen, bei der die Ordination der Theologinnen beschlossen wurde.

In den 70er und 80er Jahren wirkte sich die Mitarbeit einer Theologin als Leiterin der mecklenburgischen Frauenhilfe und im BEK-DDR-Facharbeitskreis "Frauen und Männer in Kirche, Familie und Gesellschaft" anregend aus. So suchten einige mecklenburgische Theologinnen nach einer feministischen Konzeption ihrer pastoralen Arbeit und strebten eine Kooperation mit anderen kirchlichen Frauenberufen an. Ausdruck der Diskussion über die Frauensituation in der mecklenburgischen Kirche, bei der auch unter den Frauen unterschiedliche Vorstellungen über angemessene Lebens- und Mitarbeitsmodelle sichtbar wurden, war eine Auseinandersetzung über das Pfarrfrauendasein, die Ende der 80er Jahre Pfarrfrauen aus verschiedenen Generationen in der mecklenburgischen Kirchenzeitung führten. Dabei zeigte sich, daß für die ältere Generation das traditionelle geschlechtshierarchische Familienmodell weiterhin selbstverständlich und befriedigend war, während die jüngere Pfarrfrauengeneration oft entweder eigene berufliche Wege ging oder mit der Situation der mitarbeitenden Theologin in der Kirchengemeinde ihres Mannes eher unzufrieden war. Eine Theologin war Ende der 80er Jahre stellvertretende Synodenpräsidentin.

Insgesamt hatte die Situation von Frauen in der mecklenburgischen Kirche weniger durch deren inhaltliche Unterstützung der Theologinnenarbeit großen Einfluß als vielmehr durch die selbstverständliche Mitarbeit von anderen Frauen in kirchenleitenden Positionen, sei es als Synodalin, Synodenpräsidentin, stellvertretende Synodenpräsidentin oder als Leiterin der mecklenburgischen Frauenhilfe. Dabei ist zu beobachten, daß zunächst eher Laiinnen als Frauen in diese Ämter gewählt wurden, bevor sie Theologinnen anvertraut wurden. Die Orientierung an den anderen kirchlichen Frauen führte Landesbischof Beste als Argument für die Entfernung von Theologinnen aus dem pastoralen Bereich an. In den 80er Jahren beteiligten sich manche Theologinnen dann an der feministisch-theologischen Suche nach einer ökumenischen Solidarität der Frauen in der Kirche.

5.3. Theologische Aspekte der Entwicklung der Theologinnenarbeit

5.3.1. Geschlechterverhältnis

Die zur Zeit der Weimarer Republik vom mecklenburgischen Oberkirchenrat in seiner Antwort an den


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DEK 1925 vertretene Auffassung des Geschlechterverhältnisses ging von dem bürgerlichen Konzept der Geschlechterspezifik aus, die in der Berufsgestaltung zu geschlechtshierachischen Akzenten führte. Allerdings waren diese in einigen Punkten weniger ausschließend als die Regelungen anderer deutscher Kirchenleitungen. Die biblischen Äußerungen über das Verhalten von Frauen sah er in ihrer historischen Bedingtheit in Abhängigkeit von dem damaligen gesellschaftlichen Kontext, den er als "antike Unterwürfigkeit der Frau" charakterisierte. Er wies darauf hin, daß es darüber hinausreichende biblische Zusammenhänge gäbe, wie z.B. daß durch das Pfingstereignis die prophetische Verheißung von Joel 3 erfüllt sei. Dies habe zur Folge gehabt, daß durch das Christentum Frauen aus ihrer Situation der Unterdrückung befreit wurden und in den urchristlichen Gemeinden verkündigten. Eine Beschränkung der insofern möglichen Zulassung der Frauen zur Verkündigungstätigkeit sah er einerseits in ihrer Natur, die sich in Keuschheit und Hingabe gegenüber dem Mann sowie in weniger autoritärer Stimmgewalt ausdrückte. Andererseits verbiete - entsprechend Paulus - das Anstandsgefühl der jeweiligen Zeit den Frauen ihre innersten Gefühle und ihr heiliges Lebens Gott gegenüber einer männlichen Zuhörerschaft offenzulegen. Daraus folge als geschlechtsspezifische Berufskonzeption die Ablehnung der öffentlichen Wortverkündigung durch Theologinnen. Diesen sollte jedoch eine qualifizierte Tätigkeit in der Frauenwelt möglich sein, wofür u.U. auch Sakramentsverwaltung und Ordination möglich sein sollten. SynodalInnen wiesen wiederholt auf die zeitgeschichtliche Veränderung im gesellschaftlichen Geschlechterverhältnis durch den Umstand hin, daß Frauen nun die akademische Bildung und qualifizierte Berufe offenstanden.

In der Zeit von 1945-1965 kamen in der mecklenburgischen Kirche mehrere Konzepte des Geschlechterverhältnisses zur Sprache. Der Vertreter der Mecklenburgischen Pastorenschaft, einige Landessuperintendenten und ein Teil der Theologinnen begründeten ihre Veränderungsvorschläge der Theologinnenarbeit mit der Gleichheit der Theologinnen, die sich auch in ihrer Beauftragung mit öffentlicher Verkündigung und Sakramentsverwaltung und Gleichstellung in der Besoldung zeigen sollte. Ein Landessuperintendent verstärkte dies mit dem Hinweis auf die verfassungsrechtlichen Regeln der DDR zur Gleichstellung der Geschlechter.

Eine geschlechtsspezifisch-geschlechtshierarchische Position vertrat Landesbischof Beste. Er begründete sie vor allem mit dem besonderen Wesen der Frau, das diese in besondere Arbeitsfelder wie Diakonie, Mission, Pädagogik, Seelsorge an Frauen und Kinder führe, während sie das ordinierte volle Gemeindepfarramt physisch und psychisch überfordere. Für ihre Arbeit, die sie selbständig auf der Grundlage einer Dienstanweisung leisten sollten, sollten die Theologinnen eine geschlechtsspezifische Ausbildung erhalten. Entsprechend der bürgerlichen Auffassung des Geschlechterverhältnisses gab es für Frauen die Alternative, entweder zu heiraten und den Beruf aufzugeben, oder als ledige Frauen zu leben und entsprechend weniger Besoldung zu erhalten als ihr - als verheirateter Familienvater vorgestellter - männlicher Kollege, der mit seiner Alimentation eine Familie zu versorgen hatte, in der die Pfarrfrau keiner Erwerbsarbeit nachging. Entsprechend des ausschließlich Männern zugeschriebenen Hirtenamts als Leitungsfunktion, kam Frauen die übergemeindliche Zuarbeit bzw. später die Arbeit auf einer zweiten Pfarrstelle unter Leitung eines verantwortlichen Mannes zu, der auch die Gemeindeleitung behalten sollte. Im Notfall sollte eine Theologin allein auf einer Landgemeindepfarrstelle tätig sein, wenn die Übernahme der Gemeindeleitung unter der Aufsicht eines Kurators gesichert war.

