Kapitel 1:
Sonntagsöffnung nach ausländischem Vorbild?

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Im Jahr 1879 erschien in London die Veröffentlichung von Charles Hill „Would the Sunday opening of museums, libraries, and places of amusement increase or diminish Sunday drinking?” und beleuchtete nur einen Aspekt der lebhaften Diskussion über die Sonntagsöffnung von Bibliotheken, die Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund neuer Öffnungszeitenmodelle in Großbritannien geführt wurde.78 Diese Auseinandersetzungen wurde auch von Deutschland aus verfolgt und als die erste Deutsche Lesehalle 1895 sonntags Besucher empfing, nahm die Leiterein Bona Peiser in ihrem Bericht über die Bibliothekseröffnung ausdrücklich auf die englischen Verhältnisse sowie das Trunksucht-argument Bezug. 79

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Doch nicht nur im 19., sondern ebenso im 20. und 21. Jahrhundert haben Neuerungen im Bibliothekswesen des Auslands Vorbildfunktion. Die Sonntagsöffnung des Juristischen Seminars der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg wurde 1994 nach eigenen Angaben „aus den USA importiert“ und in einem Interview mit der tageszeitung im Sommer 2002 nannte die Leiterin der Stadtbibliothek Bremen, Barbara Lison, die Niederlande als Modell für die geplante Einführung der Sonntagsöffnung.80 Als die Kantonsbibliothek Baselland 1999 die Sonntagsöffnung einführte, löste dies nicht nur in der Schweiz kontroverse Diskussionen aus, sondern das Interesse der Öffentlichkeit reichte bis ins Nachbarland Deutschland. Mehrere süddeutsche Radiosender berichteten über dieses Thema.81 Und um internationalen Standards zu genügen, plante das Bibliotheks- und Informationssystem Oldenburg 1996 die Einführung von Sonntagsöffnungszeiten.82

Doch welche internationalen Standards gelten für Bibliotheksöffnungszeiten? Ist der Sonntag in anderen Staaten tatsächlich als normaler Öffnungstag anzusehen? Zur Beantwortung dieser Fragen werden im vorliegenden Kapitel die Sonntagöffnungszeiten von Bibliotheken in den USA und in ausgewählten europäischen Ländern analysiert sowie Erfahrungsberichte ausländischer Bibliotheken mit der Sonntagsöffnung ausgewertet.83 Dabei liegt der Unter-suchung die Ausgangsthese zugrunde, daß der Bibliothekssonntag in anderen Staaten weit verbreitet und als Modell für deutsche Einrichtungen zu empfehlen ist.

A. Sonntagsöffnung von Bibliotheken in den USA

Das Bibliothekswesen der USA ist historisch und regional bedingt von einer großen Vielschichtigkeit geprägt und nicht vorbehaltlos mit dem deutschen System vergleichbar. Gerade die Unterscheidung in wissenschaftliche und öffentliche Einrichtungen, die in Deutschland vorherrscht, findet in Amerika keine Entsprechung.84 Zwar erfolgt auch jenseits des Atlantiks eine Einteilung in Academic und Public Libraries, woran sich ebenfalls die vorliegende Untersuchung orientiert, aber insbesondere die öffentlichen Bibliotheken lassen sich nicht mit den deutschen Einrichtungen gleichsetzen. Im Gegensatz zu den akademischen Bibliotheken, die an eine Hochschule (parental body) gebunden sind, liegen die öffentlichen Bibliotheken in der Zuständigkeit der Kommunen und sind vornehmlich dadurch gekennzeichnet, daß sie allgemeinen und freien öffentlichen Zugang gewähren.85 Der Bestand hingegen unterscheidet sich grundsätzlich nicht von dem der Universitätsbibliotheken, denn viele öffentlichen Bibliotheken in den USA, wie beispielsweise die New York Public Library, erwerben im großen Umfang aktuelle Forschungsliteratur, verfügen über hervorragende historische Bestände und verstehen sich vornehmlich als Weiterbildungseinrichtungen.86 Doch auch die strikte Handhabung der freien Zugänglichkeit verhindert nicht die zunehmende Abhängigkeit der kommunalen Bibliotheken von privaten Drittmitteln.87

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Bibliotheksöffnungszeiten werden in den Vereinigten Staaten wesentlich flexibler als in Deutschland gehandhabt und orientieren sich grundsätzlich stärker an den Benutzerbe-dürfnissen. Auffällig ist dies insbesondere bei den Universitätsbibliotheken, die oftmals keine Regelöffnungszeiten kennen, sondern diese komplett an den Semesterverlauf (Quarters) anpassen und sich zum Teil täglich ändern.88 Dies kann beispielsweise in Examensphasen zu einer 24-Stunden-Öffnung führen, die in der darauffolgenden Ferienwoche wieder auf ein Drittel reduziert wird.89 In den kommunalen Bibliotheken sind die Schwankungen weniger ausgeprägt, eingeschränkte Öffnungszeiten in den Sommerferien sind jedoch ebenfalls allgemein üblich.

Die vorliegende Untersuchung basiert dementsprechend, wenn keine Regelöffnungszeiten vorliegen, auf den Stundenzahlen einer durchschnittlichen Semesterwoche, wobei in größeren Bibliothekssystemen stets die Zentralbibliothek oder die Einrichtung mit der längsten Zugänglichkeit Berücksichtigung findet. Insgesamt werden die Öffnungszeiten von 211 Einrichtungen aus den Bundesstaaten Connecticut, Maryland, Missouri, Nevada, New Mexico und Washington untersucht und dabei 106 kommunale, 97 wissenschaftliche, drei nationale sowie fünf Landesbibliotheken erfaßt.90

Mit 59% bieten deutlich über die Hälfte der amerikanischen Bibliotheken den Service der Sonntagsöffnung: drei von vier Hochschulbibliotheken, jede zweite kommunale Bibliothek, aber keine der Landes- und Nationalbibliotheken heißen ihre Besucher am Sonntag willkommen.

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Tab. 1: Sonntagsöffnung in den USA

Einrichtungen

mit Sonntagsöffnung

alle Bibliotheken

59%

Hochschulbibliotheken

73%

Kommunalbibliotheken

50%

National- und Landesbibliotheken

0%

Neben diesen starken Differenzen zwischen den verschiedenen Bibliothekstypen sind ebenfalls Unterschiede in den einzelnen Bundesstaaten erkennbar. In Maryland sind nur 12% aller Bibliotheken sonntags geschlossen, während in Connecticut, New Mexico und Nevada die Sonntagsöffnung knapp unter dem nationalen Durchschnitt liegt. Ein grundsätzliches Gefälle zwischen dem Norden und Süden bzw. dem Osten und Westen läßt sich jedoch nicht feststellen. Und auch wenn die beiden bevölkerungsärmsten Bundesstaaten Nevada und New Mexico mit ihrer Quote an Sonntagsöffnungszeiten, insbesondere bei den Hochschulbibliotheken, unter dem Landestrend liegen, so werden diese Werte von Connecticut, das am dichtesten bevölkert ist, noch unterboten.

