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1  Problematik

„Wissen ist heute die wichtigste Ressource in unserem rohstoffarmen Land. Wissen können wir aber nur durch Bildung erschließen. Wer sich den höchsten Lebensstandard, das beste Sozialsystem und den aufwendigsten Umweltschutz leisten will, der muss auch das beste Bil­dungssystem haben.“ 1)


Die Beschreibung von Bildung in Europa, als Fundament wirtschaftlicher Konjunktur und die damit verbundene Globalisierung von Bildungszielen, erfährt, trotz zahlreicher gemeinsamer Auffassungen, durch die Bereitschaft und die innerdeutschen Möglichkeiten politischer und wirtschaftlicher Agilität ihre spezifische Auslegung und ihre gegenwärtige Begrenzung.


Noch vor 10 Jahren waren die Berufe im Berufsfeld „Agrarwirtschaft“ bundesweit mit hohen Ausbildungszahlen vertreten. Nach Jahren mit fallender Tendenz zeigt die Entwicklung der Ausbildungszahlen seit 1995 wieder eine positive Richtung - und das vor allem in der Ausbil­dung von Gärtnern/Gärtnerinnen. Ursache für diesen Trend ist nach Lambers (1999) vor allen Dingen die Integration der neuen Bundesländer. Allerdings glaubt er, dass nicht alle Chancen konsequent genutzt wurden, welche die ehemalige ostdeutsche Berufsausbildung in das bundesdeutsche Berufsausbildungssystem hätte mit einbringen können. Diese Kritik bezieht sich vor allem auf die in der ehemaligen DDR betriebene enge Verzahnung von Theorie und Pra­xis.


„Bildung ist für die deutsche Wirtschaft zu einem festen Wettbewerbsfaktor von nationaler und internationaler Bedeutung geworden.“ 2 )

Mit dem Ziel qualifizierte, motivierte und leistungsfähige Fach- und Führungskräfte heranzu­bilden, verbinden sich berufliche Anforderungen nach Flexibilität, Mobilität, Selbstständig­keit, Eigenverantwortung, Teamgeist und fachübergreifenden beruflichen Fähigkeiten. Der zukünftige Gärtner/die Gärtnerinsollte auch in vor- und nachgelagerten Bereichen der Ag­rarwirtschaft einsetzbar sein. Diesem hohen Anspruch kann man nur durch lebenslanges Ler­nen genügen. Nach Lambers (1999) ist Bildung ein Produktionsfaktor mit einer bestimmten messbaren Qualität, mit verschiedenen Produktionseigenschaften und einem entsprechenden Preis am Markt. Pauschale Aussagen, wie: mit Bildung wird kein Geld verdient- Bildung kostet nur viel Geld, müssen überholt sein. Politische Lippenbekenntnisse, wie: „Wer nicht in die Bildung investiert, verbaut sich die Zukunft.“ 3 ), verpuffen schnell, wenn die erforderlichen Finanz- und Personalressourcen nicht dauerhaft zur Verfügung stehen.


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Um dem Wunsch der Wirtschaft nach einem Gärtner/einer Gärtnerin zu entsprechen, der/die beruflich handlungsfähig ist, das heißt am Arbeitsplatz ohne längere Einarbeitungsphasen zum Einsatz kommt und die Befähigung zum selbstständigen Planen, Durchführen und Kon­trollieren von Arbeitsprozessen besitzt, ist es erforderlich, die Leistungsfähigkeit der Berufs­schulen zu steigern.

Diese Forderung stellt auch das Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsausbildung (1999): „Für die Leistungsfähigkeit der Berufsschulen ist eine gute Ausstattung mit aktuellen Unterrichtsmitteln erforderlich- insbesondere mit EDV und modernen Medien einschließlich technischer Möglichkeiten des Selbstlernens- die sich am aktuellen Standard in den jeweili­gen Ausbildungsberufen orientieren.“ 4 ) Damit die Berufsschulen angesichts der innovativen Veränderungen in der Wirtschaft in der Lage sind, ihren wichtigen Beitrag in der Ausbildung zu leisten, müssen sie wie ein modernes Dienstleistungsunternehmen geführt werden. Die Verfasserin teilt die Meinung des Kuratoriums, dass dazu Gestaltungsfreiräume in finanziel­ler, personeller und inhaltlicher Hinsicht gehören.


Nach Tully, 1994, wächst die Rechnerausstattung der Schule zwar relativ zügig, jedoch nicht bundesweit einheitlich und auch nicht in gleichem Maße bei jedem Schultyp. Er analysierte 1994 u.a. die Rechnerausstattung beruflicher Schulen des Bundeslandes Baden-Württemberg und stellt ungewollt die Frage in den Raum, ob sich in der Gegenwart hier eine Angleichung vollzogen hat und ob der dargestellte Trend in der Relation Gültigkeit für alle Bundesländer hat:


Tab. 1: Rechnerausstattung beruflicher Schulen (1994, Bundesland Baden-Württemberg, die Verfasserin)

Kaufmännische Schulen

zu 96% mit EDV-Anlagen ausgestattet;

häufig allerdings Minimalausstattung

Gewerbliche Schulen

69% aller Schulen verfügen über EDV-

Anlagen; hier gilt die gleiche Einschränkung, wie für den kaufmännischen Bereich

Haus- und Landwirtschaftliche Schulen

nur 10% verfügen über EDV-Anlagen

(Tully, 1994) 5 )