Innerhalb der Landessynode vertrat der synodale Theologinnenausschuß und ein Teil der Theologinnen ein geschlechtsspezifisch-komplementäres Modell. Sie legten besonderes Gewicht auf die experimentell - innovatorischen Effekte der Partizipation von Frauen am geistlichen Amt. Außerdem betonten sie die Möglichkeit zu personenspezifischen Optionen und Ausprägungen des Amtes. Ihrer Meinung nach sollte es von der Selbsteinschätzung jeder Theologin abhängen, ob sie ein volles Gemeindepfarramt oder einen besonderen Dienst übernehmen wolle. Grundlage jeder Theologinnenarbeit sollte die Übertragung von öffentlicher Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung sein und das Recht, ihre Arbeit selbständig und in Partnerschaft mit ihren männlichen Kollegen zu führen. Die Theologinnen betonten ihre Absicht, sich nicht den Männern angleichen zu wollen und nicht nur als Ersatz für fehlende Pfarrer zu gelten.

Auf eine detaillierte Begründung ihrer Geschlechtsspezifik, z.B. in der zunächst vorgesehenen Wendung "entsprechend ihren besonderen Gaben und physischen Eigenart", verzichtete das Kirchengesetz von 1965 schließlich. Dieses drei verschiedene Wege der Theologinnenarbeit eröffnende Gesetz, vom eingeschränkten Dienst bis zum ordinierten Gemeindepfarramt, entsprach damit weitgehend den Vorstellungen der Theologinnen, die eine geschlechtsspezifisch-komplementär-uneingeschränkte und verschiedene personenspezifische Formen zulassende Ausübung des geistlichen Amtes durch Frauen anstrebten. Als ein geschlechtsspezifisches Element nahm auch dieses Gesetz auf, daß Frauen in der Regel vor der Alternative Beruf oder Familie standen.


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Angesichts dieses auch die Ausübung des vollen Gemeindepfarramtes zulassenden Theologinnengesetzes erhoben einige Pfarrer und Laien Protest und verwiesen auf die ihrer Meinung nach in Bibel und Tradition angelegte geschlechtshierarchische Konzeption des Geschlechterverhältnisses als verbindlicher Auffassung für die Kirche. Dieser Auffassung hielt die mecklenburgische Landessynode entgegen, daß in Bibel und Tradition unterschiedliche Positionen anzutreffen seien. Teilweise gebe es dort eine hierarchische Konzeption und teilweise auch Vorstellungen einer Gleichrangigkeit von Mann und Frau. Letzteres sei z.B. in Gal 3 gerade als wichtiger Impuls zur Veränderung der sozialen Verhältnisse innerhalb der Gemeinde anzusehen. Aus heutiger Perspektive seien frauendiskriminierende Auffassungen wie die Behauptung der Inferiorität von Frauen bei manchen altprotestantischen Theologen nicht mehr akzeptabel. Auch Luthers Position, daß Frauen nur im Notfall die Gemeindepredigt übernehmen sollten, könne nicht mehr für die Gegenwart verbindlich sein.

Die Gestaltung des frauenspezifischen Ordinationsformulars 1965 machte deutlich, daß Oberkirchenrat und Landesbischof in dem Kompromiß des Theologinnengesetzes von 1965 eine Möglichkeit zur Fortführung des geschlechtsspezifisch-geschlechtshierarchischen Modelles sahen. Landesbischof Beste wählte biblische Texte vor allem aus dem Einsegnungsformular aus, die wenig die Leitungsübertragung an Theologinnen zur Sprache brachten. Die Theologinnen machten die Erfahrung, daß die mehrere Wege offen lassende Konzeption des Kirchengesetzes von 1965 den Effekt hatte, daß nicht die persönliche Entscheidung der Theologin für das ordinierte Amt bzw. den eingeschränkten Dienst in der Praxis zählte, sondern sie geschlechtshierachisch von der Entscheidung des Oberkirchenrats und dem Willen der männlichen Kollegen abhängig waren. Daraufhin entschieden sich Ende der 60er Jahre, Anfang der 70er Jahre sowohl der synodale Theologinnenausschuß als auch der mecklenburgische Theologinnenkonvent für eine Veränderung ihrer Auffassung hin zu einer Betonung der auf Gleichheit der Geschlechter ausgerichteten Position. Sie strebten die Ordination aller Theologinnen sowie die Angleichung ihrer Ausbildung und Anstellungsverhältnisse an die ihrer männlichen Kollegen an. Hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Konsequenzen für die Berufsauswahl aufgrund der Lebensform plädierten Landessynode und Theologinnen für die Weiterarbeit der verheirateten Theologinnen und gegen deren - von Landesbischof Rathke und OKR Siegert vorgeschlagene - geschlechtshierarchische Schlechterstellung hinsichtlich des Anstellungsverhältnisses und der Versorgungsleistungen. Trotzdem sind letztlich sowohl hinsichtlich der Gewährung einer Dienstwohnung an verheiratete Theologinnen als auch in der Verweigerung des Witwergeldes teilweise geschlechtshierarchische Akzente auch im Theologinnengesetz von 1972 zu finden. Bei dessen Verabschiedung wurde deutlich, daß inzwischen sowohl Landessynode, OKR, Landesbischof und Theologinnen vom Konzept der Gleichheit der Geschlechter ausgingen. Diese sollte durch die weitgehende Integration der Theologinnen in das urspünglich nur für Männer vorgesehene Pfarrerdienstrecht stattfinden.