Tab. 2: Vergleich der Sonntagsöffnung in ausgewählten US-Bundesstaaten

USA

Connecticut

Maryland

Missouri

Nevada

New Mexico

Washington

alle

59%

51%

88%

68%

56%

54%

62%

akademische

73%

73%%

94%

74%

50%

56%

70%

kommunale

50%

45%

75%

57%

60%

50%

47%

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Abb. 1: Vergleich der Sonntagsöffnung in ausgewählten US-Bundesstaaten

1. Hochschulbibliotheken

Die vorliegende Untersuchung orientiert sich an der Einteilung der amerikanischen Universitätsbibliotheken in private und öffentliche Einrichtungen entsprechend dem Status ihres jeweiligen Trägers, wobei eine klare Abgrenzung dadurch erschwert wird, daß viele private Hochschulen öffentliche Zuwendungen erhalten und staatliche Universitäten auf private Drittmittel angewiesen sind.91 Auf eine Differenzierung von College und University wird dagegen verzichtet, da die grundsätzliche Unterscheidung zwischen einem allgemeinbildendem Grundstudium und einem fachspezifischen Universitätsstudium in der Praxis oft nicht eingehalten wird.92 Allein die Benennung Community College verdient gesonderte Aufmerksamkeit. Dieser Hochschultyp mit stets nur zweijährigen Studiengängen und starker Praxisorientierung ist nicht mit einer deutschen Hochschule, sondern eher mit einer Abend- oder Berufsschule vergleichbar.93

Bei den akademischen Bibliotheken der USA gehört die Sonntagsöffnung mit 73% Flächendeckung schon nahezu zum Servicestandard, wobei die regionalen Schwankungen zum Teil recht stark ausfallen. Während in Nevada und New Mexico nur jede zweite Hochschulbibliothek sonntags öffnet, beträgt die Quote in Maryland 94%. Zur Relation ist jedoch anzumerken, daß zahlreiche Einrichtungen in den Semesterferien ihre Wochenendöffnung stark einschränken oder ganz einstellen. Ferner muß festgehalten werden, daß auch in Amerika der Sonntag der häufigste Schließungstag ist. An den Werktagen Montag bis Freitag schließt keine der 95 untersuchten Hochschulbibliotheken94, dagegen 23 ausschließlich am Sonntag, sieben95 ausschließlich am Samstag und weitere drei Einrichtungen das ganze Wochenende. Üblich sind lange Öffnungszeiten unter der Woche sowie die Schließung am Freitagabend, am späten Samstagnachmittag sowie am Sonntagvormittag bei einer durchschnittlichen Wochenöffnungszeit von 79 Stunden.

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Sonntags öffnen die Universitätsbibliotheken im Mittelwert knapp neun Stunden zwischen 12.00 und 21.00 Uhr, wobei vormittags grundsätzlich nur Einrichtungen mit einer mehr als zehnstündigen Öffnungszeit Besucher einlassen.

Abb. 2: Länge der Sonntagsöffnung an US-Hochschulbibliotheken

Die kürzesten Öffnungszeiten von durchschnittlich knapp sechs Stunden sind sonntags an den Bibliotheken der Community Colleges zu finden, während die Werte an den staatlichen Universitäten achteinhalb und an den privaten zehn Stunden betragen. Diese Statusunterschiede beziehen sich aber nicht spezifisch auf den Bibliothekssonntag, sondern hängen mit den allgemeinen längeren Öffnungszeiten an den privatfinanzierten Universitäten von 84,7 Wochenstunden zusammen.

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Tab. 3: Relation zwischen der Sonntagsöffnung und dem Status der wissenschaftlichen Bibliothek in den USA

alle

Privatuniversitäten

Staatliche Universitäten

Community Colleges

Sonntagsöffnung

73%

86%

80%

57%

Stunden / Sonntag

8

10

8:30

6

Stunden / Woche

79

85

79

70

Schließlich beeinflußt auch die Größe der Hochschule die Sonntagsöffnung der Biblio-theken.96 Von den größten Universitäten des Landes bieten neun von zehn Einrichtungen sonntags geöffnete Lesesäle, während die kleinen Hochschulen mit unter 1.000 Studieren-den nur eine Quote von 57% erzielen. Eine grundsätzliche Aussage, daß die Sonntags-öffnung mit der Größe der Einrichtung regelmäßig zunimmt, läßt sich jedoch nicht treffen.

Abb. 3: Zusammenhang zwischen der Sonntagsöffnung und
der Größe der Hochschule in den USA

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Während in amerikanischen Hochschulbibliotheken die Sonntagsöffnung als Standardangebot anzusehen ist, gilt die 24-Stunden-Öffnung an sieben Tagen der Woche, die in jüngster Zeit vermehrt von Studierenden nachgefragt wird, als umstrittenes Öffnungsmodell.97 Besucherbefragungen zu diesem Thema zeigen, daß die Studierenden weniger eine durchgehende Literaturversorgung als einen Ort zum ruhigen Studieren suchen und der erweiterten Öffnungszeiten gezielt zu bestimmten Prüfungsphasen bedürfen.98

2. Kommunale Bibliotheken

Die kommunalen Bibliotheken der USA sind oft in Bibliotheksverbünden oder regionalen Einheiten organisiert, die in der Bandbreite von der kleinen Nachbarschaftsbibliothek (local library) bis hin zur großen Forschungsbibliothek rangieren.99 Da eine klare Abgrenzung in unselbständige Zweigbibliotheken und eigenständige Verbundteilnehmer nicht in jedem Fall erkennbar ist, beschränkt sich die vorliegende Untersuchung auf die Zentraleinrichtungen oder Bibliotheken am Verbundsitz.

Die Hälfte dieser Bibliotheken mit einer durchschnittlichen Wochenöffnung von 57 Stunden bietet sonntäglichen Zugang, mit 75% besonders oft im Bundesstaat Maryland und am wenigsten mit 45% Sonntagsöffnung in Connecticut.100 Allerdings öffnen nur 41% dieser Einrichtungen sonntags das ganze Jahr über. Die anderen Institutionen nutzen gerade den Sonntag für eine zweimonatige Reduktion der Öffnungszeiten in den Sommerferien, allerdings regional unterschiedlich, denn in New Mexico und Washington ist bei keiner der untersuchten Bibliotheken die sommerliche Sonntagsschließung zu verzeichnen.

