Ergebnisse

↓201

Im Gegensatz zu anderen Kultur- und Freizeiteinrichtungen wie den Theatern, Kinos oder Museen sind Bibliotheken im Allgemeinen sonntags nicht zugänglich. Nur 1% der kommu-nalen öffentlichen Bibliotheken und 4% der Hochschulbibliotheken öffnen an diesem Wochen-tag. So gering diese Anteile jeweils erscheinen, unterliegen sie seit einigen Jahren einer hohen Wachstumsrate, so daß der Bibliothekssonntag im neuen Jahrtausend inzwischen von zahlreichen namhaften Institutionen angeboten wird und im Hochschulbereich nicht mehr als ungewöhnliche Ausnahmeerscheinung oder gar Tabubruch anzusehen ist.

↓202

Auch in den west- und nordeuropäischen Nachbarländern Dänemark, Finnland, Groß-britannien und den Niederlanden ist mit der Liberalisierung des Ladenschlusses in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts ein hoher Anstieg sonntagsgeöffneter Bibliotheken, insbe-sondere der Stadtbüchereien, zu verzeichnen. Das Niveau der Vereinigten Staaten von Amerika, in denen nach alter Tradition jede zweite Public Library und rund Dreiviertel der Hochschulbibliotheken sonntags öffnet, wird in Europa jedoch nicht erreicht.

Bereits vor hundert Jahren galt die Kundenorientierung der amerikanischen Gebrauchsbibliothek als wegweisend für die neugegründeten Lesehallen, die entsprechend den Forderungen der Bücherhallenbewegung ausreichende Öffnungszeiten für alle Bevölkerungsschichten anboten, oftmals in den Abendstunden und am Sonntag. Während die Zugänglichkeit der städtischen Institutionen außerhalb der allgemeinen Arbeitszeiten nach dem Ersten Weltkrieg flächendeckend eingeschränkt wurde, hatte sie sich im Hochschulbereich zu keiner Zeit durchgesetzt. Erst mit den Neugründungen der 60er und 70er Jahre experimentierten die ersten zentralen Hochschulbibliotheken mit der Sonntags-öffnung. Eine verstärkte Dienstleistungsorientierung ebenso wie die zunehmende Bedeutung der Internet- und Präsenznutzung vor Ort führten am Ende des 20. Jahrhunderts zu einem starken Anstieg des Bibliothekssonntags gerade bei den großen Universalbibliotheken sowie den Fachbereichsbibliotheken mit juristischem und medizinischem Schwerpunkt. Während ein Ende dieser Entwicklung nicht absehbar ist und entsprechend den Ankündigungen demnächst auch die ersten Großstadtbibliotheken erfaßt, verbleiben die Öffnungszeiten der meisten Fachhochschul-, Regional- und Kommunalbibliotheken auf niedrigem Niveau, das hinter den Leistungsmerkmalen des Positionspapiers Bibliotheken ’93 in der Mehrzahl weit zurückbleibt. Im Gegensatz zu den zahlreichen ehrenamtlichen Büchereien in kirchlicher Trägerschaft und den vereinzelten kleinen öffentlichen Bibliotheken mit Sonntagsöffnung gehen die großzügigen Bibliotheksöffnungszeiten im Hochschulbereich in der Regel mit Serviceeinschränkungen, insbesondere der Ausleihe und der bibliothekarischen Fachauskünfte, einher. Es bildet sich eine Unterscheidung heraus in „Kernöffnungszeiten“ auf der einen Seite, die zu den Dienstzeiten des Bibliothekspersonals das komplette Dienstleistungsangebot gewährleisten, und auf der anderen Seite „Ergänzungsöffnungs-zeiten“, bis hin zur durchgehenden 24-Stunden-Öffnung, als zusätzliche Erweiterung, die ein minimales Serviceangebot ohne Einhaltung fachlicher Standards aufgrund des alleinigen Einsatzes studentischer Hilfskräfte oder privater Wachdienste beinhalten.

Obgleich die weitgehenden Mitbestimmungsrechte der Personalvertretung und das fehlende Direktionsrecht des Arbeitgebers nach dem Bundesangestelltentarifvertrag die Durchsetzung der Sonntagsarbeit für das hauptamtliche Stammpersonal erschweren, ist aus den gesetz-lichen Vorschriften, namentlich dem Arbeitszeitgesetz und den jeweiligen Sonn- und Feiertagsgesetzen der Länder, kein Verbot für den Bibliothekssonntag zu entnehmen. Vielmehr ist die Sonntagsöffnung für alle Bibliothekstypen und Beschäftigungsformen zulässig, werdende Mütter und Jugendliche unter 18 Jahren sowie Arbeitsvorgänge, die nicht direkt dem Publikum vor Ort zugute kommen, ausgenommen.

