Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

Thesen zur Dissertation

Kapitel 4. Die Entwicklung der Theologinnenarbeit in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs

3.1. Die sozioökonomische Situation von Frauen in der DDR war durch das sozialistische Emanzipationsleitbild bestimmt, daß die Partizipation an der Erwerbsarbeit Frauen zu einer selbständigen Existenz verhelfe. In den Jahren 1945 bis 1960 stieg vor allem der Umfang der weiblichen Erwerbstätigkeit. Von 1961 bis Anfang der 70er Jahre standen Bestrebungen zur Qualifizierung von Frauen im Vordergrund. Ab Mitte der 70er Jahre bis zum Ende der DDR wurde vor allem die Erledigung der reproduktiven Aufgaben für Mütter durch Freistellung von der Erwerbsarbeit zu erleichtern versucht. Gleichzeitig stellte eine Minderheit von Frauen das sozialistische Emanzipationsleitbild in Frage.

3.2. Im kirchlichen Kontext fand ein Transformationsprozeß von einer obrigkeitsfixierten Landeskirche zu einer lutherisch-konfessionellen Volkskirche in der Weimarer Republik statt. Zur Zeit des Nationalsozialismus trennte sich die Bekennende Kirche von der DC-dominierten Kirchenleitung. Nach 1945 verstand sich die ELLM zunächst als Gegenüber zum sozialistischen Staat und als Bindeglied der lutherischen Kirchen in Deutschland. Ab 1970 suchte sie als Minderheitenkirche im säkular-dominierten Umfeld im Rahmen des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR nach einem neuen kirchlichen Selbstverständnis.

3.3. Die Entwicklung der Theologinnenarbeit in der ELLM begann aufgrund einer Umfrage der DEK in allen deutschen evangelischen Landeskirchen in den 20er Jahren und führte zu ersten kirchenrechtlichen Regelungen. Die ersten voll ausgebildeten Theologinnen hatten aufgrund ihrer Beteiligung an der Bekennenden Kirche provisorische Arbeitsverhältnisse.

3.4. Auch nach 1945 bemühte sich die ELLM um landeskirchenübergreifende Kooperation, vor allem auf der konfessionellen Ebene der VELKD und der VELK-DDR. Dies betraf sowohl die Bemühungen um eine geschlechtshierarchische Konzeption der Theologinnenarbeit als auch die Regelung von Einzelfragen (Amtskleid, Vikarinnenseminar, Lohnreduzierung).

3.5. Das Theologinnengesetz von 1965 sah als Kompromiß zwischen Synode und Landesbischof einen "doppelten Weg" vor, der sowohl die Einsegnung als auch die Ordination von Theologinnen ermöglichte. Da er sich in der Praxis nicht bewährte, wurden die Theologinnen 1972 ihren männlichen Amtskollegen weitgehend gleichgestellt.

3.6. Geschlechtsspezifische Aspekte blieben erhalten als Möglichkeit zu Teilzeitarbeit und zur Beurlaubung aus familiären Gründen, zu Anstellungsformen mit staatlicher Sozialversicherung, vor allem für verheiratete Theologinnen, und in der Suche nach befriedigenden Arbeitsformen für


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TheologInnenehepaare.

3.7. Der Bezug der Theologinnenarbeit zur sozioökonomischen Situation von Frauen in ihrer Gesellschaft sah in der Weimarer Republik so aus, daß in der Kirche eine Bereitschaft bestand, über kirchliche Konsequenzen aus der gesellschaftlichen Gleichstellung der Frauen nachzudenken. Die veränderte frauenpolitische Position des Nationalsozialismus wirkte sich auf die Entwicklung der Theologinnenarbeit nicht direkt aus, da nur einzelne Theologinnen in improvisierter Form arbeiteten. Nach 1945 war Landesbischof Beste um eine Distanz zur gesellschaftlichen Entwicklung bemüht und lehnte eine Gleichstellung im pastoralen Beruf ab. In der Praxis blieben jedoch auch im gesellschaftlichen Bereich geschlechtsspezifische Arbeitsfelder und geschlechtshierarchische Lohndifferenzen erhalten. Seit 1970 gab es in Kirche und Gesellschaft Möglichkeiten für eine Verbindung von Beruf und Familie in Form geschlechtsspezifischer Einschränkungsmöglichkeiten der Berufsarbeit. Während die Frauen im gesellschaftlichen Bereich intensiv organisiert waren, hatten die Theologinnen jahrzehntelang lediglich einen informellen Zusammenschluß. Zu nichtkirchlichen Frauen hatten sie wenig Kontakt. Sie strebten eine Angleichung ihrer Arbeitsbedingungen an die anderer kirchlicher MitarbeiterInnen an. Ihre Ausbildung und teilweise auch ihre Wohnungen, den Dienstwagen und die Möglichkeit zu internationalen Kontakten empfanden manche Theologinnen als Privilegien gegenüber anderen Frauen in der Gesellschaft und versuchten, damit bewußt umzugehen.