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Dagegen herrscht bei den kommunalen Bibliotheken ein großer Einklang bezüglich der sonntäglichen Öffnungsstunden, die sich mit nur sehr wenigen Ausnahmen grundsätzlich auf den Sonntagnachmittag verteilen. Im Durchschnitt sind die Institutionen sonntags vier Stunden von 13.00 bis 17.00 Uhr geöffnet und damit wesentlich kürzer als die Hochschulbibliotheken.

Abb. 4: Länge der Sonntagsöffnung an kommunalen Bibliotheken in den USA

Naturgemäß wirkt sich auch die Größe der Kommune auf die Bibliotheksöffnungszeiten aus. Kleinere Bibliotheken in Gemeinden mit unter 5.000 Einwohnern sind sonntags nur zu einem Drittel geöffnet, während die Zentralen der Großstadtbibliotheken an diesem Wochentag fast drei mal so häufig Einlaß gewähren. Trotz dieses augenfälligen Zusammenhangs zwischen der Sonntagsöffnungsquote und Einwohnerzahl, läßt sich keine kontinuierlich proportional ansteigende Relation zwischen diesen beiden Werten feststellen.

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Abb. 5: Relation zwischen Sonntagsöffnung und Gemeindegrößen in den USA

Schließlich ist aber der Sonntag, obwohl als Öffnungstag weit verbreitet, auch im kommunalen Bereich mit Abstand der häufigste Schließungstag. Nur zwei von 103 Bibliotheken schließen an einem anderen Wochentag und über 90% der Einrichtungen sind an mindestens sechs Tagen in der Woche geöffnet.101

Tab. 4: Öffnungstage pro Woche an den kommunalen Bibliotheken der USA

Öffnungstage pro Woche

7 Tage

6 Tage

5 Tage

4 Tage

3 Tage

Quote

47%

46%

4%

2%

1%

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Und in Zeiten sinkender Bibliotheksetats werden gerne die Öffnungszeiten am Sonntag gekürzt, ungeachtet der Tatsache, daß sich dieser oft als ausleihstärkster Wochentag erweist.102

3. National- und Landesbibliotheken

Die amerikanischen State Libraries sind nicht mit den deutschen Landes- oder Staatsbibliotheken gleichzusetzen. Die ebenfalls gebräuchliche Benennung State Library Agency wird ihrer Bedeutung eher gerecht, da sie ihre Rolle als Koordinierungs- und Fachstelle für das Bibliothekswesen des jeweiligen Bundesstaates bezeichnet, wobei das föderale System der USA auch in dieser Beziehung große Unterschiede hervorbringt. Viele Landesbibliotheken fungieren ferner als EDV-Verbundzentrale oder Archiv für Regierungs-dokumente und bedürfen in der Regel weniger ausgedehnter Öffnungszeiten als die gut frequentierten Kommunal- und Hochschulbibliotheken.103

Bibliotheken mit nationalem Sammelauftrag lassen sich dagegen an einer Hand abzählen. Die beiden großen Nationalbibliotheken, die National Library of Medicine und die National Agricultural Library, deren Entstehung jeweils auf das 19. Jahrhundert zurückgeht, haben beide ihren Sitz in Maryland und fließen mithin in die vorliegende Untersuchung mit ein. Neben der landesweiten Literaturversorgung kommt ihnen vor allem die Servicefunktion für umliegende Forschungsinstitutionen zu. Die Library of Congress mit Sitz in Washington, die als dritte zu den großen Nationalbibliotheken zu zählen ist, spielt dagegen aufgrund ihrer Doppelfunktion als zusätzliche Parlamentsbibliothek eine Sonderrolle.104

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Nicht eine der acht untersuchten National- oder Landesbibliotheken läßt Besucher am Sonntag zu und die Mehrzahl von ihnen auch nicht am Samstag. Mit durchschnittlich 46:30 Wochenstunden reicht dazu keine Einrichtung an die Mittelwerte der akademischen sowie kommunalen Bibliotheken heran. Und die Library of Congress hat im Zuge allgemeiner Etatkürzungen und Personaleinsparungen ihre Sonntagsöffnung nach jahrzehntelanger Praxis im Jahr 1994 aufgegeben.105

4. Zusammenfassung

Das Bibliothekswesen der USA ist stark vom Servicedenken geprägt und dabei werden gerade die Öffnungszeiten als maßgebliche Dienstleistung verstanden.106 Selbst in kleinen Kommunal- und Hochschulbibliotheken sind die 6-Tage-Woche und eine fünfzigstündige Wochenöffnung Standard. Deutsche Universitätsbibliotheken sind dagegen durchschnittlich an deutlich weniger Tagen im Jahr wesentlich kürzer geöffnet.107 Die starke Kundenorientierung in den Vereinigten Staaten wird auch an der flexiblen Handhabung der Öffnungszeiten ersichtlich, die gerade an den akademischen Einrichtungen speziell an die Nutzerbedürfnisse angepaßt sind und sowohl eine anspruchsvolle Organisationsplanung als auch eine hohe Anpassungsbereitschaft des Personals voraussetzen.

Je länger die Öffnungszeiten insgesamt sind, umso eher ist eine amerikanische Bibliothek auch am Sonntag geöffnet. Danach lassen fast sämtliche private Hochschulbibliotheken sonntags Besucher zu, während die Quoten bei den staatlichen Community Colleges und in den kleinen Kommunalbibliotheken wesentlich niedriger liegen. Völlig auf die Sonntagsöffnung verzichten die Staats- und Nationalbibliotheken, bei denen die Literaturversorgung vor Ort hinter überregionalen Aufgaben zurücktritt. Weniger entschei-dend sind dagegen regionale Unterschiede, die sich nur vereinzelt auf den Grad der Sonntagsöffnung auswirken.

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Grundsätzlich konzentriert sich der Bibliothekssonntag in den USA auf die Nachmittags-stunden, wobei die Hochschulbibliotheken nicht nur häufiger, sondern auch wesentlich län-ger sonntags öffnen als die kommunalen Institutionen. Einheitlich für alle US-amerikanischen Bibliotheken unterschiedlicher Größe, Lage und Funktion gilt jedoch die Aussage, daß der Sonntag bei einer standardmäßigen 6-Tage-Woche der häufigste Schließungstag ist. Dennoch ist die sonntägliche Bibliotheksöffnung mit einer Gesamtquote von 59% weit verbreitet und insbesondere bei Hochschulbibliotheken die Norm.