Die Phase von 1972 bis 1990 war von der Auffassung einer weitgehenden rechtlichen Gleichstellung der Geschlechter bei der Ausübung des geistlichen Amtes geprägt. Alle examinierten Theologinnen, die eine Pfarrstelle übernahmen, wurden ordiniert und bekamen den Titel "Pastorin". Geschlechthierarchische Auswirkungen waren in der Praxis vor allem bei verheirateten Theologinnen festzustellen, insbesondere bei Theologinnen, die mit Berufskollegen verheiratet waren. Sie wurden teilweise nicht ordiniert oder konnten lediglich auf Mitarbeiterinnenstellen tätig werden, wodurch z.B. ihre Wahlfähigkeit zu kirchenleitenden pastoralen Ämtern ausgeschlosssen war. Durch das Angebot von Teilzeitstellen an Frauen und Mitarbeiterstellen nur an Frauen, die mit einem Berufskollegen verheiratet waren, blieb ein geschlechtshierarchischer Akzent in der Position der Kirchenleitung erhalten.

Die Theologinnen selbst vertraten in den Interviews teilweise die Auffassung, daß die Geschlechtszugehörigkeit für die Ausübung des pastoralen Berufs unwichtig sei. Entscheidend sei die Glaubwürdigkeit, die von der jeweiligen Persönlichkeit und Frömmigkeit abhänge. Andere Theologinnen sahen ihre geschlechtsspezifischen Fähigkeiten vor allem im kommunikativen Bereich durch eine eher individuelle äußere Repräsentation, andere Umgangsformen und einen anderen Leitungsstil. Ein geschlechtsspezifisches Problem des Pastorinnenberufs, den mehrere vom Berufsbild her für einen idealen Frauenberuf hielten, sahen nahezu alle Theologinnen in einer befriedigenden Verbindung zwischen Beruf und Privatleben, da die jetzige Form der Berufsausübung bei Ledigen zu Einsamkeit und bei Verheirateten zu Konflikten bzw. zu einer Berufsausübung jenseits ihrer Qualifikation führe. Letzteres treffe als geschlechtsspezifische Wirkung vor allem auf Theologinnen zu, die mit Pfarrern verheiratet waren.

5.3.2. Biblische Hermeneutik

In allen Phasen der mecklenburgischen Diskussion über die Entwicklung der Theologinnenarbeit ist


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ein historisch-kritischer Umgang mit dem biblischen Zeugnis hinsichtlich dessen Relevanz für die Einschränkung der Theologinnenarbeit infolge der paulinischen Schweigegebote bzw. deren Charakter als christlicher Beitrag zur Befreiung im Sinne einer Erfüllung der prophetischen Verheißung anzutreffen.

So vertrat Mitte der 20er Jahre der mecklenburgische Oberkirchenrat die Auffassung, daß die biblischen Einwände gegen eine Übernahme der Verkündigungstätigkeit durch Frauen lediglich zeitgeschichtlich bedingt seien. Die Schweigegebote in 1. Kor 11 und 14 sowie das Unterordnungsgebot in 1.Tim 2 seien nicht als generelles Verbot der Verkündigung von Frauen zu verstehen. Die Aufnahme von Joel 3, 1-5 in Apg 2,14f interpretiere die urchristliche Gemeindesituation, in der auch Frauen an der Verkündigung beteiligt waren, vielmehr als Erfüllung einer prophetischen Verheißung. Paulus wollte die weibliche Verkündigungstätigkeit lediglich auf den Rahmen beschränken, der Frauen von ihrer Natur her und dem jeweiligen Anstandsgefühl der Zeit zukomme. Dies bedeute, daß auch in der Gegenwart die Mitarbeit von Frauen im Verkündigungsbereich so zu gestalten sei, daß sie ihrer Natur und dem Anstandsempfinden der Gegenwart entspreche. Dafür gelte es mitzubedenken, daß das Urchristentum die Frauen aus der antiken Unterwürfigkeit befreit habe.

In der Phase von 1945 bis 1965 begründete die Mecklenburgische Pastorenkonferenz ihre Forderung nach dem vollen Amt für Frauen als in Kongruenz mit der Bibel stehend dadurch, daß sie die Schweigegebote als zeitbedingte Einwände einordnete. Eine ausführliche Debatte im Synodenplenum über die Relevanz der biblischen Aussagen, die offensichtlich einer Zulassung von Frauen zum ordinierten Amt mit öffentlicher Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung entgegenstanden, erfolgte 1962, als die Gestaltung der Theologinnenarbeit offizielles Hauptthema des Synode war. Synodale wiesen auf die Weisungen zur Unterordnung der Frau unter den Mann in Eph 5 und Gen 1, das Schweigegebot in 1.Tim 2 und auf die Auswahl ausschließlich männlicher Apostel durch Jesus sowie die Beteiligung von Frauen in den urchristlichen Gemeinden ausschließlich durch ihr Leben und nicht aufgrund ihres Amtes hin. Als Gegenargument brachten andere die Relevanz der gewandelten Situation als hermeneutisches Kriterium ein. Mit dem pragmatischen Kompromiß bei der Landessynode 1964, daß keine Übereinstimmung aller Beteiligten in dogmatischen Fragen möglich sei, wurden schließlich beide Positionen als möglich anerkannt. Auf den Protest der Gegner der Möglichkeit, Theologinnen zum geistlichen Amt zu ordinieren und sie öffentliche Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung ausüben zu lassen, ging die mecklenburgische Landessynode hinsichtlich der biblischen Einwände in der Weise ein, daß sie einen Umgang mit den biblischen Schriften im Sinne der Verbalinspiration ablehnte und die Einwände gegen die Übernahme der Verkündigungstätigkeit als zeitbedingt einstufte. Sie wies darauf hin, daß auch die exegetischen Auffassungen und biblischen Stellen nicht eindeutig seien. So sei z.B. neben Gen 2 auch Gen 1,27 einzubeziehen, wo Mann und Frau den Auftrag zum Bewohnen der Erde erhalten. Ebenfalls übergangen hätten die Gegner Gal 3,28, eine zentrale biblische Aussage, die schon in der Auseinandersetzung um den Arierparagraphen wichtig geworden sei. So könne nicht gesagt werden, daß Paulus generell die Unterordnung der Frauen angeordnet habe.

