Wetzel, Dirk Alexander: Die Konstruktion von Lesekultur im westdeutschen Buchhandel und Öffentlichen Bibliothekswesen der Nachkriegszeit 1950-1989

Kapitel 2. Theorie des Lesens aus systemtheoretischer Perspektive

Bezüglich der Definitionsfrage, was Lesen sei, herrschen zwei Ansätze vor. Der ältere, philosophische versteht unter Lesen vor allem eine geistige Tätigkeit, angeleitetes Denken. Im Vordergrund steht die Thematisierung des metaphysischen Charakters einer Kantschen Lesewelt, die Zeit und Raum zu überbrücken weiß. Den Ausführungen, selbst moderner Autoren haftet zuweilen ein gewisser Hang zum Pathetischen an, wie etwa bei Hans Martin Gauger, der formuliert: »Wer liest, [...] bietet sein lebendes Bewußtsein [...] dem toten Geschriebenen an, auf daß es sich in ihm erneut realisiere.« oder »[Das Lesen] ist eine kulturelle Tätigkeit; das heißt: es ist historisch. Es ist nicht nur historisch überformt (in-formiert), wie dies wohl für alles Menschliche gilt, [...] es ist kulturell durch und durch«. Weder eine metaphorische Personifizierung von toter Materie noch die empathische Übersteigerung des ‚Kulturellen’ im Lesen läßt sich durch einen argumentativen Zirkelschluß für eine präzise Theoriebildung verwenden. An gleicher Stelle findet sich bei Gauger aber eine Feststellung, die für das Folgende sehr wichtig ist, daß nämlich »Lesen einerseits Verstehen impliziert, andererseits aber ein ansatzweises Verstehen schon genügt«.<58>

Gerade diese Feststellung kollidiert mit dem entgegengesetzten Ansatz, Lesen relativ nüchtern und in Anlehnung an die Telekommunikationstechnik als ‚Austausch’ oder die ‚Entnahme’ von Informationen durch Dekodierung aus einem Text zu definieren. Die hier gestellte Frage gilt eher der Optimierung von Informationsflüssen durch entsprechendes Textdesign oder der Distribution der Trägermedien. Allerdings fehlt diesem Ansatz wiederum der Aspekt des Menschlichen in der Kommunikation, als nicht vollständig vorhersagbarer Zustand von Sender und Empfänger. Der Ansatz muß ‚mechanistisch’ unterstellen, daß es im Kommunikationsprozeß allgemein wie auch gerade beim Lesen eine absolute Botschaft und ein absolutes Verstehen gibt, und daß die Unzuverlässigkeit des Menschlichen (Störungen, Rauschen im Kommunikationskanal) durch kybernetische Steuersysteme optimiert wird. So plausibel dieses Modell auf den ersten


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Blick wirkt - und auch bei einer Akzeptanz der Annahme absoluter Werte - gerät man in Schwierigkeiten, eine Differenz zwischen Intention und Verstehen als partielles Nichtgelingen der Kommunikation zu begründen. Wem, so muß man sich fragen, gehört das ‚Urheberrecht’, dem Sender oder dem Empfänger? Die Tatsache, daß wir es gewohnt sind, dem Sender diese Autorität zuzuerkennen, und daß wir uns auf die Illusion einlassen, wir hätten genau das verstanden, was der Sender uns mitteilen wollte, begründet nicht die Annahme, Kommunikation funktioniere genau nach diesem Schema.

Auch psychologisch angelegte Untersuchungen (vgl. Gross 1994 oder Christmann /Groeben 1999) lösen diese Fragen nicht. Information und Verstehen wird hier rein auf kognitive Prozesse eines lesenden Individuums beschränkt, d.h. ohne Einbindung in eine Gesellschaftstheorie. So schlägt Gross beispielsweise vor, »statt „Was ist Literatur?“ zu fragen [...] „Wann findet beim Lesen Literatur statt?“«.<59> Aber auf diese modifizierte Frage wird man ebenfalls keine Antwort finden, wenn man nicht vorher geklärt hat, wonach man sucht, also: was Literatur ist. Und genau das wird nicht allein in einem einzigen Menschen festgelegt, sondern in vielen, ist also ein gesellschaftliches Problem.

Nicht zuletzt durch die Themengebundenheit unterliegen viele Untersuchungen über das Lesen generell der Gefahr, die diagnostizierten Probleme, die im Zusammenhang mit Lesen und Verstehen auftreten, zu einseitig aus der Perspektive des Lesens lösen zu wollen und zu übersehen, daß es sich hierbei um ganz grundsätzliche Probleme handelt, die ausnahmslos jeder menschlichen Kommunikation zu Grunde liegen. Deshalb erscheint es sinnvoll, das ‚Pferd nicht von hinten aufzuzäumen’, sondern von einer allgemeinen Kommunikationstheorie auszugehen, die in der Lage ist, sowohl den Gesellschaftsaspekt wie auch den Kommunikationsaspekt zu vereinen, und von dort auf eine spezifische Anwendungsform wie das Lesen zu abstrahieren.

Vor dem Hintergrund, daß Buchstaben Zeichen par exellence sind, bieten sich zunächst vor allem semiotische Theorien an, die den Gesellschaftsbegriff ebenfalls implizieren, etwa in der Tradition von Peirce oder, hermeneutisch, in der Tradition von Gadamer. Allerdings wird man auch hier sehr schnell wieder auf die Begriffe Lesen und Schreiben stoßen, muß aber beachten, daß sie hier in rein metaphorischer Absicht verwendet werden, in der Lesen synonym zu gesellschaftlichem Verstehen und Schreiben synonym zu gesellschaftlichem Handeln gebraucht wird. In diesem Sinne definiert etwa Edwina Taborsky Gesellschaft als »textual society«.

»Therefore a society can be analysed ’as a text‘, an organic reality and a social creation that exists only in usage, only within the actions of being written and read.« ( Taborsky 1997, S. 198)


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Text wiederum ist nach Taborsky

»a finite or closed, unique and preserved potentiality to make metaphors of meaning or signs, which operates within a dialogical interaction to produce actual meaning. The text has confined or limited meaning [...]« ( Taborsky 1997, S. 197)

Text fungiert hier eben nicht als Repräsentant von Geschriebenem (etwa Buchstaben auf einer Buchseite), sondern wird stellvertretend für ein logisches System zur Strukturierung von Sinn gesetzt.<60> Text ist hier also nicht materiell oder substantiell definiert. In gleicher Weise abstrahiert sich auch der Begriff Gesellschaft als Text, d.h. auch sie ist nicht im gegenständlichen Sinne zu verstehen. Gesellschaft wird nicht als Ansammlung von Menschen aus Fleisch und Blut verstanden, sondern als Überbegriff für sinnstrukturierende Systeme (zu deren Erhalt aber eine »organic reality« und entsprechende soziale Kommunikation laufend notwendig ist). Diese Systeme könnte man mit dem vergleichen, was Karl Popper als »Bewohner« seiner »Welt 3« vorgestellt hatte.<61>

Dieser Ansatz von Taborsky weist deutliche Paralellen zu der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann auf, und das, obwohl beide völlig unabhängig voneinander entstanden sind und auch auf unterschiedliche Theorie-Strömungen (Semiotik/Konstruktivismus) zurückgreifen.<62> Dies hervorzuheben scheint mir sinnvoll, da es zeigt, wie sehr sich doch verschiedene geisteswissenschaftliche Disziplinen inzwischen in Kernbereichen annähern und dort zu naturwissenschaftlichen Disziplinen ‚Tuchfühlung’ aufnehmen. Im vorliegenden Beispiel versuchen beide Autoren a) Bezug zu nehmen auf die mechanische Statistik (Entropie/Negentropie), b) beide benutzen Sinn als kleinsten, basalen ‚Baustein’ von Gesellschaft, c) beide sehen Gesellschaftssysteme als geschlossene Systeme und d) beide stehen sie in Analogie zu biologischen Systemen.

Die Theorie Luhmanns scheint mir für das Vorhaben dieser Arbeit jedoch brauchbarer zu sein als der semiotische Ansatz, wie ihn Taborsky vorlegt. Zum einen ist die Theorie Luhmanns älter und damit wesentlich elaborierter, zum anderen vermeidet sie die metaphorische Verwendung der Begriffe Lesen und Text, was einer möglichen Verwechslung mit dem Untersuchungsgegenstand vorbeugt. Zugleich ist es aber auch wichtig darauf hinzuweisen, daß das Werk Luhmanns nicht unumstritten ist<63> und im folgenden jegliche ‚Theoriegläubigkeit’


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vermieden werden soll. Dennoch bietet es einen Denkrahmen, der für die vorliegende Arbeit maßgeblich ist, zumal es hier nicht Intention sein kann, eine Diskussion über Gesellschaftstheorien zu eröffnen. Hinzu kommt, daß sich der Verfasser an einigen Stellen die Freiheit nimmt, die Lehre Luhmanns zu modifizieren und weiterzuentwickeln, so daß von einer ‚Orthodoxie’ keine Rede mehr sein kann.

Die Systemtheorie der Bielefelder Schule geht ebenso von der Prämisse aus, daß unsere Gesellschaft ein Produkt aus sich ständig vollziehenden Kommunikationssequenzen ist. Eingeschlossen sind damit auch sämtliche semiotischen Prozesse, die zur Erzeugung von Vorstellungen über die Gesellschaft notwendig sind und schließlich auch zu entsprechenden Verhaltenweisen seiner Mitglieder führen. Erst in dieses Kommunikationssystem eingebunden können sich Menschen ihrer gesellschaftlichen Rolle bewußt werden - oder noch abstrakter ausgedrückt: erst Kommunikation gibt bestimmten biologischen Systemen die Möglichkeit, Bewußtsein zu erzeugen und sich selbst als Mensch zu bezeichnen.

Ein solches umfassendes Gesellschaftssystem muß in der Lage sein, den Bereich von Semantik, Syntaktik und Pragmatik selbst zu handhaben. Es gibt keinen Autor, keinen Ingenieur, der den Erfolg von Kommunikation garantieren und verbindliche Bedingungen und Bedeutungen für semantische Codierungen als Standard festlegen könnte, obwohl natürlich ständig Versuche unternommen werden, durch ein koordiniertes und systematisiertes Verhalten verläßlichere Kommunikationserfolge zu erzielen. So zum Beispiel über Normungen in der Schriftsprache (Grammatik, Thesaurus). Kommunikation funktioniert aber auch ohne diese künstlichen Derivate und schafft durch evolutorische Eigendynamik doch eine Ordnung gesellschaftlicher Phänomene.

Wenn man nun Lesen systemtheoretisch betrachten will, läßt sich der Verweis auf abstrakte, tiefere Ebenen der Bielefelder Theorie nicht umgehen. Da trotz einer gewissen Popularität der Lehre Luhmanns im deutschsprachigen Raum derzeit noch nicht davon ausgegangen werden kann, daß die Grundlagen allgemein bekannt sind, sollen im folgenden in knapper Form die wichtigsten Begriffe referiert werden.

2.1 Systeme und Beobachter

Allgemein werden Systeme als Prinzip für die Ordnung eines einheitlichen Ganzen aufgefaßt, das eben dadurch entsteht, daß seine Elemente nach diesem Prinzip zusammengesetzt sind. Kant zufolge ist das System eine »für sich bestehende Einheit [...], in welcher ein jedes Glied, wie in einem organisierten Körper, um aller anderen und alle um eines willen dasind«<64> Diese Sichtweise ist typisch für die


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abendländische Philosophie, die Welt als Supersystem aufzufassen und nach den Prinzipien einer holistischen Weltordnung zu suchen, in dem jedem Element eine a priori Funktionalität für das Ganze zugesprochen werden kann. Das aber hieße, die Ursächlichkeit des Bestands eines Systems müßte in den Elementen selbst gesucht werden. Die Problematik, wie man ‚den’ Dingen auf den Grund gehen kann, wo doch jede beobachtete Einheit wiederum durch viele weitere, mikrodiversere Einheiten be-‚dingt’ wird, ist hinlänglich bekannt. Man gerät in einen kausalen Endloshorizont. Auf der Suche nach den kleinsten Bausteinen unserer Welt läßt sich, zumindest theoretisch, jedes Element in wenigstens zwei weitere Teile zerlegen oder von zwei untergeordneten Elementen abhängig machen. Das kleinste Teil, das Atomon, kann man in der Theorie nur erzwingen, indem man es als solches definiert und weitere Teilungen damit theorieimmanent schlichtweg verbietet. Damit soll keineswegs nur die Elementarphysik gemeint sein, vielmehr sind sämtliche Beobachtungen (Wahrnehmungen etc.), die in dieser Welt vollzogen werden, auf solche beobachtungsspezifische ‚Atome’ angewiesen, also auf Elemente, die man im Moment der Beobachtung als gegebene Einheit festlegt. Von diesem Moment an wird das offene System ‚Welt’ ersetzt durch ein geschlossenes System der Beobachtung.

»Sieht man sich die Definitionen von „klassischen“ Systemen [sc. zu ihrer Umwelt geschlossene Systeme] näher an, so stellt man fest, daß ihr Ausgangspunkt im Grunde der „naive“ Mengenbegriff ist. Sie weisen auch andere Gemeinsamkeiten auf. Sie benötigen für die Definition von Beziehungen, Prozessen und Strukturen einen zweiwertigen booleschen Aussageverband. Die Definitionen sind durchweg extensional gehalten, was ihnen ein breites potentielles Anwendungsgebiet sichert«. ( Kornwachs 1984, S. 111)

Der Hinweis auf die Zweiwertigkeit unterstützt die Vermutung, daß ein Minimalsystem durch eine einfache Unterscheidung zustande kommt, durch die zugleich festgelegt werden muß, was wovon unterschieden wird. Beobachten kann also zunächst einmal mit Unterscheiden gleichgesetzt werden.<65> Dennoch wird sich ein solches Minimalsystem nicht identifizieren lassen, solange es nur in einer einzigen flüchtigen Beobachtungsoperation zustande kommt. Der Systembegriff setzt also eine gewisse sequentielle Kontinuität an Wiederholungen von Einzelbeobachtungen seiner spezifischen Art (Operationen) voraus, denn andernfalls würde sich nicht nachvollziehen lassen, was ein System bezeichnet, welche Ordnung es aufbaut. Die Ordnungsleistung des Systems muß selbst beobachtbar sein. Das Beobachtete, die Elemente eines Systems, erhalten ihre Identität allein durch die Möglichkeit des Beobachters, es zu beobachten. Der Begriff ,beobachten’ schließt nicht


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nur die Diskriminierung, sondern auch die Bezeichnung mit ein. Die Welt wird geteilt in eine bezeichnete Systemwelt und eine unbezeichnete Umwelt des Systems. Die Relationierung erfolgt zwischen Beobachter und Beobachtetem. So bleibt das System operational geschlossen,<66> d.h. das Unterscheidungskriterium wird nicht von Außen vorgegeben, und doch ist das System zugleich offen für alles, was sich in der Umwelt unterscheiden, bezeichnen und damit systemeigen werden läßt. Es ist autonom in seinen Operationen und doch abhängig von seiner Umwelt, die ihm den Anlaß zum Beobachten geben muß.

Gegenständlich anschaulich wird dieses Prinzip in der Biologie von Maturana und Varela beschrieben.<67> Zellen bspw. reproduzieren sich autonom als eigenständige Systeme, können dies aber nur, so lange die Umwelt die notwendigen molekularen Strukturen zur Verfügung stellt. Die Geschlossenheit der Zellen bezieht sich dabei nicht auf ihre optische Grenze der bekanntlich semipermeablen und damit nicht wirklich geschlossenen Membrane, sondern darauf, daß die Zelle selbstregelnd mit ‚fremden’ Elementen der Umwelt ihren eigenen Bestand fortsetzt. Die Zellmembran (und auch alle inneren Zellorgane bis hin zur DNS) übernimmt hier gewissermaßen die Diskriminierungs- und Bezeichnungsfunktion. Sie verleiht dem System ‚Zelle’ Identität, d.h. durch ihr Unterscheiden und Bezeichnen wird gewährleistet, daß die Differenz, die die Zelle in Relation zu ihrer Umwelt macht, zuverlässig und nicht zufällig fortgeschrieben wird.