B. Sonntagsöffnung von Bibliotheken in ausgewählten europäischen Ländern

1. Dänemark

Der dänische Bibliothekssonntag findet ausschließlich im Winter statt. Die sonntags-geöffneten Bibliotheken des Landes bieten diesen Service grundsätzlich nur in den Monaten von Oktober bis März, da vermutlich die Literaturnachfrage in dieser dunklen Jahreszeit am höchsten ist. Gleichwohl sind dänische Bibliotheken auch an den Wintersonntagen in der Regel geschlossen. Nur eine einzige Hochschul- und nur knapp jede zehnte Kommunal-bibliothek bietet eine Sonntagsöffnung von durchschnittlich vier Stunden zwischen 12.00 und 16.00 Uhr an.108 Darunter sind neben zwei Kopenhagener Stadtteilbibliotheken die Stadt-bibliothek von Roskilde und die Zentralbibliothek von Odense die größten Einrichtungen.

Neue Tarifabschlüsse zu Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, durch die Sonntagszuschläge von 100% auf 50% reduziert wurden, begünstigten in Dänemark die Einführung des Bibliothekssonntags, der gerade in den vergangenen Jahren thematisiert wurde.109 Erfahrungen verschiedener Kleinstadtbibliotheken zeigen, daß sonntags bessere Ausleihzahlen als unter der Woche erzielt werden und speziell die Samstagsausleihen zurückgehen. Neben einer Erhöhung der Ausleihzahlen von 13,6% stiegen beispielsweise die Besucherzahlen in der Bibliothek Gørlev um 15,9% an.110 77% der befragten Sonntagsbesucher gaben an, die Bibliothek aufgrund der Sonntagsöffnung häufiger als zuvor aufzusuchen. Speziell Familien nahmen das Angebot eines gemeinsamen Bibliotheks-besuchs dankbar an und nutzten ebenso wie die anderen Leser die Bestände länger und intensiver als an anderen Wochentagen.111

2. Finnland

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Die Zeitschriftenlesesäle in öffentlichen Bibliotheken, die zumeist räumlich getrennt über einen eigenen Zugang verfügen, sind in Finnland traditionell sonntags geöffnet. Doch zu Beginn der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts begannen einige Einrichtungen auch die übrigen Bibliotheksdienstleistungen dem Sonntagspublikum zur Verfügung zu stellen.112 Begleitet wurden diese Neuerungen von einer hitzigen Debatte über die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten und Protesten von Teilen der Gewerkschaften.113 Die Beteilungs-bereitschaft des eigenen Bibliothekspersonals an den Sonntagsdiensten war dagegen aufgrund hoher Zuschläge und großzügiger Regelungen des Freizeitausgleichs zumeist unproblematisch, aber aufgrund von allgemeinen Personaleinsparungen nur durch Arbeitszeitflexibilisierungen und verkürzte Dienstdauer an den Vormittagsstunden zu erreichen.114 Zusätzliche Stellen oder Gelder für die Sonntagsöffnungen stellten die finanzschwachen Kommunen nicht zur Verfügung, so daß sich eine Stadtteilbibliothek von Helsinki den Bibliothekssonntag anfänglich durch Sponsoring finanzieren ließ.115

Die zum Teil großen organisatorischen Anstrengungen der Bibliotheken wurden durch einen hohen Publikumszuspruch belohnt. Obwohl am Sonntag die Öffnungszeit mit durchschnittlich vier Stunden wesentlich kürzer als unter der Woche ist, zählt er zu den ausleihstärksten Wochentagen.116 Besonders viel Andrang herrscht im allgemeinen mittags zwischen 12.30 und 14.30 Uhr. Nicht nur Familien und Berufstätige nehmen den neuen Öffnungstag sehr gut an, sondern ebenfalls alleinstehende ältere Menschen sind dankbar, den Sonntag „sinnvoll“ nutzen zu können.117

Inzwischen findet sich in fast jeder größeren Stadt zumindest eine kommunale Bibliothek mit Sonntagsöffnung, allein fünf in Helsinki, die dieses Angebot allerdings oft in den Sommer-monaten einschränken.118 Insgesamt sind es rund 15% aller öffentlichen Bibliotheken, die sonntags durchschnittlich von 11.40 bis 15.50 Uhr öffnen.119 Nicht durchgesetzt hat sich der Bibliothekssonntag dagegen im finnischen Hochschulwesen. Nur die Universitätsbibliotheken in Jyväskylä und in Turku120 bieten seit kurzem sonntägliche Öffnungsstunden an.121

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Abschießend ist noch von dem besonderen Service der Kinderabteilung der Stadtbücherei Vantaa zu berichten: Weihnachten in der Bibliothek. Als diese im Jahr 1990 die Sonntagsöffnung einführte, öffnete sie auch am Heiligenabend, um alleinstehenden Menschen mit etwas weihnachtlicher Atmosphäre und Pfeffernüssen einen angenehmen Aufenthalt zu bieten.122 Mit dem tatsächlichen Andrang hatte aber niemand gerechnet: Bis kurz vor Mitternacht besuchten bei 1300 Ausleihen über 2000 Leser die Bibliothek an diesem Tag, nicht nur Alleinstehende, sondern insbesondere viele Familien.123

3. Großbritannien

Mit der Liberalisierung der britischen Gesetze über die Sonntagsöffnung von Geschäften im Jahr 1994 (Sunday trading laws) 124 begann auf der Insel eine lebhafte Diskussion über die Öffnungszeiten öffentlicher Bibliotheken.125 Während Besuchszeiten am Sonntag bei akademischen Bibliotheken mit Ausnahme der Nationalbibliotheken mit einer Quote von über 80% traditionell weit verbreitet sind,126 waren Stadtbibliotheken bis zur Mitte der 90iger Jahre nur vereinzelt an diesem Tag geöffnet.127

Begleitet vom generellen Druck auf öffentliche Einrichtungen, stärker kundenorientierte Dienstleistungen zu erbringen, sowie von einem offiziellen Memorandum, in dem für den sonntäglichen Bibliotheksbesuch plädiert wurde,128 hat die Sonntagsöffnung kommunaler Bibliotheken in den vergangenen zehn Jahren, speziell im Großraum London, sprunghaft zugenommen. Angesichts stagnierender oder sinkender Bibliotheksetats und insgesamt zurückgehender Wochenöffnungszeiten von öffentlichen Bibliotheken bedingt der durchschnittlich knapp vierstündige Besuchereinlaß am Sonntagnachmittag zumeist einen Schließungstag unter der Woche.129 Auf diese Weise können die Einrichtungen zum einen der Anforderung, ausreichend Öffnungsstunden außerhalb der allgemeinen Bürozeiten anzubieten, nachkommen und zum anderen mit ihren ungewöhnlichen Öffnungszeiten eine hohe Außenwirkung erzielen. So schmücken die Bibliotheken ihre Internetauftritte beispielsweise an exponierter Stelle mit dem Slogans „Relax! The Central Library is open on a Sunday“ oder „Make your library part of your Sunday130 und die Bibliotheken in der Grafschaft Suffolk werben unter einem eigenen Domainnamen für ihre „Sunday Libraries“.131 In bibliothekarischen Stellenausschreibungen werden die „Sunday Superstars“ gesucht, auch wenn zur Akzeptanz der Sonntagsdienste durch die Bibliotheksmitarbeiter weniger die Aus-zeichnung des Personals als vielmehr die Zahlung von Zuschlägen sowie die strikte Einhaltung des Freiwilligkeitsprinzips beitragen.132 Gleichwohl kam es bereits zu einzelnen Gewerkschaftsprotesten gegen die Sonntagsbeschäftigung von Bibliotheksmitarbeitern. Die Bereitschaft des Personals der Public Library Sutton, die probeweise Einführung der Sonntagsöffnung mitzutragen, lag 1995 bei nur 40%.133

