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1  Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Thema gesellschaftlicher Eingriffe in die Evolution. Die ursprüngliche Frage war, wie, warum und mit welchen Folgen Gesellschaften in die Evolution nicht-menschlicher Arten eingreifen. Tier- und Pflanzenzucht sollten dabei als rekursiver Interaktionsprozess zwischen Gesellschaft und ihrer naturalen Umwelt theoretisch und empirisch analysiert werden. Die empirische Analyse sollte sich auf Österreich von 1830 bis heute beziehen, also im wesentlichen den Zeitraum der industriellen Modernisierung umfassen. Ziel war es gesellschaftliche Umweltprobleme an einem konkreten Beispiel, als Ergebnis von Gesellschaft - Natur Koevolution zu beschreiben, und damit auch näher zu bestimmen, was gesellschaftliche Umweltprobleme eigentlich sind, und wodurch sie entstehen.

Zur Behandlung dieser Frage stand die Theorie „Kolonisierung von Natur“ [Fischer-Kowalski, 97; Fischer-Kowalski, 97] Pate. Obwohl diese Theorie schon sehr elaboriert war, zeigte sich bald, dass sie für die Fragestellung gesellschaftlicher Eingriffe in die Evolution in zentralen Bereichen gar nicht oder nicht hinreichend ausgearbeitet war (Haberl und Zangerl-Weisz 1997). Ich konnte weder auf eine genauere mit dem Kolonisierungskonzept kompatible Bestimmung von Gesellschaft noch von Koevolution zurückgreifen. Dies war jedoch notwendig, um eine mit der Theorie konsistente und von dieser angeleitete empirische Umsetzung zu entwickeln. Gleichzeitig wurde klar, dass mit der Hineinnahme von gesellschaftstheoretischen und evolutionstheoretischen Fragen, nahezu unüberschaubar große Wissenschaftstraditionen ins Blickfeld kommen würden, die man nicht einfach kurz und bündig abhandeln kann. Ebenso wenig schien es möglich, diese auch nur annähernd vollständig zu rezipieren und die notwendige Weiterentwicklung der Kolonisierungstheorie für die Frage nach Eingriffen in die Evolution darin wissenschaftlich zu positionieren.

Sich andererseits auf allzu ungeklärtem und ungesichertem theoretischen Boden um Empirie zu bemühen hätte zur Folge, dass methodische Entscheidungen ad hoc, und vor dem Hintergrund eines unreflektierten Alltagsverständnisses getroffen werden und damit notwendig Einzelfall bezogen bleiben. Empirische Daten sind nur so gut wie die Methode, mit der sie gewonnen wurden. Man braucht Theorie um zu wissen, welche Daten man erheben soll, wie man sie erheben soll, man braucht sie weiters, um die Ergebnisse interpretieren zu können. Umgekehrt braucht man theoriegeleitete empirische Ergebnisse um die Theorie selbst weiterentwickeln zu können, d.h. Ergebnisse können die Theorie bestätigen, widerlegen, kritisieren und so weiterentwickeln.

Notgedrungen greift man also immer auf theoretische Vorstellungen zurück. Die Frage ist nur, wie reflektiert, bewusst und wissenschaftlich begründet sind diese Vorstellungen. Ohne Vorannahmen, d.h. ohne Kontextwissen, kann man nichts beobachten. Wissenschaftliche Theoriebildung heißt daher zunächst sich des eigenen Kontextwissens bewusst zu werden und es für sich selbst und für andere offen zu legen. Dazu gehört auch eine hinreichende Präzisierung der verwendeten Begriffe, die in der Wissenschaft immer in bezug auf andere wissenschaftliche Theorien erfolgen muss.


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Wie stand nun die Situation in bezug auf methodische Vorarbeiten zur Operationalisierung des Kolonisierungskonzepts im allgemeinen und für Eingriffe in die Evolution im besonderen? Es war von Anfang an klar, dass eine empirische Operationalisierung dieses Konzepts nicht durch eine einzige Methode zu leisten ist zu unterschiedlich sind die Techniken und Adressaten der kolonisierenden Eingriffe. Zu komplex auch sind die Interaktionsmodi, die eben nicht als Material oder Energieflüsse beschreiben werden können, sondern als gezielte und dauerhafte Intervention eines komplexen Systems in ein anderes beschrieben werden müssen, die auf Kontrolle des adressierten Systems abzielt und Rückwirkungen auf das intervenierende System hat.

