Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

Thesen zur Dissertation

Kapitel 5. Die Entwicklung der Theologinnenarbeit in der Evangelischen Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB)

4.1. Die sozioökonomische Situation von Frauen in Brasilien ist seit der Eroberung Brasiliens durch hierarchische Differenzen aufgrund der Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Klasse und der ethnisch-kulturellen Herkunft bestimmt. Die Frauenerwerbstätigkeit, insbesondere auch die verheirateter Frauen der Mittelschicht, ist seit den 70er Jahren enorm gestiegen. Ein Resultat des klassenübergreifenden Engagements der Frauenbewegung für die Rückkehr zur Demokratie war die deutliche Verbesserung der rechtlichen Situation von Frauen. Real sind allerdings weiterhin erhebliche geschlechts-, klassen- und ethnohierarchische Differenzen festzustellen, z.B. hinsichtlich der Ausbildung, Berufsfelder und Entlohnung.

4.2. Der kirchliche Kontext entwickelte sich von einer kirchlichen Situation, die durch relativ autonome Gemeinden deutscher evangelischer Einwandererfamilien bestimmt war, über den Zusammenschluß der regionalen Synoden in Südbrasilien zu einer auf nationaler Ebene tätigen lutherisch-konfessionell geprägten Kirche. Die IECLB bestimmte insbesondere ab 1970 ihre kontextuelle Identität in Auseinandersetzung mit der brasilianischen Realität und in ökumenischer Kooperation neu.

4.3. Die Diskussion über die Theologinnenarbeit begann in der IECLB Ende der 60er Jahre aufgrund des Theologiestudiums der ersten Frauen mit einem pastoralen Berufsziel an der kirchlichen Hochschule der IECLB. Ab Mitte der 70er Jahre gingen die ersten Pastorinnen ohne geschlechtsspezifische rechtliche Regelungen ins Gemeindepfarramt.

4.4. Die Arbeitskonzeption der Mehrheit der Theologinnen, die von Ende der 70er bis Mitte der 80er Jahre in den pastoralen Beruf gingen, war wie die ihrer männlichen Kollegen von einer befreiungstheologischen Option geprägt. Sie strebten danach, in alternativen Arbeitsfeldern außerhalb traditioneller Gemeinden mit Marginalisierten zu arbeiten. Die IECLB beschloß daraufhin 1983 die Zulassung "neuer Formen des Pastorats".

4.5. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre suchten die Theologinnen, z.B. bei ihren Treffen mit Studentinnen und Katechetinnen, nach feministisch-befreiungstheologischen Konzeptionen für die pastorale Arbeit mit Frauen, sei es in alternativen Arbeitsfeldern, in traditionellen Gemeinden oder auf übergemeindlicher Ebene in Kooperation mit der kirchlichen Frauenhilfe. Sie kritisierten die frauendiskriminierenden Arbeitsbedingungen und bemühten sich um eine feministisch-ökumenische Vernetzung auf nationaler und internationaler Ebene.

4.6. Die gesellschaftlichen Tendenzen, die Ausbildung von Frauen und ihre qualifizierte Erwerbsarbeit zu fördern, allerdings in geschlechtsspezifischen Arbeitsfeldern und unter Inkaufnahme frauendiskriminierender Arbeitsbedingungen, prägten auch die Theologinnenarbeit. So stieg die Frauenquote an der kirchlichen Hochschule Ende der 80er Jahre auf über 50%. Ihr Anstellungsverhältnis entsprach dem ihrer männlichen Kollegen, jedenfalls wenn sie ledig oder nicht mit einem Pfarrer verheiratet waren und in einer traditionellen Gemeinde arbeiteten. Problematisch war die Finanzierung und Vertretung während des Mutterschaftsurlaubs aufgrund des Selbständigenstatus brasilianischer PfarrerInnen. Bei TheologInnenehepaaren erhielt die Theologin selten eine volle Stelle - im Unterschied zur gesellschaftlichen Situation - und wurde oft nur mit einem geringen Beitrag in der staatlichen Sozialversicherung statt in der Pfarrerkasse versichert. Ihre privilegierte Situation als Frauen der Mittelschicht aufgrund des sozioökonomischen Status des Pfarrberufs wollten viele Theologinnen für ein bewußtes Engagement der Solidarität und der Ermutigung zur Unterstützung marginalisierter Frauen nutzen.

