Nützel, Gerda Ursula: Die Kontextualität der Theologinnenarbeit - dargestellt am Beispiel der Entwicklung in den lutherischen Kirchen Bayerns, Mecklenburgs und Brasiliens

Thesen zur Dissertation

Kapitel 8. Thesen zur ökumenisch-theologischen Kontextualität

7.1. Die Kirchenleitungen in Bayern und Mecklenburg orientierten sich vor allem an der Diskussion über die Frauenordination in anderen lutherischen Kirchen in ihrem jeweiligen staatlichen Kontext. Erst kurze Zeit vor der Entscheidung für die Frauenordination wiesen deren Gegner darauf hin, daß diese ein Hindernis für die ökumenische Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche sein könnte. Die IECLB sah dagegen in der ökumenischen Singularität ihrer Entscheidung für die Frauenordination in ihrem Kontext eine Chance zur ökumenischen Profilierung. Viele Theologinnen strebten auf lokaler Ebene nach ökumenischer Kooperation und im Rahmen ihrer Theologinnentreffen nach ökumenischem Erfahrungsaustausch sowie nach theologischer Reflexion mit Theologinnen anderer Kirchen und Konfessionen.

7.2. Angesichts der ablehnenden Haltung der orthodoxen Kirchen und des römisch-katholischen Lehramtes gegenüber der Frauenordination stellen sich folgende Fragen: Welche Konzeptionen ökumenischer Einheit befähigen die Kirchen, produktiv mit diesem Dissens umzugehen? Welchen Maßstab und welche Perspektive haben die lutherischen Kirchen für die ökumenische Einheit und für die Möglichkeit bzw. Notwendigkeit konfessionell begrenzter Entscheidungen? Welche theologischen Erkenntnisse und praktischen Erfahrungen können die lutherischen Kirchen, in denen ordinierte Theologinnen im pastoralen Amt arbeiten, in den ökumenischen Dialog einbringen? Welche Perspektiven ergeben sich daraus für die weitere ökumenische Beschäftigung mit der Frage der Frauenordination?

7.3. Die katholische Kirche versteht sich in ihrer hierarchischen Struktur als Verkörperung der einen Kirche Jesu Christi. Die orthodoxe Kirche vertritt die Auffassung, daß in ihr die Tradition der sieben ökumenischen Konzilien gewahrt sei. Nach Auffassung der lutherischen Kirche ist dagegen eine Übereinstimmung in allen kontextbedingten menschlichen Ordnungen nicht notwendig, wohl aber in der reinen Evangeliumsverkündigung und in der rechten Sakramentsverwaltung. Insbesondere ökumenisch


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engagierte Frauen betonen, daß das Austragen von Konflikten, die gleichberechtigte Partizipation beider Geschlechter und die Beteiligung der Unterdrückten Voraussetzungen für eine ökumenische Gemeinschaft sind, die dem Zeugnis des Evangeliums entspricht.

7.4. Die katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen haben eine komplementär-mariologische Anthropologie entwickelt, die Frauen jeweils eine Vielfalt von Aufgaben in allen Bereichen des kirchlichen, familiären und gesellschaftlichen Lebens mit Ausnahme des ordinierten Priesteramtes zubilligt. Dagegen hat sich in den reformatorischen Kirchen, nicht zuletzt im Laufe der theologischen Reflexion über die Frauenordination, eine egalitär-eschatologische Anthropologie entwickelt. Sie geht davon aus, daß aufgrund der Gottebenbildlichkeit, Rechtfertigung und Erlösung beider Geschlechter in Christus keine geistliche Differenz zwischen Männern und Frauen besteht. Auch römisch-katholische Theologen und Theologinnen kritisieren die reduzierte Wahrnehmung von Frauen und auch Marias als Gottesgebärerin in den Stellungnahmen des katholischen Lehramtes.

