Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

Thesen zur Dissertation

Kapitel 2. Die Reflexion der Theologinnenarbeit in der theologischen Literatur

1.1. Erste Überlegungen zur Theologinnenarbeit wurden in der deutschen Theologie seit der Jahrhundertwende angestellt. Liberale Theologen traten für ein eigenständiges innovatives Frauenamt parallel zum geistlichen Amt des Mannes ein, das diesen entlasten sollte. Lutherisch-konfessionelle Theologen lehnten eine Partizipation von Frauen am geistlichen Amt ab, indem sie auf die Gültigkeit der göttlichen Schöpfungsordnung, auf das paulinische Schweigegebot, auf einzelne Äußerungen Luthers sowie auf die weibliche Psyche verwiesen. Auch die Theologinnen selbst vertraten unterschiedliche Positionen. Die Mehrheit wollte ein geschlechtsspezifisches, dem männlichen Pfarramt untergeordnetes Amt akzeptieren, das Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung einschließen sollte. Eine Minderheit sah keine theologischen Begründungen dafür, die Ausübung des Pfarrberufs durch Theologinnen einzuschränken. Zur Zeit des Nationalsozialismus bejahte die DEK eine Kriegsstellvertretung eingezogener Pfarrer durch Theologinnen, während die BK sich 1942 nach der Auseinandersetzung mit verschiedenen Positionen für ein geschlechtsspezifisches Amt sui generis entschied.

1.2. In der Nachkriegszeit plädierte die Mehrheit der Theologinnen in Deutschland zunächst für ein geschlechtsspezifisches Konzept, das durch die Aspekte erfinderische Liebe, Flexibilität sowie eine stellvertretend-solidarische Existenz gegenüber der Gemeinde charakterisiert sein sollte. Peter Brunner entwickelte aus seiner Konstruktion einer Kephaleordnung Gott-Christus-Mann-Frau ein Gegenüber von männlichem Hirtenamt und weiblichem Hilfsdienst in der Gemeinde. Dietzfelbinger interpretierte dies christologisch, indem er an Jesu Dienst der Fußwaschung und bei Tisch erinnerte. Andere Theologen, z.B. Wendland, sahen dagegen in den gesellschaftlichen Demokratisierungsprozessen eine Herausforderung zur theologischen Reflexion des Geschlechterverhältnisses, analog zu den Impulsen, die von der Sklavenbefreiungsbewegung ausgegangen waren. Sie erinnerten an reformatorische Überzeugungen, z.B. die Prüfung der Tradition an Schrift und Bekenntnis, das Priestertum aller Gläubigen, die Bedingungen für die kirchliche Einheit nach CA VII und die Leitung der Kirche durch den Geist. Sie sahen in der Diskussion über die Theologinnenarbeit eine Chance zur Resonanz auf die Gleichbegnadung von Mann und Frau in Christus sowie eine Herausforderung zur christologisch begründeten Neugestaltung kirchlicher Strukturen. Sie warnten davor, daß eine Verweigerung gegenüber der Frauenordination um einer Übereinstimmung willen mit den anderen beiden Großkirchen und entgegen der eigenen theologischen Grundlagen sich als Hindernis für die Ausbreitung des Evangeliums durch die reformatorischen Kirchen erweisen könnte.

1.3. Seit ihrer weitgehenden rechtlichen Gleichstellung mit den männlichen Amtsbrüdern suchen viele Theologinnen nach Möglichkeiten, nicht zuletzt aufgrund von Impulsen der feministischen Theologie, innovativ auf Theologie und Kirche einzuwirken. Sie streben nach partnerschaftlicher Kooperation zwischen Amt und Gemeinde und plädieren für ein neues Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben. Mit


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anderen Frauen in Kirche und Gesellschaft suchen sie nach neuen Formen kirchlicher Frauenarbeit sowie nach einem eindeutigen sozialen, politischen und ökumenischen Engagement. Sie hoffen auf eine Erneuerung der theologischen, liturgischen und kirchenrechtlichen Denk- und Sprachformen.

1.4. Historisch-systematische Reflexionen brachten verschiedene Aspekte zur Sprache, die in jeweils unterschiedlich beurteiltem Maße zur Entwicklung der Theologinnenarbeit beigetragen haben, z.B. die Praxis von Theologinnen als Schrittmacher für die theologische Diskussion (Senghaas-Knobloch), den Pfarrermangel und die Neubesinnung auf die lutherische Anthropologie, Ekklesiologie und Hermeneutik (Bertinetti, Reichle, Globig), die Bedeutung einer geschlechtsspezifischen pastoralen Identität (Wagner-Rau), die Suche nach Freiräumen durch partielle subjektive Überschreitungen von Geschlechterstereotypen (Hummerich-Diezun, Bieler), die Kritik der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung (Enzner-Probst), die Analyse kirchlicher Institutionalisierungsprozesse und ihrer gesellschaftlichen Analogien (Field-Bibb).

1.5. Die ökumenische Diskussion im Rahmen des ÖRK machte in den 60er Jahren die ablehnende Haltung gegenüber der Frauenordination auf seiten der anglikanischen und der orthodoxen Kirchen aufgrund deren konfessioneller Überzeugungen und kirchlicher Tradition deutlich. Als Kriterien für die weitere ökumenische Diskussion wurden die Gleichheit von Mann und Frau in Christus, die Suche nach einer wahren Erneuerung von Kirche und Welt, die Interpretation biblischer Aussagen im biblischen Gesamtzusammenhang, im historischen Entstehungskontext und im eschatologischen Horizont formuliert. Aufgabe der Kirche sei es, den Leib Christi zu erbauen. 1980 machte eine Analyse des ÖRK auf die fortbestehenden Differenzen in anthropologischer, ekklesiologischer und sozialethischer Hinsicht aufmerksam. In der Diskussion über die Frauenordination sieht der ÖRK eine Chance, die Trennung am Tisch des Herrn aufzuheben und die Vielfalt der Amtstraditionen neu zu bedenken.

1.6. Eine Untersuchung des LWB aus dem Jahre 1980 stellte eine Akzeptanz der Frauenordination in der Hälfte der LWB-Mitgliedskirchen fest. Sie machte auf die besondere Bedeutung der kirchlich-institutionellen Strukturen bei der Entscheidungsfindung aufmerksam, z.B. die Abhängigkeit von lokaler oder episkopaler Akzeptanz, die Zölibatsforderung, die Zuweisung geschlechtsspezifischer Arbeitsfelder und die Ablehnung von Frauen für Leitungsämter. Als Ziel des Engagements des LWB formulierte 1990 die Vollversammlung des LWB in Curitiba, daß in allen Mitgliedskirchen Frauen der Weg zum ordinierten Amt offenstehen solle.


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Wed Jul 5 17:32:57 2000