Eine andere systemtheoretische Terminologie verwendet für diesen Sachverhalt das Begriffspaar Medium und Form. »Ein Medium besteht in lose gekoppelten Elementen, eine Form fügt dieselben Elemente dagegen zu strikter Kopplung zusammen«.<68> Die molekularen Bausteine einer Zelle bilden beispielsweise das Medium, das zunächst unspezifisch vorliegt und Formungspotentiale enthält. Die Potentiale können von Systemen zur Formung der eigenen Funktion genutzt werden. Formen eines Systems können zugleich wiederum als Medium für andere


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Systeme fungieren. Eine Leber beispielsweise ist eine neue Form, die sich aus dem Medium ‚Zelle’ bildet (hypostasiert). Aus dem Medium ‚Organe’ entsteht wiederum die neue Form eines Lebewesens. Der gleiche Sachverhalt läßt sich auch auf Buchstaben, Worte und Sätze anwenden oder, wie es für das Folgende wichtig sein wird, auf Verhalten und Handeln.

Offen bleibt jedoch weiterhin, wer die Beobachtung vornimmt und für die Limitation auf das Beobachtungsrelevante verantwortlich ist. Die Zellmembran oder der Wissenschaftler, der die Zelle beobachtet? Ein Mensch, ein Auge (wie das einleitende Morgensternzitat vermuten läßt), ein Nervensystem, ein Neurit, ein Elektron? Für die Bestimmung des Beobachters (als Subjekt) stellt sich dasselbe Problem wie für das Objekt, das er beobachtet, denn mit der Frage nach dem Beobachter wird der Beobachter selbst beobachtet und damit ebenfalls zum Objekt eines beobachteten Systems, das wiederum einen Beobachter braucht usf.

Abb. 2: analoge und digitale ‚Welten’; Klassifikation von Beobachtungssystemen
nach Bateson/Jung, Popper und Luhmann.

Die Systemtheorie läßt diese Frage nach den konkreten, physikalisch ursächlichen bzw. verantwortlichen Entitäten daher ganz bewußt offen und nimmt statt dessen die Unterscheidung als solche zur Ausgangsbasis ihrer Untersuchung. Denn bei der Suche nach den Grundelementen unserer allgemeinen Welterkennt-


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nis sind offenbar weder bestimmte Subjekte noch Objekte als Letzteinheiten zuverlässig bestimmbar. Das, was Sub- und Objekten aber in jedem Fall gemein zu sein scheint, ist die Tatsache, daß sie sich zum Rest der Welt abgrenzen, also (wie auch immer) unterscheiden lassen. Das Objekt könnte sonst nicht beobachtet werden und das Subjekt würde sich mit dem Beobachteten verwechseln. Somit liegt es nahe, nicht die Einheit, sondern die Differenz als Atomon, als Baustein unserer geistigen Welt und zugleich als Beobachter anzusehen. Eine Differenz läßt sich nicht teilen, sie ist das Teilen selbst. Gregory Bateson, der wichtige Grundlagen für die Systemtheorie geschaffen hat, fragt hierzu pointiert:

»Was aber ist ein Unterschied? [...] Dieses Stück Papier unterscheidet sich von dem Holz dieses Lesepults. [...] Wenn wir aber anfangen, nach der Lokalisierung dieser Unterschiede zu fragen, geraten wir in Schwierigkeiten. Offensichtlich ist der Unterschied zwischen dem Papier und dem Holz nicht im Papier; er ist eindeutig nicht in dem Holz; er ist sicher nicht in dem Raum zwischen ihnen, und er ist gewiß auch nicht in der Zeit zwischen ihnen. (Ein Unterschied, der durch die Zeit auftritt, wird „Veränderung“ genannt.) Ein Unterschied ist also etwas Abstraktes«. ( Bateson 1970, S. 580/581)

Die Lokalisierung des Unterschieds in der physischen Welt bleibt letztlich ein Paradoxon, weil man dabei eine Differenz als ihr Gegenteil, nämlich als Einheit, als Substanz annehmen müßte. Die Einheit der Differenz ist in der physischen Welt offenbar nicht möglich, aber sie ist denkbar und benennbar. Nur im Geist läßt sich die Differenz selbst als Einheit denken. Bateson erinnert an zwei Begriffe aus der Theologie/Gnostik, die von C. G. Jung (1916) zur Unterscheidung zweier Erklärungswelten herangezogen wurden: das Pleroma und die Creatura.

»Pleroma ist die Welt, in der Ereignisse durch Kräfte und Einflüsse verursacht werden und in der es keine „Unterscheidungen“ gibt. Oder wie ich sagen würde: keine „Unterschiede“. In der Creatura werden Wirkungen genau durch Unterschiede hervorgebracht. Das ist in der Tat dieselbe alte Dichotomie zwischen Geist und Substanz.« ( Bateson 1970, S. 584f.)

Die Abbildung 2 zeigt, daß sich auf dieser Matrix verschiedene Theorien angleichen lassen. Das Feld A, die unterschiedslose Welt, muß digitalisiert werden, damit sie erkannt, gedacht und kommuniziert werden kann. D.h. Ereignisse aus dem Feld A müssen durch Sinnesorgane, die als biologische Analog/Digital-Wandler fungieren, für die Felder B und C digital aufbereitet werden. Erst durch die Kooperation der Felder B und C kann ein ‚digitales’, zunehmend komplexeres Modell der natürlichen Welt konstruiert werden, die uns eine Kalkulation der Umwelt, in der wir leben, ermöglicht. Eine Umwelt, die uns durch die gewonnene Stabilität der Erwartungen als Realität erscheint. Auch die nochmalige Trennung der diskreten Creatura in die Felder B und C ist plausibel. Da die Sinnesorgane direkt an Feld B angekoppelt sind, ist es theoretisch jedem einzelnen lebenden Individuum mit einem Mindestmaß an Bewußtsein möglich, sich seine eigene Realität zu konstruieren. Die Vorstellung einer gemeinsamen Realität, einer gemeinsamen Welt oder einer Gesellschaft ist nur möglich durch Kommunikation. Da Psychen


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ihre Bewußtseinszustände nicht direkt kommunizieren und abgleichen können, bleibt nur die Transponierung des Wahrgenommenen und Gedachten auf Zeichen, die allerdings selbst wiederum nur durch Kommunikation als Zeichen definiert werden können. Hier wird bereits deutlich, daß Kommunikation ein in sich geschlossener Zirkel sein muß, der es nahelegt, Kommunikation als eigenes, autonomes System (Feld C) von psychischen Systemen (Feld B) zu trennen. Die Notwendigkeit dazu wird schnell klar, wenn man prinzipiell jedem psychischen System die Freiheit zugesteht, Zeichen beliebig zu verwenden oder auch neu zu definieren und sie dann seiner Umwelt als Kommunikationsofferte anzubieten. Bedenkt man, daß Milliarden von Menschen gleichzeitig auf diese Weise irgendwie mit anderen in Kommunikation treten wollen, bleibt gelungene Kommunikation, also die Annahme des angebotenen Zeichens als Mitteilung und dessen Interpretation mit einem Sinngehalt, prinzipiell hochgradig unwahrscheinlich. Da sie aber doch funktioniert, ist es sinnvoll, ein Ordnungssystem anzunehmen, das die für das Kommunikationssystem als Ganzes gesehen hoch entropischen Kommunikationsversuche der Psychen durch eine eigene Evolution der Annahme oder Ablehnung von Kommunikationsofferten in kommunikative Wahrscheinlichkeiten umwandelt.

Die Systemtheorie der Bielefelder Schule ist, wenn man so will, in der Creatura, der Welt der Unterschiede, angesiedelt. Die Systeme, von denen die Rede sein wird, beobachten somit Differenzen und bestehen, als Beobachter, ebenfalls nur aus Differenzen, die wiederum beobachtet werden können. Da es nicht möglich ist, diese Differenz zu lokalisieren, wie das anschauliche Beispiel Batesons gezeigt hat, können Systeme auch nicht allgemein in physikalischen Subjekten oder Objekten vermutet werden, auch sind Systeme selber keine substantiellen Sub- oder Objekte, denn als Differenzen sind sie ja gerade das Weder-Noch, das ‚Zwischen’.<69> Die Ereignisse des Pleroma geben der Creatura Anlaß zur Beobachtung von Differenzen und zum Entstehen neuer Beobachtungssysteme. Damit erhalten die Differenzen für den Beobachter eine Form und verlieren ihren nihilistischen Charakter.

Diese drastische Abstraktion erlaubt es, von der alltagsweltlichen Unterscheidung Subjekt/Objekt hinüberzuwechseln zu einer konsequenten System/Umwelt Differenzierung, also dem ‚/’ der Subjekt/Objekt Unterscheidung. Dies hat auch zur Folge, daß zur Analyse sozialer und psychischer Phänomene nicht mehr der ‚ganze Mensch’ benötigt wird, sondern nur noch fragmentär das, was systemrelevant erscheint. Selbstverständlich kann diese Theorie selbst nur auf der Basis von Sprache kommuniziert werden, die ohne die Verwendung von Subjekten und Ob-


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jekten nicht funktioniert. Diese Unzulänglichkeit zwingt dazu, letztlich dem System die Rolle des handelnden Subjekts zuzuschreiben, wenngleich mit der Einschränkung (die im folgenden immer mitgedacht werden muß), daß die ‚systemischen Subjekte’ hier nicht handelnde menschliche Individuen sind und daß es angebrachter wäre, von Systemen als »Un-jekten«<70> zu sprechen.

Die hier besprochene Theorie ändert, wie gezeigt, die Perspektive der Systemsicht, invertiert sie gewissermaßen.<71> Die Funktionalität liegt nicht ursächlich bei diesen Elementen, die im Zusammenspiel ein System bewirken und für ein emergent neues Ganzes sorgen sollen, sondern das System bestimmt durch den Modus seiner Beobachtung (seiner Differenzierung), ob ein Element ihm selbst funktional zugerechnet wird oder nicht. Das Supersystem wäre in diesem Sinne also nicht eine absolut komplexe Verkettung von Ursache/Wirkungs-Zusammenhängen, sondern die Beobachtung von Ordnung generell. Das ,Supersystem’ der Bielefelder Systemtheorie ist - als Beobachtungssystem - also geradezu von minimaler Eigenkomplexität. Es nimmt nicht die ganze Welt für sich in Anspruch, sondern nur den Modus der Beobachtung von Ordnung an sich. Es ist damit jedoch derart abstrakt, daß es allen Beobachtungen in dieser Welt zugrunde gelegt werden kann.

2.2 Sinn, Gedächtnis und Autopoiesis

Der Begriff Beobachten schließt die Relationierung eines Systemelements mit einer Bezeichnung ein. Damit wird eine neue Differenz erzeugt, die verhindert, daß Bezeichnung und Beobachtung zusammenfallen. Die Operation des Beobachtens synthetisiert gewissermaßen drei unterschiedliche Differenzarten: a) die der Unterscheidung von System und Umwelt, b) die der Bezeichnung dieser Unterscheidung mit einer Erwartung, und c) die einer Relationierung zu anderen Erwartungen. Letztere bezeichnet Luhmann als Sinn, sofern sie sich auf psychische oder soziale Systeme beziehen. Sinn ist

»ein endloser, also unbestimmbarer Verweisungszusammenhang, der aber in bestimmter Weise zugänglich gemacht und reproduziert werden kann. Man kann die Form von Sinn bezeichnen als Differenz von Aktualität und Möglichkeit und kann damit zugleich behaupten, daß diese und keine andere Unterscheidung Sinn konstituiert.« ( Luhmann 1997, S. 49f., Hervorhebung durch den Verf.)


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Die Einheit der Differenz von Aktualität und Möglichkeit, also Form von Sinn bzw. die einzelne Sinnsequenz, bezeichnet Luhmann auch als Erwartung. Erwartungen zu bilden, so Luhmann,

»ist eine Primitivtechnik schlechthin. Sie kann nahezu voraussetzungslos gehandhabt werden. Sie setzt nicht voraus, daß man weiß (oder gar: beschreiben kann), wer man ist, und auch nicht, daß man sich in der Umwelt auskennt. [...] Unerläßlich ist nur, daß die Erwartung [...] den Zugang zu Anschlußvorstellungen hinreichend vorstrukturiert.« ( Luhmann 1984, S. 363.)

Die »bestimmte Weise« der Zugänglichkeit hängt ab vom jeweiligen System, das auf der Basis von Sinn seine Unterscheidungen trifft, also verschiedene Sinnpositionen beobachtet und dabei einen je eigenen Sinnhorizont eröffnet. Wenn man so will, könnte man Sinn als basales Systemmanagement bezeichnen. Management durch Generierung von Erwartungen. Im Prinzip umschreibt Luhmann hier nichts anderes als stochastische Prozesse, die Wahrscheinlichkeiten festlegen. Der Zugriff auf mögliche Sinnformen erfordert ein Gedächtnis.

Die Frage, was genau unter einem Gedächtnis zu verstehen ist, ist in der Systemtheorie der Bielefelder Schule umstritten. Es soll der Einfachheit halber auf den Vorschlag Luhmanns zurückgegriffen werden, wonach die Gedächtnisleistung »durch Rückgriff auf eine andere Systemebene erklärt werden«<72> muß, konkret also strukturell gekoppelt ist mit anderen geschlossenen Systemen. So leistet das Nervensystem (u.a.) eine Gedächtnisfunktion für das Bewußtsein, das Bewußtsein eine Gedächtnisfunktion für Kommunikation. Jedoch: »Weder im Gehirn noch im Bewußtsein gibt es jedoch etwas, was man sinnvoll als ‚gespeichertes’, irgendwie inaktuelles, aber doch ‚vorhandenes’ Wissen bezeichnen könnte.«<73> Das heißt, die Prämisse der Selbstorganisation der Systeme schließt es aus, eine konkrete Synapsenschaltung als Memory für konkretes Wissen zu lokalisieren, so wie man bei einem Computer Speicherbereiche adressieren kann und als Hardwarebausteine samt Daten austauschen kann. Die Frage, wie genau das Nervensystem diese Gedächtnisfunktion für das Bewußtsein leisten kann, berührt das traditionelle und allgemein ungeklärte ,Leib-Seele-Problem’. Sie kann daher nur - mit einer gewissen Oberflächlichkeit - theorieimmanent dahingehend erklärt werden, daß die Aktionspotentiale des Nervensystems als Medium des Bewußtseins für die Ausformung von Gedanken verwendet werden. Die Aktionspotentiale sind also nicht die Gedanken selbst. Umgekehrt koppelt das Nervensystem bestimmte Aktionspotentiale an das Auftreten bestimmter Gedanken (die dann z.B. motorische Bewegungen des Körpers auslösen). Diese wechselseitige Koproduktion ermöglicht Sinn, also die Unterscheidung von Aktuellem und Möglichem, und ermöglicht Erwartungsmuster, die beide Systeme gegenseitig an sich stellen. In


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gleicher Weise verhält es sich zwischen Bewußtsein und sozialer Kommunikation. Die Theorie geht davon aus, daß diese Art von Kommunikation Bewußtsein voraussetzt. Im Gegensatz zu weitgehend starren, genetisch veranlagten Reflexmustern, die eine Kommunikation auf der Ebene von Biosystemen ermöglicht, ist im Falle menschlicher Kommunikation ein Umweg über das Bewußtsein notwendig - ein Unsicherheitsfaktor, der ein schlichtes Übertragen von kognitiven Strukturen vom einen zum anderen Individuum unmöglich macht. Auch hier bietet sich die Medien/Form-Analogie an: Gedanken (die eine wahrnehmbares Verhalten auslösen) sind Medium für das Ausformen von Kommunikationssequenzen und vice versa. Eine solche wechselseitige Koproduktion von Gedanken und Kommunikationsanlässen ermöglicht doch immerhin den Abgleich eines bestimmten Erwartungsmusters, das beide Systeme wechselseitig, wenn auch unter anderen Intentionen, an sich stellen. Sie verwenden sich sozusagen gegenseitig als Gedächtnisstütze. Ein bestimmter Gedanke macht ein bestimmtes Kommunikationsverhalten erwartbar, eine beobachtete Handlung legt bestimmte Gedanken nahe.