Empirische Operationalisierungen von kolonisierenden Eingriffen, die mehrere Einzelinterventionen aggregiert darstellen, müssen sich auf Folgewirkungen, Voraussetzungen und Rückwirkungen der Intervention auf und in den jeweils interagierenden Systemen beziehen. Eine frühe Überlegung ging davon aus, Kolonisierung als strukturelle Gewalt [im Sinn von Galtung, 75] gegenüber Natur anzusehen. Demnach wäre die Differenz zwischen aktualisierter und potentieller Realisierung der naturalen Eigendynamik der theoretische Ausgangspunkt einer empirischen Umsetzung [vgl. Haberl, 91]. Diesem Gedanken folgend wurden kolonisierende Eingriffe in terrestrische Ökosysteme mittels des Indikators menschliche Aneignung von pflanzlicher Nettoprimärproduktion [Vitousek, 86; Wright, 90] weiterentwickelt [Haberl, 97] und in verschiedener räumlicher und zeitlicher Auflösung berechnet [Haberl, 97; Haberl, 97][Weisz, 01; Krausmann, 01; Haberl, 01]. Dieser Indikator beschreibt eine zentrale Folgewirkung kolonisierender Eingriffe in terrestrische Ökosysteme auf diese selbst, nämlich die Veränderung der Verfügbarkeit von Energie für alle nicht menschliche heterotrophe Lebewesen. Als Referenz wird die Energieverfügbarkeit der potentiellen natürlichen Vegetation herangezogen. Mit diesem Indikator können zahlreiche, wenn auch nicht alle kolonisierenden Eingriffe in terrestrische Ökosysteme in einer aggregierten Größe dargestellt werden. Einer analogen Überlegung folgend wurde für kolonisierende Eingriffe durch Gentechnik eine empirische Operationalisierung über den evolutionären Abstand zwischen Spender- und Empfängerorganismus vorgeschlagen [Wenzl, 91; Haberl, 97]. Hier wurde eine Berechnung auf Grund mangelnder Daten nicht versucht. Methodisch ungeklärt blieb bei diesem Vorschlag auch die Frage der Aggregierbarkeit. Eine Verallgemeinerung dieses Ansatzes auf nicht gentechnische Eingriffe in die Evolution ist nicht möglich, da der evolutionäre Abstand ja zwischen reproduktiv isolierten Species definiert ist und die traditionelle Zucht ja gerade diese Barriere nicht überwinden kann.

Konfrontiert mit spärlichen methodischen Vorarbeiten, einer für die notwendige Methodenentwicklung nicht hinreichend elaborierten Theorie und der Aussicht, mit dem nächsten Schritt der Theorieentwicklung im uferlosen See der soziologischen, anthropologischen, biologischen und philosophischen Theorietraditionen zu ertrinken, entschied ich mich dafür, vorerst die Theorieentwicklung voranzutreiben. Um damit den Zweck solcher Theorieentwicklung, Orientierung zu stiften für empirische Umsetzung, nicht aus den Augen zu verlieren, versuche ich in dieser Arbeit die Theorieentwicklung in einer Art axiomatischen Hierarchie zu organisieren, mit deren Hilfe Theorieangebote relativ rasch selektiert werden können. Ich habe mich darum bemüht, diesen Prozess an vielen Stellen so offen zu legen, dass die theoretischen Entscheidungen [Seite 11↓]nachvollziehbar sein sollten. Darüber hinaus versuche ich, theoretische Überlegungen an einigen Stellen mit zumeist recht groben empirischen Schätzungen zu verbinden.

Mein theoretischer Ausgangspunkt ist ein sozial-ökologisches Rahmenkonzept [zuletzt in einer Gesamtdarstellung in Fischer-Kowalski, 97], das physische Interaktionen zwischen Gesellschaften und ihrer natürlichen Umwelt in den Mittelpunkt stellt. Der Anspruch dieser sozial-ökologischen Sichtweise ist es, Gesellschaft-Natur-Interaktionen zu beschreiben, ohne in naturalistische oder kulturalistische Reduktionen zu verfallen. Dieser Ansatz muss daher davon ausgehen, dass “Gesellschaft” aus dem Zusammenwirken von symbolischen oder kulturellen Systemen und materiellen Elementen, zum Beispiel der menschlichen Bevölkerung, verstanden werden soll.

