Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

Thesen zur Dissertation

Kapitel 3. Die Entwicklung der Theologinnenarbeit in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKiB)

2.1. Der sozioökonomische Kontext war in der Weimarer Republik durch eine Verbesserung der Bildungswege und durch qualifizierte Berufsmöglichkeiten für Frauen sowie durch den Grundsatz der rechtlichen Gleichheit der Geschlechter geprägt. Im Nationalsozialismus wurde die Arbeitskraft von Frauen in rassistisch differenzierter Weise genutzt. Nach 1945 entstanden in der Bundesrepublik als frauenspezifische Arbeitsformen zunächst die Teilzeitarbeit und in den 80er Jahren flexible ungeschützte Arbeitsplätze. Ein weitgehend geschlechtsunspezifisches Recht und eine weiterhin geschlechtshierarchische Arbeitsteilung in der Praxis prägen die Gegenwart.

2.2. Der kirchliche Kontext war von einer lutherischen Konfessionalisierung und der Tendenz zur eigenständigen institutionellen Konstitutierung im 19. Jahrhundert bestimmt. Letztere setzte sich in der neuen staatskirchenrechtlichen Situation nach 1918 fort. Im Nationalsozialismus wurde gegen NS-Gleichschaltungsversuche eine "intakte Kirche" aufrechterhalten. Nach 1945 erfolgte der Wiederaufbau einer lutherischen Volkskirche. Ab Mitte der 70er Jahre setzte die ELKiB innovative Akzente, z.B. hinsichtlich der Personalstruktur, der Beteiligung von Frauen und der ökumenischen Beziehungen.

2.3. Die geschichtliche Entwicklung der Theologinnenarbeit in der ELKiB begann mit der Teilnahme von Theologinnen an kirchlichen Examina in den 20er Jahren. Mitte der 30er Jahre gründeten sie den bayerischen Theologinnenkonvent. 1938 erstellten sie gemeinsam die Denkschrift "Das Amt der Theologin". Erst 1944 wurde das bayerische Vikarinnengesetz verabschiedet. Bis dahin arbeiteten die Theologinnen in individuell organisierten Anstellungsverhältnissen.

2.4. Nach der Novellierung des Vikarinnengesetzes 1954 setzten sich die Theologinnen und Landesbischof Meiser in den 50er und 60er Jahren damit auseinander, ob und wie ein geschlechtsspezifisches Amt sui generis zu gestalten sei. Die Theologinnen strebten vor allem eine Übertragung der Sakramentsverwaltung an. Der bayerische Landeskirchenrat lehnte die Impulse zur Gleichstellung der Theologinnen im Rahmen der VELKD und der EKD ab. Entscheidend für die Weiterentwicklung des Theologinnenrechts in Bayern war das intensive und kontinuierliche Engagement der Landessynode, der kirchenreformerischen Gruppierungen sowie des Theologinnenkonvents.


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2.5. Die Entscheidung der Theologinnen und der Mehrheit der SynodalInnen für die Frauenordination in der ELKiB im Jahre 1975 geschah im Dissens zum bayerischen Landesbischof, der seine Amtszeit daraufhin vorzeitig beendete. Die theologische Auseinandersetzung führten vor allem die synodalen Arbeitsgruppen, in denen sich jeweils BefürworterInnen bzw. Gegner der Frauenordination zusammenfanden. Dem Gewissensschutz der Gegner sollte der Vetoparagraph dienen, der einem Pfarrkollegen bzw. der Mehrheit des Kirchenvorstandes einen Einspruch gegen die Bewerbung einer Pfarrerin zugestand.

2.6. In den Jahren 1975 bis 1990 wurden flexible und partnerschaftliche pastorale Anstellungsformen für Männer und Frauen gesucht und mit Hilfe des Erprobungsgesetzes in die Praxis umgesetzt. Geschlechtsspezifische Regelungen wurden hinsichtlich des Erziehungsurlaubs und der Weitergeltung des Vetoparagraphen diskutiert. Durch den sogenannten 100%-Beschluß kam es zur verordneten Einschränkung des Dienstverhältnisses verheirateter Theologinnen mit erwerbstätigem Ehepartner. Die Ordination für den ehrenamtlichen Dienst wurde eingeführt. Der Theologinnenkonvent setzte sich mit anderen kirchlichen Gruppierungen für eine Verbesserung der kirchlichen Arbeitsbedingungen insbesondere für Frauen ein.

2.7. Der durch die Frauenbewegung erkämpfte Zugang zur akademischen Bildung von Frauen war die Voraussetzung für die Existenz akademisch gebildeter Theologinnen. Auch in anderer Hinsicht orientierte sich die ELKiB an der gesellschaftlichen Entwicklung der Frauenarbeit, teilweise mit Verzögerungen oder unter Beibehaltung geschlechtsspezifischer Regelungen über die Phase deren staatlicher Geltung hinaus, z.B. hinsichtlich der Zölibatsregelung und der Besoldungsreduzierung. Die Beschränkung des Anstellungsverhältnisses eines TheologInnenehepaares auf den Umfang einer Stelle, die Gewährung des Erziehungsurlaubs unter bestimmten Bedingungen sowie die - wenn auch inzwischen limitierte - Ablehnung der Bewerbungsmöglichkeit von Pfarrerinnen auf bestimmte Stellen mit Hilfe des Vetoparagraphen sind solche bis heute rechtlich möglichen Diskriminierungen, die in Widerspruch zum Gleichheitsgebot des Grundgesetzes stehen. Allerdings stimmen sie teilweise mit der gesellschaftlichen Bewertung von Frauenarbeit überein. Durch ihre Ausbildung, die Tradition des Berufsstandes und die Besoldung gehören die bayerischen Theologinnen der bürgerlichen Mittelschicht an. Sie haben in ihrer Arbeit vor allem mit einheimischen Frauen verschiedener Altersstufen, Arbeits- und Lebensformen zu tun.