Obwohl Sinnsysteme wechselseitig voneinander abhängen, so sind sie doch vollkommen autonom in ihren Operationen. Auch hier entlehnt Luhmann einen biologischen Begriff: Autopoiesis (gr. autos = selbst; poiein = erzeugen). Er wurde von Maturana /Varela eingeführt als Prinzip für die Organisation lebender Systeme. Zellen beispielsweise organisieren den Aufbau und den Erhalt ihrer Molekularstruktur, aber auch ihre Reproduktion selbst. Dies allerdings nur, sofern ausreichend Moleküle als Medium in der Systemumwelt zur Verfügung stehen. Weiterhin ist Energie notwendig, um die Ordnung der Zelle herzustellen und aufrechtzuerhalten, und zwar gegen die Tendenz aller Moleküle, zu dem Zustand völliger Entropie zu streben.

Im Bereich von Sinnsystemen wird die Funktion von Energie durch Information übernommen. Information ist jede Zustandsänderung im System, die für das System selbst beobachtbar ist (andernfalls wäre es noise, unspezifisches Rauschen), zugleich aber einen Neuigkeitswert besitzt und deshalb zu Strukturänderungen im System führt.<74> Wenn man so will: Für Sinnsysteme ist Information kalkulierbare Unordnung, d.h. Unordnung, die dem System die Möglichkeit zu systemspezifi-


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scher Ordnung eröffnet und damit die Fortsetzung seiner Identität (die Anwendung seiner spezifischen Beobachtungs-Operationen) gewährleistet.

Der Clou der Systemtheorie nach Luhmann ist nun, daß Sinnsysteme die Wahl aus den Möglichkeiten so treffen, daß die dadurch entstehende Situation die Freiheit der Wahl möglichst nicht vollkommen einschränkt, sondern immer einen bestimmten Informationskanal offenläßt. D.h. also, daß durch die Beobachtung eines Ereignisses weitere informative Ereignisse erwartbar werden, die den Systembestand Autopoiesis sichern.

2.3 Trennung von Psyche und gesellschaftlicher Kommunikation

Die Theorie Luhmanns trennt somit scharf zwischen Sinnsystemen der Psyche und sozialer Kommunikation. Der Unterschied liegt in der Verwendung der Erwartungsmuster, je nachdem, ob sie sich auf das Gelingen von Kommunikation oder die Aufrechterhaltung von Bewußtsein beziehen.

Das psychische System erzeugt durch sein unentwegtes Beobachten von Vorstellungen (Ideen, Empfindungen etc.) Bewußtsein.<75> Ein Gedanke erzeugt die Erwartung an andere Gedanken. Dieser zunächst rein tautologische Zirkel wird dadurch asymmetrisiert, daß man sich über jeden Gedanken selbst wieder Gedanken machen und sie so voneinander abgrenzen kann.<76> Das basale Kriterium ist die Unterscheidung, ob der beobachtete Gedanke einem Ereignis von außen zuzurechnen ist oder ob er aus systemeigenen Strukturen entspringt. Es wird also unterschieden zwischen fremdreferentiellen und selbstreferentiellen Gedanken. Diese Differenz führt zum Aufbau einer Vorstellung von der Umwelt des Systems und vom System selbst.

Allerdings: der Gedanke bleibt immer nur der Gedanke eines einzelnen Bewußtseins. Es gibt also nur diese klare Urheberschaft. Das Attribut ‚fremd’ ist eine rein individuelle Zurechnung des Systems. Dabei ist es vom Wahrheitsanspruch freigestellt. Auch eine Illusion, also ein Ereignis, das bewußt oder unbewußt falsch zugerechnet wird, blockiert die Autopoiesis eines psychischen Systems nicht, reproduziert somit unverändert Bewußtsein. Im Grunde lernt ein Bewußtsein erst im Laufe seines Lebens, zunehmend zwischen Illusion und Realität zu differenzieren, wobei es beides, Illusion und Realität, immer selbst konstruieren muß.

Illusionen können aber unter Umständen für den Systemerhalt gefährlich sein. Wer einer Fata Morgana nachläuft, in der Annahme dort eine Oase in der Wüste


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zu finden, der setzt möglicherweise jene physischen Ressourcen aufs Spiel, von denen seine Autopoiesis abhängig ist. Umgekehrt ist die Rezeption eines Romans in der Regel völlig harmlos. Die Welt ist voller Illusionen und es ist ein evolutorischer Vorteil für Individuen, wenn die Welt von mehreren Beobachtern aus gleichzeitig analysiert und das Wissen von Illusion und Realität untereinander zugänglich gemacht wird, wenn also soziale Kommunikation möglich ist.

Kommunikation verschärft das Problem aber zunächst mehr, als es zur Lösung beiträgt. Das psychische System muß eine Wahrnehmung aus der Umwelt einem kommunikativen Kontext zuordnen. Ein Verhalten muß als Mitteilung erkannt werden. Auch hier besteht die Gefahr, einer Illusion zu unterliegen. Als nächstes muß die Codierung des Mitteilungsverhaltens erkannt und der Informationswert der Mitteilung ermittelt werden. Auch hier können andere Vorstellungen zu einem anderen Ergebnis führen und infolgedessen wird etwas anderes verstanden, als von der mitteilenden Person intendiert. Als Drittes kann der Inhalt der Kommunikation selbst nur eine Illusion sein. Auch hier kann die Illusion positiv oder negativ gewertet werden: als Dummheit, als Phantasie, als Lüge oder als Irrtum.

Der möglichst effektive Umgang mit fremdreferentieller Information, d.h. der möglichst sicheren Erwartungsbildung durch Skepsis und Vertrauen, und im weiteren die darauf aufbauende Kommunikationsfähigkeit werden in der frühen Kindheit erlernt und trainiert. Das, was von Erwachsenen gerne als Phantasie und Spiel gelobt wird, ist funktional gesehen zunächst nichts anderes, als das gezielte Austesten von Kommunikationserwartungen. Auch die Differenzierung von Dummheit, Phantasie, Lüge und Irrtum wird von den Kindern real erprobt, allerdings noch ohne weitreichende soziale Konsequenzen. Trotzdem hat sich vor allem die ältere moralisierende Pädagogik gerade dadurch ausgezeichnet, daß sie sich bemüht hat, moralisch anstößige Kommunikationsversuche der Kinder zu unterbinden (etwa das Lügen) und umgekehrt Kinder auch davor zu schützen. Damit freilich werden den Kindern wichtige Erfahrungen vorenthalten, und zum Glück gab es für Kinder immer Freiräume, sich dem Einfluß der Erzieher zu entziehen.<77>


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All diese Erfahrungen, die sich ein Mensch im Laufe seines Lebens über das Funktionieren von Kommunikation aneignet, sind gleichwohl immer nur Erfahrungen eines einzigen individuellen psychischen Systems. Die Kommunikation selbst ist für das Bewußtsein nur rekonstruierbar, aber nie als solche zu beobachten. Insofern bleibt jede Aussage über das Kommunikationssystem hypothetisch. Das klassische Kommunikationsschema, das einen Sender und einen Empfänger durch eine Art ‚Pipeline’ verbindet, durch die codierte Information ‚ausgetauscht’ werden kann, die anschließend decodiert und identisch verstanden wird, dieses Kommunikationsschema beschreibt nur die Intention eines Kommunikationsanlasses: den Wunsch, den ein Sender hat, wenn er einem Empfänger etwas vermitteln will. Dieses Schema verführt aber schnell zu der Behauptung, die Kommunikation sei gescheitert, wenn die Information nicht identisch beim Sender ankommt. Unter diesen Umständen hätte sich ein Kommunikationssystem niemals evolutorisch entwickeln können, da die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns zu Beginn am größten gewesen wäre.

Hier setzt die Neuinterpretation des sozialen Kommunikationssystems durch Luhmann ein. Das Verstehen einer Mitteilung wird nicht mehr vom Handelnden, vom Autor, abhängig gemacht. Der Sender gibt nicht mehr die Norm vor, anhand derer man über das Zustandekommen oder Nicht-Zustandekommen von Kommunikation auf Seiten des Empfängers urteilen könnte. Vielmehr werden jetzt grundsätzlich alle fremdreferentiellen Informationen zum Verstandenen gerechnet, die ein Bewußtsein einem Mitteilungsverhalten sinnvoll zurechnet. Aus der Sicht des Kommunikationssystems gibt es also kein Mißverstehen: es gibt nur Verstehen oder Nicht-Verstehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein unterschiedliches Ergebnis bei Sender und Empfänger auf Störungen der Signalübertragung (z.B. durch laute Musik, die eine Unterhaltung überlagert) oder auf eine unterschiedliche Interpretationsleistung zurückzuführen ist (z.B. durch mangelnde Kenntnis). Aus der Sicht des Kommunikationssystems stellt sich grundsätzlich erst einmal nur die Frage, ob überhaupt etwas als Mitteilung verstanden wird. Die Funktion eines Kommunikationssystems besteht also darin, trotz der großen Wahrscheinlichkeit des Mißverstehens soziale Kontakte zu stabilisieren und damit überhaupt erst einen verläßlichen sozialen Kontext den Psychen zur Verfügung zu stellen, auf dessen Basis dann neue, spezifischere und ‚erfolgreichere’ Informationsübertragungsversuche stattfinden können.

Die umstrittenste, aber durchaus konsequente These Luhmanns postuliert nun, daß dieses soziale Kommunikationssystem ebenfalls als autopoietisches Sys-


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tem gedacht wird.<78> Der Grund liegt vor allem darin, daß eine Handlung - sofern ihre Voraussetzungen (Motivation, Volotion, Selektionsfreiheit; siehe 1.3) nicht lediglich für ein Bewußtsein subjektiv gelten sollen und die Handlung in einen sozialen Kontext gestellt wird, d.h. die Entscheidung darüber, ob ein Verhalten die Voraussetzung für eine Handlung erfüllt, nicht von dem handelnden Subjekt (Akteur) getroffen wird - daß eine in diesem Sinne soziale und damit gesellschaftsstiftende Handlung nicht per se eine Handlung ist, sondern erst in einem Kommunikationsprozeß zu einer sozialen Handlung gemacht wird. Ein Mensch (alias psychisches System) kann sich selbst noch so sehr einbilden, er würde gerade in einer bestimmten Weise handeln - ob sein Tun sozial wirklich als Handeln eingestuft wird, darüber hat er nicht zu entscheiden. Das gilt insbesondere auch für das Kommunizieren selbst. Ob die Versuche eines psychischen Systems zu kommunizieren<79> überhaupt zur Kommunikation werden und mit welchem Erfolg bzw. welchen Folgen, darauf hat es keinen direkten Einfluß. Umgekehrt wird ein Beobachter dieses Verhalten nur dann als Kommunikation verstehen, wenn es ihm als Mitteilungsform durch vorausgegangene Kommunikationssequenzen überwiegend wahrscheinlich erscheint. Auch ihm steht es nicht frei, alleine über den Kommunikationserfolg zu bestimmen. Der Informationsgehalt einer Mitteilung variiert durch seine situative Prädisposition, sein Vorwissen. Hinzu kommt, daß allein das Verstehen einer Mitteilung durch den Empfänger, also durch ein einzelnes psychisches System, nicht ausreicht. Der Empfänger kann sich zwar gewissermaßen im Stillen ‚seinen Teil denken’, aber sein Verstehen bliebe dann sozial unzugänglich. Es muß also Verstehen selbst erst wieder kommuniziert werden, es muß also ein Verhalten zur Folge haben, daß als Mitteilung über das Verstehen gewertet werden kann. Dieses Verstehen eines Verstehens kann aber wiederum nur von einem anderen psychischen System geleistet werden. Für dessen Verstehen gilt aber wiederum dasselbe, so daß dieses Verstehen eines Verstehens durch das Verstehen eines weiteren psychischen Systems verifiziert werden muß. Und so weiter und so fort.

Deshalb, so Luhmann, kann soziale Kommunikation »nicht als Handlung eines Subjekts aufgefaßt werden, weil sie wenigstens ein weiteres Subjekt erfordert. Sie ist kein ‚Sprechakt’. Und sie kann nicht als etwas ‚zwischen’ Subjekten aufgefaßt


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werden, weil dies wiederum die Annahme eines ‚Zwischen’ erforderte«.<80> Statt dessen soll auch hier die Sichtweise invertiert werden: Nur das Kommunikationssystem mit seiner eigenen Logik bestimmt autonom, welches Ereignis als Handlung zu bezeichnen ist, bestimmt durch Kommunikation was als Kommunikation festgelegt wird.<81> Die beteiligten psychischen Systeme werden nur dann die Vorstellung einer ‚gelungenen’ Kommunikation haben, wenn sie die Vorgaben des Kommunikationssystems möglichst genau übernehmen. Sie sind aber nicht dazu gezwungen, und genau hier liegt der Unterschied. Man kann beispielsweise in ein Buch schauen, ohne zu lesen. Vielleicht träumt man statt dessen von schöneren Dingen. Für die soziale Situation ist das nicht unterscheidbar. Dieses Verhalten allein taugt im Kommunikationssystem dazu, als Handlung und als Lesen bezeichnet zu werden. Die Frage, ob diese Interpretation nun ‚falsch’ oder ‚richtig’ ist, spielt für das Funktionieren von Kommunikation an sich keine Rolle (siehe Mißverständnis), kann aber zum Aufbau besonderer sozialer Strukturen führen, sollte die ‚falsche’ Zurechnung dauerhafte Probleme innerhalb sozialer Systeme nach sich ziehen (etwa in der Schule, wenn der Schüler statt zu lesen lieber träumt). Umgekehrt kann sich ein psychisches System das Wissen um diese kommunikative Möglichkeit auch zunutze machen und ‚so tun als ob’ es läse, wenn ihm das für bestimmte soziale Folgen günstiger erschiene (etwa, um nicht angesprochen zu werden).<82>


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2.4 Arten sozialer Systeme

Luhmann setzt Gesellschaft mit sozialer Kommunikation gleich und unterscheidet drei Ebenen der Systemdifferenzierung: a) Interaktionen, b) Gesellschaft und c) Organisationen.<83>

Alle Systeme dieser drei Ebenen zeichnen sich dadurch aus, daß sie ihre Umwelt auf ein spezifisches Merkmal hin beobachten. Diese Ordnungsleistung verleiht ihnen zugleich Identität. Soziale Systeme sind auf einen zweiwertigen Beobachtungsmodus hin codiert,<84> der alle weiteren Beobachtungen als Leitdifferenz bestimmt. Das Rechtssystem beispielsweise beobachtet stets unter dem Code: Recht/Unrecht. Eine Mitteilung muß einen Unterschied machen, wenn man sie wechselseitig daraufhin überprüft, ob sie Recht oder Unrecht mitteilen will. Ist die Mitteilung für das Rechtssystem völlig belanglos, machen beide Codes keinen Unterschied, sie ist dann für das System nicht informativ und die Mitteilung bleibt für das System nur noise. Allerdings bringt das System selbst durch seine Strukturen die Gründe mit ein, die solche Differenzen auffindbar machen, es produziert also erst Kausalität. Diese Systemstruktur basiert auf Grundvoraussetzungen, die generell erfüllt sein müssen, um dem System ein ‚Kontingent’ an Anschlußmöglichkeiten für Beobachtungen zu erschließen. Diese Grundbedingung wird in der Systemtheorie als Kontingenzformel bezeichnet. Für das Rechtssystem ist die Kontingenzformel Normativität. Die Mitteilung etwa, „ich habe das Auto vor der Tür geparkt“, bringt die Differenz der Bewertung von Recht und Unrecht noch nicht grundsätzlich mit. Erst das Wissen um die Tatsache, daß an der Stelle rechtlich ein Parkverbot besteht, macht die Differenz von Recht/Unrecht unterscheidbar. Dieses Parkverbot besteht aber nur innerhalb des Rechtssystems. Seine Beobachtungsleistung ist somit selbstreferentiell.

