Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

Thesen zur Dissertation

Kapitel 7. Thesen zur kirchlich-institutionellen Kontextualität

6.1. Zuerst reagierten einzelne kirchenleitende Personen und Vertreter der kirchlichen Verwaltungen auf die Anfragen einzelner Theologinnen und den Zusammenschluß von Theologinnen. Synodale Entscheidungsorgane, in denen auch Laien und Laiinnen vertreten waren, beteiligten sich teilweise erst in späteren Phasen an der Diskussion. Ihr Engagement war in Mecklenburg und Bayern entscheidend für die Gleichstellung der Theologinnen im ordinierten Amt. Die Zusammenschlüsse der Theologinnen engagierten sich in unterschiedlichem Maße. In Bayern und Brasilien formulierten sie jeweils die Thesen für die nächste Diskussionsphase. Die Unterstützung anderer kirchenreformerischer, berufsständischer sowie akademischer Gruppen und Institutionen war insbesondere für die Information der kirchlichen Öffentlichkeit wichtig. Die Gemeinden akzeptierten in der Regel die Übernahme pastoraler Arbeitsfelder durch Theologinnen. Die Kooperation mit und die Akzeptanz durch männliche Kollegen erschwerten vor allem deren Konkurrenzgefühle. Manche männliche Vorgesetzte unterstützten die Arbeit der Theologinnen auch deshalb, weil sie in Zeiten des Pfarrermangels ein Interesse an einer Besetzung vakanter Stellen hatten. Andere lehnten die Entwicklung zur Frauenordination scharf ab und reagierten auf Grenzüberschreitungen des Amtes sui generis mit disziplinarischen Maßnahmen. Auf der landeskirchlichen Ebene waren die prinzipielle theologische Diskussion und in unterschiedlichem Maße das Interesse an einer gesamtkirchlichen bzw. ökumenischen Übereinstimmung ausschlaggebend.

6.2. Diese kirchlich-institutionelle Kontextualität war das Ergebnis ekklesiologischer Reflexionen, denen eine Befürwortung hierarchischer kirchlicher Ordnungsstrukturen mit einem Gegenüber von Amt und Gemeinde zugrunde lag. Der Partizipation der Betroffenen, der LaiInnen und beider Geschlechter wurde nur teilweise Bedeutung beigemessen. Teilweise erhielt das geistliche Amt, sei es als Kollege, Vorgesetzter oder Bischof, ein Vetorecht eingeräumt. Für die Entscheidungsfindung war die Rücksicht auf die ranghöheren Entscheidungsträger maßgeblich, die sich unter Verkehrung der realen Machtverhältnisse auf eine bestimmte Interpretation des Verhältnisses von Starken und Schwachen beriefen. Teilweise wurde eine Differenz zwischen kirchlichem Recht und Praxis akzeptiert. Letztlich führte dieser Widerspruch zu einer Veränderung des kirchlichen Rechts.


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6.3. Aufgrund der neueren ekklesiologischen Einsichten, insbesondere der Ekklesiologie in der Tradition der Barmer Theologischen Erklärung, ist in unserer Gegenwart eine neue Reflexion der kirchlich-institutionellen Kontextualität der Theologinnenarbeit möglich. Hinsichtlich der Gestaltung der kirchlichen Ordnung wurde durch die erneute Beschäftigung mit den reformatorischen Einsichten und den in der BTE, vor allem in der dritten These, formulierten Einsichten deutlich, daß nach reformatorischem Verständnis weder die Bewahrung einer durch die Tradition geprägten kirchlichen Ordnung noch die Anpassung der kirchlichen Ordnung bzw. deren Unterstellung unter staatliche bzw. gesellschaftliche Institutionalisierungsformen angemessen ist. Vielmehr sollen bei der Gestaltung der jeweiligen kirchlichen Ordnung in einem bestimmten Kontext die vom Evangelium ausgehenden Impulse zur Wirkung kommen und Anstoß sein für eine immer wieder neu notwendige Transformation dieser Strukturen.

6.4. Ein grundlegendes neutestamentliches Bild für die kirchliche Ordnung ist das des Leibes Christi, an dem verschiedene Glieder Anteil haben und solidarisch kooperieren. Reformatorischer Überzeugung entspricht es, daß auch Laiinnen und Laien Anteil an Entscheidungen über die Lehre und die institutionelle Gestaltung des kirchlichen Lebens haben. Insbesondere die vierte These der Barmer Theologischen Erklärung schließt eine hierarchische Struktur der kirchlichen Ordnung als dem Willen Jesu widersprechend aus.

6.5. Hinsichtlich der konziliaren Entscheidungsfindung bei differierenden Auffassungen wurde das biblische Zeugnis in Erinnerung gebracht, daß auch im Urchristentum in zentralen Fragen längere Zeit mit differenten Positionen gelebt wurde. Nach reformatorischer Überzeugung ist gerade in wichtigen Fragen ein Magnus Consensus anzustreben, wobei alle Beteiligten Anteil und Stimme bei der Entscheidungsfindung haben sollten, getreu dem biblischen Leitwort Christi: "Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener (eure Dienerin) sein."

6.6. Folgende Konsequenzen ergeben sich aus dieser Reflexion der kirchlich-institutionellen Kontextualität der Theologinnenarbeit für die pastoraltheologischen Aspekte des ordinierten Amtes: Die christliche Gemeinde beruft geeignete Frauen und Männer für das Amt der öffentlichen Verkündigung des Evangeliums und der rechten Verwaltung der Sakramente (CA VII). Sie beurteilt deren Lehre aufgrund ihrer eigenen Schriftkenntnis. Damit wird kein besonderer Stand in der Kirche Jesu Christi geschaffen, da alle aus der Taufe Gekrochenen im geistlichen Stand sind. Jesus Christus ist in seinem dienenden Umgang Vorbild für den Umgang mit Macht- und Leitungsaufgaben in der Kirche und für die Suche nach einem geschwisterlichen Gespräch. Geeignete und durch die Gemeinde berufene Menschen im Amt der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung sollen ihre Geschwister zur ZeugInnenschaft ermutigen und befähigen. Ob die Ordination als geistliche Einführung in ein spezifisches kirchliches Arbeitsfeld auf Theologinnen und Theologen beschränkt bleiben soll oder ob neue vielfältige Formen des ordinierten Amtes zu schaffen sind, ist weiter zu bedenken.


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Wed Jul 5 17:32:57 2000