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Verknüpft mit einer genauen Evaluierung führte die Sutton Central Library 1996 als eine der ersten öffentlichen Bibliotheken Großbritanniens sonntägliche Besuchszeiten mit komplettem Serviceangebot von 13.30 bis 17.00 Uhr probeweise ein.134 Mit der Sonntagsöffnung verfolgte die Bibliothek drei Ziele: erstens das Dienstleistungsspektrum für die Kunden zu verbessern, zweitens neue Leser hinzuzugewinnen und drittens den Publikumsandrang an Samstagen zu reduzieren. Die Ergebnisse der Testphase zeigten, daß die Vorgaben nur zum Teil erfüllt wurden. Der Samstag als ausleihstärkster Wochentag wurde nur unwesentlich entlastet und rund die Hälfte des Stammpublikums bekundete bei zwei verschiedenen Benutzerbefragungen keinerlei Interesse an der Sonntagsöffnung. Auf der anderen Seite jedoch wurden mit der Sonntagsöffnung mehr neue Kunden geworben als ursprünglich erwartet. Insgesamt nahm die Anzahl neuer Leseausweise in der Testperiode um 6,5% über dem Durchschnitt zu und auch die sonntäglichen Besucherzahlen blieben trotz kürzerer Öffnungsdauer nur leicht hinter den werktäglichen zurück, ohne daß eine merkliche Abwanderung von den anderen Wochentagen zu verzeichnen war. Benutzerinterviews der Sonntagskunden ergaben, daß rund ein Drittel der Erstleser unter der Woche für einen Bibliotheksbesuch normalerweise zu beschäftigt war und weitere 20% der Befragten sonntags vor allem die freien Parkmöglichkeiten schätzten. Über die Hälfte der Besucher gab an, die Bibliothek bereits zuvor an einem Sonntag während der Testperiode aufgesucht zu haben. Die Befragungen zeigten zudem ein besonderes Profil des Sonntagspublikums, das sich überwiegend aus Familien, Studierenden sowie Berufstätigen, jedoch weniger Rentnern und Schülern, zusammensetzte.135 Beim Nutzungsverhalten war auffällig, daß sich die Besucher sonntags mehr Zeit zum Studieren, zur Zeitungslektüre und zum Sichten des Bestandes nahmen.136

Nach der insgesamt positiven Evaluierung der Testphase behielt die Sutton Central Library die Öffnungszeiten am Sonntag bei, der sich inzwischen zum betriebsamsten Besuchstag nach dem Samstag entwickelt hat.137

4. Niederlande

Am 17. Mai 1992 feierten die Niederlande „Hundert Jahre Bibliothek“ mit einer landesweiten Sonntagsöffnung der öffentlichen Bibliotheken. Geplant war, daß sich hundert Bibliotheken an dem Aktionstag beteiligen, tatsächlich nahmen aber 250 Einrichtungen teil. Mit einem einfallsreichen Festprogramm, das nicht nur Bibliotheksführungen, Flohmärkte und Lesungen, sondern auch Buchbindearbeiten, Puppenvorführungen, Verkauf von Bibliotheksausweisen zu reduzierten Preisen138 und Wertschätzung mitgebrachter Bücher und vielerlei mehr umfaßte, wurden trotz des schönen Sommerwetters insgesamt rund 175.000 Besucher angelockt. Die Stadtbibliothek Rotterdam nutzte die Gelegenheit, um das Publikum mit Hilfe eines Fragebogens über die geplante Einführung regulärer Sonntagsöffnungszeiten zu befragen. Mit über 80% Zustimmung fiel das Votum für den Bibliothekssonntag eindeutig aus.139

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Auch in den Niederlanden ist die Sonntagsöffnung öffentlicher Bibliotheken ein junges Phänomen. 1994 öffneten nur fünf Einrichtungen sonntags, im Jahr 2000 bereits doppelt so viele, vor allem die Zentralbibliotheken in den großen Städten. Im Durchschnitt beträgt die sonntägliche Öffnung 3:45 Stunden von 12.55 bis 16.40 Uhr und wird bei einigen Bibliotheken ähnlich wie in Dänemark nicht in den Sommermonaten angeboten.140

Insbesondere in der Stadtbibliothek Amsterdam hat sich die Sonntagsöffnung als großer Publikumsmagnet erwiesen. An einem verregneten Sonntag im Januar 1994 haben sich 600 neue Mitglieder angemeldet, es herrschte den ganzen Tag reger Betrieb und ständig bildeten sich Schlangen vor den Ausleih- und Rückgabeschaltern. Mit 400 gezählten Besuchern pro Stunde kamen weit mehr Personen als unter der Woche (273 pro Stunde) und an Samstagen (329 pro Stunde).141

In anderen niederländischen Stadtbüchereien war die Sonntagsöffnung nicht gleichermaßen erfolgreich. In Rotterdam wurden sonntags 223 neue Mitglieder gewonnen und in dem kleineren Leiden fünfzehn. In Heemstede stieg die Leserzahl nach Einführung der Sonntagsöffnung nicht an.142 Während in Rotterdam ein gleich starker Besucherandrang wie unter der Woche herrscht, ist es in kleineren Städten zum Teil ruhiger als werktags.143 Aus diesem Grunde sowie aus finanziellen Erwägungen haben die Stadtbibliotheken Leiden und Zwolle ihre Sonntagsöffnung wieder aufgegeben. In einer Befragung 2003 gaben die Leser der Stadtbibliothek Zwolle ausnahmslos an, die Sonntagsöffnung zwar sehr zu schätzen, aber ihren Bibliotheksbesuch grundsätzlich auch auf einen anderen Wochentag legen zu können.144

