Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

TEIL D: Die Theologinnenarbeit in der Evangelischen Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB)

Kapitel 1. Vorbemerkungen

Die Diskussion um die Theologinnenarbeit begann in der IECLB erst Ende der 60er Jahre aufgrund des Theologiestudiums der ersten Frauen mit dem pastoralen Berufsziel an der kirchlichen Hochschule der IECLB in São Leopoldo, wo nahezu der gesamte Nachwuchs für den Pfarrberuf in der IECLB ausgebildet wird.<1101>Die Einführungen in den sozioökonomischen Kontext von Frauen in Brasilien und in die kirchengeschichtliche Entwicklung der IECLB geben einige Hinweise, warum erst zu diesem relativ späten Zeitpunkt eine Auseinandersetzung mit der Theologinnenarbeit begann. Im Unterschied zur Entwicklung der pastoralen Praxis von Theologinnen, z.B. in den lutherischen Kirchen Bayerns und Mecklenburgs, wurden in der IECLB keine geschlechtsspezifischen kirchenrechtlichen Regelungen in Form spezieller Theologinnengesetze beschlossen, die eine Einschränkung der pastoralen Praxis von Theologinnen bewirkt hätten. Umgekehrt trug die Praxis der Theologinnen mit dazu bei, daß in den 80er Jahren neue Formen des Pastorats in der IECLB auch kirchenrechtliche Gestalt gewannen.

Grundsätzlich läßt sich die Entwicklung der Theologinnenarbeit in der IECLB bis Ende 1990 in drei Phasen einteilen, die sich teilweise überschneiden. So war die erste Phase davon geprägt, daß die ersten Studentinnen Zugang zum Theologiestudium an der kirchlichen Hochschule in São Leopoldo bekamen, dieses mit dem kirchlichen Examen abschlossen und ab Mitte der 70er Jahre durchsetzten, daß sie ein Gemeindepfarramt übernehmen konnnten. Die zweite Phase der Entwicklung der Theologinnenarbeit von Ende der 70er bis Mitte der 80er Jahre war dadurch charakterisiert, daß die Theologinnen mit ihren männlichen Kollegen aufgrund der befreiungstheologischen Option in alternative Arbeitsfelder außerhalb der traditionellen IECLB-Gemeinden gehen wollten, um dort mit Marginalisierten unabhängig von deren konfessioneller Identität zu arbeiten. Ein Schritt zur Anerkennung solcher Arbeitsverhältnisse war 1983 ein Beschluß der IECLB, der die Möglichkeit von "neuen Formen des Pastorats" eröffnete. In der dritten Phase, vor allem in der zweiten Hälfte der 80er Jahre, suchten die Theologinnen nach feministisch-befreiungstheologischen Konzeptionen für die pastorale Arbeit mit Frauen in ihrem Arbeitskontext, sei es in missionarischen Arbeitsfeldern, in traditionellen Gemeinden oder in Zusammenarbeit mit Gruppen der Frauenhilfe OASE. Charakteristisch für diese Phase war auch ihr starkes Bemühen um ökumenische Vernetzungen.

Der dritte Abschnitt dieses Kapitels stellt die Ergebnisse der Befragungen von 20 brasilianischen Theologinnen hinsichtlich ihrer subjektiven Erfahrungen und Konzeptionen im Blick auf die pastorale Arbeit dar, bevor in einem letzten Abschnitt eine Zusammenfassung und Auswertung der Kontextualität der Theologinnenarbeit in der IECLB erfolgt. Dabei werden auch einzelne Ergebnisse einer zeitlich parallel durchgeführten Studie zur Ausbildungssituation der Theologinnen in der IECLB einbezogen.<1102>

Als Quellen für die Darstellung des sozioökonomischen und des kirchengeschichtlichen Kontextes standen mehrere neue Untersuchungen auf deutscher und brasilianischer Seite zur Verfügung. Für die Rekonstruktion der geschichtlichen Entwicklung der Theologinnenarbeit in der IECLB standen, anders als für den mecklenburgischen und den bayerischen Teil, keine schriftlichen Quellen aus kirchlichen Archiven zur Verfügung, da die IECLB über eine solche öffentlich zugängliche und benutzbare Einrichtung zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Arbeit nicht verfügte.

Die angegebenen schriftlichen Quellen entstammen zum großen Teil einer von der Frauengruppe an der kirchlichen Hochschule in São Leopoldo angelegten, in der dortigen Bibliothek zugänglichen Sammlung. Außerdem wurde mir freundlicherweise in die Immatrikulations- und Kuratoriumsakten der kirchlichen Hochschule Einsichtnahme gewährt. Weitere schriftliche Quellen überließen mir einzelne Theologinnen aus ihren privaten Sammlungen, inklusive einiger Pró-Ministério-Arbeiten als Zulassungsarbeiten zum zweiten kirchlichen Examen, die mir Einblick in Konzepte der pastoralen Arbeit der Theologinnen gaben.

Über die Anfänge der Theologinnenarbeit in der IECLB vermittelte ein Beitrag der IECLB-Pastorin Haidi Jarschel erste Erkenntnisse. Als eine wichtige und ergiebige Quelle für die kirchenöffentliche


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Einschätzung der Theologinnenarbeit im Verlauf ihrer geschichtlichen Entwicklung erwies sich die Kirchenzeitung der IECLB, das Jornal Evangélico. Sie publizierte immer wieder umfassende Reportagen über die Theologinnenpraxis inklusive deren Bewertung auf kirchenleitender Ebene. Auch die Veröffentlichungen in anderen Medien, sei es in den großen Wochenmagazinen Brasiliens oder in den Dokumentationen über Theologinnentreffen lieferten interessante Einblicke aus verschiedenen Perspektiven. Um die Zusammenhänge zwischen diesen Quellen zu klären, hatten insbesondere für die Darstellung des Teils über die Entwicklung in der IECLB die mündlichen Quellen in Form gezielter ExpertInnengespräche mit TheologInnen und weiteren an der Entwicklung der Theologinnenarbeit beteiligten Personen, wie z.B. dem Mitte der 70er Jahre wirkenden Pastor presidente der IECLB, Pastor Gottschald, und dem 1989 als Personalreferenten der IECLB tätigen Pastor Hasenack große Bedeutung.

Fußnoten:

<1101>

FISCHER, Faculdade, S. 18-32, beschreibt den Weg der kirchlichen Hochschule von der “Theologischen Schule“ (1946-1957) zur Theologischen Fakultät (1958-1984) und schließlich zur Theologischen Hochschule (ab 1985). Diese bietet nun Ausbildungsgänge für das pastorale und katechetische Amt sowie Promotionsstudiengänge an.

<1102>

Vgl. JARSCHEL/ALTMANN, Perfil.


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Wed Jul 5 17:32:57 2000