Unter diesem Gesichtspunkt bleiben die Systeme füreinander black boxes. Beobachtbar ist für andere Systeme jeweils nur das ‚Produkt’, also die vollzogene Beobachtung, nicht aber wie diese Beobachtung zustande gekommen ist.<85> Das Delikt des Falschparkens, um bei dem Beispiel zu bleiben, kann von Staatssystemen beobachtet und durch Sanktionen geahndet werden. Die Einflußnahme der Systeme aufeinander erfolgt also nicht durch starre, sondern nur durch lose Kopplungen, die eine entsprechende Dynamik und Komplexität der Vernetzungen zur Folge haben. In dieser Komplexität lassen sich soziale Kommunikationssysteme


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nach drei spezifischen Funktions-Arten klassifizieren, die sie für die Gesellschaft insgesamt haben.

Interaktionen bezeichnen Kommunikationssequenzen unter Anwesenden, also wenn sich Beobachter gegenseitig beobachten. Interaktionen prüfen jedes Verhalten auf seine kommunikative Verwertbarkeit und halten gewissermaßen den Informationskanal offen. Hier gilt nach der bekannten Definition von Paul Watzlawick et al., daß man nicht nicht kommunizieren kann.<86> Wer dies vermeiden will, muß die Abwesenheit wählen, und selbst die Abwesenheit kann unter Anwesenden noch Anlaß zu Kommunikation bieten. Die Autopoiesis besteht darin, daß eine soziale Beobachtung neue soziale Beobachtungen nach sich zieht. Aber: Anwesenheit bedeutet immer Gleichzeitigkeit. Insofern ist das Lesen eines Buches keine Interaktion und auch keine soziale Kommunikation, solange es sich nicht um Vorlesen handelt. Beim ‚Chatten’ im Internet dagegen entstehen reale Interaktionsgemeinschaften trotz ihres virtuellen Charakters.

Interaktionen, also einzelne Kommunikationssequenzen, dienen als Medium zur Differenzierung von Gesellschaftssystemen. »Die Gesamtheit der Interaktionen bildet mithin eine Art basale Anarchie, bildet [...] das Spielmaterial für gesellschaftliche Evolution. Anspruchsvolle Formen der gesellschaftlichen Differenzierung bauen sich durch Selektion aus diesem Material auf«.<87> Gesellschaftssysteme ordnen, gewissermaßen mit dem Blick von oben herab, Interaktionen bestimmten Funktionen zu, die sie in der Gesellschaft haben können. Dieses Ordnen der Interaktionen erfolgt natürlich mehrdimensional. Der Kauf eines Buches zum Beispiel hat als Medium für das Wirtschaftssystem genauso eine Funktion wie für das Bildungssystem oder möglicherweise auch ein Beziehungssystem (Buch als Geschenk).

Gesellschaftssysteme sind ebenfalls so angelegt, daß sie sich selbst reproduzieren. Sie beobachten faktisch nur das, was zugleich die Anschlußmöglichkeit an Beobachtungen gleichen Typs wahrscheinlich macht und erzeugen so Kausalität. Für das Wirtschaftssystem gilt es, Transaktionen durch Transaktionen zu erzeugen. Eine Zahlung muß die nächste nach sich ziehen. Gemeint ist damit zunächst einmal der klassische Wirtschaftskreislauf. Auch wer sein Geld nicht ausgibt, sondern auf der Bank läßt, eröffnet dem Wirtschaftssystem die Möglichkeit, Zinszahlungen anzuschließen. Wichtig ist, daß Geschäfte, Firmen, Banken etc. in ihrer für uns sichtbaren Komplexität nicht mehr Teilsysteme der Wirtschaft sind. Vielmehr sind solche Gebilde Konglomerate von verschiedenen Systemen. Für das Wirtschaftssystem sind sie nur Elemente der Beobachtung, an die sich entsprechende Erwartungen knüpfen lassen. Ein Teilsystem der Wirtschaft hingegen ist der Buch-


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handel, also die Beobachtung von Transaktionen, die mit Büchern zu tun haben, und nicht etwa Buchhandlungen.

Andere Gesellschaftssysteme sind beispielsweise Politik als Modus der Beobachtung von Macht, Erziehung, Religion, Wissenschaft oder Recht.

Organisationen als Sonderform sozialer Systeme bilden ein Bindeglied zwischen Interaktionen und Gesellschaft. Sie beobachten soziales Verhalten darauf, ob es als »Entscheidung kommuniziert«<88> wird, als Entscheidung zu einer Mitgliedschaft. Auch wenn eine Person bereits Mitglied ist, so wird in Organisationen jedes Verhalten erneut unter dem Gesichtspunkt der Entscheidung zur Mitgliedschaft geprüft, also auf Konformität.

»Jeder kann immer auch anders handeln und mag den Wünschen und Erwartungen entsprechen oder auch nicht - aber nicht als Mitglied einer Organisation. Hier hat er sich durch Eintritt gebunden und läuft Gefahr, die Mitgliedschaft zu verlieren, wenn er sich hartnäckig querlegt. [...] Sie betrifft nicht, wie in mittelalterlichen Korportationen (Städten, Klöstern, Universitäten usw.) die gesamte Person, sondern nur Ausschnitte ihres Verhaltens, nur eine Rolle neben anderen.« ( Luhmann 1997, S. 829)

Die Leistung von Organisationen für Gesellschaftssysteme besteht damit in der Stabilisierung von Erwartbarkeit für Interaktionen, die als Medium zur Reproduktion ihrer Autopoiesis gebraucht werden. Buchclubs, um ein triviales Beispiel zu nennen, sichern dem Wirtschaftssystem und seinem Subsystem, dem Buchhandel, zumindest eine Interaktion je Mitglied pro Quartal, die als Zahlung durch einen Buchkauf gewertet werden kann.

2.5 Programme, Werte und Symbolisch generalisierte
Kommunikationsmedien (SgKM)

Mitgliedschaft allein sichert Interaktionserwartungen aber noch keineswegs. Je weniger die ‚gesamte Person’ in die Pflicht genommen ist, desto unwahrscheinlicher wird es, daß die Mitgliedschaft bestehen bleibt. Dasselbe gilt auch für voraussetzungsreiche Gesellschaftssysteme, die auf bestimmte unwahrscheinliche Interaktionen angewiesen sind. Abhilfe schaffen Programme und Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien (SgKM),<89> deren Wirkungsweise wiederum durch Wahrscheinlichkeits-Werte (Erwartungen) bestimmt wird. Diese Wahrscheinlichkeits-


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werte dürfen nicht mit jenen ‚Werten’ verwechselt werden, die man etwa im Kontext von ‚Werteverfall der Gesellschaft’ versteht. Letztere sind vielmehr Bestandteile der SgKM.

Programme sind durch ‚Wenn... dann...’-Unterscheidungen festgelegte Interaktionsfolgen, die mit jeder Operation die Zurechnung eines Verhaltens als Handlung für ein bestimmtes Gesellschaftssystem wahrscheinlicher werden lassen, bzw. andere Zurechnungsformen ausschließen.<90> Es gibt voraussetzungsreiche Handlungen, die eine längere Beobachtung verschiedener Verhaltenssequenzen erforderlich machen, ehe die Handlung vollzogen ist. Ein Kunde beispielsweise, der im Buchladen stöbert, trägt als solcher noch nichts zur Reproduktion des Buchhandelssystems bei. Erst wenn er ein Buch kauft, ist die Handlung für das System vollzogen. Aber das Stöbern kann von einem Programm des Systems als ‚Wenn’-Verhalten mit der Erwartung verknüpft werden, daß in diesem Falle (‚dann’) der Vollzug der Transaktion wahrscheinlicher wird. Das Stöbern wird somit zu einem Element, einer Sub-Handlung, mit der das Buchhandelssystem etwas anfangen kann. Mit jeder dieser Sub-Handlungen, die dem Programm entsprechen, steigt der Erwartungswert sukzessive, daß die zentrale Handlung ‚Sich-ein-Buch-Kaufen’ abgeschlossen wird.

Problematisch werden Programme aber dann, wenn die ‚Wenn’-Voraussetzungen selbst zu unwahrscheinlich sind. Hier helfen SgKM, die eine Art enzymatische Funktion haben und Nein-Wahrscheinlichkeiten (»auf wunderbare Weise«) in Ja-Wahrscheinlichkeiten transformieren.<91> SgKM sind Persuasions-Medien, die eine Art Vertrauensvorschuß bewirken. Sie koordinieren Selektionen aus Möglichkeiten des Handelns oder Erlebens so, daß an sich unwahrscheinliche Kommunikationsofferten pauschalisiert als gültige ‚Wenn’-Voraussetzung in Programmen angenommen werden. Auf die Gesamtgesellschaft bezogen sind alle SgKM funktional äquivalent, d.h. sie fungieren alle nach dem gleichen Schema. Je nach Leistung für Teilsysteme der Gesellschaft lassen sich die SgKM hingegen klassifizieren. Als typische Beispiele werden genannt: Geld, Macht, Liebe, Wahrheit und Kunst.<92>

Am plausibelsten läßt sich die Funktionsweise der SgKM am Beispiel von Geld verdeutlichen. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß jemand ein an sich knappes Gut aus seinem Besitz ohne Gegenleistung an einen anderen weitergibt. Auch im Tauschhandel ist es relativ unwahrscheinlich, jemanden zu finden, der einem für das eigene Handelsgut genau das eintauscht, was man selber braucht. Diese Un-


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wahrscheinlichkeit kann durch Geld aufgehoben werden, allerdings mit einer Besonderheit: In einem Tauschhandel würde sich die Knappheit zwischen den Tauschpartnern gewissermaßen nivellieren. Ich habe zwei Säcke Kartoffeln, du zwei Säcke Rüben. Danach hat jeder einen Sack Kartoffeln und einen Sack Rüben. Beim Handel mit Geld hingegen bleibt die Knappheit erhalten. Ich habe jetzt sowohl die Säcke Rüben als auch die Säcke Kartoffeln, aber du hast die Option darauf, Deine erworbene Knappheit wieder gegen ein anderes Gut einzutauschen. Genau diese Option ist es, die den Begriff Geld zum Abstraktum werden läßt. Es generalisiert die Erwartungen, beliebige Transaktionen vornehmen zu können, die symbolisch zum Ausdruck gebracht werden. Das Symbol für diese Option - der Geldschein, die bargeldlose Zahlung, ein Edelmetall - ist nicht das Geld (auch wenn ihre Gegenständlichkeit das suggeriert) - es ist als Symbol austauschbar.<93>

Tab. 1: Strukturelle Kopplungen von Funktionssystemen und SgKM (Grundbeispiel)

Bei Macht besteht die Option in der Disponibilität von Sanktionen, durch die an sich unwahrscheinliche Handlungen anderer wahrscheinlich werden. Liebe eröffnet


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die Option, daß Idiosynkrasien (Abneigungen) gegen bestimmte Verhaltensweisen erduldet, ja sogar ins Positive transformiert werden. Bei Wahrheit (nicht zu verwechseln mit dem logischen Wert ‚wahr’, hier eher im Sinne von Glaubwürdigkeit oder Vertrauensvorschuß) transformieren sich an sich unwahrscheinliche Behauptungen in wahrscheinliche, und Kunst (im heutigen Sinne verstanden) erstrebt die »Reaktivierung ausgeschalteter Possibilitäten«<94> der Wahrnehmung.

Alle Arten von SgKM können in unterschiedlichen Ausformungen auftreten: verschiedene Währungssysteme, Machtbereiche, Liebesbeziehungen (platonische Liebe oder körperliche Liebe), Wahrheitsbereiche (Glaubenswahrheit, wissenschaftlicher Beweis etc.) und Kunstformen. Jedes SgKM variiert außerdem in der Stärke seiner Wirkung, so wie die Kaufkraft des Geldes schwankt. Die Validität des Mediums hängt natürlich jeweils von externen Referenzen ab, die in der Unmittelbarkeit der Anwendung bestehen. Wer seine Macht spielen läßt, muß in diesem Moment über die Möglichkeit verfügen, Sanktionen anwenden zu können, die bei dem Adressaten auch tatsächlich greifen. Geld kann man nur für etwas ausgeben, was auch tatsächlich zu kaufen ist.

Die Tabelle 1 will die strukturelle Kopplung von Funktionssystemen, Programmen und SgKM schematisch verdeutlichen. Als Beispiel wurde das Erziehungssystem gewählt - nicht ohne Hintergedanken, da gerade in bezug auf das Lesen von vielen sozialen Systemen eine bestimmte Erwartungshaltung an die Erziehung gerichtet wird (dazu später mehr). Die Funktion des Erziehungssystems besteht - im Gegensatz zur traditionellen Vorstellung - nicht darin, Schüler in ihrem Verhalten zu verändern (das würde gegen das Gebot der Systemautonomie verstoßen), sondern in der Beurteilung ihres Verhaltens und der gleichzeitigen Zuordnung in bestimmte Kategorien. Wer die Aufgaben der Lehrer zur Zufriedenheit löst, wird versetzt, wer dies nicht tut, muß die Schule verlassen oder wird in eine andere Schulart umgestuft.<95> Die Entscheidungsbedingungen werden als Programm, bezeichnet als Curriculum, festgelegt. Am Ende der Schulzeit kann man jeder Person eine Schulkarriere zuschreiben, die in bestimmten Situationen (z.B. bei Bewerbungen) eine ähnliche kommunikative Funktion hat wie Geld. Der potentielle Arbeitgeber kann aktuell schwer nachprüfen, ob der Bewerber tatsächlich alle gewünschten Fähigkeiten besitzt. Symbolischen Ersatz bietet hier ein Kommunikationsmedium (materiell repräsentiert durch Zeugnisse). Der Arbeitgeber ist vor allem durch das SgKM bereit, dem Anstellungsgesuch zu entsprechen - was bei der Zahl der Bewerber oder der wirtschaftlichen Situation ohne SgKM eher unwahrscheinlich gewesen wäre.


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Das SgKM bewirkt also eine radikale Reduktion von Komplexität. Die Systeme, die es verwenden, werden freigehalten von der Komplexität der Entstehung des SgKM. Die ganze Schullaufbahn muß nicht in allen Details mitkommuniziert werden. Zugleich entsteht durch die Reduktion der Komplexität, durch den Informationsverlust, eine Asymmetrie. Nicht jedes Abitur ist gleich, nicht jeder Abiturient, selbst mit der gleichen Note, ist für einen Beruf gleich geeignet. Derartige Asymmetrien verhindern, daß sich die Kommunikation der Gesamtgesellschaft statisch auspendelt. Durch die Asymmetrien entsehen latente Ungleichgewichte, die sich später als neue Probleme bemerkbar machen und Anlaß für neue Kommunikationen geben. Hier findet sich gewissermaßen die ‚Energiequelle’ oder der ‚Motor’ der Gesellschaft.

Die Wirksamkeit der Karriereform (z.B. Abitur) bei der Transformation von Unwahrscheinlichkeiten in Wahrscheinlichkeiten hängt aber entscheidend von der Inflation oder Deflation des SgKM ‚Karriere’ ab. Je mehr Abiturienten beispielsweise sich um dieselbe Stelle bemühen, desto unwirksamer wird das Karrieremerkmal ‚Abitur’. Der Wert der Bildung, den man mit dem ‚Abitur’ erreicht hat, sinkt dann stetig. Die Firma kann sich noch auf Zusatzdifferenzierungen (Noten) berufen oder das SgKM für wertlos erklären und eigene Aufnahmetests durchführen. Das Äquivalent im Wirtschaftssystem wäre die völlige Entwertung des Geldes und die Umstellung auf den Tauschhandel.

Tab. 2: Beispiele für weitere Funktionssysteme und SgKM nach gleichem Muster

Klassifizierung

Beispiel der Wirkungsweise

Funktionssystem

(Codierung)

Programm

Wertereferenz
(bestimmt Wirkung der SgKM)

SgKM

Noch unwahrscheinliche Akzeptanz einer Kommunikationsofferte...