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Nach dem Eindruck des Personals der Stadtbibliotheken Amsterdam, Hemsteede und Leiden besuchen sonntags hauptsächlich einsame Menschen sowie Eltern, insbesondere berufstätige Männer mit ihren Kindern, die Bibliotheken und verweilen länger als an den Werktagen.145 Auch gehbehinderten Menschen kam die Sonntagsöffnung aufgrund der Parkplatzprobleme unter der Woche sehr entgegen.146 Allerdings fielen in Amsterdam Besucher auf, die weniger nach Medien als vornehmlich nach einem angenehmen Aufenthaltsort oder einem Gesprächspartner suchten.147 Beim Personal stieß die Sonntagsöffnung auf ein geteiltes Echo. Eine Befragung der Belegschaft der Stadtbibliothek Hemsteede erwies, daß nur eine Minderheit der Beschäftigten gegen die Sonntagsöffnung war, während 53% der Mitarbeiter der Universitätsbibliothek Delft die Einführung des Bibliothekssonntags ablehnten.148

Zahlreiche niederländische Bibliotheken sind jedoch in der Lage, auf freiwillige Arbeitskräfte, die sonntags einen Gehaltszuschlag von 75% erhalten, zurückgreifen zu können. Häufig kommen an diesem Wochentag Teilzeitkräfte oder Personal aus den Filialen zum Einsatz und die Rotterdamer Stadtbibliothek lieh sogar Mitarbeiter von Teilzeitfirmen aus. Allerdings reichten in der Stadtbibliothek Hemsteede auch zwei Festangestellte ihre Kündigung ein, da ihnen die Sonntagsarbeit zu beschwerlich war.149

Weniger umstritten ist der Bibliothekssonntag dagegen bei den niederländischen Hochschulbibliotheken, die in der Mehrzahl (56%) und wesentlich länger als die kommunalen Einrichtungen sonntags öffnen.150 Die durchschnittliche Öffnungszeit beträgt rund sechsein-halb Stunden und liegt zwischen 11.00 und 18.00 Uhr.151

5. Norwegen

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Mit nur wenigen Ausnahmen sind norwegische Bibliotheken sonntags traditionell geschlossen.152 Eine Änderung des Gesetzes über die Erwerbstätigkeit und Arbeitsumwelt153 erlaubte 1997 erstmals die Sonntagsöffnung von Bibliotheken und führte noch im selben Jahr zu einem geförderten Pilotprojekt zur Evaluierung sonntäglicher Öffnungszeiten, an dem sich zwei Kleinstadtbibliotheken und eine Großstadtbibliothek beteiligten.154 Die Auswertung von Besucherstatistiken und Befragungen ergab, daß einerseits der Leserzuspruch am Sonntag im Vergleich zu den anderen Wochentagen am geringsten ausfiel, andererseits aber dieser Tag von einem speziellen Publikum genutzt wurde. Obwohl im Verhältnis weniger Schüler und Jugendliche gezählt wurden, entwickelte sich der Sonntag zum Familientag. Im Gegensatz zu rund 20% unter der Woche kamen die Sonntagsbesucher zu über 50% in Begleitung eines Familienmitglieds und hielten sich länger im Gebäude auf. Eine überproportionale Zunahme neuer Kunden war dagegen nicht festzustellen.155

Auf die entscheidende Frage, ob der Bibliothekssonntag längeren werktäglichen Öffnungszeiten vorzuziehen sei, antwortete eine klare Mehrheit der Bibliothekskunden mit ja, wobei die Zustimmung in der Großstadtbibliothek mit knapp 70% am höchsten ausfiel.156

6. Schweiz

Mit der Veranstaltung des „1. Schweizerischen Bibliothekssonntags“ verfolgte der Verband der Bibliotheken und BibliothekarInnen der Schweiz (BBS) im Jahr 1997 anläßlich seines hundertjährigen Bestehens das Ziel, die Bürger und Bibliotheken des Landes für das Thema der Sonntagsöffnung zu sensibilisieren.157 Schon im folgenden Jahr zeigte der einmalige Aktionstag Wirkung, indem die Stadt- und Universitätsbibliothek Bern durch eine Petition der Studentenschaft zur Sonntagsöffnung aufgefordert wurde.158 Ein Jahr später führte mit der Kantonsbibliothek Baselland in Liestal die erste öffentliche Bibliothek der Schweiz den Bibliothekssonntag ein, begünstigt durch eine gleichzeitige Liberalisierung der Ladenschluß-zeiten. Landesweites Interesse weckte die Tatsache, daß sich die Bibliothek die zweijährige Erprobung der Sonntagsöffnung von einem Chemieunternehmen im Rahmen eines Sponsorvertrages finanzieren ließ.159

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Noch stellt die Kantonsbibliothek Baselland im öffentlichen Bibliothekswesen der Schweiz eine Ausnahmeerscheinung dar, während zwei Hochschul- und vier Institutsbibliotheken sonntägliche Öffnungszeiten anbieten, die im Durchschnitt 6:15 Stunden, von 11:15 bis 17:30 Uhr, dauern.160 Drei der sonntagsgeöffneten Bibliotheken liegen in der deutsch- Schweiz und vier im französischsprachigen Teil, so daß regionalen Unterschieden offenbar keine Bedeutung zukommt.

C. Ergebnis

Ohne das Vorliegen umfangreicher statistischer Daten ist eine Definition eines globalen Standards für Bibliotheksöffnungszeiten nicht zu leisten. Gleichwohl läßt sich die vorliegende Analyse des Bibliothekssonntags in den sieben Staaten als richtungweisend für internationale Trends bewerten, da den ausgewählten Ländern USA, Großbritannien, Niederlande und Skandinavien angesichts zahlreicher innovativer Bibliotheksentwicklungen für die westlichen Industriestaaten eine Vorbildfunktion zukommt.161

Eine Erhebung aus dem Jahr 2000, die darüber hinaus die Republiken Frankreich, Österreich und das Königreich Belgien miteinbezog, ergab, daß in diesen Regionen von wenigen Ausnahmen abgesehen die Sonntagsöffnung von Bibliotheken weder in der Praxis noch in der öffentlichen Diskussion von Bedeutung ist.162 Generell sind sonntägliche Öffnungszeiten von Bibliotheken in keinem der untersuchten europäischen Staaten selbstverständlich oder gar flächendeckend umgesetzt. Und auch in den USA, in denen die höchste Dichte sonntags-geöffneter Bibliotheken zu verzeichnen ist, bildet der Sonntag den häufigsten Schließungstag der Woche. Grundsätzlich ist der Bibliothekssonntag in Hochschulbibliotheken wesentlich häufiger vorzufinden als in den kommunalen Einrichtungen und erreicht in den USA, Großbritannien und den Niederlanden hohe Verbreitungswerte zwischen 56% und 82%. Die Sonntagsöffnung städtischer Bibliotheken nimmt jedoch kontinuierlich zu. Begünstigt durch eine länderübergreifende Liberalisierung von Ladenschlußzeiten und einer verstärkten Kundenorientierung stieg die Zahl öffentlicher Bibliotheken, die am frühen Sonntagnachmittag öffnen, um die letzte Jahrtausendwende sprunghaft an. Ohne daß ein Abschluß dieser Entwicklung zu erkennen wäre, bleibt die Sonntagsöffnungsquote kommunaler Einrichtungen in Europa indes noch deutlich hinten dem Standard der Vereinigten Staaten zurück, in denen durchschnittlich jede zweite Public Library sonntags Besucher empfängt. 163