5.3.3. Das Amtsverständnis

Zur Zeit der Weimarer Republik wurde in der Diskussion über die Theologinnenarbeit zwischen dem "vollen Amt" differenziert, das den Männern zukomme, und dem "besonderen Amt" der Frauen. Letzteres unterschied sich vom vollen Amt zum einen dadurch, daß ihm bestimmte Aufgaben, z.B. Leitungsaufgaben, untersagt waren. Zum anderen sollten bestimmte Aspekte "anders" sein. Dies betraf den Titel "Pfarrgehilfin", die auf ledige, an einer lebenslangen Berufsausübung interessierte Frauen beschränkte Lebensform als Zugangsvoraussetzung, die den Männern ähnliche, aber in bestimmten Aspekten unterschiedene Ausbildung und das Amtskleid. Dieses sollte nicht in einem ständig zu tragenden Diakonissenkleid als Uniform, sondern in einem einfachen schwarzen, der Mode entsprechenden Kleid bestehen.

In den Jahren 1945 bis 1954 lautete der Begriff für das von beiden Geschlechtern ausgeübte Amt "geistliches Amt". Es gliederte sich in das volle Pfarramt, zu dem nach Meinung der Mecklenburger Pastorenkonferenz die theologische Ausbildung qualifizierte, während nach Meinung des Oberkirchenrats und Landesbischof Beste die den Männern vorbehaltene Ordination ausschlaggebend sein sollte. Hinsichtlich des geschlechtsspezifischen Amtes sui generis der Theologinnen setzte sich im Kirchengesetz 1954 die Meinung durch, daß dieses Amt selbständig entsprechend einer Dienstanweisung des Oberkirchenrates auszuführen war. Die Theologinnen sollten zu ihm eingesegnet, nicht ordiniert werden. Sein Aufgabengebiet konnte entsprechend der persönlichen Eignung der einzelnen Theologin in einzelnen oder in allen Aufgaben des geistlichen Amtes bestehen. Die MPK und einzelne SynodalInnen stellten den geschlechtshierarchischen Ausschluß der Theologinnen vom ordinierten Amt in Frage. Ihrer Meinung nach sollte angesichts dessen, daß Bedarf


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an einer vollen Amtsausübung durch Theologinnen bestand, deren Ausbildung ein größerer Wert zugemessen werden als dem männlichen Geschlecht von Diakonen. Bei Übernahme des vollen geistlichen Amtes sollten die Theologinnen jedoch auch hinsichtlich Ordination, Ausbildung, Anstellungform und Bezahlung gleichgestellt werden. Einige SynodalInnen begründeten diese Auffassung theologisch damit, daß weder eine Einschränkung der Wortverkündigung noch eine Trennung von Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung bei der Definition auch eines besonderen Amtes theologisch verantwortbar sei.

In den Jahren 1954 bis 1965 hielten die Theologinnen, die Landessynode, die VELKD und teilweise auch Landesbischof Beste und der OKR an der Terminologie "geistliches Amt" als geschlechterübergreifendem Begriff fest. Zeitweise bevorzugten Landesbischof Beste und der OKR allerdings den Begriff "Dienst" für die Bezeichnung der vollständigen Mitarbeit der Theologinnen im pastoralen Bereich, zu dem sie eingesegnet werden sollten. Die Theologinnen legten Wert auf die Unterscheidung zwischen dem Oberbegriff geistliches Amt und dem vollen Pfarramt. Einige von ihnen strebten dieses an, und es konnte aufgrund einer persönlichen Qualifikation an geeignete Theologinnen durch die Ordination übertragen werden. Als Alternative sah ein Teil der Theologinnen die Möglichkeit eines selbständigen Dienstes wie bisher, zu dem die betreffenden Theologinnen eingesegnet werden sollten. Die Theologinnen, die Wert auf eine Unterscheidung zwischen dem vollen Pfarramt, das sie nicht unbedingt anstrebten, und flexiblen, variablen Formen des geistlichen Amtes legten, sahen als Voraussetzung für dessen sinnvolle Wahrnehmung zum einen die Übertragung der Sakramentsverwaltung an, die ihnen z.B. bei der Krankenhausseelsorge fehlte, und zum anderen die Bereitstellung von Spielraum für Experimente, um aus deren weiterer Entwicklung eine Profilierung bestimmter Stellen als besonders für Frauen geeignet zu erkennen. Wenn Theologinnen die öffentliche Wortverkündigung, Sakramentsverwaltung und Gemeindeleitung wahrnahmen, stellte sich jedoch die Frage, ob dem eine Ordination nicht besser entspreche als die Einsegnung.

Nach Auffassung von Landesbischof Beste sollte sich das Amt sui generis oder noch besser "der Dienst der Theologinnen" vom vollen Pfarramt der Männer dadurch unterscheiden, daß er prinzipiell als Arbeitsbereich die übergemeindlichen Gebiete Diakonie, Mission, Frauenarbeit, Katechetik, kirchliche Werke und Verwaltung umfassen sollte. Die Dienstbezeichnung sollte sich nach der Tätigkeit richten. Prinzipiell sollten die Theologinnen zu ihrem Dienst eingesegnet, nicht ordiniert werden. Die Dienstbezeichnung sollte auf die persönliche Qualifikation der Vikarin und die Rücksicht auf die Gemeinde abgestimmt sein. Auch bei Ausübung einer vollen Gemeindearbeit sollte aber keine Umwandlung einer Pfarr- in eine Pfarrvikarinnenstelle vollzogen werden.