...wird transformiert in wahrscheinliche Akzeptanz

Wirtschaft

(Transaktion)

Handel

Währung

Geld

„Das ist jetzt meins...“

„...weil ich Geld habe, es zu kaufen.“

Rechtssystem

(recht/unrecht)

Gesetze

Legitimität

Recht

„Du hast dich strafbar gemacht...“

„...weil dies das Recht so bestimmt.“

Politik

(Regierung/
Opposition)

Sanktionen

Machtpotential

Macht

„Du machst das und das...“

„...weil ich die Macht habe, dich dazu zu zwingen.“

Beziehung

(wir zwei)

Liebesbeweis

Treue

Liebe

„Ich will für immer mit dir zusammen sein...“

„...weil ich dich liebe.

Wissenschaft

(wahr/falsch)

Forschung

Reputation

Wahrheit

„dies ist so und so...“

„...weil meine Untersuchungen beweisen, daß dies die Wahrheit ist.“


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Eine direkte Rückkopplung zwischen den Systemen besteht aber nicht: auch hier verhindert das Autonomiegebot, daß das Curriculum von fremden Systemen geändert wird. Die Wertlosigkeit der Karrieren liegt in der Systemumwelt und tangiert die Fortsetzung der Selektionsleistung des Erziehungssystems nicht. Es kann weiterhin Abiturienten im Überfluß ausbilden. Das Erziehungssystem kann nur durch Widerstände, für die es sensibilisiert ist, gezwungen werden, selbst Änderungen vorzunehmen, z.B. durch das Ausbleiben von Schülern oder durch die Macht der Politik, Sanktionen vorzunehmen, die wiederum das Ausbleiben von Schülern bewirken.

Die Tabelle 2 zeigt eine ganze Reihe von weiteren SgKM, die nach demselben Schema klassifiziert werden können. Das Schema wurde aus Quellen der Primärliteratur abgeleitet und in einigen Teilen vom Verfasser modifiziert oder ergänzt, da hierfür leider kein einheitliches Konzept in der Systemtheorie vorliegt. Selbstverständlich stellt die Tabelle keine vollständige Übersicht dar und dient hier nur zum allgemeinen Verständnis.

2.6 Redefinition von Kultur als Symbolisch generalisiertes Medium

Anders als Luhmann und entgegen allen bisher geläufigen Definitionen plädiert der Verfasser dafür, auch Kultur als Symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium hinzuzunehmen. Dies allerdings immer nur unter dem Gesichtspunkt der Bedeutung von Kultur für den Kommunikationsprozeß.

In der Philosophie des 20. Jahrhunderts wird Kultur gewöhnlich als Sammelbezeichnung für bestimmte menschliche Qualitäten ausgewiesen. Sei es als Inbegriff aller Leistungen, die den Menschen über das Tier erheben (Freud), der Gesamtheit des menschlichen Tuns (Gihring), seien es die »humanen Gemeinsamkeiten«, die die Menschen einen (Leggewie) oder sei es nur auf der kognitiven Ebene als »Inbegriff aller geistigen Energien« (Cassierer).<96> Eco verweist darauf, daß Humanität und Sozietät nur existieren können, »wenn kommunikative und signifizierende Beziehungen etabliert werden« und Kultur sich daher im Wesentlichen nur im semiotischen Kontext begreifen lasse.<97> Anders als Eco verwendet Luhmann den Kulturbegriff noch radikaler, ausschließlich auf Kommunikation bezogen, und verzichtet konsequenterweise auf jeden anthropologischen Verweis. Bei ihm steht Kultur als unbestimmter Mengenbegriff für eine Gesamtheit an möglichen Kommunikationsanlässen, die er »Themenvorrat«<98> oder Gedächtnis


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der Gesellschaft<99> nennt. S. J. Schmidt wiederum nennt Kultur ein Programm, mit dem kollektives Wissen verwaltet werden kann.<100> All diesen Ansätzen ist gemein, daß der Begriff Kultur an Schärfe verliert und ihm sein ursprünglich beigemessener qualitativer Aspekt abhanden kommt. Wie Schnädelbach nicht ohne Ironie feststellt, werden heute ‚Kultur’ und ‚Gesellschaft’ häufig synonym gebraucht.<101> Für die Theorie ist mit einer solchen Dopplung der Begriffe nichts gewonnen, und sowohl bei Eco wie auch bei Luhmann könnte man fragen, ob der Begriff ‚Kommunikation’ oder ‚Themenvorrat’ für sich genommen nicht vollkommen ausreichte und man darauf verzichten könnte, ihn zusätzlich mit dem Begriff ‚Kultur’ zu belegen. Auch der Vorschlag S. J. Schmidts, Kultur als Kommunikationsprogramm zu definieren, das die Zugriffe auf den Themenvorrat »verwaltet«, zielt wie bei Luhmann auf die Gedächtnisfunktion, spezifiziert aber immerhin die Funktion von Kultur innerhalb der Kommunikation. Kultur beschreibt hier nur jene Mitteilungssequenzen, die zur Rekurrierung von Wissen - konkret: kollektivem Wissen - dienen. Die Frage bleibt aber, was mit ‚kollektivem Wissen’ gemeint ist und wie es sich von nicht-kollektivem, systemspezifischem Wissen abgrenzt. Denn auf Systemwissen muß ein System fortlaufend zugreifen, und so müßte man letztlich wieder jede Kommunikation als kulturellen Akt auslegen, d.h. der Begriff würde wieder ins Undifferenzierte abgleiten. Offenbar ist Konersmann Recht zu geben, der sagt:

»Tatsächlich ist Kultur kein faßbares Ereignis, und so etwas wie ‚die Kultur’ wird sich nirgends finden. Es gibt nur eine Fülle von Ereignissen und Manifestationen, Massen von Hinterlassenschaften und Verweisen, die keiner festen Regel gehorchen und die unserem Verstehen keineswegs entgegenkommen. Es ist das Prekäre der Kultur, daß man Ausdrucksgestalten nicht durch die eingeführten Verfahren auf eine ihnen wertmäßige Weise regeln, überprüfen und handhabbar machen kann. Kultur ist offenkundig und, recht verstanden, essentiell ein terrain vague.« ( Konersmann 1998, S. 171.)

Betrachtet man die Verwendung des Begriffs ‚Kultur’ in der Alltagssprache, so mag er zwar Konvergentes, Widersprüchliches bezeichnen, doch hat er im Kommunikationsprozeß durchaus eine präzisierbare Funktion. Hier spielt weder der anthropologische Bezug noch der Verweis auf Wissen oder Gedächtnis eine primäre Rolle, vielmehr wird mit ‚Kultur’ eine Auswahl besonderer Verhaltensprogramme markiert, die sich qualitativ von anderen unterscheiden und mit einem besonderen Wert belegt werden. Die heutige Wertfreiheit des Kulturbegriffs, von der Schnädelbach spricht, bezieht sich lediglich auf die »wissenschaftliche Rede«.<102> Im Alltagsgebrauch werden weiterhin Wertigkeiten unterschieden, und das


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Unterscheiden setzt einen Gegenpol für Kultur voraus, der zwar heute nicht mehr explizit als ‚Zivilisation’ benannt wird, der aber in der alten Wertigkeit latent vorhanden bleibt.

So läßt sich der Begriff ‚Kultur’ sprachlich an alle Handlungen oder Themen anfügen: Schauspielkultur, Autokultur, Sprachkultur, Laufkultur usw. Gleichwohl deutet diese sprachliche Kopplung der Begriffe schon an, daß nicht jedes Schauspiel, jedes Auto, jede sprachliche Äußerung usw. als Kultur bezeichnet wird. Es werden also bestimmte Formen eines Handlungsvollzugs markiert und mit einem Wert versehen. Wenn Schnädelbach Kultur als »das Unwahrscheinliche und Nichtselbstverständliche« definiert,<103> assoziiert dieser Vorschlag Parallelen zu dem, was systemtheoretisch als SgKM eingeführt worden ist. Man könnte nun entweder alle SgKM als Kultur bezeichnen, also Geld, Macht, Liebe etc. unter den Kulturbegriff subsummieren, oder man könnte Kultur als eigenständiges SgKM ausweisen. Der Verfasser plädiert für die zweite Variante, da ‚Kultur’ im kommunikativen Prozeß eben doch Konkreteres bezeichnen will, als nur einen Überbegriff für SgKM darzustellen, und da ‚Kultur’ sich zuweilen auch gegen andere SgKM abgrenzt (etwa der Gegensatz: Kultur/Geld).

Betrachtet man ‚Kultur’ als eigenständiges SgKM, so heißt dies theoriegemäß, daß sie auf basaler Ebene funktional äquivalent zu anderen SgKM sein muß, sich aber durch die Zugehörigkeit zu einem speziellen Funktionssystem von den anderen abgrenzt und hier für das Gesamtsystem der Kommunikation eine spezifische Leistung erbringt. Für Funktionssystem und Leistung soll nun ein Konzept erarbeitet werden.

Im Sprachgebrauch zeigt sich, daß ‚Kultur’ keineswegs jene Verhaltensweisen oder Interaktionssequenzen als präferierten Erwartungswert markiert, die ein soziales System am schnellsten zur Systemreproduktion führen.<104> Es sind vielmehr jene Verhaltensweisen, die im Gegenteil zur künstlichen Verlangsamung der Systemprozesse beitragen, aber zugleich auch zur Stabilisierung der Erwartungen. Insofern scheint ‚Kultur’, oder das, was stellvertretend damit bezeichnet wird, zwar nicht die Verwaltung eines oder gar mehrerer Systeme zu übernehmen, wie Schmidt vorschlägt, aber dennoch eine für die ‚Systemverwaltung’ unterstützende Funktion zu haben.


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Nicht jedes beobachtete Verhalten kann sofort eindeutig einer Handlung zugeordnet werden, nicht jede Handlungsdefinition basiert auf eindeutigen Verhaltensmustern und nicht immer ist die Beobachtungsleistung scharf genug. Das größte Problem aber ist, daß menschliche Psychen für die Zuverlässigkeit zu beobachtender Verhaltensweisen keine probate Größe darstellen. Wie bereits angemerkt, lassen sich im Laufe der historischen Entwicklung der Gesellschaft immer weniger Rollenbezeichnungen auf eine Person dauerhaft zurechnen. Systemprogramme rekurrieren in der Tat auf systemeigenes Wissen, um Situationen durch Wenn-dann-Entscheidungen zu analysieren und den Personen ‚Rollen’ zu attribuieren. Ein Bibliothekssystem etwa, das die Nutzung seines Medienangebots beobachtet, muß einen potentiellen Nutzer schon vor der eigentlichen systemreproduzierenden Schlüsselhandlung (dem Lesen im Lesesaal oder der Ausleihe) als potentiellen Nutzer erkennen. Eine wichtige Rolle dabei spielen bereits topographische Dispositionen. Wenn jemand ein Haus betritt, das als Bibliothek bezeichnet wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß sich sein Verhalten in einer deutlich reduzierten Anzahl von möglichen Rollen widerspiegelt (etwa als Bibliothekarin oder als Bibliotheksnutzer). Ein solcher Filter reduziert die Beobachtungskomplexität erheblich. Dann folgen Handlungsketten, die die Zuordnung dieser beobachteten Person durch weitere Programme schließlich endgültig festlegt. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß das Verhalten einer Person keinem starren Drehbuch entspricht und entsprechend komplex und störanfällig müßten die Beobachtungs- und Zurechnungsprogramme ausfallen. Was deshalb in der Systemtheorie fehlt, ist eine Systemgattung, die auf basaler Ebene als Verhaltens- und in diesem Sinne als Informationsstabilisator fungiert. In der klassischen Informationstheorie wird diese Stabilisation durch Redundanzen in der Signalübertragung erzielt. In ähnlicher Weise zeigt menschliches Verhalten solche Redundanzen auf, die letztlich erst die Grundlage dafür geben, daß beobachtende Systeme daraus Handlungen differenzieren und Kausalitäten zurechnen können. Diese Verhaltensredundanzen sollen im folgenden als ritualisiertes Verhalten oder als Rituale bezeichnet werden. <105>


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Rituale zeichnen sich dadurch aus, daß ihr Vollzug im Normalfall nicht reflektiert wird - weder vom Bewußtsein der Person, die das Verhalten zeigt, noch von den sozialen Systemen, die sie beobachten. Außerdem sind sie selbst zweckfrei, wenn man von dem Zweck der Redundanzen absieht, die eigentliche Mitteilung zu stabilisieren. Die Syntax und Grammatik unserer Sprache kann als Analogie zu einem besseren Verständnis dienen. Es gibt hier eine ganze Reihe von Füllwörtern (‚gar’, ‚nun’ etc.), deren Verwendung nicht reflektiert wird und deren Notwendigkeit zur Informationsvermittlung nicht unbedingt notwendig ist. Formelsysteme der Mathematik beispielsweise streben danach, gerade auf diese Redundanzen zu verzichten, und ihre Aussage ist dennoch, wenngleich mit sehr viel mehr Mühe, zu verstehen. Ähnlich verhält es sich beim Schreiben mit der Zeichensetzung und anderen Formen der Rechtschreibung wie bspw. Groß- und Kleinschreibung. Ihr Zweck ist es einzig und allein, die eigentlich wichtigen Informationen im Text schärfer zu markieren und ihre Beachtung hervorzuheben und damit zu einem leichteren Verstehen beizutragen, aber sie sind nur äußerst selten zum Verstehen notwendig.

In der sozialen Kommunikation gibt es vergleichbare redundante Einheiten, d.h. ritualisierte Interaktionsketten, die weder für das beteiligte Bewußtsein noch für das beobachtende System zu ihrer Systemreproduktion notwendig wären, die aber beide Systemarten darin unterstützen, die Reflexion auf das eigentlich Wesentliche zu lenken: die Reproduktion des Ichs und/oder die Reproduktion einer sozialen Handlung. Begrüßungsrituale, Höflichkeitsfloskeln, Benimm- und Anstandsregeln etc. Konnte dieses rituelle Verhalten nicht auf einen Zwang durch äußere Umstände zurückgeführt werden, hat man sich hierfür bislang mit dem nicht aussagekräftigen Begriff der Habitualisierung beholfen und das Verhalten als Wesenszug der beobachteten Person ausgewiesen. Damit wird das Forschungsinteresse allerdings in die ‚Tiefen’ des Subjekts hineinverlagert und zugleich verdeckt, welche Funktion solche Verhaltensweisen für die Kommunikation haben. Bezieht sich die Habitualisierung auf Kollektivsingulare, spricht man entsprechend von Sitte oder Brauch. Umgangssprachlich lassen sich ritualisierte Verhaltensweisen durch Hinweise wie: „das ist bei uns so üblich“, „das gehört sich so“, „das war schon immer so“ oder „das bin ich so gewohnt“ lokalisieren. Es fehlt im Moment der erzwungenen Reflexion jegliche Kausalität. Das Ritual verweist auf sich selbst, bleibt besonders nahe an der Tautologie. Es ist so, weil es immer schon so war. Ein Grund muß erst im Nachhinein konstruiert werden.

Rituale unterstützen soziale und psychische Systeme bei der Situationskontrolle. Sie zeigen an, daß nun bestimmte Beobachtungsprogramme abgefahren werden können. Denn die Einhaltung eines Programms, der ‚Wenn-dann’-Unterscheidungen, an denen die Handlungsdifferenzierung festgemacht wird, braucht fixe Sequenzierungspunkte. Rituale schärfen diese Sequenzierungspunkte, machen sie deutlicher. Und sie geben Sicherheit, daß die beobachtete Person so und nicht


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anders handeln wird. Das Folgeleisten von derart ritualisierten Interaktionssequenzen hat auch für psychische Systeme eine Entlastungsfunktion. Man muß nicht mehr über jedes Verhalten und seine Folgen für das eigene Bewußtsein nachdenken; die Wirkung der Verhaltensweise nach außen und innen ist mit hoher Wahrscheinlichkeit festgelegt.