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Die Evaluierung von Pilotprojekten zur Erprobung von Sonntagsöffnungszeiten in verschiedenen westeuropäischen Ländern zeigt vergleichbare Ergebnisse und Erkenntnisse: Mit Ausnahme weniger Kleinstadtbibliotheken erfreut sich die Sonntagsöffnung kommunaler Bibliotheken trotz des geteilten Echos der Belegschaft generell eines hohen Besucherzuspruchs, einer großen Außenwirkung und des Zugewinns neuer Kunden. Länderübergreifend wurde das Sonntagspublikum als spezielle und treue Nutzerschicht beschrieben, die sich insbesondere aus Berufstätigen, Familien und Studenten zusammensetzt, die oft in Begleitung kommen und sich im Verhältnis zu anderen Besuchern mehr Zeit für den Bibliotheksaufenthalt nehmen.164

Die Sonntagsöffnung ausländischer öffentlicher Bibliotheken beinhaltet grundsätzlich das komplette Serviceangebot durch eigene Bibliothekskräfte.165 Einschränkungen ergeben sich hingegen bezüglich der zeitlichen Gestaltung der Öffnungszeiten, die sich an der Nachfrage orientieren. Eine Beschränkung des Bibliothekssonntags auf die Wintermonate, Examens- oder Semesterzeiten sowie das Aussetzen in den Sommerferien sind im Ausland allgemein üblich und zeugen von einer großen Flexibilität sowohl beim Personaleinsatz als auch gegenüber den Nutzerwünschen. Nicht nur in dieser Hinsicht wirkt die anglo-amerikanische Praxis innovativ und kundenfreundlich im Vergleich zu den durchschnittlichen Bibliotheks-öffnungszeiten in Deutschland, denen sie in Zukunft als Richtschnur dienen mag.


Fußnoten und Endnoten

78  Bei der Frage, welchen Einfluß die Sonntagsöffnung von Bibliotheken auf die Häufigkeit der Wirtshausbesuche hat, standen sich zwei Ansichten gegenüber. Auf der einen Seite wurde argumentiert, daß der Aufenthalt in Bibliothekslesesälen eine echte Alternative zu den Geselligkeiten in Gaststätten böte, und auf der anderen Seite, daß sich der Bibliotheksbesuch gut mit einem Gang in die Kneipe verbinden lasse. Vgl. Hedges (1996), S. 34.

79  Peiser (1894), S. 5. Näheres zur Geschichte der Sonntagsöffnung im Kapitel 2.

80  Vgl. „Sonntags zum Schmökern in die Bib“ in „taz Bremen“ vom 11.7.2002.

81  Sonntagsöffnung der Kantonsbibliothek Baselland (2001), S. 13.

82  Universitätsbibliothek (1996).

83  Zur Untersuchungsmethode und genauen Auswahl der Länder, siehe in der Einleitung C 1 b und c.

84  Simon (1988), S. 72.

85  Simon (1988), S. 15 und 100.

86  Simon (1988), S. 99.

87  Simon (1988), S. 71.

88  Der Hinweis „Hours of operation are subject to change” ist folglich häufig auf den Internetseiten der Bibliotheken zu finden.

89 

Vgl. als Beispiele die Öffnungszeiten der Sheridan Library der Johns Hopkins University (http://www.library.jhu.edu/librarydean/exrel/about/hours/index.html) oder die Öffnungszeiten der James C. Kirkpatrick Library der Central Missouri State University (http://library.cmsu.edu/main/hours/

index.htm).

90  Zur genauen Auswahlmethode siehe Einleitung C 1 c.

91  Simon (1988), S. 71.

92  Simon (1988), S. 74 und Rovelstad (1988), S. 87.

93  Simon (1988), S. 78 und Rovelstad (1988), S. 89.

94  Bei zwei Einrichtungen ließen sich keine Öffnungszeiten ermitteln.

95  Darunter mindestens eine jüdische Hochschule.

96  Die Größe der Hochschule hängt grundsätzlich nicht mit ihrem Status als private oder staatliche Einrichtung oder der Sonderform als Community College zusammen.

97  Als besonders fragwürdig wird bei der aktuellen Debatte zumeist die Nachtöffnung beurteilt; vgl. Engel (2002), S. 95ff.

98  Engel (2002), S. 106.

99  Simon (1988), S. 104 und S. 31ff.

100  Siehe oben, Tab. 2.

101  Neben dem Sonntag sind Montag, Freitag und Samstag die häufigsten Schließungstage.

102  Vgl. Hennessy (1985), S. 26; „How United States Libraries Are Responding to Local or State Budget Cut“ (http://www.palibraries.org/national_cuts.doc) und „Sunday Hours Restored at the Fordham Library Center in the Bronx“ (http://www.nypl.org/press/fordhamhours.html).

103  Simon (1988), S. 23.

104  Simon (1988), S. 39f.

105  American Libraries 1994, S. 376.

106  Simon (1998), S. 73.

107  Reichmann (2001), S. 85 und S. 87 und vgl. Kap. 3.

108  Verch (2002), S. 57.

109  Kisbye (1992), S. 25.

110  Vgl. „Evaluering af forsøg med søndagsåbning på Gørlev Bibliotek“ (http://www.goerlev-bib.dk/nyheder.asp).

111  Kisbye (1992), S. 26.

112  Myllylä (1997), S. 116.

113  Myllylä (1997), S. 118, Koistinen (1997), S. 115 und Koivunen (1991), S. 15.

114  Koivunen (1991), S. 15 und Myllylä (1997), S. 116.

115  Myllylä (1997), S. 116.

116  Koivunen (1991), S. 15.

117  Myllylä (1997), S. 117 und 119.

118  In Turku öffnet allerdings nur der Lesesaal der zentralen Stadtbibliothek sonntags.

119  Verch (2002), S. 60f.

120  Von 12 bis 16 Uhr.

121  Verch (2002), S. 59.

122  Weihnachten wird in Finnland ebenso wie in Deutschland bereits am 24. Dezember gefeiert.

123  Koivunen (1991), S. 15.

124  Die Bibliotheksöffnungszeiten waren von der Gesetzesänderung nicht betroffen und auch bislang nie durch gesetzliche Vorschriften reglementiert, vgl. Hedges (2002).