↓203

Obwohl die Sonntagsöffnung eine starke Belastung für die Belegschaft darstellt, ist diese nicht generell gegen eine entsprechende Ausweitung des Serviceangebots eingestellt. Die Befragung der Bibliotheksmitarbeiter von drei verschiedenen Einrichtungen ergab vielmehr ein geteiltes Meinungsbild und Zustimmungswerte zum Bibliothekssonntag, die zwischen 31% und 71% schwankten und sich nicht von den persönlichen Lebensumständen beeinflußt zeigten. Eine umso engere Korrelation bestand dagegen zwischen der Überzeugung vom Sinn der Sonntagsöffnung und dem eigenen Arbeitseinsatz. Wer das sonntägliche Dienstleistungsangebot als nützlich erachtet, ist fast ausnahmslos bereit, dieses selbst mitzutragen, nach Möglichkeit jedoch nicht länger als acht Stunden, nicht öfter als einmal im Monat und nicht am Abend. Ein großzügiger Freizeitausgleich wirkt zudem motivierend ebenso wie die Überzeugung, daß die Personalsituation durch Sonntagsarbeit nicht zusätzlich belastet wird.

Ebenfalls heterogene Zustimmungswerte für die einzelnen Bibliotheken zwischen 1% und 43% ergab die Sekundäranalyse von Besucherbefragungen zur Thematik sonntäglicher Öffnungszeiten. Während die Nachfrage nach der Sonntagsöffnung an Fachhochschul-bibliotheken und an den Fachbereichsbibliotheken naturwissenschaftlicher und technischer Ausrichtung gering ausfällt, bekunden die Nutzer zentraler Hochschulbibliotheken als auch medizinischer und juristischer Fachbereichsbibliotheken ein hohes Interesse, insbesondere Berufstätige, Auswärtige und Studierende höherer Semester. Generell favorisieren die Befragten an den nordrhein-westfälischen Hochschulbibliotheken ebenso wie an der Stadtbibliothek Bremen in der Mehrzahl aber die Option einer Verlängerung der werktäglichen Öffnungszeiten. Andererseits zeigen die Praxiserfahrungen, auch aus dem Ausland, sehr hohe sonntägliche Besucherfrequenzen, die gerade im kommunalen Bereich die Werte der anderen Wochentage oftmals übertreffen. Einhellig wird berichtet, daß die sonntäglichen Besucher dem Bibliotheksaufenthalt einen hohen Stellenwert beimessen, ihn länger ausdehnen und häufiger in Begleitung anderer Personen kommen als unter der Woche. Nicht nur die intensiven Nutzer des Bibliothekssonntags indes, sondern insgesamt über 20.000 Befragte erheben die Öffnungszeiten zur wichtigsten bibliothekarischen Dienstleistung.

Die Bedeutung optimaler Öffnungszeiten, die zum einen die maximale Ausnutzung der Bestände und zum anderen die zeitliche Chancengleichheit im Zugang zur öffentlichen Literaturversorgung gewährleisten, wird im deutschen Bibliothekswesen vielfach verkannt. Die mangelnde statistische Erfassung, fehlende qualitative Nutzungsanalysen sowie das flächendeckende Nichteinhalten vorgegebener Leistungsmerkmale seien als Indizien genannt. Dennoch ist das Thema so präsent wie selten zuvor: In regelmäßigen Abständen erscheinen Pressemitteilungen mit folgendem Tenor: „Studium auch am Sonntag“ –„Marathon-Bibliothek“ - „Zu viele Leser“ – „7-Tage-Woche in der Bayerischen Staatsbibliothek“ – „Grundstein für 24-Stunden-Bibliothek in Karlsruhe gelegt“ – „Sonntags zum Schmökern in die Bib?“ – „Ungewöhnliche Studentenrevolte“ - „Projekt Sonntags-bibliothek“.940 Ist der neue Trend zur Sonntagsöffnung nur ein äußeres Anzeichen für ähnlich maßgebende Veränderungen im Bibliothekswesen wie vor hundert Jahren durch die Bücherhallenbewegung? Der Blick ist jedoch weniger zurück als nach vorn gerichtet und wird neben den technischen Herausforderungen maßgeblich vom Dienstleistungsgedanken sowie dem Ziel einer effizienten Ressourcenverwaltung geprägt. Vorbilder moderner Bibliotheks-verwaltung bieten neben den Niederlanden und Skandinavien gerade die angelsächsischen Staaten, die sich als Geburtsländer des Bibliothekssonntags rühmen dürfen.

↓204

Auch für Deutschland ist grundsätzlich eine stärkere Verbreitung sonntäglicher Bibliotheks-öffnungszeiten in Abstimmung auf die jeweiligen Besucherbedürfnisse und mit größt-möglicher Rücksichtnahme auf die Interessen der Mitarbeiter gerade für die öffentlichen Bibliotheken zu wünschen, damit sich diese unter Ansprache neuer Nutzerschichten als zentrale städtische Treffpunkte am Wochenende etablieren können.


Fußnoten und Endnoten

940  Siehe Verzeichnis der Zeitungsartikel und Pressemitteilungen im Anhang.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
21.10.2005