Nun bleiben Rituale wegen ihrer Unreflektiertheit und der Tatsache, daß sie entbehrlich bleiben, beständig gefährdet. Erst ihr Ausfall schafft all jenen Systemen, die sich auf ihre Leistung eingestellt haben, Probleme. Ihr Blick wird unschärfer. Man könnte in ein Autohaus gehen, zwanzig tausend Euro auf den Tisch legen und sagen: „das Auto da“. Für eine Transaktion und damit für die Reproduktion des Wirtschaftssystems wäre dieses Verhalten vollkommen ausreichend. Es wird aber in den seltensten Fällen so sein. Vielmehr wird man das Autohaus betreten und sagen: „Guten Tag“. Umgekehrt: welche Verunsicherung würde über das Verhalten des Kunden entstehen, wenn tatsächlich jemand nur das Geld auf den Tisch legte. In der Analogie zur Schrift (und nur in Analogie!) hieße das: ein Text, in dem Kommata beliebig oder gar nicht gesetzt sind, führt zwar nicht dazu, daß der Sinngehalt des Textes nicht verstanden wird, aber das Lesen fällt gleichwohl schwerer. Erst als Problem wird die Verwendung von Satzzeichen vom Leser reflektiert. Er wird vom Autor und der Gesellschaft einfordern, man möge in Zukunft wieder ‚richtig’ schreiben. Damit gerät das Ritual (hier: das Schreiben informationsloser Zeichen) aber genau zu dem, was es im Vollzug nicht sein sollte: zur beobachteten Handlung und tritt selbst als Thema in die Kommunikation ein. Das dafür vorgesehene soziale System, das für die Beobachtung von zum Problem gewordenen ritualisierten Verhaltensweisen zuständig ist und kommunikabel macht, soll hiermit als Traditionssystem in die Theorie eingeführt werden. Traditionssysteme sollen jene Funktionssysteme der Gesellschaft sein, die das SgKM Kultur hervorbringen - in gleicher Weise wie nur Wirtschaftssysteme Geld hervorbringen, Erziehungssysteme Karrieren etc.

Sicherlich sind alle Sinnsysteme in gewisser Weise Überlieferungssysteme, weil sie dieselben Sinnstrukturen in ihrer Autopoiesis beständig reproduzieren und somit gesellschaftlich verfügbar halten. Man könnte sie also alle als Traditionssysteme bezeichnen. Um den Begriff hier schärfer abzugrenzen, sollen als Traditionssysteme im speziellen nur jene Systeme bezeichnet werden, deren Funktion es genuin ist, solche ritualisierten Verhaltensweisen zu beobachten, deren Reproduktion durch andere soziale Systeme nicht mehr gesichert ist, um sie auf diese Weise zu stabilisieren.

Traditionssysteme invertieren die Sichtweise. Die Redundanz wird zur Information, das für andere Systeme ‚Überflüssige’ wird zum Wesentlichen der Beobachtung. Genau das aber passiert, wenn ein Bewußtsein beginnt, Rituale zu reflektieren, und es sich dann mit anderen Psychen über diese Reflexion austauschen möchte. Ist das Ritual als persönlich nutzlos erkannt worden, wäre es die einfachs-


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te Konsequenz für das psychische System, die Verhaltensweise fortan auszulassen und keinen Gedanken mehr daran zu verschwenden. Aus der Perspektive der Sozialsysteme kann der damit verbundene Ausfall dieser Verhaltensweisen zu Irritationen führen. Für den Fall, daß kein anderes SgKM diese Entwicklung reversibel machen kann, greifen Traditionssysteme als letzte Instanz, um das Ritual zu reinitialisieren oder zumindest in einer kleineren Kommunikationsenklave ‚überwintern’ zu lassen. Das heißt, wenn weder Geld, Liebe, Recht, Macht usw. Anlaß geben, das Ritual fortan wieder in die Kommunikation einzubeziehen, liefert das Traditionssystem einen letzten Kommunikationsanlaß durch die Reflexion des Rituals auf sich selbst.

Am 24. Dezember wird Weihnachten gefeiert, mit Tannenbaum, Kirchgang usw.; nicht mehr, weil die Religion es so verlangt, sondern weil es Tradition ist. Weil die Überlieferung überliefert werden muß. Das typische an der Tradition ist eben diese Tautologie: es gibt keinen anderen Anlaß als den Anlaß. Es gibt in der Gegenwart keine kausale Zurechnung der Ursache in der Umwelt des Systems. Weihnachtsrituale werden nicht erzwungen, weder durch den Winter noch durch die Kirche. Wenn die religiöse Bedeutung des Weihnachtsfestes für ein Bewußtsein entfällt, liefert die Tradition die letzte Begründung für den Vollzug, bis das Bewußtsein wieder neue, konkrete Erwartungen an den Vollzug des Rituals für die eigene Identität stellen kann. Man beobachtet, was alle machen, um es damit zu rechtfertigen, daß es alle machen - solange, bis man noch einen anderen Grund gefunden hat, der einen zufrieden stellt und ein weiteres Nachdenken überflüssig macht.

Nun ist es aber unwahrscheinlich, daß Personen auf diese Weise fest an ein rituelles Verhalten gebunden werden können, insbesondere durch informationslose Tautologien als Grund des Vollzugs. Der Theorie entsprechend müßte an dieser Stelle ein SgKM greifen, das spezifisch auf die Tradition zugeschnitten ist und durch dieses System auch generiert wird. Ein SgKM, das Personen dazu bringt, die unwahrscheinliche Akzeptanz einer Zumutung, nämlich der Zumutung, die eigene Freiheit in der Wahl eines Verhaltens einzuschränken, in eine wahrscheinliche transformiert. Dieses SgKM könnte Kultur sein. Den Hinweis liefert der Gebrauch des Begriffes Kultur innerhalb der (nichtwissenschaftlichen) Kommunikation. Er wird vor allem dann verwendet - und dies soll keineswegs nur eine provozierende These sein -, wenn bestimmte Rituale zu entfallen drohen und damit Gesellschaftssysteme, die an die Beobachtung dieser Rituale gekoppelt sind (die also eine Leistung des Funktionssystems Tradition in Anspruch nehmen), in Kommunikationsprobleme geraten. Nur in seltenen Fällen spricht man von Alltagskultur und kann sich dabei sicher sein, daß der Begriff Kultur hier keine besondere kommunikative Wirkung hinterläßt (außer vielleicht in der Kunst). Alltagsrituale sind noch ungefährdet, weil sie ihrer Funktion entsprechend nicht reflektiert werden, aber


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sie sind natürlich nichtsdestoweniger Rituale und referieren direkt auf das SgKM Kultur.

So essen wir bekanntlich mit Messer und Gabel, auch dann, wenn es nicht unbedingt notwendig wäre und die Finger ausreichen würden. Kaum jemand macht sich darüber Gedanken. Erst wenn diese an sich unnötige Handlung wegfällt, etwa bei Kindern oder nach Einführung der Fast-Food-Gastronomie, wird dies in der Kommunikation als Problem behandelt und das fehlende Ritual mit dem Attribut ‚Kultur’ bezeichnet. Dem Kind muß dann Tischkultur anerzogen werden, den Hamburgerketten wirft man das Betreiben des Untergangs der Eßkultur vor. Und man spricht vor allem immer dann von Lesekultur, wenn man sie bedroht sieht.

Kultur als SgKM impliziert die gleiche Universalität wie sie Geld, Liebe, Recht etc. zugeschrieben wird. Jedes Funktionssystem der Gesellschaft, und im besonderen Maße natürlich Organisationen und Interaktionen, sind von ritualisierten Verhaltensmustern abhängig. Je ritueller das Verhalten der Gesellschaft, desto sicherer und berechenbarer können Erwartungen geknüpft werden.

Die Wirksamkeit von Kultur als SgKM ist deshalb gegeben, weil es direkt auf die Selbstbeschreibung des Bewußtseins als Mensch zielt. Ein kultivierter Mensch ist ein guter Mensch, Kultur formt den Menschen, macht den Menschen aus. Es ist möglich, jemanden von einem für ihn selbst sinnlosen Ritual zu überzeugen mit dem Hinweis, seine Kultur sei gefährdet (bzw. er täte etwas für seine Kultur).<106> Bei der Erziehung von Kindern, in denen der Kulturbegriff noch nicht internalisiert ist, erfolgt die Persuasion subtiler: „Sei ein lieber Junge und benimm dich!“ Auch hier der direkte selbstreferentielle Verweis auf die Person und nicht auf einen externen Grund. Die Erziehung ist dann erfolgreich, wenn der Junge sich freiwillig und aus Gewohnheit dem Benimm unterstellt, ihn nicht weiter reflektiert, und im Gegenzug mit der Identität leben kann, „ein lieber Junge“ zu sein. Damit wird er für die ihn als Person beobachtenden Gesellschaftssysteme berechenbar. Es ist also nicht verwunderlich, daß der alte humanistische Bildungsbegriff, der auf die Persönlichkeitsbildung abzielt, so eng mit dem Begriff Kultur verwoben ist.

Eine kultivierte Person, der ‚Mensch’, entspricht derselben Symbolhaftigkeit für eine generalisierte Leistung wie die Banknote bzw. die Währung für das Geld. Eine kultivierte Person verspricht in der Regel nicht nur einem spezifischen sozialen System Stabilität in der Erwartungshaltung, sondern vielen. Es sind von daher im Prinzip alle sozialen Systemarten bereit, mit ihrer eigenen Funktionalität eine


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Leistung für Traditionssysteme beizutragen, also in die ‚Kulturwährung’ zu investieren. Verschiedene Traditionssysteme erzeugen Kultur in verschiedenen ‚Währungen’. Ein Traditionssystem für Handelsbräuche erzeugt so etwas wie Wirtschaftskultur, eines für juristische Gepflogenheiten Rechtskultur und ein Traditionssystem für ritualisiertes Lesen entsprechend Lesekultur usw. Obgleich alle diese ‚Kulturwährungen’ als Kultur zueinander kompatibel sind, haben sie in unterschiedlichen Kontexten natürlich unterschiedliche Persuasionskraft, vergleichbar mit der unterschiedlichen Kaufkraft des Geldes, bis hin zur Wertlosigkeit. Ebenso wie für Geld gilt: je größer die Knappheit und je höher die Persuasionskraft, desto wertvoller die Kulturform. Und weiter: je gefährdeter ein Ritual, desto höher sein kultureller Wert - außer, es fehlt der entsprechende Gegenwert (die ‚Nachfrage’) in der Kommunikation. Findet ein Ritual innerhalb der Kommunikationssysteme keine Verwendung mehr, sind also kaum noch soziale Systeme strukturell daran gekoppelt, bricht die jeweilige Tradition zusammen und mit ihr die ihr spezifische kulturelle ‚Währungseinheit’: die entsprechend auf das Ritual hin sozialisierte Person. Um zu überleben, müssen Traditionssysteme ihren Gegenwert in möglichst vielen sozialen Systemen verankern, um im Gegenzug Leistungen von diesen Systemen zu erhalten, die zur Stützung der Rituale beitragen. Je größer der Wert des SgKM Kultur, desto mehr Fremdsysteme koppeln sich strukturell an die Tradition.

Tab. 3: Beispiel für das Funktionssystem Tradition und das SgKM Kultur

Klassifizierung

Beispiel der Wirkungsweise

Funktionssystem

(Codierung)

Programm

Wertereferenz
(bestimmt Wirkung der SgKM)

SgKM

Noch unwahrscheinliche Akzeptanz einer Kommunikationsofferte...

...wird transformiert in wahrscheinliche Akzeptanz

Tradition

(Ritual
bzw.
redundantes Verhalten /
nicht-red. V.)

Habitualisierug
(Sitte, Brauchtum)

Kulturformen

z.B. Lesekultur

Kultur

„das Rechtssystem ist bedroht...“

„...weil es von der Lesekultur abhängt.“

Ein typisches Beispiel, wie ein ‚Handel’ mit dem SgKM Kultur aussieht (hier eine Offerte, die Annahme der Offerte ist nicht dokumentiert):

»Rechtsleben ohne Bücher - die Informationstechnologie könnte es möglich machen. Doch regt sich Protest gegen solche Vorstellungen; denn die Entstehung der Rechtskultur hängt aufs engste zusammen mit der Entstehung von Schrift und Lesekultur. [...] Lex hat schon sprachlich etwas mit legere zu tun.« (1986: A454)


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Die Passage war an ein Auditorium von Juristen gerichtet. Die Argumentationslinie ist in sich vollkommen absurd: weder gibt es eine unbedingte Notwendigkeit von Büchern im Rechtsleben, noch kann diese Notwendigkeit auf eine vorgebliche (wiss. nicht bestätigte) etymologische Ähnlichkeit von lex und legere gestützt werden. Ebenso unzulässig ist die Trennung von Informationstechnologie und Lesen. Lesen wird hier unterschwellig nur dem Buch zugestanden, was insofern unlogisch ist, da Lesen selbst eine Informationstechnologie und unabhängig vom Trägermedium ist. Sinnvoll wird die Äußerung erst unter dem Gesichtpunkt, daß hier das thematisierte Problem auf die Tradition verweist. Buchkultur und Rechtskultur werden hier über den Kulturbegriff vereinigt. Probleme der Buchkultur werden - sofern der ‚Handel’ akzeptiert wird - zugleich zu Problemen der Rechtskultur (Tab. 3).

2.7 Bedeutung des Lesens für soziale Systeme

Aus der bisher erfolgten Skizzierung der Gesellschaftstheorie wird schon deutlich, daß der Begriff Lesen systemtheoretisch differenziert betrachtet werden muß.

Zum einen ist Lesen ein Beobachtungsmodus eines psychischen Systems. Ein Bewußtsein koppelt Vorstellungen an die visuelle Beobachtung von alphabetischen oder piktographischen Zeichen. Diese Zeichen werden von einem Bewußtsein stellvertretend für ein Mitteilungsverhalten einer Person gewertet, die Information wird von Schrift getrennt und in irgendeiner Weise auch verstanden. Und doch ist das Lesen hier keine Kommunikation mit dem Autor, auch wenn das Bewußtsein sich selbst die Vorstellung von einer solchen geistigen Gemeinschaft konstruiert.<107> Das resultiert aus dem Gebot der Gleichzeitigkeit aller sozialen Operationen. In der Gegenwart ist das Lesen der Schriftzeichen für die Gesellschaft vollkommen belanglos. Man kann das Lesen nicht beobachten. Zur sozialen Kommunikation wird Lesen erst, wenn das Verhalten eines Lesers anders ist als es vor dem Lesen gewesen wäre und diese Änderung dem Gelesenen zugerechnet wird. Oder wenn das Nicht-beobachten-Können, was der Leser liest, für einen Beobachter zweiter Ordnung zum Problem wird.

Greift man nun die eingangs gestellte Frage nach der Bedeutung der Kulturtechnik Lesen für die Gesellschaft unter diesen Vorüberlegungen auf, so erkennt man schnell, daß Lesen für den gesellschaftlichen Kommunikationsprozeß eher problematisch denn »unabdingbar« sein muß. Das Generalproblem, das erst nach einem mehrere Jahrhunderte dauernden gesellschaftlichen Evolutionsprozeß in einen für soziale Kommunikation abgesicherten Modus überführt werden konnte, liegt darin, daß der Beobachter erster Ordnung (in aller Regel) nicht sieht, wie der


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Text zustande gekommen ist, der Beobachter zweiter Ordnung nicht sieht, was der Leser liest und mit wem er ‚kommuniziert’. Das Problem für den Beobachter erster Ordnung, also den Leser, führt zu Ordnungssystemen im typographischen oder linguistischen Bereich. Der Text muß mit entsprechenden Redundanzen abgesichert sein, muß über den Anlaß seines Entstehens in bestimmter Form zusätzlich informieren. Je komplexer die Inhalte, desto optimaler muß dieses Ordnungssystem ausdifferenziert sein. Allerdings handelt es sich dabei nicht um soziale und nicht um autopoietische Systeme.