7.5. Nach Auffassung der römisch-katholischen Kirche bestimmt das kirchliche Lehramt die hermeneutische Umgangsweise mit Bibel und Tradition. Die orthodoxen Kirchen beziehen sich in ihren hermeneutischen Überlegungen vor allem auf das biblische Zeugnis, die apostolische Tradition und die Beschlüsse der ersten sieben ökumenischen Konzile. Dagegen ist es Kriterium für einen evangelischen Umgang mit dem biblischen Zeugnis, das im Wechselgespräch mit den Bekenntnissen und einer differenzierten Wirklichkeitswahrnehmung die entscheidende Wegweisung für kirchliche Entscheidungen ist, daß die einzelne biblische Aussage im Gesamtzusammenhang der Schrift und deren christologischer befreiender Mitte zu sehen ist. Gerade auch ökumenisch engagierte Frauen fragen sich, wie in den Kirchen ein dynamischer Umgang mit Traditionen und Erfahrungen möglich ist, der biblisch z.B. in der Aufnahme der Joel-Verheißung angesichts der Pfingsterfahrung deutlich wird.

7.6. Während die katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen den männlichen Priester als Gegenüber zu der von Maria repräsentierten Gemeinde verstehen, ist die Kirche nach reformatorischer Überzeugung eine Verkörperung des Leibes Christi mit vielfältigen Gliedern als eucharistische Tischgemeinschaft zum Gedächtnis Jesu Christi. Sie fällt ihre Entscheidungen unter möglichst großer Partizipation der Kirchenmitglieder bzw. der gewählten RepräsentantInnen und bemüht sich um einen Konsens in Erinnerung an die Entscheidungsfindung in der Nachfolgegemeinschaft Jesu Christi. Nach katholischer Überzeugung hat dagegen Jesus Christus die Kirche mit einer hierarchischen Verfassung und mit einem päpstlich/bischöflichen Lehramt ausgestattet, dem verbindliche Entscheidungsmacht zusteht.

7.7. Nach katholischer Auffassung stehen die männlichen Priester in der apostolischen Sukzes-
sion, die mit der Beauftragung der zwölf Apostel durch Christus ihren Anfang nahm. Die orthodoxe Kirche geht von einer bildhaften Vergegenwärtigung Christi als Haupt des Leibes durch die männlichen Priester aus. Die lutherische Theologie vertritt die Auffassung, daß alle Getauften mit der Wahrnehmung des Priesteramtes beauftragt und insofern auch Frauen davon nicht ausgeschlossen seien. Die Übertragung des ordinierten Amtes an geeignete, theologisch gebildete Frauen und Männer dient einer verantwortlichen Ausübung der Evangeliumsverkündigung und der Sakramentsverwaltung. Dies soll die christliche Gemeinde beurteilen. Die konkreten Regelungen für einzelne kirchliche Ordnungen sollen dem jeweiligen Kontext angemessen sein. Sie sind veränderbar.

7.8. Sowohl in den orthodoxen Kirchen als auch in der katholischen Kirche ist durch die Entscheidung einer wachsenden Zahl reformatorischer Kirchen die Frage nach der theologischen Verantwortbarkeit der Frauenordination auf die kirchliche und ökumenische Tagesordnung gekommen. In der katholischen Kirche wird die Frauenordination auch von vielen Theologinnen und anderen Kirchenmitgliedern gefordert. Aus deren Sicht und aus der Perspektive der reformatorischen Kirchen, die gute Erfahrungen mit ordinierten Theologinnen im pastoralen Amt machen, sind die zur Zeit differierenden Positionen der verschiedenen Konfessionen in der Frauenordinationsfrage nicht vor allem als Hindernis für die ökumenische Annäherung zu verstehen, sondern als heilsame Herausforderung für die Ökumene. Sie hoffen, daß sich alle Kirchen auf den Weg zu einer wahrhaften ökumenischen Einheit als inklusiver, gerechter und versöhnter Gemeinschaft der Verschiedenen begeben. Insofern sind die teilweise in schmerzhaften Auseinandersetzungen errungenen Entscheidungen der lutherischen Kirchen für die Frauenordination, wie die Darstellung der Entwicklung in Bayern, Mecklenburg und Brasilien zeigt, und die Weitergabe ihrer Erkenntnisse und Erfahrungen im ökumenischen Dialog als ein Dienst an der Ökumene in Erinnerung an das neue Wege eröffnende Pfingstgeschehen zu verstehen: "Eure Söhne und eure Töchter werden prophetisch reden." (Apg 2,17.)


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Wed Jul 5 17:32:57 2000