Damit beschreitet diese Arbeit einen Weg, der die „zwei Kulturen“, wie Snow [Snow, 56] es in seinem berühmten Aufsatz ausgedrückt hat, also die sozial- und geisteswissenschaftliche Kultur auf der einen Seite und die naturwissenschaftliche Kultur auf der anderen Seite, überbrücken will. Überspitzt gesagt besteht das Problem dieser Überbrückung angewandt auf die gegenständliche Frage darin, dass die geistes- und sozialwissenschaftliche Tradition Gesellschaft oder Kultur als hochkomplexe Einheiten sieht, die alleine “von innen heraus” verstanden werden können. Umgeben werden diese Einheiten von einer undifferenzierten, und für die innere Dynamik weitgehend irrelevanten “Umwelt”. Die Naturwissenschaften sehen das genau umgekehrt. Für sie sind natürliche Systeme hochkomplex. “Der Mensch” hingegen wird als einheitlicher Akteur angesehen, der natürliche Systeme “stört”. Dem inneren Funktionszusammenhang von Gesellschaft angemessene Begriffe fehlen. Für ein Verständnis der heutigen Umweltprobleme sind jedoch ausreichend komplexe Begriffe von Gesellschaft, Natur und ihren Wechselwirkungen nötig. Nur so kann eine erkenntnistheoretische Grundlage für die interdisziplinäre Bearbeitung von Umwelt- und Nachhaltigkeitsproblemen geschaffen werden, an der Natur- und Sozialwissenschaften gleichermaßen ansetzen können.

Kapitel 1 stellt ein so positioniertes sozial-ökologisches Rahmenkonzept vor. Ausgehend von den Interaktionsmodellen Metabolismus und Kolonisierung (Fischer-Kowalski et al. 1997) erarbeite ich ein epistemologisches Gesamtmodell der Gesellschaft-Natur-Interaktionen, das sowohl mit wichtigen kultur- und sozialwissenschaftlichen Konzepten konsistent ist, als auch kompatibel mit einer naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise. Ich schließe dabei an diejenigen Wissenschaftstraditionen an, die ein ähnliches Erkenntnisinteresse und/oder eine kompatible Epistemologie haben. Darüber hinaus erlaubt mir dieses sozial-ökologische Rahmenkonzept, die zentralen theoretischen Fragen, die mit einer Vorstellung gesellschaftlicher Eingriffe in die Evolution verbunden sind, präziser zu stellen.

Kapitel 2 unterzieht einige der Thesen, die in Kapitel 1 aufgestellt wurden, einer ersten empirischen Überprüfung. Das zweijährige Einschlussexperiment „Biosphäre 2“ dient dabei gewissermaßen als sozial-ökologischer Modellfall.

Kapitel 3 führt die Theoriediskussion aus Kapitel 1 weiter, jetzt jedoch mit einem anderen Fokus. Nicht mehr die Interaktion zwischen Gesellschaft und ihrer natürlichen Umwelt steht im Mittelpunkt [Seite 12↓]der Überlegungen, sondern Gesellschaft und Kultur selbst. Die Frage, wie nützlich hier der Systembegriff sein kann, wird in konzeptueller und terminologischer Hinsicht diskutiert, ebenso wie die Positionierung einer solchen Theorie gegenüber verschiedenen kulturanthropo­logischen und soziologischen Theorien.

Aufbauend darauf kann das Konzept dynamisiert werden. Kapitel 4 beschäftigt sich mit folgenden Fragen: Was ist Evolution? Was evolviert? Unter welchen Bedingungen kann man von kultureller Evolution sprechen?

Kapitel 5: Schlussfolgerungen zu Gesellschaft-Natur Koevolution

Das letzte Kapitel versucht, Schlussfolgerungen aus den erarbeiteten theoretischen Positionen für eine mögliche Theorie der Koevolution zu ziehen. Wege einer empirischen Umsetzung werden skizziert, und der Versuch unternommen, resümierend das Thema dieser Arbeit neu zu framen.


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07.01.2005