4.7. Den Einfluß des kirchlich-institutionellen Kontextes machten vor allem die Entscheidungen der kirchlichen Verwaltung und einzelner kirchenleitender Personen auf nationaler oder regionaler Ebene deutlich. Von deren Zustimmung hing die Zulassung von Frauen zum Theologiestudium an der


461

kirchlichen Hochschule und dann zu ihren ersten pastoralen Arbeitsfeldern ab. Die synodale Ebene war relativ wenig beteiligt, da keine geschlechtsspezifischen Regelungen verabschiedet wurden. 1983 befürwortete der Leitungsrat der IECLB 1983 die alternativen Pastoratsformen, die eine Kommission entwickelt hatte, an der auch Theologinnen beteiligt waren. Die kirchliche Hochschule war eine wichtiger Ort für öffentliche Stellungnahmen, für Analysen sowie für die Organisation von Protestaktionen zugunsten der Theologinnenarbeit. Die Kooperation mit den männlichen Kollegen erwies sich oft als schwierig, da manche die Theologinnen als Konkurrenz betrachteten. Die Entscheidung der IECLB für die Mitarbeit von Frauen im pastoralen Amt sah die Kirchenleitung nicht als ökumenisches Problem an, sondern als Chance zur ökumenischen Profilierung der IECLB auf nationaler und internationaler Ebene. Viele der Theologinnen suchten in ihren Arbeitsfeldern nach ökumenischer Kooperation. Die staatskirchenrechtliche Situation hatte wenig Einfluß. Die Theologinnen engagierten sich für die Konzeption und Erprobung neuer pastoraler Arbeitsformen entsprechend den gesellschaftlichen Herausforderungen und mit einer Option für die Befreiung der Marginalisierten, insbesondere der Frauen. Der Einfluß der kirchlichen Situation von Frauen auf die Theologinnenarbeit war aufgrund des unterschiedlichen Verständnisses der Frauenrolle ambivalent.

4.8. Die Reflexion der theologischen Aspekte der Theologinnenarbeit in der IECLB führte vor allem hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses, der sozialethischen Reflexion und des Amtsverständnisses zu neuen Konzeptionen. Es fanden sich egalitäre, komplementäre und feministisch-theologische Konzeptionen der Geschlechterdifferenz. Biblisch-hermeneutische Einwände waren nicht vorhanden. Statt dessen wurde die Hoffnung geäußert, daß durch die Mitarbeit der Theologinnen im pastoralen Amt die Gottebenbildlichkeit beider Geschlechter und bestimmte biblische Frauentraditionen besser zum Ausdruck kommen würden. Hinsichtlich des Amtsverständnisses wurde in Erinnerung an Kategorien der lutherischen Theologie ein auf Konvivenz mit den Gläubigen sowie auf demokratischen Entscheidungsformen beruhendes Kirchenverständnis entwickelt. Ein für Experimente offenes Kirchenrecht sollte die Erprobung neuer Formen ermöglichen. In ihren sozialethischen Reflexionen gingen Kirchenleitung und Theologinnen davon aus, daß Kirche und Gesellschaft von machistischen Strukturen geprägt seien und die Kirche die Aufbruchstendenzen in der Gesellschaft zum Anlaß für eigenes Handeln nehmen sollte. Die Theologinnen formulierten als Ziel ihrer pastoralen Arbeit die Befreiung der Frauen in Kirche und Gesellschaft. Dafür war ihrer Meinung nach eine Veränderung der sozioökonomischen und kirchlich-institutionellen Kontextbedingungen auf nationaler und internationaler Ebene nötig.

Resümee: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit


[Titelseite] [Danksagung] [A-1] [A-2] [B-1] [B-2] [B-3] [B-4] [B-5] [C-1] [C-2] [C-3] [C-4] [C-5] [D-1] [D-2] [D-3] [D-4] [D-5] [E-1] [E-2] [E-3] [E-4] [F-1] [F-2] [F-3] [F-4] [F-5] [F-6] [F-7] [F-8] [G-1] [G-2] [G-3] [Abkürzungsverzeichnis] [Bibliographie] [Selbständigkeitserklärung]

© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Wed Jul 5 17:32:57 2000