Diese Auffassung stellte wiederum OKR Gasse ln Frage. Wenn allein das Geschlecht und nicht die Differenz der wahrgenommenen Arbeitsgebiete zur geistlichen Qualifizierung in Form der Einsegnung oder Ordination führe, also auch die Einsegnung zu allen bisher mit dem geistlichen Amt verbundenen Aufgaben befähige, bestehe die Gefahr, daß die Ordination zu einem "toten Götzen, Phantom" würde und ihr Gewicht verliere. Diese Auffassung, verbunden mit einem Plädoyer für die Übernahme des ordinierten Amtes und der Sakramentsverwaltung durch die Theologinnen, vertrat bereits seit Ende der 50er Jahre die Mecklenburgische Pastorenkonferenz. Sie wies zur Untermauerung ihrer Argumention auf die bestehenden Defizite bzw. die illegale Praxis der Theologinnen bei der Einsegnung der Konfirmandinnen und in der Krankenhausseelsorge hin. Von einem besonderen "Amt der Vikarin" sprach der Rektor des Predigerseminars in Schwerin. Es sollte ein sowohl hinsichtlich der Ordination wie der ausgeübten Funktion begrenztes Amt sein, aber von Theologinnen in unterschiedlichen Lebensformen ausgeübt werden können. Weder im Neuen Testament, in der Kirchengeschichte, in der kirchlichen Tradition noch in der akutellen Diskussion der Ökumene sei ein eindeutiges Plädoyer festzustellen, daß die Amtsausübung mit einer bestimmten Lebensform verbunden sein müsse. Andererseits sah er eine Kollision der durch die Ordination auf Lebenszeit übernommenen Aufgaben und der familiären Pflichten einer Ehefrau und Mutter. Seiner Meinung nach war zwischen der in der Ordination von Gott definitv erfolgenden vocatio interna und benedictio sowie der von der Kirche ausgehenden vocatio externa zu unterscheiden, die mit einer missio in bestimmte Arbeitsbereiche verbunden und veränderbar war. So schlug er die begrenzte Frauenordination mit einer spezifischen missio in entsprechende, den besonderen Gaben der Frauen entsprechende Arbeitsgebiete vor, die bei Heirat ruhen sollte. Für die letztlich in dem Kirchengesetz von 1965 Niederschlag findende differenzierte Amtskonzeption waren folgende Prämissen ausschlaggebend: Beide Geschlechter hatten Anteil am "geistlichen Amt". Für Theologinnen standen mehrere geschlechtsspezifische Wege offen, die abhängig von ihrer persönlichen Qualifikation, von den Anforderungen der spezifischen Stellensituation, von ihrer Lebensform und von der Zustimmung der beteiligten kirchlichen Organe waren. Wenn sie ledig waren, persönlich dazu qualifiziert und die spezifische Stellensituation öffentliche Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung erforderte sowie die kirchlichen Entscheidungsträger zustimmten, konnten sie mit einer geschlechtsspezifischen Ordination zur


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Ausübung des vollen Pfarramts, allerdings ohne offizielle Gemeindeleitung beauftragt werden. Als Variation dazu kam weiterhin der eingesegnete Dienst vor allem im übergemeindlichen Bereich bzw. in der Gemeinde unter Leitung eines männlichen Pfarrkollegen in Frage. Die Ausübung ihrer vollen geistlichen Rechte konnten Gemeindeglieder, die die Frauenordination ablehnten, durch den Antrag eines Dimissoriale aus geschlechtsspezifischen Gründen ablehnen. Eine weitere geschlechtsspezifische Beschränkung ihrer Ausübung des geistlichen Amtes war darin zu bemerken, daß sie eine zölibatäre Lebensform auch drei Jahre nach dem zweiten Examen voraussetzte. Im Falle der Heirat war die Übernahme eines Gemeindepfarramts oder eines Dienstes mit eigenem Seelsorgebereich ausgeschlossen.

Die Gegner der Möglichkeit der Frauenordination benannten als Kriterium bestimmte Schriftstellen und die Tradition der geschlechtsspezifischen Amtsausübung durch Männer als Charakteristika des schrift- und bekenntnisgemäßen Amtsverständnisses, das die Frauenordination verbiete. Die Landessynode vertrat dagegen die Auffassung, daß das Amtsverständnis nicht statuarisch sei. Sein Zentrum liege nach CA VII darin, die öffentliche Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung auszuüben. Der Oberkirchenrat versuchte in seinem Entwurf eines geschlechtsspezifischen Ordinationsformulars für Theologinnen die geschlechtshierarchische Einordnung der Frauenordination zwischen dem vollen ordinierten Pfarramt von Männern und der Einsegnung von Theologinnen zu ihrem Dienst durch die Vermeidung von Kombinationen der Begriffe "Ordination, Amt, Pastorin" auszudrücken. Insbesondere die Stellen des traditionell für Männer vorgesehenen Ordinationsformulars, die sich mit der pastoralen Leitungsaufgabe befaßten, wurden weggelassen.

Der Synodale Rathke ging bei seinem Antrag für eine Erweiterung des Theologinnenamtes um zentrale Funktionen bis hin zur uneingeschränkten Ordination zum vollen Amt der Kirche davon aus, daß die Bewährung der Theologinnen in den ihnen bisher zugestandenen Arbeitsfeldern und die weitergeführte Diskussion auf VELKD-Ebene Einfluß auf eine Veränderung der geschlechtsspezifischen Amtskonzeption haben könnte. Er stellte einige der verbliebenen geschlechtsspezifischen Einschränkungen des geistlichen Amtes der Theologinnen in Frage, indem er dafür plädierte, daß Theologinnen auch den Vorsitz des Kirchgemeinderates übernehmen können sollten und verheiratete Theologinnen weiterbeschäftigt werden sollten. Eine Dienstanweisung sollte entweder für beide Geschlechter oder für keines von beiden aufgestellt werden. Der Theologinnenkonvent plädierte in ähnlicher Weise 1970 gegenüber der Landessynode für eine Aufhebung des Unterschieds zwischen Pastorinnen und Pfarrvikarinnen sowie die Ordination aller examinierten Theologinnen. Die Landessynode schloß sich diesen Voten an, und fragte nach der Übertragbarkeit auch kirchenleitender Ämter an. Lediglich die Lebensform der Theologinnen sollte weiterhin Kriterium für die Möglichkeit einer reduzierten geschlechtsspezifischen Ausübung des Amtes sein. Ausschlaggebend für ihre Ordination sollte die Qualität ihrer notwendigen Aufgaben, nicht die durch ihre Ausbildung erworbene Qualifikation sein.

Insgesamt ist festzustellen, daß zunächst von einer Unterscheidung zwischen vollem und besonderem Amt ausgegangen wurde, das geschlechtsspezifisch andere und reduzierte Aspekte hatte. Daß es ein besonderes und nicht nur eingeschränktes Amt sein sollte, drückte sich in den Überlegungen aus, zu diesem Amt u.U. auch zu ordinieren und ihm in eingeschränktem Maße auch die Sakramentsverwaltung zu übertragen. In der Phase nach 1945 bis 1972 dominierte das geschlechtshierarchische Moment. Bestimmte Rechte und der Zugang zu bestimmten Positionen wurden untersagt. Das Moment des "Anderen" sollte sich nach Meinung von Landesbischof Beste eher in übergemeindlichen Diensten äußern. Nach Auffassung der Theologinnen sollte es eher in experimentellen Formen bestehen, die zu einer Erneuerung des geistlichen Amtes beitragen sollten, demgegenüber sie das Pfarramt nur als eine Variante betrachteten.