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Zwischenzeitlich hat sich diese Darstellung relativiert. Bundesweit ist allen Schulen zur Be­rufsausbildung im Berufsfeld „Agrarwirtschaft“ der Zugriff auf Rechentechnik ermöglicht. Das ist jedoch nicht gleich zu setzten mit:

generell hauseigenen Computerkabinetten

den Klassenfrequenzen entsprechenden und ausreichenden Arbeitsplätzen

modernster Ausstattung, angepasst an die rasante Entwicklung auf dem IT-Markt


Zudem stellen einheitliche bundesdeutsche Rahmenlehrpläne der Kultusministerkonferenz zwar sicher, dass der Kommunikation mittels digitaler Medien Raum eingeräumt wird, lassen jedoch die Fragen

nach geeigneten Anwendersoftwarevorschlägen für die Bildungseinrichtungen und

nach der Realisierung des Bildungsvorlaufs Lehrender offen.


Der CBT-Markt (CBT= Computerbased Training) ist nicht nur eine neue Herausforderung für viele klassische Verlage, wie die Hersteller so genannter Printmedien, sondern zunehmend auch für Firmen des Industrie- und Dienstleistungssektors von Interesse.


Abb. 1: Produzenten von Lernprogrammen (nach Tully, 1994)

 

Legende:

  

1

Software-Hersteller

2

Computerverlage

3

Verlage

4

Firmen aus der EDV-Branche

5

Branchenfremde Firmen

6

Schulen

7

Universitäre Einrichtungen

8

Zentrale Institutionen für Bildung


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Es bleibt dem Interesse und der Vorbildung des Lehrenden überlassen den Markt zu über­schauen und Lernsoftware zu selektieren, die schulnah konzipiert wurde und dem Ausbil­dungsprofil entspricht. „Da sich die Brauchbarkeit von Programmen erst (nach dem Kauf) im praktischen Vollzug beurteilen lässt, ist absehbar, dass viel Energie und Zeit für unsinnige, unvollständige, falsche und fehlerhafte Programme aufgewandt wird.“ 6 )

Zeit, zu Lasten von Aktivitäten, wie: Arbeit, Lernen, Freizeit...

Damit bestätigt sich, was zahlreiche Kritiker (Weizenbaum 1993, Postmann 1992, Brunnstein 1990),mit Blick auf die aus der techno-kommerziellen Chaotik des Computermarktes hervor­gehende Unsicherheit, hervorgehoben haben: was technisch funktioniert, muss noch lange nicht effizient sein.


Nach Lübcke (1999), Bildungsreferent des DGB, sind Berufsbildungsstandards soziale Stan­dards. Lebenslanges Lernen beginnt bereits in der Erstausbildung und erstrebt eine umfassen­de Qualifizierung. Teilqualifizierungen sind unökonomisch und nur dort gerechtfertigt, wo Jugendliche mit besonders schwierigen Leistungs- und Sozialvoraussetzungen modulare Aus­bildungskonzepte zur Integration in den Arbeitsmarkt benötigen. Vielmehr ist eine Reform der dualen Ausbildung in Richtung Europa vorzunehmen, was nicht zuletzt auch einschließt, dass jeder EU-Bürger über seine Muttersprache hinaus zwei weitere Fremdsprachen be­herrscht. Um diesen Prozess finanzierbar zu machen, greift Lübcke (1999) nach Bildungs­zentren und freien Bildungsträgern. Sein Bildungskonzept lautet:„...fördern statt auslesen.“ 7 ),


Damit entspricht er indirekt dem Gedanken des Kuratoriums der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung: „... - Begabtenförderung in der beruflichen Bildung verstärken...“ 8 ).


Wenn die Forderung nach Berufsausbildung zunehmend zur Vorbedingung für die Integration in das Arbeitsleben wird, bedeutet das gleichzeitig, dass die Beschäftigungsmöglichkeiten für Ungelernte weiter rückläufig sind. Gegenwärtig sind etwa zwei Drittel der Arbeitslosen ohne abgeschlossene Ausbildung. Die Arbeitsmarktforschung geht davon aus, dass bis zum Jahre 2010 weitere 40 Prozent der einfachen Arbeitsplätze von 1997 entfallen. Dies bedingt noch mehr differenzierte Ausbildungs- und Qualifizierungskonzepte für die unterschiedlichen Be­gabungs- und Leistungsprofile.


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In Bündelung der Darlegungen stellt sich die Verfasserin im Rahmen ihrer Arbeit punktuell und im Ansatz nachgelagerter, ganzheitlich-konträrer Situation:


Pro:

1.

Forderung nach komplexem Denken, Flexibilität, Mobilität, Selbstständigkeit, Eigenverantwortung, Teamgeist und fachübergreifenden beruflichen Fähigkeiten bei Facharbeitern und potenziellen Führungskräften im Sinne lebenslangen Lernens

2.

Forderung nach Erhöhung der Effizienz der Berufsschulen

3.

Forderung nach differenzierten Ausbildungs- und Qualifizierungskonzepten für unter­schiedliche Begabungs- und Leistungsprofile


Contra:

4.

bundesweite Differenzierung in Möglichkeiten und Ausstattungen der Schulen mit ange­passter und moderner Computertechnik durch die Bildungsträger

5.

Mangel an geeigneter Anwendersoftware, speziell im Berufsfeld „Agrarwirtschaft“

6.

mangelhafter Bildungsvorlauf der Lehrenden, die mittels moderner Medien den Fachun­terricht methodisch modifizieren sollen


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26.04.2004