Wenn man so will, ist die Problemlösung des Beobachters erster Ordnung für das Lesen konstitutiv. Dagegen ist die Problemlösung für den Beobachter zweiter Ordnung (jemanden, der einen anderen lesen sieht) für das Lesen eher destruktiv. Der Beobachtung eines Lesenden lassen sich weder besondere Informationen abgewinnen noch steht ein Leser als Adressat einer Interaktion zur Verfügung. Es ist also geradezu Aufgabe der sozialen Systeme, diesen Zustand der Kommunikationsunfähigkeit aufzubrechen, den Leser vom Lesen abzuhalten, um soziale Kommunikation wieder in Gang zu bringen.<108> Dies ist nicht zuletzt auch deshalb nötig, weil nicht mitbeobachtet werden kann, welche Information der Leser bekommt, wie er sie interpretiert, wie er damit umgeht. Anders bei sozialen Interaktionen, die permanent auf verschiedenartiges Verstehen reagieren und in denen die Beteiligten eine Situationskontrolle aufbauen können. Das Lesen dagegen erzeugt bei den beobachtenden Systemen Unsicherheit. Verhält sich die Person in Zukunft anders? Welche Erwartungshaltungen an die Person müssen damit korrigiert werden? Mit welchen Folgen?

In der Gesellschaftsgeschichte gibt es drei grundsätzliche Lösungsmöglichkeiten, um diese Problemlage aufzufangen und die kommunikationshemmende Technik des Lesens in der sozialen Kommunikation zu dulden - wobei anzunehmen ist, daß sich in der Realität alle drei Lösungsmöglichkeiten in unterschiedlichen Gewichtungen kombinieren und ergänzen.

Die älteste ist die Abgrenzung der Leser auf ganz bestimmte Rollen, besonders auf jene, die sich ohnehin mit Transzendentem, als nicht sozial Beobachtbarem, beschäftigen: den Priestern. Deren Wissen läßt sich in Anspruch nehmen, wenn die Gemeinschaft es braucht, ansonsten wird sie von der sozialen Belastung durch Lesen freigehalten.

Die zweite Variante löst das Problem durch Ent-Privatisieren des Lesens. Dies dürfte ausschlaggebend gewesen sein für die in der Antike bestehende Sitte, Texte grundsätzlich halblaut zu lesen.<109> Durch das Vorlesen wird soziale Kommunikati-


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on hergestellt, der lautlesende Mensch bietet zufällig Herbeigekommenen grundsätzlich immer die Möglichkeit, an seinem Gelesenen zu partizipieren und anschließend darüber zu kommunizieren. Das Veröffentlichen der Texte vollzog sich mangels Reproduktionstechnik nicht durch massenhafte Vervielfältigung, sondern durch Integration des Textes in soziale Öffentlichkeit (und machte im Gegenzug vielleicht auch die Dringlichkeit obsolet, eine Reproduktionstechnik für Text zu erfinden).

Die dritte Variante besteht im Aufbau eines Literatursystems. Gemeint ist damit aber nicht ein System von Autoren und Verlagen etc., dessen Funktion es teleologisch wäre, Literatur zu produzieren, <110> sondern gemeint ist hier ein System, das die Problematik, daß man nicht sehen kann, was jemand liest und von wem es stammt, durch die Bereitstellung von Wissen über entsprechende Situationen und deren Folgen entschärft und damit andere Systeme von der Unsicherheit des Leseverhaltens entlastet. Mit diesem Vorschlag wird ganz bewußt von Versuchen der Literaturwissenschaft, aber auch von Luhmann, abgewichen, ein systemtheoretisches Literatursystem auf der Basis von ästhetikbezogenen Codierungen wie schön/häßlich (Luhmann) oder interessant/langweilig (Plumpe) oder literarisch/nicht-literarisch (Schmidt) oder in Kombination mehrerer Codes (Werber) zu definieren.<111> Der Fehler liegt vermutlich in der viel zu kurzgegriffenen Gleichsetzung von Literatur mit ‚schöner Literatur’ oder zumindest mit der Schreibkunst und der damit verbundenen Unterordnung von Literatur als Teilsystem unter die Kunst. Tatsächlich muß das Literatursystem in der Bielefelder Systemtheorie aber auf seine Funktion für soziale Kommunikation hin angelegt werden, muß also viel abstrakter und umfassender formuliert werden.

Luhmann stellt in seinem Grundlagenwerk die Hypothese auf, daß es »bei stärkerer Differenzierung von Handeln und Beobachten unter der Bedingung


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fortlaufender Selbstbeobachtungskommunikation [...] wahrscheinlich wird, daß sich relativ unwahrscheinliche (voraussetzungsreichere, zum Beispiel spezialisiertere) Funktionsorientierungen einstellen«.<112> Als Beispiel für eine starke zeitliche Separation von Beobachten und Handeln wird Schrift und deren technische Reproduktion genannt. Hierzu erklärt Luhmann:

»Die Aufnahme des Gelesenen formt zunächst zwar nur Bewußtseinsinhalte. Sie macht es jedoch sehr wahrscheinlich, daß Kommunikationen im Anschluß daran anders ausfallen als bei situativ interagierenden Teilnehmern, besonders wenn die Leser unterstellen können, daß auch ihre Kommunikationspartner lesen und für den Realitätsgehalt von nur Gelesenem Verständnis aufbringen.« ( Luhmann 1984, S. 409f.)

Genau dieses Unterstellen ist grundsätzlich unsicher, zumal in einem historischen Kontext, in dem Lesefähigkeit ohnehin relativ selten einer Person unterstellt werden kann. Es bedarf, wie Luhmann in seiner Hypothese schreibt, der Selbstbeobachtungskommunikation und genau hierfür müßte das Literatursystem funktional die Vorarbeit leisten, andernfalls wären die übrigen Effekte, also die Spezialisierung anderer Gesellschaftssysteme, nicht zu erwarten.

Das Literatursystem muß also beobachten, ob ein Mitteilungsverhalten auf Lesen generell, Lesen einer Textgattung oder sogar eines bestimmten Textes etc. zurückzuführen und dies zum Verständnis der Kommunikation notwendig ist oder nicht. Als Leitdifferenz für das Literatursystem soll die Codierung: (nach-) lesbar/unlesbar vorgeschlagen werden. Die Heilerfolge eines Arztes etwa werden nicht mehr als Zauberei, höhere Eingebung oder als Ergebnis einer schamanenartigen Beschwörung der Götter sondern als Wissen erkannt, das über Schrift (über Bücher) erlernt wurde. Die Zurechnung der Ursache erfolgt nicht mehr auf Transzendentes, sondern auf ein Trägermedium, und wird dadurch transparenter. Man muß die Bücher noch nicht einmal selbst lesen, allein das Wissen um die Quelle der Ursache (bzw. das Wissen, daß jemand die Bücher gelesen hat) besitzt für Kommunikationserwartungen die eigentliche Stabilisierungsfunktion. Die Kausalitäten werden gleichsam vom Menschen weg in die Literatur hineinverlagert. Damit läßt sich die Wahrscheinlichkeit von Kommunikationsverhalten durch die Lektüre bestimmter Literatureinheiten erklären und zugleich gesellschaftlich fixieren. Bücher und Texte sind als Systemelemente nur topologische Begriffe, durch die Mitteilungsofferten räumlich und zeitlich arretiert werden und so jederzeit lokalisiert werden können.

Zur Lösung kommunikativer Probleme durch Lesen spielen auch SgKM eine wichtige Rolle. Man kann durch Einsatz von Macht jemanden vom Lesen abhalten (Literatur auf den Index setzen) oder auch dazu zwingen (etwa Pflichtlektüre in der Schule). Man kann dem Buch oder Text Wahrheit zuschreiben und dadurch die


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Wahrscheinlichkeit erhöhen, daß er gelesen wird (Religion, Wissenschaft). Man kann durch Geld jemand bewegen, vorzulesen oder Literatur zu schreiben. Besonders interessant aber wird der Einsatz von Kultur.

Ein kultureller Wert entsteht, wenn selbst dann gelesen wird, obwohl alternative Rezeptionsformen effizientere Informationsvermittlung garantieren würden.<113> Dann wird das Lesen von einem Vorgang der reinen Informationsvermittlung in eine ritualisierte Handlung eines Traditionssystems transformiert. Nicht die Information des Gelesenen ist hier wichtig, sondern das Lesen selbst. Das Bewußtsein wird über die Kommunikation des Traditionssystems vom Inhalt der Mitteilung auf den Vorgang des Lesens gelenkt, also zur Reflexion des nicht mehr vollzogenen Verhaltens genötigt. Zugleich werden ihm Vorschläge unterbreitet, welche neuen Sinnkopplungen, welche neuen Erwartungen sich an die sinnlos gewordene Tätigkeit anschließen lassen. Im Minimalfall wäre es die Erwartung des Bewußtseins, zu fühlen, daß es liest. Es beobachtet sein eigenes Wesen, seine eigene Existenz also reflexiv über den Vollzug der Handlung Lesen, es erlebt sich beim Lesen als Persönlichkeit. Wichtig ist: das rituelle Lesen ist nicht ausschließliche Bedingung für eine Persönlichkeitserfahrung, sondern eine von vielen Möglichkeiten, und so muß das Teilsystem der Tradition, das für diese Form von Lesekultur zuständig ist, für die Übernahme dieses Verhaltens werben. Für zahlreiche soziale Systeme ist ein solches habituelles Leseverhalten gerade im Hinblick auf die eigene Systemreproduktion ein Stabilitätsfaktor: Bibliothekswesen und Buchhandel, Pädagogik, Religion, Kunst und Politik - sowohl als Gesellschaftssysteme wie auch als Organisationen. Je nach System bürgt ein solcher Leser für generalisierte Erwartungshaltungen, wird zum symbolisierten Garanten für Buchnutzung, Buchkäufe, Gruppenmitgliedschaft und die Bereitschaft, sich einseitig neuen Ideen und Argumenten auszusetzen und sie möglicherweise zu internalisieren.

Im nachfolgenden empirischen Teil soll diese Theorie an einer Zeitpanne von vierzig Jahren deutscher Nachkriegsgeschichte an realen Fakten getestet werden. Anhand der Quellen läßt sich dann vieles, was hier in der Theorie noch sehr abstrakt und vage wirken mag, detaillierter ausführen.


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2.8 Zusammenfassung des theoretischen Teils

Der systemtheoretische Ausgangspunkt impliziert eine strikte Trennung von psychischen Prozessen und Prozessen sozialer Kommunikation. Die Gesamtheit sozialer Kommunikationen und ihre Reflexion auf sich selbst wird als Gesellschaft bezeichnet. Die Bedeutung des Lesens für die Gesellschaft muß hier also abgekoppelt werden von der Frage: was bedeutet Lesen für die Menschen als Mitglieder einer Gesellschaft. Statt dessen stellt sich die Frage: was bedeutet Lesen für das Gelingen und die Fortsetzung sozialer Kommunikation, was bedeutet es für einzelne Teilsysteme der Gesellschaft? Dieses Verhältnis kann zunächst als sehr problematisch angesehen werden, da soziale Prozesse grundsätzlich nur in der Gegenwart stattfinden, eine (stumm) lesende Person jedoch normalerweise für Interaktionen nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung steht. Gleichzeitig sind die Informationen, die gelesen werden, sozial nicht beobachtbar. Auch hier entsteht für soziale Systeme Unsicherheit hinsichtlich zu erwartender Anschlußkommunikationen eines Lesers. Die Unsicherheit führt zu Erwartungshaltungen und damit zu einer Projektion dieser Erwartungswerte auf die Person des Lesers. Der Leser als Systemelement konstruiert sich aus dem Blickwinkel jedes Gesellschaftssystems individuell, und zwar immer in Referenz auf die eigene Systemfunktion. Aus dieser Perspektive läßt sich Lesen weitgehend ohne ideologische Beeinflussung analysieren.

Ein weiteres theoriebezogenes Axiom ist die Geschlossenheit und Selbstreferentialität sowohl psychischer wie auch sozialer Systeme. Kein System kann das andere direkt beeinflussen oder manipulieren. Bei Problemen der Selbstreproduktion muß das System immer selbst seine Systemstrukturen ändern, um zu überleben. Die Systemumwelt (andere Systeme) kann allenfalls durch Bereitstellung notwendiger Ressourcen fördernd, bzw. durch Unterbinden der Ressourcen zerstörend auf das System einwirken und so indirekt zu Systemänderungen zwingen. Aus diesem Axiom resultiert die Erfolglosigkeit, den Menschen durch eine ideale Pädagogik zum ‚Leser’ erziehen zu wollen.

Für die systemtheoretische Diskussion neu vorgeschlagen wird

  1. Literatur nicht als ein System zur Reproduktion von (ästhetischem) Text zu betrachten, sondern als System zur Reproduktion der Zurechnung von Informationen auf bestimmte Texte oder andere materielle Medieneinheiten als Primärquellen. Dieser Vorschlag kann hier aber im Rahmen der gegebenen Thematik nur als ‚Nebenprodukt’ vorgestellt werden und wird im dritten Teil nicht weitergeführt.
  2. Kulturelle Handlungen (Rituale) als Redundanzen im Kommunikationsprozeß zu definieren, die durch zeitliche Verzögerung und Markierung der für die Mitteilung wesentlichen Verhaltenssequenzen zur Sicherheit der Prozeßabwicklung beitragen.
  3. Die Beobachtung der normal unreflektiert bleibenden Redundanzen - sofern es sich durch Kommunikationsprobleme als notwendig erweist, sie doch zu reflek-

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    tieren - als Funktion von Traditionssystemen zu definieren, die ritualisiertes Verhalten entproblematisieren und wieder in den unreflektierten Vollzug der Gewohnheit zu überführen.
  4. Kultur in Abweichung zu Luhmann als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium zu definieren, das durch das Traditionssystem (und seine Teilsysteme) reproduziert wird und dazu beiträgt, daß die von anderen Systemen als funktional ‚überflüssig’ (redundant) reflektierten Rituale dennoch akzeptiert werden.

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Fußnoten:

<58>

Gauger 1994, S. 66f.

<59>

Gross 1994, S. 29.

<60>

Es wäre also nicht zulässig, diese Analogie möglicherweise als Begründung für die »Bedingung« des Lesens für den gesellschaftlichen Kommunikationsprozeß im Sinne von Fritz /Suess umzuinterpretieren.

<61>

Vgl. Popper 1972, insbes. S. 74-76 und 109-115.

<62>

Zur Kompatiblität zwischen der Peirceschen Semiotik und Luhmanns Systemtheorie siehe den Aufsatzband siehe .

<63>

Zur Kritik siehe etwa: Schmidt 1994, Damerow 1998, Hörisch 1998.

<64>

Kant 1787, S. 29.

<65>

Beobachten ist hier somit nicht allein als visuelle Wahrnehmung zu verstehen, sondern in einem abstrakteren Sinne als Diskriminierung. Zu den Begriffen vgl. Luhmann 1997, S. 69 u. 144, Luhmann 1995b, S. 92-104. Aus den Operationen ‚Unterscheiden’ und ‚Bezeichnen’ lassen sich nach der Meta-Logik von siehe sämtliche Formen »mathematischer Kommunikation« (S. xxvii) ableiten. Entsprechend sieht Luhmann in dieser Logik auch die Grundlagen für soziale Kommunikation. Auch die systemische Psychiatrie und Psychosomatik greift auf Spencer Brown zurück ( Simon 1988).

<66>

Der Ausdruck ‚operationale Geschlossenheit’ ist hier wichtig, da die dichotome Systemklassifizierung in offene oder geschlossene Systeme diesem Sachverhalt nicht gerecht wird.

<67>

Vgl. Maturana /Varela 1984.

