Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

Teil E: Resümee - Die Kontextualität der Theologinnenarbeit

Kapitel 1. Vorbemerkungen

Die Untersuchung der historischen Entwicklung der Theologinnenarbeit in den drei lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens sowie der subjektiven Reflexionen der Theologinnenpraxis, wie sie die Auswertung der Interviews mit Theologinnen aus den drei Kirchen präsentierte, machen deutlich, daß sowohl theologische Aspekte und spezifische Faktoren des jeweiligen sozioökonomischen und kirchlich-institutionellen Kontextes als auch subjektive Einschätzungen einzelner Beteiligter die Entwicklung der Theologinnenarbeit beeinflußten. Die Art der Quellen, wie z.B. Synodenprotokolle, kirchliche Stellungnahmen, Ausschußberichte, Gesetzestexte und die mündlichen Berichte in den Interviews, brachte es mit sich, daß bestimmte Sprach- und Denkformen vorherrschten, die in der Regel auf theologische Reflexionsformen und Einsichten aus dem theologischen Diskurs der jeweiligen Zeit bzw. vorheriger Phasen zurückgriffen. Insgesamt hat sich im Laufe der Diskussion über die Theologinnenarbeit bei der Mehrheit der an dieser Diskussion in kirchlichen Entscheidungsgremien Beteiligten die Einsicht von der theologischen Verantwortbarkeit der Frauenordination durchgesetzt. Dies ist meines Erachtens mit auf eine Veränderung des sozialethischen, des hermeneutischen, des ekklesiologischen und des ökumenisch-theologischen Diskurses in den reformatorischen Kirchen zurückzuführen. So ist die sich mehr und mehr ausbreitende Befürwortung der Frauenordination in den verschiedenen Kirchen nicht als modische Anpassung an den Zeitgeist<1334> oder als Notmaßnahme angesichts von Pfarrermangel<1335> zu verstehen, sondern als Konsequenz einer breiten Akzeptanz neuer theologischer Einsichten. Diese wurden inspiriert von biblischen Impulsen und reformatorischen Erkenntnissen. Sie geben Anstöße für eine Weiterführung des interkonfessionellen ökumenischen Dialogs über die Frage der Ordination theologisch gebildeter Frauen zum geistlichen Amt der Kirche.

Das Resümee der bei der Untersuchung der Entwicklung der Theologinnenarbeit in den drei Kirchen gewonnenen Ergebnisse für die Reflexion der Kontextualität der Theologinnenarbeit differenziere ich hinsichtlich der drei Aspekte der sozioökonomischen, der kirchlich-institutionellen und der ökumenisch-theologischen Kontextualität.

Jedes dieser drei Kapitel beginnt mit einem Vergleich der realen Einwirkungen bestimmter Faktoren auf die Theologinnenarbeit in den drei Kirchen. Dabei nehme ich auch Bezug auf die in der Literatur über die Entwicklung der Theologinnenarbeit angetroffenen Thesen.<1336> An diesen Vergleich schließt sich eine Darstellung der jeweiligen kontextspezifischen und gemeinsamen Aspekte an. In einem dritten Schritt werden die systematisch-theologischen Aspekte aufgegriffen und unter Rückgriff auf biblische, reformatorische und aktuelle theologische Ansätze reflektiert sowie Konsequenzen für die kirchliche und theologische Praxis aufgezeigt. Damit soll deutlich werden, daß die Entwicklung der Theologinnenarbeit in den reformatorischen Kirchen hin zur Frauenordination eine theologisch reflektierte Entscheidung darstellt, die Impulse auch für den ökumenisch-interkonfessionellen Dialog über die Frauenordination gibt.


Fußnoten:

<1334>

So lautete oft der Vorwurf der Gegner der Frauenordination in den verschiedenen Konfessionen.

<1335>

Diese Auffassung findet sich sogar noch in einem pastoraltheologischen Werk, das Ende der 80er Jahre erschienen ist, nämlich bei JOSUTTIS, Traum, in seinem Kapitel "Die Brüder (und Schwestern)“. Dort heißt es auf S. 161ff.: "Die Zulassung von Frauen zum protestantischen Pfarramt ist ja keineswegs das Ergebnis theologischer Einsicht gewesen, sondern verdankt sich den Zwängen gesellschaftlicher Entwicklung. Frauen wurde in diesem Jahrhundert das Recht der Kanzelverkündigung eingeräumt, weil die Männer wegen ihres Einsatzes im Krieg oder durch die Lage auf dem Arbeitsmarkt nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung standen. (...) Es bleibt abzuwarten, was in den Gemeinden geschieht, wenn die ’Zeiten der Not‘ sich verändern, wenn auch in der Kirche nicht ein Mangel, sondern ein Überschuß an männlichen und weiblichen Arbeitskräften vorhanden ist und wenn eine wirkliche Wahl zwischen männlichen und weiblichen Bewerbern möglich wird. (...) Soziologische und religiöse Gesichtspunkte bilden an dieser Stelle ein scheinbar unentwirrbares Knäuel.“

<1336>

Vgl. dazu die Zusammenfassung des Überblicks der Literatur über die Theologinnenarbeit in Teil A, 2.7.


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Wed Jul 5 17:32:57 2000