125  Milton (1996), S. 143, Hedges (2002) und „Sunday Opening of Libraries“ (http://www.librarianscf.org.uk/sundays.htm).

126 

Verch (2002), S. 62f und „Sunday Opening of Libraries“ (http://www.librarianscf.org.uk/sundays.

htm). Zahlreiche britische Universitätsbibliotheken bieten sonntags während des Semesters nur einen eingeschränkten Service.

127  Hedges (1996), S. 31.

128  „Memorandum submitted by Libraries for Life for Londoners“ (http://www.parliament.the-stationery-office.co.uk/pa/cm199900/cmselect/cmcumeds/241/0021706.htm).

129  Hedges (2002) und Verch (2002), S. 64f.

130  Aufgegeben von der Essex County Library, vgl. Hedges (2002) und Verch (2002), S. 65.

131  „Sunday libraries make it part of your routine“ (http://www.sundaylibraries.co.uk).

132  Hedges (2002).

133  Milton (1996), S. 143 und Verch (2002), S. 66.

134  Die dreimonatige Versuchsphase verursachten insgesamt Kosten von 6.000,- Pfund, vgl. Milton (1996), S. 143ff.

135  Der Anteil der Vollzeitbeschäftigten lag sonntags um 20% höher als unter der Woche.

136  Milton (1996), S. 143ff.

137  “Sunday Opening of Libraries” (http://www.libraries.org.uk/sundays.htm).

138  So bot die Stadtbibliothek Amsterdam ihre Halbjahreskarte zum halben Preis an und konnte allein dadurch an diesem Sonntag rund 100 neue Mitglieder gewinnen.

139  Haasjes (1992), S. 231ff.

140  Verch (2002), S. 67f.

141  Janssen (1994), S 8 und 10.

142  Allerdings standen sonntags aufgrund verwaltungstechnischer Probleme keine Computerzugänge zur Verfügung, vgl. Janssen (1994), S. 8f.

143  Janssen (1994), S.10.

144  „Boeken lenen op zondag krijgt geen vervolg“. - In: „Zwolse Courant“ vom 9.7.2003.

145  Janssen (1994), S. 9, S. 10 und S. 12.

146  Janssen (1994), S. 10. Auch in England wurden ebenso wie in den USA die besseren Parkmöglichkeiten als Vorteil der Sonntagsöffnung geschildert; vgl. Hennessy (1985), S. 26 und Milton (1996), S. 144.

147  Janssen (1994), S. 8.

148  Orsel (1997) und Jansen (1994), S. 9.

149  Janssen (1994), S. 11f.

150  Die langen Sonntagsöffnungszeiten von 13:30 Stunden der Bibliothek der Technischen Universität Eindhoven unterliegen jedoch der Einschränkung, daß diese nur während der Examenszeiten gelten.

151  Verch (2002), S. 66f.

152  Unter den großen Einrichtungen ist nur die Sonntagsöffnung der Universitätsbibliothek Trondheim bekannt.

153  § 44 II j des Lov om arbeidervern og arbeidsmiljø m.v. vom 4.2.1977.

154  Während die Volksbibliothek in der Großstadt Trondheim in den Wintermonaten September bis April sonntags weiterhin Besucher empfängt, wurde der Bibliothekssonntag in Larvik und Steinkjer wieder aufgegeben.

155  Markussen (1999), S. 20f.

156  Diese Befragung wurde nicht sonntags, sondern werktags durchgeführt; vgl. Markussen (1999), S. 21.

157  Siehe auch Einleitung unter D und vgl. „Wenn der Sonntag zum Büchertag wird.“ in „Aargauer Zeitung“ vom 24.05.1997; „Le dimanche des bibliothèques“ in „Nouvelliste“ vom 23.5.1997; „Schweizerischer Bibliothekstag in der Thurgauischen Kantonsbibliothek“, Pressemitteilung des Kantons Thurgau vom 22.5.1997; „Schweizerischer Bibliothekstag“ (http://www.ub.unibas.ch/whatsnew/ubn00021.htm); „Jahresbericht 1997“, S. 3 (http://www.zhbluzern.ch/jahresbericht/jb97.pdf).

158  Siehe auch Einleitung zu Kapitel 6.

159  Inzwischen werden die Kosten der nunmehr regulären Sonntagsöffnung vom kantonalen Träger übernommen. Näheres zur Sonntagsöffnung der Kantonsbibliothek Baselland im Kap. 6 A 3.

160  Neben der Kantonsbibliothek Baselland in Liestal die ETH-Bibliothek in Zürich, die Stadt- und Universitätsbiblitohek Bern, die Bibiothèque de la Faculté de droit in Freiburg; die Bibliothèque de la Faculté de Sciences Economiques et Sociales der Universität Genf, die Bibliothèque de la Faculté de médecine der Universität Genf sowie die Bibliothèque de la Faculté de Droit der Universität Genf (die Genfer Biblitoheken öffnen jeweils sonntags von 14.00 bis 18.00 Uhr). Gegenüber der Untersuchung aus dem Jahr 2002 hat sich damit die Zahl der sonntagsgeöffneten Bibliotheken verdoppelt und ergibt im wissenschaftlichen Bereich eine Quote von rund 10%; vgl. Verch (2002), S. 70.

161  Beispielsweise bei der Entwicklung des Neuen Steuerungsmodells für Bibliotheken, der Internetnutzung, der Informationsvermittlung, von Chat-Angeboten u.ä.

162  Zwar sind in Frankreich die großen Pariser Einrichtungen, die Bibliothèque Publique d’Information im Centre Pompidou und die Bibliothèque Nationale in Tolbiac sonntags geöffnet, stellen mit diesen Besuchszeiten aber eine große Ausnahme dar. In Belgien kann man – trotz der Nähe zu den Niederlanden - von einer durchgehenden Sonntagsschließung der Bibliotheken sprechen; vgl. Verch (2002), S. 57ff.

163  Vgl. auch Sonntagsöffnung der Kantonsbibliothek Baselland (2001), S. 2.

164  Vgl. auch Hennessy (1985), S. 26.

165  Einige Bibliotheken bieten auch spezielle Sonntagsangebote, die über den allgemeinen Service unter der Woche hinausgehen. Vgl. „Sunday libraries make it part of your routine.“ (http://www.sundaylibraries.co.uk).



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21.10.2005