Als sich die Unterscheidungen zwischen vollem männlichem Pfarramt, begrenzter ordinierter Gemeindearbeit von Frauen und eingeschränktem Dienst von eingesegneten Pfarrvikarinnen in der Praxis als immer untauglicher erwiesen, aber die Theologinnen weiterhin die Erfahrung machten, daß "anders" gleich "untergeordnet" und "abhängig" hieß, plädierten auch sie für eine unterschiedslose Ordination aller TheologInnen zum vollen Pfarramt. Als letztes geschlechtsspezifisches Kriterium zur Differenzierung der Amtsausübung blieb die Möglichkeit eingeschränkter Dienstverhältnisse, sowohl zeitlich als auch aufgaben- und statusmäßig, bei verheirateten Theologinnen.

Insgesamt wurde im Laufe der Diskussion deutlich, daß das Nachdenken über eine Entwicklung des Amtsverständnisses und die Struktur seiner Ausübung wesentlich war. Letztlich wurde am Gesamtzusammenhang öffentlicher Wortverkündigung, Sakramentsverwaltung und Gemeindeleitung gleich Ordination festgehalten, während das Kriterium des Geschlechts bzw. übergemeindlicher oder gemeindlicher Dienst als vernachlässigbar galt. Neu war die Vorstellung der zeitlichen Einschränkbarkeit. Ein Ruhen der Rechte aus der Ordination war vorher nur im Disziplinarfall


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vorgesehen. Am männlichen Amtsverständnis und der Art seiner Ausübung hat sich wenig geändert. Theologisch qualifizierte Frauen kommen teilweise heute noch abhängig von ihrer Lebensform ins volle Pfarramt. Die experimentellen Impulse, der Wunsch nach Freiräumen zur variablen und flexiblen Erprobung zeigten wenig Auswirkungen.

Die Rückkehr zur Gleichsetzung geistliches Amt gleich Pfarramt drückt sich z.B. in der bei der Klärung des dienst- und verfassungsrechtlichen Status von Teilbeschäftigten getroffenen Entscheidung aus, daß diese nur dann zum geistlichen Amt zu rechnen waren, wenn ihnen mindestens eine halbe Pfarrstelle übertragen war. Ein Ergebnis der Integration auch von ordinierten Frauen ins Amt ist die Möglichkeit, dieses in Teilzeit und Angestelltenstatus auszuüben. Bis 1990 blieb dies allerdings eine geschlechtsspezifische Möglichkeit.

Die Theologinnen selbst betonten als positive Aspekte des Amtes dessen Vielfalt und Variabilität, die Möglichkeit zur Selbstbestimmung und zum Einbringen eigener Ideen, sowie den intensiven Kontakt zu Menschen. Als negativ bewerteten sie die Verwaltungs- und Leitungsaufgaben, für die sie sich teilweise nicht kompetent fühlten, die fehlende Arbeitsteilung und einen fehlenden Teamgeist in den Gemeinden, das Rollenbild, vor allem die Älteren den Unterricht und viele die fehlende Trennung zwischen Privatleben und Beruf. Als Veränderungsmöglichkeiten schlugen sie vor, daß es mehr geregelte zusammenhängende Freizeit geben sollte, um so die eigene Lebensform bewußter zu gestalten. Sie wollten mehr Freiraum zum Experimentieren und wollten bestimmte Aufgaben wie Verwaltung, Finanzen oder Kirchenbau delegieren. Ihre Ausbildung wünschten sie sich praxisbezogener. Sie erhofften sich angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen eine stärkere Integration in den gesellschaftlichen Kontext. Sie verstanden sich als Koordinatorinnen, Seelsorgerinnen, Theologinnen oder auch als Künstlerin.

5.3.4. Das Kirchenverständnis und sein Niederschlag in kirchlichen Ordnungen sowie das Verhältnis von Kirchenrecht und kirchlicher Praxis

Aussagen über das Kirchenverständnis wurden in der mecklenburgischen Diskussion implizit dadurch getroffen, daß über Wege der Entscheidungsfindung für die Gestaltung der Theologinnenarbeit diskutiert wurde. Vor allem Synodalinnen, die die Erweiterung der Theologinnenarbeit befürworteten, und in ablehnender Weise Landesbischof Beste brachten das Kriterium der Akzeptanz der Theologinnenarbeit durch bestimmte beteiligte Gruppen in den beiden Phasen 1945 bis 1965 und 1965 bis 1972 ins Spiel. So galt die Akzeptanz durch Gemeindekirchenrat und Kollegen als Argument für eine Erweiterung der Theologinnenarbeit.

Die Gegner der Theologinnenarbeit betonten dagegen die entscheidende Relevanz des überkommenen Bekenntnisses und der Tradition von Luther über die Altprotestantische Orthodoxie bis zur Verpflichtung, das Bekenntnis zu bewahren. Dessen Veränderung liege nicht in der Entscheidungskompetenz der Landessynode.

Die BefürworterInnen der Theologinnenarbeit bewerteten auch die Möglichkeit zum sinnvollen Einsatz und zur besseren geistlichen Versorgung der Gemeinden als ekklesiologisches Kriterium, das für eine Erweiterung der Theologinnenarbeit sprach.

Beide Gruppen waren sich einig, daß das Bekenntnis zu wahren und nach ökumenischer Einheit zu streben war. Sie interpretierten jedoch diese Kriterien unterschiedlich. Das Bekenntnis war nach Auffassung der BefürworterInnen auch nach der Ermöglichung der Frauenordination im Kirchengesetz 1965 gewahrt, da CA VII lediglich die Ausübung von öffentlicher Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung als Kennzeichen für die rechte Ausübung des Amtes nennt, nicht aber das Geschlecht des Amtsträgers definiert. Die Gegner des Gesetzes reagierten auf die in ihren Augen durch die Frauenordination eingetretene Aufhebung des Bekenntnisses mit der Aufhebung der Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft, der Verweigerung von Dimissoriale sowie der Ablehnung der Teilnahme an Amtshandlungen und Gottesdiensten von Pastorinnen. Die Landessynode wiederum sah nicht die Übereinstimmung aller Beteiligten in allen exegetischen und dogmatischen Fragen als Voraussetzung für eine Entscheidungsfindung an.