<68>

Luhmann 1997, S. 198. Luhmann greift hier eine Idee von Fritz Heider auf, der 1925 formuliert: »Ein genaues Abbilden, Aufzwingen, Aufdrücken einer Gestaltung ist ganz allgemein nur möglich, wenn das [...], dem etwas aufgezwungen wird, aus vielen voneinander unabhängigen Teilen besteht« (S. 118), wobei die mediale Tauglichkeit dieser Teile von der »Eigenbedingtheit« (= Selbstreferentialität) und dem damit repräsentierten Grad an Autonomie abhängt. In der Form wird diese Autonomie durch »fremdbedingte« (= fremdreferentielle) Einflüsse reduziert, die den vielen Teilen eine neue Einheit gibt. Ein weiches Stoffkleid nimmt die Form eines Körpers an und eignet sich daher als Medium besser als ein steifes Kleid. Doch das Kleid ist nicht gleichzusetzen mit dem Körper. Auch der Körper selbst wird nur dargestellt durch einen fremdreferentiellen Einfluß, der die Zellen und Knochen formt. Da Fremd- und Selbstreferenz nicht zu trennen sind, spricht auch Heider von »falschen [ontischen] Einheiten« (S. 157) die erst auf kognitiver Ebene entstehen.

<69>

Sie sind, vorsichtig ausgedrückt, etwa das, was auch siehe 1972, v.a. S. 109-115) mit seiner »Welt 3« bezeichnen wollte. Bei ihm besteht diese Erkenntniswelt aus »objektivem Wissen« und »logischen Gehalten«. Beides semantische Konstruktionen, die sich gleichfalls dem Bereich von ‚Un-jekten’ (siehe S. 34 ) zuordnen lassen könnten.

<70>

Fuchs 2001, S. 51.

<71>

Dazu Baecker (1994, S. 59) mit Bezug auf v. Foerster, Günther und Luhmann: Es »[...] müssen die konjekturalen Wissenschaften die Sprache und den Zufall in Rechnung stellen: die Möglichkeit der Schaffung leerer Plätze zum Beispiel durch Inversion und die Einführung denkbarer neuer Kombinationen zum Beispiel durch Kontingenz. Inversionen erweitern den Raum des Möglichen, führen Mehrwertigkeit ein und machen abhängige Variablen zu unabhängigen [...]. Kontingenz bezeichnet das, was weder notwendig noch unmöglich ist, also Gegenstände und Ereignisse im Hinblick auf mögliche Änderungen«.

<72>

Luhmann 1996, S. 317.

<73>

Luhmann 1990, S. 62.

<74>

Luhmann orientiert sich hier zum einen an Shannon /Weavers bekannter Kommunikationstheorie, wonach Information als »Maß für die Freiheit der Wahl« (1949, S. 18) definiert wird. Übertragen auf die Systemtheorie heißt dies: pragmatische Wahlfreiheit, durch die zugleich die Systemautonomie repräsentiert wird, selbst wählen zu können. Zum anderen orientiert sich Luhmann an der Batesonschen Formel, wonach Information ein Unterschied sei, der einen Unterschied ausmacht ( Bateson 1970, S. 582). Hier steht Information für den Umwelteinfluß auf das System. Die Freiheit zur Wahl bleibt, aber der Anstoß zur Wahl kommt von außen. Zur Anwendung in der Systemtheorie unter dem Aspekt von Medium und Form siehe Baecker 1999. Zu weiteren Informationstheorien der Naturwissenschaft siehe Ebeling /Freund/Schweitzer 1998.

<75>

Luhmann 1984, S. 355.

<76>

Rekursive Systeme dieser Art haben nicht nur eine kybernetische Wurzel, sondern auch eine philosophische Tradition. Im Buch der vierundzwanzig Philosophen aus dem zwölften Jahrhundert wird beispielsweise Gott definiert als: »monas monadem gignens, in se unum reflectens adorem«. Quelle zitiert in Flasch 1986, S. 288.

<77>

Unter diesem Gesichtspunkt sollte man auch die Medienpädagogik kritisch betrachten, zumal dann, wenn pauschal über die pädagogische Wirkung eines bestimmten Trägermediums geurteilt wird oder über deren Inhalte. Hier herrschte doch lange Zeit ein sehr tendenzielles Urteil vor, das Printmedien und Literatur bevorzugte. Allerdings, so der Verdacht, weniger aus didaktischen Vorteilen als vielmehr wegen der Kopplung der Pädagogik an die Lesekultur, die besondere Ansprüche an der Erziehung der Kinder richtet. Dazu im Hauptteil dieser Arbeit mehr. Aber es ist wohl auch der verklärten Illusion der Erwachsenen zuzurechnen, die sie von der Kindheit haben und mit der sie überzogene Ansprüche an die Leistung von Phantasie und Ästhetik stellen. Während Kinder beim Nachstellen realer Kommunikationsbedingungen mangels Möglichkeiten auf Phantasie angewiesen sind (dieser Sandkuchen ist „in echt“ ein richtiger Kuchen), sehen Erwachsene darin häufig eine kreative Leistung oder gar eine Traumwelt, die sie möglichst lange aufrechterhalten möchten. So erklärt sich die Differenz zwischen der Begeisterung der Kinder an (hyper-)realem Spielzeug (etwa der Barbie-Puppe) und der Begeisterung der Eltern an abstraktem Holzspielzeug, der Vorliebe von Kindern für (hyper-)reale Fernsehserien wie „Knight-Rider“ statt an pädagogisch konzipierten Kinderprogrammen, und auch auf dem Markt für Kinderbücher zeigt sich seit jeher eine von Pädagogen beklagte Nachfrage nach vor allem trivialen Stoffen.

<78>

Hier übrigens abweichend von Maturana, der sich gegen die Übernahme des Autopoiesis-Gedankens in den Bereich von Kommunikationssystemen ausspricht: »I consider that social systems are not autopoietic systems. Moreover, I think that even if it were adequate to talk abo[u]t them as third orderautopoietic systems, talking that way would obscure what is proper to them which is the dynamics of relations in coexistence of living systems. In my understanding in human social systems the realization of human beings as languaging beings is central. We human beings may exist in social systems that arise as a result of our interactions, and we become human beings by growing in a human social domain.« ( Maturana 1997).

<79>

Vgl. Luhmann , 1984, S. 292.

<80>

Luhmann 1993, S. 351.

<81>

Luhmann 1995b, S. 23.

<82>

Schmidt (1994, S. 111) behauptet, Luhmanns Theorie würde »ohne gute Gründe Kognitionen, Akteure, Natur usw. in die nicht soziale Umgebung [...] verweisen, wodurch die soziale „Natur“ von Kognitionen, Akteuren und Natur selbst verwischt wird« und plädiert für eine ähnlich gelagerte Systemtheorie, die allerdings Akteure als zielorientierte Subsysteme zuläßt, also den Menschen als handelndes Subjekt durch die Hintertür wieder einführt. Doch genau die strikte Differenz zwischen psychischen und sozialen Prozessen ist wesentlich für das Paradigma der Bielefelder Systemtheorie. Und als ‚guter Grund’ könnte angeführt werden, daß es bislang keinem gelungen ist, eine Kognition empirisch zugänglich zu machen, ohne auf Kommunikation zurückzugreifen. Schließlich geht es bei der Theoriebildung vor allem um Abgrenzungsprobleme, welche Kausalitäten in der Komplexitätsreduktion zu berücksichtigen sind. Diese Probleme werden aber nicht geringer, wenn man psychische und soziale Faktoren heterogen miteinander vermengt, zumal kein Mensch die Kognitionen eines anderen Menschen direkt beobachten kann und ohnehin nur auf soziale Handlungen als Repräsentamen einer Kognition zurückgreifen muß. Eine Reduktion der Sozialgenese auf Kommunikation unter Reduktion der psychischen Faktoren ist daher durchaus konsequent. Zudem stimmt es nicht, daß in den von Luhmann definierten Systemen Akteure nicht vorkommen. Hier heißen sie ‚Personen’, aber mit dem Unterschied, daß ‚Personen’ keine sozialen Subsysteme, sondern Elemente einer systemischen Beobachtung sind.

<83>

Luhmann 1984, 16f, 551 ff.

<84>

Zur Codierung siehe z.B. Luhmann 1986; Esposito 1996.

<85>

Beobachter höherer Ordnung, also andere Systeme, können sehr wohl Theorien aufstellen, wie und nach welchen Regeln das Ergebnis zustande gekommen ist, das System der Wissenschaft hat sich eigens darauf spezialisiert. Dennoch bleiben diese Theorien immer nur Produkt des beobachtenden Systems und damit in ihrer Gültigkeit auf dieses System beschränkt. Es bleibt eine nachträgliche Re-Konstruktion und keine direkte Beobachtung von Kausalität.

<86>

Watzlawick 1967, S. 53; vgl. hierzu auch Luhmann 1984, S. 562.

<87>

Luhmann 1984, S. 575f.

<88>

Luhmann 1997, S. 831.

<89>

SgKM sind in der Systemtheorie nicht unumstritten. Siegfried J. Schmidt verzichtet in seinen »Theorien zur Entwicklung der Mediengesellschaft«, die sich an die Systemtheorie anlehnen, ausdrücklich auf das Konzept der SgKM und sieht deren Funktion eher durch den »Bereich der kulturellen Programmierung von Kommunikation« (1999, S. 123) übernommen. Damit entfällt aber der Persuasions-Effekt (siehe hierzu im Text den folgenden Absatz). Auf diese wichtige Funktion kann nach Meinung des Verfassers aber nicht verzichtet werden, wenn nicht eine adäquate Alternative bereitgestellt wird.

<90>

Vgl. Luhmann : »Ein Programm ist ein Komplex von Bedingungen der Richtigkeit (und das heißt: der sozialen Annehmbarkeit) des Verhaltens.« (1984, S. 432)

<91>

Luhmann 1997, S. 320.

<92>

Hier immer rein unter kommunikativen Gesichtspunkten verwendet, ohne jeglichen Verweis auf psychisches Empfinden, was gerade bei Liebe und Kunst einiges Umdenken erfordert.

<93>

Die Repräsentation durch Symbole schließt es eigentlich aus, zu behaupten, »symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien arbeiteten „ohne Gedächtnis“«, wie dies von Elena Esposito (1999, S. 92f.) vertreten wurde.

<94>

Luhmann 1997, S. 352.

<95>

Selbstverständlich können Schüler durch Machteinsatz gezwungen werden, ein bestimmtes Verhalten an den Tag zu legen. Dieser Machteinsatz ist jedoch keine spezifische Systemoperation des Erziehungssystems, sondern parallel laufende Operationen eines Teilsystems der Politik.

<96>

Geyer 1994, S. 11-23.

<97>

Eco 1975, 34f.

<98>

Luhmann 1984, S. 224.

<99>

Luhmann 1997, S. 587.

<100>

Schmidt 1999, S. 127.

<101>

Schnädelbach 1992, S. 307.

<102>

Schnädelbach 1992, S. 309.

<103>

Schnädelbach 1992, S. 314.

<104>

Daß im Sprachgebrauch ‚Kultur’ auch stellvertretend für Organisationen (wie Theater, Konzerte etc.) steht, vornehmlich im Bereich der Kunst, soll hier unberücksichtigt bleiben. Es geht primär um kulturelle Handlungen oder andere kulturelle Kommunikationselemente. Erst als Folge eines solchen Kommunikationsprozesses können auch Organisationen als ‚Kultur’ (= mit hohem kulturellen Wert) bezeichnet werden.

<105>

Luhmann selbst definiert Rituale wie folgt: »Man kann Rituale begreifen unter dem Gesichtspunkt des Coupierens aller Ansätze für reflexive Kommunikation. [...] Rituale sind vergleichbar den fraglosen Selbstverständlichkeiten des Alltagslebens, die ebenfalls Reflexivität ausschalten« ( Luhmann 1984, S. 613); und: »Wichtiger noch ist, daß das Ritual überhaupt nicht als Kommunikation vollzogen wird. Es wirkt als Objekt [...] Es differenziert nicht zwischen Mitteilung und Information, sondern informiert nur über sich selbst und die Richtigkeit des Vollzugs« ( Luhmann 1997, S. 236). Luhmann sieht also durchaus eine ähnliche Funktion für Rituale wie der Verfasser. Sie bieten Anlaß zur Selbstbeobachtung eines Systems, aber sie unterdrückt die Beobachtung des Rituals selbst, also der Frage des Warums dieses Handlungsablaufs. Damit ergibt sich für die auf Rituale zugreifenden Systeme, also jene, die Rituale als quasi Objekte verwenden, eben diese Stabilisierungsfunktion. Die Anmerkung Luhmanns, daß ein Ritual nicht als Kommunikation vollzogen wird, schließt natürlich nicht aus, daß es selbst beobachtet und zum Thema von Kommunikation werden kann.

<106>

Obgleich Luhmann in seinem Spätwerk Kultur als Gedächtnis der Gesellschaft bezeichnet und nicht als SgKM, sieht er die Funktion von Kultur ähnlich: »Kultur verhindert [...] die Überlegung, was man anstelle des Gewohnten anders machen könnte.« ( Luhmann 1997, S. 588)

<107>

Ebenso Bassler 1998, S. 401.

<108>

An dieser Stelle könnte man pointiert anmerken: Nicht das Fernsehen ist der ‚Freßfeind’ des Lesens, sondern ausgerechnet die Gesellschaft selbst.

<109>

An dieser Stelle muß einmal mehr auf die vielzitierte Augustinus-Passage in den ‚Bekenntnissen’ hingewiesen werden. Die Verwunderung, die Augustinus und sein Begleiter über den stumm lesenden Ambrosius zum Ausdruck brachten, wird gelegentlich damit erklärt, daß die Lesetechnik in der Spätantike einem unbeholfenen Buchstabieren geglichen habe, verursacht durch die Scriptura continua, also das Schreiben ohne Wortabstände. Das technisch bessere Lesen des Ambrosius habe die Bewunderung von Augustinus hervorgerufen. Diese Auffassung hält der Verfasser insgesamt für unwahrscheinlich. Vielmehr wird es umgekehrt gewesen sein. Die soziale Notwendigkeit des Lautlesens wurde durch die Scriptura continua nicht beeinträchtigt, sondern eher abgesichert. Was aber nicht heißt, daß stummes Lesen nicht möglich gewesen wäre. Im Kontext des Zitates wird deutlich, daß nicht die Fähigkeit des stummen Lesens, sondern seine soziale Bedeutung thematisiert wird: »Wir vermuteten, in jener kurzen Zeit, die er frei vom Gedränge anderer Geschäfte der Erholung seines Geistes widmete, wollte er nicht abgelenkt werden. Auch fürchtet er vielleicht, sagten wir uns, daß ein eifriger, aufmerksamer Hörer ihn, hätte er laut gelesen, genötigt haben möchte, schwer verständliche Ausführungen des Schriftstellers zu erklären.« ( Augustinus , S. 138f.).

<110>

Michael Hutter definiert gar: »Literatur ist die Gesamtheit der Texte, in denen das Schreiben selbst zum Thema wird« (1995, S. 104). Damit ist zwar ein selbstreferentieller Bezug hergestellt, das System aber zu knapp konstruiert, um Literatur in seiner Funktion und Bedeutung zu erfassen.

<111>

Siehe zur Diskussion: Werber 1992, S. 25-27.

<112>

Luhmann 1984, S. 408.

<113>

Kinder, deren Sozialisation noch nicht so weit fortgeschritten ist, um sich von einem Traditionssystem in Anspruch nehmen zu lassen, reflektieren die offenkundige Sinnlosigkeit von Ritualen noch viel freimütiger. In 1988: A522 wird mit Empörung auf einen Artikel aus der Zeitschrift ‚Eltern’ reagiert, in dem Kinder befragt wurden, was Kultur sei. Dabei kamen u.a. folgende Antworten zutage: »Kultur ist, wenn man in den schwarzen Tee Kandiszucker tut und nicht weißen Zucker oder Süßstoff. Oder wenn man Zahnstocher aus Elfenbein hat« - »Kultur ist, wenn man mit Serviette ißt und trotzdem nicht schlabbert« - »Mein Opa hat einen Bücherschrank. Darin stehen die Bücher von Karl May, von Wilhelm Busch und eine alte Bibel. Jeder sieht so, daß er Kultur hat« - »Deutschland hat die meiste Kultur, weil hier alle Menschen Bücher kaufen und ins Regal stellen« - »Kultur ist, wenn jemand freiwillig liest«.


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Tue Mar 19 12:25:53 2002