2.8. Als förderlich für die Entwicklung der Theologinnenarbeit auf der kirchlich-institutionellen Ebene der ELKiB erwies sich die Vielzahl der Beteiligten an der Diskussion und Entscheidungsfindung. Einen entscheidenden Part hatte der bayerische Theologinnenkonvent als offizieller Ansprechpartner, der kollektiv jeweils weiterführende Konzeptionen der Theologinnenarbeit entwickelte und sie theologisch reflektierte. Die LaiInnen in der Landessynode mit ihrer Reflexion über die Relevanz gesellschaftlicher Veränderungen für die Kirche und die kirchenreformerischen Gruppen und Institutionen, die die theologischen Argumente in die Öffentlichkeit brachten, bewirkten weiterführende Schritte auf dem Weg zur vollen Partizipation von Frauen am geistlichen Amt in der ELKiB. Die ausschließlich von Männern und die insbesondere von Theologen besetzten kirchenleitenden Organe Landesbischof und Landeskirchenrat wirkten sich lange Zeit eher hinderlich für die Entwicklung der Theologinnenarbeit aus. Sie wollten das traditionelle Pfarrerberufsbild und die Nähe zu den anderen Konfessionen wahren. Der demokratische staatskirchenrechtliche Kontext der Weimarer Republik und dann der Bundesrepublik erwies sich für die Entwicklung der Theologinnenarbeit in Bayern als förderlich.

2.9. Die theologischen Aspekte der Theologinnenarbeit wurden vor allem im Rückgriff auf Schrift und Bekenntnis geklärt, die als Entscheidungshilfen für die aktuelle Situation befragt wurden.

Zu innovativen Erkenntnissen kam es vor allem hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses. Anfangs hatten auch die Theologinnen ein patriarchales Verständnis. Dieses wandelte sich bei den Theologinnen, der Mehrheit der SynodalInnen und schließlich auch nach einem Personenwechsel im Bischofsamt zu einem egalitär-partnerschaftlichen Modell. Diesem lag die Einsicht in die Gottebenbildlichkeit und Gleichbegnadung beider Geschlechter sowie in ihre gemeinsame Teilhabe am Leib Christi als Erfüllung der eschatologischen Verheißung zugrunde.

Ein entscheidender Beitrag ist auch der Reflexion der biblisch-hermeneutischen Kriterien zuzuschreiben. Die BefürworterInnen wandten die historisch-kritische Methode an und stellten das lutherische Kriterium, "was Christum treibet", in den Mittelpunkt. Die Gegner blieben bis zur Gegenwart bei einer fundamentalistischen Exegese.

Hinsichtlich des Amtsverständnisses kam es nach verschiedenen Versuche einer Differenzierung des geistlichen Amtes, die sich letztlich doch als geschlechtshierarchisch erwiesen, zur Erinnerung an die lutherische Charakterisierung des einen ordinierten Amtes als Beauftragung zu öffentlicher Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung. Damit wurde die Übertragung der Sakramentsverwaltung


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ohne Ordination zurückgewiesen, aber auch die Charakterisierung des Amtes durch das männliche Geschlecht des Amtsträgers. Das Pfarrberufsbild veränderte sich durch die Flexibilisierung der Arbeitszeiten und durch neue Konzepte der Verbindung von Beruf und Privatleben.

Das Kirchenverständnis reflektierten die Theologinnen christologisch-hierarchiekritisch gegenüber einer hierarchischen Ekklesiologie von Landeskirchenrat und Landesbischof. Im Konfliktfall kam es zur Machtfrage zwischen Landessynode und Landesbischof, die zugunsten der Entscheidungskompetenz der Synode beantwortet wurde.

Hinsichtlich der ökumenischen Auswirkungen der Entscheidung für die Frauenordination wiesen die Theologinnen und manche ihrer Unterstützer darauf hin, daß nach lutherischem Bekenntnis für die kirchliche Einheit nicht die Übereinstimmung in allen Ordnungen nötig sei.

Als Konfessionsspezifika betonte die Kirchenleitung eher ordnungstheologische Aspekte, die Theologinnen dagegen eher befreiende Elemente, wie das Priestertum aller Gläubigen, die Rechtfertigung aus Gnade und die Bibel als Richtschnur, nicht die Tradition.

Ein innovativer Impuls ging auch von der Reflexion des sozialethischen Aspektes aus. Landesbischof und Landeskirchenrat verstanden bis in die 70er Jahre die Bewahrung der traditionellen, patriarchalen und hierarchischen Ordnung als ihre Aufgabe. Sie lehnten die gesellschaftlichen Emanzipationsbewegungen ab. Nach 1975 befürworteten auch sie prinzipiell eine differenzierte Bewertung. Die kirchlichen Ordnungen, z.B. für berufstätige Theologinnen mit Familie, sollten ein Modell für die Gesellschaft darstellen. Insbesondere hinsichtlich der Anstellungsverhältnisse für TheologInnenehepaare kam es jedoch zu einer Rückkehr zu restringierenden Regelungen. Die Theologinnen plädierten für eine kontinuierliche, differenzierte Analyse der gesellschaftlichen Realität und wollten eine Brückenfunktion einnehmen, um Gemeindeglieder bei der Verarbeitung des gesellschaftlichen Transformationsprozesses zu unterstützen.


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