Hinsichtlich des Kirchenrechts vertrat Landesbischof Beste im Unterschied zu Landessuperintendent Dr. Steinbrecher in den 50er und 60er Jahren die Auffassung, daß die Kirche ein in keiner Weise eingeschränktes Recht zur selbständigen Regelung ihrer kirchlichen Verhältnisse habe. Landessuperintendent Steinbrecher forderte dagegen die Übereinstimmung mit dem staatlichen Verfassungsrecht ein, sofern nicht theologische oder kirchliche Gründe dagegen stünden. Unterschiedliche Auffassungen waren auch in dieser entscheidenden Phase Ende der 50er bis Anfang der 70er Jahre hinsichtlich des Verhältnisses von kirchlicher Praxis und kirchlichem Recht feststellbar.


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Nach Auffassung der Theologinnen, einiger Synodaler und Landessuperintendenten sowie der MPK sollte die inoffizielle Praxis, vor allem der pastoralen Gemeindearbeit durch Theologinnen zur Folge haben, daß das Kirchenrecht geändert wurde und den Theologinnen öffentliche Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung, später auch Ordination und Gemeindeleitung übertragen wurden. Landesbischof Beste lehnte eine Orientierung des Rechts an der Praxis dagegen lange Zeit ab.

Diese Auffassung kritisierte angesichts ihrer Konsequenzen in Form von "Schuld, Problemen, Nöten, Schwierigkeiten" 1964 OKR Gasse und optierte für eine Gestaltung des Rechts in Übereinstimmung mit der Praxis. Auch die Entscheidung der Landessynode für das Theologinnengesetz 1972 wurde mit der Aufhebung der Differenz zwischen Recht und Praxis begründet.

Eine Variante zum Verhältnis kirchlicher Arbeit und kirchlicher Praxis stellte die teilweise auch von Landesbischof Beste vertretene Position dar, die in unterschiedlicher Form in den Theologinnengesetzen 1965 bzw. 1972 Berücksichtigung fand. Demnach sollte der rechtliche Rahmen so gestaltet werden, daß er Möglichkeiten zu Einzelfallentscheidungen über die jeweilige Praxis einer Theologin entsprechend ihrer persönlichen Qualifikation und den Anforderungen der jeweiligen Stelle offen ließ.

Eine weitere Variante hinsichtlich des Umgangs mit kirchenrechtlichen Bestimmungen trat Mitte der 60er Jahre im Vorfeld der Entscheidung für das Kirchengesetz 1965 und dessen Begründung auf. Während der Vorsitzende des synodalen Theologinnenausschusses, Dr. Rathke, und die Theologinnen ein prozeßhaftes Gestalten rechtlicher Regelungen im Sinne von erfahrungsbezogenem Experimentieren für möglich hielten und einen Spielraum anstrebten für möglichst flexible und variable Regelungen, der Raum für weitere Entwicklungen lassen sollte, wie es auch die Präambel des Kirchengesetzes 1965 ankündigte, lehnten die Gegner der Gesetze eine solche Verfahrensweise ab. Eine vorläufige Einführung und eventuelle Rücknahme sei bei einer solch weitgehenden Entscheidung nicht statthaft.

5.3.5. Ökumeneverständnis

Die Frage nach der Bedeutung einer Einführung der Frauenordination für die ökumenische Einheit wurde vor allem Anfang der 60er Jahre in Mecklenburg diskutiert, als es um die Einführung des ordinierten Amtes für Theologinnen als einer Möglichkeit unter mehreren ging. Synodale, Landesbischof Beste, Predigerseminarrektor Lippold und Vertreter des Oberkirchenrats sahen in der Entscheidung für die Frauenordination eine Gefahr für die Einheit der Kirche, da in nahezu allen anderen Kontinenten und Konfessionen diese nicht anerkannt wurde. Gleichzeitig wiesen aber andere SynodalInnen darauf hin, daß in vielen Kirchen eine Entwicklung im Gang sei, etwas Neues zu wagen. In ihrer Antwort auf die Gegner der Frauenordination argumentierte 1965/66 die Synodenpräsidentin Lewerenz, daß laut CA VII für die gegenseitige Anerkennung als Kirchen die jeweilige Ausübung von öffentlicher Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung und nicht die gemeinsame Form der Amtsausübung für die ökumenische Einheit ausschlaggebend sei.

Die Theologinnen selbst äußerten in den Interviews, daß für sie zum Teil die ökumenische Kooperation selbstverständlich war, z.B. bei konfessionsverschiedenen Ehen oder bei Zusammenarbeit mit katholischen Kollegen in ökumenischen Gemeindezentren von Neubausiedlungen. Andere berichteten über geringe Kontakte bzw. abhängig von der Person des katholischen Geistlichen schwierige Beziehungen. Teilweise machten sie im internationalen Rahmen ökumenische Erfahrungen mit Partnergemeinden oder Entwicklungshilfeprojekten. Zu den offiziellen Weltökumeneorganisationen des LWB und ÖRK hatten nur wenige von ihnen Kontakt.

Die Bedeutung der Ökumene lag für sie zum einen in ihrem Interesse z.B. für die niederländisch-reformierte oder die orthodoxe Kirche, in der Reflexion über den Umgang mit Resourcen und über die weltweite Dimension des Glaubens. Zur Zeit der DDR ermöglichten die ökumenischen Kontakte ihnen eine Horizonterweiterung, auch im Sinne einer Relativierung der Orientierung an den Westdeutschen. So war ihnen auch die Schärfung ihres Wahrnehmungsvermögens für Fremde und Andere wichtig an der Ökumene. Den Weltgebetstag der Frauen bewerteten nahezu alle positiv als Möglichkeit, Informationen über Leben und Glauben anderer Frauen zu erhalten. Von der ökumenischen Frauendekade hatten dagegen nur wenige Kenntnis. Eine entsprechende Aktion zu deren Bekanntmachung und Realisierung in der ELLM war infolge der Ereignisse des politischen Umbruchs im Herbst 1989 im Planungsstadium steckengeblieben.