3.8. Während sich zur Zeit der Weimarer Republik sich alle kirchenleitenden Organe in der ELLM prinzipiell aufgeschlossen gegenüber der Theologinnenarbeit zeigten, suchten nach 1945 Landesbischof Beste und der Oberkirchenrat, die Entwicklung der Theologinnenarbeit zu behindern. Vor allem das Engagement der Landessynode mit ihrem Interesse an einer Förderung der kirchlichen Arbeit führte zu einer schrittweisen Verbesserung der Bedingungen für die Theologinnenarbeit. Nach der Integration der Theologinnen ins Pfarrerdienstrecht 1972 befaßten sich vor allem Landesbischof Rathke und einzelne Referenten z.B. mit Regelungen für die Verbindung von Beruf und Familie. Die Mecklenburgische Pastorenschaft engagierte sich vor allem in den 50er Jahren für eine Gleichstellung der Theologinnenarbeit. Einzelne Landessuperintendenten erweiterten im konkreten Fall das Arbeitsfeld von Theologinnen. Die Gegner riefen den Status confessionis aus, als die Frauenordination im Einzelfall möglich wurde. Die Suche nach gemeinsamen Regelungen der lutherischen Landeskirchen verhinderte zeitweise eine frühzeitigere oder weiterreichendere mecklenburgische Regelung. Die staatskirchenrechtliche Situation wirkte sich zur Zeit der Weimarer Republik durch die Konstituierung kirchlicher Verfassungsorgane förderlich aus. Die Kirchenspaltung zur Zeit des Nationalsozialismus und die abgrenzende Haltung gegenüber der sozialistischen Gesellschaft in der DDR verhinderten dagegen eine öffentliche Diskussion unterschiedlicher Positionen. Landesbischof Rathke öffnete sich dann für die Übernahme einiger staatlicher Regelungen zur Entlastung berufstätiger Mütter. Vor allem in der Zeit nach 1945 beteiligten sich die Theologinnen an der Erneuerung kirchlicher Arbeitsfelder, z.B. Anstaltsseelsorge, Frauenarbeit, Gemeindediakonie und Katechetik. Der Pfarrermangel führte zu einer Erweiterung der Gemeindearbeit der Theologinnen in der Praxis. Die selbstverständlicher werdende Beteiligung von Frauen an kirchenleitenden Ämtern wirkte sich förderlich auf die Entwicklung der Theologinnenarbeit aus.

3.9. Wichtige theologische Klärungen fanden im Verlauf der Diskussion über die Theologinnenarbeit hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses und des Amtsverständnisses in der ELLM statt. Die anthropologische Diskussion über das evangelisch-lutherische Verständnis des Geschlechterverhältnisses entwickelte sich von der Übernahme der bürgerlichen Konzeption über eine Phase differenter Auffassungen (geschlechtshierarchisch, komplementär, egalitär) zu einer Bejahung der egalitären Konzeption, die sich als in Übereinstimmung mit der auf Befreiung der Frauen ausgerichteten neutestamentlichen Botschaft verstand.

Hinsichtlich des Amtsverständnisses unterschied die ELLM zuerst zwischen dem vollen männlichen Amt und dem besonderen weiblichen Amt. Im Laufe der Diskussion verstärkte sich zunächst die geschlechtsspezifische Differenzierung, indem Frauen lediglich zu einem pastoralen Dienst ohne Leitungsbefugnisse ordiniert werden sollten. Die Theologinnen wollten durch alternative Formen des Amtes zu dessen Erneuerung beitragen. Letztlich hielten alle an der Bekenntnisaussage in CA VII fest, die das ordinierte Amt durch die öffentliche Wortverkündigung und die rechte Sakramentsverwaltung charakterisiert, und nicht durch das männliche Geschlecht. Gewisse Veränderungen ergaben sich im Amtsverständnis durch die Möglichkeit der Mitarbeit im zeitlich eingeschränkten oder unterbrochenen Dienstverhältnis.

Hermeneutisch herrschte in allen Phasen der Diskussion ein historisch-kritischer Umgang mit den biblischen Zeugnissen vor. Hinsichtlich des kirchenrechtlichen Aspekts gab es unterschiedliche Auffassungen, wie mit der Differenz zwischen Recht und Praxis umgegangen werden sollte. In der


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Reflexion des ökumenischen Aspektes setzte sich die Auffassung durch, daß nach CA VII zur Einheit der Kirche die öffentliche Evangeliumsverkündigung und Sakramentsverwaltung ausreichend sind. Die Theologinnen bewerteten zentrale Aspekte der lutherischen Theologie positiv, eine konfessionalistische kirchliche Praxis dagegen eher negativ.

In der sozialethischen Reflexion gab es verschiedene Auffassungen darüber, ob die Kirche der gesellschaftlichen Entwicklung wehren müsse oder ob sie daraus Anstöße für eine eigene Neugestaltung entnehmen könne. Daß die Bewahrung der Tradition in bestimmten Situationen nicht ausreicht, machte ein Hinweis auf die Herausforderung durch den Arierparagraphen deutlich, der im Nationalsozialismus zu neuen und eigenständigen kirchlichen Entscheidungen in Erinnerung an Gal 3 nötigte.


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