Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

Thesen zur Dissertation

Kapitel 6. Thesen zur sozioökonomischen Kontextualität

5.1. Ein wichtiger Impuls zur Entwicklung der Theologinnenarbeit war in allen drei Kontexten die gesellschaftliche Entwicklung, auch Frauen den Zugang zu einer qualifizierten Ausbildung und Berufstätigkeit zu eröffnen. Erst die Existenz akademisch gebildeter Theologinnen bzw. der Wunsch von Frauen, an einer kirchlichen Ausbildungsstätte Theologie zu studieren, führten zu kirchenleitenden Überlegungen hinsichtlich der Partizipation von Frauen am geistlichen Amt.

5.2. Ihre sich dem jeweiligen sozioökonomischen Kontext anpassende oder die Orientierung an ihm ablehnende Haltung begründeten die Kirchenleitungen sozialethisch, aufgrund ihrer Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen aus volkskirchlichem Verständnis bzw. aufgrund ihrer distanzierten Haltung gegenüber dem sozioökonomischem Kontext aus bekenntniskirchlicher Überzeugung. Die anthropologischen Vorstellungen speiste ein Frauenbild, das sich auf die biblischen Unterordnungsgebote gegenüber Frauen und auf das bürgerliche Frauenbild gründete. Dieses charakterisiert Frauen als Wesen, die vom Mann physisch und psychisch abhängig sind. Sie bringen vor allem im familiären Bereich ihre Qualitäten zur Geltung.

5.3. Biblisch-hermeneutisch war für den auf Abgrenzung ausgerichteten Argumentationstyp ein fundamentalistischer Umgang mit der Bibel bestimmend. Der auf Anpassung an die gesellschaftliche Entwicklung abzielende Argumentationstyp bezog sich auf die liberaltheologische Auffassung einer historischen Distanz und Unvergleichbarkeit zwischen der Gesellschaft zur Zeit Jesu und der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation. Er interpretierte diese Entwicklung als Fortschrittsgeschichte nicht zuletzt unter dem Einfluß des Christentums.

5.4. Eine veränderte Reflexion der sozioökonomischen Kontextualität der Theologinnenarbeit in unserer Gegenwart ist aufgrund der neueren sozialethischen, anthropologischen und hermeneutischen Erkenntnisse nötig und möglich, die teilweise im Zusammenhang mit der Reflexion über die Theologinnenarbeit gewonnen wurden. Hinsichtlich des sozialethischen Aspektes machten die Auseinandersetzungen um die politische Theologie bzw. Befreiungstheologie deutlich, daß die biblische


462

Botschaft ChristInnen nicht generell zu einem auf Anpassung oder Distanz gegenüber der Gesellschaft ausgerichteten Verhalten aufruft, sondern zu einer kritischen Wahrnehmung und Erneuerung der Welt ermutigt, inspiriert vom Beispiel Jesu Christi und der von Gott verheißenen Gerechtigkeit seines Reiches. Neuere anthropologische Überlegungen, insbesondere feministisch-befreiungstheologische Ansätze kritisieren die Konstruktion eines fixen Frauenbildes bzw. Geschlechterverhältnisses. Grundlage für anthropologische Überlegungen sollen vielmehr die biblischen Aussagen von der Gottebenbildlichkeit und Gleichbegnadung beider Geschlechter sein. Die Differenzen zwischen Frauen aufgrund ihrer Unterschiede in Alter, Lebensform, sozialem Status und ethnischer Herkunft sollen wahrgenommen werden. Hierarchische Strukturen sind zu kritisieren und zu verändern. Frauen und Männer sollen nach Möglichkeiten für ein gutes und gerechtes Leben suchen, das ein Engagement im beruflichen und im familiären, im individuellen und im gesellschaftlichen Bereich zuläßt.

5.5. Die Durchsetzung der historisch-kritischen Methode gegenüber fundamentalistischen bzw. liberal-theologischen Hermeneutiken förderte eine Reflexion des Vorverständnisses der jeweiligen ExegetInnen und eine sozialgeschichtliche Rekonstruktion, z.B. hinsichtlich des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern in den biblischen Texten im Vergleich zu den im damaligen Kontext anzutreffenden Positionen. So ist die Widersprüchlichkeit bei Paulus nicht mehr im Sinne einer Dominanz der Unterordnungsgebote und sind die Schweigegebote nicht mehr als nachpaulinische Glossen zu interpretieren, sondern als Zeugnis der Auseinandersetzung um das Geschlechterverhältnis in urchristlicher Zeit, zu der Paulus eine ambivalente Position bezogen hat.

5.6. Angesichts dieser Einschätzung sind die ChristInnen in den reformatorischen Kirchen zu eigenen hermeneutischen Entscheidungen herausgefordert. Für diese sind ausschlaggebend das hermeneutische Kriterium Luthers, "was Christum treibet", das christologische Bekenntnis zur Befreiung aus Unterdrückungsstrukturen sowie Jesu Verhalten gegenüber Frauen, das gesellschaftliche Grenzen und traditionelle Lebensformen in aufsehenerregender Weise überschritt.

5.7. Folgende pastoralethische Konsequenzen können aus dieser Reflexion der sozioökonomischen Kontextualität der Theologinnenarbeit gezogen werden: Die berufliche Partizipation am geistlichen Amt soll Frauen und Männern mit unterschiedlichen Lebensformen offenstehen. Die Regelungen für ihre pastorale Arbeit sollen einerseits die Spezifika des geistlichen Berufs berücksichtigen. Andererseits sollen sie auch eine das christologische Bekenntnis "Hier ist nicht männlich noch weiblich" ausstrahlende Wirkung auf den sozioökonomischen Kontext haben, im Sinne einer phantasievollen Ermutigung zur Transformation geschlechtshierarchischer Strukturen - gerade auch in Zeiten hoher gesellschaftlicher Arbeitslosigkeit sowie sinkender kirchlicher und staatlicher Finanzmittel.


[Titelseite] [Danksagung] [A-1] [A-2] [B-1] [B-2] [B-3] [B-4] [B-5] [C-1] [C-2] [C-3] [C-4] [C-5] [D-1] [D-2] [D-3] [D-4] [D-5] [E-1] [E-2] [E-3] [E-4] [F-1] [F-2] [F-3] [F-4] [F-5] [F-6] [F-7] [F-8] [G-1] [G-2] [G-3] [Abkürzungsverzeichnis] [Bibliographie] [Selbständigkeitserklärung]

© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Wed Jul 5 17:32:57 2000