5.3.6. Sozialethische Reflexionen

Explizite sozialethische, kontextuelle Reflexionen fanden sich in den mir zugänglichen Quellen kaum. In der Weimarer Republik wurde die Differenz zur Frauensituation im Urchristentum bedacht und daß


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die neue gesellschaftliche Situation auch die Kirche zu einem neuen Handeln herausfordere. Anfang der 60er Jahre standen sich in der sozialethischen Beurteilung der gesellschaftlichen Veränderungen und der darauf von der Kirche zu beziehenden Position zwei Haltungen gegenüber. Die eine, vor allem von den Gegnern der Frauenordination vertretende Position bezeichnete die gesellschaftliche Situation als Säkularismus und Hemmungslosigkeit, die ein Verhängnis für die Kirche darstelle. Der Einbruch liberaler Tendenzen in die Kirche und die gesellschaftliche Situation stellten in deren Augen einen permanenten Status confessionis dar.

Die Mehrheit der Synodalen sah hingegen in der gesellschaftlichen Entwicklung einen Anstoß, daß auch die Kirche zu neuen Entscheidungen und Handlungsformen komme. Sie hielten in der Prämabel des Kirchengesetzes 1965 fest, daß die "nunmehrige" Entwicklung zu anderen Formen kirchlicher Arbeit führe als die kirchlichen Traditionen in den vergangenen Jahrhunderten. Die Landessynodenpräsidentin erwiderte 1965/66 den Gegnern der Frauenordination, daß auch im Nationalsozialismus angesichts des Arierpragraphen neue eigene Entscheidungen gefordert gewesen seien. Landesbischof Rathke sah Anfang der 70er Jahre die Chance zu einer erhöhten kirchlichen Selbständigkeit durch die Ablösung von der aus anderen historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen stammenden Gestaltung des Pfarrerdienstverhältnisses nach dem Beamtenrecht von 1935. Allerdings sah er die Bindung durch die nächste, noch engere Form, die Integration der verheirateten Theologinnen in das staatliche Angestelltenrecht vor.

5.3.7. Konfessionsspezifische Akzente

Als konfessionsspezifische Akzente in der mecklenburgischen Diskussion über die Theologinnenarbeit ist das in den 50er und 60er Jahren die Entscheidungsfindung prägende Bemühen um ein gemeinsames Vorgehen innerhalb der lutherischen Kirchen in Deutschland, ab Ende der 60er Jahre vor allem auch mit den anderen VELK-DDR Kirchen Thüringen und Sachsen anzusehen. Damit sollte die Einheit der Kirche wenigstens in der Konfessionsgemeinschaft gewahrt werden. Um solche gemeinsamen Regelungen anzustreben, stellte Mecklenburg mehrmals eigene, in der Diskussion errungene Ergebnisse zurück. Damit versuchten Landesbischof Beste und der OKR Spielraum und zeitlichen Aufschub zu bekommen, um auch innerhalb Mecklenburgs ihnen genehmere Gestaltungsformen der Theologinnenarbeit zu erreichen. In den Kirchengesetzen 1954 und 1965 äußerte die mecklenburgische Landessynode wiederum ihre Bereitschaft zur Suche nach gemeinsamen Regelungen innerhalb der VELKD. Sie traf jedoch eigene Entscheidungen, die eine Erweiterung der Theologinnenarbeit deutlich über das in der VELKD Vorgesehene einschlossen. Das Bemühen um gemeinsame Regelungen von Seiten des mecklenburgischen Landesbischofs Beste betraf sowohl entscheidende Aspekte wie Übertragung von Sakramentsverwaltung und Ordination, bezog sich aber auch auf Details wie Besoldung, Amtskleid und Ausbildung. Auf dem Gebiet der Ausbildung von Vikarinnen gab es zwischen 1957 und 1969 - ungeachtet der unterschiedlichen Ausbildungsformen und vorgesehenen Arbeitsformen in den drei lutherischen Kirchen der DDR - eine praktische Zusammenarbeit in der Theologinnenfrage, in der auch konfessionsspezifische Fragestellungen und Inhalte zur Sprache kamen. Auch bei den theologischen Reflexionen in den Ausschüssen, die sich mit der Theologinnensituation beschäftigten, entwickelten vor allem die lutherischen Bischöfen und Vertreter aus dem lutherischen Bereich der DDR Konzeptionen.

Das Kirchengesetz von 1965 begründete die Möglichkeit der Frauenordination unter Hinweis auf die historisch-kritische Reflexion der lutherischen Tradition. So habe auch Luther im Notfall Frauen an der Verkündigung teilhaben lassen. Das von dem Gedanken der Inferiorität bestimmte Frauenbild in der APO könne heute nicht mehr maßgeblich sein. Als spezifisch lutherisch-konfessionelle Charakteristik in der Amtsfrage sehe CA VII die Ausübung von öffentlicher Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung vor, während alle anderen Aspekte je nach Situation zu gestalten seien. Letztlich wurde auch die Zusammengehörigkeit von Wort und Sakramentsverwaltung und deren bereits stattfindende Verknüpfung in der Praxis als Herausforderung angesehen, die Theologinnen zu ordinieren.

Die mecklenburgischen Theologinnen antworteten auf die Frage nach der Relevanz des lutherischen Propriums für ihre Amtsausübung, indem sie positive und negative Aspekte auf der theologischen Ebene benannten. Positiv an der lutherischen Theologie fanden sie die Hervorhebung der Rechtfertigung aus Gnade und nicht aufgrund eigener Leistung, die Betonung des Wortes Gottes, das Sakramentsverständnis, Luthers Engagement für eine Reform von Kirche und Theologie sowie die Konzeption der Kirche als Priestertum aller Gläubigen. Negativ beurteilte eine von ihnen die lutherische Abendmahlslehre und das hierarchische Amtsverständnis und Amtsgehabe gegenüber Gemeindegliedern, das ihrer Mienung nach dem lutherischen Kirchenverständnis entgegenstand. An der kirchlichen Praxis der lutherischen Kirchen kritisierten sie deren konservative und moralisierende Auffassungen, die wenig zu politischem und gesellschaftlichem Engagement ermutigten. Eine


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Theologin sah die unierte Liturgie als kommunikativer an. Mehrere Theologinnen beklagten vor allem den starren Konfessionalismus zu Zeiten Bischof Bestes und daß in der Praxis wenig Befreiung spürbar sei. Vor allem jüngere Theologinnen betonten, daß die konfessionelle Identität für sie keine Relevanz habe. So sei z.B. die Frauenordination in der reformierten Kirche früher eingeführt worden. In der katholischen Kirche werde sie noch später Realität werden.
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